1869 wurde die Riedbahn zwischen Darmstadt und Worms eröffnet. Die heutige Riedbahn mit ihrem Hauptverlauf von Mannheim nach Frankfurt wurde erst zehn Jahre später errichtet. Dokumentiert wird auf meinen Riedbahn-Seiten der Streckenabschnitt zwischen Darmstadt und Goddelau.
Zwischen Weiterstadt und Griesheim liegt noch eine Menge Schotter im Wald. Und wer genauer hinschaut, kann einige markante Wegweiser entdecken. Diese Seite behandelt den Abschnitt zwischen der Küchenmeisterschneise bei Kilometer 55 und dem Griesheimer Nordring bei Kilometer 53. Virtuell durchfahren wir hier einen Bereich, der Weigandsbusch genannt wird.
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In den Wintermonaten lassen sich vermehrt Überbleibsel aus alten Riedbahntagen aufspüren; im Sommer ist vieles zugewachsen.
Parallel zur Küchenmeisterschneise unterquert am Kilometerstein 55 ein Graben die Riedbahntrasse. Das doch recht aufwendig hochgezogene Mäuerchen läßt darauf schließen, daß dieser Durchlaß einst wichtig genommen wurde, vielleicht als Hochwasserabfluß. Heute versperrt ein hölzerner Schlagbaum Fahrzeugen die Benutzung der aufgelassenen Trasse, um auf die Wiesen und Felder der Nordseite zu gelangen. Vielleicht hat diese Art Übergang auch schon vor hundert Jahren existiert.

Rund 300 Meter in Richtung Südwesten kreuzte die Bahnstrecke am Posten 81 den Dornheimer Weg. Auf dem digitalen Kreisplan des Landkreises Darmstadt-Dieburg sind auch heute noch zwei Gebäude als „Bahnhaus 81“ an der Nordostseite der Kreuzung eingezeichnet, obwohl das Bahnwärterhaus längst nicht mehr vorhanden ist. Statt dessen befindet sich nun am Bahnübergang ein sandiger Parkplatz. Wir bewegen uns nun im Wald zwischen Darmstadt und Griesheim schon auf Griesheimer Gemarkung. Die Eisenbahner, die hier im 19. Jahrhundert Dienst taten, konnten froh sein, wenn sie ihr karges Einkommen mit einem eigenen Gemüsebeet aufbessern konnten. Der Bahnwärter von Posten 79 verkaufte hingegen Erfrischungsgetränke.
Vermutlich schon zuvor, gesichert aber seit 1960 war der Bahnübergang aus Rationalisierungsgründen zur Einsparung von Personal zu bestimmten Zeiten in den Abend- und Nachtstunden vollständig geschlossen. Unter den amtlichen Mitteilungen finden wir beispielsweise im Griesheimer Anzeiger am 29. Oktober 1960 folgenden Hinweis:
„Die Bundesbahn teilt mit, daß der Bahnübergang Nr. 81 (Dornheimer Weg) auf der Strecke Darmstadt – Goddelau ab 1. November bis voraussichtlich Ende Februar 1961 täglich nur noch in der Zeit von 6.00 Uhr bis 20.00 Uhr besetzt ist.“
Rechtzeitig zum Monatsende teilt der Griesheimer Bürgermeister Georg Bohl am 24. Februar 1961 mit, daß der Posten an diesem schienengleichen Bahnübergang in der Zeit von März bis Oktober 1961 „wieder“ von 5.00 Uhr bis 22.00 Uhr besetzt sei. Dieses Wechselspiel wiederholte sich in den folgenden Jahren. Wer aus Darmstadts Waldkolonie über Gehaborn nach Weiterstadt fahren wollte, mußte einen anderen Weg nehmen. Zu den Weihnachtstagen 1967 sowie zu Silvester und Neujahr wenige Tage später wurde der Bahnübergang komplett geschlossen. Fußgänger konnten weiterhin die Drehkreuze benutzen, während Straßenfahrzeuge auf den Bahnübergang Pallaswiese (Posten 82?) verwiesen wurden.
Obwohl Silvester schon etwas zurücklag, verfing sich am Dienstagmorgen des 2. Januar 1962 um 7.20 Uhr, so der Griesheimer Anzeiger vier Tage darauf, ein Fahrzeug in der Bahnschranke. Der Sachschaden soll 800 DM betragen haben. Am Mittwochnachmittag des 3. April 1963 endete gegen 17.40 Uhr eine Fahrt mit Trunkenheit am Steuer ebenfalls an einer Bahnschranke am Dornheimer Weg, wie die Zeitung drei Tage später vermeldete.

Im weiteren Verlauf befindet sich an der Nordseite des Schotterbetts ein Vermessungsstein. Da das Winterlicht am Nachmittag arg schwach ist, habe ich den Stein angeblitzt. Eigentlich müßten hier die Buchstaben „TP“ zu sehen sein, aber sie sind nicht zu erkennen. Ob dies damit zusammenhängt, daß dieser Stein nicht exakt nach der Nord-Süd-Achse ausgerichtet ist?
Es ist zu vermuten, daß dieser Vermessungsstein mit dem Bau und Betrieb der Riedbahn zusammenhängt.

Im Januar 1956 wurde der Bahnübergang an der Braunshardter Hausschneise zum Betrieb mit Anrufschranke umgerüstet. Der Pfosten am linken Wegrand vor der Schranke könnte die Sprechstelle sein. Wer immer die Gleise kreuzen wollte – meist waren es nicht Fußgänger oder Radfahrerinnen wie heute, sondern Fuhrwerke und Traktoren –, hatte sich mittels eines Hebels beim Schrankenwärter an Posten 79 zu melden und laut und deutlich sein (oder ihr) Begehr zu verkünden. War kein Zug in Sicht, gingen die Schranken hoch. Nach Querung der Gleise war der Schrankenwärter durch lauten Zuruf davon zu informieren, daß die Gleise wieder frei waren. An Videoüberwachung im Wald war damals noch nicht zu denken.
Diese einzigartige Aufnahme eines ansonsten unscheinbaren Bahnübergangs zeigt die Braunshardter Hausschneise mit Blickrichtung nach Süden zur Siedlung Tann. Das Aufnahmedatum müßte zwischen 1956 und 1960 liegen.

Der Bahnübergang an der Braunshardter Hausschneise gehörte zu den regulären Übergängen ohne Bahnwärterhaus. 1958 plante die Bundesbahn, die bisherige Anrufschranke durch eine Blinklichtanlage zu ersetzen. Das hierzu notwendige Umwidmungsverfahren führte schließlich zur Schließung des Bahnübergangs. Die Bundesbahn argumentierte, daß sich in der Nähe ein weiterer Bahnübergang am Dornheimer Weg befände, die Gemeinde Griesheim verwies auf die Unannehmlichkeiten für den land- und forstwirtschaftlichen Verkehr. Nach langen Verhandlungen einigten sich beide Seiten darauf, daß die Bundesbahn an der Südseite des Bahnübergangs einen Hydranten zum Löschen von Waldbränden setzte, im Gegenzug Griesheim der Schließung zustimmte. Im Dezember 1960 wurde der Bahnübergang offiziell geschlossen.
Mit dem Rückbau der Gleise 1991 wurde die Braunshardter Hausschneise durch einen neuen „Übergang“ über den noch liegenden Schotter wieder frei zugänglich.
Im Gegensatz zum vorherigen Bild ist hier der Blick nach Norden gerichtet.

Im Weigandsbusch, an einer Stelle, wo der benachbarte Weg nach Weiterstadt leicht ansteigt und – umgekehrt – nach Griesheim leicht abfällt, ist die Riedbahntrasse mitsamt ihrer Schotterbahn und Kilometersteine noch besonders gut zu erkennen. Am 24. März 1945 ist hier ein Versorgungszug liegen geblieben, der von der Griesheimer Bevölkerung umgehend geplündert wurde. Ein Augenzeuge berichtete, sein Vater habe hiervon erfahren und so seien sie zu zweit losgelaufen. Doch als sie den Zug erreicht hätten, sei schon gar nichts mehr zu holen gewesen.
Am 25. März 1945 marschierten die alliierten Soldaten in Darmstadt ein. Die US-amerikanische Reporterin Margaret Bourke-White folgte damals den vorrückenden Truppenverbänden der US Army in das besetzte Deutschland. Hierbei fotografierte sie die Plünderung, verlegte den Ort jedoch nach Erzhausen. [1]
Kurz vor Erreichen der Autobahnunterführung steht nördlich der Bahntrasse ein Betonbunker, den ich weder zeitlich noch funktional zuordnen kann. Da er direkt am Rande des noch vorhandenen Schotterbettes steht, ist ein Zusammenhang mit der ehemaligen Riedbahn anzunehmen.

Diese nun wirklich großzügige Anlage provoziert die Fragestellung, ob der breite Durchlaß für die von der Stillegung bedrohte Riedbahn eingeplant worden ist. Von der Breite her ist hier eher an ein Straßenbauprojekt zu denken, das jedoch nie verwirklicht wurde. Wenn wir uns die hessische Straßenbauwut der 60er, 70er und 80er Jahre vor Augen halten, bei der ehemalige Bundesstraßen als vierspurige Autobahnen kreuz und quer durch Südhessen geführt wurden, dann bietet sich als gedachte Verkehrsführung eine nördliche Umgehung Griesheims mit Anschluß an den Dornheimer Weg in Darmstadt an, aber auch andere Unsinnigkeiten sind nicht auszuschließen. Indes sind mir konkrete diesbezügliche Planungen nicht bekannt. Im Griesheimer Anzeiger fand sich jedoch am 18. Juli 1970 – passend zur Meldung über die Einstellung des Personenverkehrs auf der Riedbahn zwischen Darmstadt und Goddelau – folgende Überlegung:
„Allerdings ergibt sich hierdurch die Möglichkeit, den Belangen des immer dichter werdenden Straßenverkehrs gerecht zu werden und eine neue nördliche Straßenverbindung nach Darmstadt mit Anschluß nach Weiterstadt zu projektieren. Das Gelände des stillgelegten zweiten Gleises und des Parallelweges würde für die notwendige Straßenbreite ausreichen.“
Bis 1958 befand sich an dieser Stelle noch ein schienengleicher Bahnübergang (Posten 79) mit einem Streckenwärterhaus für die damals hier geführte Bundesstraße 26 von Mainz über Groß-Gerau nach Darmstadt. Doch schon wenige Jahre später wurde die Bundesstraße zur Autobahn ausgebaut (die heutige A67), nachdem Überlegungen, die Autobahn westlich an Griesheim vorbeizuführen, verworfen worden waren. Im Juni 1963 wurde die Bundesstraße gesperrt und der Verkehr von Darmstadt in Richtung Mainz über Griesheim und Weiterstadt umgeleitet. Die Freigabe des Autobahn-Teilstücks vom Mönchhof-Dreieck bis zum Darmstädter Kreuz erfolgte in mehreren Teilstücken bis zum Sommer 1965. Da die Riedbahn zu diesem Zeitpunkt noch zweigleisig von Griesheim nach Darmstadt geführt wurde, ist die Brückenweite wohl eher dem Umstand geschuldet, daß beidseitig der Eisenbahntrasse zwei Wirtschaftswege angelegt wurden.
Das Liegenschaftsbuch des Bahnhofs Griesheim hilft uns hier vielleicht weiter. Es enthält noch Mitte der 60er Jahre Einträge, die eine mögliche Elektrifizierung der Strecke andeuten. Auch der Unterhalt der Seitenwege wurde geregelt. Noch schien zum damaligen Zeitpunkt die Entscheidung zur Stillegung der Strecke nicht gefallen zu sein; daher die großzügige Brückenkonstruktion.
Im Griesheimer Stadtarchiv befinden sich mehrere Fotografien des Bahnwärterhauses, die einige Fragen aufwarfen und im Historischen Forum von DSO zu einigen Spekulationen eingeladen haben.
Die Fotografien entstammen dem Fotoalbum von Gerhard Schreiner, dessen Vater Schrankenwärter am Posten 79 gewesen war. Gerhard Schreiner lebte bis etwa 1990 im zugehörigen (ehemaligen) Bahnhaus, bevor dieses dem Bau des Nordrings weichen mußte. Diese und weitere Fotografien zum Posten 79 zeige ich auf mehreren Seiten. Diese Bilder zeigen den ehemaligen Bahnübergang und das Bahnhaus zwischen 1950 und 1990, insbesondere die Arbeiten zur Beseitigung des Bahnübergangs, verbunden mit dem Bau der Schnellstraße über die Riedbahn in den Jahren 1957 und 1958.
»» Zur Startseite der Fotografien zu Aspekten der Geschichte des Postens 79.

Direkt hinter der Autobahnunterführung verläuft der kurz nach 1990 erbaute Nordring. Dieses Straßenbauprojekt ist mit dafür verantwortlich, daß die Gleise zwischen Griesheim und der Firma Röhm im Weiterstädter Stadtteil Riedbahn komplett abgetragen worden sind. Griesheims Bürgermeister Norbert Leber hatte sich bei der Bundesbahn hierfür eingesetzt. Diese Geschichte wird jedoch auf meiner Riedbahnseite zu Griesheim erzählt.
Südlich des Nordrings verläuft das Schotterbett der Riedbahn am Waldrand nahe der Brunnenschneise nach Griesheim hinein. Wer die Trasse begeht, kann feststellen, daß auf dem schon 1975 abgetragenen südlichen Gleis der Pflanzenbewuchs schon stärker ist. Die Nordseite hingegen ist weiterhin Gift für das Wachstum mitteleuropäischer Gewächse.
»» Link zur Fortsetzung nach Griesheim hinein.
»» [1] Aus Urheberrechtsgründen kann das Foto hier nicht wiedergegeben werden. Ich verweise hierzu beispielsweise auf das Griesheim-Buch von Erich Müller und Karl Knapp; hier auf Seite 413.
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