Industriegleise im Fabrikviertel Darmstadt
Kanalbau in der Mainzer Straße 2012 und 2013
Eine begleitende Bilderserie
Von August 2012 bis August 2013 wurden im Verlauf der Mainzer Straße zwischen Kirschenallee und Pallaswiesenstraße neue Kanalrohre unterhalb der Straße verlegt. Die damit verbundenen Bauarbeiten blieben nicht ohne Effekt auf die Industriegleise entlang der Straße. Die Gleise wurden zweckentfremdet, erneuert, aber auch benutzt. Der Güterverkehr zu Hofmann-Rieg und Röhm/Evonik wurde den Erfordernissen des Baufortschritts angepaßt. Ab und an waren somit weiterhin Güterwaggons zu sehen, die angeliefert, umrangiert oder weggefahren wurden.
Die Mainzer Straße auf OpenStreetMap.
August 2012
Der August sah erste Ausschachtungsarbeiten im Verlauf der Mainzer Straße. Während das südliche Industriestammgleis entlang der Mainzer Straße dazu auserkoren war, als Umleitungsstrecke für Autos und Lastkraftwagen zu dienen, weshalb die Zwischenräume zwischen den Gleisen mit Asphalt gestopft wurden, wurde das nördliche Gleis eher zur Abstellfläche für Container und Baumaterialien. An der Zufahrt zum Weststadtcafé war ein drittes hier verlaufendes Gleis im Weg. Es wurde teilweise demontiert und aufgrund seines Alterungszustandes später durch moderne Betonschwellen mit neuen Stahlauflagen ersetzt. Hier trat auch zutage, daß das ursprüngliche Kopfsteinpflaster zumindest teilweise noch vorhanden ist und irgendwann in den 50ern bis 70ern schlicht durch eine Asphaltdecke überkleistert wurde.








Baustelle an der Einfahrt zum Weststadtcafé.
Die Stadt Darmstadt informiert:
Wer glaubt, das Internet vergißt nichts, wird zuweilen von der Informationsgestaltung von Behörden, Firmen oder Medien überrascht. Über Nacht werden ganze Webauftritte umgestrickt mit der Folge, daß der bisherige Content bestenfalls neu einsortiert wird und erst mühselig wieder gefunden werden muß, schlimmstenfalls einfach ersatzlos verschwindet. Für die Recherche ist solch ein Zustand mißlich. Nur wenige Webseitenbetreiber sehen die Notwendigkeit, bei einem Relaunch den Link auf ältere Inhalte so zu verbiegen, daß sie auch im neuen Webauftritt gefunden werden, etwa der BUND Darmstadt. Deshalb werden hier vorsorglich die städtischen und polizeilichen Pressemitteilungen zum Kanalbau in der Mainzer Straße dokumentiert. Wie es der Zufall will, ist die Pressemeldung, die als Grundlage des folgenden „Echo“-Artikels gedient hat, nicht mehr auffindbar.
Neuer Mittelsammler in der Mainzer Straße
In der Onlinefassung des „Darmstädter Echo“ heißt es am 11. August 2012, die Bauarbeiten in der Mainzer Straße beginnen. Von der Pallaswiesenstraße aus besteht seither keine Zufahrt mehr (auch wenn sich nicht alle Autofahrer daran halten), es sei der Umweg über die Kirschenallee zu nehmen (was mir schon manche Nachfrage orientierungsloser Autofahrerinnen und -fahrer einbrachte). Grundlage des Baus sei ein Magistratsbeschluß vom Januar 2009, der noch eine offene Bauweise mit Kosten in Höhe von 4,7 Millionen Euro vorsah. Dann schauten sich die Experten die Straße ganeuer an und stellten fest, daß bei offener Bauweise der Straßenasphalt nicht nur abgetragen, sondern auch als Sondermüll entsorgt werden müsse. Das Geld wollte man sich sparen und den Müll lieber nachhaltig von den Gummireifen abreiben lassen. Man und frau verfiel deshalb auf die unterirdische Lösung, die zudem 700.000 Euro günstiger sein soll. Als weiteres Problem mußte der Güterverkehr der diversen Anlieger geregelt werden. Die hierzu geführten intensiven Gespräche und Verhandlungen zogen sich hin, so daß der ursprünglich für Sommer 2009 geplante Baubeginn um drei Jahre überzogen wurde.
September und Oktober 2012
Während an der Einfahrt zum Weststadtcafé fleißig Beton gemischt und erste Tubbings unter die Erde gedrückt wurden, werden im September und Oktober 2013 entlang der Straße weitere Baustellen eröffnet. Am Neuwiesenweg liegt das Bohrloch mitten in der Straße, so daß der Autoverkehr über das südliche Industriestammgleis geleitet wird.






Die Bauarbeiten haben sich bis zum Neuwiesenweg ausgebreitet. Irgendwie kann sich ab und an auch eine Rangierlokomotive durchsetzen.
Die Gelegenheit schien günstig …
Die Darmstädter Polizei meldete zweimal den Mitnahmeeffekt einer Großbaustelle.
Kabeldiebe auf Baustelle
Unbekannte Täter haben in der Nacht zum Dienstag (11.9.2012) von einem Kompressor und einer Hydraulikstation mehrere Meter Starkstromkabel abgetrennt und gestohlen. Die Maschinen standen auf einer Baustelle an der Mainzer Straße. Der Schaden wird auf etwa siebenhundert Euro geschätzt. Die Ermittler der Polizei in Darmstadt gehen davon aus, dass die Täter zum Abtransport der Kabelstränge ein Fahrzeug benutzt haben.
11. September 2012
Kupferkabeldiebe in Feiertagslaune. Über 300 Meter Kabel von Baustelle gestohlen
Bislang noch unbekannte Täter haben den Feiertag (3.10.2012) offenbar dazu genutzt, über dreihundert Meter Kupferkabelstränge von verschiedenen Baumaschinen einer Baustelle in einem Industriegebiet in der Mainzer Straße abzuschneiden und zu entwenden. Der Schaden wurde am Donnerstagmorgen entdeckt und wird auf mindestens 2.500,- EUR geschtzt.
4. Oktober 2012
Winterzeit
Im November 2012 wird das dritte Loch in Höhe der großen Donges-Fabrikhalle eröffnet, in den letzten Januartagen folgt das letzte an der Kirschenallee.






Die Bauarbeiten sind nun in der gesamten Straße im Gange. Die Müllmänner der EAD kratzen die Rille des Industriegleises von Schnee, Matsch und anderem Dreck wieder frei.
Anfang Februar wird die Öffentlichkeit nochmals so richtig aufgerüttelt. Die städtische Pressestelle schreibt:
Stadt investiert vier Millionen Euro in den Kanalbau in der Mainzer Straße: Die Arbeiten am ersten Bauabschnitt dauern bis September 2013
„Wir investieren in den Kanalbau in der Mainzer Straße rund vier Millionen Euro. Der erste Bauabschnitt, der eine Länge von 900 Metern umfasst und in vier Teilbereiche eingeteilt ist, wird im September fertig sein. Fertig gestellt sind schon jetzt die ersten drei Teilstücke. Der sogenannte Mittelsammler soll nach seiner Fertigstellung das Abwasser aus dem südlichen Teil der Innenstadt zur Zentralkläranlage in der nordwestlichen Mainzer Straße transportieren. Grund für die Erneuerung war der schlechte Zustand des alten Kanals und vor allem sein geringer Querschnitt. Um die jetzt fälligen Mengen von Abwasser aufnehmen zu können, müssen die bereits vorhandenen kleineren Kanäle durch große Stahlbetonrohre mit einer wesentlich höheren Leistungsfähigkeit ersetzt werden“, erläuterte Baudezernentin Brigitte Lindscheid die Kanalbaumaßnahme in der Mainzer Straße am heutigen Dienstag (5.).
Mit den Kanalbauarbeiten wurde unter der Projektleitung des Straßenverkehrs- und Tiefbauamtes im Juli 2012 im Bereich zwischen der Kurve zum Weststadtcafé und der Einmündung der Pallaswiesenstraße begonnen. Das Teilstück verbindet den bereits unter dem Evonik-Röhm-Gelände verlegten Kanal mit dem vor 15 Jahren gebauten Anschluss in der Pallaswiesenstraße. Auch die seitlichen Anschlüsse aus dem Neuwiesenweg und der Fabrikstraße werden erneuert. Die endgültige Fertigstellung des Mittelsammlers soll dann in den nächsten Jahren mit dem Bauabschnitt von der Dolivostraße durch die Feldbergstraße bis zur Rheinstraße erfolgen.
„Um die Auswirkungen auf den Verkehr so gering wie möglich zu halten und den Gewerbebetrieben der Mainzer Straße die möglichst ununterbrochene Zufahrt zu ihren Grundstücken auch mit großen Fahrzeugen zu ermöglichen, wurden einerseits temporäre Umfahrungen über die Industriegleise erstellt, andererseits wird die Baumaßnahme mit einem unterirdischen Rohrvortriebsverfahren durchgeführt“, so Lindscheid weiter.
Dabei werden die Stahlbetonrohre mit einem Durchmesser von 2,20 Meter und einer Baulänge von bis zu vier Meter von zwei tiefen Doppelpressgruben aus unterirdisch zu vier Zielgruben bis zur Kirschenallee vorgeschoben. Die Rohre werden von einem Hebekran in die Startgruben gehoben und von dort mittels hydraulischer Pressen mit einem leichten Gefälle zielgenau zur nächsten Grube geschoben. Das vorne an der Rohrspitze, der sogenannten Ortsbrust anstehende Erdreich wird mittels eines kleinen Baggers aufgenommen und in eine bereitstehende Lohre geladen. Diese Lohre transportiert dann den Boden durch die bereits verlegten Rohre zur Startgrube und wird hier vom Hebekran aufgenommen und auf einen Lastwagen zum Abtransport geladen.
Dieses geschlossene Verfahren vermeidet im Gegensatz zur Verlegung in einem offenen Graben viele LKW-Transporte mit dem aus- und wieder einzubauenden Boden. Ab einer gewissen Tiefenlage, die hier mit über sieben Meter Tiefe gegeben ist, ist dieses technisch aufwändigere Verfahren nicht nur umweltfreundlicher, sondern sogar kostengünstiger.
Drei Vortriebsstrecken mit einer Länge von insgesamt 649 Meter wurden bereits aufgefahren. Die letzte Strecke mit einer Länge von 168 Meter wird gerade vorbereitet. Dafür wird die Startgrube für die Vortriebsarbeiten eingerichtet, während an der Kirschenallee die acht Meter Tiefe Zielgrube ausgehoben wird.
Diese Arbeiten sollen in rund vier Wochen beendet sein. Dann müssen an den Verbindungsstellen, also den diversen Start- und Zielgruben, Verbindungsbauwerke aus Ortbeton erstellt werden. Anschließend werden sämtliche Hausanschlusskanäle an den neuen Kanal umgeklemmt und der alte Kanal verdämmt: das heißt, er wird mit einem fließfähigen Material verfüllt, damit keine Hohlräume im Boden zurückbleiben.
5. Februar 2013
Februar 2013
Wer dachte, der Winter habe uns schon aus seinen Klauen gelassen, hatte sich getäuscht. Ein mächtiges russische Hoch wird auch den Bauarbeitern in die Knochen geblasen haben. An der Einmündung der Mainzer in die Pallaswiesenstraße entsteht das nächste Loch, um den neuen Mittelsammler an das vorhandene Kanalnetz anzubinden.










Während an der Kirschenallee noch fleißig Beton gemischt wird, wird am Neuwiesenweg die Ausschachtung der Anliegerkanalisation vorbereitet. Dabei wird die Spillanlage, die vor einem halben Jahrhundert beim Gleisanschluß der Preussag dabei behilflich war, die Güterwagen ins Werksgelände zu ziehen, demoliert und demontiert.
März 2013
Eines Tages traf ich beim Fotografieren wohl den Bauleiter, der natürlich wissen wollte, warum ich seine Jungs beim Schuften ablichte. Dabei erfuhr ich, daß der erste Teil, das Durchführen der Rohre, so gut wie beendet sei, nun aber der schwierige Teil bevorstehe. Denn die alten und womöglich nicht mehr ganz taufrischen Abwasserrohre müssen nun in das neue Kunstwerk eingepaßt werden.




An der Einfahrt zum Weststadtcafé stellt sich eher die Frage: wird das Gleis in der Hoffnung, irgendwann einmal werde irgendwer selbiges für irgendeinen Transport nutzen, wieder zusammengeflickt?
Die Darmstädter Polizei verlautbarte Ende März einen Bombenalarm.
Weltkriegsbombe auf ehemaligem Firmengelände entschärft
Während der Baumaßnahme gab es ein bißchen Aufregung, auch wenn das Ereignis nicht unmittelbar mit dem Kanalbau zusammenhing. Auf einem Firmengelände zwischen Bahngelände und Mainzer Straße, das derzeit der Baufirma als Abstellfläche dient, wurde eine Bombe gefunden. Und so meldet das Polizeipräsidium Südhessen:
Am Mittwochnachmittag (27.03.2013) gegen 14 Uhr haben Mitarbeiter des Kampfmittelräumdienstes auf dem Gelände einer ehemaligen Fabrik an der Mainzer Straße / Landwehrstraße in Darmstadt eine fünf Zentner schwere Sprengbombe aus dem 2. Weltkrieg entschärft.
Hintergrund der Maßnahme war eine gezielte Untersuchung des Geländes aufgrund einer Luftbildauswertung. Für die Dauer der Maßnahmen wurde ein Sicherheitskorridor eingerichtet. Etwa einhundert Mitarbeiter von drei Firmen mussten ihre Arbeitsstelle verlassen. Die Polizei sperrte ab 15 Uhr für rund eine Stunde den Verkehr an den Kreuzungen Pallaswiesenstraße / Mainzer Straße und Kirschenallee / Mainzer Straße sowie die Landwehrstraße. Aufgrund des Bombenfunds war während der eigentlichen Entschärfung auch der Bahnverkehr von Darmstadt in Richtung Norden kurzfristig angehalten worden.
Inzwischen sind sämtliche Sperrungen wieder aufgehoben. Die Überreste der Weltkriegsbombe werden nun fachgerecht entsorgt.
27. März 2013
April 2013
Der April bescherte sonnige Momente und einen abgeholten Kesselwagen. Schwellen und Schienen werden angeliefert. Ein Wohnhaus wird abgetragen. Es scheint so, als sei der Asphalt stellenweise unterschwemmt. Und dann wird geschweißt …
























Tatsächlich wird das hintere Gleis an der Zusammenführung der drei Industriestammgleise rundumerneuert. Die Spurrille wird in Handarbeit angeschweißt. Noch besteht ein kleiner Lückenschluß von wenigen Millimetern. Aber auch das Gleisstück zwischen Rampe und Schacht wird im Juni noch erneuert werden.
Mai 2013
Der Mai war gekommen und brachte einen Haufen Trübsal mit. Wir konnten weiter mißmutig das Wetter beschuldigen, anstatt uns ernsthafte und folgenreiche Gedanken über die Verantwortlichen für einstürzende Textilfabriken in Bangla Desh, deutsche Waffenexporte in finster autokratische Regimes wie Saudi Arabien oder Mordbefehle aus dem Oval Office zu machen. Über die guten Geschäfte mit lupenreinen Demokraten in China und Rußland reden wir dann besser auch nicht. Ach, ist das mal wieder heute trüb und naßkalt … – Der Sonnenschein ist zufälliger Beifang. In trüber Suppe fotografiert es sich halt nicht so schön.












Der Mai verläuft unaufgeregt. Löcher werden verschlossen, zugeteert, um andernorts neue Löcher zu buddeln. Abflußrohr nach Abflußrohr wird dem neuen Mittelsammler zugeführt. Ein Industriegleis ist kein geschütztes Biotop. Da darf sich auch mal die Konkurrenz auf Gummireifen breit machen.
Juni 2013
Im Juni gab es mehr fotografenfreundlichen Sonnenschein. Das die Mainzer Straße nahe dem Weststadtcafé kreuzende Gleis wurde (fast) fertiggestellt. Viele kleine Kanalzuführungen hinterließen den Eindruck einer Slalomfahrt auf einer welligen Piste. Eine Anlieferung oder Abholung von Kessel- oder Flachwagen scheint es aufgrund der vielen kleinen Baustellen in diesem Monat weder bei Röhm noch bei Hofmann-Rieg gegeben zu haben. Das Grundstück, auf dem einst Holz gestapelt, Eisen verarbeitet und Papier abgefackelt wurde, steht nun mehr zum Verkauf. Im Juli werden am Landwehrweg zur Abgrenzung selbigen Grundstäucks zusätzlich dicke Rammen in die Erde gebohrt werden. Noch tummeln sich dort aber die Fahrzeuge und Sandhaufen des für den Kanalbau zuständigen Bauunternehmens. Die Zufahrt von der Pallaswiesenstraße her ist zwar wiederhergestellt; die Sperrung bleibt jedoch bestehen, um die Behinderung durch zu viel Durchgangsverkehr zu unterbinden. Selbstredend halten sich die Lenkerinnen und Lenker diverser Pkw nicht an diese Anordnung. Wo kämen wir auch hin, wenn wir Autofahrer Verkehrsregeln beachten müßten? Das tun wir doch auch sonst nicht!


















In der Kirschenallee tat sich am 28. Juni aufgrund unterspülten Untergrundes dann auch noch ein Loch auf, das nach anfänglichem Zögern insbesondere von den Busfahrern souverän umkurvt wurde.
Juli 2013
Der Juli war heiß. Auf den diversen Baustellen wurde dennoch weiter gearbeitet. An der Verzweigung der drei Gleise nahe dem Weststadtcafé mußte der alte Kanal noch zugeschüttet werden. Zu Ende des Monats erweckte die Mainzer Straße so langsam den Eindruck eines nahezu fertigen Zustandes. Gewiß, einige gewöhnungsbedürftige Holperstellen gab es noch. Auch sind noch die einen oder anderen Stellen zuzuschütten und zu asphaltieren.


















Nach und nach kehrt eine Art Normalzustand ein.
August 2013
Der Sommer hielt erstaunlicherweise an. In den ersten Augusttagen wurden alle noch vorhandenen Löcher gestopft, die Stolperfallen mit Asphalt versiegelt und die Straße selbst wieder in beide Richtungen freigegeben. Sieht fertig aus; der rumpelnd laute Verkehr kann wieder fließen.










Ende des Monats wurde die Weiche Nr. 4, der Abzweig zu Hofmann-Rieg, erneuert.