Fabrik. Blick auf das Fabrikgelände. Quelle: Adreßbuch 1908.

Industriegleise im Fabrikviertel Darmstadt

Die Maschinenfabrik und Eisengießerei Darmstadt

Kapitel 1: Hektor Rößler richtet eine Werkstätte ein

Die schon zuvor bestehende Maschinenfabrik und Eisengießerei in Darmstadt wurde mit Unterstützung der ebenfalls in Darmstadt ansässigen Bank für Handel und Industrie 1857 in eine Aktien­gesellschaft umgewandelt. Die Liquidation des Unternehmens wurde mit der General­versammlung am 21. Dezember 1878 eingeleitet.

Kapitel 1 behandelt die Unternehmensgeschichte von 1807 bis etwa 1843. Der Mechanikus Hektor Rößler richtet sich eine optische und mechanische Werkstatt ein und verbessert die Münzprägung im Großherzogtum Hessen. Hierbei läßt er die erste Dampfmaschine des Großherzogtums bauen. 1817 wird er zum Münzmeister berufen und erhält 1832 den sogenannten „Charakter“ eines Münzrates.

Das Digitalisieren und das öffentliche Publizieren von Dokumenten, Zeitschriften und Büchern insbesondere aus dem 19. Jahrhundert schreitet weiter voran, so daß auch in Zukunft weiterhin mit neu zugänglichen Quellen und Literatur zu rechnen ist. Daher sind weder dieses erste Kapitel noch die nachfolgenden als „fertig“ zu betrachten. Die Kapitel der hier vorliegenden Unternehmens­geschichte werden auf Grundlage neu gewonnener Erkenntnisse laufend ergänzt und erweitert. Im Dateifuß ist daher das Datum der letzten Aktualisierung der entsprechenden Seite vermerkt. Diese Art des Publizierens mag zwar nicht etablierten wissenschaftlichen Veröffentlichungs­standards entsprechen, bietet für lesende Dritte jedoch die Möglichkeit, den Forschungsprozeß nachverfolgen zu können. Mitunter muß sogar eine Aussage revidiert werden, wenn neu erschlossene Quellen ein ganz neues Licht auf Detailfragen werfen.

Gerade die ersten fünf Kapitel, die auf die Vorgeschichte der ab 1857 als Aktiengesellschaft fungierenden Maschinenfabrik und Eisengießerei Darmstadt eingehen, bieten eine Fülle an durch systematische Lektüre neu erschlossenem Material. Ausgewertet wurden insbesondere die beiden Darmstädter Lokalzeitungen und die Veröffentlichungen des Gewerbevereins. Die Datenkrake Google sammelt nicht nur fleißig Nutzerverhalten und persönliche Daten, sondern bietet quasi als Fliegenfänger Links auf zeitgenössisches Material.

Die in den Originaltexten gesperrt hervorgehobenen Passagen werden hier kursiv wiedergegeben.

»»  Zur zugehörigen Geschichte der Maschinenfabrik und Eisengießerei Darmstadt.


Nach einer Fragestellung und einer Kapitelübersicht ist dies das erste Kapitel zur Geschichte der Maschinenfabrik und Eisengießerei Darmstadt. Die Geschichte des Unternehmens wird in fortlaufenden Kapiteln mit bestimmter Schwerpunktsetzung weitergeführt.

Bescheidene Anfänge mit Erfindergeist

In gewisser Weise beginnt die Geschichte der Darmstädter Maschinenfabrik und Eisengießerei ganz unspektakulär 1807. Der im Jahr zuvor aus Gießen zurückgeholte Mechanikus Hektor Rößler wird zum Darmstädter Hofmechanikus ernannt und errichtet in der Folge eine eigene Werkstätte. Ob und ab wann sich diese Werkstätte im Gebäudekomplex der Großherzoglichen Münze an/in der Infanteriekaserne befunden hat, habe ich noch nicht herausfinden können.

Eine erste Ahnung von der Bedeutung dieses Mechanikus können wir einem Bericht zur Landesgewerbe­ausstellung 1879 in Offenbach gewinnen. Anläßlich einer ausführlichen Beschreibung der Aussteller und der ausgestellten Gegenstände kommt der Berichterstatter auch auf die Anfänge der Industrialisierung in Darmstadt zu sprechen.

„Wir beginnen mit derjenigen Gruppe, welche uns einestheils vermöge ihrer Ausdehnung wohl am längsten beschäftigen wird und anderntheils bereits zu Beginn der Ausstellung den Eindruck des Fertigseins machte. Es ist die Gruppe VII., welche die mechanischen Gewerbe und die Kunst im Gewerbe umfaßt und deren erste Abtheilung die Maschinen und die Werkzeug­fabrikation vorführt.

Einleitend sei hier bemerkt, daß die Entwickelung des Maschinenbaues im Großherzogthum erst mit der Einführung der Dampfmaschinen einen größeren Aufschwung erhielt. Die erste Dampfmaschine wurde im Jahre 1830 in der Großherzoglichen Münze zu Darmstadt aufgestellt; sie war in der seit 1807 von Rößler in Darmstadt gegründeten mechanischen Werkstätte, mit welcher später eine größere Maschinenfabrik verbunden wurde, gebaut worden.

Diese Maschine war eine doppelt wirkende Balancirmaschine mit Expansion und Condensation. Erst im Jahre 1838 kamen zwei weitere Maschinen hinzu. Von da an hat die Zahl der Dampfmaschinen anfangs langsam, aber dann rascher zugenommen, so daß schon im Jahre 1847 die Zahl derselben auf 31 gestiegen war, wovon 7 auf Mainz, 4 auf Darmstadt, 5 auf Offenbach, je 2 auf Gießen, Bingen und Laubach kamen, während in Alzey, Sprendlingen und Lorsch nur je eine derselben sich befand.“ [1]

Rainer Maaß schreibt in einer Anmerkung zu einem Aufsatz über die Frühindustrialisierung in Hessen, abgedruckt im Darmstädter IHK-Jubiläumsband von 2012, die erste Dampfmaschine sei bereits 1807 in der mechanischen Werkstätte von Hektor Rößler gebaut worden. Er übernimmt hierbei die Angabe von Philipp Weber in einem während des Ersten Weltkriges publizierten Band über die Großherzogliche Zentralstelle für das Gewerbe, den vormaligen Landesgewerbverein. Weber wiederum hatte jedoch seine Quelle fehlgedeutet, denn in der Jubiläumsschrift zum 75-jährigen Bestehen des besagten Vereins wird eindeutig und auch richtig ausgeführt, diese Dampfmaschine sei in der 1807 gegründeten Werkstätte des Hektor Rößler montiert worden. Wir können schon anhand dieser Ungenauigkeit im Detail erahnen, daß die Industrialisierung Südhessens nur unzureichend erforscht worden ist und Fehler aus früheren Darstellungen unbesehen übernommen werden. [2]

Straßenschild.
Bild 1: Die Rößlerstraße befindet sich an der Ostseite des Röhm-Firmengeländes und verbindet die Dolivostraße mit der Pallas­wiesenstraße.

Zur Ironie dieser Geschichte gehört, daß die aus der Rößler'schen Werkstätte hervorgegangene Maschinenfabrik und Eisengießerei in Darmstadt ab Dezember 1878 auf Beschluß der Gesellschafter des Unternehmens liquidiert wurde und daher nicht mehr an der Gewerbeausstellung in Offenbach teilnehmen konnte.

Hektor Rößlers Einfluß auf die frühe Industrialisierung des verschlafenen Beamten- und Kasernenstädtchens Darmstadt und vor allem auf die technische Verbesserung der Großherzoglich Hessischen Münze ist nicht zu übersehen; und das sahen auch seine Zeitgenossen so. Er wurde am 25. April 1779 als vorletzter von sieben Brüdern – zwei Schwestern sind früh verstorben – als Sohn des Drehermeisters Johann Peter Rößler (1733–1806) und der Marie Margarete Schwarz (1743–1827) geboren. Der Vater stammte aus Bacharach, die Mutter aus Butzbach. Dem damaligen Zeitgeist entsprechend wurden die Bestandteile der Vornamen auf die nachfolgenden Generationen übertragen, mit dem auch für die Forschung zuweilen irritierenden Effekt, die personae dramatis miteinander zu verwechseln. Infolgedessen finden wir mehrere Hektor Rößlers vor, so den Hofmechanikus (1779–1863, im Folgenden als „sen.“ bezeichnet), seinen Sohn, der sich als Sekretär des Gewerbevereins bei der Förderung der regionalen Wirtschaft hervortat (1806-1875, im Folgenden als „jun.“ bezeichnet) und später zum Bergrat ernannt wurde, sowie seinen Enkel (1833–1864), der noch als Münzassistent in Darmstadt faßbar wird, bevor er relativ jung verstirbt. Ein weiterer Sohn Hektor Rößlers (sen.), Friedrich Ernst (1813–1883), geht auf Empfehlung seines Vaters um 1840 ins benachbarte Frankfurt, reorganisiert die dortige Münze als Münzwardein, woraus drei Jahrzehnte später die Degussa hervorgehen sollte. Hektor Rößlers (sen.) jüngerem Bruder Friedrich Gottlieb (1787–1873) werden wir später noch als Direktor der Maschinenfabrik und Eisengießerei wiederbegegnen.

Die Schreibweise des Vornamens Hektor ist uneinheitlich und erscheint häufig auch als Hector. Ähnliches gilt für die Schreibweise des Nachnamens, der mal als Rößler, mal als Rössler, mal als Roessler und sogar als Roeßler vorkommt. Selbst in eigenen Schriftsätzen erscheint der spätere Münzrat uneinheitlich geschrieben. Um eine Konvention einzuhalten, wird in der nachfolgenden Darstellung der Name Hektor Rößler verwendet, es sei denn, eine zitierte Überlieferung verwendet eine der alternativen Schreibweisen. [3]

„Hektor Rößler,

Großherzoglich Hessischer Münzrath etc.
Nekrolog.

Am 9. November d[ieses] J[ahres] hat der Tod einen Mann aus unserer Mitte abberufen, dessen Andenken lebendig bleiben wird in den Herzen Aller, die ihn näher kannten. – Seinen drei aufeinander folgenden Regenten ein treu ergebener Diener, dem Staat ein gewissenhafter fleißiger Beamter, in weiteren Kreisen geachtet und geehrt durch seine hervorragenden Leistungen im mechanischen Fach, seiner Familie ein treuer, sorgsamer Vater und ein treffliches Vorbild der Liebenswürdigkeit und Tugend, seinen zahlreichen Freunden ein redlicher Rathgeber, Helfer und jovialer Gesellschafter; dies war der Großherzogliche Münzrath Hektor Rößler.

Geboren am 25. April 1779 zu Darmstadt, Sohn des damaligen Hofdrehers Rößler, widmete er sich dem mechanischen Fach und trat im 14. Lebensjahr bei dem Hofmechanicus Fraser in die Lehre. Nach bestandener Lehrzeit begab er sich zur weiteren Ausbildung auf Reisen und arbeitete in den Städten Jena, Gotha, Stuttgart und Paris in den renommirtesten Werkstätten. Ueberall erwarb er sich den Ruf eines ausgezeichneten Arbeiters. Insbesondere war sein Aufenthalt in Stuttgart (bei Baumann) [4] und Paris [5] von großem Einfluß auf seine technische Ausbildung.

In seine Heimath zurückgekehrt, wurde er auf Veranlassung hoher Gönner, die schon mit seinem Vater befreundet waren, und durch die Gnade seines Landesherrn im Jahr 1804 durch Decret und mit Besoldung, als Universitäts­mechanicus in Gießen angestellt. In dieser Stelle verblieb er indeß nur bis zum Jahr 1806, wo er wiederum nach Darmstadt, mit Beibehaltung seiner Besoldung, als Hofmechanicus übersiedelte.

Veranlassung gaben hierzu insbesondere auch der verstorbene Oberbaudirector Schleiermacher und Geheimrat Eckhardt. Diese beiden Männer, als ausgezeichnete Mathematiker, Physiker und Geodäten bekannt, traten in nahe Beziehungen zu Rößler. Deren fruchtbringenden Ideen, sowie der großen mechanischen Begabung von Rößler verdanken wir seine Reihe sehr bedeutender Verbesserungen an physikalischen, geodätischen und astronomischen Instrumenten. Die Aufzählung derselben würde hier zu weit führen. Das Atelier Rößler's erwarb sich einen wohlbegründeten Ruf in ganz Deutschland; seine Instrumente waren überall geschätzt und gesucht.

Nach dem Tode des damaligen Münzmeisters Fehr wurde Rößler (am 6. Juni 1817) unter der Erlaubniß, seine mechanische Werkstätte fortführen zu dürfen, zum Großherzoglichen Münzmeister ernannt. Bis zum Jahr 1832, wo seine Besoldungs­verhältnisse anders regulirt wurden und seine Ernennung zum Großherzoglichen Münzrath erfolgte, betrieb er das Privatgeschäft fort. Als Münzmeister hat Rößler sehr Bedeutendes geleiste[t]. Außer in Berlin, befanden sich damals die Münzen meist in jämmerlichem Zustande in Deutschland. Nach einer Reise, auf welcher Rößler die Haupt­münzstätten besuchte, wurde im Jahr 1831 die neue Münze in Darmstadt ganz nach seinen Plänen erbaut. Dieselbe galt damals mit Recht als Musteranstalt in Bezug auf Einfachheit und Zweckmäßigkeit in der Anordnung, sowie Schönheit ihrer Erzeugnisse. Mittlerweise ist man natürlich auch an anderen Orten vorangegangen.

Bei der Errichtung der Münzstätten in Frankfurt, Wiesbaden und Bern zog man unsern Rößler zu Rathe und führte deren Einrichtungen größten Theils nach seinen Plänen aus. Diese Anstalten, sowie ferner diejenigen von Stuttgart und Straßburg, empfingen die heute noch im Gebrauch befindlichen Münzmaschinen, als Walzwerke, Anwürfe und Prägmaschinen etc. aus der von Rößler geleiteten Maschinenfabrik. – Sehr wahr sagt ein bewährter Freund und College eines Nachbarstaats von unserem Rößler: ‚Es hat Vieles erlebt und viel gewirkt in allen Richtungen seine thätigen Lebens. Denken wir nur daran, wie die Münzeinrichtungen waren und wie sie geworden sind und wie er voranging. Wenn die Jungen jetzt höher stehen als wir, so waren wir es doch, die dazu beigetragen haben, daß es so gekommen ist.‘

Die Thätigkeit Rößlers blieb in seiner neuen Stellung und nach Aufgabe seines mechanischen Ateliers nicht auf das Münzwesen beschränkt. Sein reger Geist und seine unermüdliche Thätigkeit, seine Liebe zur Technik, veranlaßten die Gründung einer Maschinenfabrik, der ‚Maschinenfabrik und Eisengießerei zu Darmstadt‘, zu welcher er bis vor wenigen Jahren, wo dieselbe eine Umgestaltung erfuhr und größere Ausdehnung erlangte, in naher Beziehung stand und die jetzt zu den bedeutendsten Etablissements der Art im Großherzogthum zählt.

Auf seine Anregung erhielt die Großh[erzogliche] Münze im Jahre 1830 eine Dampfmaschine, die erste im Großherzogthum. Er war der erste, der am hiesigen Platz Leuchtgas (aus Oel) darstellte, und damit seine Wohnung und die Werkstätte beleuchtete. Unter seiner Leitung wurden mannigfache besondere mechanische Arbeiten für den Staat ausgeführt, wie z. B. die Herstellung der Normalmaßstäbe und Normalmaaße für die Großh[erzoglichen] Eichämter bei der Einführung des neuen Maaß- und Gewichtsystems etc.

Rößler gehörte dem Ausschuß des Großh[erzoglichen] Gewerbvereins seit der Gründung des Vereins als thätiges Mitglied an.

Im Jahr 1854 feierte Rößler sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum in seltener Körper- und Geistesfrische. Noch 8 Jahre, bis zum Jahre 1862, verblieb er im activen Staatsdienst, gleichzeitig mit Sohn und Enkel – gewiß ein seltener Fall. Auf sein Nachsuchen pensionirt, trat er unter huldvoller Anerkennung seines Strebens und seiner Leistungen in den Ruhestand. Er hatte sich während seiner 58jährigen amtlichen Thätigkeit stets der Gnade von drei aufeinander folgenden Regenten und der verdienten Anerkennung seiner vorgesetzten Behörden zu erfreuen. Im Jahre 1838 wurde er durch Verleihung des Ritterkreuzes I. Classe des Ludwigsordens ausgezeichnet. Im Jahre 1845 empfing er das Ritterkreuz des kgl. bayerischen Verdienstordens vom heiligen Michael, in Anerkennung seiner vielfachen Verdienste, insbesondere um das Münzwesen. Im Jahre 1854 wurde ihm das Comthurkreuz 2. Classe des Verdienstordens Philipps des Großmüthigen von Seiner Königlichen Hoheit dem Großherzoge Ludwig III. huldreichst verliehen.

Wir haben nur in allgemeinen Umrissen ein Bild von dem Lebenslauf und der Wirksamkeit des Verstorbenen entworfen; eine detaillirte Schilderung seiner Einzelleistungen müssen wir unterlassen. Hier gilt es aber den Gefühlen der Liebe und Verehrung einen Ausdruck zu geben.

Rößler war ein ganzer Mann nach Außen und nach Innen. Eine hohe, kräftige Gestalt; niemals von eigentlichen Krankheiten heimgesucht und gebeugt. Er lebte in den angenehmsten Familien­verhältnissen. Was uns vor Allem an ihn fesselte, war die Güte seines Herzens, die Bescheidenheit seines Sinnes, die rastlose Strebsamkeit seines Geistes, eine kernige markige Ausdrucksweise und sein unverwüstlicher Humor, der ihn auch die Sorgen des Lebens mit Leichtigkeit und Fassung ertragen ließ. Er war ein Mann, dessen Thun und Streben des Nacheifers in hohem Grade würdig ist und dessen Andenken bei allen Guten im Segen bleiben wird.“

Quelle: Darmstädter Zeitung vom 6. Dezember 1863. Diesen durchaus ritualisiert zusammengetragenen Nachruf auf seine subkontextualen Bezüge zu untersuchen, wäre eine gewiß reizvolle Aufgabe.

Planausschnitt.

Abbildung 2: Ausschnitt aus dem „Plan von Der Fürstlichen Residentz Darmstadt“ von 1798 [tukart]. Der Plan ist geostet. Die vom unteren Bildrand kommende Straße ist der Birngarten, sie läuft in einem Platz aus, der hier sinnreich als „vor der Münz“ erscheint.

Als Hektor Rößler 1817 zum Münzmeister berufen wurde, befand sich die Münze noch an/in der Infanteriekaserne zwischen Alexanderstraße (damals: Birngarten) und Ballonplatz.

„Die M[ünze] selbst bestand aus zwei Gebäuden: einem Hauptgebäude mit allen Werkstätten und Lagereinrichtungen sowie der 1703 hinzugekommenen, so genannten ‚Strecke‘. Sie enthielt die für die Münzprägung notwendigen mechanischen Werke, für deren Antrieb die Wasserkraft des Mühlbachs genutzt wurde.“ [6]

Das großherzogliche Bestreben, die Zurichtung von Soldaten in der kleinstädtischen südhessischen Metropole zu zentralisieren, führte u. a. zum Ausbau der Infanteriekaserne. Daher mußte die Münze an einen neuen Standort ausweichen. Ausschreibungen für Abbruch- und Bauarbeiten in den zeitgenössischen Darmstädter Zeitungen zufolge dürfte der Umbau 1828 begonnen haben. Georg Moller und Franz Heger planten hierzu zu Beginn der 1830er Jahre einen klassizistischen Neubau am Mathildenplatz. Hektor Rößler nutzte dabei nicht nur die Gelegenheit, den Innenraum zweckmäßig auszurichten, sondern ließ in der eigenen Werkstätte nach einem verbessert ausgeführten auswärtigen Vorbild des Franzosen Saulnier [7] eine Dampfmaschine bauen, die wiederum das Streckwerk und ein kurz zuvor von Diedrich Uhlhorn konstruiertes Prägewerk betreiben sollte. Die Darmstädter Münze schloß 1881. [8].

Carl von Decker kommt in seinen „Mittheilungen einer Reise durch die südlichen Staaten des deutschen Bundes, einen Theil der Schweiz, Tyrol, die Lombardei, und durch Piemont bis Genua“ vom Sommer 1839 auch auf Darmstadt und seine militärische Organisation zu sprechen. Dabei schildert er seine Einladung zum geselligen Mittagessen an der Tafel des Großherzogs. Als eine Art Verdauungs­spaziergang mag der nachfolgende kurze Ausflug zum Münzgebäude gedient haben.

„Da es noch hell am Tage war, so benutzten wir dies, um die hiesige Münze kennen zu lernen, und fanden bei dem Münzrath Rößler eine höchst gefällige Aufnahme. Der hiesige Münzapparat ist sehenswerth und die mechanischen Einrichtungen sind mir sehr zweckmäßig vorgekommen. Eine Dampfmaschine, deren Konstruktion gerühmt wird, setzt die verschiedenen Münzwerke in Bewegung. Nachdem die Silberplatten gewalzt und mit Hülfe der sogenannten ‚ewigen Kette‘ gestreckt sind, werden die rohen Scheiben ausgestanzt und sodann gewogen; fallen einzelne noch zu schwer in's Gewicht, so werden sie mittelst einer eignen Maschine behobelt. Noch muß ich bemerken, daß man die Platten, damit sie von den Streckwalzen ergriffen werden können, vorne mittelst einer sechseckigen Walze abschärft, was recht sinnreich erfunden zu seyn scheint, und eben so die Maschine, welche den Münzen die Ränder giebt. Das Prägen geschieht wie gewöhnlich mit einem Balancier, aber die ausgeprägten Stücke werden durch einen besonderen Mechanismus unter der Druckschraube weg und eine neue rohe Scheibe dafür hineingeschoben, was früher der Arbeiter mit den Fingern besorgen mußte, und wobei hie und da einer um ein Glied zu kurz kam. Wahrscheinlich befindet sich dieser zweckmäßige Mechanismus bereits bei allen neuen Münzpressen und ich erzähle dadurch den Münzkünstlern nichts Neues, aber ich habe mir einmal vorgenommen, Alles niederzuschreiben, was mir von Interesse erschienen ist; man kann wenigstens daraus ersehen, daß das Münzwesen in Darmstadt mit der Zeit fortzuschreiten bemüht ist. Es waren so eben neue ‚Rheinische Guldenstücke‘ in Arbeit, zu 17⅓ Preuß[ischen] Silbergroschen, und da diese Münze in allen Staaten des großen Zollverbandes ihre volle Gültigkeit hat, so ist dadurch ein wichtiger Schritt zur Vereinfachung des deutschen Verkehrs geschehen. Die Rechnung nach Gulden und Kreuzern scheint nur im ersten Augenblick unbequem, bei einiger Uebung ist sie sogar bequemer als die unsrige nach Thalern und Silbergroschen, weil der Gulden ohne Bruch sich durch 12 theilen läßt, der Thaler aber nicht.“ [9]

Ansichtskarte.

Bild 3: Die ehemalige Münze am Mathildenplatz, vermutlich Ende des 19. Jahrhunderts aufgenommen. Das Gebäude wurde um die Jahrhundert­wende abgerissen und durch den 1905 vollendeten Bau des Amtsgerichts ersetzt. Quelle: Digitale Sammlungen Darmstadt, Sammlung Heil [online].

Auch Georg Wilhelm Justin Wagner plaudert in seiner 1839 verfaßten „Geschichte und Beschreibung von Darmstadt“ ein wenig über den Neubau der Münze und die Dampfmaschine:

„Die Münze liegt ganz nahe am Mainthor, und wurde von dem Oberbaurath Franz Heger in den Jahren 1831–32 erbaut. Die ist zweistöckig und hat eine Länge von 110 Fuß. Die Dampfmaschine, die erste im Großherzogthum, dient zum Betrieb des Streckwerks. Sie wurde 1830 in der vormaligen Werkstätte des Münzraths Rößler im Wesentlichen nach den von Saulnier in Paris verfertigten Dampfmaschinen erbaut, und ist ihrem System nach eine doppelt wirkende, bei welcher der Dampf abwechselnd auf beide Seiten der Kolbenfläche drückt. Die Dämpfe werden mit einem mittleren Druck von 39 Pfund auf den Quadratzoll angewendet, und die Kraft der Maschine ist auf 5 Pferdekraft berechnet.“ [10]

Bleibt der Autor bei der Rößler'schen Dampfmaschine noch ganz sachlich, so gerät er hinsichtlich des Darmstädter Maschinenbaus geradezu ins Schwärmen:

Maschinenfabrik von Jordan. Sie gehört zu den bedeutendsten Teutschlands, und wetteifert hinsichtlich der Zweckmäßigkeit und Schönheit ihrer Fabrikate, mit den englischen. Jordan hat die erste nach amerikanischem System im Großherzogthum erbaute Mühle zu Lich und die erste Runkelrüben-Zuckerfabrik im Großherzogthum und vielleicht die größte Teutschlands, bei Pfungstadt eingerichtet. Er hat Maschinen für Zuckerraffinerien, Brückenwaagen etc. geliefert, und die Bestellungen aus weiter Ferne bestätigen seinen Ruf im In- und Auslande. Es werden alle Arten von Dampfmaschinen, hydraulische Pressen, Schraubenpressen, Gebläsmaschinen, Saug- und Druckpumpen, Koch- und Destillir-Apparate, Brückenwaagen jeder Art verfertigt, sowie Maschinen, die auf jeden Zweig des Fabrikwesens, der Landwirthschaft etc. Bezug haben, jederzeit vorräthig sind, oder sogleich nach Bestellung gefertigt werden. Erwähnt wird die Maschinenfabrik von Buschbaum.“ [11]

»»  Auf die Maschinenfabrik von Johann Ludwig Buschbaum wird in Kapitel 2 näher eingegangen.

»»  Die Dampfmaschine der Großherzoglichen Münze wird in Kapitel 3 im Zusammenhang mit der Einführung der Dampfkraft in Darmstadt und Umgebung betrachtet.

Optische Linsen und ein Theodolit

Dem Nekrolog auf den Münzrat Hektor Rößler könner wir entnehmen, was hauptsächlich in seiner Werkstätte gefertigt worden sein könnte: Prägemaschinen für das Münzwesen und Maßstäbe für das Vermessungswesen. Darunter waren auch Fremdfertigungen, wie Johann Friedrich Schiereck in Bezug auf den von ihm erfundenen Pediometer anmerkt.

„Es wurde nun beschlossen, einige dieser Instrumente anfertigen zu lassen, und ich lieferte zu diesem Behufe die Beschreibung des Instruments, welches ich Kathetometer nannte, die dem damaligen Mechanikus, jezigem Münzmeister Rößler in Darmstadt, überschikt wurde, der einige dieser Instrumente zur vollkommenen Zufriedenheit ausführte, von denen ich noch ein Exemplar besize.“ [12]

Hektor Rößler und seine Maßstäbe

1841 veröffentlichte Hektor Rößler (vermutlich der Senior) eine Abhandlung über „Tafeln zur Vergleichung und Reduktion der Längenmaße wie auch der Gewichte in verschiedenen europäischen Staaten“ nebst zwei zugehörigen Tafeln. Diese Abhandlung ist, wenn auch nur in mäßiger Qualität, als Anlage 8 zur Firmengeschichte der Maschinenfabrik und Eisengießerei online.

Im Oktober 1862 findet sich im „Gewerbeblatt für das Großherzogthum Hessen“ ein Aufsatz über verbesserte „Punktir-Maßstäbe“, der auf die Rößler'schen Vorarbeiten eingeht:

„Schon vor einer Reihe von Jahren wurden in der damaligen mechanischen Werkstätte des Herrn Münzrath Rößler dahier Maßstäbe nach dem neuen Großh[erzoglich] Hess[ischen] Decimalmaße in Stahlblechen zur Ausführung gebracht, welche hinsichtlich ihrer Richtigkeit bei Längenmessungen, wie deren Uebertragung auf Risse und Zeichnungen etc. nichts zu wünschen übrig ließen, sobald man sie nur bezüglich ihrer letzterwähnten Benutzung (der Uebertragung auf die Planzeichnung) mit einiger Vorsicht zu handhaben verstand. Ein solcher Maßstab ist nämlich an seinem einen Längenrande mit Spitzen versehen, welche die Länge eines halben hessischen Fußes, sowie der 5 Zolle desselben und zwischen dem ersten Zolle jene der 10 Linien, auf's Genaueste angeben. Die Räume zwischen den Zoll- und Linien-Spitzen sind nicht aus freier Hand mittelst einer Feile geschaffen, sondern zur Erreichung möglichster Richtigkeit mit Hülfe einer Fräße und einer Längentheil­maschine erzeugt, wie man sich an solchen Maßstäben durch den Augenschein zu überzeugen vermag. Die so gebildeten Spitzen konnten deßhalb, im Durchschnitt betrachtet, nur viereckig entstehen. Demnach ergeben sich bei einem mit Vorsicht vollzogenen, gleichmäßigen und nicht zu starken Eindrücken derselben in Papier die zur Ausführung einer vollkommenen Zeichnung erforderlichen Punkte zwar immer als kleine viereckige Oeffnungen, dennoch in genügender Feinheit. Sobald man jedoch das richtige Maß dieses Eindrückens in die Papierfläche nur um Weniges überschreitet oder die Unterlage desselben ist nicht vollkommen eben, so veranlaßt die diesen Spitzen, der Dauerhaftigkeit halber, verliehene konische Form, größere viereckige Oeffnungen, welche bei einer allen Fleißes bedürfenden Zeichnung zu Unrichtigkeiten Veranlassung geben können und letztere bedeutend entstellen.“ [13]

Als Lösung dieses Problems offeriert der Artikelschreiber die entsprechend angepaßten Punktiermaßstäbe des Hofinstrumenten­machers F. Mahr mitsamt dessen Preisvorstellung.

Theodolit.
Bild 4: Der Rößler'sche Theodolit, abgebildet zu der Beschreibung desselben durch C. L. P. Eckhardt (1813) [online].

Hektor Rößler (sen.) war nicht nur mit Dampfmaschinen, Münzprägewerken oder dem Kartenwesen vertraut, sondern auch mit optischen Instrumenten und dem Vermessungswesen. So soll sich Carl Zeiss 1840 seinetwegen in Darmstadt zur Vervollkommnung seiner Ausbildung aufgehalten haben [14]. In Rößlers Werkstatt gefertigte Theodolite wurden 1812 zur Vermessung bei der provisorischen Anlage des Dreiecknetzes 1. Ordnung im Herzogtum Westfalen eingesetzt; 1817 nutzten der Ingenieurgeograph Johann Nikolaus Emmerich und der Chorograph Padberg zur Vermessung des Arnsberger Teilnetzes den Repetitions­theodoliten Nr. 25 aus Darmstadt. 2014 erwarb der Verein Förderkreis Vermessungs­technisches Museum e. V. in Dortmund einen solchen um 1815 von Rößler ersonnenen Theodoliten [15]. Zu Rößlers Bedeutung für das Vermessungswesen schreibt Wilhelm Breithaupt ein Jahrhundert später:

„Hektor Rössler (1779–1868), Münzmeister und Hofmechanikus in Darmstadt, hat ebenfalls Anfang dei 19. Jahrhunderts gute Theodolite gebaut, besonders die von Lenoir am Bordakreis angebrachte Repetitions-Einrichtung ihrer vielen Mängel wegen mit Vorteil durch seine Einrichtung ersetzt. Auch den Höhenkreis seines Theodolits hat Rössler mit Repetition versehen, was aber bei geodätischen Theodoliten später, so viel mir bekannt, nur einmal wiederholt worden ist; dagegen waren die Vertikal-Kreise der Reflexions-Goniometer von Breithaupt stets mit Repetition versehen. Der Rösslersche Theodolit ist beschrieben und abgebildet: Eckardt, Repetitions-Theodolit von Rössler, Darmstadt 1813 und Netto, Vermessungskunde, Berlin 1820, Seite 164 Fig. 55.“ [16]

Einer unscheinbaren Annonce im „Darmstädtischen Frag- und Anzeigeblatt“ von 1834 können wir entnehmen, daß Rößlers Theodolite – wohl unter den angehenden Gemoetern des Großherzogtums – begehrt waren. Demnach war ein „Rößlerischer Theodolyt mit neuer Einrichtung […] billig zu verkaufen“. [17]

Hektor Rößler lieferte hierbei nicht nur über seine Theodoliten einen wichtigen Beitrag zur Hessischen und Westfälischen Landesvermessung der 1810er und 1820er Jahre. Schon früher, bei der für die hessische Landesvermessung wesentliche Einmessung der Basislinie von der Darmstädter Stadtkirche zur Griesheimer Dorfkirche, die vom 5. bis zum 29. Oktober 1808 durchgeführt wurde, stellte seine Werkstätte nach einer aus Paris stammenden Vorlage zwei präzis gefertigte Toisen (Toise du Pérou) her. Auch der verwendete Theodolit wurde von/bei ihm gefertigt. Diese Vermessung gilt bis heute aufgrund ihrer trotz einfacher Hilfsmittel erreichten Präzision als eine überaus bemerkenswerte Leistung. Durchgeführt wurde sie von Christian Eckhardt, dem späteren Präsidenten des Landes­gewerbevereins, und Ludwig Johann Schleiermacher.

Ludwig Johann Schleiermacher sollte in der Folge die in der Rößler'schen Werkstätte hergestellten Objektive nachmessen und durchrechnen und so vielleicht zu seiner ausführlichen theoretischen Durchdringung der Optik gekommen sein [18]. Wie diese Zusammenarbeit ausgesehen haben kann, darauf gibt Schleiermachers Enkel August Schleiermacher in einem von ihm in den 1920er Jahren verfaßten Lebenslauf seines Großvaters einen Hinweis:

Meßpunkt.
Bild 5: Ausgangspunkt der Basismessung von 1808. Der Meßpunkt wurde 1969 zur Erinnerung an die historische Pioniertat auf dem Darmstädter Friedensplatz eingebracht.

„Es wäre ganz verfehlt Schleiermacher nach den umsichtigen und darum weitläufigen Entwicklungen in seiner Optik für einen unpraktischen Theoretiker zu halten, es ist im Gegenteil sicher, dass ihm gerade die Anwendung bei allen seinen Untersuchungen vor Augen lag. Hätte er mit leistungsfähigen Werkstätten in Verbindung gestanden, so wäre schon damals ein Erfolg seiner Arbeit nicht versagt geblieben. Zu seiner Zeit stand ihm in Darmstadt nur ein geschickter Mechaniker, Roessler, zur Seite, der sich auch mit dem Schleifen von Prismen und Linsen befasste, aber mit beschränkten Hilfsmitteln nicht viel leisten konnte. Zu einem ‚3-fachen Objektiv nach Schleiermacher‘ von 80 mm [Durchmesser] hat Roeesler eine biconvexe Kronlinse und die biconcave Flintlinse geschliffen. Letztere hat jedoch solche Schlieren, dass vermutlich die Vollendung des Objektivs an der Unmöglichkeit brauchbares Flintglas zu beschaffen gescheitert ist. Die Berechnung zu diesen Objektiv ist bisher nioht aufgefunden worden.“ [19]

Hans Boegehold gibt als ein erstes gesichertes Datum dieser Zusammenarbeit auf optischem Gebiet den 3. Juli 1814 an. Schleiermacher notierte dieses Datum im Zusammenhang mit einer Bestimmung der Brechungs- und Zerstreuungs­verhältnisse der von Rößler verfertigten Prismen. Boegehold konnte in den 1920er und 1930er Jahren noch Einsicht nehmen in die vorhandenen Schleiermacher'schen Unterlagen, die im Zweiten Weltkrieg verbrannt sind. Erst anderthalb Jahrzehnte später, 1829 und 1830, scheint Schleiermacher wieder auf Rößler und dessen Prismen zurückgekommen zu sein. Schleiermacher unternimmt mehrere neuerliche physikalische Versuche und nennt Rößler als Optiker. [20]

Auf der sechsten Generalversammlung des Großherzoglichen Gewerbvereins in Darmstadt am 29. Juni 1841 sollte Hektor Rößler (sen.) seinen von Friedrich Voigtländer in Wien konstruierten Daguerre'schen Apparat ausstellen. Voigtländer hatte erst im Jahr zuvor damit begonnen, das von Daguerre entworfene Verfahren erheblich zu verfeinern. Hieran zeigt sich nicht nur, daß der Münzrat Hektor Rößler den Gang der technischen Entwicklung auch nach Vollendung seines 60. Lebensjahres sorgfältig beobachtete, sondern auch, daß er einer alten Liebe, der Beschäftigung mit optischen Instrumenten, treu geblieben war. [21]

Jakob Rößler

Am 14. September 1832 „wurde dem Münzmeister Hector Rößler dahier der Charakter eines Münzrathes erteilt.“ Damit verbunden war die Aufgabe seiner Werkstätte.

„Ich mache hierdurch die Anzeige, daß ich das bisher geführte mechanische Geschäft aufgegeben habe, jedoch mit Ausnahme des optischen Theils desselben, welchen ich durch meinen Opticus für meine Rechnung werde fort betreiben lassen. Meine Herren Abnehmer wollen sich daher von jetzt an gefälligst an den Opticus Gottlob Oechsle, wohnhaft bei Kaufmann Rößler in der Ludwigsstraße wenden, wobei alle Arten optische Gläser, Brillen, Perspective, Microscope etc. vorräthig oder auf Bestellung zu haben sind.“ [22]

Im April 1820 hatte der am 5. April 1769 geborene Darmstädter Bürger, Hofdreher und Handelsmann Jakob Rößler sein neu erbautes dreistöckiges Haus in der kürzlich als Straßen­durchbruch geöffneten Ludwigsstraße bezogen. Ihm und seiner zweiten Ehefrau Friedrika, geb. Eckhardt, kam hierbei zugute, daß sein vorheriges, wenige Jahre zuvor vom Pfarrer Sell erworbenes Wohn- und Geschäftshaus am Marktplatz (Lit. D Nr. 126) dem Straßen­durchbruch im Weg war, weshalb es 1819 für 24.000 Gulden aufgekauft worden war. Unterstellt, Friederika Eckhardt war mit dem Regierungsrat und späteren Präsidenten des Landes­gewerbevereins verwandt, dann ist es bestimmt nur ein Zufall, daß der Vertragspartner beim Ankauf des Hauses der Hofkammerrat und Wissenschaftler Ludwig Schleiermacher gewesen ist. Jakob Rößler erhielt einen Bauplatz in der neu entstandenen Ludwigsstraße und residierte fortan unter der Anschrift Lit. E Nr. 47. [23]

Ausschnitt Stadtplan 1822.

Abbildung 6: Auszug aus dem 1822 entstandenen Geometrischen Plan der Großherzoglichen Residenzstadt Darmstadt von Georg Louis und Gottlieb Börner. Der Plan ist sowohl als Flash-Animation in den Digitalen Sammlungen der ULB Darmstadt [online] als auch als Grafikdatei auf der Webseite von Kristof Doffing [online] zu finden. Die drei Rößler-Brüder Hektor (H), Jakob (J) und Friedrich (F) waren 1822 an den blau markierten Orten anzutreffen. Quelle: Webseite von Kristof Doffing.

In der Ludwigsstraße führte er sein bisheriges Geschäft fort und empfahl sogleich frisch angekommene italienische Strohhüte. Ab 1826 kooperierte er mit dem Offenbacher Hutfabrikanten H. Wilhelm Martini und vertrieb in Kommission dessen „runde und Militär-Hüte in verschiedenen Qualitäten“. Das Sortiment wurde 1828 um Herren-, Damen-, Mädchen- und Kinderhüte „nach den neuesten Formen“ erweitert [24]. Wie seinerzeit üblich, wurden auch in den Häusern begüteterer Männer (und seltener Frauen) Einzelzimmer oder ganze Stockwerke vermietet. Eine Mieterin, Henriette Heinrich, war bei Jacob Rößler 1832 untergekommen.

„Seit mehreren Jahren habe ich mich in Putzarbeiten practisch auszubilden gesucht und glaube es darin zu einer solchen Fertigkeit gebracht zu haben, daß meine Arbeiten zu den geschmackvollsten gezählt werden dürfen. Ich finde mich deßhalb veranlaßt, ein verehrungswürdiges Publikum hiervon mit dem ergebensten Bemerken in Kenntniß zu setzen, daß alle Arten von Frauenhüten, Hauben u. d. gl. nach der neuesten Mode und den billigsten Preisen von mir verfertigt werden. Meine Leistungen werden mir Vertrauen erwerben und erhalten.“ [25]

Jakob Rößler sollte um die Jahreswende 1832/33 herum seinem Bruder Friedrich nach Schönberg folgen, wovon noch die Rede sein wird. Im Dezember 1832 annoncierte er, sein Geschäft in der Ludwigsstraße aufgeben zu wollen, wenige Tage zuvor war seine Frau Friederika gestorben. Im Juli 1833 sollte dort der jüdische Bettenhändler Löw Wolfskehl sein Geschäft aufschlagen. [26]. Die Abwesenheit Jakob Rößlers wußte der Drehermeister Friedrich Braun aus Darmstadt für sich zu nutzen. Jakob war nämlich nicht nur Geschäftsmann, sondern auch Hofdreher. Er wandelte damit auf den Spuren seines Vaters Johann Peter, der sich als Drehermeister in Darmstadt niedergelassen hatte. Wann Jakob das Privileg eines Hofdrehers zuteil wurde, muß hier offen bleiben. Jedenfalls nutzte Friedrich Braun die Vakanz aus, beanspruchte für sich den Titel eines Hofdrehers und erhielt am 9. Oktober 1833 den Segen des Großherzogs. [27]

1836 soll Jakob Rößler nach Frankreich ausgewandert sein [28]. Dabei kann es sich aber nur um ein Intermezzo gehandelt haben, denn am 31. Januar 1840 verstarb er im Alter von 70 Jahren, 9 Monaten und 25 Tagen in Darmstadt. Sein Haus in der Ludwigsstraße verkaufte er kurz zuvor dem jüdischen Händler Salomon Homberger für 18.000 Gulden [29]. In seinem Testament vom 9. Mai 1834 hatte Jakob Rößler verfügt, daß sein Vermögen je zur Hälfte an seinen Bruder Hektor und an die Kinder seines jüngsten Bruders Friedrich gehen sollte. Dabei erhielt Friedrich den lebenslangen Nießbrauch. Gegen selbigen war kurz zuvor ein Konkursverfahren eröffnet worden und so galt es, im Falle einer Erbschaft das Vermögen vor dem Zugriff der Gläubiger zu schützen. Seine eigenen Kinder, so sie noch gelebt haben sollten, bedachte er nicht. Allerdings hatte er eine Einschränkung in Bezug auf die beiden ältesten noch lebenden Söhne Friedrichs formuliert.

„Da die beiden ältesten Söhne meines Bruders Friedrich, nemlich Friedrich und Christian Rößler, sich bisher höchst leichtsinnig betragen und ihre Unfähigkeit, den ihnen zugestandenen Erbtheil selbst zu verwalten, an den Tag gelegt haben, so will ich, daß solcher ihnen nach dem Ableben ihres Vaters nur dann soll ausgeliefert werden, wenn sie obrigkeitliche Zeugniße ihrer Leistung, und ihrer Fähigkeit zu Begründung eines anständigen Etablissements werden beigebracht haben.“

Von den hier gemeinten beiden 1812 und 1813 geborenen Söhnen Friedrichs starb Friedrich Jakob 1835 in Afrika, den anderen, Christian, scheint es nach Dortmund verschlagen zu haben. Friedrich Rößler erkannte das Testament am 25. Februar 1840 als gültig an. Nach Abzug der Verbindlichkeiten des Verstorbenen und der gerichtlichen Gebühren erhielten Hektor und die Kinder Friedrichs jeweils rund 6.000 Gulden ausbezahlt. [30]

Von den insgesamt sieben Söhnen und zwei Töchtern des Drehermeisters Johann Peter Rößler erlebten nur die drei Brüder Jakob, Hektor und Friedrich den Beginn des 19. Jahrhunderts.

»»  Friedrich Rößler wird in Kapitel 2 vorgestellt.

Hektor Rößler hinterläßt eine Lücke

Hektor Rößlers mechanisches Tätigkeitsgebiet scheint durch den Hofmechanikus Georg Siener übernommen worden zu sein, der sich kurz nach Rößlers Anzeige quasi als Nachfolger empfahl:

„Der Unterzeichnte macht hiermit bekannt, daß er sein bisheriges Logis in der Baustraße verlassen hat, und in das demselben schräg gegenüber stehende Hofschreiner Künzel'sche Haus Lit. E Nr. 93 gezogen ist.

Zugleich bemerkt er, daß bei ihm alle mathematische, physicalische und optische Instrumente auf das solideste verfertigt werden, und stets eine vollständige Auswahl von Reißzeugen, Perspectiven, Brillen u. s. w. bei ihm zu finden ist. Verhältnißmäßig billige Preise und die Güte der bei ihm gekauft werdenden Gegenstände, werden ihn noch besonders empfehlen.“ [31]

Text der Annonce.
Abbildung 7: In vier Zeitungsannoncen bot Hektor Rößler sein Haus und Grundstück an der Frankfurter Chaussee zum Verkauf oder zur Vermietung an. Hier wird die Annonce im „Darmstädtischen Frag- und Anzeigeblatt“ vom 4. August 1832 wiedergegeben. [32]

Hektor Rößler sah sich zeitgleich mit der Aufgabe seines Geschäftes veranlaßt, eine Warnung auszusprechen. Einen speziellen Anlaß wird es wohl gegeben zu haben, aber er ist nicht überliefert: „Ich warne hiermit, ohne meine schriftliche Einwilligung auf meinen Namen etwas abzugeben. Münzmeister Rößler.“ [33]

Als Jakob Rößler nach dem Tod seiner Ehefrau Friederika annonciert hatte, sein Geschäft in der Ludwigsstraße aufgeben zu wollen, war davon wohl auch der Vertrieb der optischen Instrumente und Matrialien Hektor Rößlers betroffen. Somit setzte er für den 19. und 20. Dezember 1832 zwei Versteigerungen an, eine in seinem Hause und eine in der großherzoglichen Münze, diesmal um die Werkzeuge, Maschinen und anderes Material seiner Werkstätte zu verkaufen.

Es ist möglich, derzeit aber nicht belegbar, daß er die Hofreite Ende der 1820er Jahre erworben hat, als die alte Münze in der Infanteriekaserne abgerissen werden sollte und er deswegen neue Räumlichkeiten für den Betrieb seiner Werkstätte und den damals zumindest in Darmstadt noch unerprobten Bau und Betrieb einer möglicherweise als gefährlich angesehen Dampfmaschine außerhalb der früheren Stadtummauerung finden mußte. Mit der Aufgabe der Werkstätte wäre auch der Nutzen der Hofreite obsolet gewesen. Seine Wohnung konnte er nunmehr im neu erbauten Münzgebäude am Maintor nehmen.

„Da ich mein mechanisches Geschäft aufgegeben habe, so werde ich Mittwoch den 19. d. M. in meinem Hause vor dem Mainthor verschiedene mechanische Werkzeuge und Maschinen, worunter sich mehrere Drehbänke, Schraubstöcke, kleine Handwerkzeuge und Maschinentheile, eine kleine hydraulische Presse, ein vollständiger Glasschleif­apparat mit 180 Stück Schleifschalen und eine Parthie vorräthige silberne und stählerne Brillen, Perspective und optische Gläser befinden, gegen gleich baare Zahlung öffentlich versteigern lassen.“

„Donnerstag den 20. d. Mts., Vormittags 8 Uhr, sollen in dem Münzgebäude zu Darmstadt verschiedene überflüssig gewordene Werkzeuge und Geräthschaften, worunter mehrere große Schraubenpressen, einzelne Schraubenspindeln, ein Durchschnitt- und ein Walzenwerk befindlich, gegen gleich baare Zahlung öffentlich versteigert werden.“ [34]

Mechanische Werkstätten im Darmstadt der 1830er Jahre

„Die erste mechanische Werkstätte, welche sich durch Verfertigung höchst sorgfältig ausgeführter mathematischer und physikalischer Werkzeuge auszeichnete, und sich einen wohlbegründeten Ruf in Deutschland erwarb, war die vor 30 Jahren von Rößler errichtete in Darmstadt. Eine Fabrik für größere Maschinen wurde später damit verbunden und darin die vorzüglichen Prägwerkzeuge und die Dampfmaschine der hiesigen Münze verfertigt, welche letztere die erste Dampfmaschine im Großherzogthum, und bis heute noch die einzige, im Betrieb befindliche Maschine dieser Art ist. Leider ist diese großartige Anstalt vor einigen Jahren eingegangen, da die Dienstverhältnisse ihres Besitzers keine Muse mehr zu deren Betrieb übrig ließ.

Was mathematische und physikalische Werkzeuge betrifft, so werden dieselben von Siener in Darmstadt nunmehr in gleicher Vollkommenheit geliefert; seine nach Reichenbachischer Art eingerichtete Theilmaschine kann den besten in Deutschland beigezählt werden.

Die vor einigen Jahren von Jordan in Darmstadt neu etablirte Fabrik großer Maschinen ist im Aufblühen begriffen; sie hat schon viele bedeutende Maschinen geliefert, und aus ihr sind die ersten Mühlen nach dem amerikanisch-englischen System, so wie die Maschinen für Zuckerfabrikation im Großherzogthum, hervorgegangen. Außerdem verdienen die ähnlichen Anstalten von Houben und de Barri [d. i. de Bary, WK] und Heim in Offenbach, so wie von Amelungen und Stumpf in Mainz rühmliche Erwähnung.“

Quelle: Uebersicht der vorzüglichsten Gewerbe im Großherzogthum Hessen, in: Verhandlungen des Gewerbvereins für das Großherzogthum Hessen, II. Quartalheft 1837, Seite 4ff., Zitat auf Seite 8.

„Obgleich die Eisenhüttenwerke im Großherzogthum, sowohl in Bezug auf unmittelbare Darstellung des Eisens aus den Erzen, als auf die Verarbeitung des Roheisens zu Schmiedeisen, in ziemlich großer Ausdehnung betrieben werden, so hat doch kein Eisenhüttenwerk von Bedeutung Erzeugnisse seiner Fabrikation zur Ausstellung gesendet. Nur von der Rößler'schen Eisenhütte in Schönberg, welche Roheisen und Bruchseisen in Kupolöfen umschmelzt und zu Gießerei­gegenständen verwendet, waren einige Proben ausgestellt. […] Von dem Rößler'schen Eisen­hüttenwerk in Schönberg, wie schon erwähnt, das einzige, welches in diesem Fabrikate etwas zur Ausstellung brachte, waren verschiedene Proben von Kupolofenguß, nemlich einige Verzierungen und Ornamente ausgestellt, welche in Bezug auf ihre Formen und reinen Guß für lobenswerth erklärt wurden.“

Quelle: Bericht über die vom 4. bis zum 13. September d. J. in Darmstadt stattgefundene erste Ausstellung inländischer Gewerbserzeugnisse, in: Verhandlungen des Gewerbvereins für das Großherzogthum Hessen, III. Quartalheft 1837, Seite 24ff., Zitat auf Seite 32 und 33; zu: Gießerei­gegenstände und gezogene Bleiröhren. [35]

Der Eisenhammer in Schönberg

Nachdem Hektor Rößler sich mit seiner Ernennung zum Münzrat gezwungen sah, sein bislang betriebenes Geschäft mitsamt der damit verbundenen Werkstätte aufzugeben, muß es zunächst verwundern, daß er nunmehr in Schönberg ein Eisenhüttenwerk betrieben haben soll. Tatsächlich war es jedoch sein Bruder Friedrich, der 1831 die Gelegenheit ergriff, die sich im Gräflich Erbach-Schönberger Besitz befindliche Herrenmühle zu erwerben, um dort ein Hammerwerk zu errichten. Diese Herrenmühle wurde erstmals 1555 erwähnt [36]. Die Geschäftstätigkeit entwickelte sich jedoch nicht so, wie es sich Friedrich Rößler vorgestellt hatte. Zum einen beschwerten sich die Besitzer der unterhalb der Herrenmühle angesiedelten Mahlmühlen über die erhebliche Wasserentnahme für das Hammerwerk. Infolge dessen konnten sie mangels Wasserzufluß ihre Mühlen nicht kontinuierlich betreiben. Zum anderen führten die Beschwerden dazu, daß sich die Obrigkeit einmischte und feststellte, daß zum Betrieb eines Hammerwerkes eine eigene Konzession notwendig werde. In der Folge konnte Friedrich Rößler seine Außenstände, unter anderem die Abgaben an das Gräfliche Rentamt, nicht begleichen, woraufhin ein Konkursverfahren gegen ihn eröffnet wurde. [37]

Herrenmühle.
Bild 8: Die Herrenmühle in Schönberg, Aufnahme vom April 2015.

Am 2. April 1832 schreibt der Kreisrat in Heppenheim an seinen Kollegen in Bensheim.

„Rubricirt hat bei der höchsten Staatsbehörde um die Erlaubniß zur Anlage eines Eisenhammers in der von ihm erkauften vormals Zehischen Mühle zu Schönberg, in welcher er, wie Ihnen bekannt ist, bisher schon ein Eisenhammerwerk betrieben hat, nachgesucht.

In den früheren, dieses Gegenstandes wegen gepflogenen Verhandlungen, hat sich nun, wie Sie aus der Anlage ersehen werden, Gr[oßherzogliche] Oberbaudirection dahin ausgesprochen, daß ein solches Hammerwerk sich alsdann ohne Benachtheiligung der Unteren Müller, würde betreiben lassen, wenn Rößler ueber seinem Mühlengerinne, noch ein Leergerinne anlege, welch letzteres jedes mal alsdann geöffnet werden müße, wenn das Mühlengerinne zugestellt werde.

Ich ersuche Sie deßhalb, die Untermüller in Bensheimer Gemarkung zu vernehmen, ob sie bei Anlage eines solchen Mühlengerinnes gegen das projectirte Hammerwerk nichts zu erinnern fänden, oder welche weiteren Vorkehrungen sie deßhalb etwa noch für nothwendig hielten.

Das aufzunehmende Vernehmungsprotocoll ersuche ich Sie, mir, unter Rückschluß des Communicats zuzusenden.“

Mit Datum vom 30. Januar 1833 setzt das hessischen Ministerium des Innern und der Justiz den Heppenheimer Kreisrat vom juristischen Stand der Dinge in Kenntnis.

„Rößler hat mit erblichherrlichem Consens – als nichts weiter erscheint das Decret der Rentkammer zu König vom 14ten Junius 1831 – die Mühle des Erbleihmüllers Zeh zu Schönberg erkauft und kann also nur so viel Wasser ansprechen, als zum Betrieb einer Mahlmühle erforderlich ist. Zur Anlegung eines Eisenhammers, wozu, praevia causae cognitione [nach vorangegangenem Vergleich, WK], eine Concession der Staatsbehörde erforderlich, ist er bis jetzt nicht conceßionirt.

Bis dahin ist also der status quo – in Bezug auf den Wasser-Gebrauch, ein solcher zum Betrieb der Mahlmühle bestanden – mit polizeilicher Strenge herzustellen und zu handhaben und es ist somit nicht zu dulden, daß durch die zum unconcessionirten Betrieb eines Eisenhammers geschehenen Wasser-Anlagen und das nöthige Wasser Stauen den unterhalb gelegenen Mühlen das vorher gehabte Wasser entzogen, verkümmert, oder gar das Mahlwesen zu Zeiten unmöglich gemacht werde.

Zugleich haben Sie den Rößler unter dem geeigneten Präjudiz aufzufordern, sich in so fern er bei der Eisenhammer-Anlage zu beharren gemeint sey, über die dazu erforderliche Erlaubniß binnen einer zu setzenden Frist auszuweisen.“

Am 3. April 1834 unterzeichnet der „gehorsamste Diener“ Friedrich Rößler eine Eingabe an den Heppenheimer Kreisrat, worin er darauf verweist, er habe am 23. Januar des Jahres um eine Konzession ersucht, bislang aber noch keine Antwort erhalten. Die Angelegenheit sei dringend, da der ihm zuteil werdende Verlust wegen der notwendigen Konzessionierung „täglich drückender“ werde. Vielleicht habe er auch einen Formfehler begangen, den er zu korrigieren bittet:

„Sollte ich wegen Mangel an gehöriger Kenntniß das erforderliche Stempelpapier versäumt haben, so bitte ich ferner geziemend dasselbe gefälligst beylegen, und mich den Betrag dafür nachzahlen zu lassen.“

Die Lauter.
Bild 9: Eingehegte Lauter oberhalb der Herrenmühle in Schönberg, Aufnahme vom April 2015.

Er muß wohl die Konzession erhalten haben, denn die Beschwerden über die Wasser­entnahme des Eisenhammers reißen nicht ab. Mit der Konzession war eine Verfügung verbunden, die den Hammer­betrieb durchaus zu beeinträchtigen in der Lage war. So informiert am 10. Januar 1835 der Heppenheimer Kreisrat seinen Bensheimer Kollegen davon, daß dem „Hammerbesitzer Rößler alles Stauen und Hemmen des Hammers bei 10 Reichs[thalern] Strafe und unter Verantwortlich­keit für jeden verursacht werdenden Schaden untersagt“ worden sei. Am 25. Juni 1835 eskalierte der Streit zwischen Friedrich Rößler und den Müllern. Selbige zogen mit Äxten, Hebeisen und anderen Gegenständen bewaffnet hinauf nach Schönberg, ließen sich auch vom einheimischen Bürger­meister nicht beschwichtigen und sollen einige Zerstörungen am Hammerwerk angerichtet haben. Daraufhin führte der Heppenheimer Kreisrat zwei Tage später einen Ortstermin durch und forderte die Kontrahenten, die Müller und den geschädigten Hammerwerks­besitzer, dazu auf, ihren Streit gefälligst vor einem ordentlichen Gericht auszutragen. Zwei Wochen später gab es die nächste Beschwerde. Der Bensheimer Kreisrat sprach hierüber tags darauf, am 12. Juli 1835, mit Friedrich Rößler.

„Gestern, so gaben die Müller an, haben ihre Mühlen wieder beinahe zwei Stunden kein Wasser gehabt, weil Rößler mit dem großen Hammer arbeiten ließ.

Auf die drängende Beschwerde der Müller war ich an dem Eisenhammer, Rößler entschuldigte das Ausbleiben des Wassers damit, indem er mir angebe[?]:

zwei fremde Müllerpurschen seyen an dem unteren Wasser gewesen, hätten das Schäßbrett so zugestellt, daß keine ½ Zoll das Wasser hätte in den Mühlgraben fließen können, er habe aber alsbald diesem Frevel abgeholfen, er habe die Müllerpurschen nicht gekannt.

Es wird wohl jedem sehr einleuchtend seyn, daß diese Angabe grundfalsch und erlogen ist, wäre sie aber wahr, so ist es doch an Rößler die unterliegenden Müller vor dergl. […] zu schützen. Es ist offenbar, daß Rößler bei kleinem Wasser den Eisenhammer nicht ohne Nachtheil der Müller benutzen kann, ich ersuche Sie den Bürgermeister Rettig darüber mit pflichtmäßigem Gutachten zu hören und ihm den Gebrauch des Hammers vor der Hand zu untersagen, auch mich von Ihrer Verfügung in Kenntniß zu setzen.“

Es scheint, als habe sich Friedrich Rößler bei Bedarf über die Verfügung, den Müllern das Wasser nicht abzudrehen, einfach hinweggesetzt. Und sollte er doch einmal zur Rede gestellt werden, tischte er fast schon arrogant eine Räuberpistole auf.

Der erzwungene Stillstand des in Erbleihe erworbenen Hammerwerks, in das Friedrich Rößler wohl sein vorhandenes Vermögen gesteckt haben dürfte, führte zu einer Gläubiger­versammlung am 14. Oktober 1833 in Schönberg. Jakob Rößler muß nachfolgend bei der Versteigerung der Friedrich Rößler'schen Immobilien die Rechte an der Erbleihmühle erworben und sie im Verlauf des Jahres 1834 für 5.500 Gulden an Hektor weitergegeben haben. Dieser meldet daraufhin am 17. Dezember 1834 beim Kreisamt Heppenheim an, nunmehr der Besitzer und Betreiber der Mühle zu sein, und sein Bruder Friedrich führe die dortigen Geschäfte. Am 18. Juli 1835 schlägt er, der ja irgendwie auch ein begnadeter Ingenieur ist, eine technische Lösung für das Wasserproblem vor und legt seiner Beschreibung eine Skizze bei. Nichtsdestotrotz zieht sich die Angelegenheit weiter hin, denn nunmehr müssen zwei Gutachter beauftragt werden, deren Gutachten am 7. Februar 1837 vorliegt. Diese Gutacher, ein Geometer aus Groß-Gerau und ein Mühlenbesitzer aus Auerbach, hatten sich die Mühlenanlagen entlang des Baches genau angeschaut, Messungen bei unterschiedlichen Wasserständen durchgeführt und schließlich festgestellt, daß, wenn alle Mühlenbesitzer ihre Anlagen in Ordnung halten würden, die Wasserverwendung durch den Rößler'schen Eisenhammer keine Komplikationen hervorrufe. Damit scheint die Angelegenheit als erledigt betrachtet worden zu sein.

»»  Die Herrenmühle und die damit verbundene Eisenverhüttung wird uns in Kapitel 2 wieder begegnen.

Häuser und Gärten vor dem Mainthor

Zeitungsannonce.
Abbildung 10: Das Gartengrundstück Lit. F Nr. 208 wird verpachtet. Quelle: Großherzoglich Hessische Zeitung vom 15. Februar 1837. Scan vom Mikrofilm.

Hektor Rößler hatte, vermutlich Ende der 1820er Jahre, ein Grundstück etwa einen halben Kilometer nördlich der alten Stadtbefestigung am Maintor erworben. Nachdem es ihm schon 1832 nicht gelungen war, dieses weiterzuverkaufen, unternahm er fünf Jahre später einen erneuten Versuch.

Im Februar 1837 wird ein Gartengrundstück zur Pacht angeboten, das in der Nähe der späteren ersten Fabrik der Maschinenfabrik und Eisengießerei gelegen haben muß. Bei der Umstellung der städtischen Adressen von Brand­versicherungs­katasternummern auf die uns heute geläufige Art Mitte der 1860er Jahre wird aus der hier angegebenen Anschrift Lit. F Nr. 208 das Anwesen Schloßgarten­straße 18. Das Adreßbuch von 1863 hingegen schlägt Lit. F Nr. 208 noch der Frankfurter Straße zu. Als Schloßgartenstraße war in den 1860er Jahren nur das kleine Teilstück zwischen Frankfurter Straße und späterem Schloßgartenplatz bezeichnet worden. Das hier genannte Grundstück mit seinen rund 17.000 Quadratmetern lag vermutlich auf der Nordseite dieser Straße und somit recht wahrscheinlich gegenüber dem Fabrikgelände. Das Gelände gehörte in den 1830er Jahren dem Regierungsrat G. C. Küchler in der Rheinstraße.

Die Beschreibung des Gartengrundstücks enthält unter anderem die Angabe, daß in den Gärten nicht nur mehrere Sorten Kern- und Steinobst blühten und gediehen, sondern auch den Hinweis auf mehrere Rebsorten. Sollte es so etwas wie Darmstädter Wein oder Apfelwein gegeben haben?

Zeitungsannonce.
Abbildung 11: Hektor Rößler (sen.) läßt seine Hofreite versteigern. Quelle: Großherzoglich Hessische Zeitung vom 5. Mai 1837. Scan vom Mikrofilm.

Für den 23. Mai 1837 beabsichtigte der Münzrat Hektor Rößler ein „anmuthig“ an der Frankfurter Chaussee gelegenes Grundstück zu versteigern. Das hierauf 1820 oder 1821 im Auftrag des Ökonomen und Gastwirts Jakob Alleborn errichtete Haus wurde im Darmstädter Brand­versicherungs­kataster zunächst unter Lit. I Nr. 55 und ab 1830 unter Lit. F Nr. 209 geführt. In dem teilweise in Abbildung 6 gezeigten, auf 1822 datierten Stadtplan von Georg Louis und Gottlieb Börner wird dieses Gebäude als „Neues Chaussee Haus“ bezeichnet. [38]

Bei dem hier als Bewohner genannten Freiherrn von Schenk dürfte es sich um Ludwig Friedrich Carl Schenck zu Schweinsberg, Leiter des hessischen Finanzministeriums von 1848 bis 1874, gehandelt haben. Er wird uns in Kapitel 4 wieder begegnen und Hektor bzw. Friedrich Rößler bei der Akquise von Aufträgen helfen.

Angaben darüber, wie die Versteigerung 1837 ausgegangen ist, fehlen. Dem Darmstädter Brand­versicherungs­kataster zufolge standen auf dem Grundstück neben einem zweistöckigen Wohnhaus ein einstöckiger Nebenbau auf der linken Seite, ein einstöckiger Querbau, eine Remise auf der rechten Seite und ein neuer Querbau, aus dem ein zweistöckiges Gießhaus erwachsen sollte. 1843 wird der Eintrag im Kataster um ein einstöckiges Magazingebäude, einen einstöckigen Schuppen und einen Abtritt ergänzt. In welchem Jahr diese Neubauten errichtet wurden, geht aus diesem Eintrag jedoch nicht hervor; es scheint sich eher um eine periodische Fortschreibung des Katasters zu handeln. [39]

Bald nach der angesetzten Versteigerung jedenfalls residiert auf dem Gelände das Unternehmen Buschbaum und Comp., und den Adreßbüchern der 1840er Jahre zufolge war der Eigentümer dieser Hofreite weiterhin der Münzrat Hektor Rößler. Haben Johann Ludwig Buschbaum und Hektor Rößler, die sich aus früherer Zusammenarbeit gekannt haben, über die Versteigerung zur Führung eines gemeinsamen Maschinenbau­unternehmens wieder zusammen­gefunden? Buschbaum jedenfalls, der als Werkmeister auf der Ludwigshütte bei Biedenkopf tätig war, kehrte 1837 nach Darmstadt zurück. Daß das Grundstück ausweislich der Annonce auch zur Anlage einer Fabrik geeignet war, mag den Gedanken einer Partnerschaft gefördert haben. Der Hinweis auf die „wasserreiche Pumpe“ ist den Darmstädter Verhältnissen geschuldet. Wasser gab es in Darmstadt, vor allem in den trockenen Sommermonaten, sowohl quantitativ wie auch qualitativ nur mangelhaft. Das mag nördlich der ehemaligen Stadtmauer, den sumpfigen Pallaswiesen zugewandt, wieder anders gewesen sein. Erst mit der Inbetriebnahme einer durch Brunnen gespeisten Wasserversorgung 1880 sollte sich dies ändern.

Der Nekrolog auf Hektor Rößler enthält eine Andeutung, wonach er sein Privatgeschäft, wohl die Werkstätte, nach seiner 1832 erfolgten Ernennung zum Münzrat nicht fortgeführt habe. Weiterhin ist dem Nekrolog seine Verbundenheit zur Maschinenfabrik und Eisengießerei zu entnehmen, deren Erzeugnisse Eingang in auswärtige Münzen gefunden haben. Buschbaum und Comp. wird somit als Zwischenglied zwischen Werkstätte und späterer Maschinenfabrik anzusehen sein.

Zur Verdeutlichung der Lage der Grundstücke Lit. F Nr. 208 und 209 mag folgender zeitlich passender Stadtplanausschnitt dienen.

Ausschnitt Stadtplan.

Abbildung 12: Ausschnitt aus dem Plan der Residenz Darmstadt von Eduard Wagner, datiert auf 1836. Quelle: tukart[40]

Zu vermieten

Nicht auszuschließen ist, daß das Unternehmen Buschbaum und Comp. nicht sofort 1837 in die Gebäude der Hofreite eingezogen ist. Nach dem Versteigerungstermin am 23. Mai 1837 wurde nämlich zunächst ein Teil des Gebäudekomplexes, und zwar „die obere und untere Etage nebst Stallung, Remise und Garten auf mehrere Jahre“ zur Vermietung ausgeschrieben. [41]

Die Geschichte der Maschinenfabrik und Eisengießerei wird fortgesetzt in Kapitel 2 – Johann Ludwig Buschbaum schneidet eine preisgekrönte Schraube – und behandelt den Zeitraum von etwa 1837 bis 1844.

Quellen- und Literaturverzeichnis.


 

ANMERKUNGEN

 

Mittels eines Klicks auf die Nummer der jeweiligen Anmerkung geht es zur Textpassage zurück, von der aus zu den Anmerkungen verlinkt wurde.

 

»» [1]   Darmstädter Zeitung vom 11. Juli 1879 [online]. Zur Verbreitung der Dampfmaschinen im Großherzogtum siehe ausführlich Kapitel 3. Für die Angabe 1807 als Jahr der Einrichtung einer eigenen Werkstätte habe ich bislang keinen zeitgenössischen Beleg finden können. Das in der ULB Darmstadt vorhandene Exemplar des „Darmstädtischen Frag- und Anzeigeblatts“ ist zwischen 1807 und 1809 nicht ganz vollständig; enthält jedenfalls keinen Hinweis darauf. Allenfalls eine ohne Auftraggeber abgedruckte Annonce vom 28. März 1808, mit der ein näher beschriebenes geodätisches Meßinstrument zum Verkauf angeboten wird, könnte hierzu passen: „Ein Stativ mit einer Richtscheibe zur sanften Horizontal-Stellung und Verschiebung eines 20 Zoll im Geviert haltenden Meßtisches und eines Winkelmessers. Letzterer besteht aus einer massiven messingenen Scheibe von 14 Zoll Durchmesser, und giebt mittelst eines Verniers die Winkel in einzelnen Minuten an. – Die hierzu und zu dem Meßtisch gehörige Alhidade ist mit einer Versicherungs­nadel, einer Libelle und einem Fernrohre versehen, das sich mit einem Halbkreise vertikal bewegen läßt, wodurch mittelst eines zweiten Verniers die Höhenwinkel von 5 zu 5 Minuten bestimmt werden. – Sie läßt sich zugleich zum Nivelliren gebrauchen, und befindet sich dabei noch eine besondere Kreuzlibelle und ein in das Fernrohr passendes Mikrometer. Alles ist sehr gut konditionirt, zum bequemen Transport in verschlossene Kästchen mit ledernen Ueberzügen gepackt, und zu verkaufen für 150 fl.“ Möglicherweise handelt es sich hierbei um einen der ersten von Hektor Rößler angefertigten Theodoliten; daß das Instrument vom Hofmechanikus Alexander Fräser stammt, der später im Jahr 1808 nach Frankfurt auswandern wird, ist eher unwahrscheinlich. Dieser hätte selbiges zudem, wie Annoncen im selben Blatt vom 25. Juli und vom 21. November 1808 nahelegen, nicht anonym annonciert.

»» [2]   Auf diesen teilweise problematischen Umgang mit Quellen wird ausführlich in Kapitel 6 eingegangen werden. Rainer Maaß : Die Frühindustrialisierung in Darmstadt und der Provinz Starkenburg (1806–1871), in: Ulrich Eisenbach (Hg.) : Von den Anfängen der Industrialisierung zur Engineering Region – 150 Jahre IHK Darmstadt Rhein Main Neckar, Seite 43–70 [2012]; hier die Anmerkung 44 auf Seite 245. Philipp Weber : Entwickelung, Geschichte und Bedeutung der Großh[erzoglichen] Zentralstelle für die Gewerbe, in: Curt Trützschler von Falkenstein : Darmstadt [1917–19, online ulb darmstadt], Seite 208–219; hier Seite 210. Der Gewerbeverein für das Großherzogtum Hessen und die Großherzogliche Zentralstelle für das Gewerbe. Denkschrift zur Feier des 75jähr[igen] Bestehens derselben verfaßt von den Beamten der Zentralstelle [1911], Seite 7.

»» [3]   Siehe zur Biografie Hektor Rößlers (sen.) auch Andrea Hohmeyer : „Roessler“ in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), Seite 744–745 [online]; zu weiteren Lebensdaten schriftliche Mitteilung der Autorin. Im 2003 verfaßten Biogramm zu Friedrich Ernst Rößler von Christine Polzien hat sich jedoch eine Ungenauigkeit eingeschlichen. Irrtümlicher­weise verwendet sie als Lebensdaten von Marie Margarete Schwarz die ihres Vaters.

»» [4]   Vgl. Andor Trierenberg : Die Hof- und Universitätsmechaniker in Württemberg im frühen 19. Jahrhundert, Diss. 2013 [online], Seite 149–150. Die dortige Angabe, auch Hektor Rößlers (sen.) Vater habe den Namen Johann Hektor getragen, ist unzutreffend.

»» [5]   Zum Paris-Aufenthalt gibt es eine kurze Notiz; HStAD D 12 Nr. 39/53 [online].

»» [6]   Friedrich Wilhelm Knieß : Lemma „Münze“, in: Stadtlexikon Darmstadt, Seite 653; dort auch eine Ansicht der alten Münze.

»» [7]   Eine Beschreibung einer solchen Dampfmaschine von Saulnier findet sich im Polytechnischen Journal 1828, Band 28, Nr. XXXVII, Seite 169–172: Beschreibung einer von Herrn Saulnier verbesserten Dampfmaschine.

»» [8]   Vgl. das Lemma „Münze“ im Stadtlexikon Darmstadt. Eine nähere Beschreibung dieser Dampfmaschine findet sich, zusammen mit weiterführenden Hinweisen, in Kapitel 3. – Das neue Münzgebäude erhielt die Anschrift Lit. F Nr. 36. Diese Adresse des Brand­versicherungs­katasters scheint zuvor einem anderen Standort zugewiesen gewesen zu sein. Im Adreßbuch von 1821 findet sich unter dieser Adresse nämlich das Wohngebäude des Kommissionsrats Fuhr, welches vermutlich westlich und damit auf der dem Münzgebäude gegenüber­liegenden Seite südlich des Maintors gestanden hat. Selbiges wurde im Sommer 1831 von der Witwe und den Erben versucht zu versteigern; siehe hierzu die Annoncen in der Großherzoglich Hessischen Zeitung vom 23. Juni und vom 27. August 1831. Zu Beginn der 1830er Jahre muß es südlich des Maintors zu einigen Adreßverschiebungen im Zusammenhang mit einer generellen Revision des Brand­versicherungs­katasters um 1830 gekommen sein.

»» [9]   Carl von Decker : Mittheilungen einer Reise durch die südlichen Staaten des deutschen Bundes, einen Theil der Schweiz, Tyrol, die Lombardei, und durch Piemont bis Genua: im Sommer 1839 [1840, online bsb münchen], Seite 75–76.

»» [10]   Georg Wilhelm Justin Wagner : Geschichte und Beschreibung von Darmstadt und seinen nächsten Umgebungen, von der ältesten bis auf die neueste Zeit [1839/41], Seite 119.

»» [11]   Ebenda, Seite 143. In den „Berichtigungen“ fügt der Autor hinzu: „setze nach Buschbaum hinzu: mit welcher seit Ende 1841 H. Rößler seine von Schönberg verlegte Eisengießerei vereinigt hat.“ Zur Produktpalette der Maschinenfabrik von Johannes Jordan siehe dessen Annonce in der „Großherzoglich Hessischen Zeitung“ vom 24. Juni 1831 [online].

»» [12]   Zu den Münzprägungen: Verschiedene Münzhändler bieten im Internet Münzen aus der Prägung Hektor Rößlers an. Auf Wikimedia Commons ist ein Kronentaler von 1825 abgebildet [online]. Zum Pediometer siehe Joseph Friedrich Schiereck : Beschreibung des Pediometers, eines Instruments, um den Flächeninhalt in Karten ohne Rechnung zu erhalten, in: Polytechnisches Journal, 1841, Band 82, Nr. LXII., Seite 251–265, Zitat auf Seite 252 [online].

»» [13]   P. : Punktir-Maßstäbe, in: Gewerbeblatt für das Großherzogthum Hessen, Nr. 40, October 1862, Seite 327–328.

»» [14]   Edith Hellmuth und Wolfgang Mühlfriedel wissen hierzu im ersten Band der 1996 herausgebrachten Zeiss-Unternehmens­geschichte auch nicht mehr zu sagen, als daß es Zeiss nach Darmstadt verschlagen habe, „wo er vermutlich 1840 bei Hektor Rössler Station machte.“ [Seite 18] Der Leserin und dem Leser dieses Buches bleibt es dann selbst überlassen, darüber zu sinnieren, welchen Stellenwert Hektor Rößler für den jungen Carl Zeiss gehabt haben könnte; ein Hinweis findet sich dort nicht. Ähnlich schon Ingrid Bauert-Keetman : Deutsche Industriepioniere [1966], Seite 138: „Einige Anhaltspunkte lassen darauf schließen, daß Zeiss damals bei Hektor Roessler in Darmstadt gearbeitet hat, der dort Münzrat war und dessen Sohn Friedrich Ernst kurze Zeit darauf in Frankfurt die Deutsche Gold- und Silber-Scheideanstalt, die spätere Degussa gründete.“ Ja, und welche Anhaltspunkte? Oder jüngst Dieter Gerlach : Geschichte der Mikroskopie [2009], Seite 340: „In dieser Zeit übten Dampfmaschinen und Lokomotiven auf junge, technisch interessierte Leute die größte Anziehungskraft aus. Zeiss machte da keine Ausnahme, wandte sich deshalb nach Abschluss der Lehre dem Maschinenbau zu und arbeitete zwischen 1838 und 1845 in Stuttgart, Darmstadt, Wien und Berlin. Während über seinen Aufenthalt in Stuttgart nichts Näheres bekannt ist, vermutet man, dass er in Darmstadt bei Hektor Rössler beschäftigt war, dem Vater von Friedrich Ernst Rössler, der 1841 in Frankfurt am Main die Deutsche Gold- und Silber­scheideanstalt, die spätere Degussa gegründet hat.“ Interessant ist hier der nicht näher belegte Hinweis darauf, daß Zeiss möglicherweise gar nichts an Rößlers optischen Instrumenten interessiert gewesen sein könnte; aber ansonsten scheint man und frau seit Jahrzehnten kunstvoll voneinander abzuschreiben, ohne jegliches Wissen darum, wie es denn nun wirklich gewesen war. Die Angabe Gerlachs, Friedrich Ernst habe 1841 den Vorläufer der Degussa gegründet, ist übrigens falsch; das war später. Die Angaben im „Darmstädter Frag- und Anzeigeblatt“ über angekommene Fremde sind leider auch nicht hilfreich. Entweder fehlen im Bestand der ULB Darmstadt einzelne Ausgaben oder die Zeitung druckte nur das ab, was ihr mitgeteilt wurde; jedenfalls sind die Angaben derart lückenhaft, daß sich nicht sagen läßt, ob und, wenn ja, wann Zeiss bei wem in Darmstadt gewesen sein könnte. Wenn es um Maschinenbau gegangen ist, wäre auch der spätere Stadtbaumeister Johannes Jordan ein möglicher Gastgeber.

»» [15]   Zur Vermessung in Westfalen siehe Hans Röcken, Wilfried Kaiser und Manfred Spata : Zur Lageidentität des Dreieckspunktes I. Ordnung Homert in den Arnsberger Triangulationen 1810/17 und 1880/83, in: VDVmagazin 1/2009, Seite 32–37 [online]. Zum Erwerb des Theodoliten siehe das Auktionsangebot des Dorotheums in Wien. Die vom Auktionshaus genutzte Literatur scheint Vater und Sohn Rößler zu einer Person zusammengeführt zu haben. Ähnlich auch die Webseite des Förderkreises Vermessungs­technisches Museum e. V., hier Nummer 518.

»» [16]   Zu Rößlers Bedeutung siehe Wilhelm Breithaupt : Geschichtliches über den Theodolit, in: Zeitschrift für Vermessungswesen, XLVII. Band, Heft 5, Mai 1918, Seite 130–134; Zitat auf Seite 130–131. Eine Rezension des Eckhardt'schen Werks erschien in der Jenaischen Allgemeinen Literatur-Zeitung, 1814, Nummer 198, Spalte 147 bis 152 [online]. Friedrich Wilhelm Breithaupt, der Großvater von Wilhelm Breithaupt, war Hofmechanikus und Münzmeister des Kurfürstentums Kassel. Im ersten Heft seines „Magazin von den neuesten gemeinnützigsten größtentheils verbesserten und zweckmäßiger eingerichteten mathematischen Instrumenten, deren man sich in der Geometrie, bei der Civil- und Militär-Meßkunst, dem Nivelliren, Auftragen und Zeichnen bedient“ [1827, online], bot er in einer Preisliste einen von ihm im Detail verbesserten Rößler'schen Theodoliten zu 102 Reichstalern an. Diesr Betrag konnte sich durch optionale Ausstattungs­verbesserungen erhöhen.

»» [17]   Darmstädtisches Frag- und Anzeigeblatt vom 8. und 15. März 1834. „Billig“ meint hier nicht ein Schnäppchen, sondern zu einem angemessenen Preis.

»» [18]   Zu den Toisen siehe Ernst Prieger / Hanns Feustel : Mathematische Formeln in Holz [1978], Seite 32 und 28. Zum verwendeten Theodoliten der Basismessung siehe Walter Ohlemutz : Vortrag zur Landesvermessung [1956], Seite 6, sowie Bernhard Heckmann u. a. : Neues über die alten Basen in Südhessen [2009], Seite 25.

»» [19]   August Schleiermacher : [Lebenslauf] Ludwig Johann Schleiermacher, ms. Manuskript, um 1927, Seite 4.

»» [20]   Hans Boegehold : Ludwig Schleiermacher und seine optischen Arbeiten, Teil II, in: Forschungen zur Geschichte der Optik (Beilagenhefte zur Zeitschrift für Instrumenten­kunde), 2. Band, 3. Heft, Dezember 1937, Seite 177–244. In der ULB Darmstadt befindet sich eine Sammelmappe aus verschiedenen Dokumenten und Aufsätzen, die sich mit dem Leben und Wirken Schleiermachers befassen.

»» [21]   Verhandlungen in der 6. Generalversammlung des Großherzogl. Gewerbvereins am 29. Juni 1841, in: Verhandlungen des Gewerbvereins für das Großherzogthum Hessen, II. Quartalheft 1841, Seite 78–84.

»» [22]   Zur Ernennung siehe Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt Nr. 83 vom 9. Oktober 1832, Seite 683. Die Annonce erschien im „Darmstädtischen Frag- und Anzeigeblatt“ am 6. Oktober 1832. Das Landesarchiv Baden-Württemberg verfügt über einen erhaltenen Schriftwechsel Öchsles mit der württembergischen Zentralstelle für Gewerbe und Handel von 1853/54 [link]. Dort wird Öchsle mit der Rössler'schen Maschinenfabrik in Verbindung gebracht. Das läßt darauf schließen, daß Öchsle auch später noch mit Hektor Rößler zusammen­gearbeitet hat.

»» [23]   Die Schreibweise des Vornamens ist uneinheitlich Jacob wie Jakob. Zum Hausankauf siehe HStAD E 14 A Nr. 66/1. Zum Bezug seines Hauses siehe Darmstädtisches Frag- und Anzeigeblatt vom 17. April 1820. Laut Brand­versicherungs­kataster (HStAD C 6 Nr. 359) war sein Anwesen mit 12.000 Gulden versichert.

»» [24]   Zur Kooperation mit Martini siehe Frag- und Anzeigeblatt vom 18. Februar 1826, zur Erweiterung des Hutsortiments siehe Frag- und Anzeigeblatt vom 28. Februar 1829. Das Adreßbuch von 1821 nennt ihn einen Bürger und Handelsmann, das Adreßbuch von 1840 nennt als Anschrift Lit. E Nr. 47.

»» [25]   Darmstädtisches Frag- und Anzeigeblatt vom 22. September 1832.

»» [26]   Zur Geschäftsaufgabe durch Jakob Rößler siehe das Frag- und Anzeigeblatt vom 8. Dezember 1832, zum Bettengeschäft von Löw Wolfskehl das Frag- und Anzeigeblatt vom 27. Juli 1833. Dieser war seit 1819 Bürger der Stadt. Die Frage nach der Relevanz der Angabe, es handele sich um jüdische Geschäftsleute, möchte ich wie folgt beantworten: Gerade in einer Stadt, die schon vor ihrer begeisterten Zustimmung zu Hitlers Nazis Ende des 19. Jahrhunderts eine stark antisemitische Einstellung zur Schau trug, ist es wichtig, darauf hinzuweisen, welchen Anteil hessische bzw. deutsche Bürger jüdischen Glaubens an der Entwicklung dieser Stadt besessen haben.

»» [27]   HStAD D 12 Nr. 5/25.

»» [28]   Zum Auswanderungsgesuch gibt es einen Hinweis im Staatsarchiv Darmstadt zu R 21 B. Ich bin der Sache nicht weiter nachgegangen.

»» [29]   Zum Nachlaß von Jakob Rößler siehe HStAD G 28 Darmstadt Nr. F 2518/48. Vgl. Darmstädter Frag- und Anzeigeblatt vom 18. April 1840.

»» [30]   Siehe HStAD G 28 Darmstadt Nr. F 2518/48; sowie Mitteilung von Andrea Hohmeyer, Evonik-Konzernarchiv.

»» [31]   Darmstädtisches Frag- und Anzeigeblatt vom 18. Oktober 1832. Die Baustraße wurde 1843 in Elisabethenstraße umbenannt.

»» [32]   Annonce Nr. 2174 vom 12. Juli 1832, abgedruckt in der Großherzoglich Hessischen Zeitung am 19. Juli und am 2. August 1832. Siehe auch die Annoncen in den Ausgaben des Darmstädtischen Frag- und Anzeigeblatts vom 14. Juli bis zum 4. August 1832.

»» [33]   Darmstädtisches Frag- und Anzeigeblatt vom 8. September 1832.

»» [34]   Annoncen Nr. 3371 und 3372 in der Großherzoglich Hessischen Zeitung vom 13. Dezember 1832. Die beiden von Hektor Rößler unterzeichneten Annoncen stammen vom 11. Dezember 1832. Sie erschienen auch im Frag- und Anzeigeblatt am 15. Dezember 1832 und im Frankfurter Journal am 13. Dezember 1832 (und möglicher­weise in weiteren (über)regionalen Periodika).

»» [35]   Das positive Urteil fand seinen Eingang in die überregionale Presse. Vgl. Hüttenbau in Hessen, in: Allgemeines Organ für Handel und Gewerbe, Nº 38, 29. März 1838 [online bsb münchen].

»» [36]   Zur Geschichte der Herrenmühle siehe Heinz Reitz : Mühlen wiederentdeckt [1997], Seite 50–51. Die Webseite zu den Kulturdenkmälern in Hessen erwähnt für den Bereich Herrenmühle keinen derartigen Eisenhammer [online].

»» [37]   Die nachfolgende Darstellung stützt sich auf die Aktenbestände HStAD F 21 B Nr. 164/1, HStAD G 15 Bensheim Nr. Y 341 und HStAD G 15 Bensheim Nr. Y 358. Eigene, nicht immer sichere Transkription. Diese Akten wurden nur kursorisch durchgeschaut und nicht systematisch ausgewertet.

»» [38]   In den 1820er Jahren gehörte das Gelände westlich der Frankfurter bzw. Arheilger Chaussee und nördlich des Maintores zum Stadtbezirk I. Bei dem Neuen Chausseehaus handelt es sich um das 1821 erbaute Anwesen des Bürgers und Branntwein­brenners Jacob Alleborn, der im Adreßbuch von 1821 (wohl als Mieter) noch unter der Anschrift Lit. I Nr. 51 vermerkt ist und dessen als Gartenwirtschaft genutzter Neubau die damals neu vergebene Anschrift Lit. I Nr. 55 erhielt. Alleborn versteigerte sein Anwesen um die Jahreswende 1824/25. Zur Identität des Neuen Chausseehauses mit dem Alleborn'schen Anwesen siehe das Darmstädtische Frag- und Anzeigeblatt vom 24. Dezember 1821. Zur Versteigerung siehe das Darmstädtische Frag- und Anzeigeblatt vom 13. Dezember 1824 sowie das „Intelligenz-Blatt der freien Stadt Frankfurt“ vom 21. und vom 25. Januar 1825. Zur Anschrift I. 55 siehe das Darmstädtische Frag- und Anzeigeblatt vom 31. Januar 1825. Das Darmstädter Brand­versicherungs­kataster (Distrikt I) führt das Anwesen schon 1820 ohne die Nebengebäude mit einem Versicherungswert von 8.000 Gulden; vgl. HStAD C 6 Nr. 371.

»» [39]   Brandversicherungskaster Darmstadt, Distrikt F, HStAD C 6, Nr. 360, zu Lit. F Nr. 209.

»» [40]   Ein weiterer Stadtplan von 1842, gedruckt in Bauerkeller's Präganstalt Jonghaus & Venator, führt für die Einzelgebäude und Gebäudekomplexe nördlich des Maintores und westlich der Straße nach Arheilgen und Frankfurt die Nummern des Brand­versicherungs­katasters auf. Demnach wäre Lit. F Nr. 206 seinerzeit das Gebäude etwa in der Mitte zwischen den auf dem 1836er Stadtplan als Nr. 207, 209 und 210 bezeichneten Gebäudekomplexen gewesen. Nr. 208 ist in diesem Stadtplan von 1842 nicht ausgewiesen.

»» [41]   Darmstädter Frag- und Anzeigeblatt vom 17. Juni 1837 regelmäßig samstags und mittwochs bis zum 11. Oktober 1837, danach bis zum 1. November 1837 nur mittwochs, aber gleich an erster Stelle aller Vermietungsanzeigen im Blatt. Je länger eine Annonce abgedruckt wurde, desto weiter rückte sie im Blatt unter der Rubrik „Vermietungen“ nach vorne vor.


 
 
 
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