Karte zum Fabrikviertel. Industriegleise im Fabrikviertel Darmstadt.

Industriegleise im Fabrikviertel Darmstadt

Das Industriestammgleis „D“ zur Pallaswiesenstraße

Dokumentation

1872 und 1893/94 wurden die beiden ersten Industriestammgleise zum Darmstädter Fabrikviertel eingerichtet. Dieses Fabrikviertel bildete sich mit der Westexpansion der Stadt Darmstadt Ende des 19. Jahrhunderts und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts heraus. Von den Mitte der 50er Jahre rund dreißig, Anschlußgleisen sind nur noch wenige übriggeblieben.

Zum Zwecke der Darstellung habe ich den Gleisen fiktive Buchstaben von A bis H zugewiesen, die somit zu keiner Zeit Bestandteil irgendwelcher Planungen, Pläne oder Dokumente gewesen sind. Mit dem Buchstaben „D“ bezeichne ich das Industrie­stammgleis, das vom nördlichen Gleis an der Mainzer Straße abzweigt und in einem längeren Bogen nach Nordwesten die Pallaswiesen­straße überquert hat. Die Darstellung orientiert sich an erhaltenen Gleisplänen aus den 1950er und 1960er Jahren. Selbstredend hat es hier in mehr als einhundert Jahren so manche Änderung gegeben, deren Erforschung noch nicht abgeschlossen ist. Eine überarbeitete Fassung ist für 2021/2022 geplant.

Auf dem Lageplan von 1906 befindet sich dieses Stammgleis bei [⇒ H2], auf der Übersichtskarte zum Fabrikviertel ist es mit dem Buchstaben „D“ bezeichnet.


Zuführung Mainzer Straße.
Abbildung 1: Übergang von der Bundesbahn­zuführung zu den Industrie­stammgleisen in der Mainzer Straße, etwa 1981.

Bevor wir uns dem Industrie­stammgleis „D“ zuwenden, mag ein Blick auf einen Lageplan hilfreich sein. Der geostete Plan weist am linken Bildrand nach Norden. Das (von der damaligen Bundesbahn) zuführende Gleis wird kurz vor der Einmündung in die Mainzer Straße auf drei Gleise aufgesplittet, von denen eines südlich der Mainzer Straße („A“), eines nördlich der Mainzer Straße („B“) und eines zwischen Pallaswiesen­straße und Mainzer Straße („F“) verläuft.

Das hier besprochene Gleis „D“ zweigt vom nördlichen Industrie­stammgleis ab und bediente (und bedient, zumindest theoretisch) den Schrotthandel der Firma Heckmann & Assmuth sowie (in früheren Zeiten) die Polstermöbel­fabrik Eugen Schmidt nördlich der Pallaswiesenstraße.

Weiche in der Mainzer Straße.
Bild 2: Weiche in der Mainzer Straße.

Die auf beiden Seiten der Mainzer Straße verlaufenden Gleise münden etwa in der Bildmitte im Hintergrund mit dem Gleis „F“ zusammen. Mittels dieser frisch gepflegten Weiche zweigt das Gleis „D“ zum Schrotthandel von Heckmann & Assmuth ab [1]. Ohne weiteren Entwicklungen vorgreifen zu wollen, sieht es so aus, als werde dieses Gleis nie mehr benutzt werden, obwohl es gerade erst gerichtet wurde. Ende November 2009 ließ die Stadt Darmstadt verlauten, in diese Infrastruktur investieren zu wollen:

„Die Wissenschafts­stadt Darmstadt betreibt in der Mainzer Straße / Kirschenallee eine Industriegleis­anlage mit fünf Gleisen. Auch wenn die Nutzung der Anlage besonders durch logistische Veränderungen bei den Nutzern in den vergangenen Jahren eher rückläufig war, wird die Stadt Darmstadt künftig weiter in die Anlage investieren: Rund 50.000 Euro wurden in der jüngeren Vergangen­heit ausgegeben, um die Anlage betriebssicher zu machen, weitere 250.000 Euro werden in den kommenden beiden Jahren fällig werden. ‚Wir haben uns aus Gründen der Wirtschafts­förderung und des Klimaschutzes dazu entschieden, die Gleisanlage zu erhalten und der rückläufigen Entwicklung entgegenzu­treten‘, so Darmstadts Verkehrs- und Planungs­dezernent, Stadtrat Dieter Wenzel.

Neben den seitherigen Nutzern (Donges SteelTec GmbH, EVONIK Röhm GmbH, Hofmann-Rieg GmbH), für die diese Industrie­gleise als Infrastruktur­angebot der Stadt im Sinne einer nachhaltigen Standort­sicherung unverzichtbar sind, hat nun auch die Heckmann & Assmuth GmbH & Co. KG wieder mit der Verladung von Eisenschrott über die Schiene begonnen. Dies sei ein Zeichen dafür, dass das auch von der Stadt Darmstadt forcierte Ziel ‚Von der Straße auf die Schiene‘ bei den Unternehmen ankomme, so Stadtrat Dieter Wenzel.“

Gleiskreuzung.
Bild 3: Gleiskreuzung.

Der Rechtsbogen des Gleises kreuzt nach einigen Metern das ebenfalls von der Mainzer Straße herkommende Gleis „F“ (vgl. Abbildung 1). Während Ende der 50er Jahre das Gleis am Lagerplatz der Firma Heckmann & Assmuth verborführte und anschließend die Pallaswiesen­straße querte, endet es heute im Firmengelände. Am rechten Bildrand gewinnen wir eine Ahnung von der dort befindlichen Schrotthalde.

Birgit Femppel nahm am 1. Dezember 2009 im „Darmstädter Echo“ die Presse­mitteilung der Stadt zum Anlaß, näher auf die Wieder­aufnahme des Schrotthandels einzugehen. Erstmals seit sieben Jahren seien wieder 50 Tonnen Stahlschrott per Güterwaggon nach Österreich geliefert worden. Während noch Mitte der 1980er Jahre bis zu siebzehn Güterwaggons pro Monat Schrott brachten oder abholten, scheint das über die Bahn abgewickelte Geschäft später stark rückläufig gewesen zu sein. Mit der Pünktlich­keit soll die Bahn auch so ihre Probleme gehabt haben, so daß sich die Firma etwa 2002 dazu entschlossen hatte, ihren Schrotthandel lieber den flexibleren Lastkraft­wagen zu überlassen. Die Wiederaufnahme des Güterverkehrs per Bahn war jedoch nur von kurzer Dauer. Etwas scheint beim Transport schiefge­gangen zu sein. Der im nachfolgenden Bild abgestellte Waggon sollte der letzte sein, der auf diesem Gleis transportiert wurde. Fünf Jahre später, wir schreiben das Frühjahr 2014, stapeln sich die Schrottberge demonstrativ vor dem Einfahrtstor zum Werksgelände.

Güterwaggon bei Heckmann und Assmuth.

Bild 4: Güterwagen auf dem Firmengelände von Heckmann und Assmuth. Claus Völker stellte freundlicher­weise dieses im genannten „Echo“-Artikel verwendete Bild zur Verfügung. Weitere Aufnahmen scheinen nicht zu existieren, auch nicht im Firmenarchiv des Schrotthandels.

Gleisbogen.
Bild 5: Am ehemaligen Bahnübergang Pallas­wiesentraße.

Nur ein verschlossenes Tor verrät uns heute auf der Nordseite des Firmengeländes (rechts davon eine Autowasch­anlage) den Gleisverlauf am mit zwei Andreaskreuzen abgesicherten Bahn­übergang an der Pallaswiesen­­straße. Drehen wir uns dann herum, dann erahnen wir nur noch den weiteren Gleisverlauf (vgl. Bild 7).

Gleisanschlußplan Heckmann und Assmuth.

Abbildung 6: Anschlußplan der Firma Heckmann und Assmuth 1958.

Ehemalige Gleistrasse.
Bild 7: Ehemalige Gleistrasse nördlich der Pallaswiesen­straße.

Eine Dienstanweisung von 1958 nennt dies das Industrie­stammgleis „Pallaswiesen­straße“. Anschlußgleis 2 wurde von Heckmann & Assmuth gepachtet, die Firma Eugen Schmidt (Gleis 1) wurde als Mitbenutzerin geführt. Der Anschluß wurde durch eine geschobene Rangier­abteilung bedient, deren Lok vor dem Werkstor nördlich der Pallaswiesen­straße zu verbleiben hatte. Im Gegensatz zu ähnlichen Dienst­anweisungen anderer Privat­anschlüsse des Fabrikviertels erfahren wir hier nicht, ob die Gleisenden durch Prellböcke, Erdhügel oder andere Methoden gesichert wurden.

Die Firma Heckmann & Assmuth wurde 2015 von Uniroh übernommen. Eugen Schmidt starb 1975, sein Unternehmen wurde bis etwa 1989/90 fortgeführt. Der Bahn­übergang über die Pallaswiesen­straße mitsamt der nördlichen Fortführung des Industrie­stammgleises scheint schon um 1980 aufgegeben worden zu sein.

Der später zu Eugen Schmidts Möbelfabrik führende Gleisanschluß wurde im letzten Jahr des Ersten Weltkrieges geehmigt und dürfte alsbald angelegt worden sein. Das angebundene Firmengelände gehörte Hermann Joseph, der dort eine Dampftalg­schmelze betrieb. Mitte der 1930er Jahre war die Sparkasse Darmstadt Eigentümerin des Geländes, das an Ernst Otto für eine Rohprodukten­handlung verpachtet wurde.

In einem Nachruf auf den am 2. November 1975 verstorbenen Fabrikanten wird auf Eugen Schmidts vielfältiges ehrenamtliches Engagement, etwa beim Darmstädter Arbeitsgericht, verwiesen, aber auch auf seine Funktionärs­tätigkeit für die hessische, die deutsche und die europäische Holzindustrie. 1937 habe er sich in Darmstadt mit seiner Sitzmöbel­fabrik selbständig gemacht.

Der Weg des ehemals hier verlaufenden Gleises ist anhand der Hofeinfahrt immerhin noch zu erahnen. Weitere Spuren finden sich hier nicht mehr. An der Stelle des nördlich gelegenen Lagerplatzes von Heckmann & Assmuth befindet sich heute ein Autohandel; das Gelände sttand 2012 zum Verkauf. Wer mal gerade anderthalb Millionen Euro für 6.000 Quadratmeter zur Verfügung hat, kann sich ja hier niederlassen.


Literatur

 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   Ab dem 1. Mai 2015 firmiert der Schrotthandel als Betriebsstätte Darmstadt der uniroh GmbH.


 
 
 
Valid HTML 4.01 Transitional  Valid CSS!