Luftbild auf das Fabrikviertel 1966.
Das Fabrikviertel 1966.
Deutschlandkurve in der Landwehrstraße.
Eine Deutschlandkurve.
Kreuzung Straßenbahn- mit Industriegleis.
Einfahrt zur Kirschenallee.
Abholung eines Kesselwaggons.
Ein Kesselwaggontransport.
Gleisabbau an der Schenckallee.
Abgewrackt.

Industriegleise im Fabrikviertel Darmstadt

Das Kartoffelkeller­gleis und der HEAG-Anschluß

Planunterlagen aus dem Westen Darmstadts

1872 und 1893/94 wurden die beiden ersten Industriestamm­gleise zum Darmstädter Fabrik­viertel eingerichtet. Dieses Fabrik­viertel bildete sich mit der West­expansion der Stadt Darmstadt Ende des 19. Jahr­hunderts und in den ersten Jahr­zehnten des 20. Jahr­hunderts heraus. Von den Mitte der 50er Jahre rund dreißig, Anschluß­gleisen sind (Stand 2020) nur noch vier oder fünf übrig­geblieben. Das Kartoffel­kellergleis und der HEAG-Anschluß gehören streng genommen nicht zum Fabrik­viertel, sondern lagen auf der anderen, also der westlichen Seite von Haupt- und Güter­bahnhof. Da die beiden Gleise genauso wie die Anschluß­gleise des Fabrik­viertels vom Güter­bahnhof aus bedient wurden, habe ich sie in die Fabrik­viertel-Seiten eingeordnet.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erwiesen sich die Anlagen der städtischen Energie­versorgung unweit des Luisen­platzes als zu klein für eine auch elektro­technisch expandierende süd­hessische Provinz­stadt. Die West­verlegung der beiden ebenfalls zu klein gewordenen beiden Hauptbahn­höfe am heutigen Steuben­platz ermöglichte den Bau eines neuen Elektrizitäts­werkes auf der grünen Wiese (oder besser: im grünen Wald) am Dorn­heimer Weg. Die nahe gelegene Eisenbahn konnte als als erster Groß­abnehmer in eine groß­zügige Kalkulation mit einbezogen werden. 1909 entstand so auch der Gleis­anschluß für das E-Werk, das 1912 in die neu gegründete HEAG – damals noch die Bezeich­nung für die Hessische Eisen­bahn Aktien­gesell­schaft – eingebracht wurde. Wann das hiervon abzweigende Kartoffel­keller­gleis errichtet wurde, ist mir nicht bekannt. Heute steht dort die Evangelische Hochschule Darmstadt. Der Kartoffel­keller wurde für die schwierige Versorgung der ärmeren Bevölkerungs­schichten im Ersten Welt­krieg, der Inflations­zeit und der Welt­wirtschafts­krise eine überlebens­notwendige Einrich­tung. Die SA nutzte den Kartoffel­keller zur Folterung ihrer politischen Gegner. In den 1950er Jahren finden wir hier eine Reihe von Betrieben vor, die selbiges Gleis genutzt haben.

Kartoffelkellergleis.

Bild 1: Das 1926 erbaute HEAG-Schalthaus am Dornheimer Weg im Februar 2012.

Die Darstellung auf dieser Seite orientiert sich an zwei erhaltenen Gleis­plänen von 1955 für das Kartoffel­kellergleis und den Gleis­anschluß der HEAG. Diese beiden Gleis­pläne wurden für die hier vorliegende Darstellung nicht zusammen­montiert, sondern sind durch die Leserin und den Leser gedanklich zu verbinden. Zur Orientierung: Die Gleisanlagen des Haupt­bahnhofs befinden sich am oberen Rand der beiden ersten Grafiken. Der Dornheimer Weg führt auf einer eigenen Brücke über das Anschluß­gleis und verläuft von Ost nach West.

Auf dem Lageplan von 1906 befindet sich dieses Gleis bei [ K1], auf der Übersichts­karte zum Fabrik­viertel ist es mit dem Buchstaben „K“ bezeichnet. Eine Darstellung des heutigen Zustandes des verbliebenen Gleis­stumpfes befindet sich auf einer eigenen Bilderseite.

Auch die Darmstäde Straßenbahn fuhr zum HEAG-Schaltwerk am Rande der Waldkolonie. Sie beförderte Erst Milch, dann Personen.

Die Weiche A auf OpenStreetMap.


Kartoffelkellergleis.

Abbildung 2: Ausschnitt aus dem Gleisplan für das Kartoffel­kellergleis, nördlicher Teil.

Kartoffelkellergleis.

Abbildung 4: Ausschnitt aus dem Gleisplan für das Kartoffel­kellergleis, südlicher Teil.

In der Dienstanweisung für die Bedienung des Privatgleis­anschlusses der Stadt Darmstadt – Kartoffel­kellergleis –, aufgestellt am 4. Juli 1955 und gültig vom 15. Februar 1956 an, wird der Anschluß wie folgt beschrieben:

„§ 1  Lage des Gleisanschlusses

Der Privatgleisanschluß der Stadt Darmstadt, das sogenannte ‚Kartoffelkellergleis‘[,] liegt auf der Westseite des Bahnhofs Darmstadt Hbf und zweigt in der Anschlußweiche A als Nebenanschluß aus dem Privatgleis­anschluß der Hessischen Elektrizitäts-AG ab.

Die Anschlußanlage ist in dem angehefteten Lageplan durch eine stark ausgezogene Linie dargestellt.

§ 2  Beschreibung und Zweck des Anschlusses

Das Anschlußgleis verläuft von der Anschlußweichc A in südlicher Richtung und endet nach einer nutzbaren Länge von 190 m in einem Erdaufwurf als Ersatz für einen Prellbock.

Das Anschlußgleis steigt von der Anschlußweiche A an auf eine Länge von 110 m in einem Verhältnis von 1 : 125. Die restlichen 80 m des Anschlußgleises haben ein Neigungsverhältnis von 1 : 500.

Im Anschluß werden die für die Anschließerin bestimmten und im Frachtbrief zusätzlich mit ‚Anschluß Kartoffelkellergleis‘ bezeichneten Wagen zugestellt und abgeholt.

Außerdem ist die Mitbenutzung des Anschlusses den Firmen

  1. Bautenschutz Berth & Müller, Darmstadt, Prinz Christian-Weg 25,
  2. Deutsche Shell AG, Frankfurt(M), Friedrich Ebertstraße 1,
  3. Leichtbetonwerk Dr Reiske, Darmstadt, Traubenweg,
  4. Kemna-Bau GmbH, Darmstadt, Wittmannstr. 7
  5. Caliqua-Wärmegesellschaft mbH, Darmstadt,
  6. Max Richter & Co, Eisen- und Metallwaren, Darmstadt, Ludwigshöhstraße 1

vertraglich gestattet.“

Anschlußweiche A war eine unbeleuchtete Handweiche. Gleissperren oder Weichenschlösser waren nicht vorhanden. Vorgeschrieben war, daß das Abfüllen an der Shell-Tankanlage einzustellen war, wenn eine „unter Feuer stehende Lok auf dem Anschlußgleis näher als 50 m an die Abfüllstelle heranfährt.“ Eine entsprechende Haltetafel war 50 Meter von der Abfüllstelle entfernt aufgestellt. Die Bedienung erfolgte per Rangierfahrt. Zunächst waren die im Anschluß befindlichen Wagen abzuholen, bevor die Zustellung neuer Wagen erfolgen konnte. Die Rangierfahrt wurde geschoben.

Anschluß Heag.

Abbildung 4: Ausschnitt aus dem Gleisplan für das Anschlußgleis der HEAG.

Zwei Tage vor der Erstellung der Dienstanweisung für das Kartoffelkeller­gleis wurde eine ebensolche für den Privatgleis­anschluß der HEAG erstellt. Auch diese trat am 15. Februar 1956 in Kraft. Demnach war der Anschluß mit den Bahnhofs­gleisen über die Weiche 322 (Abbildung 1) verbunden. Die Zungen a/b der doppelten Kreuzungs­weiche 322 wurde vom Rangier­stellwerk „Ra“ bedient, die Zungen c/d hingegen per Hand. Beide Weichen (a/b und c/d) waren unabhängig voneinander bedienbar, was sicherlich besondere Aufmerk­samkeit erforderte. Das hieran angeschlossene Gleis 46 war, so die Anweisung, früher einmal das Übergabe­gleis, dient jetzt jedoch der Umfahrung. Während von der Weiche A, wie gesehen, das Kartoffelkeller­gleis abzweigt, teilt die nachfolgende Weiche B die Zuführung auf das Gelände der HEAG mit den Gleisen 1 und 2.

„Das Anschlußgleis 1 verläuft im Werkhof unter einem Bockkran mit Elektrolaufkatze hindurch, kreuzt einen Privatweg, führt durch Tor 3, dann über eine Gleisbrückenwaage und mündet auf eine Drehscheibe von 12,5 m Durchmesser. Von der Drehscheibe verlaufen 3 Werkgleise (3, 4 und 5) nach Norden. Gleis 3 endet ohne festen Gleisabschluß am Kohlenlager, während die Gleise 4 und 5 durch stabile Prellböcke abgeschlossen sind. Die Weichen C und D verbinden noch einmal die Gleise 4 und 5.

Anschlußgleis 6 verläuft von der Drehscheibe in einem Bogen, der sich allmählich von 140 m Halbmesser bis zu 35 m Halbmesser verstärkt, in nordwestlicher Richtung und endet am Werktor ‚Dornheimer Weg‘ ohne festen Gleisabschluß. Westlich der Drehscheibe ist ein 20 m langes Lokhallengleis (Gleis 7) verlegt.

Das Anschlußgleis 2 verläuft im Werkhof in westlicher Richtung, kreuzt ebenfalls den Privatweg, führt durch Tor 4, dann durch den Mcntageturm und endet in der Freiluft-Umspannanlage an zwei aufgeschraubten Radvorlegern. Das Anschlußgleis 1 steigt von der Dornheimerweg-Brücke an auf eine Länge von 180 m in einem Verhältnis von 1 : 125. Gleise mit stärkerer Neigung werden von Bundesbahn-Lok im Anschluß HEAG nicht befahren. Die einzelnen Neigungs­verhältnisse sind aus dem Lageplan zu ersehen.

Im Anschluß werden die für die Anschließerin bestimmten Wagen bereitgestellt und abgeholt. Als Übergabestelle der Wagen ist das Gleisstück zwischen der Anschlußweiche B und dem Werktor 1 bestimmt. Bundesbahn­lokomotiven dürfen nur das Anschlußgleis 1 und zwar bis an die aufgestellte Tafel mit der Aufschrift ‚Halt für Bundesbahnlok‘ befahren.“

Die Weichen A bis D waren Handweichen. – Anschlußgleis 1 mitsamt der Drehscheibe diente der Zuführung von Kohle, die zur Stromerzeugung benutzt wurde. Dies, so ein ehemaliger langjähriger Mitarbeiter, seit 1954 eingestellt worden. Diese Gleisanlagen seien bald darauf überteert worden. Hingegen wurde Anschlußgleis 2 für den Transport schwerer Trans­formatoren benutzt; das Gleis dürfte noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts in Betrieb gewesen sein. Heute ist hiervon allenfalls noch durch den Geländeschnitt etwas zu erahnen.

Auf diesem Gleisplan sind nicht nur die diversen von der Drehscheibe abgehenden Gleise zu erkennen, sondern zudem die Abstellgleise der von der HEAG betriebenen Straßenbahn­linie zum Roden­steinweg. Hierzu gehört ein zweiständiger überdachter Abstellplatz und eine Überführung auf das Gleis 3. Da die städtische Straßen­bahn eine Spurweite von 1000 mm besitzt, wäre hier nach Sinn und Funktionsweise zu fragen. Wurden hier Straßenbahn­wagen verladen, bevor eine entsprechende Einrichtung in der Kirschenallee geschaffen wurde? Die Antwort ist auf meiner Seite Erst Milch, dann Personen über das Stichleis in die Wald­kolonie zu finden.

Luftbild auf Heag und Kartoffelkellergleis.

Bild 5: Ausschnitt aus einem Luftbild der Stadt Darmstadt von 1962. Zur Verfügung gestellt durch das Vermessungsamt Darmstadt.

Der Verlauf der beiden Anschluß­gleise der HEAG ist auf diesem Luftbild noch auszumachen, auf Gleis 2 scheint zudem ein Güter­waggon zu stehen. Der Kartoffelkeller ist das dunkle, fast quadratische Gebäude nahe der Gleisanlagen des Haupt­bahnhofs, links davon liegt das Kartoffel­kellergleis. Die obere, das Bild durchziehende Straße ist der Dornheimer Weg mit seiner charakte­ristischen Brücke über die Bahnhofs­gleise. Am unteren Bildrand befindet sich der Traubenweg; und die weiter südlich stehende Baumgruppe läßt erahnen, wieviel Westwald für das Elektrizitäts­werk abgeholzt wurde. Dornheimer Weg und Traubenweg werden links durch den Roden­steinweg und rechts durch den Zwei­falltorweg verbunden.