Luftbild auf das Fabrikviertel 1966.
Das Fabrikviertel 1966.
Ansicht der Dampfkesselfabrik Rodberg.
Dampfkesselfabrik Rodberg.
Zeppelinhalle.
Sogenannte Zeppelinhalle.
Bahnbedarf A.-G..
Bahnbedarf A.-G..
Schild Bahnbedarf-Rodberg.
Bahnbedarf–
Rodberg.

Industriegleise im Fabrikviertel Darmstadt

Die Zeppelin­hallen in der Landwehr­straße

Ihre Entstehung und einige nicht mehr ganz so moderne Ansichten

1872 und 1893/94 wurde das Fabrikviertel mit zwei Industrie­stamm­gleisen an die Eisenbahn angebunden. Von den Mitte der 1950er Jahre noch rund dreißig Anschluß­gleisen sind (Stand 2020) nur vier oder fünf übrig geblieben; dazu ein paar museale Reste in der Landwehr­straße. Anfang der 1920er Jahre ließ die Bahnbedarf A.-G. auf der Brache der vorherigen Gleis­zuführung zu den alten Bahnhöfen am heutigen Steubenplatz zwei große Industrie­hallen errichten. Die Trag­konstruktion entstammte weitgehend einer demontierten Luftschiff­halle im ostpreußuschen Diwitten bei Allenstein (seit 1945 Dywity bei Olsztyn).

Genau genommen stand (und steht) nur eine dieser Hallen an der Landwehr­straße, denn die andere stand daran anschließend südlich davon, fast schon an der Lagerhaus­straße, der heutigen Julius-Reiber-Straße. Diese zweite Halle brannte im Oktober 1977 und wurde anschließend beseitigt. Heute befindet sich dort moderne Büro­architektur.

Ich schreibe Allenstein und Diwitten, wenn die Geschichte im ersten Quartal des 20. Jahrhunderts spielt, und schreibe Olsztyn und Dywity in Bezug auf heute. Polnische und deutsche Nationalisten dürden sich gerne darüber aufregen.


Allenstein

Das ostpreußische Allenstein, schon 1777 bis 1795 und dann wieder 1884 preußische Garnisions­stadt, war ein Militär­stützpunkt des Deutschen Reiches. Das russische Zarenreich lag quasi vor der eigenen Haustüre. Der Schlieffen-Plan sah einen Zweifronten­krieg gegen Frankreich und Rußland vor, bei dem zunächst Frankreich im Blitzkrieg besiegt werden sollte, bevor das als lethargisch angesehene Zarenreich seine Truppen mobilisiert haben würde. Es kam im August 1914 anders als geplant. Jedenfalls war es wichtig, in Ostpreußen genügend Truppen zu stationieren, um eine einfallende russische Armee solange hinhalten zu können, bis die siegreichen Truppen aus Frankreich per Eisenbahn an die Ostfront verbracht werden konnten. [1]

Schon 1909 wandte sich der Magistrat der Stadt Allenstein an das preußische Kriegs­ministerium mit dem Ansinnen, bei der Stadt einen Stütz­punkt für Luftschiffe zu errichten. Erst drei Jahre später, als sich die möglichen Kriegs­pläne konkretisierten, wurde bei Allenstein ein Gelände gesucht, das weitläufig genug war, Luft­schiffen Platz zu bieten und Manöver durchzu­führen. Die Wahl fiel auf das sechs Kilometer nördlich von Allenstein gelegene Diwitten; wozu die Stadt Allenstein das 111 Hektar große Grundstück von einem lokalen Landwirt kaufte. Parallel hierzu begann man im April 1913 mit dem Bau eines Flugplatzes mit Hangars im westlich von Allenstein gelegenen Deuthen (heute Dajtki, Stadtteil von Olsztyn). In Diwitten wurde eine Luft­schiff­halle errichtet, die 176 Meter lang, 44 Meter breit und 34 Meter hoch war. Die Baukosten lagen bei etwa 400.000 Reichsmark. Während des Krieges wurde die Halle auf 192 Meter verlängert. Zum Vergleich: die Darmstädter Luft­schiff­halle neben dem Kavallerie-Exerzierplatz auf Weiterstädter Gemarkung besaß eine Größe von 184x35x28 Metern. Auch sie scheint vergrößert worden zu sein, denn französische Militärs gaben die Größe mit 210x120x43 Meter an; wobei die 120 Meter Breite gewiß nicht stimmen. [2]

Die Luftschiffhalle bestand aus einem Stahl­gerüst, in das Holzbretter eingelassen waren. Die Seitenwände und die Decke, insgesamt rund 21.000 Quadrat­meter, wurden mit einer Art Dachpappe aus Ruberoid beschichtet. Noch vor Fertigstellung der Halle im Oktober 1913 wurden in Jakobs­berg (heute als Jakubowo Stadtteil von Olsztyn) Soldaten der 1. Kompanie des 5. Luftschiff­bataillons einquartiert. Auf späteren Fotografien sind seitlich der Halle Wohn­baracken abgebildet. Die Wetter- und Funkstation waren für den Flug der Zeppeline unerläßlich, aber dienten selbst­verständlich auch militärischen Zwecken. Um bei verschiedenen Witterungs­lagen zugänglich zu sein, wurde die Halle nach Nordwesten und Südosten ausgerichtet. So konnte je nach Wind­richtung an der einen oder anderen Seite gestartet oder gelandet werden.

Am 1. Juni 1914 wurde in Diwitten das Luftschiff Z IV stationiert, das sechzehnte Luftschiff der Zeppelin-Werft in Friedrichs­hafen. Es erlangte Berühmt­heit dadurch, als es am 3. April 1913 bei der militärischen Abnahme im Nebel nach Westen abdriftete und auf dem Exerzierplatz im französischen Luneville strandete. Im August und September 1914 führte das Luftschiff von Diwitten aus Aufklärungs­fahrten zu den russischen Streitkräften durch. Es wurde mit Maschinen­gewehren zur Abwehr feindlicher Flugzeuge bewaffnet und führte kleine Bomben mit, die von Hand abgeworfen wurden. Bei einem Luftangriff auf Warschau in der Nacht vom 24. auf den 25. September 1914 wurde das Luftschiff durch feindliches Abwehr­feuer am Heck schwer getroffen, konnte jedoch durch Aufsteigen auf 2800 Meter Höhe dem Feind­beschuß entkommen. Bei einem zweiten Bomben­angriff auf die deutsche, aber zu diesem Zeitpunkt russisch besetzte Stadt Lyck (heute Ełk) gelang es, trotz 300 Treffern im Schiff, wieder zur eigenen Basis in Diwitten zurückzufahren. Aufgrund von Material­ermüdung wurde das Schiff im Februar 1915 aus dem direkten militärischen Dienst abgezogen und diente fortan als Schulschiff. Es wurde im Herbst 1916 in Jüterbog abgewrackt.

Ein weiteres zeitweise in Diwitten stationiertes Luftschiff war LZ 26 (militärisch taktische Bezeichnung Z XII) vom Juli bis Oktober 1915 [im bild], bevor es nach Darmstadt verlegt wurde. Es wurde von LZ 29 abgelöst, das aber im Dezember 1915 bei einem Angriff auf Rowno (ukrainisch Riwne) so schwer beschädigt wurde, daß es abgerüstet werden mußte. [3]

Demontage in Diwitten.

Abbildung 1: Demontage der Luftschiff­halle in Diwitten. Quelle: Denkmal­archiv Darmstadt, mit Dank an Nikolaus Heiss für die Über­lassung dieser und der folgenden Aufnahmen.

Das Deutsche Reich verlor den von ihm und dem treuen Verbündeten Österreich-Ungarn entfachten Krieg. Im Friedens­vertrag von Versailles wurde 1920 eine weitgehende Abrüstung deutscher Militär­anlagen festge­schrieben, darunter zählte auch die Demontage der Luft­schiff­hallen. Vermutlich wurde die Halle bei Diwitten auf einzelne Lose aufgeteilt und meist­bietend versteigert. Das Trag­gerüst der Halle wurde zu einem Teil direkt oder indirekt von der Bahnbedarf A.-G. in Darmstadt erworben, der andere Teil soll – hierzu gibt es verschiedene Angaben – für eine Industrie­halle nach Zabrze in Ober­schlesien und/oder nach Königs­berg gegangen sein.

„Ausgeführt wurde dies von der Firma Karl Haefele & Co. aus Königsberg, die sich auf den Abbruch und Neubau von Stahl­konstruktionen sowie besonders hohen und komplexen Eisenbahn- und Straßen­brücken spezialisiert hatte. Einige der wertvollen Teile der abgerissenen Halle wurden für den Bau eines Getreide­speichers im Hafenviertel von Königsberg verwendet. Der Getreide­speicher war 37 m hoch und konnte rund 10.000 t Getreide lagern. Für seinen Bau wurden 350 t Stahl aus der Luft­schiffhalle in Diwitten verwendet. Ob das Gebäude oder Teile davon bis heute erhalten geblieben sind, wissen wir nicht.“ [4]

Speicherhalle.

Abbildung 2: Möglicher­weise handelt es sich bei diesem Gebäude um den genannten Getreidespricher an den in den 1920er Jahren neu gebauten Hafenbecken von Königsberg. Quelle: Wikimedia Commons [online].

Ja, das Gebäude steht noch und es ist ein Blickfang, siehe beispiels­weise hier und hier (kommerzielle Webseiten, kein deep link).

Bahnbedarf

Die Bahnbedarf A.-G. errichtete 1922/23 auf einem kurz zuvor erworbenen Grund­stück südlich der Landwehr­straße zwei große Werkshallen, deren Grund­konstruktion der ostpreußischen Zeppelinhalle bei Diwitten entstammte.

Aufbau in Darmstadt.

Abbildung 3: Aufbau des Traggerüstes in Darmstadt von der Landwehr­straße aus betrachtet. Halblinks ganz im Hintergrund ist der Main-Neckar-Bahnhof auszumachen. Quelle: Denkmal­archiv Darmstadt.

Montagehalle.

Abbildung 4: Die an der Landwehr­straße gelegene Montagehalle. Aufnahme vermutlich von 1923. Quelle: Denkmal­archiv Darmstadt.

Den Abbau der Halle in Diwitten 1920/21 und den Wieder­aufbau der beiden Dachhälften in Darmstadt 1922/23 leitete der Eisenhoch- und Brückenbauer Willy Schulze, der damals bei der Firma Karl Haefele & Co in Königsberg angestellt war. Nachdem die beiden Hallen der Bahnbedarf A.-G. aufgestellt waren, arbeitete Willy Schulze bei Merck in Darmstadt als Betriebsleiter und später bis zu seiner Pensionierung als Techniker im Baubüro. Schulze gibt an, daß die Halle zum Verkauf mittig in Länge und Höhe geteilt worden sei. [5]

„Die beiden hier entstandenen Hallen waren 90 m lang, behielten die gleiche Breite wie in Diwitten, d. h. 44 m, und ihre Höhe betrug 22 m. So konnte die gesamte Dach­konstruktion exakt so nach­gebildet werden, wie sie ursprünglich aufgebaut war, nur dass sie viel niedriger war. Die wichtigsten Struktur­elemente der Halle sind Stahl­träger. Sie sind miteinander vernietet und verschraubt.“ [6]

Die beiden Werkshallen in Darmstadt erhielten seitlich statt der Holz­verschalung mit Ruberoid-Pappe, wie in Diwitten, nunmehr eine Klinker­fassade. Zwischen den beiden im Volksmund Zeppelin­halle genannten Gebäuden befand sich eine Schiebe­bühne, denn die Hallen waren inwändig mit Bahngleisen versehen. Die Schiebe­bühne war beidseitig der nördlichen Halle mit jeweils einem Gleisanschluß an das Industrie­stammgleis der Stadt Darmstadt angebunden. In luftiger Höhe wird das Dach durch den Stahl aus Dywity getragen und ist (innen) mit Holzplanken versehen, wobei oberhalb des höchsten Parkdecks noch viel Luft vorhanden ist.

„Das expressionistisch gestaltete Äußere entwarf Jan Hubert Pinand, der den dunklen Ziegel mit hellen Beton­gesimsen und Gewänden dekorierte.

Typisch für die Bauzeit sind die Treppengiebel an den Schmalseiten sowie über den Risaliten an der Längsseite und die Sprossen­teilung an den runden Fenstern in der Südfassade.“ [7]

1935 wurde die Bahnbedarf, nunmehr Darmstädter Nieder­lassung der Aquila A.-G., mit der ebenfalls zur Aquila-Holding gehörenden Dampf­kessel­fabrik vormals Arthur Rodberg A.-G. zwangsweise im Zuge einer „Arisierung“ verschmolzen. Das Unternehmen firmierte als Bahnbedarf-Rodberg. Nachdem dieses Unternehmen 1969 seine Tore geschlossen hatte, wurden die beiden Hallen gewerblich vermietet. In der nördlichen Halle an der Landwehr­straße war bis in die 1990er Jahre die Logistik von Rhenus zuhause. Seit 2001 dient sie als mehr­geschossiges Parkdeck. Die südlichere Halle an der Julius-Reiber-Straße (zuvor: Lagerhaus­straße) geriet beim Brand eines Außenlagers von Merck am 29. Oktober 1977 in Mitleiden­schaft und wurde bald darauf abgerissen. Schon 1979 stand an ihrer Stelle ein neues Büro­gebäude. [8]

Bei Rhenus in der Landwehrstraße.

Bild 5: An einem Nachmittag im Sommer 1990 rangierte eine Lokomotive auf das Gelände des Rhenus-Lagers. Interessant ist das Aussehen der Fassade im Vergleich zum heutigen Zustand. Wurden die Fenster mit Sperrholz­platten zugenagelt? Aufnahme: Peter Wöllert.

Im Sommer 2016 öffnete eine Eisdiele im ehemaligen Pförtner­häuschen an der Landwehr­straße.

Impressionen

Westseite.
Einfahrtsportal.
Innere Balkenkonstruktion.
Verschraubung.
Oberstes Parkdeck.
Ausblick auf das Nachbargebäude.
Das einmontierte Parkhaus.
Westfassade.
Südfassade.
Ostfassade.
Pförtner.
Eiscafé.

Die Bilder 6a bis 6j zeigen die nördliche „Zeppelinhalle“ im Herbst 2008. Die beiden unteren Bilder 6k und 6l entstanden im April 2012 und September 2016.

Irriges

In der Denkmal­topographie Darmstadt heißt es: „Statt der für Zeppelin­hallen typischen Wellblech­verkleidung bekam die Halle 1923 eine neue Fassade aus Klinkern.“ Wie wir gesehen haben, war die Diwittener Halle nicht mit Wellblech, sondern mit Ruberoid verkleidet. Dies ist auch durch eine zeit­genössische Ansichts­karte dokumentiert. [9]

Im Stadtlexikon Darmstadt lesen wir: „1921 wurden in Allenstein / Ostpreußen zwei Zeppelinhallen demontiert, weil der Versailler Vertrag die Demontage bzw. Übergabe allen Kriegs­materials vorsah. Da die Alliierten jedoch kein Interesse an den Hallen hatten, konnte die Firma Bahnbedarf-Rodberg aus DA sie kaufen.“ Hier sind in einem Satz gleich zwei Irrtümer untergebracht. Zum einen gab es bei Allenstein nur die eine Luft­schiff­halle, zum anderen gab es Bahnbedarf-Rodberg erst ab 1935. Hier ist schon genauer zu unter­scheiden, wer der Bauherr war. Es ist womöglich kein Zufall, daß der expressionistische Stil der Außen­fassade etwas mit den drei Rothschild-Brüdern zu tun hat, die über ihre Aquila-Holding Mehrheits­aktionäre der Bahnbedarf A.-G. waren. [10]

In einem Artikel des Darmstädter Echo meint die Redakteurin „ari“ 1996 zu wissen: „Die Zeppelinhalle in der Landwehr­straße zählt zu den architek­tonischen Besonder­heiten der Weststadt. In dem Gebäude sind früher tatsächlich Zeppeline gebaut worden.“ Nein, keine Zeppeline, allenfalls Güterwaggons. [11]

In einem Auszug aus dem von ihr mitherausgegeben Buch Darmstädter Geheimnisse läßt die Echo-Redakteurin Kerstin Schumacher ihre Gewährsfrau 2019 sagen, „[w]eil die Alliierten keine Verwendung für die Allensteiner Halle hatten, wurde dieses Exemplar an die Bahnbedarf AG Rodberg verkauft.“ Nein, nicht die ganze Halle, und auch nicht an das seltsam klingende Unternehmen Bahnbedarf AG Rodberg. So etwas hat es nie gegeben; Bahnbedarf-Rodberg AG jedoch schon, von 1935 bis 1939. [12]

Zuweilen wird sehr ungenau der Brand in der zweiten Zeppelinhalle irgendwann in die 1970er Jahre verlegt (so in der Denkmal­topographie von 1994 und noch bei Kerstin Schumacher 2019) oder immerhin das richtige Jahr 1977 (Stadtlexikon Darmstadt online) angegeben. Das ist dann schon mehr, als ich von gewissen Darmstädter Historiketn erwarten kann, die sehr freigiebig in der Wahl ihrer Jahresangaben sein können. Zu selbigen passend steht im Zeppelin­hallen-Lemma der Buch­ausgabe des Stadtlexikons von 2006 noch, die Halle sei 1970 abgebrannt. [13]


Luftbild.

Bild 7: Die beiden sogenannten Zeppelinhallen auf einem städtischen Luftbild von 1966. Heute, ein halbes Jahrhundert später, sieht das gesamte Gelände zwischen Feldberg- und Dolivostraße im Westen, Landwehr­straße im Norden, Kasino­straße im Osten und Julius-Reiber-Straße im Süden komplett anders aus. Geblieben ist die nördliche der beiden Hallen. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung durch das Vermessungs­amt Darm­stadt.