Karte zur Riedbahn.
Riedbahn Darmstadt–Goddelau.

Riedbahn Darmstadt – Goddelau

Eingebunden in die Kriegslogistik

Dokumentation

1869 wurde die Riedbahn zwischen Darmstadt und Worms eröffnet. Die heutige Riedbahn mit ihrem Hauptverlauf von Mannheim nach Frankfurt wurde erst zehn Jahre später errichtet. Dokumentiert wird auf meinen Riedbahn-Seiten der Strecken­abschnitt zwischen Darmstadt und Goddelau.

Das Kasernen­gelände auf dem Griesheimer Sand wurde in den August­tagen des Jahres 1914 um ein Kriegs­gefangenen­lager (siehe abgebildete Postkarte) erweitert. Die Gefangenen wurden mit der Riedbahn (oder über den hier zu sehenden Gleis­anschluß?) angeliefert oder ins Landes­innere fortgeschleppt.

Ich danke Werner Krone für seine Skepsis gegenüber meiner ursprünglichen Interpretation des auf der Postkarte #1694 abgebildeten Gleisan­schlusses, Dr. Ines Wagemann vom Stadtarchiv Griesheim für ihre Unterstützung bei der Lokalisierung des Standorts des Fotografen, dem Historischen Forum von Drehscheibe Online für die Klärung der Frage, ob es sich um ein Normalspur- oder um ein Meterspur­gleis handelt, sowie dem DSO-User „KBS 634“ für den entscheiden­den Hinweis auf den auf der Postkarte sichtbaren Hochzeitsturm auf der Mathildenhöhe. Mit diesem Hinweis kann die Blickrich­tung auf der Postkarte eindeutig bestimmt werden. Meine ursprüngliche Annahme, es handele sich um ein Gleis der Darmstadt-Griesheimer Dampf­straßen­bahn, wird damit hinfällig.


Der Beginn des 1. Weltkriegs markierte einen Einschnitt in den bis dahin recht unbeschwert sich langsam aus­dehnenden Eisen­bahn­verkehr auf der Riedbahn. Der Transport der Truppen und des Nachschubs an die Front erforderte tiefe Einschnitte in die zivile Infra­struktur. Lokomotiven und Wagen­material wurden requiriert und standen der Kriegs­logistik zur Verfügung. Ab dem 23. September 1914 galt eine Art Not­fahrplan, der die zivilen Bedürfnisse recht weitgehend ignorierte. Fuhren nach dem Sommer­fahr­plan noch 17 Personenzug­paare zwischen Darmstadt und Goddelau-Erfelden, so waren es im September und Oktober nur noch sechs. Ab November 1914 wurde der Vorkriegs­zustand weitgehend wieder­hergestellt, auch wenn die eine oder andere Ein­schränkung fortbestand.

Kriegsgefangenenlager Griesheim.
Kriegsgefangenenlager in Griesheim. Das Motiv der Postkarte stammt möglicherweise noch aus der Zeit vor 1918 und wurde für die französischen Truppen angepaßt. Am rechten Bildrand befindet sich das vom Darmstädter Hauptbahnhof abgehende Gütergleis.

Zum Fahrplan, gültig ab dem 23. September 1914.

Seit 1874 bestand auf dem Griesheimer Sand, im Osten und Südosten des damaligen Dorfes Griesheim gelegen, ein Truppenübungsplatz des Königlich Preußischen Kriegs­ministeriums. Zwar wurde das Gelände auch in den Jahr­zehnten zuvor schon für die militärische Übungen des am westlichen Darmstädter Stadtrand gelegenen Kasernen­geländes genutzt, doch mit dem 1874 mit Griesheim abgeschlossenen Vertrag wurde das Gelände dauerhaft vor allem für Artillerie­übungen genutzt. Für Griesheim war diese Einrichtung insbesondere in wirtschaft­licher Hinsicht von Vorteil. Die 1886 errichtete Dampf­straßen­bahn zwischen Darmstadt und Griesheim fuhr am Nordrand des Schießplatzes vorbei, von ihr zweigte ein heute nicht mehr vorhandenes Gleis zu den Baracken und Wirtschafts­gebäuden ab. Vor allem hierüber wurden Soldaten und Material an- und abtransportiert.

Der Flugzeug­pionier August Euler pachtete gegen Ende des ersten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts einen Teil des Truppen­übungs­platzes für seine Flug­versuche. In den Folgejahren entwickelte sich auf dem Griesheimer Sand ein Militär­flugplatz. Dem preußischen Militär war die mögliche strategische Bedeutung der neuen Flug­geräte nicht verborgen geblieben.

Kaserne in Griesheim.
Kaserne in Griesheim, ab 1919 Caserne Garnier du Plessis, nach dem 2. Weltkrieg Zentrale von Stars and Stripes in Europa. Quelle: Stadtarchiv Griesheim, em 2007.0551.

Mit Kriegs­beginn zogen die Soldaten ab. Bald darauf trafen die ersten Kriegs­gefangenen ein und die bestehenden Gebäude reichten bald nicht mehr aus. Das Lager wurde erweitert. Schon am 18. August 1914 wurden französische Kriegs­gefangene unter den Blicken Hunderter neugieriger Gaffer eingeliefert (die Kriegs­gefangenen­lager scheinen auch der Volks­belustigung gedient zu haben). Der Griesheimer Anzeiger vermeldet am 10. Oktober 1914 die Ankunft von 150 gefangenen Engländern aus einem schottischen Garderegiment, deren „karierte Röckchen“ besonders erwähnt werden.

„Weiterhin kam ein Transport Senegalschützen von ganz schwarzer Farbe, die den auf niedrigster Kulturstufe stehenden Negerstämmen angehören, hier an.“ [1]

Am 20. November 1914 trafen die ersten neun gefangenen russischen Soldaten ein, „lauter Unteroffiziere, Feldwebel usw.“ [2] – Anfang 1915 waren es 10.000 Kriegs­gefangene, im weiteren Jahres­verlauf wurde die Kapazität des Lagers auf 15.000 erhöht. Baumaterial, Holzwolle für die Schlaf­plätze und wohl auch die Gefangenen selbst wurden mit der Riedbahn zu dem am nördlichen Dorfrand gelegenen Bahnhof transportiert und von dort zu Fuß oder mit Militärlast­autos ins Lager gebracht. Die Anbindung des Lagers wurde zudem mit einem neu gebauten Gütergleis verbessert, das südlich des 1912 fertig­gestellten Darmstädter Hauptbahn­hofs von der Main-Neckar-Bahn abzweigte und durch den Wald geführt wurde. Von diesem Gütergleis gibt es ein weiteres Bild, das zeigt, wie es an zwei Gebäuden vorbeiführte, welche die Franzosen Caserne Garnier du Plessis nannten und die nach dem 2. Weltkrieg die US-amerikanische Soldatenzeit­schrift Stars and Stripes (bis 2008) beherbergten. Dieses Gütergleis wurde beim Bau der Reichs­autobahn von Frankfurt nach Mannheim etwa 1934 unterbrochen. Während des Zweiten Weltkriegs wurden die Flugplatz­anlagen des Griesheimer Sandes wohl durch den Griesheimer Riedbahnhof versorgt.

Anzumerken ist, daß kein mir bekannter Lageplan des gesamten Lagerkomplexes das Gütergleis im Bereich des Kriegsgefangenen­lagers zeigt. Die Postkarte ist der einzige Beleg hierfür.

Denkmal für die in Kriegsgefangenschaft gestorbenen Franzosen.
Das Denkmal für die im Griesheimer Kriegs­gefangenen­lager gestorbenen französischen Soldaten auf dem Darmstädter Wald­friedhof.

Zu Beginn des Frühjahrs 1916 wurden rund 1.000 französische Kriegs­gefangene ins Innere Deutschlands abgeschoben. Am 1. April 1916 „kamen jedoch wieder 1.065 Gefangene aus den Kämpfen an der Maas hinzu. Die Entlausung und Reinigung dieser dauerte die ganze Nacht.“ [3]

Zwischen 1914 und 1918 starben im Griesheimer Lager 605 Kriegs­gefangene. Sie wurden auf dem nahe gelegenen Darmstädter Wald­friedhof bestattet. Der hessische Großherzog, aber auch Mitglieder des zwei­kammrigen hessischen Landtags besuchten das Lager. Sie waren voll lobender Worte und sprachen sich anerkennend über die dort herrschende Ordnung, Rein­lichkeit und Bequem­lichkeit aus.

Nun ja, idyllische Zustände werden dort nicht geherrscht haben, aber Ordnung und Sauberkeit müssen natürlich bei einer Show­veranstaltung sein, wenn hoher Besuch ansteht. Allerdings gibt es keine Hinweise darauf, daß die Zustände so elend wie im Kriegs­gefangenen­lager Kassel-Nieder­zwehren gewesen sind, wo von den 18.300 Kriegs­gefangenen mehr als 7.000 infolge einer Fleckfieber­epidemie erkrankt und fast 1.300 gestorben sein sollen. Französische Quellen sprachen von sogar über 3.000 Toten, während nach deutschen Angaben bis Ende 1915 „nur“ 1.280 Kriegs­gefangene, darunter 721 Franzosen, an Fleckfieber gestorben waren. Hier kamen wahr­scheinlich logistische Probleme und die Inkompetenz des Lagerleiters, Generalmajor Benno Kruska (1849–1933), zusammen. In einem voreinge­nommen geführten Verfahren vor dem Leipziger Reichs­gericht wurde Kruska am 9. Juli 1921 freigesprochen. Dennoch lasse ich die Frage offen, ob 605 Tote unter Kriegs­bedingungen so etwas wie den „Normalfall“ darstellen.

Gräberfeld für die russischen Kriegsgefangenen.
Das Gräberfeld für die in Kriegs­gefangenschaft gestorbenen russischen, polnischen und serbischen Soldaten auf dem Darmstädter Wald­friedhof.

Eine Tafel am Eingang des Darmstädter Wald­friedhofs gibt die Zahl der hier bestatteten französischen Soldaten mit etwa 240 an, die der russischen Soldaten mit etwa 170. Für etwa die Hälfte dieser russischen Soldaten stehen gegenüber des Denkmals Grabkreuze mit der Angabe des Todesdatums. Demnach starben 1915 fünf, 1916 sechs, 1917 fünfundvierzig, 1918 sechsundzwanzig und 1919 vier Personen. Bei drei Soldaten wurde als Nationalität Serbe angegeben, bei einem Pole. Bei den übrigen handelt es sich um 80 russische Soldaten und zwei russische Zivilisten. Eine Häufung von Todesdaten ist für April bis Juli 1917 und für November und Dezember 1918 festzustellen.

„Auf dem Waldfriedhof wurden 762 ausländische und 397 deutsche Soldaten beigesetzt. 1922 haben die französische und belgische Regierung die hier bestatteten Franzosen und Belgier auf einen Sammelfriedhof nach Saarlouis überführen lassen.“ [4]

Zu den Waffen­stillstands­vereinbarungen am Ende des 1. Weltkrieges gehörte die Räumung des Mainzer Brückenkopfes in einem Radius von 30 Kilometern um Mainz von deutschen Truppen. Das zu räumende Gebiet umfaßte auch den Griesheimer Sand. Griesheim kam so bis 1930 unter französische Militär­verwaltung. Das Übungs­gelände wurde von französischen Armee-Einheiten bezogen. Doch dies ist eine andere Geschichte.


Karte Griesheim Lager.

Meßtischblatt mit Ansicht des Artillerie-Übungs­platzes auf dem Griesheimer Sand. Aus­schnitt der im Stadt­archiv Griesheim vorhandenen Karte gr2007.0103. Das Zufahrts­gleis vom Darmstädter Haupt­bahn­hof ist grün punktiert einge­zeichnet; die Verlänge­rung ins Kriegs­gefangenen­lager blau. Kleinere blaue Punkte bezeichnen die vermutete Gleis­trasse. Mit orangenen Punkten wird das Zufahrts­gleis der Dampf­straßen­bahn von Darmstadt nach Griesheim bezeichnet. Der Griesheimer Ried­bahnhof an der Strecke von Darmstadt nach Goddelau-Erfelden ist rot markiert.


Literatur

 

ANMERKUNGEN
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»» [1]   Zitiert im Griesheimer Anzeiger am 10. Oktober 1964.

»» [2]   Griesheimer Anzeiger am 21. November 1964.

»» [3]   Zitiert im Griesheimer Anzeiger am 2. April 1966.

»» [4]   Zitat gefunden in : Digitales Archiv Hessen-Darmstadt: Denkmäler erinnern in Darmstadt an den Ersten Weltkrieg


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