Lageplan des Überführungsgleises.
Lageplan des Überführungsgleises.

Riedbahn Darmstadt – Goddelau

Überführungsgleis im Osten Darmstadts

Dokumentation

1869 wurde die Riedbahn zwischen Darmstadt und Worms eröffnet. Die heutige Riedbahn mit ihrem Hauptverlauf von Mannheim nach Frankfurt wurde erst zehn Jahre später errichtet. Dokumentiert wird auf meinen Riedbahn-Seiten der Streckenabschnitt zwischen Darmstadt und Goddelau.

Im Osten Darmstadts verband ein Überführungsgleis die Odenwaldbahn aus Wiebelsbach-Heubach mit der Verbindungsbahn in Richtung Kranichstein.

Mit dem Bau der Straßenbahn nach Kranichstein wurde die Gleiskurve vermutlich endgültig stillgelegt. Es kann sein, daß sich die Deutsche Bahn in den 1990er Jahren vorbehalten hat, die Strecke zu reaktivieren, und die Stadt Darmstadt sich verpflichtet hat, in diesem Fall den Lückenschluß wiederherzu­stellen. Angesichts des börsen­orientierten Managements dieses Unternehmes ist es recht unwahr­scheinlich, daß dieser Fall jemals eintreten wird.

Vermutliche Nutzungsdauer dieser Gleisver­bindung: 15. November 1915 bis 25. September 1976. Davon abweichende einzelne Fahrten vorher und nachher sind nicht auszuschließen. [1]


Bahnübergang am Stellwerk Kranichstein.
Der Bahnübergang am Stellwerk Kranichstein.

Vom Bahnhof Kranichstein führen zunächst fünf Gleise in Richtung Darmstadt. Zwei Gleise benutzt die Main-Rhein-Bahn für den Personen­verkehr zwischen Darmstadt und Aschaffen­burg. Zwei weitere Gleise bilden die Verbindungsbahn für den Güter­verkehr in Richtung Mainz. Das äußerste Gleis (hier im Bild direkt am Stellwerk) endet nach einigen Metern an einem Prellbock. Das Überführungs­gleis zum Darmstädter Ostbahnhof zweigte hier von der Verbindungsbahn ab und wurde am 15. November 1915 in Betrieb genommen.

Gleisende.
Das Gleis endet am Bahnübergang beim Arheilger Mühlchen.

Auch wenn jenseits des asphaltierten Bahnüber­gangs (Posten 50) noch einige Meter der Gleis­strang zu erkennen ist, so ist hier eindeutig Ende. Das Verbindungs­gleis besitzt auf Kranich­steiner Seite keinen Anschluß mehr an die große Welt der Eisenbahn.

Bewachsenes Gleis
Auffahrt zum Überführungsgleis, rechts die Verbindungsbahn.

Die Auffahrt des Gleises zur Brücke über die Main-Rhein-Bahn zeigt deutliche Spuren der Nicht­benutzung. Langsam breiten sich Gräser und andere Pflanzen aus. Im weiteren Verlauf der Strecke überwuchern Brombeer­ranken und Büsche das Gleis, in dessen Gleisbett sich auch kleine Birken­bäumchen wohlfühlen.

Schon ab der 2. Hälfte der 1970er Jahre scheint die Gleiskurve nicht mehr verwendet worden zu sein. Ein Leser dieser Webseite aus Pfungstadt schrieb mir, daß er bei einer Vermessungs­übung während seines Studiums in den 1970er Jahren das Gleisbett freiholzen mußte.

Brücke über die Main-Rhein-Bahn.
Brücke über die Main-Rhein-Bahn. [alternative ansichten]

Um zum Ostbahnhof zu gelangen, muß das Überführungs­gleis die beiden Personenzug­gleise der Main-Rhein-Bahn überqueren. Die Brücke zeigt deutliche Rostspuren und bietet vor allem im richtigen Abendlicht einige interessante ästhetische Ansichten.

An dieser Stelle entstand am 14. Juni 1969 eine Fotografie (die ich aus Urheberrechts­gründen hier nicht abbilden kann), die einen von 051 887 gezogenen Güterzug in Richtung Odenwald zeigt. In den 1960er Jahren herrschte noch reger Güterverkehr. Regelmäßig fuhren Züge nach Roßdorf, Groß-Zimmern, Reinheim, Lengfeld oder Michelstadt.

Brücke.
Brücke bei der Kleingartenanlage.

In der langgezogenen Gleiskurve zwischen Kranichstein und Ostbahnhof befindet sich am Rande einer Kleingarten­anlage diese Brücke, die einen heute als Fuß- und Radweg benutzten ehemaligen Feldweg überquert.

Doch wann ist hier der reguläre Güterverkehr eingestellt worden? Buchfahrpläne und Streckenlisten helfen zur Eingrenzung dieses Zeitpunkts weiter. In den bundesbahn­eigenen „Vorbemerkungen zu den Buchfahrplänen“ der BD Frankfurt (Main) wird für den Sommerfahr­plan 1976 als unbesetzte Betriebsstelle der Abzweig an der Kastanienallee benannt, und zwar zwischen 13.30 und 6.30 Uhr am Tag darauf. An Sonn- und Feiertagen herrschte Betriebsruhe. Die Streckenliste derselben Bahndirektion für den nachfolgenden Winterfahr­plan verkündet hingegen lapidar, daß dieser Streckenab­schnitt „z Z gesperrt“ sei. Dieser Status scheint nicht mehr rückgängig gemacht worden zu sein. Ende der 1980er Jahre tauchte die Strecke in diesen „Streckenlisten“ folgerichtig nicht mehr auf.

Straßenbahn aus Kranichstein.
Gleislücke im Einschnitt mit einer Straßenbahn aus Kranichstein.

Der Bau der Straßenbahn nach Kranichstein bedeutete das Aus für das Überführungs­gleis. Anstatt die Straßenbahn­gleise mit einer neuen Brücke zu überspannen, entschloß sich die Deutsche Bahn, das Gleis aus Kosten­gründen stillzulegen. So entstand dieser Einschnitt, aus dem ein Straßenbahn­zug der Linie 5 aus Kranichstein in Richtung Hauptbahn­hof hervorfährt. Die Straßenbahn­strecke wurde am 13. Dezember 2003 nach langer Planungs-, Debatten-, Behinderungs- und Bauzeit eröffnet.

Das Schaubild eines Zeitungsartikels zum ersten Spatenstich im November 2000 zeigt eine an dieser Stelle vorgesehen Unterführung der Straßenbahn unter das Überführungs­gleis. Möglicher­weise war damit aber auch die wenige Meter entfernte Brücke gemeint, die mit der Neubau­strecke nichts zu tun hat.

Brücke.
Brücke am Neubaugebiet K6.

Kurz bevor das Überführungs­gleis die Odenwaldbahn erreicht, befindet sich südlich des Neubaugebiets K6 diese kleine Brücke, die jedoch nach wenigen Metern zu einem verschlossenen Tor führt. Interessant ist die sekundäre Nutzung des Brücken­geländers durch einen Basketball­korb. Ob er eher der Dekoration dient oder tatsächlich von den Kranich­steiner Jugendlichen genutzt wird, muß hier offen bleiben.

Brückengeländer.
Brückengeländer.

Leicht verspielt präsentierten sich einst die Enden der beiden Brücken­geländer. Dieses Element ist auch an der Brücke an der Kleingarten­siedlung anzutreffen.

Brücke über die Kranichsteiner Straße.
Brücke über die Kranichsteiner Straße.

An dieser Stelle waren die beiden Gleise der Odenwaldbahn und das Überführungs­gleis einst vereint. Dann entschloß sich die damalige Bundesbahn, die Odenwaldbahn zurückzubauen. Sogar die Stillegung war im Gespräch. Jedenfalls wurde das zweite Gleis entfernt. Im Zuge der Reaktivierung mit einem neuen Betreiber, dem gleich ein ganzer Wagenpark spendiert wurde, wurde das zweite Gleis wieder­hergestellt. Im Gegenzug wurde das Überführungs­gleis gekappt. Heute überquert an Stelle des Überführungs­gleises ein Radweg die Kranich­steiner Straße, womit das Wohn­gebiet K6 kreuzungs­frei mit dem Komponisten­viertel verbunden wird.


Ein bißchen Papierkram …

Streckenliste 1976.

Seit September 1976 ist die Stichstrecke von Kranichstein zum Abzweig Kastanienallee gesperrt.

Buchfahrplan 1978.

Güterzüge von Kranichstein auf die Nebenbahn nach Groß-Zimmern und in den Odenwald sind gezwungen, den Umweg über den Darmstädter Haupt­bahnhof zu nehmen. Hier ein Beispiel aus dem Jahr 1978.


Literatur

Zeitungsartikel

 

ANMERKUNGEN

 

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»» [1]   Mir liegen keine Buchfahr­pläne nach 1971 vor. Die „Vorbemerkungen zu den Buchfahrplänen“ sind ein eigenes Heft und trotz Hinweises auf die Besetzung der Blockstelle an der Kastanien­allee nicht notwendig ein Hinweis auf tatsächlichen Güter­verkehr. Deshalb ist nicht auszuschließen, daß der Güter­verkehr schon vor dem 25. September 1976 eingestellt wurde. Der im Text erwähnte Leser aus Pfungstadt datiert das Freiholzen des Gleises schon auf etwa 1971. Zumindest für den Sommerab­schnitt des Jahres 1971 haben laut Buchfahr­plan noch Güterzüge verkehrt. Die „La“ für die 29. Woche 1979 nennt zwischen Kilometer 0,6 und 1,2 (gerechnet ab Blockstelle Kastanienallee) schlechten Oberbau als Ursache und schreibt mit Beginn am 15. Dezember 1975 eine Höhstge­schwindigkeit von zehn Stunden­kilometern vor.


Diese Seite wurde zuletzt am 25. Mai 2011 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2001, 2008, 2011. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.
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