Luftbild auf das Fabrikviertel 1966.
Das Fabrikviertel 1966.
Ansicht der Dampfkesselfabrik Rodberg.
Dampfkesselfabrik Rodberg.
Zeppelinhalle.
Sogenannte Zeppelinhalle.
Bahnbedarf A.-G..
Bahnbedarf A.-G..
Schild Bahnbedarf-Rodberg.
Bahnbedarf–
Rodberg.

Industriegleise im Fabrikviertel Darmstadt

Die Dampfkessel­fabrik Rodberg

Fragmente einer Unternehmens­geschichte

1872 und 1893/94 wurde das Fabrikviertel mit zwei Industrie­stamm­gleisen an die Eisenbahn angebunden. Von den Mitte der 1950er Jahre noch rund dreißig Anschluß­gleisen sind (Stand 2020) nur vier oder fünf übrig geblieben; dazu ein paar museale Reste in der Landwehr­straße. Die von Theodor und Arthur Rodberg gegründete Dampf­kesselfabrik hat keine Spuren hinterlassen.

Überhaupt ist das Quellen­material zu dieser Fabrik recht dürftig und zudem noch zeitlich recht unausgewogen. Aus den Anfängen sind nur einzelne Desiderate vorhanden. Die Handels­registerakte der nachfolgenden Aktien­gesellschaft reicht nur bis 1922; danach wird es wieder dürftig.


Zwei Handwerker aus Belgien

1868 soll Theodor Rodberg in der Landwehr­straße 63 eine kleine Dampf­kessel­schmiede eingerichtet haben. Ihm zur Seite stand eines Tages auch sein Sohn Arthur. So könnte die Geschichte beginnen, wenn da nicht einige Ungereimt­heiten wären.

Theodore Leonard Toussaint Rodberg erblickte am 1. November 1815 in Lüttich das Licht der Welt. Seine Eltern waren Theodore Joseph Rodberg und Marie Josephe Gronix. Wenige Monate zuvor war Napoléon Bonaparte in der Gegend von Waterloo durch britische und preußische Truppen entscheidend besiegt worden. Die Gegend um Lüttich war zu dieser Zeit eines der führenden kontinentalen industriellen Zentren. Während im Groß­herzogtum Hessen erst 1830 die erste Dampfmaschine hergestellt und nutzbar gemacht wurde, wurden in der Provinz Lüttich im Zeitraum von 1829 bis 1835 rund 260 Dampf­maschinen gebaut. Es ist anzunehmen, daß Theodor Rodberg hier eine erstklassige Ausbildung genossen hat. Während in Europa 1848 ein Gespenst umging und die herrschenden Klassen erstmals das Proletariat als handelndes Subjekt zu fürchten lernten, heiratete Theodor Rodberg am 30. August 1848 die am 23. Aprl 1830 geborene Melanie Drappier aus und wohl auch in Tirlemont (flämisch Tienen). Am 26. Juni 1849 kam Arthur Rodberg in Tienen zur Welt. [1]

Annonce Rodberg und Laur.

Abbildung 1: Annonce der Dampf­kessel­fabrik von Rodberg und Laur in Neuhäusel. Quelle: Deutschland [Zeitung in Frankfurt/M.] vom 27. Januar 1858 [online bsb münchen].

Wo sich Theodor Rodberg in den folgenden Jahren aufgehalten hat, ist nicht bekannt. 1858 tauchte er in Neuhäusel bei St. Ingbert am Westrand der bayrischen Pfalz auf und gründete dort (vielleicht auch schon im Jahr zuvor) mit jemandem namens Laur eine Fabrik. Drei Jahre später firmierte das Unternehmen als Rodberg & Co., mit dem Ortszusatz Neuhäusel bei Homburg (Pfalz). Im Mai 1861 „steht ein eisen­blecherner Braukessel von 1500 Liter Gehalt (Form der kupfernen Kessel) billig zu verkaufen.“ Zwei Annoncen später soll in derselben Zeitungs­ausgabe ein „tüchtiger Modellschreiner […] bei gutem Lohn dauerhafte Beschäftigung“ finden. Was immer unter „dauerhaft“ verstanden worden sein mag – im Juli 1862 nämlich tat sich Theodor Rodberg mit Christian Kümmel jun. in Neunkirchen zusammen. Und dann foigen wieder einige Jahre ohne weiteren Beleg, bis sich Theodor Rodberg 1868 in Darmstadt niederläßt. [2]

Spuren in den Darmstädter Adreßbüchern

Die in der Literatur verbreitete Behauptung, die Dampfkessel­fabrik Rodberg bestehe seit 1868 [3], läßt sich anhand des Darmstädter Adreßbuchs nicht verifizieren. Adreß­bücher gibt es für 1867 und 1870, mit einer Lücke dazwischen. 1867 sind hierin weder Theodor noch Arthur Rodberg anzutreffen. 1867 gab es noch einen Land­wehrweg, an den (hausnummern­mäßig) sowohl der Bahnhof der Hessischen Ludwigs­bahn als auch die Maschinen­fabrik und Eisen­gießerei angebunden waren. Erst 1874 wird hieraus die Landwehr­straße, nunmehr ohne den Bahnhof und die Maschinen­fabrik. Aus dem Landwehr­weg 47 wird die Landwehr­straße 63.

Das 1870er Adreßbuch kennt den Kessel­fabrikanten Theodor Rodberg und seinen Teilhaber, den Kaufmann A. Weyl, verrät uns aber nicht den Standort der Werkstatt oder Fabrik. Möglicher­weise stand sie schon am Land­wehrweg, aber noch nicht im Adreßbuch. Das Adreßbuch für 1871 ist nicht gesprächiger; in ihm gibt es nicht einmal mehr die Partnerschaft mit A. Weyl. Erst 1873 werden unter der Anschrift Landwehr­weg 47 Theodor Rodberg als Kessel­fabrikant und Arthur Rodberg als Kesselschmied genannt. Ohne eine Auskunft des Handels­registers werden wir daraus nicht schlauer; und die entsprechenden Akten dürften 1944 verbrannt sein. Hilfreich sind hierzu jedoch die Auszüge aus dem Firmenregister des Stadtgerichts Darmstadt, die bei Registrierung von neuen Firmen oder bei Veränderungen innerhalb derselben in der lokalen Zeitung (hier: Darmstädter Zeitung und Darmstädter Tagblatt) abgedruckt wurden. Oftmals sind dies die einzigen Hinweise auf kleinere Unternehmen, die wir aus dem 19. Jahrhundert haben.

1876 ist das Geschäft wohl auf Arthur überge­gangen; folglich wird im Adreßbuch für 1878 Theodor als Kesselschmied und Arthur als Inhaber genannt. 1880 scheint Arthur auf das benachbarte Anwesen Nummer 61 gewechselt zu sein, während Theodor noch in Nummer 63 geführt ist. Nachdem Theodor am 7. Januar 1884 verstorben war, ist folglich 1885 nur noch Arthur aufgeführt, der seine Werkstätte oder vielleicht auch schon Fabrik auf dem Gelände des Privatiers Adolph Klein errichtet hatte. In demselben Adreßbuch von 1885 ist nunmehr der Tapeten­fabrikant und (seit 1876) Hoflieferant Philipp Renn als Eigentümer des Anwesens Landwehr­straße 63 geführt.

Im Meldebogen zu Theodor Rodberg ist vermerkt, daß dieser erst am 23. April 1881 Eigentümer des Anwesens Nummer 63 geworden sei. Melanie Rodberg zog aus dem für sie allein wohl zu groß gewordenen Haus im Mai 1884 aus und wechselte danach bis zu ihrem Tod am 15. Juni 1906 mehrfach die Wohnung zwischen Wendelstadt-, Promenade- und Frankfurter Straße, einer besseren Wohngegend also.

Arthur Rodberg war seit dem 11. Februar 1872 mit der am 7. November 1850 in Mainz geborenen Katharina Klein verheiratet. Er erhielt am 21. Januar 1898 die hessische Staats­bürgerschaft verliehen und starb am 13. Februar 1914. Am 17. Juli 1907 verlieh ihm Großherzog Ernst Ludwig das Ritterkreuz II. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmüthigen, vermutlich aufgrund seiner besonderen Verdienste bei der dem Stadtwohl förderlichen Ausbeutung seiner Arbeiter. (Oder was denkt ihr, wofür bevorzugt Kapitalisten oder ihre Manager und politischen Weggefährten Orden oder ein Bundes­verdienstkreuz einheimsen?) [4]

Nehmen wir einfach einmal an, Theodor Rodberg habe seine Schmiede­tätigkeit in Darmstadt tatsächlich 1868 begonnen. Wie könnte das ausgesehen haben? Besaß er etwa eine kleine Hinterhof­schmiede oder hatte er sich zunächst einmal bei der Maschinen­fabrik und Eisengießerei verdungen? Selbige dürfte ihm nicht unbekannt gewesen sein, denn sie hatte beispiels­weise im Januar 1864 über das Zweibrücker Wochenblatt 15 bis 20 tüchtige Kesselschmiede gesucht. Und überhaupt, wie kommt jemand wie Theodor Rodberg ausgerechnet nach Darmstadt? Wenn es kein Mädchen war, er war ja schon zwei Jahrzehnte lang verheiratet, dann kann es nur ein Job gewesen sein. Womöglich ist er nach Beendigung seiner Partnerschaft in Neunkirchen von Ort zu Ort gezogen auf der Suche nach Arbeit und war dann in Darmstadt hängen­geblieben. Aber das ist alles Spekulation, denn irgendwelche Unterlagen hierzu gibt es nicht. [5]

Erstmals faßbar wird sein Auftreten in Darmstadt im August 1869. Am 15. selbigen Monats nämlich ging er eine Partnerschaft mit dem Kaufmann Alexander Weyl ein. Beide waren für das gemeinsame Unternehmen, eine Dampf­kessel­fabrik, jeweils einzeln vertretungs­berechtigt. Doch schon fünfzehn Monate später beendete Alexander Weyl seine Teilhabe an dem Geschäft im November 1870, das Theodor Rodberg nunmehr alleine fortführte. [6]

Annonce Rodberg.

Abbildung 2: Annonce der Dampf­kessel­fabrik von Theodor Rodberg im Fränkischen Kurier vom 22. November 1872 [online bsb münchen].

Zum 1. November 1874 übergab Theodor Rodberg seine Dampf­kesselfabrik seinem Sohn Arthur. Dieser sollte ihr bis zur Umwandlung in eine Aktien­gesellschaft fünfundzwanzig Jahre lang vorstehen. [7]

Dokumente aus diesem Viertel­jahrhundert sind rar, so daß der Werdegang der Fabrik nur sporadisch verfolgt werden kann.

So stellte Arthur Rodberg auf einer mit dem dritten deutschen Brauertag vom 30. Juli bis zum 3. August 1876 in Frankfurt am Main verbundenen Maschinen­ausstellung „vorzüglich gearbeitete Kühlschiffe“ aus, zudem eine Braupfanne. [8]

Dampfkessel von Rodberg.

Bild 3: Dampfkessel Nr. 2057 der Kessel­schmiede von Arthur Rodberg von 1888 mit 6 Atmosphären. Quelle: Merck-Archiv, Bildnr. 22360-01. Mit freundlicher Genehmigung.

Der von mir kursorisch durchgesehene Aktenbestand des Hessischen Staatsarchivs Darmstadt zur Genehmigung von Dampf­kesselanlagen (HStAD G 15 Darmstadt) enthält eine Reihe von Anlagen, die bis 1898 installiert werden sollten oder worden sind. [9]

  • Voigt und Bieringer, Maschinenfabrik, Darmstadt, Arthur Rodberg, Nr. 224, 1872, 5 Atmosphären. [Zuordnung zu Arthur Rodberg wohl nachträglich.]
  • Karl Naumann, Mineralwasser­fabrik, Darmstadt, Theodor Rodberg, No. 181, 1873.
  • J. Ch. Hochstätter & Cie., Tapetenfabrik, Bessungen, Theodor Rodberg, No. 309, 1873, 5 Atmosphären.
  • Brot- und Nudelfabrik des Bankiers M. Neustadt, Darmstadt, Theodor Rodberg, No. 602, 1875, 5 Atmosphären.
  • Franz Schneider IV, Ober-Ramstadt, Mühle, Theodor Rodberg, No. 676, 1876, 5 Atmosphären.
  • Gandenbergersche Maschinenfabrik von Georg Göbel, Darmstadt, Arthur Rodberg, No. 3957 [bestimmt Abschreib­fehler], 1876, 8 Atmosphären.
  • Venuleth und Ellenberger, Maschinenfabrik, Darmstadt, Theodor Rodberg, No. 768, 1877.
  • Gebrüder Wiener, Darmstadt, Bierbrauerei, Rodberg, 1879, 5 Atmosphären.
  • Karl Ritsert, Brauerei, Darmstadt, Arthur Rodberg, No. 977, 1880, 4 Atmosphären.
  • Heinrich Gonnermann [Lesung unsicher], Darmstadt, Arthur Rodberg, No. 1424, 1884, 6 Atmosphären.
  • Röhm und Haas, Chemie, Darmstadt, Arthur Rodberg, Nr. 1585, 1886, 4 Atmosphären. Da das Unternehmen 1886 noch nicht bestanden hat, muß der Dampfkessel anderweitig installiert worden sein; möglicher­weise bei der von Röhm und Haas über­nommenen Seifenfabrik Jakobi.
  • Hofkonditor­meister Eichberg, Darmstadt, Arthur Rodberg, No. 1988, 1888, 6 Atmosphären.
  • W. Euler, Bensheim, aufgestellt in Pfungstadt [?], Arthur Rodberg, No. 2408, 1890, 8 Atmosphären.
  • Wilhelm Rummel, Brauerei, Darmstadt, Arthur Rodberg, 1893, No. 3073, 8 Atmosphären.
  • Karl Ritsert, Brauerei, Darmstadt, Arthur Rodberg, No. 3238, 1895, 7 Atmosphären.
  • August Jakobi, Seifenfabrik, Darnstadt, Arthur Rodberg, No. 3773, 1895, 6 Atmosphären.
  • Louis Briede, Darmstadt, Arthur Rodberg, No. 3800, 1895, 6 Atmosphären.
  • F. Heißner, Darmstadt, Kupferwaren, Arthur Rodberg, No. 3607, 1896, 7 Atmosphären, 1927 außer Betrieb, siehe auch.
  • Georg Breidenbach, Darmstadt, Arthur Rodberg, No. 4252, 1897, 7 Atmosphären.
  • Gebrüder Röder, Herdfabrik, Darmstadt, Arthur Rodberg, No. 4431, 1897, 8½ Atmosphären.

Im November 1892 brach ein Brand aus.

„Wie uns von beteiligter Seite mitgeteilt wird, wurde bei dem in letzter Nacht in der Arthur Rodberg'schen Dampf­kessel­fabrik ausgebrochenen Brande die Kessel­schmiede nicht beschädigt und wird der Betrieb der Fabrik in zwei Tagen im ganzen Umfange wieder aufgenommen.“ [10]

Im Juli 1898 erhielt die Dampf­kesselfabrik und Kessel­schweißerei von Arthur Rodberg den Auftrag, die beiden zur Erstaus­stattung des Wasserwerks in Escholl­brücken gehörenden Kuhnschen Kessel durch einen Zweiflamm­rohrkessel von 77,5 Quadrat­metern Heizfläche für 6,5 Atmosphären Überdruck zu ersetzen. Der gelieferte Dampfkessel trug die Nummer 4793. [11]

Vormals Arthur Rodberg

1899 wurde die Dampfkessel­fabrik von Arthur Rodberg in eine Aktien­gesellschaft umgewandelt und mit frischem Kapital versehen. Der bisherige Eigentümer und seine Ehefrau brachten als Sacheinlage 612.479,44 Mark ein; dies beinhaltete die Grundstücke, Fabrik­gebäude, Maschinen und Werkzeuge, den Gleis­anschluß mit seinen inner­betrieblichen Fortführungen, Warenvorräte, Halbfabrikate und andere dem Geschäft förderliche Bilanzpositionen. Dafür erhielten sie im Gegenzug 400 Aktien zum Nennwert von 1.000 Mark und den Restbatrag in Höhe von 212.479,44 bar ausbezahlt. Das Grundkapital der neuen Gesellschaft lautete auf eine halbe Million Mark. Das erste Geschäftsjahr der Gesellschaft endete am 30. September 1899. [12]

(So ganz verstehe ich die Logik dieses Geschäfts nicht. Wenn die Rodbergs 212.4179,44 Mark bar ausbezahlt bekamen, aber die anderen Aktionäre nur 100.000 Mark einbezahlt haben, woher kam dann der Restbetrag?)

Der Gesellschaftsvertrag wurde am 23. März 1899 in Dramstadt abgeschlossen. Als Gründer wurden Arthur Rodberg, der Kaufmann Paul Baus, der Bierbrauerei­direktor Edmund Hofmann jun., der Rechtsanwalt Friedrich König und der Bankdirektor Otto Wüst genannt. Bis auf Rodberg stammten sie aus Mannheim. Währtend Arthur Rodberg weiterhin als Vorstand des Unternehmens fungierte, bestand der Aufsichtsrat zunächst aus Baus, Hofmann, König, Wüst und dem Darmstädter Fabrikanten Wilhelm Venuleth. Dessen Etablissement befand sich rund zweihundert Meter von der Dampf­kesselfabrik entfernt. [13]

(Die neuen Aktionäre haben sich durch einen Aufsichts­ratssitz den Zugriff auf ihr Unternehmen gesichert; Venuleth wird wohl der Vertrauens­mann von Rodberg gewesen sein.)

Fabrikgelände Rodberg.

Abbildung 4: Das Fabrik­gelände der Dampf­kessel­fabrik vormals Arthur Rodberg A.-G. um 1910, links das Industrie­gleis auf der Landwehr­straße. [14]

Wie es im Innern der Rodberg'schen Fabrikanlage aussah, verrät der Bericht über eine Besichtigungs­tour Darmstädter Honoratioren am 18. März 1901.

Eine Besichtigungstour

„Nachdem der Gewerbeverein am verflossenen Sonntag das nach neuesten Erfahrungen, wie schon berichtet, eingerichtete elektro-therapeutische Heilinstitut des Herrn Dr. Lossen in der Steinstraße besichtigt hatte, wozu etwa 150 Teilnehmer erschienen waren, unternahm er am Montag nachmittag die Besichtigung zweier hiesiger Fabrik­etablissements und zwar der Dampf­kessel­fabrik vormals Arthur Rodberg, A.-G., und der Aktien-Maschinen­bauanstalt vorm. Venuleth und Ellenberger. Der erste Rundgang galt der Rodbergschen Fabrik. Dieses Etablissement bedeckt ca. 20.000 Quadratmeter Boden­fläche und ist das größte und bedeutendste Werk dieser Branche am hiesigen Platze und in weitem Umkreise.

Große, prächtige eiserne Hallen, wovon die Haupthalle die respektable Länge von 75 Metern besitzt, überdecken die Fabrik. Schienen­geleise vermitteln den Verkehr mit der Main-Neckarbahn und auch innerhalb der Fabrik sind einzelne Abteilungen durch Schienen­geleis­anlagen miteinander verbunden. Mittels eines großen elektrisch angetriebenen Lauf­krahnens von 500 Centner Tragkraft werden die größten Dampfkessel wie Spielzeug hin und her transportiert, bezw. in die Eisenbahn­waggons gesetzt. Außerdem sind für die Transporte noch mehrere andere Lauf- und Drehkrähne vorhanden. Für die Herstellung der Kessel sind Maschinen modernster Bauart vorhanden. In erster Linie ist hervorzuheben die große hydraulische Nietmaschine mit 2,5 Meter Ausladung, die mittelst eines besonderen Krahnens an beliebige Stellen gefahren werden kann.

Mit dieser Maschine, die eine der vollkommensten Erfindungen der Neuzeit ist und von Breuer, Schumacher & Co. in Kalk stammt, werden Nieten bis zu 30 Millimeter Dicke verarbeitet. Außerdem ist eine Nietmaschine für kleinere Gegen­stände vorhanden. Die Nietmaschinen arbeiten mit 200 Atmosphären, sodaß also auf die Nieten mit einem Druck von 90.000 Kilogramm gedrückt wird. Die Maschinen arbeiten sehr exakt und werden die Nietköpfe innerhalb einiger Sekunden tadellos dicht und sauber an das Blech angedrückt. Mit hydraulischem Drucke werden auch mittelst einer besonderen Presse die Kesselbleche an den Enden angebogen, welche Arbeit sonst durch Hämmern erfolgt, wobei aber die Bleche stark notleiden und zu Nietrissen oft Veranlassung gegeben ist. Das Biegen geschieht in kaltem Zustande der Bleche, was bei dem stahlartigen Gefüge der ausschließlich zur Verwendung kommenden Siemens-Martin-Bleche von besonderer Wichtigkeit ist, weil dieses Material eine ungleich­mäßige Erwärmung nicht vertragen kann.

Zum Bohren der Nietlöcher für die Kessel dienen eine ganze Reihe von Spezialbohr­maschinen amerikanischen und deutschen Ursprungs, wovon diejenige von der Firma Heyligen­staedt in Gießen die größte Aufmerk­samkeit auf sich lenkt. Diese Maschine ist mit 4 Bohrspindeln versehen, die von einer Welle aus angetrieben werden, womit also 4 Nietlöcher auf einmal gebohrt werden.

Der betreffende zu bohrende Kessel ist in einem besonderen Bette in Eisen­konstruktion auf Rädern gelagert und wird maschinell um seine Axe sowohl, als auch vor- und rückwärts bewegt. Das Bohren der Feurrohre an den Enden, wo dieselben mit der Stirnwand des Kessels verbunden werden, erfolgt mittelst elektrischer, fahrbarer Bohrmaschine. Die sonstigen Maschinen, wie Loch­maschinen zum Stanzen von Blechen für Behälter und Gefäße, Blechscheren, Kreissägen zum Abschneiden von Eisenteilen jeder Stärke, Hobel- und Shapingmaschinen, Drehbänke u. s. w. sind sämtlich moderner Bauart.

Eine interessante des Fleißes und der hohen Geschick­lichkeit der Arbeiter bildet die schöne, geräumige und mit vorzüglicher Ventilation versehene Schmiede- und Schweißerei-Werkstätte mit ihrem elektrisch angetriebenen Riesen­gebläse. Die darin zur Ausführung gelangenden schwierigen Feuerarbeiten zeugen davon, daß die Firma darin Erstaunliches leistet, und daß deren ausgedehnter guter Ruf in geschweißten Arbeiten vollkommen gerechtfertigt ist. Ein Schaustück dieser Art bildete eine durch Wassermangel an mehreren Stellen eingedrückte Feuerbüchse eines stehenden Kessels mit Querröhren, denn trotz der enormen Einbeulungen zeigte sich an den Schweißstellen nicht eine einzige gerissene Stelle. Für dieses Stück wurde die Firma mit der bayerischen Staatsmedaille ausgezeichnet.

Die in der Fabrik liegenden fertigen und angefangenen Dampfkessel zeugen von exakter und solider Ausführung, und waren darunter drei Röhren­kessel für je 800 Pferdekrädte für das städtische Elektrizitäts­werk in Worms, vier Cornwall­kessel à 90 qm Heizfläche für das Großh. Landeshospital und ein Röhren­kessel von 200 qm Heizfläche für die Brauerei von Gebrüder Wiener hier durch ihre Riesen­dimensionen besonders bemerkbar. Von Interesse waren auch die vorgezeigten Pläne der durch die Firma ausgeführten großen Dampf­kessel­anlagen für die Badischen Staats­eisen­bahnen, die Main-Neckar-Bahn, sowie das hiesige Elektrizitäts­werk, die Elektrizitäts­werke in Auerbach und Heppenheim. Die Betriebs­kraft der Firma besteht aus einem Röhren­kessel mit Ueberhitzer nebst einer hundert­pferdigen Gritznerschen Tandem-Heißdampf­maschine, deren Hochdruck­cylinder mit auf 350° Celsius erhitztem Dampf arbeitet. Die Maschine ist ferner mit Kondensation versehen und erfolgt die Kühlung des hierfür zur Verwendung kommenden Kondenswassers durch einen Kühlturm, sog. Gradierwerk. Die Ueber­tragung der Kraft wird auf zwei Dynamo­maschinen bewirkt, wovon die eine für Licht, die andere für Kraftzwecke bestimmt ist; von letzterer aus werden die in dem Werke befindlichen sechs Elektromotoren gespeist. Maschinen- und Kesselhaus allein schon bilden eine Sehens­würdigkeit für sich und dürften jedem Betriebe als Musteranlage modernsten Stils dienen.

Die zahlreich erschienenen Mitglieder des Gewerbevereins werden es dem verdienten Direktor der Aktien­gesell­schaft, Herrn Rodberg, Dank wissen, daß er ihnen Gelegenheit gab, ein Werk von so bedeutendem Umfange – es beschäftigt ca. 150 Arbeiter – und von so großartigen Einrichtungen kennen zu lernen. Dem Danke gaben die Herren Rockel und Möser am Schlusse bei einem frischen Trunk Bier, den die Firma gespendet, besonderen Ausdruck.

Den Schluß dieser Besichtigungen bildete ein Besuch des Feilenfabrik des Herrn Michel [Landwehr­straße 67]. Hier konnte man sehen, wie aus kleinen Anfängen ein fabrikmäßiger Betrieb mit 15 Arbeitern entstanden ist. – Der ganze Ausflug verlief in befriedigendster Weise.“

Quelle: Darmstädter Zeitung vom 21. März 1901 [online ulb darmstadt].

Logisch. Es gab ja technischen Schnickschnack und sicherlich ausreichend Bier. Was wollen Honoratioren mehr? [15]

Das Geschäftsjahr 1902/03 war nicht gut gelaufen. Nachdem schon das Voirjahr mit einem Verlust von 26.749 Mark abgeschlossen hatte, kamen nun weitere 37.738 Mark hinzu. „Die Aussichten für das laufende Jahr werden als etwas besser bezeichnet, die Verkaufspreise lassen jedoch noch immer viel zu wünschen übrig.“ [16]

1903 löste Ludwig Baier den langjährigen Direktor Arthur Rodberg als Vorstand der Dampf­kesselfabrik ab. Ob und inwieweit diese Ablösung mit den beiden Verlustjahren verknüpft gewesen ist, ist nicht überliefert. [17]

Die erhaltene Handes­registerakte enthält die Geschäftsberichte bs 1922, die in dürren Worten Aufschluß über den Stand des kommerziellen Erfolgs gaben. [18]

Dampfkessel von Rodberg.

Bild 5: Transport eines Rodberg-Dampf­kessels an oder durch das Baugeschäft Heinrich Reuss in Friedberg, möglicher­weise noch vor dem Ersten Weltkrieg. Aufnahme von Hoffotograf Ludwig Schmidt aus Friedberg.

1910 wurde die Situation des Unternehmens wie folgt dargestellt. Das Grundkapital betrug nunmehr 600.000 Mark in 600 Aktien à 1000 Mark. Um die Betriebsmittel zu verstärken, waren die Aktionäre im April 1903 aufgefordert worden, eine freiwillige Aufzahlung auf ihre Aktien von 25% zu leisten, wogegen sich der Vorbesitzer Arthur Rodberg verpflichtet hatte, 100 Stück seiner Akien unentgeltlich einzuliefern. Dieser Aufforderung wurde von den Besitzern von zusätzlich 160 Aktien entsprochen, sodaß der Gesellschaft 40.000 Mark bar zugeflossen waren. Diese wurden als Reservefond verbucht. Die Inhaber weiterer 40 Aktien lieferten analog dem Vorbesitzer ¼ ihres Aktien­bestandes unentgeltlich ein, sodaß der Gesellschaft im ganzen 110 Aktien zur Verfügung standen. Von diesen wurden 100 Stück wieder verkauft. Als besonders lukrativ erwies sich das Unternehmen nicht. In den elf Geschäfts­jahren von 1898/99 bis 1908/09 wurde nur in fünfen eine Dividende ausgezahlt. Hausbank war weiterhin die Mannheimer Bank. Neuer Direktor war Ludwig Baier, während der Aufsichtsrat aus denselben Personen wie 1899 bestand. [19]

Der Erste Weltkrieg brachte die üblichen Kriegs­gewinnler hervor. Während das gemeine Volk, so es nicht auf den Schlacht­feldern verblutete, an der Heimatfront darben mußte, konnten sich die feinen Herren der Gesellschaft einen kräftigen Schluck aus der Gewinnpulle gönnen. Wahr­scheinlich brach ab und an ein Brand aus, so auch im Januar 1918.

„Ein Großfeuer ist gestern abend gegen 10 Uhr in der Dampf­kesselfabrik von [sic!] Arthur Rodberg, A.-G., ausgebrochen. Der isoliert stehende Montagebau, in dem sich die Schreiner­werkstatt und das große Modellager befinden, stand plötzlich in Flammen, die weithin über die Stadt leuchteten. Die sofort herbeigeeilte Feuerwehr griff mit zahlreichen Leitungen den Brand energisch an, so daß er auf seinen Herd beschränkt werden konnte. Der Schaden ist nicht von besonderer Bedeutung, der Betrieb ist nicht gestört. – Gestern abend vor halb 10 Uhr wurde Fliegeralarm geschossen. Es herrschte heller Mondschein. Erst 10 Minuten vor 11 Uhr fuhr die elektrische Straßenbahn wieder, woraus zu erkennen war, daß die Gefahr vorüber war. Gleich darauf wurde auch geläutet. “[20]

Anfang September 1918 beging man das 50jährige Geschäfts­jubiläum. „In Anbetracht der ernsten Zeit ist von einer Feier […] Abstand genommen worden.“ Immerhin erhielten die Beamten (gemeint Angestellten) und Arbeiter eine „Jubiläums­spende“. Der Krieg ging noch weiter und so wurde eifrig dafür geworben, sinnlos weiteres Geld für Volk, Vaterland und Rüstungs­industrie zu verbrennen. Obwohl die Oberste Heeres­leitung um Hindenburg und Ludendorff den Krieg schon verloren gegeben hattte, wurde das gemeine Volk noch einmal zur Kasse gebeten. Ende September 1918 zeichnete auch das Unternehmen 100.000 Mark der neunten Kriegsanleihe. Vielleicht sprang dafür noch einmal ein lukrativer Auftrag heraus. “[21]

Doch dann ging der Krieg verloren, die Rüstungs­aufträge gingen flöten und, schlimmer noch, die Arbeiterinnen und Arbeiter setzten Forderungen wie den Acht­stundentag und Betriebsräte durch. Direktor Julius Schimmelbusch berichtete für die XXI. ordentliche General­versammlung am 31. Januar 1920 über das Geschäfts­jahr 1918/19:

„Unsere Werkstätten waren während des ganzen Jahres voll beschäftigt; jedoch konnte infolge der Einführung des Acht­stunden­tages und des zeitweilig eingetretenen Material­mangels der Umsatz des Vorjahres nicht ganz erreicht werden. Der durch die derzeitigen Verhältnisse hervorgerufene starke Verschleiß aller Betriebs­einrichtungen, Werkzeuge und Gebäude wurde durch entsprechende Abschreibungen berück­sichtigt. Die vorhandenen Materialien wurden in der üblichen vorsichtigen Weise bewertet. […] Wir verfügen z. Zt. über einen erheblichen Auftrags­bestand. Eine weitere Vorhersage über das neue Geschäfts­jahr läßt sich bei den derzeitigen schwierigen Verhältnissen nicht machen, doch glauben wir, falls nichts Unvorher­sehbares eintritt, wieder ein zufrieden­stellendes Ergebnis zu erzielen.“ [22]

Der bishertige Direktor Ludwig Baier war nach 16 Jahren an der Spitze des Unternehmens 1919 gestorben; ihm folgte zum 1. Oktober 1919 der Ingenieur Julius Schimmelbusch nach. Der Reingewinn betrug bei einem inflations­bedingt auf eine Million Mark erhöhten Aktienkapital 231.311,53 Mark. Auf der General­versammlung wurde daher vorgeschlagen, sich neben einer Dividende von 4% zusätzlich eine Super­dividende von 6% zu genehmigen. Man hätte auch die im Betrieb hart arbeitenden Frauen und Männer entsprechend beteiligen können, aber wie bezahlen die armen Aktionäre dann den Champagner? Da weiß das Gremium doch eindeutige Prioritäten zu setzen.

Das Geschäftsjahr 1919/20 war ähnlich ertragreich. Demnach kam auf ein inzwischen auf drei Millionen Mark erhöhtes Aktienkapital ein Reingewinn von 1.318.316,67 Mark zustande, der natürlich in großzügiger Weise unter den Aktionären verteilt wurde. Neben einer Dividende von 4% kam eine Super­dividende von nunmehr 11% zur Ausschüttung. Als „Entschädigung für früher ertragslose Jahre“ erhielten die Eigner von Stammaktien eine zusätzliche Prämie. Der Ertrags­reichtum des Unternehmens hatte neue Aktionäre angelockt. Bislang war über die mehrfachen Kapitaler­höhungen die Mannheimer Bank zur beherrschenden Kraft aufgestiegen. Die Erhöhung des Kapitals war nicht in finanziellen Problemen begründet, sondern in der Inflation. Weil auch der Nominal­betrag des Aktien­kapitals laufend entwertet wurde, mußte zur Aufrecht­erhaltung des Bilanzwertes immer wieder Kapital nach­geschossen werden. 1920 nun kam eine neue Kraft hinzu. Die Aquila-Holding, die sich im Besitz der Rothschild-Brüder Albert, Max, Jacob, David und Henry befand, hatte sich vermittelst ihrer Kontakte zur Mannheimer Bank in die Dampf­kesselfabrik eingekauft. Etwa gleichzeitig hatte die Aquila auf der Suche nach guten Verwertungs­möglichkeiten die Bahnbedarf G.m.b.H. an der Blumenthal­straße übernommen und in eine Aktien­gesellschaft umgewandelt, und war ein kurzzeitiges Engagement bei Venuleth & Ellenberger an der Ecke Landwehr- und Roßlerstraße eingegangen.

Die nicht so wirklich goldenen 20er Jahre

Bis Ende 1921 mußte das Aktienkapital in zwei weiteren Schritten auf 7.200.000 Mark angehoben werden. Auf der außer­ordentlichen General­versammlung am 8. November 1921 waren die Stimmen wie folgt verteilt: Mannheimer Bank 1413, Rothschilds 1740, andere 736, zusammen 3889. Damit war die Fabrik in den folgenden anderthalb Jahrzehnten in jüdischer Hand, was in den 1930er Jahren bedeutsam werden sollte.

Auch der Vorstandsbericht für die Generalversammlung am 27. Februar 1922 bezeichnete das Geschäftsjahr 1920/21 noch als „günstig“. Der inflationär aufgeblähte Reingewinn betrug nunmehr 2.542.619,68 Mark, was zu einer Dividende von 6% bei den Vorzugsaktien und 4% bei den Stammaktien führte. Angesichts der Inflation wurden die nunmehr weniger wertvollen Nominalbeträge dieser Aktien mit einer Super­dividende von 26% abgegolten. Zu den im Betrieb gezahlten Löhnen wird hingegen nichts gesagt.

„Sanierung im Aquila-Konzern

Während der Frankfurter Aquila-Konzern bei seinen großen Unternehmungen – so bei dem jüngsten Verkauf seines starken Besitzes an dem Sächsischen Gußstahlwerk Döhlen A.-G. (der in die Hände der Deutschen Bank übergegangen ist), ferner in der Entwicklung des Eisen­hüttenwerks Thale, der Stahlwerk Mannheim A.-G. usw. sehr ansehnliche Vorteile erzielt hat, haben kleinere Unternehmungen der Gruppe starke Enttäuschungen gebracht. Es handelte sich dabei zunächst um die Bahnbedarf A.-G. in Darmstadt, die jetzt an die Aquila A,-G. durch Fusion ganz übergehen soll und deren derzeitiger Kursstand von wesentlich über 200% auf vorwiegend spekulativer Basis und auf einer übertriebenen Einschätzung des Umtausch­wertes von vier Bahnbedarf- in eine Aquila-Aktie beruht, sich außerdem haupt­sächlich durch die Knappheit an Material bei dem Festliegen des weitaus größten Teils des Aktienkapitals bei der Aquila A.-G. erklärt.

Es handelt sich weiter besonders um die Dampf­kesselfabrik vorm. Arthur Rodberg A.-G. in Darmstadt. Dieses Unternehmen, das in den letzten Vorkriegs­jahren keine Dividende gezahlt hat und eine solche erst wieder unter der ungewöhn­lichen Beschäfti­gungs­konjunktur der Kriegsjahre erzielen konnte, war in der Inflations­zeit vom Juni 1922 von der Aquila A.-G. nahe­stehenden Banken und Bankfirmen offiziell an der Frankfurter Börse eingeführt worden. Die Goldumstellung hatte das Kapital im Verhältnis von 16⅔ zu 1 auf 912.000 RM. gebracht. Zu einer Dividenden­rentabilität ist die Gesellschaft aber auf dieser Kapitalbasis nicht gekommen. Es zeigte sich bald, daß die Umstellung zu optimistisch vorgenommen worden war und daß in der Krise der Stabilisierungs­zeit die Produktions­kapazität nur etwa zur Hälfte ausgenutzt werden konnte. Es ergab sich für 1924/25 ein Verlust von 187.000 RM.; nach Auflösung der Reserve verblieb eine Unterbilanz von etwa 10% des Kapitals. Zudem lagen damals rund drei Viertel Millionen Bank­schulden und Akzept­verpflichtungen vor, denen haupt­sächlich annähernd 1 Million Reichsmark Debitoren und Vorräte gegenüber­standen. Im Juni 1926 führte dann der Mangel an Beschäfti­gung und Liquidität zur Geschäfts­aufsicht, und die Firma mußte sich mit ihren Gläubigern arrangieren; es kam zu einem Zwangs­vergleich auf Basis von 70%, wobei die letzte Rate am 30. Juni 1927 fällig wird.

Vor einiger Zeit hörte man nun, daß die Absicht bestehe, auf dem Wege von Verkaufs­verhandlungen über die weitere Zukunft der Firma zu entscheiden. Dem geht aber nunmehr, wie soeben bekannt wird, eine tiefgreifende Sanierung voraus. Der Gold­umstellung von 16⅔ : 1 folgt eine Zusammen­legung des Stamm­kapitals von 9 : 1, so daß also nur noch ein Sechstel des Vorkriegs­kapitals erhalten bleibt, wonach die Neuausgabe von 200.000 RM. erfolgen soll. 50% der neuen Aktien sollen von den Aktionären (in der Hauptsache dem Aquila-Konzern), die restlichen 50% von einem Banken­konsortium aufgebracht werden. Die Dampfkessel­fabrik vorm. Arthur Rodberg A.-G. erhält also sehr bescheidene Kapitalausmaße, und es scheint, daß sie auf der neuen finanziellen Bais für fusionsreif erachtet wird. Nach welcher Richtung die Anlehnung erfolgen wird, läßt sich aber noch nicht erkennen. Fest steht nur, daß das Unternehmen schlecht abgeschnitten hat, was für den Aquila-Konzern allerdings angesichts seiner großen Trans­aktionen und Besitzobjekte sowie seines Handels­geschäfts nicht besonders ins Gewicht fällt, für die außenstehenden Interessenten, die man durch Börsen­einführung gesucht und gefunden hat, aber recht schmerzlich ist.“

Quelle: Magazin der Wirtschaft, 3. Jahrgang, Nummer 6, 19. Februar 1927, Seite 217 [Pomeranian Digital Library].

Wie schmerzlich der Sanierungskurs für die hiervon betroffenen Arbeiterinnen und Arbeiter gewesen ist, erfahren wir nicht. Wozu auch? Das ist eben das Schicksal der Ausgebeuteten und das geht die Herren Champagner­trinker nichts an.

Die Auswirkungen des Sanierungskurses wurden im Geschäfts­bericht für die General­versammlung der Aquila am 23. November 1929 vermerkt: [23]

„Die Dampfkessel­fabrik vorm. Arthur Rodberg A.-G., Darmstadt, entwickelt sich normal. Es wird besonderer Wert auf den Bau von Abhitzekesseln gelegt, worin gute in- und ausländische Geschäfte getätigt worden sind. Der Auftrags­bestand ist ausreichend. Es ist für das laufende Geschäfts­jahr mit der Aufnahme der Dividenden­zahlung zu rechnen.“

Zur General­versammlung am 23. Dezember 1930 hieß es:

„Die Dampfkessel­fabrik vorm. Arthur Rodberg A.-G., Darmstadt, hat für das verflossene Geschäfts­jahr eine Dividende von 4% verteilt. Für das am 30.9.1930 abgelaufene Geschäfts­jahr dürfte mit der gleichen Dividende zu rechnen sein.“

Zur nächsten ordentlichen General­versammlung der Aquila A.-G. am 23. April 1932 wurde mitgeteilt, daß sich Rodberg „der Ungunst der wirtschaftlichen Verhältnisse nicht entziehen“ konnte. Ein Jahr später, die Nazis sind schon an die Macht gebracht worden, was für einen jüdisch dominierten Betrieb fatale Folgen haben mußte, berichtet der Aquila-Vorstand auf der General­versammlung am 12. Mai 1933 über das Geschäfts­jahr 1931/32:

„Bei der Dampfkessel­fabrik vorm. Arthur Rodberg A.-G., Darmstadt, haben sich die im letzten Bericht dargestellten Verhältnisse im Berichtsjahr nicht geändert. Die Unkosten sind auf das äusserste eingeschränkt worden.“

Auf der Aquila-General­versammlung am 26. Mai 1934 hieß es, es sei geplant, die Dampf­kesselfabrik mit der Bahnbedarf zusammen­zulegen, was im Folgejahr dann auch durchgeführt wurde. Diese Fusion stand im Zeichen einer „Arisierung“, denn die jüdischen Eigentümer wurden unter dem Vorwand einer Konsolidierung des Aktien­kapitals entmachtet bzw. herausgedrängt. [24]

Briefkopf.

Abbildung 6: Briefkopf der Bahnbedarf-Rodberg G.m.b.H. von Ende 1939.

Damit hatte die Dampfkessel­fabrik vormals Arthur Rodberg A.-G. aufgehört zu bestehen; das neue, von den Gläubiger­banken beherrschte Unternehmen firmierte als Bahnbedarf-Rodberg A.-G. und wurde 1937 (vielleicht auch erst im ersten Halbjahr 1938) an die Friedrich Boessner GmbH, eine Schrauben­fabrik aus Augustenthal bei Neuwied, verkauft. Die 2012 vom Hessischen Wirtschafts­archiv Darmstadt verbreitete Darstellung, Bahnbedarf und Rodberg seien 1928 verschmolzen, ist schlicht unzutreffend. [25]