Karte zur Riedbahn.
Riedbahn Darmstadt–Goddelau.

Riedbahn Darmstadt – Goddelau

Eine Anlieferung auf der Mainzer Straße

Dokumentation

1869 wurde die Riedbahn zwischen Darmstadt und Worms eröffnet. Die heutige Riedbahn mit ihrem Hauptverlauf von Mannheim nach Frankfurt wurde erst zehn Jahre später errichtet. Dokumentiert wird auf meinen Riedbahn-Seiten der Streckenab­schnitt zwischen Darmstadt und Goddelau.

Zur Jahrhundertwende expandierte Darmstadts Industrie und Gewerbe nach Westen und Nordwesten. Die Firma Merck, die Ende des 19. Jahrhunderts ihre Fabrikanlangen beim heutigen Mercksplatz angesiedelt hatte, lag mit ihrer chemischen Produktion zu nahe an der Darmstädter Altstadt. Sie fand einen neuen Standort auf den Feldern und Wiesen zwischen Darmstadt und dem damals noch selbständigen Ort Arheilgen. Das Blumenthal­viertel (heute Johannesviertel) wurde im Westen durch die Gleisstränge der Hessischen Ludwigsbahn und der Main-Neckar-Bahn begrenzt. Erste Firmen errichteten ihre Produktions­stätten westlich beider Bahnstrecken und nahmen die Verlagerung des Hauptbahn­hofs zu seinem heutigen Standort vorweg. Das neue und infolge des 1. Weltkriegs nur ansatzweise angelegte Industriegebiet im Nordwesten Darmstadts erhielt von zwei Seiten aus einen Gleisanschluß. Noch in den 1950er und 1960er Jahren wurden auf diese Weise etwa dreißig Industriebetriebe angebunden. Ein halbes Jahrhundert später sind es noch vier, von denen nur noch zwei häufiger Güterverkehr über die Schiene abwickeln.

Die ohnehin unregelmäßig verkehrenden Güterwagen abzupassen, ist gar nicht so einfach. Einen festen Fahrplan gibt es nicht; die Anlieferung geschieht nach Bedarf kurzfristig. Am 13. August 2010 gelang es mir bei halbwegs passablen Witterungs- und Lichtverhältnissen, den Abtransport eines geleerten Kesselwagens aufzunehmen.

Die Fundorte zu einzelnen Bildern sind auf dem Lageplan von 1906 eingezeichnet.

Ein Tip zum Ausdruck: Querformat, Skalierung auf 90%. Sollte mit allen Browsern funktionieren. Falls nicht, liegt die Tücke im mitunter widerspenstigen virtuellen Subjekt.


Zufahrt.

Diesellokomotive 294 737 rangiert vom Güterbahnhof herkommend das Zufahrtsgleis herab. Sorgfältig beobachtete der Lrf (Lokrangier­führer) das Gleis, zumal einige Nachtschwärmer in ihrem Alkoholtran gerne einmal ein paar Schottersteine darauf legen.

Absicherung.

Der erste Bahnüber­gang wird gesichert. Das hier abbiegende Gleis führte früher auf das Schenck-Gelände und ermöglicht den rückseitigen Anschluß der Fa. Donges.

Absicherung.

Auch bei den diversen Hofeinfahrten hat der Lrf dafür Sorge zu tragen, daß die zuweilen etwas unbedacht abbiegenden Autofahrer ihm nicht vor die Lok kommen. Sein Handwerks­zeug ist eine Flagge, während er per Fernsteuerung die Lok hinter sich herzieht.

Weiche.

Hingegen ganz und gar nicht ferngesteuert ist das nachfolgende Weichentrio. Erster Abzweig Hofmann-Rieg, zweiter Abzweig Kirschenallee (etwa zum Straßenbahntransport), zum Schluß die Weiche für die beiden Röhm-Einfahrten. Hier ist Handarbeit oder – zum Einrasten – auch Fußarbeit angesagt.

Kommunikation.

Das Gleistor bei Röhm (Evonik) ist geöffnet, der Pförtner erklärt, wo der Waggon bereit steht [⇒ L7].

Einfahrt.

Dann wird die Lok abgeholt, der Landwehrweg und die Kirschenallee gequert, bevor die Lok aufs Firmengelände fährt.

Ausfahrt.

Ein wenig warten, und dann erscheint sie wieder mit einem Kesselwagen. Hier wird die Kirschenallee gequert.

Im Sonnenlicht.

Nun geht es wieder zurück; der Lrf steht durch die Lok verdeckt an der Einmündung des Landwehrweges.

Vorfahrt.

Dieses Motiv wollte ich mir nicht entgehen lassen: „Schienenfahrzeuge haben Vorrang.“ Manche Kraftfahrzeug­führer sind da weniger einsichtig.

Und tschüss.

Und somit entschwindet unser freundlicher Lrf mitsamt seiner Rangierlok und einem Kesselwagen, der noch einen weiten Weg vor sich hat.

Mal sehen, vielleicht gelingt es ja einmal, einen Stahltransport abzulichten. Auf der Darmstädter Google Earth-Aufnahme vom 15. März 2005 ist ein Transport von oder zu Donges [⇒ L9] auf der Mainzer Straße zu erkennen. Christopher Spies hat im August 2010 zwei Mal eine Anlieferung bzw. Abholung abgepaßt. Die Bilder gibt es hier (ein bißchen herunter scrollen). Zwei qualitativ nicht sehr hochwertige Digitalkamera­videos einer Anlieferung für Röhm/Evonik und Hofmann-Rieg am 9. März 2010 gibt es bei YouTube hier und hier.

Ende November 2009 ließ die Stadt Darmstadt verlauten, in diese Infrastruktur investieren zu wollen:

„Die Wissenschafts­stadt Darmstadt betreibt in der Mainzer Straße / Kirschenallee eine Industriegleis­anlage mit fünf Gleisen. Auch wenn die Nutzung der Anlage besonders durch logistische Veränderungen bei den Nutzern in den vergangenen Jahren eher rückläufig war, wird die Stadt Darmstadt künftig weiter in die Anlage investieren: Rund 50.000 Euro wurden in der jüngeren Vergangen­heit ausgegeben, um die Anlage betriebssicher zu machen, weitere 250.000 Euro werden in den kommenden beiden Jahren fällig werden. ‚Wir haben uns aus Gründen der Wirtschafts­förderung und des Klimaschutzes dazu entschieden, die Gleisanlage zu erhalten und der rückläufigen Entwicklung entgegenzu­treten‘, so Darmstadts Verkehrs- und Planungs­dezernent, Stadtrat Dieter Wenzel.

Neben den seitherigen Nutzern (Donges SteelTec GmbH, EVONIK Röhm GmbH, Hofmann-Rieg GmbH), für die diese Industrie­gleise als Infrastruktur­angebot der Stadt im Sinne einer nachhaltigen Standort­sicherung unverzichtbar sind, hat nun auch die Heckmann & Assmuth GmbH & Co. KG wieder mit der Verladung von Eisenschrott über die Schiene begonnen. Dies sei ein Zeichen dafür, dass das auch von der Stadt Darmstadt forcierte Ziel ‚Von der Straße auf die Schiene‘ bei den Unternehmen ankomme, so Stadtrat Dieter Wenzel.“

Birgit Femppel legte am 1. Dezember 2009 nach, erstmals seit sieben Jahren seien wieder 50 Tonnen Stahlschrott per Güterwaggon nach Österreich geliefert worden. Doch schon bald scheint etwas schiefge­gangen zu sein, so daß der Schrott in Zukunft wohl nun doch wieder per LKW verschickt wird. Donges wiederum scheint sich schon 2006 (oder kurz darauf) von der Direktan­lieferung per Güterzug verabschiedet zu haben. Ein am 18. Dezember 2006 zwischen Donges und der Bahn-Tochter Railion (heute DB Schenker) unterzeichneter Vertrag sah den Bau eines Railports auf dem Gelände des Güterbahn­hofs vor, auf dem der für Donges angelieferte Stahl zwischenge­lagert und bei Bedarf per LKW zum Werk einige hundert Meter weiter transportiert werden solle. Dies erklärt dann auch, weshalb seit einiger Zeit keine Bahntrans­porte mehr auf dem Weg von und zu Donges gesichtet wurden.

Instandsetzung.

Im Oktober 2010 war ein Schienenschleif­trupp unterwegs, um das bis nördliche Industriestamm­gleis instandzu­setzen. Ob Donges (wer sonst?) durch die Hintertür wieder angebunden werden soll bzw. sein will?

Weiche.

Diese Weiche auf der Nordseite der Mainzer Straße mit dem Abzweig zum Schrotthandel [⇒ H2] wurde ebenfalls nachgebessert. Ihr Mechanismus sah vor zwei Jahren etwas verlottert aus, zudem wurde der Schotter erneuert, und frischen Asphalt gab es auch.

Eine ausführliche Darstellung dieser Gleisanlagen mitsamt der (früher) dort angesiedelten Betriebe ist für 2011 geplant; zur Einstimmung gibt es eine Übersicht über die Gleisanbindung des sogenannten „Fabrikviertels“.


Literatur


Diese Seite wurde zuletzt am 12. Mai 2011 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2010, 2011. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.
Die Karten zur Riedbahn entstammen den OpenStreetMap-Projekt und stehen unter der Creative Commons Attribution Share Alike-Lizenz 2.0. Sie können daher unter denselben Lizenzbedingungen auch in der von mir veränderten Form verwendet werden.

URL dieser Seite : http://walter-kuhl.de/riedbahn/indgleis.htm

 
 
 
Valid HTML 4.01 Transitional  Valid CSS!