1869 wurde die Riedbahn zwischen Darmstadt und Worms eröffnet. Die heutige Riedbahn mit ihrem Hauptverlauf von Mannheim nach Frankfurt wurde erst zehn Jahre später errichtet. Dokumentiert wird auf meinen Riedbahn-Seiten der Streckenabschnitt zwischen Darmstadt und Goddelau.
Diese Seite behandelt das Werkstättengleis, das westlich des Hauptbahnhofs begann und auf einer eigenen Trasse zur Nordschleife der Riedbahn geführt wurde. Dieses Gleis ist noch weitgehend erhalten.

Im Zuge der Verlegung der beiden zentralen Darmstädter Bahnhöfe vom heutigen Steubenplatz hin zum heutigen Hauptbahnhof in den Jahren 1910/12 wurde auch die Riedbahnstrecke an ihrem nördlichen Ausläufer neu trassiert. Zudem wurde nordwestlich des Hauptbahnhofs eine ausgedehnte Werkstättenanlage eingeplant, deren Gleisanschluß mittels eines eigenen Gleises vom Hauptbahnhof zur neuen Nordschleife der Riedbahn erfolgte.

Diese in einem Stadtplan aus der Umbauzeit als „Werkstättengleis“ bezeichnete Stichstrecke wurde vermutlich erst in den 1970er Jahren an ihrem nördlichen Ende gekappt. Heute zeigt der dichte Pflanzenbewuchs in der Nähe des Prellbocks, daß das Gleis seine Funktion weitgehend verloren hat.

Die ehemaligen Werkstätten sind inzwischen Teil der Starkenburg-Kaserne und werden im Zuge der Privatisierung der Kriegsführung von der Heeresinstandsetzungslogistik GmbH als Systeminstandsetzungszentrum betrieben.
Vermutlich aus diesen Werkstätten ist eine Fotografie aus dem Jahr 1920 vorhanden, die Ludwig Scheib aus der Griesheimer Pfützenstraße mit seinen Kollegen zusammen mit einer Dampflokomotive der preußischen P8 zeigt.
Dieses am 1. Juli 1909 eröffnete Lokomotiv-Ausbesserungswerk verließ offiziell am 20. November 1955 die letzte hier ausgebesserte Dampflokomotive. Seit 1956 werden hier Panzer ausgebessert. So etwas nennt man und frau wohl umgekehrte Rüstungskonversion.
Das Werkstättengleis biegt noch unterhalb der Brücke des Dornheimer Weges von der Hauptstrecke ab und verläuft zunächst westlich der Lokschuppen. Einige Meter nördlich des Dornheimer Weges zweigte ein weiteres Gleis auf das Gelände des Umspannwerks der HEAG ab, das weitgehend abgebaut worden ist. Ein eigener Brückenbogen westlich neben der langgezogenen Brücke über den Dornheimer Weg ist jedoch noch sichtbar.

Das Werkstättengleis verläuft dann weiter nördlich an der Starkenburg-Kaserne im Osten vorbei und überquert beim Akazienweg die Mainzer Straße auf einer eigenen Brücke, die rund 100 Meter westlich von den übrigen, noch genutzten Brückenbauwerken gelegen ist. Kurz vor der Brücke endet die Nutzung des Gleises auf dem Gelände einer Logistikfirna für den Transport von Automobilen. Das Warnschild einer Security-Firma weist auf die Existenz von Hunden hin. Das Gelände wird durch einen Zaun abgegrenzt. Hinter dem Zaun (also noch einige Meter vor der Brücke) beginnt der Wildwuchs. Gräser und Sträucher sprießen aus dem Schotter hervor.
Die Brücke für das Werkstättengleis besitzt ein zweites Auflager für ein zweites Gleis auf der Westseite in Richtung Lokomotivwerkstätten. Vermutlich wurde hier beim Bau dieser Gleisstrecke schon eine Erweiterung vorbereitet. Ob diese jemals eingerichtet wurde? Nördlich der Brücke ist der Bahndamm jedenfalls auch heute noch rund 250 Meter lang breit genug für die Aufnahme eines zweiten Gleises.
An Heiligabend 2005 wurde auf der Brücke noch ein Güterzug gesichtet.
Westlich vorbei an der Kläranlage endet das Werkstättengleis an einem Prellbock auf der grünen Wiese. Südlich der alten Riedbahntrasse verläuft zwischen der Mainzer Straße und der Gräfenhäuser Straße ein schmaler Feld/Waldweg, von dem aus der Prellbock entdeckt werden kann. Dieses Teilstück scheint schon seit Jahren nicht mehr befahren worden zu sein. Im Gleisbett wachsen Sträucher und die Schienen rosten vor sich hin. Kurz vor dem Prellbock zweigt noch einmal ein Industriegleis zum Areal des früheren Vertriebszentrums der Fa. Miele ab, und zwar in Gegenrichtung. Dieses Vertriebszentrum wurde jedoch geschlossen, womit der Gleisanschluss nördlich der Brücke über die Mainzer Straße keinen Zweck mehr erfüllt. Da ist es fast schon erstaunlich, daß diese nicht mehr benötigten Schienen angesichts der Stahlpreise noch unbehelligt im wuchernden Dickicht liegen gelassen werden.

Der weitere Verlauf der Trasse ist noch weitgehend erkennbar, zumal die letzten Meter auf einer Aufschüttung hin zum noch vorhandenen Gleis der ab 1901 (damals noch auf der alten Trasse) zweigleisigen Riedbahn geführt wurden.

Während im Sommer Bäume und Sträucher die Sicht versperren, ist im Winter vom Gleisrest der Riedbahn aus sehr schön der alte Bahndamm des Werkstättengleises zu sehen, der am Rechten Bildrand in Richtung Prellbock führt.

Direkt hinter dem westlichen Ende der heutigen Brücke über die Gräfenhäuser Straße zweigte geradeaus das Werkstättengleis von der neuen Trasse der Riedbahn ab. Das heutige Gleisbett ist das nördliche Gleis. Das südliche ist nur noch anhand von Schotterresten erkennbar. Im Grunde genommen sehen wir hier zwar nichts, aber das Bild vermittelt dennoch eine rudimentäre Vorstellung vom Gleisverlauf.

Ein Stadtplan aus dem Jahr 1927 gibt einen Hinweis darauf, daß das Werkstättengleis kurz vor der Kreuzung der Gräfenhäuser Straße nicht etwa in die beiden bestehenden Gleise eingefädelt wurde, sondern parallel zu diesen bis zur Verbindungsbahn verlief. Schauen wir uns die hier gezeigte Kreuzungsbrücke näher an, so verlief links vom am linken Bildrand zu sehenden Gitter das Gleis in Richtung Goddelau, geradeaus hin zu dem zweiflügeligen Gitter auf der anderen Brückenseite das Gleis in Richtung Darmstadt und dort, wo das einfache Geländer steht, das Werkstättengleis. Der hier aufgeschüttete Damm trug demnach ursprünglich drei Gleise.
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