Notgeld der Bahnbedarf A.-G.
Die Bahnbedarf A.-G.
Ausschnitt aus dem Stadtplan von 1878.
Das Fabrikviertel 1878.
Die mechanische Werkstätte der Motorenfabrik Darmstadt.
Die Motorenfabrik.
Holzwerke Jonas Meyer.
Die Holzwerke Jonas Meyer.
Die Waggonbauhalle der Möbelfabrik Ludwig Alter.
Waggonbauhalle von Ludwig Alter.

Das Fabrikviertel in Darmstadt.

Die Deutsche „Cristalline“ Werke.

Fragmente zu einer Geschichte

Das Unternehmen wurde am 20. Oktober 1933 in der Abteilung A unter der Nummer 1987 als Deutsche Mercedes Motoröle, Prof. ing. a. D.Peter Willems in Casel bei Trier in das Trierer Handesregister eingetragen. Am 17. Mai 1935 ließ in Saarbrücken ein Max Moog seine Deutsche-Mercedes-Motoroel-Betriebe Saar in Deutsche-Cristalline-Motoroel-Betriebe Saar abändern (HRA 2889). Am 4. Februar 1936 wird diese Firma als erloschen eingetragen. Dadurch ist der Name Cristalline frei; in welcher Beziehung diese beiden Betriebe gestanden haben, ist unklar. Peter Willems läßt am 20. April 1937 sein Unternehmen in Deutsche Cristalline Motoroele, Joh. Peter Willems, Chemiker mit Sitz in Trier umfirmieren. Wie klein oder umfangreich sein Unternehmen gewesen ist, läßt sich aus den dürren Angaben des Handesregisters nicht feststellen. Am 18. Mai 1940, diesmal unter HRA 447, erhält das Unternehmen seinen späteren Namen, nämlich Deutsches Cristalline-Werk Peter Willems, Trier. Weshalb die Handels­register­nummer geändert wurde, ist nicht ersichtlich. Am 24. Juli 1940 wird in Darmstadt unter HRA 2889 neu eingetragen die Deutsche „Cristalline“ Werke Peter Willems. Dem Chemiker Hermann Willems in Trier wurde Prokura erteilt. Als Geschäftszweck wird Mineralöl­raffinerie und chemische Industrie sowie der Vertrieb der Erzeugnisse derselben vermerkt. Die Geschäftsräume befinden sich am Taunusring 24. [1]

Laut Bekanntmachung der Reichsstelle „Chemie“ zur Allgemeinen Anordnung über Kühlwasser­schutzmittel vom 16. Oktober 1940 werden insgesamt einundzwanzig Kühlwasser­schutzmittel zugelassen, darunter das Frostschutz­mittel „Crisal“ aus dem Trierer Werk von Peter Willems [2]. Dieses Mittel scheint seine Tücken gehabt zu haben; es ist jedoch kaum anzunehmen, daß Willems hiermit die Wehrkraft der Wehrmacht zersetzen wollte. Im einer Anlage zum Kriegstagebuch der 9. Division, Quartier­abteilung (Ib), Nr. 216/40 vom 24. Februar 1940, heißt es zu Crisal:

„Gemäss Verfügung OKH (Ch H Rüst u BdE) vom 20.1.40) ist das bisher zum Teil verwendete Frostschutz­mittel Crisal der Deutschen Cristalline-Werke ungeeignet. Das Material wird in ungewöhnlichem Maße durch dieses Frostschutzmittel angegriffen. Crisal ist deshalb aus den Kühlern zu entfernen, da mit Zuweisung von Glysanthin nicht zu rechnen ist. Die Truppe hat sich dadurch zu behelfen, dass sie bei Frostgefahr das Kühlwasser ablässt.“ [3]

Während das Darmstädter Adreßbuch den Fabrikanten Peter Willems aus Trier erst 1941 nennt, führt das Darmstädter Brand­versicherungs­kataster ihn schon 1940 als Eigentümer auf, mit dem ein Jahr später erfolgten Zusatz, der Firmensitz sei nunmehr nach Darmstadt verlegt worden. Diese Cristallinewerke finden sich im Adreßbuch noch bis zum Ende der 1950er Jahre, nun unter der Anschrift Kasinostraße 62. Am 4. Oktober 1941 beantragt der Chemiker Peter Willems unter dem Namen der Deutschen Cristalline Werke, einen Dampfkessel in Betrieb nehmen zu dürfen, was ihm die Gewerbeaufsicht Darmstadt am 18. Februar 1942 auch gestattet. Welchen Teil des weitläufigen Gebäude­komplexes der ehemaligen Maschinenfabrik und Eisengießerei das Werk umfaßte, läßt sich nur annähernd erschließen. Das Brand­versicherungs­kataster nennt für 1940 ein zweistöckiges Magazin und Wohnhaus, den Kessel­wagenbau der Bahnbedarf, nunmehr ebenfalls Magazin und Wohnhaus, den Wagenbau der Bahnbedarf, nunmehr ein einstöckiges Magazin und Wohnhaus, einen Lagerschuppen der Bahnbedarf, nunmehr Büro­gebäude mit Wohnung, sowie einen Lagerbau, in dem die Cristalline Werke ihren Pförtner unterbrachten. Ein 1930 im Auftrag der Deutsch-Amerikanischen Petroleum-Gesellschaft angefertigter Lageplan zeigt auf diesem Grundstück mehrere Anschlußgleise, so daß davon ausgegangen werden kann, daß auch die Cristalline Werke hierüber Waren bezogen und/oder versandten. Heute steht dort an der Kasinostraße ein Autohaus neben einer Tankstelle; und dahinter im Gelände muß sich das Unternehmen von Peter Willems befunden haben. [4]

Weitere Angaben zu diesem Unternehmen aus der Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs sind mir nicht bekannt. Erschwerend kommt hinzu, daß das Darmstädter Handelsregister aufgrund alliierter Bombardierungen 1944 abgebrannt ist und nach Ende des Krieges mühsam rekonstruiert werden mußte. Die im Staatsarchiv Darmstadt zugänglichen Unterlagen belegen, daß die Wieder­herstellung der Firma mit seinem Eigentümer Peter Willems im Handelsregister auf den 8. März 1946 datiert. Am 26. September 1946 wurde aufgrund einer Verfügung des Amtes für Vermögens­kontrolle der US-amerikanischen Militär­regierung der Kaufmann Kurt Ernst Z. aus Ober-Ramstadt zum Treuhänder bestellt. Am 6. Januar 1950 wird diese Treuhandschaft als erloschen eingetragen. Am 21. Mai 1954 wird als Einzelprokurist Ferdinand S. aus Darmstadt eingetragen. Mit dem 10. Juli 1956 gilt die Firma als erloschen. Soweit die dürren Angaben im Handelsregisterauszug. [5]

Zwar enthält die Akte einige wenige weitere Angaben, doch ohne daß wir uns wirklich ein genaues Bild von der Produktions­tätigkeit der Firma machen können. In einem Briefkopf von 1949 wird sie als (wohl weiterhin) „Mineralöl­raffinerie und Chemische Industrie“ bezeichnet, mit Dependancen in Darmstadt und Trier. Auf Nachfrage eines Notars im westfälischen Hamm antwortet das Amtsgericht Darmstadt am 19. Januar 1960:

„Die Firma Deutsche ‚Cristalline‘ Werke Peter Willems, Darmstadt, wurde am 16.7.56 im Handelsregister gelöscht. Der Antrag wurde von dem alleinigen Inhaber: Prof. em. Ing. Peter Willems, [Anschrift], Luzern, gestellt unter gleichzeitiger Mitteilung, daß der Betrieb am 31.12.1955 geschlossen habe.“

Der genannte Ferdinand S. wurde 1954 von dem als Staatenloser in der Schweiz weilenden Peter Willems als Prokurist ernannt zur Wahrnehmung aller Rechtsgeschäfte in der Bundesrepublik Deutschland. Willems firmierte zu dieser Zeit unter dem Label Chemie-Technologie und Biologische Forschung – Verfahrens­beratung und Patent­verwertung. Was es damit auf sich hat und weshalb er es vorzog, seine Geschäfte aus der Schweiz zu lenken, muß hier offen bleiben. Es scheint jedenfalls so, daß Willems recht unzufrieden mit den von der US-Militär­regierung eingesetzten Treuhändern war, worüber ein Schreiben vom 1. April 1949 an das Amtsgericht Darmstadt Aufschluß gibt:

„Ich danke Ihnen für Ihr Schreiben. Der Treuhänder K.E. Z. wurde wegen grober Verfehlungen, sowie Fälschungen in meinen Büchern und in Steuerbilanzen auf meinen Antrag bereits am 1.2.1947 fristlos abgesetzt. An dessen Stelle wurde vom Amt für Vermögenskontrolle am 1.2.1947 als Treuhänder Dipl.-Ing. Karl E. eingesetzt. Auch dieser wurde am 23.3.1948 nach andauernder Verwirtschaftung und schwerer Schädigung meines Unternehmens auf meinen Antrag nach voraufgegangener Untersuchung und aufgrund der Gutachten der beauftragten Wirtschaftsprüfer und technischen Sachverständigen fristlos abgesetzt.

Am gleichen Tage wurde auf meinen Antrag die frühere Bevollmächtigte meine Unternehmens, Frau Lieselotte K., zum Treuhänder ernannt und auf Veranlassung der Property-Control-Section durch mich zur Bevollmächtigten ernannt und von der Militärregierung anerkannt.

Diese geschäftsführende Bevollmächtigung war gültig aufgrund der eingetretenen Änderung in der Errichtung sogenannter Schutzkontrollen – Prodektiv-Control für alliierte Vermögen (AV-Vermögen).

Ich werde mit meinem Antrag auf Löschung der von Z. seinerzeit veranlassten Eintragung ins Handelsregister in Kürze näher kommen und entsprechende Bescheinigung über die Aufhebung der Treuhänderschaft durch das Amt für Vermögens­kontrolle beifügen.“

Darauf kann ich mir erst einmal keinen Reim machen. Hier sind Experten für die alliierte Vermögens- und Wirtschaftspolitik zwischen 1945 und 1950 gefragt. Fragen bleiben: Wessen Vermögen mußte vor Peter Willems geschützt werden? Weshalb zog es ihn in die Schweiz? Was produzierte er mit seiner Firma im NS-Faschismus? Welches Verhältnis hatte er zum National­sozialismus und zur NSDAP? Sicher hingegen ist, daß das Unternehmen im Zweiten Weltkrieg Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion für sich hat schuften lassen.

Selbstdarstellung des Unternehmens …

… in der Verschleierungssprache der Nachkriegszeit:

„Als die

DEUTSCHE CRISTALLINE-WERKE

mit ihrem damaligen Werk Trier und ihrer Zweigniederlassung Saarbrücken sich 1939 zur Errichtung eines Zweigwerkes in Darmstadt entschlossen, waren die bevorstehende Katastrophe und die Kriegsfolgen noch nicht vorauszusehen. Schon kurz nach Ausbruch des Krieges mußte das Stammwerk Trier geschlossen werden, und die Räumung der Anlagen war nur zum Teil möglich. Die Wiedereröffnung dieses in der Erzeugung höchstwertiger Motoren-Schmieröle und Sonder­schmierstoffe in Deutschland und im Ausland bekannten Werkes wurde durch den Krieg endgültig vereitelt, bis die gesamten Anlagen der Zerstörung zum Opfer fielen.

Erfreulicherweise konnte noch bis Ende des Jahres 1942 das neu errichtete CRISTALLINE-WERK DARMSTADT die Produktion des Trierer Stammwerkes, die auf 17 eigenen Patenten beruht, in neuen Anlagen aufnehmen und erweitern.

So waren die DEUTSCHE CRISTALLINE-WERKE in der Lage, insbesondere die ihr seit Einführung der Diesel-Schnell­triebwagen der Reichsbahn (Fliegende Hamburger) im Jahre 1934 obliegende Versorgung dieses wichtigen Verkehrsmittels ebenso wie der Motorenwerke in vollem Umfange durchzuführen. Allerdings mußte infolge dieser Verpflichtungen die Belieferung des zivilen Bedarfs weitgehend zurücktreten. Hinzu kam, daß gegen Ende des Krieges auch das CRISTALLINE-WERK DARMSTADT schwere Kriegsschäden erlitt, wodurch sämtliche Gleisanschlüsse, Anlagen und Gebäude teils völlig zerstört, teils schwer beschädigt wurden.

Erfreulicherweise konnte die Produktion des Werkes Darmstadt nach Instandsetzung der Anlagen schon Ende 1945 wieder in vollem Umfange aufgenommen werden, so daß heute der Bedarf der Deutschen Bundesbahn ebenso wie der übrigen Öffentlichen Abnehmer, aber auch zunehmend des zivilen Kraftverkehrs, befriedigt wird. Auch im Motorrennsport, einem der besten Gebiete für die Erprobung hochwertiger Motor­schmierstoffe, haben die CRISTALLINE-WERKE wieder ihren alten Platz eingenommen. Die Zahl der CRISTALLINE-Rennsiege beläuft sich heute auf rund 500. Die Versorgung des Kraftverkehrs­wesens erfolgt durch Läger und Verkaufsbüros an allen Hauptplätzen.

TAUNUSRING 24 – TEL. 662“ [6]