Karte zum Fabrikviertel. Industriegleise im Fabrikviertel Darmstadt.

Industriegleise im Fabrikviertel Darmstadt

Das Industriestammgleis „A“

Dokumentation

1872 und 1893/94 wurden die beiden ersten Industriestammgleise zum Darmstädter Fabrikviertel eingerichtet. Dieses Fabrikviertel bildete sich mit der Westexpansion der Stadt Darmstadt Ende des 19. Jahrhunderts und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts heraus. Von den Mitte der 50er Jahre rund dreißig, Anschlußgleisen sind nur noch fünf übriggeblieben.

Zum Zwecke der Darstellung habe ich den Gleisen fiktive Buchstaben von A bis H zugewiesen, die somit zu keiner Zeit Bestandteil irgendwelcher Planungen, Pläne oder Dokumente gewesen sind. Mit dem Buchstaben „A“ bezeichne ich das Industriestammgleis südlich der Mainzer Straße. Es beginnt am Ende der Rampe des Bundesbahn­gleises 96 in der Nähe der Turmwagenhalle und endet(e) auf dem Werksgelände der Firmen Eisen-Rieg und Röhm & Haas an der Kirschenallee. Die Darstellung orientiert sich an erhaltenen Gleisplänen aus den 1950er und 1960er Jahren. Selbstredend hat es hier in mehr als einhundert Jahren so manche Änderung gegeben, deren Erforschung noch nicht abgeschlossen ist. Eine überarbeitete Fassung ist in Vorbereitung.

Auf dem Lageplan von 1906 befindet sich dieses Stammgleis bei [⇒ H3], auf der Übersichtskarte zum Fabrikviertel ist es mit dem Buchstaben „A“ bezeichnet.


Das in verschiedenen Unterlagen Fabrikviertel genannte Industrie- und Gewerbegebiet im Nordwesten Darmstadts wurde durch mehrere Industrie­stammgleise an die große Welt der Eisenbahn angebunden. Ursprünglich, genauer: ab 1893/94, wurde das (damals) noch recht neue Industriegebiet von der Main-Neckar-Bahn aus über die Landwehrstraße angedient. Erst mit dem großflächigen Umbau der Gleisanlagen im Zuge der Verlagerung des Hauptbahnhofs nach Westen entstand etwa 1912 ein weiterer Gleiszugang von Nordwesten her.

Kartenausschnitt 1906.
Abbildung 1: Das Fabrikviertel zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Zu erkennen sind auf dem nebenstehenden Ausschnitt einer Planungskarte von 1906 die vorhandenen (schwarz) und die für den Neubau des Hauptbahnhofs zu errichtenden Gleisanlagen (rot). Das Industriegleis (1) sollte demnach aus dem nördlichen Gleisvorfeld in die damalige Weiterstädter Straße eingeführt werden. Dieser neue Anschluß war notwendig geworden, weil mit der Eröffnung des neuen Hauptbahnhofs 1912 die alten Gleisanlagen der Main-Neckar-Bahn und der Hessischen Ludwigsbahn aufgegeben werden sollten. Diese aus den 1840er bis 1860er Jahren stammenden Anlagen standen der auf dem Plan gestrichelt eingezeichneten Westexpansion der Stadt im Weg. Etwa auf Höhe der Maschinenfabrik und Kesselschmiede der Gebrüder Lutz AG im damaligen Weiterstädter Weg 71 (bzw. ab 1911/12 mit Hausnummer 81) sollte das vorhandene Gleis (2) angeschlossen werden, wobei die Karte die Gleislage auf der nördlichen Straßenseite nahelegt. Dieses Gleis teilt sich (3) bei der „Spinne“, der Kreuzung von Kirschenallee, Mainzer Straße und Landwehrstraße. Während ein Gleis geradeaus in das 1909 errichtete Werk von Röhm & Haas führt, knickt das Hauptgleis in die Landwehrstraße ein, bedient dort drei oder vier Industrie­betriebe und biegt dann nach rechts (4) zur Main-Neckar-Bahn ab. Weiter rechts im Bild sind die Gleisanlagen der Hessischen Ludwigsbahn (5) mitsamt der Gleise nach Worms, Mainz, Aschaffenburg und in den Odenwald eingezeichnet. Das Gleis von der Main-Neckar-Bahn ins Fabrikviertel wurde am 1. April 1894 offiziell in Betrieb genommen.

Einfahrt.
Bild 2: Einführung auf die Mainzer Straße.

Schon 1912 scheint auf beiden Straßenseiten je ein Gleis gelegen zu haben. Dies legt ein weiterer Plan nahe, der 1912 im Atlas der Zeitschrift für Bauwesen auf Blatt 51 veröffentlicht wurde. – Vom damaligen Gleis 96 und heutigen Gleis 375 des nördlichen Gleisvorfeldes herkommend verzweigt sich das Industrie­stammgleis in drei Richtungen. Nach links ging es zu Bandag, Schenck oder Knecht („E“ bzw. „F“), das mittlere Gleis wurde in die Landwehrstraße („C“) und Kirschenallee („B“) fortgeführt, während das rechte Gleis („A“) bei den Firmen Röhm & Haas sowie Eisen-Rieg endete. Entlang der Mauer beim Andreaskreuz (rechts) verlief ein Stumpfgleis, das mit dem Gleis auf der rechten (südlichen) Straßenseite verbunden war. Der Turmbau im Hintergrund gehört zu Röhm & Haas, heute Teil des Evonik-Konzerns. Dieser Teil der Gleisanlagen entspricht in seinem heutigen Aussehen weitgehend dem Zustand um 1960.

Plan von 1960.
Abbildung 3: Einführung auf die Mainzer Straße.

Dieser Bundesbahnplan von 1960 zeigt die Verzweigung, das (heute nicht mehr vorhandene) Stumpfgleis und den parallelen Verlauf der beiden Industrie­stammgleise entlang der damals noch als Weiterstädter Straße bezeichneten Mainzer Straße. Am südlichen Gleis („A“) waren die Firmen Preussag (am Neuwiesenweg, keine Gleisreste sichtbar), Stöckel (Gleisreste vorhanden), Eisen-Rieg (bis heute) und Röhm & Haas (ebenfalls bis heute) angeschlossen.

Ein hinsichtlich der Gleisanlagen erstaunlich detaillierter Stadtplan als Beilage zum Adreßbuch von 1927 zeigt nicht nur ein voll entwickeltes südliches Industrie­stammgleis, sondern zudem Gleisan­schlüsse in Höhe der Hausnummern 80 (Sägewerk Mahr) und 70 (May, Lippmann, vermutlich Schrotthandel). Es endet auf dem Gelände der Firma Eisen-Rieg parallel zur westlichen Straßenseite der Kirschenallee.

Die folgende Tabelle listet mögliche Nutzer der Gleisanlagen auf. Die Hausnummer 100 befindet sich an der Einführung des Gleises auf die Weiterstädter bzw. Mainzer Straße, die Hausnummer 70 befindet sich kurz vor der „Spinne“. Vermutete Anlieferungen sind durch einen Stern kenntlich gemacht, gesicherte durch zwei Sterne.

Tabelle 1: Mögliche Gleisanschlüsse auf der Südseite der Weiterstädter Straße, 1921 bis 1937.
Hausnr.\Jahr1921192419271929193019331934193519361937
70 * May / Lippmann (Magazin / Rohprodukte)XXXXXXXXXX
78 Bezirkskonsumverein / Bauhütte  XXXXXXXX
80 * Darmstädter Holzindustrie, Wilhelm Mahr Nachf.XXXXX     
80 Stadt Darmstadt     XXXXX
90 Rast & Co. (Glaserei)X         
90 Süddeutsche Glaswerke XXXXXX   
90 Mitteldeutsche Drahtstiftefabrik       XXX
98 ** Jonas Meyer / HolzwerkeXXXXXXX   
98 Georg Nungesser & Co. (Kohlengroßhandel)       XXX
100 ** Reinhardt & Comp. (Eisengießerei)XXXXXXXXXX
Tabelle 2: Mögliche Gleisanschlüsse auf der Südseite der Weiterstädter bzw. (ab etwa 1954) Mainzer Straße, 1939 bis 1959. Das Adressbuch 1949 wurde nicht ausgewertet.
Hausnr.\Jahr193919401941194219491952/531954/551956/571958/59
70 * May / Lippmann (Magazin / Rohprodukte)X        
70 * Noll-Monnard & Co. KG, Kfz-ReparaturwerkstattXXXX(X)XXXX
78 Ludwig Himmler, TiefbauunternehmerXXXX?    
78 ** Helmut Armbruster, Schrott- und Metallgroßhandlung    ?XXXX
80 Stadt DarmstadtXXXX(X)XXXX
82 ** Gebrüder Stöckel KG, Maschinenfabrik       XX
90 Mitteldeutsche DrahtstiftefabrikXXXX(X)XXXX
98 Georg Nungesser & Co. (Kohlengroßhandel)XXXX?    
100 Reinhardt & Comp. (Eisengießerei)XXXX(X)XXXX

»»  Vergleiche zu dieser Übersicht der (möglichen) Gleisanschlüsse auch die Darstellung zur Erschließung des Fabrikviertels mittels Anschlußgleisen.

Werksgelände Jonas Meyer.

Abbildung 3a: Firmenansicht der Firma Holzhandlung und Dampfsägewerk von Jonas Meyer. Quelle: Annonce im Buch „Landbau Hessen“, 1926.

»»  Zur ausführlichen Darstellung der Holzwerke Jonas Meyer.

Anschluß Preussag.
Bild 4: Haltzeichen für DB-Lokomotiven vor dem Werksanschluß der Firma Preussag.

Etwa in Höhe des roten parkenden Pkw verlief das vom Industrie­stammgleis abzweigende Anschlußgleis der Firma Preussag quer über die von links kommende Fabrikstraße, um hinter dem Rücken des Fotografen ein bis vor kurzem von Gebüsch verdecktes, nach dem Kanalbau in der Mainzer Straße 2012/13 aber wieder sichtbares Einfahrtstor zu passieren. Das Tor selbst verfügt noch über das Signal Sh 2. Das Schild mitsamt des buschigen Ambientes wurde im Februar / März 2013 bei den genannten Kanalbau­arbeiten entsorgt.

Anschluß Preussag.
Abbildung 5: Anschlußplan Preussag (Neuwiesenweg) 1955.

1955 war die Zuführung noch ein wenig anders geregelt. Das Zufahrtstor befand sich einige Meter weiter südlich am Neuwiesenweg und erlaubte auf dem Firmengelände eine nutzbare Länge von 50 Metern. Die zugehörige Dienstanweisung, gültig ab 1. Februar 1956, beschrieb die Gleiszuführung so:

„Der Gleisanschluß beginnt in der Anschlußweiche A, kreuzt die ungesicherte Zugangsstraße der Mitteldeutschen Drahtstiften­fabrik, verläuft in einem Bogen, der sich allmählich von 180 m Halbmesser bis zu 35 m Halbmesser verstärkt, nach Süden, führt durch ein Tor zum Lagerplatz der Anschließerin und endet dort nach einer nutzbaren Länge von insgesamt 120 m an einem stabilen Prellbock. Von der nutzbaren Länge des Anschlußgleises liegen 50 m innerhalb des Werksgeländes. Eine 10 m breite Kranbahn (Brückenkran) kreuzt hier das Anschlußgleis. […] Die Übergabe­stelle der Wagen liegt zwischen der Gleissperre I und der Tafel mit der Aufschrift ‚Halt für Bundesbahnlok‘. Sie ist 13 m lang. Für die Beförderung der Wagen zwischen Übergabe­stelle und den einzelnen Ladestellen im Werkhof ist eine Spillanlage vorhanden.“

Angaben darüber, in welchem Zeitraum dieses Anschlußgleis bedient wurde, sind mir nicht bekannt.

Teil der Spillanlage.
Bild 6: Teil der Spillanlage.

Dieses Artefakt steht etwas unmotiviert zwischen der ehemaligen Drahtstifte­fabrik und der ehemaligen Werkseinfahrt der Preussag, und ich konnte ihm keinen tieferen Sinn abgewinnen. Manchmal ist es nützlich, eine Person auf Entdeckungstour mitzunehmen, die nicht so vorein­genommen ist, wie man selbst. Sie fand die Lösung umgehend, ohne von der Existenz der Spillanlage zu wissen, weil sie an einem Hafenbecken groß geworden ist. Womit andernorts Boote vertäut werden, das dient hier als Seilführung. Und wenn man oder frau weiß, wonach sie suchen, dann findet sich das entsprechende Gegenstück auch auf der vorangehenden Abbildung wieder, und zwar nahe dem dort eingezeichneten Buchstaben „H“. Dort befand sich auch die Gleissperre „I“.

Der bislang sichtbare Rest dieser Spillanlage wurde am 21. Februar 2013 im Zuge der Kanalbauarbeiten in der Mainzer Straße abgebrochen.

Anschluß Stöckel.
Bild 7: Zwei Drehgestelle mit Aufsatz vor dem Einfahrtstor.

Auf der gegenüber liegenden Straßenseite des Neuwiesenwegs befindet sich an der Ecke zur Weiterstädter / Mainzer Straße das Gelände der Firma Stöckel. Dieser Betrieb wickelte bis vor wenigen Jahren seinen Güterverkehr per Bahn ab. Als jedoch die Erneuerung der Anschlußweiche einen erheblichen Eigenanteil erforderte, lehnte die Firma dankend ab und die Deutsche Bahn verlor einen weiteren Kunden. Das Anschlußgleis ist auf dem Firmengelände noch vorhanden; nur die Weiche wurde entfernt.

Die 1894 als Stöckel & Petrie in Leipzig gegründete Dampfkesselfirma übersiedelte 1953 nach Darmstadt und erhielt 1955 ihren Gleisanschluß.

Luftbild Stöckel.
Bild 8: Nicht datiertes Luftbild des Firmengeländes der Firma Stöckel. Quelle: Firmenarchiv Fa. Stöckel.

Dieses nicht datierte Luftbild (meine Vermutung: 1960er oder frühe 1970er Jahre) zeigt nicht nur den Gleisanschluß am südlichen Industriestamm­gleis, sondern auch zwei weitere Nutzer. Hinter dem Werksgelände verläuft der Neuwiesenweg und direkt dahinter ist der auf der Abbildung 5 eingezeichnete Kran zu erkennen, der das parallel zum Neuwiesenweg verlaufende (und hier von der Mauer verdeckte) Gleis bedient.

Am linken unteren Bildrand befindet sich die Metall- und Schrottgroß­handlung von Helmut Armbruster, welche das Anschlußgleis der Firma Stöckel mitbenutzt hat. Hiervon zeugen die beiden mit Schrott beladenen Güterwagen. Seit Mitte der 1970er Jahre steht an Stelle des Schrottareals ein Raumausstattungs­geschäft.

Anschluß Stöckel.
Bild 9: Die Reste des Anschlußgleises.

Hier sehen wir die Reste des Anschlußgleises in Richtung Westen, am linken Bildrand den Raumausstatter. Dann drehen wir uns um und gehen weiter zur „Spinne“.

Rechterhand, auf Höhe der Hausnummer 70, ist bei Google Earth auf dem Gelände der Firma EMRO eine helle längliche Fläche auszumachen, die den ehemaligen Gleisan­schluß überdecken könnte. (Wenn man oder frau dort vorbeigeht, ist das ebensogut zu sehen.) Auf der Firmen­webseite wird uns aus der Firmenhistorie sogar das (mögliche) Einfahrtstor für die ehemalige Bahnandienung gezeigt. EMRO wird uns hierzu leider nichts verraten können, denn die Firma residiert erst seit 1979 dort – und schon Mitte der 1950er Jahre gab es diesen Gleis­anschluß vermutlich nicht mehr.

Der schon erwähnte Stadtplan von 1927 zeigt sogar eine Drehscheibe auf dem Firmengelände, von der aus ein weiteres Gleis in südwestlicher Richtung weggeführt wird.

Horst Knechtel.
Bild 10: Mehr Licht im Schilderwald, 1998. Bildautor: Günther Jockel.

Ein Vierteljahr vor der Oberbürgermeisterwahl am 17. und 31. Januar 1999 unterstützte der SPD-Politiker Horst Knechtel seinen Parteifreund Peter Benz gegen den Herausforderer Wolfgang Gehrke (CDU) durch öffentlichkeits­wirksames Saubermachen. Insbesondere die für Autofahrerinnen und Kraftfahrer mitunter nervigen Verkehrsschilder mußten daran glauben. Keineswegs, so sei hinzugefügt, störte sich der damalige Ordnungsdezernent am bunten Schilder- und Bretterwald am Rande von Straßen und Plätzen, die selbige Fahrerinnen und Fahrer mit ihren netten Werbe­botschaften bewußt vom Verkehrsgeschehen ablenken sollen. Am 12. Oktober 1998 verirrte sich Darmstadts Saubermann ins Fabrikviertel, um dort zwanzig Verkehrszeichen nach vorheriger Rücksprache mit der Polizei eigenhändig und fotografengerecht abzumontieren:

„Schwungvoll rauschte Knechtels Axt gestern nachmittag durch den Schilderwald an der Mainzer Straße. Mit dem Vorsatz, das Gestrüpp von Verkehrszeichen dort zu lichten, zog der Darmstädter Bürgermeister und Ordnungsdezernent beim Ortstermin kurzerhand den Trenchcoat aus, griff zum Schraubenschlüssel und stieg auf die Leiter. Sein Ziel war eine Reihe von Andreaskreuzen, die an jeder Grundstücks­einfahrt entlang der Mainzer Straße die Autofahrer auf ein selten genutztes, parallel laufendes Industriegleis hinwiesen.“

Zum „reibungslosen Ablauf waren die Schrauben vorab schon gelockert worden“, wie der Artikel des „Darmstädter Echo“ leicht süffisant vermerkte.

Die Spinne.
Bild 11: Gleisverzweigung an der „Spinne“.

Dieses Bild, ich gebe es zu, ist allenfalls suboptimal. Links vom gelben Gebäude (gehört zu Röhm & Haas bzw. heute Evonik) verläuft die Landwehrstraße, auf deren linker Straßenseite vor Jahrzehnten das Industrie­stammgleis in Richtung Bundesbahn­ausbesserungswerk auf der „Knell“ fortgesetzt wurde. Ganz rechts führt das Anschlußgleis von Hofmann-Rieg durch das Werkstor. Der nächste Abzweig führt in die Kirschenallee und endet heute auf dem Betriebs­gelände der Firma Goebel südlich der Bismarckstraße. Das geradeaus verlaufende Gleis teilt sich noch einmal kurz vor der Kirschenallee und bedient zwei verschiedene Gleisan­schlüsse der Firma Röhm & Haas, einmal unterhalb der Röhre in der Bildmitte und einmal durch das Tor hinter der Litfaßsäule. Diese Anordnung ist nicht die ursprüngliche.

Gleisbild 1955.
Abbildung 12: Gleisbild an der „Spinne“ 1955.

Im Gegensatz zum heutigen Gleisbild wurden die beiden Industrie­stammgleise entlang der Mainzer Straße vor einem halben Jahrhundert anders genutzt. Das nördliche Stammgleis („B“) verzweigte sowohl in die Kirschenallee als auch in die Landwehrstraße („C“). Geradeaus verfügte zudem die Firma Röhm & Haas über den ursprünglichen Gleisanschluß (vgl. Abbildung 1). Das südliche Stammgleis bediente die Firmen Eisen-Rieg (heute: Hofmann-Rieg) und Röhm & Haas (heute Teil des Evonik-Konzerns).

Rangierfahrt 1952.
Bild 13: Rangierfahrt aus dem Werksgelände, 1952. Quelle: Evonik Industries AG, Konzernarchiv.

1952 wurde diese Rangierfahrt aus dem Werksgelände von Röhm & Haas zum südlichen Industrie­stammgleis vom Werksgelände der Firma Donges aus aufgenommen. Im Gegensatz zu heute, wenn allenfalls ab und zu ein Kesselwagen angeliefert wird, handelt es sich bei diesem Güterzug um eine buntere Mischung.

Rangierfahrt 1954.
Bild 14: Rangierfahrt unter der Eingangspforte, 1954. Quelle: Evonik Industries AG, Konzernarchiv.

Im Dezember 1954 wurde (vermutlich) eine Anlieferung in das Werkegelände fotografiert. Auffallend sind die drei Herren, die daneben stehen und entweder den Fotografen skeptisch anschauen oder der Lok beim Dampfen zuschauen. Keine Spur von der heutigen hektischen Betriebsamkeit.

Rangierfahrt 1954.
Bild 15: Die „Spinne“ im Juni 1956. Quelle: Evonik Industries AG, Konzernarchiv.

Im Juni 1956 zeigen sich die ersten Spuren des Wirtschafts­wunders. Doch die Parkplätze am Werkseingang scheinen noch auszureichen, und die Kreuzung benötigt noch keine Ampelschaltung. Die unter der Verbindung zwischen den beiden Gebäuden durchgeführte Weiterstädter (Mainzer) Straße wurde erst im Oktober 1974 für den Durchgangs­verkehr gesperrt. Am linken Bildrand führt das Industrie­stammgleis („C“) in die Landwehrstraße, von dem unmittelbar hinter der Kirschenallee der Gleisanschluß für die Motorenfabrik Modag abzweigt. Dieser Gleisanschluß fehlt auf Abbildung 12, obwohl damals vorhanden.

Gleise auf Firmengelände.
Bild 16: Auf dem Firmengelände von Eisen-Rieg. Quelle: Hofmann-Rieg Stahlhandel GmbH.

Auf Abbildung 11 ist als zweiter Gleisabschluß der Anschluß der (damaligen) Firma Eisen-Rieg benannt. Das auf das Firmengelände führende Gleis schmiegte sich an die Kirschenallee. Von dort ging per Weiche eine Gleisverbindung in den Innenhof, wo mittels einer weiteren Weiche ein parallel zur Kirschenallee angelegtes Firmengleis angebunden war. Hierzu gibt es einige, nicht immer scharfe, Aufnahmen. Bild 15 zeigt die Weiche ins Innere des Firmengeländes. Diese Weiche ist heute abgebaut, das Gleis endet etwa am Standort des Fotografen.

Gleise auf Firmengelände.
Bild 17: Auf dem Firmengelände von Eisen-Rieg. Quelle: Hofmann-Rieg Stahlhandel GmbH.

Auch wenn dieses Bild aufgrund der Schatten­bildung nur begrenzt einen Eindruck der internen Gleisanlagen vermitteln kann, so kann doch gezeigt werden, wie die hier sichtbare Laderampe angebunden war. – Eine Dienstan­weisung aus dem Jahr 1960 beschreibt den Betriebsablauf so:

„Die Anschlußanlage besteht aus den Gleisen 1, 2 und 3.

Gleis 1 beginnt an der Anschlußweiche A im Industrie­stammgleis, führt in einem Rechtsbogen über die Landwehrstraße auf den Werkhof der Firma und verläuft dann in südlicher Richtung. 45 m hinter der Weiche A befindet sich ein 4,50 m breites Eisentor (Tor 5); nach weiteren 100 m ist die Weiche B eingebaut [siehe Bild 15]. Das Gleis endet ohne Gleisabschluß. […] 15 m südlich der Weiche B liegt eine doppelte Gleiswaage, die außer Betrieb ist.“

Gab es hier einst eine Weiterführung des Gleises zu einem weiteren Anschluß, der die Gleiswaage genutzt hat?

Gleis 2 zweigt an der Weiche B aus dem Anschlußgleis 1 ab, verläuft in einem S-Bogen über die Anschlußweiche C nach Süden und endet im Werkhof ohne Gleisabschluß. […]

Gleis 3 zweigt an der Weiche C aus dem Anschluß­gleis 2 ab [siehe Bild 16], verläuft in nördlicher Richtung und endet im Werkhof ohne Gleisabschluß. Es hat eine nutzbare Länge von 183,10 m, liegt ab Weiche C auf eine Länge von 60 m in einer Steigung von 1:500 und anschließend auf eine Länge von 135 m horizontal (1:oo) [siehe Bild 17].

Die Übergabestelle liegt im Anschlußgleis 1 zwischen dem Tor und der Weiche B. Deutsche Bundesbahn-Lokomotiven dürfen das Gleis 1 nur bis zum Schild ‚Halt für Bundesbahnlok‘ befahren.“

Gleise auf Firmengelände.
Bild 18: Auf dem Firmengelände von Eisen-Rieg. Quelle: Hofmann-Rieg Stahlhandel GmbH.

Eine Anlieferung und Abholung per Lastwagen war jedoch unabhängig vom Gleisanschluß wohl recht früh verbreitet. Eine Datierung der drei Bilder ist nicht möglich.

Ehemalige Lieferrampe.
Bild 19: Ähnlicher Standort, anderes Ambiente.

Der Standort ist ungefähr derselbe wie beim vorigen Bild, doch durch diverse Umbauten hat das Gelände einen anderen Charakter erhalten. Zum Zeitpunkt der Aufnahme (2010) residierte im Gebäude G42 (das ist der Flachbau mit der schmalen Lieferrampe) die Hänseroth Technik GmbH.

Gleisabschluß.
Bild 20: Das heutige Gleisende am Werkstor.

Der Standort ist ungefähr derselbe wie bei Bild 15, doch die Weiche ist ausgebaut und das Gleis endet in Höhe des hinteren Tores. Mit etwas Glück, denn die Zufuhr und Abholung des Waggons erfolgt unregelmäßig, ist es möglich, morgens oder vormittags die Übergabe eines Rungenwagens zu erhaschen.


Literatur


 
 
 
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