Karte zum Fabrikviertel. Industriegleise im Fabrikviertel Darmstadt.

Industriegleise im Fabrikviertel Darmstadt

Die Zeppelinhallen in der Landwehrstraße

Vorwiegend moderne Ansichten

1872 und 1893/94 wurden die beiden ersten Industriestammgleise zum Darmstädter Fabrikviertel eingerichtet. Dieses Fabrikviertel bildete sich mit der Westexpansion der Stadt Darmstadt Ende des 19. Jahrhunderts und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts heraus. Von den Mitte der 50er Jahre rund dreißig, Anschlußgleisen sind im gesamten Stadtgebiet nur noch drei übriggeblieben (Evonik, Hofmann-Rieg und Merck), die regelmäßig genutzt werden, eines, das bei seltenem Bedarf genutzt wird (Donges), und eines, das von der Stadt Darmstadt in der Hoffnung auf bessere Zeiten regelmäßig freigeschnitten wird (Donges „Hintereingang“).

Auf der bis 1912 von der Riedbahn und der Main-Rhein-Bahn genutzten Trasse zu den Alten Bahnhöfen wurden etwa 1922/23 zwei große Fabrikhallen errichtet. Das Grundgerüst dieser Hallen entstammte einer Zeppelinhalle, die bei Dywity (früher: Diwitten), etwa fünf Kilometer nördlich des heutigen Olsztyn, gestanden hatte.

»»  Bild dieser Zeppelinhalle bei Dywity auf einer polnischen Webseite.


Die Bahnbedarf A.-G. errichtete 1922/23 auf ihrem kurz zuvor erworbenen Grundstück zwei große Werkshallen, deren Grundkonstruktion aus der ostpreußischen Zeppelinhalle entstammte. Die an der Landwehrstraße gelegene Halle wurde von den 70er bis in die 90er Jahre von der Logistikfirma Rhenus genutzt. Seit etwa 1999 dient sie als mehrgeschossiges Parkdeck. Die südlichere Halle an der Julius-Reiber-Straße (zuvor: Lagerhausstraße) geriet beim Brand eines Lagers der Firma Merck 29. Oktober 1977 in Mitleidenschaft und wurde bald darauf abgerissen. Schon 1979 stand an ihrer Stelle ein neues Bürogebäude. Angaben, wie sie etwa zur Route der Industriekultur Rhein-Main oder andernorts zu finden sind, wonach die zweite Halle 1970 abgebrannt sein soll, sind unzutreffend. Ein 1977 aufgenommenes Luftbild des Firmengeländes von Röhm & Haas – zu betrachten in meiner Darstellung des Industrie­stammgleises „B“ – zeigt selbige Halle noch intakt.

Montagehalle.

Abbildung 1: Die an der Landwehrstraße gelegene Montagehalle. Quelle: Denkmalarchiv Darmstadt.

Die ursprüngliche Zeppelinhalle von Dywity mußte aufgrund der Bedingungen des Friedensvertrages von Versailles nach dem vom Deutschen Reich verlorenen Ersten Weltkrieg demontiert werden, was 1921 geschah. Diese mächtige Halle wurde nun in Darmstadt nicht in voller Größe wiederhergestellt, sondern nach Maßgabe der geplanten Nutzung als Fabrikhallen in verkleinerter Ausführung errichtet. An Stelle der für derartige Zeppelinhallen typischen Wellblech­verkleidung erhielten die Werkshallen 1923 eine Klinkerfassade. Zwischen den beiden im Volksmund weiterhin Zeppelinhalle genannten Gebäuden befand sich eine Schiebebühne. In luftiger Höhe wird das Dach durch eine Holzkonstruktion getragen, wobei oberhalb des höchsten Parkdecks noch viel Raum vorhanden ist.

„Das expressionistisch gestaltete Äußere entwarf Jan Hubert Pinand, der den dunklen Ziegel mit hellen Betongesimsen und Gewänden dekorierte.

Typisch für die Bauzeit sind die Treppengiebel an den Schmalseiten sowie über den Risaliten an der Längsseite und die Sprossenteilung an den runden Fenstern in der Südfassade.“ [1]

Die Ostfassade wurde nicht ganz so aufwendig gestaltet. Die bis heute an der Halle vorhandenen Gleise und Weichen sind nicht Teil der ursprünglichen Riedbahn. Sie wurden zur besseren Andienung der Bahnbedarf A.-G. verlegt und sind auf einem Gleisplan der Bahnbedarf-Rodberg GmbH von 1953 noch gut zu erkennen.

Das Gelände mit seinen beiden Hallen gelangte Mitte der 1930er Jahre in die Hände der Bahnbedarf-Rodberg A.-G., die 1939 verkauft und in eine GmbH umgewandelt wurde. Dieses Unternehmen war bis 1969 Zulieferer im Eisenbahn­wesen, mußte dann jedoch geschlossen werden. Anfang der 1990er Jahre betrieb hier das Logistik­unternehmen Rhenus eine Lagerhalle; der Gleisanschluß wurde weiterhin genutzt. Nach der Umwidmung als Parkhaus fand dort am 16. Juli 2005 die zweite Nacht der Performance „Nachtdeck“ statt. Diese Veranstaltung war Teil der Tage der Route der Industriekultur Rhein-Main im Juli 2005. Im Sommer 2016 öffnete eine Eisdiele im ehemaligen Pförtnerhäuschen an der Ostseite der nördlichen Halle. Mit einem kurzen Text aus dem „Darmstädter Echo“ soll der nachfolgende Rundgang um die Reste einer ehemaligen Zeppelinhalle eingeleitet werden:

„Die Zeppelinhalle in der Landwehrstraße zählt zu den architektonischen Besonderheiten der Weststadt. In dem Gebäude sind früher tatsächlich Zeppeline gebaut worden.“ [2]

In dem Gebäude, das im Artikel erwähnt wird, gewiß nicht. Vielleicht ist der Redakteurin hier etwas durcheinander­geraten und sie hat geglaubt, die Halle sei 1:1 wieder errichtet worden. Vielleicht war es auch anders. Jedenfalls hat hier Klaus Honold, der es gewiß besser weiß, wohl nicht richtig auf seine lernende Redaktionskollegin aufgepaßt …


Westseite.
Einfahrtsportal.
Innere Balkenkonstruktion.
Verschraubung.
Oberstes Parkdeck.
Ausblick auf das Nachbargebäude.
Das einmontierte Parkhaus.
Westfassade.
Südfassade.
Ostfassade.

Die Bilder 2 bis 11 zeigen die nördliche „Zeppelinhalle“ im Herbst 2008.


Luftbild.

Bild 12: Auf einem 1966 aus rund 5 Kilometern Höhe angefertigten Luftbild sind beide Zeppelinhallen auf dem Firmengelände von „Bahnbedarf-Rodberg“ gut auszumachen. Heute, ein halbes Jahrhundert später, sieht das gesamte Gelände zwischen Feldberg- und Dolivostraße im Westen, Landwehr­straße im Norden, Kasino­straße im Osten und Julius-Reiber-Straße im Süden komplett anders aus. Geblieben ist die nördliche der beiden Hallen. Mit freundlicher Genehmigung durch das Vermessungs­amt Darm­stadt.


Literatur

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hg.) : Kulturdenkmäler in Hessen. Stadt Darmstadt, Seite 554.

»» [2]   So der erläuternde Text zu einem Bild der Zeppelinhalle im Artikel „Die Weststadt – eine Chance für Darmstadt“.


 
 
 
Valid HTML 4.01 Transitional  Valid CSS!