Luftbild auf das Fabrikviertel 1966.
Industriegleise im Fabrikviertel Darmstadt
Walter Kuhl
Luftbild auf das Fabrikviertel 1966.
Das Fabrikviertel 1966.
Deutschlandkurve in der Landwehrstraße.
Eine Deutschlandkurve.
Kreuzung Straßenbahn- mit Industriegleis.
Einfahrt zur Kirschenallee.
Abholung eines Kesselwaggons.
Ein Kesselwaggontransport.
Gleisabbau an der Schenckallee.
Abgewrackt.

Industriegleise im Fabrikviertel Darmstadt

Das Industrie­stammgleis „G“

Geschichte und Spurensuche zwischen der Zeppelinhalle und der Löcherwiese, Teil 2

1872 und 1893/94 wurden die beiden ersten Industriestammgleise zum Darmstädter Fabrikviertel eingerichtet. Dieses Fabrikviertel bildete sich mit der Westexpansion der Stadt Darmstadt Ende des 19. Jahrhunderts und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts heraus. Von den Mitte der 50er Jahre rund dreißig, Anschlußgleisen sind nur noch wenige übrig geblieben.

Zum Zwecke der Darstellung habe ich den Gleisen fiktive Buchstaben von A bis H zugewiesen, die somit zu keiner Zeit Bestandteil irgendwelcher Planungen, Pläne oder Dokumente gewesen sind. Als Industrie­stammgleis „G“ bezeichne ich die Ver­längerung des Gleises „C“ in der Landwehr­straße. Es führt östlich vorbei an Schenck, kreuzt die Pallaswiesen­straße, tangiert den westlichen Rand des Ausbesserungs­werks auf der „Knell“ und hat nördlich der Schenck­allee seit etwa 1970 mehrere weitere Betriebe angebunden. Das Stammgleis selbst mündet an der ehemaligen Blockstelle Löcherwiese in das nördliche Gleis­vorfeld des Darm­städter Haupt­bahnhofs. Am Bahn­übergang Pallaswiesen­straße gab es einen Übergang zum Gleis „H“.

Die Darstellung orientiert sich an erhaltenen Gleis­plänen aus den 1950er und 1960er Jahren. Selbst­redend hat es hier in mehr als einhundert Jahren so manche Änderung gegeben, deren Erforschung noch nicht abge­schlossen ist.

Auf einem Lageplan von 1906 läßt sich dieses Stammgleis von [ L10] über [ J1] und [ J3] nach [ E10] verfolgen. Auf der Übersichtskarte zum Fabrikviertel ist es mit dem Buchstaben „G“ bezeichnet.

Das Industrie­stammgleis „G“ auf OpenStreetMap.

Überschneidungen zur Darstellung Vom Ludwigs­bahnhof zum Riedbahn­abzweig sind unvermeid­lich, da das hier dargestellte Industrie­stammgleis bis 1912 Teil einer zwei­gleisigen Haupt­strecke von Darmstadt nach Mainz bzw. Worms gewesen ist.

Andreas Burow, Jörn Schramm und Rudi Göckel sei für die Über­lassung hier gezeigter Aufnahmen an dieser Stelle gedankt.


Übergaben für das Aus­besserungswerk

Jörn Schramm verdanke ich die nach­folgenden vier Aufnahmen von Übergaben am Bahn­übergang Pallaswiesen­straße oder auf dem Gelände des Ausbesserungs­werks.

Köf rangiert ins Ausbesserungswerk.

Bild 25: Eine unbekannte Köf rangiert im August 1985 eine Übergabe im Morgenlicht.

Entlang des Ausbesserungswerks.

Bild 26: Rangierlok 260 770-3 [lebenslauf mit bild] steht am 25. November 1993 an Weiche 9 auf dem Überführungs­gleis vom und zum Güter­bahnhof.

Blick hinein ins Ausbesserungswerk.

Bild 27: Einige Kesselwagen verlassen ein letztes Mal das Ausbesserungs­werk, aufgenommen am 30. Juni 2000. Die Gleis­anlagen werden schon von diversen Gräsern in Besitz genommen. Jahre später steht hier ein Fastfood-Restaurant.

Übergabe am Bahnübergang Pallaswiesenstraße.

Bild 28: Nach zweimaliger Querung der Pallaswiesen­straße geht es dann weiter nach Norden Richtung Haupt­bahnhof. Im Bild Köf 335 153-3 [lebenslauf mit bild].

Eine Köf und ein Knallfrosch im Ausbesserungswerk

Andreas Burow lichtete 1996 eine rangierende Köf auf dem Betriebs­gelände ab und sah dabei im Hinter­grund einen Knallfrosch.

Köf rangiert im Ausbesserungswerk.

Bild 29: Auch am 31. Mai 1996 war dieselbe Köf unterwegs. Hinter dem Kesselwagen in der Bildmitte lugte etwas Grünes hervor, das den Fotografen zu einem erneuten Besuch veranlaßt hat:

Knallfroschim Ausbesserungswerk.

Bild 30: Am 14. Juli 1996 stand der „Knallfrosch“ 141 105-7 [lebenslauf] weiterhin untätig und zudem für Außen­stehende fotografisch schwer zugänglich herum. Die Lok wurde in Darmstadt ausge­schlachtet und im Jahr darauf in Opladen verschrottet.


Entlang der „Knell“

Geschwindigkeitsanzeige am Verbindungsgleis.
Bild 31: Anzeige der maximal erlaubten Geschwindig­keit am Gleis entlang der „Knell“.

Zwischen 2009 und 2011 wurde in drei Phasen das Verbindungs­gleis zwischen der Pallaswiesen­straße und dem Carl-Schenck-Ring abgebaut. Am Lattenzaun des zu diesem Zeitpunkt schon weitgehend abgetragenen Ausbesserungs­werks fand sich noch dieses Zeichen, das durchaus auch Einblicke in die Instand­haltung eines nur noch wenig genutzten Gleises bietet. Während das Signal Zs 3 als Dreieck mit Spitze nach oben ausgebildet ist und die angebrachte Geschwindigkeits­angabe mit dem Faktor 10 zu multiplizieren ist, sehen wir hier wohl einen Vor­gänger. An anderer Stelle waren auf demselben Gleisstück auch 15 km/h erlaubt.

Als sich dann Pläne zerschlugen, den Müll­tourismus zum Darm­städter Müllheiz­kraftwerk mit der Bahn abzuwickeln, verfiel die Strecke und wurde Anfang 2012 endgültig abgewrackt. Direkt an der Schenckallee war man schon im Juni 2009 ans Werk gegangen.

Weitere Bilder vom Ausbesserungswerk?!

Obwohl ich mehr als zwanzig Jahren in Darmstadt gelebt habe, bin ich nie auf die Idee gekommen, das dem Untergang geweihte Ausbesserungs­werk fotografisch festzuhalten. Ich kann mich zwar an die ab und an für eine Rangier­fahrt gesperrte Pallas­wiesenstraße erinnern, aber das war's auch schon. Wer also ein Bild beisteuern kann und mag, möge sich bitte mit mir in Verbindung setzen.

Das Darmstädter Echo berichtete mehrfach von den Plänen der Bundesbahn und erst recht der Deutschen Bahn AG, das Ausbesserungs­werk abzuwickeln. Den Artikel „Letzter Hammerschlag für 180 Eisenbahner“ von Klaus Honold am 1. Juli 1998 wird bildlich garniert durch eine Gesamtansicht des Ausbesserungs­werks von Jürgen Schmidt. Aus urheber­rechtlichen Gründen wird das Bild hier nicht gezeigt.

Die Broschüre der Bundesbahn zum 100-jährigen Bestehen 1973 bietet zwar das eine oder andere Bild, aber entweder handelt es sich um Gruppen­aufnahmen aus der Zeit um 1900 oder um Detail­aufnahmen aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch hier wären vor einer Nutzung urheber­rechtliche Fragen zu klären.

Jörn Schramm hat im August 2000 die Zerlegung mehrerer Diesel­lokomotiven am Schrott­bansen des Ausbesserungs­werks beobachtet und, wichtiger noch, auch im Bild fest­gehalten. Auch Andreas Burow war zur selben Zeit, aber noch vor dem Zerstörungs­werk, vor Ort. Peter Wöllert war 2003 auf dem Gelände unterwegs und hat das beginnende Werk der Zerstörung eines ganzen Areals aufgezeichnet. Die Bilder dieser Fotografen befinden sich auf einer eigenen Unterseite zu den Bahn­anlagen in Darmstadt.

Der Bahnübergang Schenckallee

Plan Bahnübergang Schenckallee.

Abbildung 32: Planskizze des Bahnübergangs am Carl-Schenck-Ring [ J3], vermutlich 1988.

Am linken Planrand ist Weiche 521 abgebildet, welche die Verbindung zu den drei Gleis­anschlüssen am Nordrand des in den 1960er Jahren erschlossenen Gewerbegebiets herstellt. Der Strecken­verlauf ist von rechts am Ausbesserungs­werk entlang nach links zum am Haupt­bahnhof gelegenen Güterbahnhof.

Schalthaus Schenckallee.
Bild 33: Schalthaus Schenckallee 2009. Rechts deuten aufge­schichtete Gleisjoche auf den bevor­stehenden Abbau der Gleis­anlagen hin.

Der Plan zeigt sieben Licht­signale für den Straßen­verkehr, vier für den Autoverkehr, zwei für den kombinierten Fußgänger­innen- und Radfahrer­verkehr und eines (S7) für die Einmündung des parallel zum Gleis am Ausbesserungs­werk entlang laufenden Weges. Zwei Quittungs­signale (Q1 und Q2) zeigen dem Triebfahrzeug­führer bzw. dem Rangier­leiter, daß die Straßen­signale auf rot geschaltet sind. Die beiden Fahrzeug­sensoren D3 und D13 dienen dem Ein- und Ausschalten der Anlage. Um beispiels­weise zum Ausbesserungs­werk zu fahren, wurde die Signal­anlage durch Halt auf der Schleife D3 einge­schaltet und nach dem Überqueren durch Überfahrt über D13 wieder ausge­schaltet. Im nach­folgenden Bild 37 befand sich einer der beiden Sensoren zwischen der Rautentafel (Signal Bü 2) und der Straße.

Dieser Mechanismus war jedoch beim einfachen Umsetzen für das Industrie­stammgleis auf der Nordseite der Schenck­allee wirkungs­los, da die Lokomotive nicht notwendiger­weise mit oder ohne ihre Güter­wagen auch den Sensor D13 überfuhr. Um dennoch den Bahn&­uuml;bergang abzusichern, wurde ein Schlüssel­schalter in Höhe der Weiche 521 installiert. Am dortigen zweiten Haltschild wurde angehalten und per Schlüssel­schalter die Signal­anlage ein- und ausge­schaltet, um auf dem Bahn­übergang selbst umsetzen zu können. Ein Fern­sprecher neben dem Schalthaus stellte zudem die Ver­bindung zum Fahrdienst­leiter im Stellwerk „Df“ am Darm­städter Haupt­bahnhof her.


Jörn Schramm hat auch am Bahnüber­gang Schenckallee zwei Über­gaben im Bild festge­halten und für diese Seite zur Ver­fügung gestellt.

Übergabe am Bahnübergang Schenckallee.

Bild 34: Übergabe vom Ausbesserungswerk am 27. Juli 1983, gezogen von 260 535-0. Die Signalanlage scheint noch nicht eingerichtet zu sein, was dann auch den Absprung des Rangierers erklären mag. Auf dem Bild ist nicht eindeutig zu erkennen, ob er eine Warnflagge trägt.

Übergabe am Bahnübergang Schenckallee.

Bild 35: Fast zwei Jahrzehnte später findet am 29. Februar 2000 eine der letzten Übergaben statt, diesmal gezogen von 361 233-0. Die Lok wurde nur anderthalb Jahre später ausge­mustert und Ende 2001 verschrottet.

Ein Rätsel

Der Bahnüber­gang am Carl-Schenck-Ring hatte die Nummer 15. Diese Nummer paßt in kein mir bekanntes Nummern­schema für Darmstadt. Weiter nördlich gab es keinen weiteren Bahn­übergang und der nach­folgende Bahn­übergang weiter südlich an der Pallas­wiesenstraße hatte schon im 19. Jahr­hundert die Nummer 45 erhalten. Woher kam dann die „15“? Gab es eine überörtliche Durch­zählung von Bahnüber­gängen an Neben- oder Industrie­gleisen?

Sehr mysteriös, dieses.


Kurze Blüte in den 1970ern

Jede Stadt, die etwas auf Standort­logik gibt, verwandelt Äcker, Felder, Wiesen, Weiden und Wälder in Asphalt und Beton. So auch unsere süd­hessische Provinz­stadt, die in den 60er und 70er Jahren südlich der Gleise zum Odenwald und nach Aschaffen­burg ein neues Gewerbe­gebiet erschloß. Damals waren Gleis­anschlüsse noch nicht verpönt bzw. der Deutschen Bahn einfach nur lästig, so daß drei oder vier Firmen angebunden werden konnten.

Gleisplan Schneppenzahl.
Gleisplan Rabenberg.

Abbildung 36 und 37: Zwei zueinander gehörig zu denkende Pläne für die Anschluß­gleise an der Otto-Röhm-Straße [auf Open Street Map].

Genannt werden auf diesen Bundesbahn-Strecken­plänen mit Stand 1978/79 die Firmen Nungesser (Samen­handlung), Hessel-Gellert (Spielwaren­großhandel), sowie Mücksch (Schrott­handel). Nungesser zog es 1970 vom bisherigen Stammsitz an der Ecke Bismarck­straße / Kasino­straße hierhin. Hessel-Gellert (eingetragen 1971, gelöscht 1995, ohne Erwähnung im Darm­städter Adreßbuch) und die Spiefagro (eingetragen 1972, gelöscht 2003) werden sich den Gleis­anschluß geteilt haben; wenn nicht ohnehin die eine Firma die Eigentümerin der anderen war. Mücksch ist, wenn auch aufgekauft, weiterhin am Standort. Anstelle von Nungesser nutzten 2012 ein Praktiker-Baumarkt, ein skandinavisches Einrichtungs­haus und ein expert-Mediamarkt die riesige Halle, während die Spiefagro von einem Putz- und Farben­handel abgelöst wurde. Wenige Jahre später ist auch dies schon wieder Geschichte.

Hinweise auf die Einrichtung der Gleis­anschlüsse mögen uns einige Gleise und Gleis­vorrichtungen mit ihren Walzzeichen, sowie Schwellen­nägel geben.

Walzzeichen an Weiche 521.

Bild 38: Walzzeichen des Bochumer Vereins aus dem Jahr 1968 am Radlenker von Weiche 521, der Ausfädelung des Anschluß­gleises für Nungesser, Hessel-Gellert und Mücksch. Gerade diese Fundlage legt den Einbau eines frisch gewalzten Profils nahe. Im Umfeld finden sich weitere „68er“.

Die Walzzeichen des Zufahrts­gleises zum Ausbesserungs­werk liefern die Jahre 1930 bis 1960, die Schwellen­nägel 1957 bis 1965. Die Schwellen­nägel am Prellbock zeigen das Jahr 1976, während auf dem Gleis zu Mücksch die Jahre 1979 bis 1981 zu finden sind. Da kaum anzunehmen ist, daß die Schwellen zehn bis dreizehn Jahre nach ihrem Einbau wieder ausgetauscht wurden, liegt hier wohl eher das letzte Tränkdatum vor.

Gleisende.
Bild 39: Das Gleisende an der Nordseite der Schenckallee.

Auch hier dürfte spätestens um 2000 herum Schluß mit Güter­verkehr per Bahn gewesen sein. Nördlich der Schenck­allee sind die Gleise noch weit­gehend vorhanden, die somit hiervon künden könnten, aber es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis auch hier der Räumungs­trupp unterwegs ist.

Der Halt für die Rangier­abteilung auf dem Industrie­stammgleis Nordwest hat nur noch symbolische Bedeutung. Bis hierhin wird sich nie wieder eine Lok verirren, nie wieder werden Güter­waggons den Fluß des vorfahrts­heischenden Automobil­verkehrs stören. Dieser eine der beiden denkmal­geschützten Winkel­türme begrenzt den Neubau des städtischen Eigen­betriebs zur Abfall­entsorgung. Mit dem Gelände ist ohnehin nicht viel anzufangen. Merck wies die Stadt Darmstadt auf die Seveso II-Richtlinie hin, was selbige aus Vermarktungs­gründen gar nicht so fein fand.

Im Januar 2023 genehmigte das Eisenbahn-Bundesamt auf Antrag der DB Netz AG vom 2. Dezember 2021 den Rückbau des ehemaligen Industrie­stammgleises und des Bahn­übergangs von km 2,840 bis km 4,027. Daß die letzten 600 Meter Gleis ohenhin seit zehn Jahren nicht mehr vorhanden und zum Teil schon überbaut waren, geht bei diesem büro­kratischen Akt unter. 

Direkt hinter dem Bahnüber­gang Schenck­allee zweigte an der Weiche 521 (die Nummer steht freundlicher­weise noch auf der Weichen­laterne) nach links ein Gleis ab, das mehrere hundert Meter (wenn auch gebogen) parallel zum Hauptgleis verläuft. Dieses Nebengleis endet auf dem Hof des Schrott­handels der Firma Mücksch (siehe weiter unten). Von diesem Gleis aus wiederum wurden zwei weitere Anschlüsse bedient (vergleiche Abbildung 37), nämlich zunächst Nungesser und nachfolgend Hessel & Gellert. Während vom Nungesser'schen Anschluß allein noch die Weiche mit einem kurzen Gleis­stummel vorhanden ist, führt das zweite Anschluß­gleis noch zu einer Verlade­rampe.

Anschluß Nungesser.

Bild 40: Das Anschlußgleis Nungesser (links) und das weiterführende Nebengleis (rechts). Aufnahme vom Dezember 2008.

Anschluß Spiefagro.

Bild 41: Der Abzweig zur Spefagro (nach links). Diese Weiche zu Hessel-Gellert und Spiefagro war im Dezember 2008 noch vorhanden und wurde von zahlreichen Schling­pflanzen über­wuchert. Leider fehlt der Hinweis auf die Weichen­nummer.

Anschluß Spielzeughandel.

Bild 42: Ein Blick durch den Zaun. An den beiden violetten Laderampen vorbei verläuft das ehemalige Ladegleis bis unter das Vordach des ehemaligen Spielwaren­großhandels. Aufnahme vom August 2011.

Werkstor Mücksch.

Bild 43: Verbarrikadiert. Aufnahme vom August 2011.

Das zum Hauptgleis parallel verlaufende Anschluß­gleis endet auf dem Werks­gelände des Schrott­platzes von Mücksch (oder wie immer die Bezeichnung heute lauten mag: TSR Recycling, vormals Mücksch Recycling). Hinter dem Zufahrtstor sind mehrere Betonklötze aufgestellt, die zum einen verhindern sollen, daß das Tor geöffnet wird, zum anderen einen leidlichen Sichtschutz bieten. Geradezu originell ist der Kaffee­becher, der an dem Bäumchen hängt. Vermutlich wird hier auch einmal der eine oder die andere Obdach­lose genächtigt haben, zumal rechts vom Firmen­gelände der Abfluß des Regenrück­haltebeckens der Firma Merck liegt. Ich würde das Wasser vielleicht nicht unbedingt nutzen, aber aus der Perspektive einer warmen Wohnung läßt es sich leicht reden. Auf dem Schrottplatz­gelände ist der Gleisbogen mitsamt Ver­längerung (vergleiche Abbildung 36) noch vorhanden, ob auch das geradeaus verlaufende Gleis noch existiert, ist aufgrund aufgetürmter Schrott­halden nicht zu erkennen; vermutlich schon.

1954 gründete Franz Mücksch sein Gewerbe auf einem gepachteten Grund­stück an der Gräfen­häuser Straße 34. Die Firma expandierte schnell um benötigte mehr Platz. Nach zwei Zwischen­stationen in der Gräfen­häuser Straße 80 und 100 zog sie 1967 auf das zwei Hektar große Gelände an der Otto-Röhm-Straße 57 und erhielt den hier beschriebenen Gleis­anschluß. 1975 war die Firma nach eigenen Angaben Darmstadts zweit­größter Großkunde bei der Deutschen Bundesbahn.

Luftbild Mücksch.

Bild 44: Luftbild des Geländes der Firma Mückschm wohl um 2000 aufgenommen. Quelle: Sammlung Rudi Göckel.

Am linken Bildrand des noch ohne Drohne aufgenommenen Luftbildes befindet sich die Personenzug­strecke vom Darmstädter Haupt­bahnhof zum Nord­bahnhof, rechts daneben das Zufahrts­gleis zum Ausbesserungs­werk und der Rangier­anlage „Alte Bahnhöfe“. Darunter das Anschluß­gleis Mücksch mit geöffnetem Werkstor. Am oberen Bildrand ist zudem das Anschluß­gleis Spiefagro (Hessel-Gellert) zu erkennen. Am rechten Bildrand verläuft die Ende der 1960er Jahre errichtete Otto-Röhm-Straße. Wenn wir gedanklich den Gelände­streifen unterhalb und entlang der Mauer in der unteren Bildhälfte nach linke verlängern, gelangen wir zur ehemaligen Blockstelle Löcher­wiese. Von dieser Blockstelle kenne ich bislang keine Nah­aufnahme.

»»  Bilder von Anlieferungen über den Gleis­anschluß Mücksch und von der Ver­schrottung mehrerer Straßen­bahnwagen gibt es auf einer eigenen Unterseite zu den Gleis­anlagen im Fabrikviertel.

Gütergleise.

Bild 45: Gütergleise an der ehemaligen Blockstelle Löcherwiese. Aufnahme vom August 2011.

Das von mir als Industrie­stammgleis „G“ bezeichnete Gleis stößt oberhalb des Schrottplatzes von Mücksch auf die Güter­verbindungsbahn zwischen dem Darm­städter Güter­bahnhof und dem Nord­bahnhof. Diese Verbindungs­bahn war bis zum Zweiten Weltkrieg zwei­gleisig, wurde danach jedoch nur eingleisig wieder aufgebaut. Das hier links zu sehende Gleis war ursprüng­lich das Richtungs­gleis nach Aschaffen­burg und wurde nun zum Anschluß­gleis des Ausbesserungs­werks Darmstadt umfunk­tioniert. Die einstmals vorhandene Weiche wurde entfernt, womit die Blockstelle überflküssig wurde.

Das rechte (elektrifizierte) Gleis war ursprüng­lich das nach Darmstadt verlaufende Richtungs­gleis, wird seit etwa als einem Dreiviertel­jahrhundert jedoch für beide Richtungen genutzt. Da auch die im Rücken des Fotografen sich befindliche Brücke über die Personen­zuggleise von Haupt­bahnhof zum Nord­bahnhof nur noch eingleisig vor­handen ist, dort jedoch auf der Trasse des nach Aschaffen­burg führenden Richtungs­gleises verläuft, macht das Gütergleis einen kleinen Schlenker von der (die Bild­perspektive voraus­gesetzt) rechten zur linken Seite.

Verstanden? Nun, es gibt auch Karten- und Bildmaterial.

Gleisplan Darmstadt.

Abbildung 46: Gleisplan des Knoten­punkts Darmstadt von 1922 mit der zwei­gleisigen Güter­verbindung und der Abzweigung an der Blockstelle Löcher­wiese zum Aus­besserungs­werk auf der „Knell“.

Die Blockstelle Löcher­wiese wurde um 1910 herum neu erbaut und mit der Westver­lagerung des Haupt­bahnhofs (spätestens) 1912 in Betrieb genommen. Sie befand sich am Kreuzungs­punkt dieser beiden Gütergleise mit der ehemaligen Trasse der Main-Neckar-Bahn. Wann sie aufgelassen wurde, ist mir nicht bekannt.

»»  Die einstigen Blockstellen Birnbaum, Sensfelder Weg und Löcherwiese werden auf einer eigenen Unterseite zu den Baulich­keiten in Darmstadt näher vorgestellt.

Streckenplan Blockstelle Löcherwiese.

Abbildung 47: Streckenplan von 1955, hier Ausschnitt bei der Blockstelle Löcher­wiese. Zur Orientierung ist der Mittel­punkt des Plan­ausschnitts ungefähr verknüpft mit der Positions­angabe auf OpenStreetMap.

1955 befinden sich in der Bildmitte nur noch drei der vier ursprüng­lichen Personenzug­gleise von Darmstadt Haupt­bahnhof zum Nord­bahnhof. Das vierte (südlichste) Gleis wurde nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wieder aufgebaut. Die beiden nördlichen Gleise führen weiter nach Aschaffen­burg, die beiden südlichen waren für die Verbindung in den Odenwald vor­gesehen. Auch das dritte Gleis wurde später weg­rationalisiert, so daß hier heute nur noch zwei genutzt werden, was gewiß vollkommen ausreichend dimensioniert ist. Die schon angedeutete leichte Ver­schwenkung des Güterzug­gleises ist ebenso zu erkennen wie die ange­sprochene Brücke, von der nur der südliche Teil erhalten blieb. Das nördliche Brücken­gleis wurde nicht wieder herge­richtet. Anzumerken ist die originale Kilo­metrierung des Gleises zum Ausbesserungs­werk. In späteren Plänen wird die Kilo­metrierung des Güter­gleises übernommen und eigen­ständig fortgesetzt. Vergleiche hierzu die beiden Pläne auf Abbildung 36 und 37.

Fundamente Blockstelle Löcherwiese.

Bild 48: Fundament­reste der Block­stelle Löcher­wiese im November 2012.

Die Blockstelle Löcherwiese [ E10] wurde bis auf einige wenige Fundament­reste abgebaut. Ob sich im darunter liegenden Hang noch weitere Spuren finden lassen, wäre noch zu überprüfen, vorzugsweise im vegetations­armen Winter. Zumindest Schutt wurde dort gesichtet. Auf den Beton­fundamenten tummelt sich das übliche Brombeer­gestrüpp, während am rechten Bildrand ein Rungen­waggon hereinlugt, der mit eine Reihe anderer auf dem verwaisten Gleis geparkt wurde. Zukünftig wird hier auch das Ende des Gleises sein; der Rest (siehe weiter oben) wird abgebaut.

Luftbild 1972.

Bild 49: Luftbild des Geländes zwischen dem Bahnüber­gang Schenck­allee und der ehemaligen Blockstelle Löcher­wiese. Von unten rechts nach oben links: Schenckallee (1), Anschluß Nungesser (2), Anschluß Spiefagro (3), Anschluß Mücksch (4) und abgetragene Blockstelle (5). Ausschnitt eines aus fünf Kilometern Höhe aufge­nommenen Luftbildes der Stadt Darmstadt, freundlicher­weise zur Verfügung gestellt vom Vermessungs­amt Darmstadt.

Anmerkungen

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  1. Aktenzeichen 551ppo/151-2022#002, Schreiben vom 19. Januar 2023 [online als pdf].