Luftbild auf das Fabrikviertel 1966.
Das Fabrikviertel 1966.
Baujahr.
Baujahr 1877.
Fabrikgebäude in der Pallaswiesenstraße.
Zweitverwertete Fabrik.
Roeder-Brunnen an der Rheinstraße.
Maloche bei Roeder.
Fabrikgebäude in der Kirschenallee (abgerissen).
Verlassene Fabrik.

Industriegleise im Fabrikviertel Darmstadt

Eine unbekannte chemische Fabrik

Eine Annäherung

1872 und 1893/94 wurde das Fabrikviertel mit zwei Industrie­stamm­gleisen an die Eisenbahn angebunden. Von den Mitte der 1950er Jahre noch rund dreißig Anschluß­gleisen sind (Stand 2020) nur vier oder fünf übrig geblieben. Das historische Narrativ lautet, daß in Darmstadt und im gesamten Groß­herzogtum erst 1830 die erste Dampf­maschine aufgestellt wurde. Doch schon in den 1780er Jahren experimentierte der Kammerrat Philipp Engel Klipstein (Klippstein) mit Dampf­apparaten. [1]

Auf dieser Seite präsentiere ich ein Fundstück, das Jahrzehnte vor der Errichtung des sogenannten Fabrikviertels entstanden ist. Eine Ende 1836 veröffentlichte Annonce benennt auf einem Grundstück mit der Brand­versicherungs­kataster­bezeichnung Lit. F Nr. 194 eine nicht näher benannte chemische Fabrik. Um die Angelegen­heit rätselhafter zu machen, helfen weder ein zeit­genössischer Stadtplan noch nächstfolgende Darmstädter Adreß­bücher weiter. Erst der Blick in das Darmstädter Brand­versicherungs­kataster nennt als Eigentümer in den 1830er Jahren den Apotheker Weitzel und Herrmann Hallwachs.

Wenn hier von einer chemischen Fabrik die Rede ist, dürfen wir uns nicht etwas Großes vorstellen. Ein paar Räume mit chemischen Utensilien und einigen Chemikalien mögen genügt haben. Was hier produziert wurde, bleibt vorläufig im Dunkeln.


Versteigerung.

Abbildung 1: Versteigerung eines für die chemische Produktion geeigneten Gebäudes vor dem Rheintor an der Hauptstraße. Quelle: Darmstädter Frag- und Anzeigeblatt vom 10. Dezember 1836 [online ulb darmstadt].

Stadtplan von 1844.

Abbildung 2: Dieser 1844 bei Jonghans und Venator erschienene Stadtplan, der die Kataster­nummern beinhaltet, hilft nicht weiter. Selbst­redend gab es 1836 noch nicht einmal eine konkrete Planung für den Main-Neckar-Bahnhof (M). Die Promenade­straße (P) war gerade erst angelegt worden und die Rheinstraße (R) führt von der Innenstadt nach Westen. Auch mit der Lupe ist auf diesem Plan kein Gebäude auszumachen, daß mit F. 194 bezeichnet wäre. Quelle: [online ulb darmstadt].

Adreßbuchauszug.

Abbildung 3: Dieser Auszug des Darmstädter Adreßbuchs von 1843 läßt gleich eine ganze Reihe von Kataster­nummern offen. Das Gebäude Lit. F Nr. 194 ist sieben Jahre nach obiger Annonce entweder schon nicht mehr vorhanden oder wurde zum Zeitpunkt der Abfassung des Adreßbuchs nicht genutzt. Möglich ist auch, daß sich das Fabrikgebäude auf dem späteren Bahnhofs­gelände befand. Im Adreßbuch von 1845 nämlich wird die Kataster­nummer Lit. F Nr. 194 dem neu errichteten Bahnhofs­gebäude zugeordnet. Quelle: [online ulb darmstadt].

In den „Vaterländischen Berichten“ von 1835 wird eine „neuerdings“ errichtete chemische Fabrik von Weitzel und Hallwachs erwähnt und als „vorzüglich für Droguerie (Materialisten)- und Apothekerwaaren“ bezeichnet. Sie scheint aber kurz darauf wieder eingegangen zu sein. Ende Januar 1835 sollte das Gebäude samt Einrichtungen „aus freier Hand“ verkauft werden; „[d]as Nähere erfährt man in der Hofapotheke dahier.“ Der Hofapotheker hieß Weitzel. [1]

Das Brandversicherungs­kataster der Stadt Darmstadt führt 1839 zu Lit. F Nr. 194 den Fabrikanten Peter Roth auf. Im „Darmstädter Frag- und Anzeigeblatt“ annonciert dieser Peter Roth am 13. April 1839 „ein Logis von 3 Stuben, Küche, Keller, Boden u. s. w.“ zum sofortigen Bezug, für das er auch Ende Juni 1839 noch keine Mieterin und keinen Mieter gefunden hat. Anfang August 1840 kündigt das Darmstädter Stadtgericht die Versteigerung der Hofreite für den 21. September an, der jedoch ein Malheur im Wege stand. Wohl Anfang September brannte das Gebäude offenbar ab, weshalb nunmehr nicht die Hofreite, sondern nur noch die Ruinem derselben versteigert wurde, wozu auf die zu erwartende Entschädigungs­zahlung der Brand­versicherungskasse hingewiesen wurde. Es gab noch eine weitere Versteigerung am 26. Oktober 1840, deren Ergebnis aus der Zeitung nicht ersichtlich wird. Das Gebäude war mit 5.000 Gulden versichert, die im Brand­versicherungs­kataster für 1842 als abgängig eingetragen sind. [2]

Angesichts des ruinösen Zustandes des Geländes dürfte die Eisenbahn­baudirektion der Main-Neckar-Eisenbahn kein größeres Problem damit gehabt haben, sich das mit den Ruinen verbundene Gelände preisgünstig zu sichern. 1845 wird sie im Brand­versicherungs­kataster als Eigentümerin genannt. Es ist anzunehmen, daß sie das Gelände schon zuvor erworben hat, um mit den Arbeiten zur Errichtung des Main-Neckar-Bahnhofes beginnen zu können.