1869 wurde die Riedbahn zwischen Darmstadt und Worms eröffnet. Die heutige Riedbahn mit ihrem Hauptverlauf von Mannheim nach Frankfurt wurde erst zehn Jahre später errichtet. Dokumentiert wird auf meinen Riedbahn-Seiten der Streckenabschnitt zwischen Darmstadt und Goddelau.
Von Goddelau weiter nach Süden erreicht die Riedbahn Stockstadt (am Rhein). Der 1829 an dieser Stelle begradigte Rheinverlauf ließ aus einer weiten Flußschlinge einen Altrheinarm entstehen. An einer flachen Stelle bei Stockstadt etablierte sich ein Badebetrieb, der auch überregional Bekanntheit erlangte. Die Riedbahn stellte den Badegästen deshalb einen Sonderzug bereit.

Mit Eröffnung des ersten Teilstücks der bis Worms projektierten Riedbahn von Darmstadt nach Gernsheim am 15. April 1869 rückte die kleine Riedgemeinde Stockstadt mit ihren damals rund 1.100 Bewohnerinnen und Bewohnern verstärkt in den Blickpunkt des Darmstädter Interesses. Zwar besaßen die hessischen Landesfürsten auf dem Kühkopf ihr Jagdrevier, doch nun reizte es auch das städtische Bürgertum, einen Ausflug ins Ried zu unternehmen. Die Fahrtzeit von rund einer halben Stunde brachte Stockstadt erheblich näher.
Doch Stockstadt mußte für seinen Eisenbahnanschluß erst einmal bezahlen. Die Hessische Ludwigsbahn verband ihr Bauprojekt von Darmstadt nach Worms mit dem für eine Aktiengesellschaft typischen Geschäftssinn. Sollte der Zug auf der freien Strecke am Ortsrand halten, war ein entsprechender Obolus in Höhe von 50.000 Gulden pro Meile (entspricht etwa 9,2 Kilometern) Streckenlänge fällig, nach heutigem Geldwert schätzungsweise 1.400.000 €. So zahlten Wolfskehlen 10.000 Gulden, Goddelau 14.000, Stockstadt und Biebesheim jeweils 12.000 und Gernsheim 50.000 Gulden in der Erwartung eines wirtschaftlichen Aufschwungs ihrer Gemeinden.
Ob es schon kurz nach der Streckeneröffnung im Sommer 1869 Badezüge nach Stockstadt bzw. Gernsheim gegeben hat, vermag ich derzeit nicht zu sagen. Im Juni 1877 annoncierte die Hessische Ludwigsbahn die im Sommerfahrplan angekündigten Badezüge „bis auf Weiteres“. Im Jahr darauf, noch vor der im Herbst 1879 erfolgten Anbindung Frankfurts und Mannheims an die Riedbahn, wurden dezidiert „Badezüge“ im Fahrplan ausgewiesen. So fuhr der Personenzug Nº. 166 in Darmstadt um 17.41 ab, erreichte Stockstadt um 18.12 und endete in Gernsheim um 18.25, jeweils zur Ortszeit [1]. Die Rückfahrt erfolgte mit Personenzug Nº. 165 ab Gernsheim um 19.25 und ab Stockstadt um 19.39 mit Ankunft in Darmstadt um 20.13 Uhr [2].

Die Fahrtzeiten könnten darauf hindeuten, daß die Bahnverantwortlichen den Badegästinnen und Badegästen gerade einmal eine Stunde Planschvergnügen gönnen wollten, aber das muß hier offen bleiben. Wir dürfen vielleicht doch eher vermuten, daß gerade in den Sommermonaten etwas mehr freie Zeit eingeplant werden konnte, zumindest bei denjenigen, die nicht in den städtischen Büros, in den Fabriken mit ihren langen Arbeitszeiten oder in der Landwirtschaft beschäftigt waren. Allerdings war der Zugverkehr noch nicht so entwickelt, daß man und frau dann einfach eine Stunde früher oder später abfuhr. Die beiden vorangehenden Züge fuhren in Darmstadt im Sommer 1879 um 9.42 und 14.56 Uhr ab und kamen in Stockstadt um 10.13 und 15.26 Uhr an, jeweils Ortszeit. Der letzte Zug von Stockstadt fuhr um 20.39 Uhr nach Darmstadt zurück.

Die Wünsche der Badegäste waren offensichtlich auch in der Gegenrichtung (nach Worms) bestimmend für eine doch sehr drastische Verlegung einer Zuglage. In den bahninternen Erläuterungen des Entwurfs zum Sommerfahrplan 1879 finden wir für den Personenzug Nº. 164 die Anmerkung: „Im Interesse des badenden Publikums während der Badezeit. Zur Gewinnung der Anschlüsse nur im Interesse der Sommervergnügungsreisenden.“ Der zuvor um 19.43 Uhr in Darmstadt abdampfende Zug wurde zugunsten der Sommerfrische um ganze 62 Minuten später gelegt und erreichte Stockstadt folglich um 21.16 Uhr Ortszeit passend zur Abenddämmerung.
Wer diese Badegäste waren, welcher gesellschaftlichen Schicht oder Klasse sie angehörten, welche Freizeiten sie besaßen und welche Züge sie benutzten, dürfte nach rund 130 Jahren schwer herauszufinden sein. Tatsache ist, daß die Extrazüge auch in den folgenden Jahren verkehrten. In der Regel wurde der Zug nach Gernsheim beim Aushang des Sommerfahrplans mit angegeben, es handelte sich demnach um einen regulären Zug, der auch außerhalb der Badesaison gefahren wurde. Der Zug nach Darmstadt hingegen wurde lange Zeit nur per Extraaushang bekannt gegeben.
Ein sogenannter „Dienstbefehl“ vom 2. Juli 1883 verdeutlicht, daß auch dem Personal dieser ihm vorenthaltene Badespaß eigens bekannt gemacht werden mußte. Der „Ober-Betriebs-Inspector“ instruierte das Personal der Hessischen Ludwigsbahn unter nachfolgender Angabe des Fahrplans mit folgenden Worten:
„an sämmtliche Stationen, Zugs- und Locomotivpersonale der Strecke Darmstadt – Stockstadt a/Rh., die Stations-Verwaltungen Biblis und Rosengarten; sowie die Bahnmeistereien Darmstadt, Wolfskehlen und Goddelau Erfelden
Vom Stichtag den 3ten Juli a[nno] und bis auf Weiteres werden nachstehende Extrapersonenzüge zwischen Darmstadt & Stockstadt a/Rh. befördert.“
Bei der Rückfahrt um 18.57 Uhr Ortszeit – bahnintern wurde die Berliner Zeit mit einer Differenz von 19 bzw. 20 Minuten zur Ortszeit verwendet – solle der „Tender voraus“ verkehren, was darauf verweist, daß zu diesem Zeitpunkt in Stockstadt nicht die an anderen Orten übliche Drehscheibe zum Wenden der Lokomotiven vorhanden gewesen ist.
Kurz vor dem Stockstädter Bahnhof soll es eine Bedarfshaltestelle an der sogenannten „Gipsmühle“ gegeben haben, an der die Badelustigen aussteigen und den kurzen Fußweg zum Altrheinstrand nehmen konnten. Damals soll das Rheinwasser noch sauber gewesen sein.

Der Stockstädter Heimatkundler Erich Ellermann schreibt in seinem Buch zur Geschichte Stockstadts:
„Allen Riedbahnbenutzern und Kundigen der Strecke kann nicht entgangen sein, daß von den meisten Bahnstationen im Umkreis nur Stockstadt eine dachtragende, gut ausgebaute Unterführung vorzuzeigen hat. Einen echten Bahnsteig, sozusagen. Auch das Bahnhofsgebäude weicht in seiner Beschaffenheit von denen anderer ab. Seine verspielte Eleganz, das zergliederte Walmdach mit funktionslosem Häubchenturm und die verzierende Klinkerstein-Ornamentik lehnen stark an den Baustil der kurzen Gründerzeit von 1871/73 an und verraten somit auch schon sein ungefähres Alter. Stockstadt verdankt die Außenseiterstellung seines Bahnhofes der familiären Bindung des Darmst[ädter] großherzoglichen Hauses mit dem russischen Zarenhof. Die Schwester des Großherzogs Ernst-Ludwig II., Prinzeß Alice (Alicen-Hospital nach ihr benannt), heiratete 1894 den Zaren von Rußland Nikolaus II. Schon vorher weilte der junge Zarewitsch des öfteren zu Besuch bei der großherzoglichen Familie in Darmstadt. Ernst-Ludwig unternahm mit seinem hohen Gast manche abwechslungsreiche Jagdausflüge auf die Insel ‚Kühkopf‘, wobei sie die Eisenbahn bis nach Stockstadt benutzten. Es hätte gegen die Hofetikette verstoßen, die illustre Jagdgesellschaft hochgestellter Persönlichkeiten, unter ihnen auch vornehme Hofdamen, über offene Gleise zu geleiten (zu dieser Zeit schon zweispurig). Außerdem wollte sich der Großherzog dem Zaren gegenüber, für dessen großzügiges Geschenk des russ[ischen] Kapelle auf der Künstlerkolonie revanchieren, indem er den Bahnhof Stockstadt eigens für ihn ausbauen ließ.“ [3]
An anderer Stelle betrachtet Erich Ellermann die Zeit um 1900 aus der Warte der Erholungssuchenden:
„Aus der anfänglich experimental gedachten Sache entwickelte sich ein beachtliches Freibad guten Rufes weit über die Ortsgrenzen hinaus. Der Uferstreifen, in Parzellen unterteilt, wurde getrennt nach Geschlechtern benutzt. Kinder und Erwachsene unter sich, wie es die strengen Sitten damals vorschrieben. An Sonntagen trafen aus Frankfurt und Darmstadt regelrechte Badezüge ein, die schon an der Crumstädter-Chaussee anhielten, um den Insassen den kürzesten Weg zur Gipsmühle zu bieten. Die Züge verblieben alsdann bis zum Abend und warteten auf die Rückkehr der verglücklichten Badeausflügler. Der Ausbruch des I. Weltkrieges schränkte den Badebetrieb drastisch ein.“ [4]

1893 wurde der Bau einer Badeanstalt an der Stelle der bisherigen Freibadfläche genehmigt. Diese Badeanstalt war ein rechteckiger Holzkasten, durch den innen das Rheinwasser hindurchfloß. Diese Konstruktion war mittels Seilen mit dem Ufer vertäut und über einen Steg erreichbar. Sie lag bis 1920 im Altrhein und wurde anschließend abgetragen. 1927 wurde an der Gipsmühle eine neue Badeanstalt mit einem Sonnendeck errichtet, in der ab dem folgenden Sommer der Badebetrieb aufgenommen wurde. Die Holzkonstruktion wurde von fünfzehn Schwimmkörpern, sogenannten Döppern getragen. Sie war 26 Meter lang, etwas über zehn Meter breit und vier Meter hoch. Für die Sicherheit der Nichtschwimmer und Schwimmerinnen war mittels einer speziellen Bodenkonstruktion gesorgt. Die Baukosten von rund 15.000 Reichsmark hoffte der Bauherr, die Turngemeinde Stockstadt, durch Eintrittsgelder wieder hereinzubekommen, was jedoch angesichts sich verändernder politischer Umstände nicht gelang. Schulklassen, Sportvereine, Angehörige des Reichsarbeitsdienstes und des Reichsheeres hatten freien Eintritt. Nach fünfzehn Jahren war sie jedoch veraltet und baufällig, so daß sie in den letzten Kriegsjahren abgetakelt wurde. Heute befindet sich das Freibad inmitten einer grünen Wiese in der Nähe der Altrheinhalle.
Mehr anekdotisch als zutreffend sind Ellermanns Anmerkungen zu einem anderen, kleinen Bändchen mit älteren Ansichten des am Altrhein gelegenen Dorfes, wenn er schreibt:
„Die Bummelzüge aus Frankfurt und Darmstadt hielten zuweilen am Crumstädter Bahnübergang, um den Sommerfrischlern den Weg zum Badevergnügen zu verkürzen. Damals hatten die Lockführer [sic!] noch freie Entscheidung, denn es passierten nur eins bis zwei Züge am Tag die Strecke.“ [5]
Ich bezweifle, ob die Lokführer diesen Ermessensspielraum besaßen. Ohne Dienstbefehl lief gar nichts. Angesichts dessen, daß an dieser Stelle Mitte der 1890er Jahre inklusive durchrasender Schnellzüge und dahinzuckelnder Güterzüge täglich gut fünfzehn bis zwanzig Züge pro Richtung verkehrten, scheint mir die Darstellung der Freiheit der Lokführer doch arg idyllisch zu sein. Wahrscheinlicher ist es, daß es ihnen bei ausreichendem Sicherheitsabstand zu anderen Zügen gestattet war, diesen Bedarfshalt einzulegen.
Lokführer zu sein, war nur für diejenigen ein Traum(beruf), welche die harte Arbeit bei Wind und Regen, bei Hitze, Schmutz und mit heißen Kohlen niemals am eigenen Leib erlebt haben.
So bleibt abschließend festzuhalten, daß die damalige Fahrtzeit vom Ludwigsbahnhof am Darmstädter Steubenplatz nach Stockstadt, die ziemlich exakt eine halbe Stunde betragen hatte, durch den modernen öffentlichen Personenverkehr des Jahres 2008 nicht zu ermöglichen ist. Heute ist zudem in der Regel ein zweimaliges Umsteigen auf dem Weg zwischen Darmstadts Innenstadt und dem Altrhein bei Stockstadt erforderlich.
Sofern die Zeitungsartikel online gestellt sind/waren, werden/wurden sie verlinkt.
»» [1] Damals existierte noch keine allgemein verbindliche vereinheitlichte Zonenzeit. In Bezug auf die heutige Mitteleuropäische Zeit beträgt die Zeitdifferenz zur Ortszeit in Gernsheim und Stockstadt 26 Minuten, in Darmstadt 25 Minuten. Unter Berücksichtigung der heutigen Sommerzeit wäre der Zug in Darmstadt demnach um 18.16 abgefahren und in Gernsheim um 18.59 angekommen.
»» [2] Die Rückfahrt hätte demnach nach Mitteleuropäischer Sommerzeit um 19.59 in Gernsheim begonnen und um 20.48 in Darmstadt geendet.
»» [3] Erich Ellermann : Stockstadt am Rhein im Zentrum ereignisreicher Ried-Geschichte, Seite 120. Das Alice-Hospital in Darmstadt wurde jedoch nicht nach der Schwester des Großherzogs, sondern nach beider Mutter benannt, die ebenfalls Alice hieß.
»» [4] Ellermann Seite 112.
»» [5] Erich Ellermann : Stockstadt am Rhein in alten Ansichten, Beschreibung zu Bild 64.
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