Fabrik. Blick auf das Fabrikgelände. Quelle: Adreßbuch 1908.

Industriegleise im Fabrikviertel Darmstadt

Die Maschinenfabrik und Eisengießerei Darmstadt

Kapitel 6: 100.000 Thaler machen sich auf den Weg. Eine Abschweifung zur Forschungsgeschichte

Das seit 1837 als Buschbaum & Comp. bestehende und 1844 zur Maschinenfabrik und Eisengießerei in Darmstadt umfirmierte Unternehmen wurde mit Unterstützung der ebenfalls in Darmstadt ansässigen Bank für Handel und Industrie 1857 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Die Liquidation des Unternehmens wurde mit der Generalversammlung am 21. Dezember 1878 eingeleitet.

Kapitel 6 behandelt den Umgang mit der Unternehmensgeschichte in einschlägigen Veröffentlichungen bis etwa 2012. Nicht nur, daß wenig brauchbares Material zutage gefördert wurde; hinzu kommt, daß sich manche Informationen als ungenau oder gar unzutreffend herausstellen. Dabei hätte ein prüfender Blick in die alles andere als esoterischen Quellen für das weitere Verständnis der Materie eine Menge mehr gebracht als die zuweilen spekulativen Annahmen. Das lernt eine Studentin der Geschichte im ersten Semester ihres Grundstudiums.


Dieses Kapitel zur Geschichte der Maschinenfabrik und Eisengießerei ist die Fortsetzung von Kapitel 5 – Ein Lob aus München erreicht Darmstadt –, welches den Zeitraum von etwa 1850 bis 1856 behandelt hat.

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100.000 Thaler machen sich auf den Weg

Abschweifung zur Forschungsgeschichte

Erste Darmstädter Einblicke

Zur Geschichte der Industrialisierung in Darmstadt und Südhessen im 19. Jahr­hundert existierten bis etwa 2012, also dem Jahr, bevor ich anfing, mich näher mit der Geschichte der Maschinenfabrik und Eisengießerei zu befassen, nur wenige Monografien oder Aufsätze. Insbesondere zu dem hier untersuchten Unter­nehmen blieben die Aussagen recht vage. Ein tiefer schürfendes Nach­forschen hat es bis dato – insbesondere aus dem etablierten Wissen­schafts­betrieb – nur begrenzt gegeben. Dies mag, betrachtet man und frau die institutio­nellen Möglich­keiten in Darmstadt, doch ein wenig erstaunen. [1]

Arthur Uecker reichte Ende der 1920er Jahre seine Dissertation über die Industrialisierung Darmstadts an der Universität Heidelberg ein, die 1928 in Buchform erschienen ist. Betrachten wir dort die von ihm zugrunde gelegten Quellen, dann fällt auf, daß er sich weitgehend auf Veröffentlichungen des Darmstädter Gewerbe­vereins, des Landes­gewerbe­vereins und der Groß­herzog­lichen Handelskammer gestützt hat. Mehr noch: im Grunde genommen handelt es sich bei seiner Dissertation mehr um eine Fleißarbeit als um vertiefendes Quellen­studium und dessen Auswertung. Viele Passagen aus den ihm für Darmstadt vorliegenden Materialien sind mehr oder weniger wörtlich einfach übernommen worden. Wenn demnach Arthur Ueckers Dissertation jahr­zehntelang als Maßstab und Quelle für weitere Abhandlungen gedient hat, so hätte man und frau auch gleich in die von Uecker verwendeten Materialien schauen können – und darin sogar noch mehr gefunden, was zum Verständnis der Industria­lisierung in Darmstadt hätte beitragen können. Daß Uecker bei seiner Kompilation­sarbeit auch Fehler unterlaufen sind, läßt es erst recht angeraten erscheinen, das jeweils von ihm genutzte Original zu konsultieren. [2]

Dort finden sich folgende Einträge, die auf das Darmstädter Unternehmen hinweisen. Im ersten Jahresbericht der Großherzoglichen Handelskammer für 1862 meldet es sich zum Handelsvertrag mit Frankreich zu Wort. Für 1863 vermeldet die Handelskammer ein Aktienkapital von 400.000 Gulden, eine Reorganisation des Unternehmens und stellt verwundert fest, daß weder eine Bilanz noch ein Geschäftsbericht veröffentlicht wurden. Der nachfolgende Bericht für 1864 bis 1866 geht auf die mißliche Lage nach dem innerdeutschen Krieg ein und auch auf die Produktionspalette des Unternehmens. Der Bericht für 1867 bis 1869 behandelt die land­wirt­schaftliche Aus­stellung in Darmstadt 1869 und nennt die aus­gestellten Produkte des Unter­nehmens. Laut Bericht für 1870/71 treffe man im Unternehmen Vorbereitungen, ganz zum Loko­motivbau überzugehen. Im Bericht für 1872 heißt es, man sei zum Bau von Schmal­spur­lokomotiven für Sekundär­bahnen über­gegangen und habe eine ordentliche Dividende erwirt­schaftet. Der siebte Bericht für 1873 ist noch voll auf der Höhe des Gründer­booms. Er benennt die Produktions­zahlen des Unternehmens und weist zudem darauf hin, daß die gestiegenen Eisenpreise dem Unternehmen zu schaffen gemacht haben. Alsdann beginnt eine lang­jährige Krise des Darmstädter Maschinen­baus. Der achte Bericht der Handelskammer für 1874 beschreibt die Folgen für die Maschinen­fabrik und Eisengießerei. Der Bericht für 1875 nennt wieder Produktions­zahlen, weist aber auch darauf hin, daß bei öffentlichen Auftrags­vergaben nicht einmal die Gestehungs­kosten erwirt­schaftet werden können, von einem Gewinn ganz zu schweigen. Der zehnte Bericht für 1876 nennt weitere Auftrags­rückgänge, die daraus folgende Ent­lassung von Arbeitern und die bevorzugte Produktion von Lokomotiven und Loko­mobilen. Die Berichte für 1878 und 1879 lassen keine Hoffnung auf­kommen. Das Unter­nehmen beschließt daraufhin die Liquidation, aber einen Käufer für die Anlagen habe man nicht gefunden. [3]

Vielleicht mit Ausnahme der Stellungnahme zum Handelsvertrag mit Frankreich dürften allen Angaben in den Jahresberichten der Handelskammer zur Maschinen­fabrik und Eisengießerei die weitgehend nicht mehr auffindbaren Geschäfts­berichte des Unter­nehmens zugrunde gelegen haben. Die Angaben dieser Jahres­berichte wiederum wurden von Arthur Uecker mehr abgeschrieben als ausgewertet. Sofern moderne Autoren wiederum für ihre dürftigen Aussagen zum Unternehmen auf Ueckers Dissertation zurück­gegriffen haben, handelt es sich demnach um die Nutzbarmachung von Tertiär­literatur.

Auktionsannonce.
Abbildung 06.01: Annonce zur Versteigerung des Werkstattinventars von Johann Ludwig Buschbaum mit angehängter Annonce seiner Söhne. Quelle: Hessische Volksblätter vom 4. September 1867, Scan vom Mikrofilm.

Das Hessische Wirtschaftsarchiv in Darmstadt hat 2000 in Zusam­men­arbeit mit dem Hessischen Staats­archiv Darmstadt unter der Redaktion von Thomas Lange didaktische Materialien zur Industriali­sierung in Darmstadt und Südhessen heraus­gegeben. Dieser durchaus löbliche Ansatz wird jedoch dadurch getrübt, daß hierbei mehr oder weniger das zusammen­getragen wurde, was ohne tiefer­gehendes Schürfen auf­gefunden werden konnte. Beispiel­haft für Darmstadt sind darin Archivalien zur Blumen­thal'schen Maschinen­fabrik und zum Unter­nehmen der Gebrüder Buschbaum im heutigen Johannes­viertel. Positiv ist bei dieser Ver­öffent­lichung anzumerken, daß auf die brutalen Ausbeutungs­bedingungen der Früh­industriali­sierung hinge­wiesen wird. Doch dann unter­läuft Thomas Lange ein Fauxpas, für den er nur bedingt etwas kann, denn er ist ja auf die bescheidenen Ergebnisse bisheriger Darm­städter Forschung angewiesen:

„Um 1837 gründete der aus Michelstadt zugezogene ‚Mechanikus‘ Johann Ludwig Buschbaum (1792–1866) in Darmstadt eine Maschinen­fabrik. Nach dem Tod des Vaters über­nahmen die ältesten Söhne August und Friedrich die Fabrik, die nun ‚Gebr. Buschbaum, Maschinen­fabrik‘ hieß und nach dem Tod des ältesten Bruders Friedrich von dem jüngeren Bruder August als ‚Georg August Buschbaum, Maschinen­fabrik‘ bis zu seinem Tod 1908 weiter­geführt wurde. – 1877 gründeten die jüngeren Brüder Albrecht und Ludwig die Firma ‚Gebr. Buschbaum, Werkzeug-Maschinen-Industrie‘, die ab 1906 von Ludwigs ältestem Sohn Fritz Buschbaum weiter­geführt wurde. Diese Firma hatte ihren Sitz in der Viktoria­straße, später Frankfurter Straße bis zum Tod Fritz Buschbaums 1934, mit dem auch die Firma erlosch.

Produziert hat die Firma u. a. Dampf­maschinen, Heißluft­motoren, Werkzeug­maschinen, Brücken­waagen (zum Wiegen von Fahrzeugen).“

Nach dem Darmstädter Adreßbuch von 1865 lebten in der Mühlstraße 23 der Mechanicus Johann Ludwig Buschbaum, der Mechanicus Friedrich Buschbaum und Georg August, der mit dem Zusatz „Maschinenfabrik[ant]“ versehen ist. Zwar ist es richtig, daß Johann Ludwig Buschbaum 1837 in Darmstadt eine Maschinenfabrik betrieben hat. Doch wir haben schon im 2. Kapitel gesehen, daß Buschbaum mindestens einen weiteren Partner gehabt haben muß (den Münzrat Hektor Rößler) und 1844 mehr oder weniger freiwillig das Unter­nehmen verlassen hat, das nunmehr als Maschinenfabrik und Eisen­gießerei firmierte. Folglich können seine Söhne diese Fabrik nicht über­nommen haben; dies ist die freie Erfindung von Thomas Lange. Zu seiner Entschuldi­gung ist jedoch hinzu­zufügen, daß es den Darm­städter Historikern (und Historikerinnen) auch siebzig Jahre nach Erscheinen von Ueckers Dissertation nicht gelungen war heraus­zufinden, daß Buschbaum & Co. dasselbe Unter­nehmen – nur unter anderer „Firma“ – gewesen ist wie die Maschinen­fabrik und Eisengießerei. Somit hat hier eine durch nichts belegte, wenn auch plausibel erscheinende Mut­maßung solides wissen­schaftliches Arbeiten ersetzt. [4]

Schon der im März 2015 verstorbenen Darmstädter historischen Koryphäe Eckhart G. Franz scheint dieser Sachverhalt vollkommen fremd gewesen zu sein. Er weiß zwar in seinem weitgefaßten Aufsatz „Vom Biedermeier in die Katastrophe des Feuersturms“ im Standardwerk zu „Darmstadts Geschichte“ mit Bezug auf Angaben zur Darmstädter Gewerbeausstellung von 1837 von einer „soeben neuerrichtete[n] Maschinenfabrik des Mechanikus Buschbaum an der Arheilger Chaussee“ zu berichten. Eine Ahnung davon, es könnte sich um die spätere Maschinenfabrik und Eisengießerei gehandelt haben, finden wir bei ihm jedoch nicht, denn selbige wird unvermittelt erst dann an anderer Stelle benannt, als nach Ausbruch der Gründerkrise alles zu spät war: [5]

„Einzelne Industriefirmen fielen der Krise zum Opfer, wie die vor der endgültigen Inbetriebnahme des neuen Firmengeländes in der Blumenthalstraße liquidierte vormals Rößlersche Maschinenfabrik und Eisengießerei, eine der Gründerfirmen des industriellen Darmstadt, oder die Eisen- und Messing­gießerei Gebr. Reuling. Doch wurden die Lücken bald durch neue Firmen ausgefüllt. Die Reulingschen Fabrik­anlagen übernahm 1881 der aus Mannheim zugezogene Maschinen­fabrikant Carl Schenck, der sie zu einem der wichtigsten Darm­städter Betriebe ausbaute, und in die einige Jahre leer stehenden Anlagen der Maschinen­fabrik in der Blumenthal­straße zog Mitte der 80er Jahre die Mühlen­bauanstalt Gebr. Seck, die später von der Großfirma G. Luther / Braun­schweig übernommen wurde.“ [6]

Und da beginnt es schon wieder ungenau zu werden. In Betrieb genommen wurde die „neue Fabrik“ an der zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal geplanten Blumenthalstraße Ende der 1850er Jahre, also rund zwanzig Jahre vor der von den Aktionären im Dezember 1878 beschlossenen Liquidation des Unternehmens. Der Umzug aller Maschinen und sonstigen Betriebsmittel von der „alten Fabrik“ an der Frankfurter Straße (bzw. Arheilger Chaussee) in das neue Etablissement vollzog sich schubweise bis Mitte der 1870er Jahre. Zum Zeitpunkt der Liquidation war dieser Vorgang jedoch längst abge­schlossen und die Arbeiter des Unternehmens produzierten am neuen Standort schon jahre­lang vor sich hin. Der Aufbau und die Inbetrie­bnahme der „neuen Fabrik“ wird im 7. Kapitel behandelt werden. Aus all dem ist zu folgern: Auch Eckhart G. Franz blickte dies­bezüglich nicht durch.

Nicht erforschte Konfusion

Zum einhundertfünfzigjährigen Bestehen der Großherzoglichen Handels­kammer Darmstadt, der Vorgängerin der heutigen IHK Darmstadt, gab das Hessische Wirtschafts­archiv in Darmstadt 2012 die umfang­reiche Dokumen­tation „Von den Anfängen der Industriali­sierung zur Engineering Region“ heraus. In zwei längeren Aufsätzen fassen Rainer Maaß und Dieter Schott achtzig Jahre nach Ueckers Dissertation den Forschungs­stand zur Industriali­sierung Darmstadts im 19. Jahr­hundert zusammen. Achtzig Jahre sind eine lange Zeit. Neues Material läßt sich mit neuen, zeitgemäßen Frage­stellungen verknüpfen. Insofern muß jede moderne Darstellung quasi zwangs­läufig über Ueckers Arbeit hinaus­reichen. Die Frage ist eher, ob die Zeit gut genutzt wurde, um zu einer kohärenten und quantitativen wie qualitativen Erwartungen gerecht werdenden Darstellung zu gelangen. So betrachtet ist das Ergebnis eher ent­täuschend. Man und frau darf sich nicht allzu viel versprechen. Zu sporadisch erscheinen die zugrunde­liegenden Quellen und Materialien, die ausgewählt wurden; mitunter kommt der Verdacht auf, die Herausgeber und Autoren hätten in der Eile der Produktion nur das zusammen­getragen, was ohnehin mehr oder weniger zufällig in den Darm­städter Archiven schnell greifbar war.

Um nicht mißverstanden zu werden: das Ergebnis ist immer noch weitaus besser als nichts und kann zu weiterer Forschung anregen. Aber eigentlich wäre zu erwarten gewesen, daß genau diese Forschungsarbeit in den vergangenen Jahrzehnten geleistet worden wäre. Hans-Peter Bach, zum damaligen Zeitpunkt Präsident der IHK Darmstadt und in seinem eigenen Verlags­haus des „Darmstädter Echo“ als harter Hund konsequenter Aus­gliederung einzelner Betriebs­teile und damit verbundener Tarif­flucht bekannt [7], gibt den Ton vor, wenn er schon im ersten Absatz seines Vorworts bemerkt:

„Es ist bezeichnend, dass sich in den vergangenen 150 Jahren niemand die Mühe gemacht hat, sich der wirtschaftlichen Entwicklung dieser Region systematisch anzunehmen.“ [8]

Ulrich Eisenbach, Leiter des Hessischen Wirtschaftsarchivs und Herausgeber des Bandes, hat dann auch gleich zwei wesentliche Gründe für dieses Versäumnis ausgemacht:

„Das Fehlen eines beherrschenden Gewerbes, einer Leitindustrie, die die gesamte Region charakterisiert, verklammert und vernetzt, mag ein Grund dafür sein, dass es kaum Untersuchungen zur Wirtschafts­geschichte Südhessens gibt. […] Schließlich hat sicher auch die äußerst schlechte Quellen­lage manchen Historiker davon abgeschreckt, sich dieses Themas anzunehmen. Die Über­lieferung der Zentral­behörden des Groß­herzogtums und des Volksstaats Hessen ist fast voll­ständig den Luftangriffen des Zweiten Weltkriegs zum Opfer gefallen; das gleiche gilt, cum grano salis, für die hier interessierenden Akten­bestände der Stadt Darmstadt und der IHK Darmstadt, über deren Tätig­keit vor 1945 nur noch die gedruckten Jahresberichte Auskunft geben.“ [9]

Was das erste Argument angeht, so mag dies nicht ganz abwegig sein. Allerdings gab es einen Arthur Uecker, der aus dem verstreuten Material, das ihm Mitte der 1920er Jahre vorlag, immerhin versucht hat, eine konsistente Industrialisierungs­geschichte zu schreiben. Uecker dürfte allerdings damals nicht den Vollzugriff auf Archivalien gehabt haben, wie wir ihn heute beim Aufsuchen des Staatsarchivs Darmstadt gewohnt sind. Das ist mißlich, weil bei seiner Kompilations­fähigkeit vielleicht das ein oder andere Dokument zumindest in seiner Wiedergabe erhalten geblieben wäre. Aber weshalb gab es nur einen Arthur Uecker? War das Thema wirklich so uninteressant?

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich allerdings tatsächlich keine und niemand um die Erforschung der Darmstädter Früh­industrialisierung verdient gemacht. Dennoch finde ich es billig, hierbei auf die Kriegsverluste zu verweisen. Wie ich mit meiner Studie zur Geschichte der Maschinenfabrik und Eisengießerei Darmstadt zeige, ist es durchaus möglich, durch die Basisarbeit jedes seriösen Historikers, nämlich die Suche und das nachfolgende Erschließen von Quellen und Sekundärliteratur den Kriegsschaden mehr als wett zu machen. Denn wie kann es sein, daß alle bisherigen Darmstädter Anmerkungen zu diesem Unternehmen bestenfalls auf ein Notizblatt passen, ich jedoch faktisch das Äquivalent eines dickleibigen Buchs abliefern kann? Und ich rede hier nur von der Geschichte eines einzigen Unternehmens. Wie viel mehr Material läßt sich für die gesamte Darmstädter Geschichte des 19. Jahrhunderts dann noch finden? Ulrich Eisenbach kommt der Sache dann schon näher, wenn er anmerkt:

„Die in der vorliegenden Veröffentlichung versammelten Beiträge, darüber sind sich die Autoren im Klaren, erheben keinen Anspruch auf eine lückenlose, fundierte und umfassende Darstellung der Wirtschafts­entwicklung Südhessens. Dazu bedarf es weiterer gründ­licher Archivstudien.“ [10]

Am 13. September 2015 nahm ich bei einem „Tag des offenen Denkmals“ an einer Führung durch das Hessische Wirtschaftsarchiv teil. Selbst diese nur knapp einstündige Führung vermittelte einen gewissen Einblick in die umfang­reiche Sammlung verschiedenster Archivalien aus Organisations- und Unternehmens­beständen. Alleine diese Bestände für die wissen­schaftliche Forschung so zu erschließen, so daß hiermit etwas anzufangen ist, ist eine gewaltige Aufgabe. Ganz zu schweigen vom Tages­geschäft des Archivs, weitere Materialien aufzu­spüren und vor dem Reißwolf zu retten. Oder Anfragen durchaus nicht trivialer Natur zu beantworten, die eine gründliche Einsicht in die Bestände erfordern. Dies alles ist mit recht minima­listischem Personal und begrenzten zeitlichen und finanziellen Ressourcen zu leisten. Für wirkliche Forschung, die über das Tages­geschäft hinausgeht, ist dabei kaum Raum. Allenfalls im Rahmen einer Publikation kann einmal tiefer geschürft werden, aber die geschilderten Limitierungen gelten auch hier. Dies sei dem nun Folgenden sozusagen als caveat vorausgeschickt.

Denn was die bisherigen gründlichen Archivstudien anbelangt, hege ich dies­bezüglich so meine Zweifel. So beleuchtet Rainer Maaß in seinem Aufsatz „Die Früh­industrialisierung in Darmstadt und der Provinz Starkenburg (1806–1872)“ die wichtige Rolle der Bank für Handel und Industrie. Hierbei handelte es sich bekanntlich nicht um eine kleine regionale Bank unter vielen, sondern schon in der 2. Hälfte des 19. Jahr­hunderts um das, was wir heute eine „system­relevante Bank“ nennen würden: „too big to fail“. Dies bewahrheitete sich 1931, als die aus Darmstädter Bank und der Nationalbank hervor­gegangene Danat-Bank kollabierte und das ohnehin schon angeschlagene deutsche Bankensystem mit sich riß. In dem IHK-Jubiläums­band findet sich kein Hinweis darauf, daß sich irgendeine oder irgendwer einmal daran gemacht hätte, die in der Darmstädter Universitäts­bibliothek vorliegenden Geschäfts­berichte der Bank für Handel und Industrie zu konsultieren. Weder in einer Anmerkung noch im Literatur­verzeichnis erscheinen selbige. Sprich: man bedient sich der Sekundär- und Tertiär­literatur, um die Geschichte einer in Darmstadt ansässigen Bank zu erzählen. Das ist dürftig.

Rainer Maaß weiß nun das eine oder andere zur Maschinenfabrik und Eisen­gießerei zu berichten. Er belegt dabei, daß er nicht nur die Zusammen­hänge nicht versteht, sondern nicht einmal die simpelste Basis­arbeit einer Geschichts­studentin im ersten Semester vollzogen hat. Als ich 1978 in Tübingen angefangen hatte, Geschichte zu studieren, war es durchaus noch üblich, sich die Literatur zu einem Thema selbst zusammen­zusuchen. Hierzu waren sowohl in der Instituts- als auch in der Universitäts­bibliothek sogenannte Sach­kataloge vorhanden, die selbst­redend aus Kartei­karten bestanden, die wiederum in hölzernen Schub­fächern lagerten. Heutzutage geht das alles viel eleganter.

Ergebnis einer Literatursuche.

Abbildung 06.02: Ergebnis der Suche nach der Maschinenfabrik und Eisengießerei Darmstadt im Katalog der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt als Screenshot. Schon der vierte Treffer führt zum Ziel.

Man oder frau ruft einfach die Suchmaske des Darmstädter Bibliotheks­verbundes auf und sucht nach „Maschinenfabrik Darmstadt“ oder „Eisen­gießerei Darmstadt“ oder nur nach „Maschinenfabrik und Eisengießerei“. Ist das so schwer? Ganz offensichtlich, denn es hat keine oder niemand je getan. Andernfalls hätten die Darmstädter Historiker nicht nur zwei Aktionärs­statuten, sondern auch drei Geschäfts­berichte des Unter­nehmens gefunden. Alleine schon aus diesen fünf Dokumenten hätten sie die Unternehmens­geschichte wunderbar aus­schmücken können. Als ich Ulrich Eisenbach darauf an besagtem „Tag des offenen Denkmals“ ansprach, war er baß erstaunt. Dabei hätte er wissen müssen, daß die Bestände des Gewerbe­vereins zu Beginn des 20. Jahr­hunderts in den Vorgänger der Universitäts- und Landes­bibliothek einge­gliedert worden waren [11]. Dort zu suchen, wäre demnach zumindest den Versuch wert gewesen. Bekanntlich finden sich in dieser Bibliothek ja auch Geschäfts­berichte oder Jubiläums­schriften anderer Darmstädter Unternehmen.

Folgerichtig führt das Nicht-Suchen auch zum Nicht-Finden; und wenn man dann mal wohl eher zufällig etwas gefunden hat, versteht man es nicht. Die dürren Worte über die Maschinenfabrik und Eisengießerei im IHK-Jubiläumsband mögen diese harsche Kritik eindrucksvoll belegen.

„An der Frankfurter Straße hatte sich nicht nur die Herdfabrik nieder­gelassen, sondern auch diejenige Maschinen­fabrik, die am stärksten expandierte, die Maschinen­fabrik und Eisengießerei Darmstadt, deren genaues Gründungs­jahr bislang nicht zu ermitteln war, die aber bereits 1854 auf der Münchner Gewerbe­ausstellung eigene Maschinen präsentierte. 1859 jedenfalls wurde die Firma in eine Aktien­gesell­schaft umgewandelt, die damit zu einer der ältesten hessischen Unter­nehmungen dieser Art zählt. Die Produktions­palette war in den 1860er-Jahren noch sehr breit gefächert, allerdings setzte auch bei diesem Betrieb in den 1870er-Jahren eine Speziali­sierung ein: Neben Lokomobilen und Dampf­maschinen konzentrierte sich die Produktion auf den Lokomotivbau, insbesondere auf Schmal­spur­lokomotiven für die Sekundär­bahnen. Zu Beginn der 1860er-Jahre beschäftigte man rund 260 Arbeiter, mehr als jeder andere Darmstädter Betrieb. Eine mehrere Jahre andauernde Krise der Maschinenbau­industrie zwischen 1874 und 1880 überlebte das Werk allerdings nicht. Es ging im Krisenjahr 1878 ein. Anfang der 1870er-Jahre gab es in Darmstadt insgesamt acht Maschinen­fabriken, die 700 Arbeiter beschäftigten. Die über­wiegende Zahl der industriellen Groß­betriebe wurde allerdings erst zu Anfang der 1880er-Jahre gegründet.“ [12]

Diese Passage wird durch vier Anmerkungen gestützt, von denen eine auf das „Darmstädter Frag- und Anzeigeblatt“ vom 7. März 1857 verweist. Ich gehe einmal davon aus, daß Rainer Maaß diesen Fund nicht nur notiert, sondern auch angeschaut hat.

Einladung zur Aktiensubskription.

Abbildung 06.03: Einladung zur Subskription von Aktien der Maschinenfabrik und Eisengießerei im Wert von 70.000 Gulden. Quelle: Darmstädter Frag- und Anzeigeblatt vom 7. März 1857, Scan vom Mikrofilm, auch [online ulb darmstadt].

Der Blick hierauf hat mich elektrisiert – ich hatte allerdings die parallel hierzu in der „Darmstädter Zeitung“ publizierte Annonce entdeckt. Erstens werden hier vier Gründer genannt, wo doch die einschlägige Literatur bislang von einer Gründung der Bank für Handel und Industrie ausgegangen war. Die Erwähnung der Hessischen Ludwigsbahn hat zumindest mich veranlaßt, einmal in die Berichte und Protokolle der General­versammlungen der Bahn­gesellschaft zu schauen, ob sich hier Gründe für die Beteiligung finden lassen. Praktischer­weise lassen sich selbige entweder schon digitalisiert im Internet finden oder eben auf dem altmodischen Weg über eine Bestellung in der Universitäts- und Landes­bibliothek Darmstadt. Wäre Rainer Maaß ebenso verfahren wie ich, dann hätte er sogar gewußt, weshalb es überhaupt zum Ankauf der Maschinen­fabrik und Eisengießerei und deren Umwandlung in eine Aktien­gesell­schaft gekommen ist. Dies werde ich in Kapitel 7 zum Entsteheh der Aktien­gesell­schaft näher ausführen. Weiter gibt diese Zeitungs­annonce her, wie hoch das Aktien­kapital der neu­gegründeten Gesellschaft zu veranschlagen ist. Bislang ging die ein­schlägige Literatur von 100.000 Gulden aus; Arthur Uecker nennt auch 400.000 Gulden. Statt dessen werden hier 250.000 Gulden genannt; und dabei handelt es sich tatsächlich um das gezeichnete und nach­träglich auch eingezahlte Grundkapital der Aktien­gesellschaft.

Vollkommen konfus wird die Angelegenheit im IHK-Jubiläumsband jedoch, wenn wir im obigen Zitat lesen, die Gesellschaft sei 1859 in eine Aktien­gesellschaft verwandelt worden. Gleichzeitig lautet die zugehörige Anmerkung 135 so:

„Darmstädter Frag- und Anzeigeblatt vom 7. März 1857. 9.4.1859: 2. ordentliche Generalversammlung der Maschinenfabrik und Eisengießerei.“ [13]

Nun handelt es sich in der Ausgabe des „Darmstädter Frag- und Anzeigeblatts“ vom 9. April 1859 genau betrachtet um eine Annonce mit der Einladung zur zweiten ordentlichen Generalversammlung. Immerhin können wir daraus in dürren Worten eine Tagesordnung entnehmen. Als Kenner der Materie kann sich Rainer Maaß dann aber genauso wie ich ausrechnen, daß, wenn die zweite General­versammlung 1859 stattgefunden hat, die erste wohl im Jahr zuvor stattgefunden haben wird; zumindest ist mir bislang – mit Ausnahme einer Änderung des Zeitraums eines Geschäftsjahres – keine Abweichung von diesem Schema bekannt. Und sollte es eine Gründungs­versammlung gegeben haben oder auch einfach nur eine Gründung im Vorgriff auf eine spätere erste Generalversammlung, dann wird dies 1857 gewesen sein. Voilà! Er hat das passende Dokument vor Augen … und kann nichts damit anfangen. Bleibt noch zu klären, wie es zu der unsinnigen Angabe gekommen ist, die Firma sei 1859 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden. Hier kann ich nur eine plausible Vermutung anstellen: auf der Buchseite vor der von mir zitierten Passage findet sich die Abbildung eines Schmuckstücks aus den Beständen des Hessischen Wirtschaftsarchivs. Die Actie Nº 453 der Maschinenfabrik und Eisengießerei ist datiert auf den 1. Juli 1859. Weshalb diese Aktie erst 1859 und nicht 1857 ausgegeben worden ist, kann Rainer Maaß ja nicht wissen, denn er hat im Gegensatz zu mir ja auch nicht danach gesucht. [14]

Das Gründungsjahr

Wenn die Darmstädter Historikerinnen und Historker in den nunmehr neunzig Jahren nach Arthur Ueckers vorgelegter Dissertation – frei nach dem deutschen Oberschul- und -zuchtmeister Wolfgang Schäuble – „ihre Hausaufgaben gemacht“ hätten, dann hätten sie aus mindestens fünf voneinander unabhängigen Quellen geradezu schlafwandlerisch die richtige Antwort finden können.

So aber …

Nebenbei bemerkt: die laufende Nummer der Aktie hätte einen forschenden Wirtschafts­historiker stutzig machen müssen. Wenn das Nennkapital pro Aktie ausweislich des Aufdrucks 250 Gulden beträgt und wir die Aktiennummer 453 vorliegen haben, dann muß der Betrag des Grundkapitals mehr als 100.000 Gulden betragen, denn 453 mal 250 ergibt 113.250.

Bleibt noch eine Aussage zu entkonfusionieren, die sich ebenfalls in der von mir zitierten Passage findet. Rainer Maaß hat sehr richtig auf die Teilnehme des Unternehmens an der Münchener Industrieausstellung 1854 verwiesen. Daß es in den Beständen des Hessischen Staatsarchivs Darmstadt hingegen eine Archivalie gibt, die auf ein früheres Datum verweiset, nämlich 1849, ist ihm wohl entgangen. Ein noch früheres Jahr würden wir finden, wenn wir in die ebenfalls in Darmstädter Beständen anzutreffenden Hefte der „Verhandlungen des Gewerbvereins für das Großherzogthum Hessen“ geschaut hätten. Dort findet sich 1844 die Beschreibung einer transportablen Dampfmaschine des Unternehmens, also einer Lokomobile. Dies ist in der Tat die frühestmögliche Erwähnung des Unternehmens unter der uns bekannten „Firma“ Maschinen­fabrik und Eisengießerei Darmstadt [15]. Dabei war Rainer Maaß der Lösung näher, als er je geahnt haben dürfte.

„Bis dahin hatte offensichtlich allein die 1837 in Darmstadt gegründete Maschinenfabrik von Johann Ludwig Buschbaum (1792–1866) ein ähnlich umfassendes Angebot an Maschinen aller Art offeriert, nun erfolgte auch auf dem Maschinenbau­sektor eine Spezialisierung.“ [16]

Das „ähnlich umfassende Angebot“ hat seinen Grund. Es ist ja dasselbe Unternehmen! Mal ehrlich – wie viele Maschinen­fabriken wird denn ein etwas zu groß geratenes Nest wie Darmstadt unterhalten haben, die sich mit der Produktion von Münzpräge­apparaturen befaßt haben? Es ist ja nicht so, daß es sich hierbei um einen Produktionszweig handelt, der mehrere Unternehmungen derselben Art ernährt. Also hätte frau und man schon einmal darüber stolpern und sich fragen können, ob da eine Verbindung besteht. Statt dessen findet Rainer Maaß unverhofft das Gründungsdatum, ohne es zu wissen. 1844 scheidet Buschbaum dann aus dem Unternehmen aus, weshalb die Firma „Buschbaum & Comp.“ nunmehr keinen rechten Sinn mehr ergibt und folge­richtig – phantasielos, aber zutreffend – in Maschinenfabrik und Eisen­gießerei umgewandelt wird. Dies hätte die Studentin im ersten Semester zugegebener­maßen wohl eher nicht ausge­graben. Um dies heraus­zufinden, muß frau und man dann eben ausgiebiges Quellen­studium betreiben. [17]

Die Auswahl der Daten

Nachdem Dieter Maaß im IHK-Jubiläumsband den Zeitraum von 1806 bis 1871 abgedeckt hat, führt Dieter Schott die Geschichtsschreibung mit dem Zeitalter der Hochindustrialisierung von 1871 bis zum Ersten Weltkrieg fort. Auch er kommt noch einmal auf die Maschinenfabrik und Eisengießerei zu sprechen:

„Das größte Maschinenbau-Unternehmen der Reichs­gründungszeit war die um 1856 gegründete Maschinenfabrik und Eisengießerei, die stark auch von der Darmstädter Bank für Handel und Industrie gefördert worden war. Die Firma hatte 1873 einen Umsatz von 473.000 Gulden, was mehr als 20% des Gesamtumsatzes der Darmstädter Maschinen­bau-Industrie entsprach; sie beschäftigte im Jahres­durch­schnitt 260 Arbeiter und produzierte ein bemerkenswert großes Produkt­spektrum: Von ganzen Lokomotiven und Lokomobilen über Dampfkessel, Werkzeug­maschinen aller Art, Pumpen, Waagen, Eisenbahn­zubehör wie Drehscheiben, Ausweichen und Lade­kränen. Offen­sichtlich produzierte diese Firma auf Bestellung d. h. sie hatte ihre Produktion nicht auf ein begrenztes und standardi­siertes Sortiment konzentriert, was bedeutete, dass die Kosten­degression einer Massen­produktion nicht wirksam werden konnte. Wie bereits oben erwähnt, wurde die Firma dann auch das prominenteste Opfer der Gründer­krise und musste 1878 Konkurs anmelden.“ [18]

Bericht zur Liquidation. Bericht zur Liquidation.
Abbildung 06.04: Bericht von der außer­ordentlichen General­versammlung am 21. Dezember 1878 aus dem „Darmstädter Tagblatt“ vom 24. Dezember 1878, Scan vom Mikrofilm, auch online ulb darmstadt] und online ulb darmstadt]. Siehe auch das Protokoll dieser General­versammlung als Anlage 5 zur Unternehmens­geschichte, [online].

Nein, nicht Konkurs! – sie wurde ohne Einschalten eines Gerichtes oder Zwangs­verwalters ordnungs­gemäß durch die von der General­versammlung gewählten Liquidatoren abgewickelt. Der Unterschied zwischen Konkurs und Liquidation sollte einem Wirtschafts­historiker eigentlich geläufig sein. Aber auch Ulrich Eisenbach ist dieser Lapsus unter­laufen; und das wäre nicht so nachhaltig schlimm, wenn nicht immer so bedenken­los abgekupfert werden würde. Er verfaßte das Lemma „Maschinen- und Apparatebau“ für das Darmstädter Stadtlexikon:

„Die wohl älteste und lange Zeit bedeutendste Darm­städter Maschinen­fabrik war die ‚Maschinen­fabrik und Eisen­gießerei Darmstadt Aktien­gesell­schaft‘; sie wurde um 1856 gegründet und stellte u. a. stationäre Dampf­maschinen, Lokomobilen, hydraulische Maschinen, Fabrik- und Mühlen­einrichtungen sowie verschiedene Arten von Werkzeug­maschinen her. Seit 1871 spezialisierte sich das Unter­nehmen auf den Bau von schmal­spurigen Lokomotiven, konnte sich damit aber nicht durch­setzen und ging im Krisenjahr 1879 in Konkurs.“ [19]

Wo Dieter Schott seine Angaben zu den Produkten und Umsatzzahlen herhat, verrät keine Anmerkung; aber das ist nicht schwer zu erraten. Entweder ist es ein Bericht der Groß­herzoglichen Handelskammer oder die darauf fußende Kompilations­arbeit von Arthur Uecker. Wie dem auch sei – warum wird hier das Jahr 1873 genannt? Ich begegne diesem Phänomen immer wieder erstaunt. Es wird ohne jede nähere Erklärung irgendein Jahr heraus­gegriffen und mit Kenndaten gefüllt. Wie war es im Jahr zuvor und danach? Handelt es sich um ein repräsentatives Jahr oder um eine Anomalie? Sprich: eine diachrone Durch­arbeitung findet häufig nicht statt. Man nimmt das, was man gerade im Bücher­schrank findet. 1873 jedenfalls war das letzte Boomjahr vor der Gründerkrise, die Umsatzzahlen dieses Jahres waren so gesehen eine Anomalie nach oben; und danach ging es zügig bergab. Auch die Zahl der Arbeitskräfte fluktuierte. So betrug die Zahl der Arbeiter in den Geschäfts­jahren 1863/64 bis 1875/76 im Jahres­durchschnitt zwischen 229 und 282. [20]

Die Frage, welches Jahr wir einer Argumentation zugrunde legen, ist auch sonst nicht trivial. Mitunter lassen sich Aussagen bestätigen oder widerlegen, je nachdem, welche Daten wir heranziehen. So beschreibt Dieter Schott vermutlich richtig die größere Bedeutung der Hessischen Ludwigsbahn für die Zulieferung von Rohstoffen und Massen­gütern in die kleine südhessische Metropole, während die Main-Neckar-Eisenbahn eher den Personen­verkehr dominierte. Doch die folgende Aussage hängt vom Zeitpunkt der Betrachtung ab:

„Für die Darmstädter Industrie war die Hessische Ludwigsbahn der wichtigere Verkehrsträger, was sich daran zeigt, dass sich viele Fabriken in der Nähe des Bahnhofs der Hessischen Ludwigsbahn angesiedelt hatten und auch mit Stichgleisen mit ihm verbunden waren, während dies mit dem Main-Neckar-Bahnhof nicht in gleicher Weise der Fall war.“ [21]

Die zugehörige Anmerkung 130 verweist auf den Jahresbericht der Großäherzoglichen Handelskammer für 1884. Dort wird tatsächlich darauf hingewiesen,

„weil die unsere Stadt mit dem Rhein, den großen westdeutschen Kohlendistrikten und mit den Seehäfen Belgiens und Hollands direkt verbindende Ludwigsbahn für die hiesigen Interessenten von größerer Bedeutunbg ist, ist es gekommen, daß diese in gewisser Beziehung der Main-Neckar-Eisenbahn den Rang abgelaufen hat. Jedenfalls ist es Thatsache, daß Lagerhäuser, Niederlagen aller Art, größere Fabrik­etablissements in der Nähe des Ludwigsbahnhofs sich angesiedelt haben und durch Schienengeleise mit ihm in Verbindung stehen, während mit dem Bahnhof der Main-Neckar-Eisenbahn eine solche Verbindung nur in ganz wenigen Fällen besteht.“ [22]

Dies stimmt zwar, aber nur begrenzt. Gerade die Industriebetriebe, die sich entlang der Landwehrstraße angesiedelt hatten (Schenck, Rodberg, Venuleth & Ellenberger, um nur einige zu nennen), besaßen 1884 keinen eigenen Gleisanschluß, weder an die Gleise der Hessischen Ludwigsbahn noch an die der Main-Neckar-Eisenbahn. Sie siedelten sich im neuen Fabrikviertel zwar auch wegen der Nähe zu den beiden Bahnhöfen der beiden Bahn­gesellschaften an, aber vor allem, weil dort Industriegelände auf der grünen Wiese billig zu haben war und ohne größere städtische und ordnungs­polizeiliche Auflagen genutzt werden konnte. An den Gleisen der Hessischen Ludwigsbahn lag seit Ende der 1850er Jahre erst einmal nur die „neue Fabrik“ der Maschinenfabrik und Eisengießerei, und das hat ganz eigene Gründe, die ich im siebten Kapitel behandeln werde. Später, verbunden über ein Industriegleis entlang der Blumenthal­straße, kamen nach 1872 das Sägewerk von Wilhelm Mahr an der heutigen Parcusstraße, das Stichgleis zum Lagerplatz des Eisenwaren­handels der Nachfolger von Jacob Scheid, die Gasfabrik auf der heutigen Schulinsel, das gemeinsame Lagerhaus von Stadt und Hessischer Ludwigsbahn, sowie die Klenganstalt von Conrad Appel an der Lagerhaus­straße hinzu.

Gleisrest.
Bild 06.05: Der Gleisrest des ehemaligen Industrie­stammgleises auf der Landwehrstraße, hier etwa in Höhe des ehemaligen Gleis­anschlusses Schenck, ist quasi museal erhalten geblieben.

Hätte Dieter Schott statt dessen ebenso willkürlich als Referenzjahr 1894 genommen, dann hätte sich die Situation ganz anders darge­stellt. Inzwischen nämlich hatte die Main-Neckar-Eisenbahn zum 1. April selbigen Jahres ein Industrie­gleis von ihren Bahnhofs­gleis­anlagen in die Landwehr­straße hinein­geführt. Das Bedürfnis war so drängend, daß die Handels­kammer in den Jahren zuvor mehrfach einen solchen Bau anmahnte. 1894 verfügten somit die zwischen Blumenthal­straße und Kirschen­allee gelegenen Unternehmen Schenck, Rodberg, die Palmkernöl­fabrik an der Nordostecke Kirschen­allee / Landwehr­straße und Donges über einen eigenen Gleis­anschluß, eine fünfte genannte könnte Venuleth & Ellenberger gewesen sein. 1896 kam die Seifenfabrik Jacobi dazu. Damit waren wichtige Darm­städter Industrie­betriebe erstmals voll angebunden. [23]

Und das ergibt dann ein gänzlich anderes Bild.

Dieter Schott läßt, wie das in Darmstädter Publikationen so üblich ist, die Gründung der Aktiengesellschaft auf ein Jahr „um 1856“ fallen. Nun wissen wir jetzt, daß es 1857 gewesen ist und daß die von Rainer Maaß ins Spiel gebrachte Jahreszahl 1859 erst recht nicht zutrifft. Allerdings haben wir durch Letzteren auch erfahren, daß es die Maschinenfabrik und Eisengießerei schon 1854 gegeben haben muß und daß deren Ursprung nicht geklärt ist. Dies hindert Dieter Schott nicht daran zu behaupten:

„Der älteste nach 1870 noch existierende Betrieb war die Gandenber­ger'sche Maschinenfabrik, die mit dem Eintritt von Georg Goebel im Jahr 1856 sich rasch entwickelte und als Spezialität die Produktion von Fahrkarten-Druck­maschinen etc. nach eigenen Patenten herausbildete.“ [24]

Dies, so möchte ich anmerken, trifft allenfalls dann zu, falls wir die Maschinen­fabrik und Eisengießerei als zwei Unternehmen betrachten: eines vor der Aktien­gesell­schaft (1837–1856) und eines als diese (1857–1883). Aber weshalb sollten wir? Worauf ich hinauswill: Die grund­legende Ahnungs­losigkeit um die tatsächliche Geschichte des Unter­nehmens führt zu vagen Annahmen, problema­tischen Aussagen und darauf auf­bauenden fehlerhaften Schlüssen; also etwas, was eine seriöse Forschung unbedingt vermeiden sollte. Schließlich ist es ein Charak­teristikum derart ernsthaft betriebener Wissen­schaft, daß sich Andere darauf verlassen können müssen, daß zumindest die Fakten stimmen; erst recht dann, wenn sie die Daten für andere Forschungs­projekte als gegeben annehmen.

Rainer Maaß wurde durch seine Literatur­auswahl selbst Opfer einer derar­tigen Fehlleistung. Zunächst einmal schreibt er im Zusammen­hang mit dem 1836 gegründeten Landes­gewerbe­verein, dessen Sekretär der Sohn des Münzrats Hektor Rößler gleichen Namens gewesen war, Vater Rößler habe „1830 die erste Dampf­maschine im Groß­herzogtum in der Darm­städter Münze in Betrieb genommen“. So weit so gut. Hierzu gibt es jedoch eine Anmerkung, in der es nunmehr heißt:

„Diese Dampfmaschine von 5 PS war bereits 1807 in der Mechanischen Werkstätte von Hektor Rössler gebaut worden. Vgl. Philipp Weber, Entwicklung, Geschichte und Bedeutung der Großherzoglichen Zentral­stelle für die Gewerbe, in: Curt Trützschler von Falken­stein (Hrsg.), Darm­stadt, Darmstadt 1917–1919, S. 208–219, hier: S. 210.“ [25]

Weshalb wurde nun die richtige Aussage im Text in der zugehörigen Anmerkung verfälscht? Man (und frau) sollte seiner Quelle eben nicht unbedingt blindlings Glauben schenken. Philipp Weber hatte nämlich geschrieben:

„Zum Zeichen, wie nötig diese neue Organisation im Gewerbewesen unseres Landes gewesen ist, sei nur erwähnt, daß im Jahre 1830 im ganzen Großherzogtum nur eine einzige Dampfmaschine im Betrieb war, dieselbe war im Jahre 1807 erbaut in der Mechanischen Werk­stätte von Hektor Rößler, dem Vater des Sekretärs Rößler, diese Maschine hatte fünf Pferdekräfte und stand in der Münze zu Darmstadt, wo Hektor Rößler Münzmeister war.“ [26]

In der von Philipp Weber offensichtlich benutzten Vorlage heißt es jedoch:

„Im Jahre 1830 gab es im Großherzogtum nur eine einzige Dampf­maschine, erbaut in der 1807 gegründeten Mechanischen Werk­stätte von Hektor Rößler, dem Vater des Sekretärs bei dem Landes­gewerbe­verein. Diese Maschine war doppel­wirkend mit Expansion und Konden­sation, hatte fünf Pferde­kräfte und stand seit 1830 in der Münze zu Darmstadt, wo Hektor Rößler Münz­meister war.“ [27]

Eine kleine Verschiebung im Satzbau bewirkt eine große Verschiebung im Sinn. Und führt zur Konfusion bei der Leserin und dem Leser, ob nämlich die Angabe im Maaß'schen Text oder eher die in der Anmerkung bezüglich der ersten südhessischen Dampfmaschine zutrifft. – Im Darmstädter Stadtlexikon begegnen wir einer anderen etwas eigenwilligen Interpretation eines verwen­deten Zitates. Dort schreibt die Direktorin des Darmstädter Schloß­museums, Alexa-Beatrice Christ, einem der Gründer der Aktien­gesell­schaft, dem umtriebigen Druckerei­besitzer Reinhard Ludwig Venator, mehr zu als die Text­vorlage hergibt:

„Nach dem Tod seines Schwiegervaters Ludwig Carl Wittich übernahm V. die Geschäftsführung der Wittich'schen Hofbuch­druckerei. Zusätzlich gründete er 1844 in DA mit dem Hofbuchhändler Gustav Jonghaus (1807–1870) eine Filiale der Pariser Prägeanstalt Bauerkeller et Cie., die außer Tapeten v. a. Reliefkarten herstellte. Daneben betrieb er eine Backstein­brennerei, eine Papier- und Steinkohle­handlung, eine Maschinen­fabrik und eine Eisengießerei und war Mitbegründer der AG für Gasbeleuchtung […] in DA.“ [28]

Sie bezieht sich hierbei ausdrücklich auf die von Hermann Bräuning-Oktavio verfaßte Geschichte der Wittich'schen Druckerei. Dort lautet die Passage aber, die als Aussage des Neffen Venators, Ferdinand Wittich, überliefert wird, ein wenig anders. Venator habe sich engagiert im

„Papier- und Steinkohlen­handel, wie auch Backstein­brennerei, Betrieb eines Kalkofens, Leitung bzw. Verwaltung der Darmstädter Gasfabrik, sowie der Maschinenfabrik und Eisengießerei Darmstadt“. [29]

Venator war nicht nur Gründer, sondern – so in den Statuten festgeschrieben – auch Mitglied des Verwaltungsrats der Maschinenfabrik und Eisengießerei. Ich könnte mir vorstellen, daß Alexa-Beatrice Christ bei Abfassung ihres Lemmas noch nie etwas von dieser Maschinenfabrik und Eisengießerei gehört hatte, somit mit der Aussage des Neffen nichts rechtes anzufangen wußte und sich daher für den Lexikoneintrag durch Umstellung der Textgrundlage etwas zusammengereimt hat. Ratschlag: Wenn frau oder man nichts genaues nicht weiß, einfach die Textgrundlage kopieren, ohne sie zu interpretieren. Dazu eine Anmerkung, Fußnote oder Endnote schreiben und die Literatur richtig ver­zeichnen. Da kann frau wenig falsch machen – obwohl …

Währungsfragen

Während in Darmstadt jahrzehntelang vor sich her orakelt wurde, was es denn mit der Maschinenfabrik und Eisengießerei auf sich haben könnte, und keine und niemand auf die hilfreiche Idee gekommen war, eine Studentin im ersten Semester mit der Aufgabe zu betrauen, den Sachkatalog der ULB Darmstadt aufzusuchen, um die Lösung dieser quälenden Frage zu erhalten, machten sich in den 1980er Jahren Hans und Manfred Pohl auf, die deutsche Banken­geschichte des 19. Jahrhunderts in ein Standardwerk zu pressen. Manfred Pohl, von 1972 bis 2002 Leiter des Historischen Instituts der Deutschen Bank und in seinen elitären Kreisen gefeierter neoliberaler Vor­denker, übernahm hierbei den Part, das deutsche Bankenwesen zwischen der bürgerlichen Revolution von 1848 und dem Ersten Weltkrieg zu beleuchten. [30]

Selbstverständlich kommt er hierbei auf die Darmstädter Bank für Handel und Industrie zu sprechen, die 1853 mit einem Grundkapital von 25 Millionen Gulden errichtet wurde. Mitte der 1850er Jahre ging die Bank daran, auch industrielle Unternehmungen aufzubauen und zu fördern.

„Im Gründungs- und Emissionsgeschäft der Industrie war sicherlich in den ersten 20 Jahren die Bank für Handel und Industrie führend. Im Jahre 1866 gründete sie eine Reihe von Firmen, so die Badische Wollen-Manufactur in Mannheim mit einem Grundkapital von 400000 Gulden, die Württembergische Cattun-Manufactur in Heidenheim mit einem Grundkapital von 500000 Gulden, die Oldenburgisch-Ostindische Rhederei mit 250000 Talern, die Kammgarn-Spinnerei und Weberei in Marklissa mit 300000 Talern, die Maschinenfabrik und Eisengießerei in Darmstadt mit 100000 Talern, die Maschinenfabrik Heilbronn mit 200000 Gulden und in Gemeinschaft mit der Mitteldeutschen Credit­bank den Oberhessischen Hüttenverein Ludwigshütte in Bieden­kopf mit 360000 Gulden. Diese 7 Unternehmungen wiesen ein einge­zahltes Aktienkapital von 2580000 Gulden auf, von denen sich im Jahre 1857 im Portefeuille der Darmstädter Bank ca. 813160 Gulden befanden.“ [31]

Diese Angaben wird er dem Geschäftsbericht der Bank für Handel und Industrie für 1857 entnommen haben; auch wenn dies im Buch nicht angemerkt wird. Das Dumme ist nur, daß in diesem Geschäftsbericht ausdrücklich jeweils vom „eingezahlten Kapital“ – und nicht vom Grundkapital – die Rede ist, was bedeutet, daß das tatsächliche Aktienkapital der jeweiligen Unternehmen auch größer gewesen sein kann. Das kann man als Leiter eines als seriös geltenden Instituts schon einmal durcheinander­bringen! Ich bin dem nicht in allen Fällen nachgegangen; aber daß hier bei der Maschinenfabrik und Eisengießerei eine Diskrepanz besteht, können wir alleine schon anhand des weiter oben dokumentierten Aufrufs zur Subskription der Aktien des Unternehmens als berechtigt annehmen. Diesen Sachverhalt hat ganz offensichtlich bis heute kein Autor und auch keine Autorin bemerkt.

Statt dessen finden wir in der wissenschaftlichen Literatur eine vollkommen kritiklose Übernahme dieser Passage vor, die, wie ich hier vorweg schon anmerken will, einen bösen Klops enthält. – Carsten Burhop beispielsweise schreibt 2004 über die „Kreditbanken in der Gründerzeit“:

„Noch in den 1850er Jahren gründete die Bank mehrere Industrie­aktien­gesellschaften, an denen sie langfristig eine größere Beteiligung hielt. Schon in der Krise von 1857 verzichtete die Bank jedoch auf weitere Gründungen.“ [32]

Hierzu heißt es dann in einer Fußnote:

„Es handelt sich dabei um die Badische-Woll-Manufactur (400.000 Gulden Grundkapital), die Württembergische Cattun-Manufactur (500.000 Gulden), die Oldenburgisch-Ostindische Rhederei (250.000 Taler), die Kammgarn-Spinnerei und Weberei in Marklissa (300.000 Taler), die Maschinenfabrik und Eisengießerei in Darmstadt (100.000 Taler), die Maschinenfabrik Heilbronn (200.000 Gulden), und den Oberhessischen Hüttenverein Ludwigshütte (360.000 Gulden). Diese Gesellschatten hatten zusammen ein Aktienkapital von fast 2,6 Mio. Gulden. Davon behielt die Bank rund 30 Prozent im eigenen Portfolio.“ [33]

Ihm ist der Klops ebensowenig aufgefallen wie Friedrich Lenger, der in seiner Abhandlung „Industrielle Revolution und Nationalstaats­gründung (1849–1870er Jahre)“ den Pohl'schen Textausschnitt unbesehen zitiert. Immerhin fällt ihm auf, daß das bei Pohl zu findende Jahr 1866 nicht stimmen kann; er plädiert für einen Schreibfehler. [34]

Die kurze bei Manfred Pohl zu findende Aussage zur Maschinenfabrik und Eisengießerei enthält vier mehr oder weniger schwerwiegende Fehler. Erstens stimmt das Jahr nicht. Beim Korrekturlesen hat es keine und niemand bemerkt, obwohl es aus dem Sinnzusammenhang heraus schlicht nicht stimmen konnte. Zweitens war die Bank zwar an der Gründung beteiligt, aber es gab, wie wir gesehen haben, vier Gründer. Das muß man nicht wissen, denn es hatte ja auch keine und niemand danach geforscht. Drittens betrug das Aktienkapital des Unternehmens nicht 100.000, sondern 250.000 Nenneinheiten, die viertens nicht in Thalern, sondern in Gulden gelautet haben. Ich gehe davon aus, daß ein ausgewiesener Experte für die deutsche Banken­geschichte wissen muß, daß in Hessen-Darmstadt die Gulden­währung anzutreffen war, erst recht bei einer Darmstädter Bank, die an der Gründung eines Darmstädter Unter­nehmens beteiligt ist. Bemerkenswerter­weise steht das auch so im Geschäfts­bericht der Bank für 1857. Da hat wohl jemand beim Abschreiben gepennt, und das war gewiß nicht die Studentin im ersten Semester. Ich kann mir allerdings auch nicht vorstellen, daß ein Experte wie Manfred Pohl einen derartigen Bock schießt.

Wir können dieser Episode jedoch auch Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens entnehmen: es wird sauber zitiert, eine Anmerkung angelegt, die Literatur korrekt angegeben – doch auf den Inhalt kommt es dabei nicht so wirklich an. Formal wird alles richtig gemacht, aber inhaltlich entsteht hierbei blühender Blödsinn [35]! Lehrt und lernt man und frau das heute so an deutschen Universitäten?

Nachzutragen ist, daß Hubert Kiesewetter die Beteiligung der Bank für Handel und Industrie an den verschiedenen Industrie­gründungen etwas vorsichtiger akzentuiert und das zugrunde gelegte Kapital erst gar nicht aufführt:

„Der ungeahnte Gründerboom eröffnete den Banken ganz neue Felder ihrer finanziellen Tätigkeit. Sie beteiligten sich am Gründungs­kapital von Aktien­gesellschaften, ja sie gaben sogar Anstöße zur Errichtung neuer Betriebe. Die Darmstädter Bank etwa war maßgeblich bzw. mitbeteiligt an der Gründung bzw. Umwandlung der Heilbronner Maschinenbau­gesellschaft, der Kammgarn­spinnerei und Weberei zu Marklissa, der Ludwigshütte bei Biedenkopf, der Maschinenfabrik und Eisengießerei Darmstadt, der Oldenburgisch-ostindischen Reederei, der Wollmanufaktur Mannheim und der Württembergischen Kattunmanu­faktur.“ [36]

Wobei der Gründerboom erst später einsetzte …

Offensichtlich hatte schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Heidelberger Student einen Blick in die Geschäfts­berichte der Darmstädter Bank geworfen. Die erste mir bekannte wissenschaftliche Arbeit, die Aussagen zur Maschinen­fabrik und Eisengießerei enthält, ist die 1911 an der Uni­versität Heidelberg vorgelegte Dissertation von Franz Lorenz Knips über die „Entwick­lung und Tätigkeit der Bank für Handel und Industrie“. Demnach verfügte selbige

„über ein eingezahltes Aktienkapital von 100000 fl. Im ersten Jahre konnte sie bereits außer 4% Zinsen noch 14% Dividende zahlen bei starker Abschreibung und Vortrag einer größeren Summe als Dividen­den­reservefonds. Wenn sie auch in den folgenden Jahren unter der allge­meinen Ungunst der Verhältnisse und dem kurz hintereinander zwei­maligen Abgange des kaufmännischen Direktors zu leiden hatte, so lieferte sie für die Folge immer günstige Resultate.“ [37]

Was Knips nicht weiß: Das eingezahlte Aktienkapital bezog sich auf den Stichtag 1. April 1858; die übrigen 150.000 Gulden sind ihm mangels Erwähnung in den Geschäftsberichten der Bank entgangen. Zumindest waren die Resultate nach der schweren Krise des Unternehmens zu Beginn der 1860er Jahre wieder einigermaßen vorzeigbar. Dann kam der Gründerboom, bei dem alles prächtig verlief, dann kam die Gründerkrise und damit das Aus. Das hat Knips wohl übersehen.

Fast zeitgleich veröffentlicht Siegfried Wolff 1913 seine Studie über „Das Gründungs­geschäft im deutschen Bankgewerbe“. Ihm gelingt durch verstän­diges Lesen der Geschäfts­berichte der Bank für Handel und Industrie, was allen anderen Autoren versagt geblieben ist. Er legt das Jahr der Gründung der Aktien­gesellschaft richtig auf 1857 fest. Leider erfahren wir bei ihm nicht wesent­lich mehr über das Unternehmen, außer noch, daß die Darmstädter Bank Ende 1871 Aktien im Nennwert von 121.000 Gulden gehalten hat. [38]

Science Fiction

Ich habe mir bei meinen Nachforschungen zur Geschichte der Maschinenfabrik und Eisengießerei zum Prinzip gemacht, grundsätzlich jede Angabe anhand der Quellen zu überprüfen, wo immer dies möglich war. Zu dieser Haltung hat nicht zuletzt das Hessische Wirtschaftsarchiv beigetragen, das mich bei meinen Recherchen über das Darmstädter Unternehmen Bahnbedarf A.-G. in die Irre zu führen suchte. Zumindest in industrie­geschichtlich interessierten Kreisen in Darmstadt ist bekannt, daß es einmal eine Bahnbedarf A.-G. und eine Dampf­kessel­fabrik Rodberg gegeben hat, woraus später die Bahnbedarf-Rodberg A.-G. bzw. GmbH erwachsen ist. Nur die genauen Zusammenhänge sind nie unter­sucht worden. Dies hat dann ganz offensichtlich zu Spekulationen verleitet, die mehr Fiktion als gesichertes Wissen darstellen, weshalb ich geneigt bin, von einer Art von science fiction zu sprechen.

Vom 8. Mai bis zum 31. August 2012 zeigte das Hessische Wirtschaftsarchiv im Foyer der Industrie- und Handelskammer Darmstadt die Ausstellung „Rauchende Schlote“. Hierin wurde die „Industrialisierung Südhessens im Spiegel historischer Briefköpfe“ vorgetragen [39]. Im zugehörigen Ausstellungs­katalog finden wir den Briefkopf der Dampf­kesselfabrik vormals Arthur Rodberg AG. Dieses Unternehmen residierte, zunächst als kleine Werkstätte, in der Land­wehrstraße. Im Begleittext zum Briefkopf heißt es: „1922 Umwandlung in ‚Bahnbedarf Aktien­gesellschaft‘.“ Diese Angabe ist frei erfunden, denn das Unter­nehmen war auch in den Folgejahren unter alter Bezeichnung am Platz zu finden. Der Autor dieses Begleittextes scheint sich zudem mit dem Leiter des Hessischen Wirtschaftsarchivs nicht abgesprochen zu haben. Ulrich Eisen­bach nämlich schreibt in einem kleinen Begleitartikel zur Ausstellung für das „Darmstädter Echo“:

„1928 wurde die Dampfkesselfabrik vorm. Arthur Rodberg AG mit der 1919 gegründeten Bahnbedarf AG zur Bahnbedarf Rodberg AG ver­schmolzen. Die Bahnbedarf AG stellte Eisenbahn­waggons, Schienen und Weichen sowie Kleinbahn­materialien her und reparierte Lokomo­tiven, sodass die neue Firma über ein ausgesprochen breites Produktions­programm verfügte. 1939 wurde die Bahnbedarf Rodberg AG in eine GmbH umgewandelt. Alleiniger Gesell­schafter war seit­dem die Friedrich Boesner GmbH in Augusten­thal bei Neuwied.“ [40]

Auch diese Angabe zur Verschmelzung ist reine Phantasie seines Autors. Die Dampfkesselfabrik vormals Arthur Rodberg AG und die zwischenzeitlich zur Darmstädter Niederlassung der in Frankfurt ansässigen Aquila A.-G. umgewandelte Bahnbedarf Darmstadt wurden erst 1935 auf Druck der Gläubigerbanken im Zuge eines „Arisierungs“vorgangs miteinander zur Bahnbedarf-Rodberg AG vereint. Woher ich das weiß? Nun, auch wenn die überlieferten Handels­registerakten des Amtsgerichts Darmstadt in den Beständen des Hessischen Staatsarchivs Darmstadt hier nicht viel hergeben, so lohnt mitunter die zielgerichtete Lektüre zeitgenössischer Zeitungen [41]. Dieser Mühe scheint sich ebenfalls keine und niemand unterzogen zu haben. Folgerichtig finden wir im Stadtlexikon Darmstadt auch die unzutreffende Aussage von Mona Sauer, weil die Alliierten kein Interesse an den (nur in ihrer Phantasie) zwei Zeppelinhallen im ostpreußischen Allenstein gehabt hätten, „konnte die Firma Bahnbedarf-Rodberg aus DA sie kaufen“ [42]. Woher soll die uninformierte Autorin auch wissen, daß Bahnbedarf und Rodberg zu jenem Zeitpunkt zwei voneinander unabhängige Unternehmen gewesen sind?

Doch woher kommen dann die aus der Luft gegriffenen Angaben? Ich kann hierzu nur Vermutungen anstellen und stelle mir das in etwa so vor: Im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt befindet sich die Handelsregisterakte der Dampfkesselfabrik vormals Arthur Rodberg AG, bzw. genauer: deren erster Teil (I HRB 5), der 1922 endet. Das Staatsarchiv wurde deswegen am 2. Januar 1981 beim Amtsgericht Neuwied vorstellig, ob denn die Fortsetzung der Akte für den Zeitraum bis 1945 dort verfügbar sei. Das Nachfolge­unternehmen der Bahnbedarf-Rodberg AG, die Rodberg Industrieanlagen GmbH, residierte seit 1970 in Augustenthal bei Neuwied. Leider mußte das Amtsgericht Neuwied mit Schreiben vom 5. Januar 1981 diesbezüglich verneinen; und diese Schriftstücke liegen als eine Art „redaktioneller Hinweis“ oben auf der Akte. Nebenbei: die gesuchten Aktenbestände dürften 1944 verbrannt sein. Vielleicht hat der Autor des Begleittextes zur Ausstellung nur das Findbuch zu Rate gezogen und als Ende der Akte 1922 festgestellt. Ein Blick hineingeworfen kann er nicht haben, denn dann hätte er seiner freien Phantasie nicht ebenso ungezügelt freien Lauf lassen können. In der Akte nämlich findet sich kein Hinweis auf eine bevor­stehende Umwandlung in die Bahnbedarf AG. Vielmehr wurde auf der außer­ordent­lichen General­versammlung am 11. September 1922 eine Erhöhung des Grundkapitals durch Ausgabe von 1.800 neuen Stammaktien beschlossen; 532 davon übernahm die Aquila A.-G.. Ich könnte mir jetzt denken, der Autor wußte von der späteren Bahnbedarf-Rodberg und auch davon, daß es zunächst diese Bahnbedarf A.-G. noch gegeben hat. Das Weitere können wir uns nun denken. [43]

Annonce Gebrüder Lutz.
Abbildung 06.06: Annonce der Gebrüder Lutz im Nachtragsband zum Darmstädter Adreßbuch von 1890 [digitalisat ulb darmstadt].

Zur Bahnbedarf befinden sich im Hessischen Staatsarchiv Darm­stadt zwei Handels­register­akten. Zum einen für die Zeit der Bahnbedarf A.-G. von 1920 bis 1927, zum anderen für die Zeit der Bahnbedarf Darmstadt als Niederlassung der Aquila A.-G. von 1925 bis 1936. Letzterer Akte liegen die Geschäfts­berichte dieser Holding bei, denen wir entnehmen können, daß fein säuberlich zwischen der Beteiligung an der Dampf­kessel­fabrik und der Nieder­lassung Bahn­bedarf getrennt wurde. Es mag jetzt der Schluß nahe gelegen haben, mit dem Ende der Bahnbedarf A.-G. 1927 wäre es zur Vereinigung mit der Dampf­kessel­fabrik gekommen, aber die Akte selbst gibt das nicht her. Von einem zur Bahn­bedarf-Rodberg AG verschmolzenen Unter­nehmen ist nirgends die Rede. Was es hingegen gegeben hat, ist eine 1927 auf Druck der Banken vollzogene Fusion zwischen der Aquila A.-G. und der Bahnbedarf A.-G.. Ein Blick in die Akten wäre demnach hilfreich gewesen. [44]

Vielleicht sind die Zahlen 1922 und 1928 auch ganz anders entstanden; ich war ja nicht dabei. Aber der leichtfertige Umgang mit Daten macht dann schon mißtrauisch, und ich frage mich seither, welch anderen Angaben ich nicht mehr vertrauen darf.

Diese Episode mit den Unzulänglichkeiten Darmstädter Forschung zur Bahnbedarf A.-G. habe ich auch deswegen hier plaziert, weil das Gelände der Bahnbedarf A.-G. das ehemalige Betriebsgelände der „neuen Fabrik“ der Maschinenfabrik und Eisengießerei an der Blumenthalstraße mit einschloß. Ganz in der Nähe befand sich ein weiteres bedeutenderes Unternehmen, nämlich die Maschinenfabrik und Kesselschmiede der Gebrüder Lutz in der Landwehrstraße. Von diesem Unternehmen weiß Darmstadts Stadtarchivar Peter Engels Folgendes zu berichten:

„Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts stand in Darmstadt ganz im Zeichen einer raschen Industrialisierung, dem Ausbau einer modernen städtischen Infrastruktur und der Entwicklung mancher technischer Innovationen. Der Maschinenbau war neben der Chemischen und der Möbel­industrie der bedeutendste Industriezweig. Markante Beispiele sind die Firmen Schenck (führend in der Wäge und Messtechnik) und die Herdfabrik Roeder. Die Maschinenfabrik Lutz und Co war führend im Lokomotivbau, und fand dafür günstige Voraussetzungen in der Eisen­bahner­stadt Darmstadt, in der rund 1700 Arbeiter in den Werk­stätten der Eisenbahn Waggons und Lokomotiven instand setzten. Seit der Eröffnung der ersten Bahnstrecke 1846 hatte sich Darmstadt zum Eisen­bahn­knoten­punkt entwickelt. Heinrich Emanuel Merck entwickelte in seiner Firma viele neue Medikamente, vor allem durch bahn­brechende Untersuchungen an Alkaloiden (Pflanzen­wirkstoffen), hierin unterstützt von dem Darmstädter Justus von Liebig, dem wohl bedeutend­sten Chemiker des 19. Jh.s.“ [45]

Peter Engels wird mit Lutz & Co. das Unternehmen der Gebrüder Lutz meinen, das 1901 in eine Aktien­gesellschaft umgewandelt wurde. Das Unternehmen war jedoch keine Lokomotivfabrik, erst recht keine „führende“. Könnte es sein, daß er Lokomotiven mit Lokomobilen verwechselt hat? Das würde allerdings den fein eingefädelten Topos eines Eisenbahner­städtchens arg ramponieren. Zwar handelt es sich sowohl bei Lokomotiven als auch bei Lokomobilen um eine Art fahrbare Dampfmaschine; und doch gibt es hier einige Unterschiede. Der vielleicht wichtigste: Lokomobile pflegen sich nicht auf eisernen oder stählernen Schienen fortzubewegen und dabei Güter, Post oder größere Menschen­ansammlungen von A nach B zu ziehen … [46]

Die nachfolgende Tabelle zeigt, ein wie kleiner Fisch die Darmstädter Maschinenfabrik im Vergleich zu den wirklich „führenden“ Lokomotiv­fabriken gewesen ist. In dieser Auflistung des „Organ“ fehlen die damals kleineren Fabriken wie Hagans und Zorge.

Tabelle 06.1: Uebersicht der gegenwärtigen Locomotive- und Wagenfabriken und deren Leistungs­fähigkeit in Deutschland und Oesterreich. Quelle: Organ für die Fortschritte des Eisenbahn­wesens in technischer Beziehung, Neue Folge, X. Band, 1873, Seite 103–106 [online bsb münchen]. Daraus auszugsweise einige Kennziffern.
Lfd. Nr.Fabrikbesteht seitbisher produzierte Lokomotivengegen­wärtige jähr­liche Leistungs­fähigkeit
1A. Borsig, Berlin18413000 (1873)200 bis 250 Lokomotiven
2Hannoversche Maschinen­bau-Actien­gesell­schaft, vormals Georg Egesrorff, Linden bei Hannover18461000 (1873)200 bis 250 Lokomotiven
3Esslinger Maschinen­fabrik, Esslingen bei Stuttgart18461249 (1873)80 bis 100 Lokomotiven
[Die Nummern 4 bis 13 wurden vom Verfasser ausgelassen.]
14Vereinigte Elsässische Maschinen­fabriken in Mülhausen und Graffenstaden im Elsassseit etwa 20 bzw. 10 Jahrenkeine Angabe80 bis 100 bzw. 60 bis 80 Lokomotiven
15Maschinen­fabrik und Eisen­giesserei in Darmstadtseit etwa 4 Jahren50 und 51 (1873)keine Angabe
16Hohenzollern-Actien­gesell­schaft in Düsseldorfim Baubislang keine50 Lokomotiven, 200 projectirt
17Waggon- und Locomotivbau-Anstalt in Hamm an der Lippeim Baubislang keine100 Lokomotiven

Ein früherer Kollege von Peter Engels, der 2009 verstorbene ehemalige Stadt­fotograf Roland Koch, wurde für das 2006 herausgebrachte Stadtlexikon Darm­stadt u. a. mit dem Lemma „Gewerkschaften“ betraut. Hierin läßt er die 1869 in Eisenach entstandene sozial­demokratische Partei von Karl Liebknecht und August Bebel gründen. Bezeichnend für die Interesse­losigkeit am Sujet ist es dann, wenn keine und niemand bei der Übernahme in die Onlineausgabe darüber gestolpert ist, daß es hierbei nicht um Karl, sondern um seinen Vater Wilhelm geht. Das müßte zumindest Peter Engels eigentlich wissen, aber offen­sichtlich kommt es in Darmstadt auf Details nicht wirklich an. [47]

Neue Einsichten

Daß es auch anders geht, beweisen zwei Arbeiten, die nicht aus den etablierten Darmstädter Historikerkreisen stammen. Da ist zum einen der Aufsatz von Werner Willhaus (Arbeitskreis Eisenbahnhistorie Stuttgart) zu nennen, der sich mit dem Lokomotivbau der Maschinenfabrik und Eisengießerei näher befaßt hat. [48]

Auktionsannonce.
Abbildung 06.07: Annonce zur Versteigerung der Konkursmasse des Bauunter­nehmers Philipp Hummel I. aus Bauschheim. Quelle: Darmstädter Zeitung, 2. Oktober 1879 [online ulb darmstadt].

Anhand ihm vorliegender Listen hat er eine bemerkenswert konsistente Zusammenstellung der rund 110 vom Darmstädter Unternehmen produzierten kleinen Tenderlokomotiven erstellt. Werner Willhaus hat sich auch an anderer Stelle mit mehreren Lokomotivfabriken beschäftigt, so mit der Maschinen­bau-Gesellschaft Heilbronn und der Keßler'schen Maschinen­bau­gesellschaft Karlsruhe [49]. Diese Liste der in Darmstadt herge­stellten Lokomotiven erweitert die bei Arthur Uecker und anderen auf der Grundlage der Berichte der Groß­herzoglichen Handels­kammer erstellten punktuellen Einblicke in die Produktions­palette der Maschinen­fabrik und Eisengießerei erheblich. Werner Willhaus standen hierbei Unterlagen zur Verfügung, die nicht ganz frei von Abschreib­fehlern oder Miß­deutungen von Namen gewesen sind. So führt er in seiner Aufstellung zwei Lokomotiven mit den Fabrik­nummern 82 und 94 auf, die an einen Ph. Hammel in Bamertz­heim geliefert wurden. Nun gibt es einen Ort dieses Namens nicht, so daß Willhaus versuchsweise Bommers­heim (Oberursel), Heimerz­heim (Swisttal) und Lampert­heim in Südhessen vorschlägt.

Wie es der Zufall will, hatte ich kurze Zeit, bevor ich die Willhaus-Liste zur Kenntnis nahm, die „Darmstädter Zeitung“ von 1879 nach interessanten Artikeln und Annoncen zum Eisenbahnbau und -betrieb durchgeschaut. Dabei fiel mir eine Annonce in die Hände, die zumindest dieses Rätsel lösen konnte. Der Ph. Hammel stellte sich als ein Philipp Hummel heraus und der mysteriöse Ort Bamertzheim liegt gar nicht so weit weg von Darmstadt, so daß sogar an eine Anlieferung mit einem Gütertransport der Hessischen Ludwigsbahn gedacht werden kann. Philipp Hummel I. aus Bauschheim bei Rüsselsheim besaß in Rüsselsheim eine Dampfholz­schneiderei mit eigenem Gleisanschluß in der Nähe des Rüsselsheimer Bahnhofs.

Die Versteigerung sollte in Wiesbaden am 9. und 10. Oktober 1879 stattfinden und umfaßte unter anderem drei als neu deklarierte Lokomotiven und 107 Rollwagen mit einer Spurweite von 900 mm, also exakt der Spurweite der beiden Darmstädter Lokomotiven. Ob die Maschinenfabrik und Eisengießerei selbst unter den Gläubigern gewesen ist, läßt sich nur vermuten. Die Verstei­gerung der Konkursmasse zog sich offenbar über mehrere Jahre hin. [50]

Neben der Präsentation der Lokomotivliste und einiger weiterer Unterlagen zum Aussehen und Einsatz dieser Lokomotiven war Werner Willhaus bei seiner geschichtlichen Abhandlung über die Fabrik auf das bislang in Darmstadt Erforschte mit all seinen hier abgehandelten Mängeln angewiesen. Auch hier zeigt sich, wie wichtig es ist, über fundierte und nicht spekulative Angaben zu einem Unternehmen verfügen zu können. Auf die Geschichte des Darmstädter Lokomotivbaus wird in mehreren Kapiteln meiner Abhandlung über die Maschinenfabrik und Eisen­gießerei einzugehen sein.

Buchcover.
Abbildung 06.08: Frontseite des Buchs von Berthold Matthäus über die „alte Fabrik“ des Merck'schen Unternehmens an der Ostseite der Darmstädter Altstadt.

Berthold Matthäus hat mit seinem ersten Band über die Energie­versorgung des Chemie- und Pharma­unternehmens Merck einen gänzlich anderen Ansatz gewählt. Er hat, vermutlich als einer der ersten, wenn nicht der erste, für die historische Forschung die erhaltenen Kontenbücher des Unternehmens aus dem 19. Jahrhundert systematisch ausgewertet. Hierbei ist er nicht nur auf die Bedeutung von Dampfmaschinen und Dampfkesseln für den Produktionsprozeß gestoßen, sondern auch auf Lieferungen der Maschinenfabrik und Eisen­gießerei[51]

Sein Buch ist für mich auch deswegen von besonderer Bedeutung, weil er mir den Zugang zu einer Facette der Unternehmens­geschichte erschlossen hat, die ich vor lauter Blicken auf den Lokomotivbau vollkommen übersehen hatte. Ich begann also, mich mit den Dampfmaschinen von Merck zu beschäftigen, stieß auf die beiden Dampf­maschinenlisten von Hektor Rößler jun. und gelangte hierdurch in die Zeit, bevor die Maschinenfabrik und Eisengießerei in eine Aktien­gesellschaft umgewandelt wurde. Von der Münchener Ausstellung 1854 hangelte ich mich zu einem Aktenbestand des Staatsarchivs zum Bau der Main-Weser-Bahn von 1849 durch, auf den ich hier nochmals kurz eingehen werde, dann weiter auf einen Bericht über das Eisenhütten­wesen in Hessen von 1847, bis ich auf die in der Literatur frühest mögliche Erwähnung des Unternehmens in einem ausführlichen Bericht über eine Lokomobile von 1844 stieß.

Der Bericht von Hektor Rößler jun. über die erste allgemeine deutsche Industrie­ausstellung in Mainz 1842 enthält die Angabe, daß das Darmstädter Unternehmen Buschbaum & Comp. über eine Dampfmaschine verfügt haben muß. Diese Dampfmaschine erscheint jedoch nicht in den beiden Rößler'schen Dampfmaschinen­listen, obwohl selbiger diese Dampfmaschine selbst­verständlich gekannt haben muß. Darmstadt war zu jenem Zeitpunkt eher ein größeres Dorf als eine unübersichtliche Stadt. Die letzte Erwähnung des Unternehmens unter dieser „Firma“ datiert von 1843. Andererseits wird in der ersten Dampfmaschinen­liste von 1849 eine Dampfmaschine auf dem Gelände der Maschinenfabrik und Eisengießerei genannt, die von Keßler aus Karlsruhe geliefert wurde. Wichtig ist hierbei der redaktionelle Zusatz, dieses Unternehmen habe damals noch Keßler und Martiensen geheißen, und das kann dann nur zwischen 1837 und 1842 gewesen sein. Die Vermutung, daß die Buschbaum'­sche Fabrik die spätere Maschi­nen­fabrik und Eisengießerei gewesen sein muß, lag schon sehr nahe. Ein Blick ins Darm­städter Adreß­buch verriet dann, daß Johann Ludwig Buschbaum an der Arheilger Chaussee in einem Haus wohnte, das im Brand­versicherungs­kataster als Litera F Nr. 209 geführt wurde; und diese Adresse war mir bestens bekannt. Dies war nämlich später auch die Adresse der Maschinen­fabrik und Eisen­gießerei. Als Indizien­beweis taugte das angesammelte Material allemal; jetzt galt es nur noch, das missing link zu finden. Unter der Annahme, daß Eigen­tümer­wechsel in den beiden wichtigen Darm­städter Zeitungen angezeigt werden würden, begab ich mich auf die Suche. Die Eckdaten waren schon bekannt: Buschbaum bis 1843, Maschinen­fabrik seit 1844. Irgendwo dazwischen mußte der Eigen­tümer­wechsel vonstatten gegangen sein. In der „Darm­städter Zeitung“ vom 8. Juni 1844 wurde ich endlich fündig. [52]

Ich erwähne hier die Erkenntnisschritte deshalb so ausführlich, um daran zu demonstrieren, daß durch systematisches vergleichendes Arbeiten mit einem Schuß Intuition, sicher auch gespeist aus vorangegangener Lektüre, sich seit Arthur Ueckers Dissertation von 1928 alles Wesentliche über die Maschinen­fabrik und Eisengießerei hätte finden lassen können. Voraus­gesetzt, man und frau sammelt nicht nur sporadisch Zeitungs­ausschnitte und Findbuch­einträge, sondern arbeitet sein bzw. ihr Sujet angemessen durch. Also das, was wissen­schaft­liches Arbeiten zu einem erheblichen Teil ausmacht.

Abschließend sei hierzu bemerkt, daß sich auch in Berthold Matthäus' Buch einige kleinere Fehler eingeschlichen haben, die jedoch so marginal bleiben, daß sie die Qualität seiner Arbeit nicht anzutasten in der Lage sind.

Gewißheiten und Phantome

Eher breiter angelegt ist die industriesoziologische Studie von Dieter Gessner „Die Anfänge der Industrialisierung am Mittelrhein und Untermain 1780–1866“ [53]. Sein Anliegen ist es, auf der Grundlage vorliegender Daten statistische Aussagen zur Unternehmens­struktur und zu deren Trägern zu treffen. Damit das zeitliche Raster nicht allzu groß ausfällt, ist er natürlich auf möglichst genaue Informationen angewiesen. 1996, bei Erscheinen seiner Studie, war man und frau in Darmstadt jedoch noch nicht so weit. Darunter leidet die Qualität seines Datenmaterials.

Buchcover.
Abbildung 06.09: Frontseite des Buchs von Dieter Gessner „über die Anfänge der Industrialisierung an Mittelrhein und Untermain“.

So bemerkt er beispielsweise mit einer gewissen Gewißheit:

„Demgegenüber sind die Besitz­verhält­nisse bei den vier bekannten Aktien­gesell­schaften eindeutig zu rekon­struieren. Die bereits erwähnte ‚Aktien­gesell­schaft für Spinnerei und Weberei auf der Hohen Mark‘ in Oberursel verfügt über ein Aktien­kapital von 1 Million Gulden, das im Wesent­lichen von einer Reihe Frankfurter Bankiers, wie Nikolaus Schmitt und Jacques Reiss und anderen gehalten wird. Die 1860 gegründete ‚Maschinen­fabrik und Eisen­gießerei Darm­stadt A.G.‘ mit einem Aktien­kapital von 400.000 Gulden geht auf eine Initiative der in dieser Zeit gegründeten Darm­städter Bank für Handel und Industrie zurück.“ [54]

Wo er das unzutreffende Grün­dungs­jahr 1860 herhat, würde mich ja schon interes­sieren, denn mit diesem Datum steht er so ziemlich alleine da. Die 400.000 Gulden wird er Arthur Ueckers Dissertation entnommen haben, der wiederum nichts von der erst 1863 stattgefundenen Kapital­erhöhung gewußt hat. Das Gründungs­kapital betrug, wie wir gesehen haben, ein anderes. Davon scheint wiederum Dieter Gessner nichts zu wissen. Von wem die Initiative zur Gründung der Aktien­gesell­schaft ausge­gangen ist, vermag ich nicht zu sagen; dies ist erst einmal reine Spekulation des Autors, aber womöglich nicht ganz unzu­treffend. Daß an der Gründung wiederum weitere Interessierte beteiligt waren, hatte 1996 noch keine und niemand heraus­gefunden. Eine eindeutige Rekon­struktion sieht jedenfalls anders aus; und so sollte Gessners Studie dies­bezüglich auch mit einer gewissen Vorsicht angefaßt werden. Mit welchen Ungenauig­keiten noch zu rechnen ist, mag auch folgende Stelle zeigen, bei welcher er Innovationen in verschiedenen Gewerben aufführt:

„Erst der aus Darmstadt nach Frankfurt 1846 berufene Friedrich Roessler löste nach Übernahme der städtischen Münzscheide das Problem der Edelmetall­schmelze erfolgreich.“ [55]

Nicht so ganz. Friedrich Ernst Rößler war zu diesem Zeitpunkt nämlich schon seit fünf Jahren Frankfurter Münzwardein und hatte längst erfolgreich mit Hilfe seines Vaters Hektor Rößler sen. die Frankfurter Münze reorganisiert. Über den wiederum weiß Gessner zu sagen:

„In Darmstadt spielte die ‚mechanische Werkstatt‘ des ‚Hofmechanikus‘ Rössler eine vergleichbare Rolle. In seiner Werkstatt wurde die erste Dampfmaschine für die großherzogliche Münze gebaut. In den 50er-Jahren ging aus dem kleinen Maschinenbau-Unternehmen die regional größte Maschinenfabrik ‚Maschinenfabrik und Eisengießerei Darmstadt Actien­gesellschaft‘ hervor. Hauptaktionär dieses Unternehmens war die wenige Jahre zuvor gegründete ‚Bank für Handel und Industrie‘.“ [56]

Dieter Gessner hat für seine Abhandlung eine Fülle an Materialien verarbeitet, dabei auch Aktenbestände, die ich bislang nicht eingesehen habe. Nichts­destotrotz fällt auch auf ihn zurück, daß die Darmstädter Überlieferung zur Früh­industrialisierung lückenhaft und sogar widersprüchlich bleibt. So kann es dann auch geschehen, daß die Maschinenfabrik und Eisengießerei mal „in den 1850er Jahren“ und mal mit Gewißheit 1860 in eine Aktien­gesellschaft umgewandelt wird. Hat Dieter Gessner diesen Widerspruch überhaupt bemerkt? [57]

Während Franz Lorenz Knips über seiner Dissertation über die Bank für Handel und Industrie saß, legte Jakob Riesser dem US-amerikanischen Senat in Washington eine Studie über die großen deutschen Banken und ihre Konzen­tration in Verbindung mit der wirt­schaft­lichen Entwicklung Deutsch­lands vor. Dabei kam er auch auf die Gründungs­aktivitäten der Darmstädter Bank zu sprechen:

„The German banks, following the example of the Crédit Mobilier, also founded industrial companies as early as this period. Thus the Darm­städter Bank undertook the promotion of the Wollmanufaktur Mann­heim (paid-up share capital 400,000 florins), of the Württem­bergi­sche Kattunmanufaktur (paid-up share capital 500,000 florins), of the Oldenburgische Ostindische Reederei (paid-up share capital 250,000 florins), the Kammgarnspinnerei und Weberei, Marklissa (paid-up share capital 300,000 florins) the Ludwigshütte, near Bieden­kopf (paid-up share capital 360,000 thalers, jointly with the Mittel­deutsche Kredit­bank), and participated in the trans­formation of the Maschinen­fabrik und Eisen­giesserei Darmstadt into a joint stock company (paid-up capital 200,000 florins), as well as in that of the Heilbronner Maschinen­bau­gesell­schaft.“ [58]

Nun gut, bei der Reederei hatte es sich ebenso wie bei der Weberei in Marklissa um Taler und nicht um Gulden gehandelt, während es sich bei der Ludwigshütte umgekehrt um Gulden und nicht um Taler gehandelt hat. So steht das jeden­falls im Geschäfts­bericht der Bank [59]. Jakob Riesser dürfte Einblick in interne Unterlagen der Bank gehabt haben, aber das hinderte ihn nicht daran, fehler­hafte Angaben abzuliefern. Die Senatoren in Washington dürften derartige Details nicht allzu sehr interessiert haben. Jedenfalls steht der Hinweis auf ein eingezahltes Kapital von 200.000 Gulden für die Darmstädter Fabrik einzigartig in der mir bekannten Literatur. [60]

Zu den eher kuriosen Kapiteln rund um die Erforschung der Darmstädter Industriegeschichte gehört Ludwig Brakes Einführung einer virtuellen Persönlichkeit in die historische Forschung. Aufgrund der Fehllesung einer Unterschrift in einem Aktenbestand des Hessischen Staatsarchivs Darmstadt versucht er, diese neue Person irgendwie sinnvoll in die Geschichte der Maschinenfabrik und Eisengießerei einzupassen.

„StAD G 31L, Nr. 1284; EZ 1847, S. 241. Rößler und Werner lieferten zwei stehende Dampfmaschinen ‚für die Reparatur-Werkstätten in Ludwigshafen und Kaiserslautern‘ sowie Teile der Werkstatt­ausstattung. Aus den benutzten Akten und der neueren Literatur geht nicht hervor, ob die genannte Maschinenfabrik und Eisen­gießerei in Darmstadt, für die ein Herr Kaehsler zeichnete, mit der Maschinen­fabrik und Eisen­gießerei Darmstadt A.G. identisch ist. Vgl. Gessner, Metall­gewerbe, S. 296 und 299–300, dazu in Widerspruch die Akten­befunde (StAD G 31L, Nr. 1284). Vgl. A. Uecker, Die Industriali­sierung Darm­stadts im 19. Jahr­hundert, Darmstadt 1928, S. 99–100 u. S. 147–148 [siehe auch hier] u. Gessner, Metallgewerbe, S. 326, 333, 299, 296 sowie Gewerbe­blatt für das Groß­herzogthum Hessen 13/1850, S. 339, Verzeichnis der im Groß­herzogthum erteilten Erfindungs­patente; vgl. dazu Gewerbe­blatt 12/1849, S. 50 u. S. 62. Wahr­schein­lich handelte es sich bei der Fabrik des Herrn Kaehsler um die später umge­gründete oder umbenannte Maschinen­fabrik und Eisen­gießerei Darmstadt, die bereits vor 1853 als ‚Familien­unternehmen‘ existierte. Sie stand wohl zunächst unter der Leitung des Münzrat Rössler, wurde dann in Maschinen­fabrik und Eisen­gießerei Darmstadt umbenannt und später mit Hilfe der Bank für Handel und Industrie in eine Aktien­gesell­schaft umgewandelt. Die Bank erhielt nach­weislich erst im April 1853 die Konzession. Vgl. Regierungs­blatt, 1853, S. 188, Uecker S. 99 spricht von einem Firmen­kapital der Maschinen­fabrik von ‚400.000 Gulden‘. Die Firma ging im Krisen­jahr 1879 ein (S. 148); vgl. Gessner, Metall­gewerbe, S. 299 u. Knips, S. 140–141.“ [61]

Hätten ihm damals bessere Forschungs­ergebnisse zur Verfügung gestanden, dann hätte Brake sicherlich schnell bemerkt, daß seine Lesung „Kaehsler“ keinen Sinn ergibt, und es sich hierbei wohl um einen der Brüder Rößler gehandelt hat. Diese eher kuriose Geschichte habe ich schon im vierten Kapitel näher betrachtet. Ludwig Brake ist jedoch etwas anderes zugutezuhalten, was der Geschichte der Früh­industrialisierung im IHK-Jubiläumsband gänzlich abgeht: er weiß von den Mühen und Opfern der unzähligen Arbeiter (und Arbeiterinnen), hier beim Eisenbahnbau [62]. Im IHK-Jubiläumsband kommen selbige gar nicht erst vor. Wer bediente dann die Maschinen?

Mit einem Hang zur Ideologie

Arbeiterinnen und Arbeiter spielen bei der Erfolgs­geschichte der südhessischen Wirtschaft keine Rolle. Obwohl weder Roboter noch die Aktionäre an der Dreh­bank saßen und dafür sorgten, daß die Dividende stimmte, erfahren wir in dem blauen Buch zum 150jährigen Jubiläum der Darmstädter Industrie- und Handels­kammer nichts zu den Arbeitsbedingungen, Arbeitslöhnen oder Arbeits­zeiten. Es ist wirklich bemerkenswert, wie Rainer Maaß und Dieter Schott diesbezügliche Vorgaben umgesetzt haben. Oder sind solche Vorgaben schon derart verinnerlicht, daß es keinen redaktionellen Hinweises mehr bedarf? Hans-Peter Bach als (ehemaliger) Eigentümer eines großen Verlags­hauses weiß genau, was wichtig ist:

Zeitungsartikel.
Abbildung 06.10: Annonce von Charlotte Görtz im Darmstädtischen Frag- und Anzeigeblatt vom 9. Oktober 1830, Scan vom Mikrofilm, auch [online ulb darmstadt].

„Ein Aufriss der Wirtschaftsgeschichte ist natürlich auch eine Spiege­lung der Geschichte der die Region prägenden Unternehmen und Unter­nehmer­persönlichkeiten. Sie haben Marksteine gesetzt und die heutige Leistungs­fähig­keit begründet.“ [63]

Ganz genau. Es waren jene Unternehmer, die zehn, zwölf, vierzehn oder noch mehr Stunden in stickigen Buden verbrachten, dabei ihre Muskeln, Sehnen, Knochen oder ihr Hirn vernutzten, um mit einem kargen Hungerlohn in der Dunkelheit in eine erbärm­liche Herberge zu wanken, hoffend, daß das Geld für Miete, Kohlen und das tägliche Brot ausreichen möge [64]. Folge­richtig finden wir auf den sechzig Seiten, die sich mit einem Jahrhundert Früh- und Hoch­industriali­sierung befassen, nur vereinzelt einmal einen Hinweis auf das Fußvolk. Meistens handelt es sich um Beschäftigten­zahlen. Weiter­gehende Angaben sind derart selten, daß sie sich hier kurz zusammen­fassen lassen.

Auf Seite 49 wird Charlotte Görtz erwähnt, die sich von weiblichen Strafgefangenen Hemden nähen ließ. Ob diese Arbeiterinnen dafür auch entlohnt wurden, erfahren wir nicht. Auf Seite 50 finden wir Hutmacher­gesellen, „die auch in Darmstadt dem Fabrikanten Schuchard zu schaffen machten“. Sie pochten auf Berufsehre und wollten sich nicht den neuen Zwängen einer Fabrikordnung unterwerfen. Ist das verwerflich?

„Der Chemiker und Mineraloge Friedrich Moldenhauer (1797–1866), seit 1830 in Darmstadt, experimentierte mit der Herstellung einer verbes­serten Zündmasse, die eine Massen­produktion der Zündhölzer ermög­lichte. Zunächst stellte der Bleiweißfabrikant Andreas Link die Hölzer her. 1839 gründete Moldenhauer in Kooperation mit dem Mechaniker Ludwig Anton und dem Hoffärber Bloch eine eigene Zünd­holz­fabrik in Darmstadt, die 1843 wegen der notwendigen Antriebs­kraft nach Aschbach bei Wald-Michel­bach verlegt wurde. Molden­hauer, der als Lehrer der Chemie und Mineralogie an der Real­schule und der Höheren Gewerbe­schule unter­richtete, leitete die Fabrik bis zum Jahre 1850. Billige Arbeitskräfte fanden Moldenhauer und seine Fabrikanten-Kollegen (Arnold, Peter Horst, Ludwig Anton, Simon Reichenbach in Bessungen) durch Vergabe von Produktions­prozessen an ungelernte Arbeitskräfte in Heimarbeit. 1856 brachten vier Unter­nehmer der Zünd­waren­fabrikation in Darmstadt und Umgebung (Andreas Link, Peter Horst, Isaak Bessunger und Simon Reichen­bach) den größten Teil des Gewerbe­steuer­­aufkommens der Stadt auf. Sie beschäftigten über 300 Arbeiter, davon 130 in Heim­arbeit. Unter den 300 befanden sich 65 Kinder. In den 1860er-Jahren stagnierte die Fabrikation in Darmstadt aufgrund billigerer aus­wärtiger Konkurrenz und hoher Holzpreise bzw. hatte sich offen­sichtlich aus dem städtischen Zentrum verstärkt aufs Land verlagert. In der Provinz Starkenburg gab es 1866 12 bis 14 größere und mehrere kleinere Zünd­holz­fabriken. Die bedeutendsten befanden sich in Pfungstadt, Allertshofen, Michelstadt und Aschbach. Gegen Ende der 1860er-Jahre allerdings ging die Produktion zurück.

Moldenhauer arbeitete, als er 1830 nach Darmstadt übersiedelte, zunächst mit dem Pharmazeuten Heinrich Emanuel Merck (1794–1855) zusammen, dessen großgewerbliche Herstellung von Apothekerwaren und Pflanzenheilstoffen bald Weltruf erlangen sollte.“ [65]

Was für eine Unternehmerpersönlichkeit! Was für ein honoriger Mann! Er läßt Kinder für sich malochen und lebt davon ganz gut, unbesorgt von den Nöten des Alltags. Da muß er doch im Bildteil des IHK-Bandes mit einem Porträt gewürdigt werden. Schaut her, so präsentiert sich die geistige und wirt­schaft­liche Elite dieses Landes. Rainer Maaß problematisiert diese Kinder­arbeit nicht im geringsten, so als ob sie selbst­verständ­lich sei, und folgt somit den von Hans-Peter Bach gelegten Spuren. Folge­richtig finden wir auch kein Abbild der Arbeiterinnen der Molden­hauer'schen Unter­nehmungen. Würde dann das schön­gefärbte Bild bröckeln?

Zeitungsartikel.
Abbildung 06.11: Bericht über Kinderarbeit in Streichzünd­holzfabriken in und/oder um Darmstadt herum. Quelle: Darmstädter Zeitung vom 12. Januar 1856, Scan vom Mikrofilm, auch [online ulb darmstadt].

In der „Darmstädter Zeitung“ fand ich während meiner kursorischen Lektüre einen Hinweis auf die Folgen dieser Kinderarbeit (siehe nebenstehende Abbildung). Frau und man glaube nicht, daß die Ursachen dieser „zu wiederholten­malen, obwohl allerdings nur in Ausnahmefällen“ auftretenden Vorkommnisse den Fabrikanten unbemerkt geblieben wären. Eine billige Ausrede besteht ja darin zu behaupten, das alles sei erst im Laufe des technischen Fortschritts erkannt worden. Oh nein! Die Herren wußten genau, was sie taten. Es ist eben kosten­günstiger, ab und an einmal ein Begräbnis zu spendieren oder den Dr. Küchler herbei­zurufen, als an den Produktions­bedingungen etwas zu ändern. Weshalb nur erinnert mich das an Amazon? [66]

Fassen wir also zusammen:

„An den Biografien von Moldenhauer, Merck und anderen Berufs­kollegen wie dem Apotheker und Chemiker Ferdinand Ludwig Winckler (1801–1868) oder dem Chemiker Georg Friedrich Pabst (1806–1857) lässt sich ablesen, dass es sich nur in zweiter Linie um Unternehmer und Fabrikanten handelte, primär aber um Wissen­schaftler, hoch gebildet, weit gereist, kapital­kräftig und engagiert, die ein Netzwerk weit gespannter Kontakte unterhielten und selbst forschend tätig waren.“ [67]

Weltoffen, hoch gebildet, weit gereist. Kompatibel mit der Vernutzung von Kindern und ihren Gesichtern. Elite halt. [68]

Auf Seite 80 erfahren wir, daß mit der anziehenden Konjunktur der 1890er Jahre auch die Löhne wieder stiegen. Dies war dem Arbeits­kräfte­mangel und nicht der sozialen Fürsorge unserer Unternehmer­persönlichkeiten geschuldet. Die jammerten eher darüber, daß sie etwas mehr abgeben mußten.

„Die Konkurrenz um qualifizierte Arbeitskräfte zwang auch Branchen, deren Ertragslage nicht so gut war, wie bei Werkzeug­maschinen, Löhne zu erhöhen, um keine Abwanderung zu riskieren.“ [69]

Interessant ist der Hinweis von Dieter Schott, daß Arbeiterfamilien nicht – dem neoliberalen Leitbild des homo oeconomicus entsprechend – Nutzen maxi­mierend wirtschafteten, also Manner und Frauen zu besseren Löhnen arbeiteten, sondern eher nur der Mann, wenn das Einkommen ausreichte. Das zwang manche Zigarrenfabrik, auf die zeitlichen Bedürfnisse von Frauen mehr einzugehen und flexible Arbeitszeiten einzuführen. [70]

Und das war es auch schon, was Rainer Maaß und Dieter Schott für Arbeite­rinnen und Arbeiter übrig haben. Der Rest der beiden Abhandlungen ist dem rastlosen Streben nach wirt­schaftlichem Erfolg und dem Erblühen einer Region gewidmet. Nun hätte es einem Band mit zwei Schwerpunkt­kapiteln zur Industriali­sierung Darmstadts und Süd­hessens gewiß gut angestanden, mehr als nur einige dürre Worte über das Leben und Wirken der Arbeiterinnen und Arbeiter zu verlieren. Und es ist ja auch nicht so, daß es an Material mangeln würde. Schon Lutz Ewald wies 1986 in seiner Einleitung zur „Geschichte der Gewerk­schaften in Darmstadt“ darauf hin, daß in Darm­städter Archiven und Zeitungen wichtige Hinweise auf die frühe Arbeiter­bewegung zu finden seien [71]. Gesucht hat seither kaum eine oder jemand danach, von einer Auswertung ganz zu schweigen. Wie umfang­reich solch zu findendes Material ausfallen kann, habe ich in meiner Sammlung von Zeitungs­meldungen aus den Jahren 1869 und 1870 gezeigt [72]. Alleine aus den redaktionellen Berichten und den Annoncen der streitenden Parteien lassen sich wichtige Hinweise auf Arbeits­bedingungen, Arbeitszeiten und Arbeits­löhne finden. Nun ist es sicher so, daß diese beiden Jahre insofern Anomalien darstellen, als die süd­hessischen Arbeiterinnen und Arbeiter nach langen Jahren der Reaktion erstmals wieder streiken durften und es folglich auch ausgiebig taten, wenn auch unter scharfen Auflagen und obrigkeits­staatlicher Über­wachung. Dennoch wäre es ein lohnens­wertes Projekt, dieser Geschichte nachzu­gehen, weil sich dadurch auch unser Bild vom ver­spießerten Beamten- und Kasernen­städt­chen verändern könnte. Aber nicht einmal zu einem Alibi­kapitelchen hat es hier im Band gereicht.

Wenn wir stattdessen selbst 2012 noch einen Sammelband vorfinden, der sich mehr an der unter Historikerinnen und Historikern längst verpönten Geschichte großer Männer als am Alltags­geschehen orientiert, dann liegt hierin ein Programm begründet. Das Programm wird verständlicher, wenn wir bedenken, daß es die IHK Darmstadt selbst gewesen ist, welche die Aufarbeitung ihrer Geschichte in Auftrag gegeben hat. Als einer Front­organisation des Neo­liberalismus ist ihr selbstredend nicht daran gelegen, die Schattenseiten der als Erfolgsgeschichte verkauften Industrialisierung zu ergründen. Allenfalls im von Christof Dipper verfaßten Aufsatz „Die südhessische Wirtschaft in der NS-Zeit und im Zweiten Weltkrieg (1933–1945)“ kommt man und frau nicht umhin, von Kriegsgewinnlern, Zwangsarbeiterinnen und Antisemitismus zu berichten. Ich finde dieses Kapitel immer noch viel zu beschönigend. Da die Protagonisten der Nazizeit nicht mehr am Leben sind, kann man und frau sich jetzt ein bißchen mit Ausführungen zu den wahren Zuständen zur Nazizeit vorwagen, ohne bestimmte Darmstädter Gemüter zu verletzen; außerdem ist das gut für das regionale Image im Ausland. [73]

Als sich Eigner, Direktoren und Geschäftsführer verschiedenster Darmstädter Unternehmen 1945 kurz nach dem Einmarsch der US-amerikanischen Truppen erstmals versammelten, um ihre IHK neu zu begründen, hätten sie sich jede Menge Anekdoten aus ihrem Leben als Teil des NS-Ausbeutungs- und Vernichtungssystems erzählen können. Fast alle waren sie Täter, den vielen Beteuerungen und Persilscheinen zum Trotz. Nicht einmal eine vollständige Liste der „arisierten“ Betriebe wird im Aufsatz auch nur angestrebt, vom Verbleib ihrer ehmaligen Inhaber ebenso zu schweigen. Das überläßt man und frau dann lieber der alternativen Geschichts­schreibung der DFG-VK [74]. Im Grunde genommen hätten die Darmstädter Unternehmen alle zugunsten der von ihnen Malträtierten und den Überlebenden der Konzentrations­lager enteignet gehört. Derlei notwendige und sicherlich gerechtfertigte Reflexion suchen wir dann doch vergeblich.

Moritz Neumann dokumentiert in seinem Buch „1945 nachgetragen“ ein Schreiben des Geschäftsführers von Venuleth & Ellenberger an die Alliierte Militärbehörde vom 4. Mai 1945. Demnach erschienen Anfang Mai an mehreren Tagen rund 30 ehemalige russische Arbeitssklaven auf dem zwischen Pallaswiesen- und Landwehrstraße gelegenen Betriebsgelände und drohten – zum Teil mit Handgranaten bewaffnet – an, bestimmte (abwesende oder versteckte) Mitarbeiter des Unternehmens umbringen zu wollen. Allein die Tatsache, daß diese Gruppe russischer (nunmehr) Displaced Persons immer wieder vorbeischaute, zeigt, wie groß der Haß auf bestimmte besonders brutale Volksgenossen gewesen sein muß. [75]

So zieht sich ein Strang von der nicht aufgearbeiteten Ausbeutungs­geschichte des 19. Jahrhunderts über die Zwangsarbeit, Enteignung und Vernichtung im Nationalsozialismus bis heute. Denn, um noch einmal auf die Liste der „arisierten“ Betriebe zurückzukommen, so handelt Christof Dipper den Fakt lapidar ab:

„Kaum etwas kann auch über die Beteiligung südhessischer Unter­nehmen an der Übernahme ‚nichtarischer‘ Firmen gesagt werden.“ [76]

Und an anderer Stelle:

„Im Ergebnis sind wir jedenfalls extrem schlecht über die Zeit des Vierjahresplans unterrichtet. Das gilt naturgemäß erst recht für die ‚Arisierungen‘. In den Aktenresten einiger Finanzämter finden sich noch gelegentlich Unterlagen über die Beraubung und Ausplünderung jüdischer Familien oder Einzelpersonen, aber so gut wie nichts über Firmen in jüdischem Besitz. Das von der IHK 1946 im Auftrag der amerikanischen Besatzungsmacht erstellte Verzeichnis arisierter Firmen ist nicht mehr auffindbar.“ [77]

Das erstaunt wenig, denn es heißt in der zugehörigen Endnote 91 zu diesem Zitat:

„Meldepflicht für arisierte Unternehmungen, in: Nachrichten der IHK Darmstadt, 1. Jg., Nr. 2, 15.1.1946, S. 7, lfd. Nr. 229. Dieselbe IHK, die auf Geheiß des NS-Staates 10 Jahre zuvor an der Arisierung mitgewirkt hatte, richtete nun auf Geheiß der Militärregierung einen ‚Prüfungs­ausschuß für Arisierungsfragen‘ ein, der die Meldungen entgegen­nahm. Die Mitteilung, dass das Verzeichnis, an dessen Archivie­rung kaum jemand Interesse haben konnte, verschollen ist, stammt von Dr. Ulrich Eisenbach. Das ist wohl kein Einzelfall. Die Essener IHK beispielsweise sabotierte nach Kräften die von der briti­schen Militärregierung angeordnete Zusammen­stellung eines Verzeich­nisses arisierter Geschäfte und behauptete allen Ernstes, nur ein Geschäft habe unter Zwang den Besitzer gewechselt. […].“ [78]

Annonce der Herdfabrik.
Abbildung 06.12: Annonce der Herdfabrik und Emaillierwerk für ihre Alkoda-Herde aus einem Wirtschafts­kalender der 1920er Jahre. [79]

Nun hätte man und frau ja fünfundfünfzig Jahre später bei den Vorarbeiten zu der IHK-Jubiläumsschrift auf den durchaus naheliegenden Gedanken kommen können, das verschollene Schriftstück zu rekonstruieren. Doch offensichtlich ziehen die Darmstädter Historikerinnen und Historikern es vor, sich nicht näher mit Sachverhalten zu befassen, die eine oder einen nicht wirklich interessieren. Dabei ist es keinesfalls so, daß man oder frau nichts mehr herausfinden könnte. Als Beispiel mag die schon erwähnte, weil durchaus aufzuhellende „Arisierung“ der Darmstädter Bahnbedarf-Niederlassung der Frankfurter Aquila A.-G. und der Dampfkessel­fabrik vormals Arthur Rodberg AG gelten. Statt dessen gelingt es dem Hessischen Wirtschafts­archiv mit ihrem Leiter Ulrich Eisenbach, hier mit science fiction den Sachverhalt vollkommen zu vernebeln. Mir ist ein weiteres größeres Darmstädter Unter­nehmen mit jüdischer Beteiligung bekannt, bei dem die „Arisierung“ durch ein Darmstädter Gericht nach­träglich als erwiesen erkannt wurde. Das nutzte den Erben auch nichts, weil zum einen ihre enteigneten Verwandten umgebracht worden waren und anderer­seits das Unter­nehmen gezielt in die Pleite geführt worden war. Es handelt sich um die an der Ecke Landwehr­straße und Rößler­straße gelegene Herdfabrik und Emaillierwerk[80]

Man und frau kann also durchaus Material finden, sofern der Wille dazu besteht. Statt dessen ist der Widerwille, sich dem Thema „Arisierung“ zu nähern, offen­kundig. Für die auch in Darmstadt ausgiebig genutzte Zwangsarbeit gilt dies genauso.

„Dazu ist von der Geschichts­wissen­schaft mit wenigen Aus­nahmen eigentlich erst in den letzten beiden Jahrzehnten Sub­stantielles vorgelegt worden – also nur mit knappem zeitlichen Vorsprung gegen­über dem Bewusst­werdungs­prozess seitens der Industrie, die freilich erst auf inter­nationalen Druck bereit war, sich ihrer Verant­wortung zu stellen.“ [81]

Wenn man und frau jedoch stattdessen eine Geschichtsschreibung abliefert, die das Hohelied der Unternehmer singt und diejenigen, die den Gewinn mit ihren Muskeln und Hirnen, mit Verletzungen bis hin zum Tod erarbeitet haben, mehr oder weniger „vergißt“, dann bewegen wir uns auf dem Grat von der Wissenschaft zur Ideologie. Und genau darin besteht das grundsätzliche Problem dieses IHK-Jubiläumsbandes, und nicht so sehr in fehlerhaften Angaben oder unerforschten Archivbeständen. Es ist die Geschichte, wie sie sein soll, und nicht, wie sie gewesen ist. Folgerichtig nennt die IHK Darmstadt diesen Band eine „Festschrift“; denn er zelebriert das Fest der freien Unternehmer. [82]

Wissenschaftliches Arbeiten zeichnet sich nun aber dadurch aus, daß alle relevanten Fakten zusammengetragen werden. Sollte dann ein bestimmter Schwerpunkt gesetzt werden, der das behandelte Thema in eine bestimmte Richtung drängt, dann muß dies nicht nur kenntlich gemacht, sondern auch gut begründet werden. Insbesondere ist begründet darzulegen, weshalb der als irrelevant beiseite geschobene Teilaspekt nicht relevant für das behandelte Thema ist. Hierüber keine Rechenschaft abzulegen, ist nicht nur kein guter Stil, sondern läßt die Vermutung aufkommen, daß hier Fakten gesetzt werden sollen, die – kritisch befragt – so nicht stehen bleiben könnten. In einem vollkommen anderen Zusammenhang – hier ging es um die verschiedenen Theorien zu Sternen­konstellationen, die in prähistorischen Anlagen verbaut worden sein sollen – beschreiben Wolfhard Schlosser und Jan Cierny, was – angepaßt auf unser Sujet bezogen – zu beachten ist:

„Wie sollte also eine wissenschaftliche Untersuchung mit der notwendigen Ehrlichkeit im Umgang mit den Fakten durchgeführt werden?

Am Anfang steht meist eine Vermutung, die erstaunlicherweise oft auf irrationale Weise entsteht. Sie formt sich aufgrund von Assoziationen, die im einzelnen kaum nachvollziehbar sind: Sie ist einfach da! Es zeichnet den echten Forscher aus, daß er eine ‚gute Nase‘ für sein Forschungsgebiet hat oder – vornehmer ausgedrückt – eine Intuition.

Während die Vermutung in Sekundenbruchteilen im Gehirn aufblitzt, bedeutet die zweite Phase echte Knochenarbeit, die sich über Jahre erstrecken kann. Nun heißt es, das Material zu sammeln. Hierzu gibt es drei eiserne Regeln:

Womit wir, was die Industrialisierungs­geschichte Südhessens betrifft, schon vor einem ernsthaften Problem stehen: die Datensammlung ist alles andere als vollständig, weil der Weg in die Archive und Bibliotheken erst noch anzutreten wäre. Wie sich gezeigt hat, reichen sporadische Funde nicht aus, um einen Sachverhalt zu erklären, wenn man und frau den Zusammenhang nicht kennt. Im Gegensatz dazu erweist es sich für mich als recht nützlich, ganze Zeitungs­jahrzehnte mehr oder weniger konsequent nach Material durchgeforstet zu haben. Das erhöht nicht nur die Treffer­wahrscheinlichkeit, sondern erschließt ganz neue Zusammenhänge.

Nun nutzt die beste Datensammlung nichts, wenn bestimmte Fundkategorien von vornherein ausgeblendet werden. Wer die Arbeiterinnen- und Arbeiter­bewegung nicht als Teil einer Industriali­sierungs­geschichte begreift, begibt sich schon von vornherein in eine bestimmte Forschungs­ausrichtung und Denkungs­art. Eine solche Vorgehens­weise ist wissen­schaftlich nicht zu begründen, sondern folgt ideologischen Imperativen. Dabei ist es keinesfalls so, daß hierzu ein falsches Bewußtsein aufgrund einer bestimmten gesell­schaftlichen Position beiträgt. Ideologie ist nicht falsches Bewußtsein in dem Sinne, daß sie sich aufgrund einer Klassenlage quasi unbewußt und verdinglicht in den Köpfen der Menschen festsetzt. Ideologie ist vielmehr ein bewußter Akt, Fakten und Zusammen­hänge in einer bestimmten gewünschten Weise zu präsentieren. Dies impliziert die Möglich­keit, daß bewußt falsche Theorien oder falsches Wissen produziert werden, um damit eine bestimmte Wirkung hervor­zurufen. Hierfür wichtige Verbreitungs­wege und „Vertriebs­kanäle“ sind Schulen, Hochschulen und Massenmedien; oder auch die Bertelsmann-Stiftung als einer der wichtigsten Think Tanks in Deutsch­land. Insofern sind fake news keine Erfindung des digitalen Zeitalters, sondern eine lange gepflegte Herrschafts­strategie. Der US-amerikanische Soziologe Immanuel Wallerstein leitet das Bedürfnis nach Ideologien aus einer bestimmten historischen Konstellation ab, als das Bürger­tum nach der Französischen Revolution und den Napoleonischen Kriegen der neu geschaffenen Volks­souveränität zu begegnen suchte.

„Wie sollte man die Forderung nach Volkssouveränität, welche mit all den Veränderungen nun auf der Tagesordnung stand, mit dem Wunsch der Oberschichten versöhnen, die – in jedem einzelnen Land als auch im Weltsystem insgesamt – ihre Macht behalten und weiter in der Lage sein wollten, endlos Kapital zu akkumulieren?

Wir bezeichnen die Versuche, diese Kluft, die zumindest auf den ersten Blick sehr breit und möglicherweise unüberbrückbar erscheint, zu überwinden, um diese widersprüchlichen Interessen zu versöhnen, als ‚Ideologien‘. Ideologien sind nicht einfach Weltan­schauungen, sie sind mehr als Annahmen und Vorurteile. Ideologien sind politische Meta­strategien, die nur in einer Welt benötigt werden, in der politische Verän­derungen als normal gelten und nicht als Ausnahme­erscheinungen.“ [84]

Inwieweit die „Festschrift“ mit dieser Interpretation von Ideologie ausreichend charakterisiert werden kann, ist schwer zu sagen. Es gibt einen bekannten und wirtschafts­politisch eindeutig verorteten Auftraggeber und eine von diesem beauftragte Arbeit, die strukturelle Mängel aufweist. Diese Mängel treten jedoch nur dann als signifikant hervor, wenn das im IHK-Jubiläumsband vertretene Weltbild – die die Industrialisierung prägenden Unternehmer­persönlichkeiten – verlassen wird. Dies betrachte ich als unabdingbar, um zu verstehen, was wirklich im Darmstadt des 19. Jahrhunderts geschehen ist. In allen bisherigen historischen Darstellungen zu Darmstadt wird die Geschichts­sicht einer schmalen Elite reflektiert, so als wäre die Stadtpolitik allein ein Ränke­spiel zwischen verschiedenen Fraktionen des Bürger­tums. Das war sie sicher auch, aber vor allem war sie gegen die gefährlichen proletari­sierten Massen gerichtet. Wenn Rainer Maaß bei der Erwähnung der Kinderarbeit (nicht nur) in den Zünd­holz­fabriken nicht einmal kurz innehält, um diesen barbarischen Akt zu geißeln, dann zeigt er, für wie selbst­verständlich Kinder­arbeit als Ausdruck der damaligen Zeit gehalten wird. Doch müssen wir Kinder­arbeit aus der damaligen Zeit heraus verstehen? Die Kinder werden das anders gesehen haben, aber sie wurden von den Darm­städter Historikern ebenso­wenig befragt wie deren Eltern. Nur eine kleine Ausbeuter­schicht mitsamt ihrer politischen und intellektuellen Gefolg­schaft fand das ganz in Ordnung; und deren Ansichten werden in so ziemlich allen geschicht­lichen Dar­stellungen kritiklos über­nommen. Weshalb eigentlich? Weil es bequem ist, dem heutigen Zeitgeist (wieder) entspricht?

Polizeiverordnung.

Abbildung 06.13: Polizei­verordnung vom 31. Januar 1826 gegen die Bettelei als Ausdruck einer Überwachungs- und Unterdrückungs­maßnahme gegen die als gefährllich konnotierten subalternen Klassen. Quelle: Darmstädtisches Frag- und Anzeigeblatt vom 4. Februar 1826, Scan vom Mikrofilm, auch [online ulb darmstadt].

Eine „Geschichte von unten“, die Landgrafen und den mit ihm verbundenen Adel – hier ganz sicher mit Billigung von Georg Büchner – konsequent als die Blutsauger betrachtet, die sie waren, oder welche die Industrialisierung konsequent aus der Sicht der Ausgebeuteten und Pauperisierten erzählt, fehlt vollständig. Dies wäre jedoch ein absolut notwendiges Korrektiv zur vorherr­schenden Geschichts­schreibung, wie sie nicht nur in Darmstadt praktiziert wird. [85]

Miszellen

Albert Gieseler listet auf seiner geradezu enzyklopädischen Webseite über Dampfmaschinen auch die Maschinenfabrik und Eisengießerei auf. Für 1862 nennt er als Direktoren Reinhard Ludwig Venator und Franz Horstmann. Die aufgeführte Unternehmens­geschichte jedenfalls ist unzutreffend. Er bringt das Darmstädter Unternehmen in die Nachfolge der Keßler'schen Lokomotivfabrik in Karlsruhe. [86]

Lothar Spielhoff schreibt in einem Aufsatz über die Lokomotiven der Main-Neckar-Bahn, über die Maschinenfabrik sei sehr wenig bekannt. „Sie soll 1864 entstanden sein und ging 1879 zu Grunde.“ Da der Autor laut seinem Literatur­verzeichnis auf Arthur Uecker als Gewährsmann zurückgreifen kann, erstaunt mich das angegebene Gründungsjahr doch sehr. Andererseits gibt Spielhoff richtig den 28. Februar 1883 als Zeitpunkt der erfolgten Liquidation des Unternehmens an. [87]

Jens Merte schreibt auf seiner Webseite über Werkbahnen:

„Die Maschinenfabrik und Eisengießerei Darmstadt wurde 1859 als Aktien­gesell­schaft gegründet. Sie geht aus dem frühreren Betrieb ‚Münzrath Rössler‘ hervor, der schon vorher Dampfmaschinen baute. Ab 1861 baut man in Darmstadt als einer der ersten in Deutschland Feldbahn-Dampf­lokomotiven, ein Produktionszweig, der kontinuierlich ausgebaut wird. So ist das Werk auch auf der Ausstellung in Wien 1873 mit zwei ausgestellten Lokomotiven vertreten. Zum damaligen Zeitpunkt leitet der Oberingenier Horstmann und der Ingenieur Bäxler das Werk, welches nie eine reinen Lokomotivfabrik war. Denn neben den Lokomotiven fertigte man auch eine Vielzahl anderer Erzeugnisse wie z. B. diverse Kessel, Pumpen, Bohrmaschinen und Drehbänke. Letztendlich lie[ß] diese zergliederte Produktpalette keine rationelle Fertigung zu, das Werk geriet 1879 in wirtschaftliche Schwierigkeiten und ging 1880 in Konkurs.“

Jens Merte blieb nicht viel anderes übrig, als sich aus den verstreuten und zum Teil falschen Angaben eine eigene Kurzdarstellung zu erstellen. Daß der Betrieb nicht Münzrath Rößler hieß wird schnell klar, wenn wir bedenken, daß Hektor Rößler 1832 den Charakter eines Münzrates erteilt bekommen hat. Nirgendwo­anders gefunden habe ich jedoch dieses Fundstück:

„Später sollen noch bis 1900 Ersatzkessel für die Main-Neckar-Eisen­bahn geliefert [worden sein], wobei der Bau von Ersatzkesseln 1887 beginnt und dabei die Lieferliste mit der Fabriknummer 111 fort­gesetzt wird – allerdings können dies keine Produkte der Maschinen­fabrik und Eisen­gießerei Darm­stadt sein! Wer sich hinter den Kessel-Lieferungen verbirgt, die 1900 mit der Nr. 138 scheinbar enden, ist nicht bekannt.“ [88]

Das werden die nach 1880 sich auf dem Gelände der „neuen Fabrik“ ansiedelnden Unternehmen gewesen sein, die auf die Werkstätten und vielleicht auch auf die technischen Unterlagen des 1883 liquidierten Unternehmens zurückgreifen konnten.

Nicht fehlerfrei

Eine persönliche Anmerkung sei mir zum Abschluß dieses Kapitels gestattet. Ich bin mir ziemlich sicher, daß sich in meine Abhandlung über die Geschichte der Maschinenfabrik und Eisengießerei Fehler eingeschlichen haben. Beim Abschreiben von Zeitungs­meldungen oder Zeitschriften­artikeln sind mir gewiß Fehler unterlaufen, die auch durch sorgfältiges Korrekturlesen nicht bemerkt wurden. Auch bin ich nicht frei davon, plausibel erscheinende Annahmen über Dinge und Ereignisse zu treffen, für die mir weitergehende Informationen fehlen. In der Regel habe ich versucht, den Sachverhalt zu verdeutlichen und meine mögliche, aber nicht unbedingt zutreffende Interpretation im Konjunktiv gefaßt. Ich behaupte an dieser Stelle jedoch, daß ich diesbezüglich genauer gearbeitet habe als die Darmstädter Historikerzunft. Aber so, wie ich in diesem sechsten Kapitel meine Kritik am bisherigen Forschungs­stand – oder sollte ich genauer sagen: Nicht-Forschungs­stand ? – formuliert habe, so möchte ich auch behandelt werden.

Ich habe gewiß noch nicht alles eingesehen, was es über die Maschinenfabrik und Eisengießerei im weitesten Sinne zu entdecken gibt. Darunter sind mir bekannte Aktenbestände bzw. Literatur; vielleicht hat es mir andererseits an Phantasie gefehlt, in welchen Akten weiteres Material zu finden sein könnte. Manches mag ich sogar in den durchgeschauten Beständen übersehen haben, zumal sich im Laufe der Recherchen und Erkenntnisse neue Fragen stellen, die in schon durchgeschauten Beständen beantwortet werden könnten; aber danach hatte ich zuvor ja nicht gesucht. Für diesbezügliche Hinweise wäre ich dankbar. Wenn ich dann wieder einmal in Darmstadt bin, kann ich die ein­schlägigen Örtlich­keiten aufsuchen.

Meine Kenntnisse über die frühe Darmstädter Industrialisierungs­geschichte verdanke ich einem ausgiebigen Aktenstudium und einer noch ausgiebigeren Lektüre der zeit­genössischen Zeitungen und Zeitschriften. Manche Jahrgänge bin ich jedoch nur kursorisch durchgegangen, manche überhaupt nicht. Das bedeutet: ich habe nicht alles gefunden, was es zu finden gab. Das liegt aber nicht in jedem Fall am Vorgehen meiner Lektüre. Auf den von mir in der Landes- und Universitäts­bibliothek genutzten Mikrofilmen der „Darmstädter Zeitung“, des „Darmstädter Tagblatts“ oder der „Hessischen Volksblätter“ (inklusive deren Vorgänger­namen) sind nicht alle Zeitungs­ausgaben oder -seiten vollständig erfaßt worden. Zum anderen wurde bei der Verfilmung oder beim Kopieren vom Masterfilm auf den für die breite Öffentlich­keit nutzbaren Mikrofilm teilweise recht schlampig gearbeitet. Ganze Ausgaben sind derart verschwommen reproduziert worden, daß eine Lektüre schlicht unmöglich ist. Häufiger sind jedoch ganze Monate, bei denen das Lesen aufgrund der verschwom­mener Buchstaben mehr als schwer fällt. Insofern ist es auch möglich, daß meine Wiedergabe von Textpassagen ungenau ausfallen kann – weil ich mehr interpretieren mußte als lesen konnte. Bei anderen Filmen macht sich das im 19. Jahrhundert benutzte Papier bemerkbar, wenn die Schwärzung der Rückseite auf die Vorderseite durchschlägt. Eine andere Schwierigkeit besteht darin, daß großformatige Zeitungsseiten mittels einer Aufnahme verfilmt wurden und aufgrund ihrer daraus resultierenden Mikroschrift auf den Bildschirmen der Bibliothek selbst bei stärkster Vergrößerung nur schwer zu deuten sind. Dies alles erschwert das wissenschaftliche Arbeiten ungemein, und es wäre den Darmstädter Institutionen anzuraten, diese Filme, die ohnehin starke Gebrauchsspuren aufweisen, durch qualitativ hochwertige Digitalisate zu ersetzen bzw. zu ergänzen, die nicht Augenkrebs verursachen, sondern eine Freude sind zu betrachten. Die Digitalisierung der „Darmstädter Zeitung“ ab 1872 sollte so verstanden ein Einstieg und nicht das Ende sein. [89]

Das kostet Geld? Natürlich tut es das. Aber das sollte in diesem superreichen Land, in dem unzählige Milliarden Euro in sinnlosen Projekten verpulvert werden [90] (von den Geschenken an kriminell spekulierende Banken ganz zu schweigen), nun wirklich nicht das Problem sein. Das Geld ist da. Es ist eher die Frage, wem es aufgrund welcher Beziehungen, Netzwerke und Macht­verhält­nisse zugeschanzt wird. Eine Anfrage bei Manfred Pohl und seinen elitären Vereinigungen, die im Interesse von Banken und Großkonzernen Einfluß darauf zu nehmen versuchen, wohin das viele Geld umgeleitet wird, könnte sich hier sogar als hilfreich erweisen …

Andernorts gibt es findige Köpfe, die sich das Digitalisieren gut entlohnen lassen. Als ich im Zuge meiner Recherchen auf einen Archivbestand im Staatsarchiv Ludwigsburg stieß, bei dem es um einen möglichen ehemaligen Mitarbeiter der Maschinenfabrik und Eisengießerei ging, beschloß ich, mir die Akte in digitaler Kopie zukommen zu lassen. Worauf ich nicht vorbereitet war: auf das Hochtechnologie­land Baden-Württemberg. Während ich im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt die ganz normale digitale Kopie einer Akte mit einer Standard­auflösung von 300 dpi für 50 Cent erstellen lassen kann, war dies im Lande des „Wir können alles“ nicht so einfach. Das im Gesetzblatt veröffent­lichte Gebühren­verzeichnis [91] unterscheidet zwischen digitalen Repro­duktionen einfacher Qualität für 50 Cent pro Scan und einem Scan in hoch­auf­lösender Qualität für 12 Euro. Auf der Webseite des Archivs war nirgends zu finden, worin der Unterschied zwischen einfachen und hochauflösenden Scans besteht. Wenn ich beispielsweise ein Dia einscanne, dann lasse ich meinem Scanner bei 5000 dpi freien Lauf. Das ist hochauflösend! Natürlich hätte ich nachfragen können – aber wenn man den unproblematischen Service in Darm­stadt gewohnt ist, kommt man nicht im Traum auf die Idee, daß eine doch recht einfache Auflösung von 300 dpi im Technologie­wunderland auch wunder­lich viel kostet. Wie gut, daß die Akte nur sechs Blatt umfaßt hat. So jeden­falls verschlingt in Baden-Württemberg die wissen­schaftliche Forschung ein Vermögen.

Die Geschichte der Maschinenfabrik und Eisengießerei wird fortgesetzt in Kapitel 7 mit der Gründung der Aktiengesellschaft und deren ersten Geschäftsjahren von 1857 bis etwa 1859.

Quellen- und Literaturverzeichnis.


Anmerkungen

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Sechstes Kapitel zur Geschichte der Maschinenfabrik und Eisengießerei Darmstadt.

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Bearbeitungsstand: 4. Dezember 2021.
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