1869 wurde die Riedbahn zwischen Darmstadt und Worms eröffnet. Die heutige Riedbahn mit ihrem Hauptverlauf von Mannheim nach Frankfurt wurde erst zehn Jahre später errichtet. Dokumentiert wird auf meinen Riedbahn-Seiten der Streckenabschnitt zwischen Darmstadt und Goddelau.
1977, kurz vor dem Showdown im sogenannten „Deutschen Herbst“, geriet die der Vergessenheit anheim gegebene Bahnstrecke von Darmstadt nach Griesheim ein vorletztes Mal in die Schlagzeilen. Am Abend des 7. August lösten sich in Messel 21 Schotterwagen aus einem Zugverband und wurden zur Vermeidung eines Zugunglücks auf das Gütergleis nach Griesheim umgeleitet. Dann gab es einen großen Knall und anschließend viel Presse.
Die Karten geben Bebauung und Straßenführungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts an. Die Trostlosigkeit mancher Bahnhöfe und Gleisanlagen findet sich hingegen nicht hierin wieder.

An einer Gleisbaustelle östlich des Bahnhofs Messel auf der Main-Rhein-Bahn zwischen Darmstadt-Kranichstein und Dieburg lösten sich bei Rangierarbeiten einundzwanzig Güterwagen aus einem rund fünfzig Waggons umfassenden Zugverband. Der Griesheimer Anzeiger schrieb drei Tage [1] nach dem Ereignis:

„Hinter dem Bahnhof Messel waren bei Einbruch der Dunkelheit Gleisarbeiten am Bahnkörper der Strecke Darmstadt – Dieburg aufgenommen worden. Güterwaggons wurden mit Altschotter des Gleisunterbaus beladen. Dabei stand der Lokführer mit dem Rangiermeister am Ende des langen Zuges über Funk in Verbindung. Am vorgesehenen Haltesignal stoppte der Lokführer die Maschine ab; dabei lösten sich 21 Waggons, die versehentlich nicht an die übrigen Wagen angekoppelt waren und rollten zunächst in langsamem Schrittempo davon. Der Rangiermeister sprang ab.“
Ein Blick in den Buchfahrplan vom Sommer 1965 (und an den Gegebenheiten hatte sich zwölf Jahre später nichts geändert) zeigt, daß auf diesem Streckenabschnitt besondere Vorsicht beim Rangieren angezeigt war. [2]
Die rund zwölf Meter langen befüllten Güterwagen [3] tuckelten zunächst langsam von dannen, durch das Gefälle Richtung Kranichstein nahmen sie langsam Fahrt auf. Zunächst wurden die Messeler Bahnhofsanlagen durchfahren, die damals noch nicht derart trostlos aussahen wie heute, sodann die beiden Straßen von Messel zur damals noch als Mülldeponie gehandelten Grube Messel und von Kranichstein nach Urberach ungesichert überquert, dann noch ein Fußweg über die Bahnstrecke an der Blockstelle Wildpark, bevor die Güterwagen den Rangierbahnhof Kranichstein erreichten. Dort wäre es vielleicht möglich gewesen, ein Gleis zu finden, auf dem man die Wagen hätte ausrollen oder anstoßen lassen können. Die Wagen rollten jedoch weiter über die Güterbahn nördlich an Darmstadt vorbei und kreuzten zwei oder drei weitere ungesicherte Bahnübergänge, bevor sie den Darmstädter Nordbahnhof erreichten.

Inzwischen entschied der umgehend alarmierte Fahrdienstleiter des Stellwerks am Darmstädter Hauptbahnhof, die Güterwagen über die Verbindungsbahn auf das sonntags und nachts nicht befahrene Gleis nach Griesheim umzuleiten, in der Erwartung, die Wagen würden in der ansteigenden Gleiskurve hinter dem Abzweig Bergschneise abgebremst werden und langsam ausrollen. Doch der aus Messel mitgebrachte Schwung reichte aus, den kurzen Anstieg zu überwinden.
Möglicherweise sah der Fahrdienstleiter auch die Gefahr einer Kollision mit dem Nahverkehrszug 5258 nach Wiesbaden, der in Darmstadt um 21.50 Uhr losfahren sollte, so zumindest steht es im Griesheimer Anzeiger. Es hätte sicherlich auch andere Möglichkeiten gegeben, die Schotterwagen ausrollen zu lassen, aber jedes Mal wäre der reguläre Bahnbetrieb betroffen gewesen. So über die Verbindungskurve vom Nordbahnhof an der Süd- und Westseite des Chemie- und Pharmakonzerns Merck vorbei nach Arheilgen und weiter in Richtung Frankfurt. Oder über den Darmstädter Hauptbahnhof auf die Main-Neckar-Bahn, um die ansteigende Bergstraße zu nutzen. Bei Groß-Gerau hätte sich vielleicht auch der Abzweig Eichmühle auf die Riedbahn Richtung Mannheim oder Worms angeboten oder die Weiterleitung auf die Güteranlagen bei Mainz-Bischofsheim.
Bild 2 zeigt den leichten Anstieg des von der Hauptstrecke (Verbindungsbahn) nach links wegführenden Gleises, das heute nur noch zur Kesselwagenanlieferung eines in Weiterstadt ansässigen Chemiekonzerns dient. Topografisch weist der anschließende Streckenabschnitt nach der Querung der Gräfenhäuser Straße ein ausreichendes Gefälle auf, um den Waggons Schwung mit auf den weiteren Weg zu geben. Kein Wunder – die Rheinebene senkt sich hier zum namensgebenden Fluß ab.
Bild 3 und 4: Bilder von der Unfallstelle.
Der durch die leichte Steigung nicht wesentlich abgebremste loklose Zug donnerte weiter durch die Nacht, querte die Straße von Darmstadt nach Weiterstadt am ehemaligen Posten 84 und jagte am neuen Bahnübergang in Riedbahn einer Autofahrerin einen Riesenschreck ein, als er direkt hinter ihr aus der Dunkelheit hervorbrach. Weiter ging's vorbei an der ehemaligen Blockstelle Pallaswiese zum ebenfalls ungesicherten Bahnübergang am Dornheimer Weg, und dann durch den Wald nach Griesheim.

Der Prellbock am Ende der Strecke kurz vor der Griesheimer Pfützenstraße erwies sich als kein ausreichendes Hindernis; er wurde glatt zur Seite gefegt. Führungslos riß der Konvoi eine rund fünfzig bis achtzig Zentimeter tiefe Furche in den Asphalt und rammte nach fünfzig Metern das Wohnhaus des ehemaligen Gaswerks. Der erste Wagen brach teilweise durch die Mauer und steckte im Wohnzimmer fest. Die beiden Bewohnerinnen des Hauses befanden sich glücklicherweise auf der anderen Seite des Hauses an der Pfützenstraße und konnten sich in Sicherheit bringen. Das Haus selbst war anschließend abbruchreif. Der Sachschaden wurde mit 600.000 DM angegeben, doch der Journalist des Griesheimer Anzeigers schätzte, daß es auch mehr als eine Million DM werden könne:
„Allein 17 Waggons, die ineinandergeschoben und aufgetürmt zu einem Knäuel aus Stahl und Holz verkeilt wurden, werden nicht mehr zu reparieren sein. Ein Haus wurde praktisch zerstört, die Einfriedigungsmauer [sic!] des Herzschen Anwesens umgelegt, die Straßendecke der Pfützenstraße in voller Breite aufgerissen, die Kanalentsorgung stark beschädigt und Stromkabel in Mitleidenschaft gezogen.“
Durch die Wucht des Aufpralls an dem bewohnten Haus türmten sich die 30 bis 40 Tonnen schweren Waggons zum Teil übereinander und verstreuten den Schotter über Straße und Grundstücke. Beteiligt waren Güterwagen der Baureihen Klm 506 und die etwas längeren Klm(r)s 440. [4]

Der Geisterzug war unbeleuchtet über sieben Bahnübergänge gefahren, die auf der Übersichtskarte rot markiert sind. Erst in Griesheim konnte die Polizei die Bahnübergänge absichern. Erste Schätzungen ergaben, daß der Zug unterwegs mit einer Geschwindigkeit von einhundert Stundenkilometern unterwegs gewesen sein soll, was jedoch angesichts der angegebenen Fahrzeit von rund 35 Minuten für eine Strecke von rund achtzehn Kilometern eher unwahrscheinlich zu sein scheint. Als Maximalgeschwindigkeit dürfte wohl eher die Hälfte anzunehmen sein. Die zurück gelegte Strecke wird unterschiedlich zwischen 18 und 21 Kilometern angegeben. Die Entfernung vom Bahnhof Messel bis zum Bahnhof Griesheim beträgt 16,4 Kilometer; hinzuzurechnen ist die Entfernung zum westlichen Prellbock in Griesheim und zur Baustelle zwischen Messel und Dieburg.

Nachdem zunächst die Bundeswehr im benachbarten Darmstadt angefragt worden war, die sich jedoch zur Bergung außer stande sah, halfen Pioniere des US Army am folgenden Tag dabei, mit Kran und Seilwinde das Chaos der ineinandergeschobenen Schotterwagen zu entflechten. Die zertrümmerten Wagen wurden mit dem Schneidbrenner so zugeschnitten, daß sie später mit Güterwaggons vom Ort des Geschehens abtransportiert werden konnten.

Die hier gezeigten Aufnahmen der Unfallstelle an der Pfützenstraße entstammen dem Fotoalbum von Wilhelm Köhler, der mir freundlicherweise die Nutzung gestattet hat.
An der Klärung von Detailfragen zum Unfallgeschehen hat sich das Historische Forum von Drehscheibe Online in einem eigenen Diskussionsfaden beteiligt. Den Mitwirkenden sei an dieser Stelle nochmals gedankt.

Auf dem letzten Bild sehen wir den Weg, den die Güterwagen nach überfahren des Prellbocks genommen haben. Im Hintergrund oben am rechten Bildrand ist das inzwischen zum Griesheimer Bauhof umfunktionierte ehemalige Bahnhofsgebäude zu erkennen.
»» Link zu den Resten der Riedbahn in Griesheim heute.
»» [1] Der Griesheimer Anzeiger erschien nicht täglich, sondern in der Regel mittwochs und samstags. Daher der Bericht erst drei Tage nach der Geisterfahrt.
»» [2] Ein Scan der Buchfahrplanseite sähe natürlich besser aus, aber hierfür hätte der Buchrücken extrem gedehnt werden müssen. Da erschien ein Foto einfacher, zumal es denselben Zweck erfüllt.
»» [3] Die Wagen hatten eine Länge zwischen 12,0 und 12,8 Metern.
»» [4] Kurze Informationen zu den hier beteiligten Güterwagen finden sich auf der Webseite der Modellbahnfrokler und auf Step's Waggon Archiv, dort hier und hier. Wer sich noch tiefer in die Materie hineinbegeben will, muß für das Güterwagen-Buch von Stefan Carstens schon etwas Geld ausgeben.
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