Fabrik. Blick auf das Fabrikgelände. Quelle: Adreßbuch 1908.

Die Maschinenfabrik und Eisengießerei Darmstadt

Kapitel 17: Die Bank wickelt das Unternehmen ab.

Das seit 1837 als Buschbaum & Comp. bestehende und 1844 zur Maschinenfabrik und Eisengießerei in Darmstadt umfirmierte Unternehmen wurde mit Unterstützung der ebenfalls in Darmstadt ansässigen Bank für Handel und Industrie 1857 in eine Aktien­gesellschaft umgewandelt. Die Liquidation des Unternehmens wurde mit der General­versammlung am 21. Dezember 1878 eingeleitet.

Die Gründerkrise traf das Unternehmen hart. Ohne ausreichende Kapitalbasis war das Hoffen auf bessere Zeiten illusorisch. Als die Verluste 1878 zu groß wurden, zog die Bank für Handel und Industrie die Notbremse und verordnete die Abwicklung. Es sollte nicht ihr Schaden sein.


Dieses Kapitel zur Geschichte der Maschinenfabrik und Eisengießerei ist die Fortsetzung von Kapitel 16 mit der Krise des Darmstädter Maschinenbaus.

17

Die Bank wickelt das Unternehmen ab

Verschiebebahnhof

Die erste Hälfte der 1870er Jahre mag dem Unternehmen eine bescheidenes, aber ausreichendes Produktions­niveau beschert haben, das sich in der zweiten Hälfte nicht mehr halten ließ. Krisenzeiten sind nunmal auch Zeiten, in denen der Markt bereinigt wird. Das im reichsweiten Vergleich kleine Darmstädter Unternehmen besaß zum Lokomotivbau weder die Kapitaldecke, noch die Beziehungen, um im Konzert der Borsigs, Maffeis, Henschels und Keßlers mithalten zu können. Wobei die Haupt­konkurrenten auf dem Markt kleiner Tender­lokomotiven in der Maschinenbau­gesellschaft Heilbronn, dem Werk von Christian Hagans in Erfurt und vor allem Krauß in München bestanden haben.

Annonce.
Abbildung 17.01: Annonce der Direktion. Quelle: Darmstädter Zeitung vom 19. November 1878 [online].

Am 16. November 1878 lud die Direktion der Gesellschaft ihre Aktionäre zur turnus­mäßigen ordentlichen General­versamm­lung ein, deren Tages­ordnung geradezu nichts­sagend wie immer erscheint. Als verliefe alles normal, lud sogar der Bauverein für Arbeiter­wohnungen in Darmstadt am 30. Oktober 1878 seine eigenen Aktionäre zu einer ordentlichen General­versamm­lung am 23. November in den Räumen der Maschinen­fabrik und Eisen­gießerei ein. Da es sich beim Bauverein schon damals um eine Einrichtung gehandelt hat, die nicht den Arbeitern und schon gar nicht den Arbeiterinnen gehörte, sondern wohl­meinenden Kapitalisten und ihnen Nahe­stehenden, welche die städtischen Arbeiter durch gediegene, saubere Familien­wohnungen an sich binden wollten, spricht einiges dafür, daß auch die Maschinen­fabrik Interesse am Wohl­ergehen des Bauvereins hatte. [1]

Doch die in die Einladungen verpackte Unaufgeregtheit war trügerisch. Denn noch am 15. November 1878 wurde eine weitere Entlassungs­welle eingeleitet.

„Gestern wurde in der hiesigen Maschinenfabrik und Eisengießerei allen Beamten, Zeichnern, Werkmeistern, überhaupt denjenigen, deren Anstellungs­verhältniß nach dem Handelsrecht bemessen werden kann, mit 6 wöchiger Frist, also per 1. Januar 1879 unter ausdrück­lichem Vorbehalt einer sofortigen neuen Vereinbarung über Fortsetzung des Dienst­verhältnisses auf Grundlage eines neuen Vertrages, gekündigt, indem dieselben einzeln in das Directions­zimmer berufen und ihnen dort eröffnet wurde, daß nach Beschluß des Verwaltungs­raths also verfahren werden solle. Für das Fabrik- und sonstige Arbeits­personal läuft nach der Gewerbe­ordnung eine 14 tägige Kündigungs­frist, von welcher von der einen oder anderen Seite jede Stunde Gebrauch gemacht werden kann.“ [2]

Annonce.
Abbildung 17.02: Annonce der Direktion. Quelle: Darmstädter Zeitung vom 30. November 1878 [online ulb darmstadt].

Am 29. November 1878, also gerade einmal zwei Wochen nach der ersten Einladung, verschob die Direktion die ordentliche General­versammlung um zehn Tage, um im Anschluß daran eine außer­ordentliche General­versammlung abzuhalten, bei der es um nicht weniger als die Liquidation des Unternehmens gehen sollte. Es darf davon ausgegangen werden, daß die Bank für Handel und Industrie hinter den Kulissen wirkte und sicherlich auch über nunmehr ungedeckte Kredite eingebunden war. Zumindest läßt eine spätere Episode auf derlei Einfluß schließen.

1857 hatte die Bank für Handel und Industrie das Unternehmen mitbegründet; nun war sie wohl nicht länger gewillt, als Aktionär stillzuhalten und weiter Geld zuzuschießen. Zum 31. Dezember 1878 verbuchte die Darmstädter Bank für 54.500 Gulden Stammaktien und für 65.750 Gulden Prioritäts­aktien in ihrer Bilanz. Das entspräche etwa 23% der Stammaktien und 44% der Prioritäts­aktien des zur Liquidation bestimmten Unternehmens. Vorsichts­halber habe man, so die Aussage der Direktion im Geschäfts­bericht der Bank für 1878, „unseren Besitz an Actien und Prioritäts-Actien dieser Unternehmung […] schon früher ganz abgeschrieben.“ Wem die übrigen Anteile gehört haben, wird sich wohl nur sehr rudimentär herausfinden lassen [3]. – Am selben 29. November erschien im „Darmstädter Tagblatt“ eine ausführ­lichere Darstellung zu den Hinter­gründen des Liquidationsantrages.

„Nachdem die hiesige Maschinenfabrik und Eisengießerei in Folge unge­nügender Aufträge schon seit Monaten mit Verminderung der Arbeiter­zahl vorgegangen war, wird nunmehr ein Antrag des Aufsichts­raths auf Liquidation des Unter­nehmens einer auf den 21. December ausge­schriebenen General­versammlung der Actionäre zur Beschluß­fassung vorgelegt werden. Die p[e]r 30. Juni abge­schlossene Bilanz zeigt, daß auch im letzten Jahre, wie in den zwei vorher­gehenden in Folge der Ver­minderung des Umschlags und der stetig rück­gängigen Preise der fertigen Maschinen mit einem erheblichen Verlust­saldo gearbeitet worden ist. So bedauerlich ist es, daß die beinahe voll­ständige Stillegung des Werks gerade bei Beginn des Winters zahl­reiche Familien brodlos machen muß, so hat der Aufsichts­rath doch nach mehr­jährigem Ankämpfen gegen die Krisis sich dieser harten Nothwen­digkeit nicht mehr entziehen können, weil die durch die letzten Verlust­jahre herbei­geführte Absorbirung der schon früher unzu­reichenden Betriebs­mittel eine weitere Fort­führung des Unter­nehmens auf nur einiger­maßen gesunder Basis unmög­lich erscheinen ließ. – Die auf Lager angefangenen werth­volleren Maschinen u. s. w. sollen den Winter über fertig gestellt und damit verkaufs­fähig gemacht werden.“ [4]

Wir können ganz sicher sein, daß die Herren Aktionäre und ihre Familien im nachfolgenden Winter weder frieren noch hungern mußten. Für die Entlassenen gab es hingegen die seit 1853 alljährlich von etwa Dezember bis April eingerichtete Suppenküche, die 1878/79 von einem Damen-, einem Herren- und gemischten Komitee geleitet wurde. Dazu später mehr.

Erwartungsgemäß taten die Aktionäre, was sie schon auf einem Vorbereitungs­treffen am 22. November 1878 vereinbart hatten. In das Protokoll dieser Generalversammlung läßt der Aufsichtsrat die Gründe für die geordnete Abwicklung des Unternehmens hinein­schreiben. Man erhoffte, hierdurch etwa 600.000 Mark freizubekommen, die für das Aktienkapital verblieben und dement­sprechend den Aktionären zugute kommen würden. Vermutlich werden die einen oder anderen von ihnen liquide Mittel in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten gut gebraucht haben können. Die beiden Vorstände Ludwig Weber und Franz Horstmann wurden zu Liquidatoren bestimmt, mit entsprechendem Eintrag im Handelsregister am 4. Januar 1879 [5]. Schon im Vorgriff auf den Liquidations­beschluß hatten die beiden Direktoren auf Geheiß des Aufsichtsrats mehrere externe Gutachter das immobile und mobile Inventar des Unter­nehmens neu bewerten lassen. Im Geschäfts­bericht für 1877/78 finden wir daher einige Angaben zum Grundbesitz, zu den Fabrik­gebäuden und zum Maschinen­park. Demnach bemaßen sich die Grund­stücke der „alten Fabrik“ auf rund 11.250 m² und der „neuen Fabrik“ auf etwa 25.000 m²; hinzu kam ein Sandacker an der Pallas­wiesen­straße mit rund 3.750 m² zur Gewinnung von Formsand für die Gießerei. – Alsdann wurden die Gläubiger aufgefordert, ihre Ansprüche anzumelden:

„Nachdem die Generalversammlung unserer Gesellschaft unterm 21. d. M. die Liquidation unserer Gesellschaft, beginnend mit dem 1. Jan. 1879, beschlossen hat, fordern wir alle Diejenigen, welche noch Ansprüche irgend welcher Art an die Gesellschaft oder deren Kasse zu machen haben, auf, ihre Forderungen bei uns geltend zu machen.“[6]

Zusammenstellung linker Teil.
Zusammenstellung rechter Teil.

Abbildung 17.03: Zusammenstellung der Hauptbetriebs­resultate aus dem Geschäfts­bericht der Maschinen­fabrik und Eisen­gießerei für 1877/78 für die fünfzehn vergangenen Geschäfts­jahre seit der Aktien­umstellung von 1862/63. [7]

Ulrich Eisenbach bemerkt im „Stadtlexikon Darmstadt“:

„Die wohl älteste und lange Zeit bedeutendste Darmstädter Maschinen­fabrik war die »Maschinen­fabrik und Eisen­gießerei Darmstadt Aktien­gesell­schaft«; sie wurde um 1856 gegründet und stellte u. a. stationäre Dampf­maschinen, Lokomobilen, hydraulische Maschinen, Fabrik- und Mühlen­einrichtungen sowie verschiedene Arten von Werkzeug­maschinen her. Seit 1871 spezialisierte sich das Unternehmen auf den Bau von schmalspurigen Lokomotiven, konnte sich damit aber nicht durchsetzen und ging im Krisenjahr 1879 in Konkurs.“ [8]

Der Begriff Konkurs ist hier jedoch unzutreffend; vielmehr fand eine geordnete Abwicklung des Unternehmens, eben eine Liquidation statt, die etwa vier Jahre in Anspruch nehmen sollte. – Am 16. Januar 1879 teilt das „Darmstädter Tagblatt“ ohne Angabe des Zeitraums mit, der Verlust des Unternehmens habe über 36% des zur Auszahlung gelangten Arbeitslohns betragen. Am 7. Februar stand im selben Blatt, es würden nunmehr nur noch zirka vierzig Arbeiter acht Stunden pro Tag arbeiten, mußte diese Zahl jedoch am Folgetag auf 110 Arbeiter korrigieren. – Ende Januar 1879 annoncierte das Unternehmen, die Maschinen­fabrik sei zu verkaufen. [9]

„Maschinenfabrik zu verkaufen.

In Folge der Liquidation unserer Gesellschaft kommen demnächst zum Verkauf:

  1. Das seither als Maschinenfabrik mit Kesselschmiede und Gießerei betriebene, nächst den Bahnhöfen der Hessischen Ludwigs- und Main-Neckar-Bahn gelegene, gegen die Stadtmitte durch die Blumenthalstraße begrenzte und mit den Bahnen durch ein Schienengeleise in Verbindung stehende Fabrik-Etablissement.

    Die Fabrik hat einen Flächeninhalt von 25.000 □ Meter und wurden deren Werkstätten, in welchen seither die Fabrikation von Locomotiven, Locomobilen, Dampfmaschinen aller Art, Werkzeug- und andere Maschinen, sowie Kesselfabrikation und Gießerei für fremden und eigenen Bedarf betrieben wurde, in den letzten Jahren durch Neubauten wesentlich vergrößert und im Innern mit neuen Einrichtungen versehen.

    Die Lage der Fabrik, in welcher 5 bis 600 Arbeiter beschäftigt werden können, ist durch die sich hier von 6 Richtungen der kreuzenden Eisenbahnlinien der Main-Neckar- und Hessischen Ludwigs-Bahn eine sehr günstige.

    Wenn auch einem Verkauf des ganzen Etablissements en bloc mit allem festen und losen Inventar an Maschinen und Geräthen nebst den werthvollen Modell­vorräthen, der Vorzug gegeben, und zu diesem Zweck die Fabrik in allen ihren Theilen bis auf Weiteres in Betrieb erhalten wird, ist doch eine Theilung nach den Haupt-Fabrikations­branchen nicht ausgeschlossen und um so leichter ausführbar, als Maschinen­fabrik, Kessel­schmiede und Gießerei nicht unter einander zusammen­hängen und jede einzelne mit besonderer Einfahrt und Antheil an den beiden Schienen­geleisen versehen werden kann.

  2. Die an der Staatsstraße nach Frankfurt a. M. gelegene, durch Uebersiedelung sämmtlicher Werkstätten in das vorbenannte neue Etablissement stille gelegte ältere Fabrik mit zwei­stöckigem geräumigem Wohnhaus, sowie mit der noch an Ort und Stelle befindlichen Dampf­maschinen­anlage und Transmission und einem Drehkran von 400 Ctr. Tragkraft in dem Montirsaal.

    Das Terrain enthält 11.300 □ Meter Flächeninhalt, wovon nur circa ein Drittel für die Werkstätten, in welchen 150 bis 160 Arbeiter beschäftigt wurden, in Anspruch genommen sind, während der Rest des ein abgeschlossenes Ganze bildende und von allen vier Seiten von Straßen umgebenen Terrains, entweder zur Erweiterung der Werkstätten verwendet, oder besser durch Parzellirung als Baugelände verwerthet werden kann.

  3. Unser reichhaltiges Lager von schmalspurigen Tender­locomotiven, Locomobilen, Centrifugal­pumpen, Dampf-, Werkzeug- u. a. Maschinen nebst Dampfkesseln, sowie eine große Auswahl an Transmissionstheilen.

Nähre Auskunft ertheilt die Maschinenfabrik und Eisengießerei in Darmstadt in Liquidation.“

Quelle: Darmstädter Tagblatt vom 30. Januar 1879 [online ulb darmstadt].

Das Abstoßen des Geländes und Inventars der alten wie der neuen Fabrik gestaltete sich nicht so, wie von der Bank und den Aktionären erhofft. Der 1878 errechnete neue Buchwert des Unternehmens war ohnehin nicht zu realisieren. Die Schön­wetter­zahlen waren mitten in der Gründerkrise zwar hübsch anzuschauen, doch, wenn überhaupt, dann kamen zu den Verkaufs- und Versteigerungs­terminen die Schnäppchen­jäger. Für die „alte Fabrik“ ging gar nicht erst ein Gebot ein und ein späteres Gebot für die neue Fabrik war schlicht nicht akzeptabel. Denn es sollten ja nicht nur die Aktionäre ausbezahlt, sondern auch die aufgelaufenen Schulden abgegolten werden. Ausweislich der zum 30. Juni 1878 aufgestellten Geschäfts­bilanz betrugen diese: 171.428,57 Mark für die 1872 aufgelegten Schuld­verschreibungen nebst Zinsen in Höhe von 2.817,86 Mark, sowie weitere Schuld­verschreibungen für 150.000 Mark, mit der sich im Jahr zuvor die Bank für Handel und Industrie abgesichert hatte. Des weiteren gab es ein Anleihen bei der Süddeutschen Immobilien­gesell­schaft in Höhe von 60.000 Mark und ein weiteres bei der Süddeutschen Boden­kreditbank in Höhe von 77.142,85 Mark. Weitere Bankkredite in Höhe von 228.174,11 Mark und Warenkredite von 50.502,10 Mark waren hinzuzu­rechnen. Insgesamt hätten über den Verkauf beider Fabriken, des Inventars, der Wertpapiere und der fertigen oder noch fertig zu stellenden Produkte mindestens eine halbe Million Mark herausspringen müssen. [10]

Annonce.
Abbildung 17.04: Annonce der Direktion in der Darmstädter Zeitung vom 31. März 1879. Scan vom Mikrofilm, auch [online ulb darmstadt].

Die beiden am 16. April (neue Fabrik) und 17. April (alte Fabrik) angesetzten Versteigerungs­termine ergaben kein Ergebnis. Die für den 21. April einberufene außer­ordentliche General­versammlung soll „in Anbetracht der hoffnungs­losen Sachlage nur äußerst spärlich besucht“ gewesen sein und beauftragte die Liquidations­kommission mit der „außer­gerichtliche[n] Beendigung des Liquidations­verfahrens“. An einem Insolvenz- oder gar Konkurs­verfahren konnten die Banken kein Interesse haben, hätten sie dann wohl weitaus größere Werte abschreiben müssen als in einem „internen Verfahren“. Im Nachgang zu dieser Aktionärs­versammlung erging die Aufforderung an die Inhaber der Obligationen von 1872, selbige bis zum 15. Mai bei der Bank für Handel und Industrie zur baren Einlösung zum Nominal­betrag plus Zinsen vorzulegen. Die Bank selbst hatte hingegen

„im Verein mit zwei anderen Gläubigern die sogenannte ‚Neue Fabrik‘ der Maschinen­fabrik und Eisen­giesserei Darmstadt käuflich erworben […], und zwar um den Preis der Conto-Corrent-Forderungen, welche wir, unter hypotheka­rischer Sicher­stellung, an beide Gesell­schaften hatten. Die auf dem Etablisse­ment der Maschinen­fabrik und Eisen­giesserei Darmstadt im Range vor unserer Forderung haftende Hypotheken­schuld haben wir zur Rückzahlung gebracht.“ [11]

Aus einem internen Bericht der Bank gehen die Details hervor. Sie belegen, daß die optimistische Weltsicht vom November 1878, wonach sich die Immobilien gut veräußern lassen müßten, eher Wunschdenken waren. Der nachfolgend auszugsweise wiedergegebene Bericht geht zudem auf die insgesamt nicht einfachen Verhältnisse auf dem Darmstädter Immobilien­markt ein. Das der Maschinen­fabrik benachbarte Blumenthal­viertel dümpelte seit dem Ausbruch der Gründer­krise von 1873 nurmehr schwerfällig vor sich hin. Auch hier war kreative Phantasie vonnöten, um sich die Werte schönzureden.

„Betheiligung bei industriellen Unternehmungen.

Die von Ihnen ernannte Commission zur Prüfung der Frage der Uebernahme der hiesigen Maschinenfabrik & Eisengießerei durch unsere Bank hat am 30. April eine Sitzung abgehalten, deren Resultat in dem Protocoll niedergelegt ist, das wir hiermit Ihrer Einsicht­nahme unterbreiten. Nachdem die Süddeutsche Immobilien­gesell­schaft mit einem Betrag von rund ℳ 60.000 und die Firma Sal. Oppenheim jr. & Co. mit einem Betrag von rund ℳ 17.500 sich bereit erklärt hatten, in Gemeinschaft mit uns (eigene Betheiligung rund ℳ 200.000) die Fabrik unter Auszahlung der noch vorhandenen Gläubiger zu übernehmen, wurde unterm 2. Mai das Fabrikimmobil auf unseren Namen übertragen, wie unter dem gleichen Tag alle weiteren Activen der liquidirten Gesellschaft an uns cedirt wurden; die Prioritäts­obligationen der Gesellschaft zum Betrag von f 100.000 sind bis auf wenig f 3.500 bei unserer Casse bereits zur Einlösung präsentirt worden, die Abzahlung der Gläubiger ca. ℳ 53.000 ist im Gang. Das hierzu erforderliche Geld legt die Bank unter Verrechnung von 4% Zinsen und unter Einräumung des Verzugsrechts für diese Ausgabe der Gemeinschaft vor. Die Gemein­schaft stelllt nunmehr unter Aufwendung von weiteren ca. ℳ 20.000 noch angefangenen Maschinen zum Verkaufs­werth von ca. ℳ 60.000 fertig und wird alsdann die Situation etwa die folgende sein:

Es wird die Gemeinschaft zur Erwerbung der Fabrik netto verauslagt haben ℳ 510.000 bis höchstens ℳ 520.000; davon dürften einkommen für fertig gestellte Maschinen, für vorhandene Materialien und Vorräthe und an der Gemeinschaft zufließenden Ueberschuß auf der Bank früher verpfändete Verkaufs­objecte zum Mindesten ℳ 60.000 und würde demnach die Fabrik selbst mit allen Einrichtungen der Gemeinschaft auf ℳ 450.000 bis ℳ 460.000 zu stehen kommen.

Wir wollen zu referiren nicht verfehlen, daß bereits zwei Reflectanten für die Fabrik sich bei uns gemeldet haben: mit Einem derselben stehen wir in Unterhandlung; führt dieselbe zu einem Abschluß, so dürfen wir erwarten, daß wir mit der Zeit aus dieser Sache ohne Verlust heraus­kommen.

An dieser Stelle fügen wir noch an, daß das alte Etablissement der Maschinenfabrik und Eisengießerei ebenfalls am 2. Mai in andere Hände übergegangen ist, indem dasselbe an diesem Tag von der Süddeutschen Immobilien­gesell­schaft für den Betrag der darauf ruhenden Hypothek der Süddeutschen Boden­creditbank erworben worden ist. –

Die hiesige Immobilien­gesellschaft Blumenthal & Cie, bei der wir als Commandit­antheils­eigner mit ℳ 192.100 betheiligt sind, kann bei dem momentan sehr schleppenden Gang des Immobilien­geschäfts in die Lage kommen, für die Deckung von Deficiten Sorge tragen zu müssen, die sich ergeben können, wenn in einem Jahr keine oder geringfügige Verkäufe gemacht werden, so daß die Zinsen auf Darlehens­schulden lediglich auf Mieths­eingänge angewiesen sind. In dem Fall als in einem Betriebsjahr gar nichts zum Verkauf kommt, kann dieses Deficit – im äußersten Fall – ℳ 40.000 betragen; in dieser Summe sind jedoch ℳ 12.500 Schulden­tilgung enthalten, so daß der effective Ausfall sich auf ℳ 29.500 belaufen würde. Einzige Gläubigerin der Gesellschaft neben den Hypotheken­gläubigern ist unser Institut mit ℳ 85.000 Blanco- und ℳ 100.000 durch Cession von Hypotheken gedeckten Credit.

Die Gesellschaft besitzt noch 16.494 □ Klafter Terrain zu Buch stehend mit ℳ 50, während die gemachten Verkäufe im Durchschnitt ℳ 85 per □ Klafter erbrachten, ferner 10 Häuser nach vorgenommenen starken Abschreibungen bewerthet auf ℳ 548.000; dem gegenüber stehen an Schulden ℳ 844.000. Das Immobilien­geschäft liegt in hiesiger Stadt keineswegs so darnieder, wie an vielen anderen Plätzen; so werden hier ununter­brochen Neubauten aufgeführt, wie das der starke Zuzug von außen, in den letzten 3 Jahren sind nicht weniger als 6000 Personen zugezogen, erfordert; dieser Zuzug besteht auch keineswegs aus mittelmäßigen Elementen – im vergangenen Jahr allein brachte derselbe über M 600.000 neues versteuerbares Capital in die Stadt. Eine Ueber­production von Wohnungen hat nicht stattge­funden, denn während im Jahr 1870 ein Wohnhaus durch­schnittlich von 15 Personen bewohnt war, treffen heute 18 Personen auf ein Haus. Die Bauplätze für bessere Wohnungen am Süd- und Südost­rand der Stadt sind nahezu erschöpft und es darf daher sicher erwartet werden, daß die Terrains des Blumenthal­viertels demnächst mehr Beachtung finden werden, um so mehr, da in Kurzem die in dem Viertel gelegene Gasfabrik, deren Nähe viele Wohnungs­suchende abschreckt, aus der Stadt heraus verlegt werden wird. Unter diesen Umständen haben die Commandit­antheils­eigner – Haupt­interessentin neben uns ist die Süd­deutsche Immobilien­gesell­schaft – sich zusammen­gethan, um dem Unternehmen über die dann noch bevor­stehende Periode wegzuhelfen. Es verpflichten sich nämlich sämmtliche Commandit­antheils­eigner pro rata ihres Besitzes an Antheilen, für etwaige Deficite der Gesellschaft auf die Dauer von 3 Jahren bis zum Betrag von ℳ 60.000 jährlich aufzukommen; die Modalitäten stehen noch nicht ganz fest, doch dürfte bestimmt werden, daß diese Vorschüsse den Antheils­eignern aus den privatesten Mitteln der Gesellschaft zuzüglich 4% Zinsen jeweils wieder zurückzu­bezahlen sind, mit der Maßgabe jedoch, daß der Netto­erlös aus Terrain­verkäufen zur Hälfte auf Tilgung des von der Bank eingeräumten Credits zu verwenden ist; diese letzte Bestimmung ist deshalb getroffen, weil die in der Gesell­schaft liegende Sicherheit für die Forderung der Bank sich mit dem Verkauf von Tarrains allmälig vermindert.

Für die Dauer dieser Vereinbarung, 3 Jahre, verbindet sich der persönlich haftende Theilhaber der Commandit­gesellschaft, Herr Commerzien­rath Blumenthal, ein vermögender Mann, bei der Gesellschaft zu verbleiben, während er nach dem bisher bestehenden Vertrag das Recht hatte, jederzeit zu kündigen. – Wir hoffen Sie [erg.: sind, WK] mit dem oben skizzirten Plan einer Abmachung, die für die Bank von zweifachem Interesse ist, einverstanden.“

Quelle: Bericht der Directions­abtheilung Darmstadt zur Sitzung des Aufsichtsraths der Bank für Handel und Industrie vom 19. Mai 1879. HAC-500/120579. [12]

Die Bank besaß nunmehr nicht nur, weitgehend abgeschriebene, Aktientitel am Unternehmen, sondern auch den Grundbesitz der „neuen Fabrik“, zudem konnte sie am vorgesehenen Verkauf von Maschinen, darunter auch Lokomotiven, mitverdienen. Die beiden Liquidatoren durften die Produktion unter dem wachsamen Auge der Darmstädter Bank weiterhin leiten. Im Verlauf des Jahres annoncierte die Maschinenfabrik weiterhin die schon vorher zum Verkauf angebotenen Dampfmaschinen und Transmissionen oder bot an, auch weiterhin Aufträge zum Bau oder zur Reparatur von Maschinen anzunehmen. Am 1. Juli wurde sämtlichen Beamten (Angestellten) des Unternehmens zum Monatsende gekündigt, das entsprechende Schicksal der Arbeiter war wohl noch nicht entschieden. Einer der höheren Angestellten, der Material­verwalter Hoffmann, fand rechtzeitig den Absprung. Er wurde in nicht­öffentlicher Sitzung am 12. Juni 1879 von der Stadt­verordneten­versammlung zum städtischen Pfandhaus­verwalter ernannt. Es ist durchaus möglich, daß er in dieser Position seinen früheren, nunmehr auf die Straße gesetzten Arbeits­kollegen gegenüber­getreten ist. [13]

Grund und Boden

Im Oktober 1879 war die Bank Eigentümerin der Ländereien der Maschinen­fabrik an der Blumenthal­straße. Ein vermutlich im Zuge der geplanten Verpachtung des Geländes angefertigter Grundbuch­auszug belegt den Umfang des Werks­geländes. Im Grundbuch wird als Erwerbstitel der Kauf durch die Bank für Handel und Industrie vom 22. Oktober 1879 angegeben; all dies im Grundbuch als nicht beschränkt am 29. Oktober 1879 eingetragen. Der Auszug wurde am 21. April 1885 durch das Groß­herzogliche Ortsgericht Darmstadt beglaubigt und mit Gebühren­marken bezahlt.

In dem im Anschluß an die folgende Grafik als Tabelle wieder­gegebenen Grund­buchauszug sind die Spalten wie folgt beschriftet:

Auszug aus dem Grundbuch.

Abbildung 17.05: Erste von sechs Seiten eines Auszugs aus dem Grundbuch, mit dem der Erwerb der „neuen Fabrik“ durch die Bank für Handel und Industrie dokumentiert wurde. Quelle: HStAD G 15 Darmstadt Nr. 30.

Tabelle 17.1: „Auszug aus dem Grundbuche der Gemarkung Darmstadt, aufgestellt mit Parcellen­vermessung, legalisirt durch Decret vom 30ten April 1849, der Bank für Handel und Industrie, wohnhaft zu Darmstadt zugeschriebene Grundstücke:“
Lfd. Nr.123456789
128/68V81,74939213.50Grabgarten hinter der Prinzenschanze(keine)
228/67V82 3/1076  Hofraithgrund a' an der Schneidmühle(keine)
328/67V83 3/10137 6/10  Hofraithgrund daselbet(keine)
4[28/67]20132,613516701080.Hofraithe unterhalb der Schneidmühle(keine)
528/220–22220140 5/102981¾ 3 ¼ 44.44Acker hinter der Prinzenschanze. Unterhalb der Schneidmühle.(keine)
628/8520183,217 5/102.3Acker daselbst(keine)
728/8720184,2382.6Acker daselbst(keine)
828/7320185,21652.28Acker unterhalb der Schneidmühle(keine)
928/7220186,22612.44Acker daselbst(keine)
1028/7120187,247721.20Acker daselbst(keine)
1128/69 7020188,294122.38Acker daselbst(keine)
12 20207 6/10137  Hofraith­grund Blumenthal­straße(keine)
13 20214,72022.34Acker unterhalb der Schneidmühle(keine)
14 20214 9/10669  Weg hinter der Prinzenschanze(keine)
1528/108 & 10720160216934.03Acker unterhalb der SchneidmühleV.10
1628/10620161406¼ 2 ¾ 3.51Acker daselbstV.2
1728/10520162556¼ 2 ¾ 31.10Acker daselbstIII
IV
.4½
.3
1828/10420163575¼ 2 ¾ 31.12Acker daselbstV.3
Tabelle 17.1: „Auszug aus dem Grundbuche der Gemarkung Darmstadt, aufgestellt mit Parcellen­vermessung, legalisirt durch Decret vom 30ten April 1849, der Bank für Handel und Industrie, wohnhaft zu Darmstadt zugeschriebene Grundstücke:“
Lfd. Nr.123456789
128/68V81,74939213.50Grabgarten hinter der Prinzenschanze(keine)
228/67V82 3/1076  Hofraithgrund a' an der Schneidmühle(keine)
328/67V83 3/10137 6/10  Hofraithgrund daselbet(keine)
4[28/67]20132,613516701080.Hofraithe unterhalb der Schneidmühle(keine)
528/220–22220140 5/102981¾ 3 ¼ 44.44Acker hinter der Prinzenschanze. Unterhalb der Schneidmühle.(keine)
628/8520183,217 5/102.3Acker daselbst(keine)
728/8720184,2382.6Acker daselbst(keine)
828/7320185,21652.28Acker unterhalb der Schneidmühle(keine)
928/7220186,22612.44Acker daselbst(keine)
1028/7120187,247721.20Acker daselbst(keine)
1128/69 7020188,294122.38Acker daselbst(keine)
12 20207 6/10137  Hofraith­grund Blumenthal­straße(keine)
13 20214,72022.34Acker unterhalb der Schneidmühle(keine)
14 20214 9/10669  Weg hinter der Prinzenschanze(keine)
1528/108 & 10720160216934.03Acker unterhalb der SchneidmühleV.10
1628/10620161406¼ 2 ¾ 3.51Acker daselbstV.2
1728/10520162556¼ 2 ¾ 31.10Acker daselbstIII
IV
.4½
.3
1828/10420163575¼ 2 ¾ 31.12Acker daselbstV.3

Die Süddeutsche Immobilien-Gesellschaft sicherte sich das Gelände der „alten Fabrik“ an der Frankfurter Straße mitsamt Gebäuden und Inventar. Auch wenn die Verwertung des Areals zwei Jahrzehnte benötigen sollte, so war dies immer noch besser, als das bei einer Insolvenz zur Disposition stehende Darlehen an die Maschinenfabrik gänzlich abzuschreiben. Die damit verbundenen Pläne wurden in der Stadt­verordneten­versammlung am 3. Oktober 1879 diskutiert.

„Herr Architekt Harres beabsichtigt auf der Südseite der Riedeselstraße eine Anzahl Häuser zu erbauen, welche Billenartig [sic!] und mit allem Comfort ausgestattet zum Alleinbewohnen für Familien eingerichtet werden sollen. Er wünscht, da die Straße nicht sehr breit ist, diese Häuser fünf Meter von der Straßenflucht zurückzusetzen und Vorgärten anzulegen, welchem Gesuch die Stadt­verordneten­versammlung umsomehr entsprach, als durch diese Bauten einem in hiesiger Stadt sehr häufig zu Tage tretenden Bedürfniß abgeholfen wird.

Die süddeutsche Immobilien­gesellschaft zu Mainz beabsichtigt, was bei dieser Gelegenheit zur Sprache kam und freudig begrüßt wurde, auf dem von ihr erworbenen Terrain der aufgelösten hiesigen Maschinen­fabrik und Eisen­gießerei zehn Häuser in gleicher Weise zu errichten.“ [14]

Zeitungsannonce.
Abbildung 17.06: Annonce zur Produktions­einstellung. Quelle: Darmstädter Tagblatt vom 22. Oktober 1879 [online ulb darmstadt].

Zwei Wochen später beschlossen die maßgebenden Gremien der Fabrik, die Produktion einzustellen und die Arbeiter zu entlassen.

„Nach einem Beschlusse des Verwaltungs- und Aufsichts­raths der hiesigen Maschinen­fabrik und Eisen­gießerei hat dieses Institut mit Ende dieses Monats seinen Betrieb einzustellen. Damit werden ca. 100 Arbeiter brodlos. Die immer noch darnieder­liegende Eisen­industrie berechtigt leider nicht zu der Hoffnung, daß diese Leute – wenigstens nicht Viele – alsbald wieder in ihrer Branche anderweite Beschäftigung finden. An nicht Wenige, namentlich an diejenigen, die Familie haben und nicht in der Lage waren, Ersparnisse zu machen, wird die traurige Noth­wendigkeit herantreten, an die Thüre der Armen­verwaltung zu pochen, ein Schritt, der wohl Menschen um so schwerer fallen dürfte, als diese Leute das Bewußt­sein in sich tragen dürften, die Besten unter den beschäftigt gewesenen Leuten gewesen zu sein, sind sie ja doch Diejenigen, die man am längsten zu halten gute Veranlassung hatte. Damit wird bei dem bevor­stehenden Winter eine tiefernste Aufgabe an unsere Armen­verwaltung herantreten. Der ausgegebene Bericht der Handels­kammer will die Krisis der Eisen­industrie so gut wie beendet ansehen und die Rückkehr besserer Zeiten in Sicht stellen und wollen wir hoffen, daß diese Anschauungen sich bald verwirklichen werden.

Nachdem sich die mit einem Mannheimer Hause gepflogenen Verhandlungen über den Fortbestand der in Liquidation getretenen Maschinenfabrik und Eisengießerei zerschlagen, wurde dem gesammten, zur Zeit noch beschäftigten Personal vorgestern [demnach am 16. Oktober, WK] per 1. November gekündigt.“ [15]

Diese Kündigungen sollten die Stadt­verordneten­versammlung am 30. Oktober 1879 beschäftigen. Zunächst in der knapperen Version der „Darmstädter Zeitung“.

„Hierauf sucht Stadtverordneter Lehr in dringlicher Angelegenheit um das Wort nach und stellt motivirt den Antrag: an die Direction der Bank für Handel und Industrie das dringende Ersuchen zu richten, dieselbe wolle in Anbetracht der vorliegenden denkbar ungünstigen Verhältnisse die Arbeiter der Maschinenfabrik und Eisengießerei vorerst weiter beschäftigen und sagt die Stadt ihre moralische und materielle Hülfe so weit als möglich zu.

Die Stadtverordneten­versammlung wählt die Herren Beigeordneten Riedlinger, und Stadt­verordneten Lehr, Blumenthal und Gaulé als Deputation, die der Direction alsbald im Sinne des Antrags Vorstellung machen und das Ersuchen um vorerstige Weiter­beschäftigung des gedachten Personals stellen soll. Die Deputation begibt sich sofort nach der Bank.“[16]

Aus dem Bericht im „Darmstädter Tagblatt“ lassen sich Überlegungen herauslesen, das Unternehmen finanziell zu stützen, sofern es die nunmehr Arbeitslosen weiter beschäftige. Ob es hierbei auch Absprache­versuche im Hintergrund gegeben hat, die Aktionäre des Unternehmens, dessen Liquidation mangels Interessenten eher schleppend voranging, aus der Stadtkasse abzufinden, kann nur gemutmaßt, aber wohl nicht belegt werden. Der mitentsandte Stadt­verordenete Blumenthal war Aktionär der zu liquidierenden Gesellschaft, was einen Interessen­konflikt nahelegt.

„Lehr brachte sodann die bevorstehende Schließung der Maschinen­fabrik zur Sprache und gab anheim, die Bank um Fortbetrieb während des Winters zu ersuchen, worauf der Ober­bürger­meister mittheilte, daß er bereits desfallsige Schritte gethan, die aber leider erfolglos geblieben seien. Hr. Gaulé glaubte, daß die Stadt sich bereit erklären sollte, das Etablisse­ment binnen Jahresfrist um den Preis von etwa 400.000 M. zu erwerben, um es als Schlachthaus, Gasfabrik, Vieh­markt­stallung und Einquartierungs­haus zu benutzen, in welchem Falle sich die Bank zum Fortbetrieb entschließen würde. Der Beschluß ging dahin, dem Antrag Lehr dahin Folge zu geben, daß alsbald eine Deputation, bestehend aus den Herren Beige­ordneten Riedlinger und den Stadt­verordneten Blumenthal, Gaulé und Lehr, an die Direction der Bank zu entsenden sei, um sie nochmals um einst­weiligen Fortbetrieb zu ersuchen.“ [17]

Die Stadtverordneten befürchteten wohl nicht zu Unrecht, daß die Stadt ohnehin über ihre Armenkasse in die Verantwortung genommen würde, während die Aktionäre nicht weiter Schaden litten. Der Jahresbericht der Handelskammer zu diesem Jahr faßt zusammen:

„Auch im Jahre 1879 ist nach den uns gewordenen Mittheilungen die allgemeine Lage der Maschinenfabriken noch ebenso traurig wie im Vorjahre gewesen.

Die Blüthe des Maschinenbaues hängt mit der Unternehmungslust in den übrigen Zweigen der Industrie eng zusammen, und da die erstere noch nicht wieder erwacht ist, so konnte auch im Maschinenbau sich noch kein neues Leben entwickeln. Es bewegt sich derselbe deshalb immer noch in sehr engen Grenzen.

Ein hervorragendes Etablissement, das sich mit dem Vetriebe von Dampfdresch­maschinen befaßt, klagte ebenso wie ein anderes, das Werkzeug­maschinen anfertigt. Dagegen soll ein anderes Etablissement, das sich speciell nur mit Anfertigung von vervoll­kommneten Maschinen für große Brennereien befaßt, im flottesten Betriebe stehen und eine Anzahl von anderen Maschinen­fabriken zu Hilfe nehmen, um die Aufträge, die von inner- und außerhalb Deutschlands einlaufen, effectuiren zu können.

Die im vorigen Jahre [also 1879, WK] in Liquidation geratene ‚Maschinenfabrik und Eisengießerei Darmstadt‘ steht dermalen vollständig still und hat sich noch kein Käufer für dieses Etablissement gefunden.“ [18]

Während das „Etablissement“ der Maschinenfabrik und Eisengießerei abgewickelt wird, zeigen sich die ersten Lichtstreifen am geschäfts­tüchtigen Horizont. Zwar sei die Lage der Maschinen­fabrikation nicht viel günstiger als im Jahr zuvor, doch werde eine geringe Besserung der Geschäfte gemeldet, so die Handelskammer in ihrem 1881 erschienenen Bericht über die traurigen Zustände des Vorjahres. Zwei Jahre später traut man sich schon, leicht euphorisch zu wirken: „Die Maschinen­fabrikation, die längere Zeit hier nach früherem Aufschwung sehr darniederlag, steht nahezu in ihrer alten Blüthe.“ – Aber da war, um im Bilde zu bleiben, der Zug für das Darmstädter Lokomotiv­unternehmen schon längst abgefahren. [19]

Das Adreßbuch von 1880 wie das von 1882 nennen in der Frankfurter Straße nur noch eine „Alte Eisengießerei“, während in der Blumenthal­straße bis 1885 weiterhin die Maschinen­fabrik und Eisen­gießerei genannt wird. Diese wiederum taucht ab 1880 im auf Grundlage des Handels­registers erstellten Firmen­register der jeweiligen Adreßbücher zwischen 1880 und 1885 nicht mehr auf. 1882 scheint die Bank ohne Erfolg in Verhandlungen mit einem oder mehreren Interessenten gewesen zu sein. [20]

Die Suppenanstalt

Die Dividenden der Einen sind das Elend der Anderen. Solange die Maschinen­fabrik ausreichend Gewinne abwarf, um die Aktionäre zufrieden­zustellen, wurden dringend Hände gesucht, die daran arbeiteten, die Dividenden­maschine am Laufen zu halten. Als im Herbst 1878 absehbar war, daß auch im laufenden Geschäfts­jahr kein Gewinn und erst recht keine Dividende zu erwarten waren, wurde der Laden zugemacht. Die Aktionäre mußten ihr eingezahltes Kapital zumindest teilweise abschreiben, aber hungern und frieren mußten sie deshalb gewiß nicht. Die Arbeiter wurden nach und nach auf die Straße gesetzt und mußten sehen, wie sie die kommenden Tage, Wochen und Monate überleben. Die Winter waren damals härter als heute.

Die barmherzigen Samariter, in Darmstadt meist evangelischer Konfession, die keinerlei Skrupel hatten, den Arbeitern die Türe vor der Nase zuzuschlagen, hatten eine Idee. Sie eröffneten eine Suppenanstalt. Das Prinzip ist über die Jahrzehnte gleich geblieben, nur daß die Suppenküche heute „Tafel“ [21] genannt wird. Für diese Art Wohl­tätigkeit lassen sich diese Geschäfts­leute mit ihrer glänzenden Geschä­ftsidee gerne feiern.

Die Suppenanstalt, Teil I

Mit einem gewissen pompösen Auftreten konstituierte sich am 20. November 1878 eine gutbürgerliche Gruppierung. Wozu eine Suppenküche einen Ehrenpräsidenten benötigt, wissen wohl nur die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Veranstaltung. Vielleicht bauchpinselt sich eine solche Gruppierung der Wohltäter gerne selbst.

„Gestern Nachmittag fand unter dem Vorsitz des Herrn Ober-Bürgermeister Ohly auf dem Rathhaus eine namentlich von der Damenwelt, welche dem ‚stärkeren Geschlecht‘ mit gutem Beispiel voranging, stark besuchte Versammlung in Sachen der am 1. Dezember zu eröffnenden Suppenanstalt statt. Nach kurzer Debatte schritt man zunächst zur definitiven Constituirung des engeren Comites für die Verwaltung. Das Damencomite besteht hiernach aus Frau Hofgerichts­advokat Siegfrieden als Vorsitzerin, Fräulein Hoffmann als Stellvertreterin, sowie den Fräulein von Normann, Weber, v. Willich, v. Follenius, Merck, Linz, Weidenbusch, L. Jonghans, den Frauen L. Merck, Riedlinger, Gottf[ried] Schwab, Neustadt, v. Schenck. Das engere Herren­comite ist aus Hrn. W. Schwab als Ehrenpräsident, Hrn. Jordis als geschäfts­führenden Präsidenten, sowie den Herren Rentner G. Schwab, D. Faix, A. Klein, Ganz, Möser und Nungesser zusammen­gesetzt. Außerdem wurde noch ein weiteres Damen- und Herren-Comite, dem gleichfalls das Recht auf Cooptation zugestanden ist, gewählt. – Die Fleisch­lieferung wurde der Metzger­innung als solcher übertragen.“ [22]

Hier herrscht eine klare Arbeitsteilung vor: die Herren Unternehmer entlassen und die Damen der Gesellschaft fangen auf. Es würde mich nicht überraschen, wenn unter den vielen Komitee­mitgliedern auch einzelne Aktionäre der Maschinenfabrik oder deren Ehefrauen und Töchter zu finden wären. Dies würde die bigotte Farce vervollständigen, von der jedoch für viele Arbeiterinnen und Arbeiter (und deren Kinder) das Durchstehen des Winters abhing. Die Suppenanstalt sollte erst am 9. Dezember ihre Pforten öffnen.

„Der bevorstehende Betrieb der Suppenanstalt wird voraus­sichtlich von zahlreichen Bettlern als Vorwand benutzt werden, um die hiseigen Einwohner mit Bitten zu bestürmen. Wir machen desßhalb darauf aufmerksam, daß die Bettelei, das verderblichste Uebel einer Gemeinde, gerade bezüglich der Suppen­anstalt ganz ohne Grund ist.

Annonce.
Abbildung 17.07: Annonce der Suppenanstalt im „Darmstädter Tagblatt“ vom 7. Dezember 1878; Scan vom Mikrofilm, auch [online ulb darmstadt].

Das Comite der Suppen­anstalt wird im Laufe des Winters die mit größter Sorgfalt bereitete nahrhafte Speise um mehrere Tausend Mark unter den Selbst­kosten verkaufen, und mehr als das Doppelte wird erspart durch die Einkäufe und Zube­reitung im Großen, und durch die unentgelt­liche Arbeit der zahlreichen Comite­mitglieder [wohl der weiblichen, WK]. So werden alle Einnahmen aus Arbeits­verdienst, wie die Unter­stützungen der Stadt an Arbeits­unfähige weiter reichen als bisher, weil eine gute nahrhafte Speise für unge­wöhnlich niedrigen Preis zu haben ist.

Der allgemeine Verein gegen Verarmung und Bettelei wird es sich ganz besonders angelegen sein lassen, solchen Familien, welche in Noth geraten, auch ohne von der Stadt unterstützt zu werden, es zu ermöglichen, die Wohlthat der Suppenanstalt zu genießen, und zwar in der Größe und Regelmäßigkeit, wie der wirkliche Nothstand es erfordert. Diese wirkliche Noth auszu­suchen ist aber dem Einzelnen nicht möglich, und so würden sie nur ausge­beutet werden von gewerbsmäßigen Bettlern, welche ja in früheren Jahren mit den Suppenkarten den schmäh­lichsten Handel trieben, und das erhaltene Geld meistens vernaschten oder in die Schnaps­boutiken trugen, und selten für Suppe verwendeten. –

Unsere Mitbürger werden deßhalb ersucht, Bettler, namentlich aber Kinder, an den Thüren und in den Häusern abzuweisen, damit nicht die Suppenanstalt, anstatt eine Wohlthat, durch Wiederbelebung der kaum beseitigten Bettelei, zum größten Schaden für unsere Stadt werde. Jede bekannt werdende wirkliche Noth wäre mündlich oder schriftlich dem Vorstand des allgemeinen Vereins gegen Verarmung u[nd] Bettelei, Amtslokal Louisenstr[aße] 26, anzuzeigen. –

Es wird gebeten an den Rechner dieses Vereins, Herrn Revisor Wagner, Hölgesstraße 12, oder an den Sekretär, Herrn Rentner Petsch, Rheinstraße 29, Geschenke für Vertheilung von Speise im Allgemeinen, oder mit der Bestimmung für einzelne Familien gelangen zu lassen, deren gewissenhafte Verwendung pünktlich besorgt wird, die Portion Suppe von 5/8 Liter wird gegen Baarzahlung von 5 Pfennigen verkauft. Suppenkarten werden nur an den allgemeinen Verein gegen Verarmung und Bettelei verkauft, welcher sie durch seine Helferinnen und Helfer dahin geben wird, wo es Noth thut. In dem Lokale der Anstalt, Mühlstraße, wird von Montag den 9. December an täglich, (mit Ausnahme der Sonntage) um 11 Uhr mit dem Verkauf begonnen. In ihrer Ankündigung macht die Suppenanstalt ihren Abnehmern besondere Reinlichkeit zur Pflicht.“ [23]

Oh je, dieser schändliche Handel mit Suppenkarten! Noch viel schlimmer ist es dann, wenn diese elenden Bettler es wagen zu naschen oder sich gar dem Alkohol zuzuwenden. Derlei steht nur den bigotten Ehren­männern zu, die – wie ich in den vorherigen Kapiteln gezeigt habe – jede, aber auch wirklich jede Gelegen­heit gesucht, gefunden und ausgenutzt haben, sich feucht­fröh­lich mit ihren Zoten und Toasten zu amüsieren.

Als im Oktober 1879 die Maschinenfabrik ihre Tore endgültig schloß, wurde der Bedarf der Suppenanstalt offenkundig, zumal die Maschinenfabrik nicht das einzige Unternehmen gewesen ist, das im Herbst die Belegschaft „verschlankt“ hat.

Die Suppenanstalt, Teil II

Auch zu Ende des Krisenjahrs 1879 wurde die Suppenanstalt reaktiviert. Während auf der einen Seite namhafte Unternehmen kurz traten, konnten deren Eigentümer generös auftreten und für die bevorstehende Suppenküchen­saison als edle Spender auftreten. Eine Annonce im „Darmstädter Tagblatt“ listet am 19. November 1879 53 Namen auf, die insgesamt 1.226 Mark zusammentrugen, wobei Carl Merck mit 500 Mark und Theodor Wendelstadt mit 100 Mark hervorstachen. Am selben Tag schrieb das „Darmstädter Tagblatt“:

Annonce.
Abbildung 17.08: Annonce der Suppenanstalt im „Darmstädter Tagblatt“ vom 29. März 1879; Scan vom Mikrofilm, auch [online ulb darmstadt]. Bei rund 100.000 verköstigten Personen wurde innerhalb von vier Monaten der vorherigen „Saison“ ein erheblicher Aufwand getrieben; rein ehren­amtlich war der Betrieb jedoch nicht zu führen.

„Die Aufforderung zur Betheili­gung an der mit 1. December d[ieses] J[ahres] erfolgenden Wieder­eröff­nung der Suppen­anstalt hat all­seitigen Anklang gefunden, was sich sowohl in den Beiträgen, welche bereits ca. 2000 Mark betragen, als auch in der sehr zahl­reichen Betheili­gung auf der Versamm­lung auf dem Rathhause aussprach, in welcher Frau Advocat Siegfrieden und Fräulein Hofmann wieder zu Präsi­dentinnen und die Vertheilung der Tages­leitungen unter die anwesenden Damen vorge­nommen wurden. Der Vorsitzende, Herr W. Schwab, dankte den Versam­melten für ihre bereit­willige Mitwirkung, indem er darauf hinwies, wie wohl­thätig die Suppen­anstalt bereits gewirkt habe und wie sie dazu beitragen werde, bei der bevor­stehenden Nothlage gar mancher Familie Erleich­terung zu bringen.“

Wie groß der Bedarf in jenem Winter war, läßt sich daran ermessen, wenn beispielsweise am 10. Dezember 1879 rund 1.700 Portionen Suppe ausgegeben wurden. An den beiden Weihnachts­feiertagen, am darauf folgenden Samstag (27. Dezember) sowie am Neujahrstag wurde nicht gekocht. [24]

Das vorjährige Ergebnis von rund 100.000 ausgeteilten Suppen wurde diesmal schon am 24. Februar 1880 mit 100.278 Portionen erreicht. Die Darmstädter Industriali­sierung ging mit der Verelendung der lohn­abhängigen Bevölkerungs­gruppen einher; nicht etwa, weil dies ein unvermeidlicher Kollateral­schaden war, sondern weil es profitabel war (und ist), Arbeiterinnen und Arbeiter auszupressen und anschließend, wenn die Profite es erfordern, auf die Straße zu werfen. So nimmt es dann kein Wunder, wenn sich die asozial agierenden Profiteure einer derartigen Entwicklung als Wohltäter gerieren.

„Unter den Hülfsmitteln zur Bekämpfung der Noth des verflos­senen Winters nahm die Suppen­anstalt eine hervor­ragende Stelle ein. – Im Winter 1853/54 gegründet, erwies sie sich schon damals so segens­reich, daß von dem Gemeinde­rath dem Verein ein besonderer Dank votirt wurde. Seitdem hat der Betrieb nach allen Richtungen sich vervoll­kommnet. Durch Benutzung und Fest­stellung aller gemachten Erfahrungen geschieht dermalen die Her­stellung der Speisen mit einer solchen Sicherheit des Gelingens von Güte und Wohl­geschmack, daß sie von den sorgsamsten Familien­küchen kaum über­troffen werden kann, und, begünstigt durch eine Reihe von praktischen Einrich­tungen, war es möglich, 1500 und mehr Portionen in 60 bis 70 Minuten auszugeben.

Die Suppenanstalt sucht das Ansehen einer wohlthätigen Anstalt, im gewöhnlichen Sinne des Wortes, zu vermeiden; sie schenkt nicht, sondern sie verkauft nur, und stebt durch größte Reinlich­keit beim Anrichten und Aus­schöpfen, wie durch die freund­lichste Höflich­keit, in ihren Abnehmern sorg­fältig das Bewußt­sein, daß sie Käufer sind, und damit das Ehrgefühl zu erhalten.

Solche harte und dabei arbeitslose Winter wie der diesjährige, bringen die Noth auch unter einen Theil der Bevölkerung, welcher gewohnt ist, sich redlich und fleißig durch Arbeit zu ernähren, welcher sich nicht zur Bitte entschließen kann, und, nachdem alle Ersparnisse aufgezehrt sind, hungern und frieren würde, und entkräftet wäre, wenn Frühling und Arbeit wiederkehren; …“

Hier schimmert ein rationaler Grund für die ehrenhaften Motive der Armenspeisung durch: wenn die Saison langer Arbeitszeiten wieder beginnt, möchte man frische Arbeitskräfte vorfunden, die anpacken und das Pensum durchhalten. Das ist praktisch gedacht; nicht die Menschen als solche sind gemeint, sondern deren ausbeutbare Arbeitskraft.

„… solcher Noth konnte die Suppenanstalt in hunderten von rührenden und doch herzerfreuenden Fällen helfen, und den Bedrängten Gesundheit, Arbeitskräfte und ehrenhafte Selbst­ständigkeit erhalten.

Zur Herstellung der Speisen werden nur Victualien bester Qualität verwendet, und an dem Arbeits­verdienst vorzugsweise ehrbare bedürftige Personen betheiligt. Durch das Zusammen­wirken mit dem Allgemeinen Verein, an welchen über 13.000 Karten abgegeben wurden, ist es abermals gelungen, ohne die ent­sittlichende Bettelei wieder zu beleben, die eigentlichen Armen an der Speisen­abgabe nach vollem Bedürfniß zu betheiligen. Im Ganzen werden bis zum Schlusse der Anstalt, welcher Samstag den 20. März stattfinden wird, ungefähr 125.000 Portionen ausgegeben sein. Es gelang, die Einbuße bei dieser gewaltigen Production auf etwa 5000 M. zu beschränken; es werden demnach von den von unseren Mitbürgern so bereitwillig gespendeten 6000 Mark etwa 1000 Mark in den Fonds der Suppen­anstalt eingelegt werden können.“

Auch hier zeigt sich die praktische Seite der Suppenanstalt. Lieber 6.000 Mark spenden als die Bedürftigen als Arbeiterinnen und Arbeiter zu beschäftigen; das käme teurer. Einige Jahrzehnte später werden die Stadtoberen noch praktischer denken und sich einige Projekte ausdenken, die sie, als Notstandsarbeiten deklariert, von zum Sozialfall gemachten Erwerbslosen ausführen lassen.

„Zum größten Theil verdanken wir dieses günstige Ergebniß der Fülle von freiwilliger Arbeit, welche auch in diesem Winter, trotz Kälte und Unwetter, mit bewundernswerther Ausdauer und Gewissenhaftigkeit seitens der großen Zahl der helfenden Damen und Herren geleistet wurde. Weit höher aber als die Ersparniß an Geld ist der wohlthätige Einfluß zu stellen, welchen der überaus freundliche Verkehr zwischen den helfenden Mitgliedern der Anstalt und dem kaufenden Publicum hatte. Trotz dem starken Consum und häufig überaus großen Andrang vollzog sich der Verkauf über die Straße wie das Verzehren im Local, stets ruhig und in musterhafter Ordnung, und es war sichtbar, daß die Abnehmer durch Reinlichkeit in dem Erscheinen, namentlich auch der Speise holenden Kinder, wie durch anständiges Benehmen sich dankbar zu zeigen suchten für die Mühe und Arbeit, welche ihnen hier von ihren Mitbürgerinnen und Mitbürgern gewidmet wurden.“

Als praktischer Nebeneffekt der Wohltätigkeit erscheint hier die Domestizierung der arbeitenden Bevölkerung, namentlich der Kinder, wohl nicht zuletzt in der Erwartung, daß selbige nicht den agitatorischen Einflüsterungen der damals noch radikalen Sozialdemokratie erliegen mögen. [25]

„Es wurde denn mit vereinten Kräften ein wichtiger Theil der Noth des verflossenen Winters abgewehrt, die freundlichen Helferinnen und Helfer aber nehmen als Lohn das Bewußtsein mit nach Hause, ein liebevolles, verständiges und nützliches Werk mit gutem Erfolg vollbracht zu haben, und wir dürfen hoffen, daß wenn eine ähnliche Noth künftig herannahen sollte, die Mittel und Arbeitskräfte zur Abwehr wieder bereit sein werden.

Rechnungsablage und Specialbericht des Vorstandes erfolgen, wie wir hören, baldigst.“ [26]

Die „ähnliche Noth“ kam aufgrund der wirtschaftlichen Vorgaben im großzügigen Umgang mit dem Arbeitspersonal gewiß im darauf folgenden Winter.

Ausverkauft und aufgeräumt

Von 1879 bis 1883 waren die offiziell bestallten Liquidatoren Ludwig Weber und Franz Horstmann darum bemüht, den Aktionären einen versöhnlichen Abgang zu verschaffen. Die Immobilien hatten die Banken schon bald unter sich aufgeteilt. Doch galt es auch in kleinem Umfang, die Warenvorräte, Maschinen und fertiggestellten Werkzeuge und Lokomotiven loszuschlagen. Wenn die Angaben in der Schmeiser-Liste über ausgelieferte Lokomotiven zutreffen, wurden noch 1880 auf Lager produzierte Exemplare verkauft. 1883 trafen sich dann die Aktionäre ein lettztes offizielles Mal, um die 1857 begonnene Episode der Maschinenfabrik zu beenden.

Annonce.
Abbildung 17.09: Annonce der Direktion [online ulb darmstadt].

Eine Annonce in der „Darmstädter Zeitung“ am 3. und 6. März 1883 belegt die erfolgreiche Liquidation des Unternehmens. Wenige Tage zuvor, am 28. Februar 1883, hatte nämlich eine außerordentliche General­versammlung beschlossen, daß der bescheidene verbliebene Restbetrag zugunsten der Aktionäre ohne Stimmrecht zu verteilen sei. Nun mögen 4,75 Mark pro Prioritätsaktie keinen exorbitanten Betrag darstellen, aber der Vorgang zeigt, daß dem Wohl und Wehe der Kuponschneider selbst unter ungünstigsten Bedingungen immer genüge getan wird.

Der Schlußbericht der Liquidatoren.

„Bericht des Liquidations-Ausschusses und der Liquidatoren an die Herren Actionäre der Maschinenfabrik und Eisengießerei Darmstadt in Liquid[ation] erstattet in der außer­ordentlichen General­versammlung vom 28. Februar 1883.

Geehrte Herren!

In Ihrer außerordentlichen Generalversammlung vom 21. April 1879 faßten Sie auf unseren Antrag den folgenden Beschluß:

‚Die Generalversammlung ermächtigt die Liquidations-Organe der Gesellschaft zu bestmöglicher Herbeiführung eines außergerichtlichen Arrangements mit den Gläubigern der Gesellschaft unter eventueller Hingabe des gesammten vorhandenen Actienvermögens immobiler und mobiler Natur und zur Beendigung der Liquidation der Gesellschaft nach bestem Ermessen.‘

und liegt uns heute ob, Ihnen von der Durchführung dieses Beschlusses und von der Art und Weise der Abwickelung der Geschäfte unserer Gesellschaft Kenntniß zu geben.

Wie Ihnen erinnerlich, waren s[einer] Z[eit] die Versuche, die unserer Gesellschaft gehörigen Immobilien in öffentlicher Versteigerung zu veräußern, erfolglos geblieben: für das alte Etablissement unserer Gesellschaft fand sich gar kein Liebhaber und auf die s[o] ge[enannte] „neue Fabrik“ – ohne Betriebs-Einrichtung – waren nur M. 150.000 geboten worden, ein Preis, bei dessen Annahme nicht einmal die an erster Stelle eingetragenen 5% Obligationen unserer Gesellschaft voll gedeckt gewesen wären.

Der Intervention der Bank für Handel und Industrie haben wir es zu verdanken, daß der traurigste Schritt uns erspart geblieben ist und wir in die Lage versetzt worden sind, die Liquidation unserer Gesellschaft auf außer­gerichtlichem Wege zu beendigen.

Genannte Bank übernahm am 1. Mai 1879 die „neue Fabrik“ mit Einrichtungen und Vorräthen, sowie die restlichen Ausstände und sonstigen Actien unserer Gesellschaft, berichtigte dagegen die Obligations-Schuld von M 180.000 und rückständigen Zinsen, erklärte sich für ihre Conto­corrent­forderung von ca. M. 200.000, sowie in Vertretung zweier anderer Gläubiger unserer Gesellschaft für deren Forderungen von zusammen ca. M 77.000 durch die Ueberlassung der oben gedachten Actien für befriedigt und stellte uns endlich ein Pauschale zur Verfügung, aus dem wir die verbleibenden Schulden unserer Gesellschaft abtragen konnten. Gleichzeitig wurde die „alte Fabrik“ einem Gläubiger gegen Uebernahme der auf derselben bestanden[en] Hypotheken­schuld von ca. M. 77.000 überlassen.

Aus dem von der Bank für Handel und Industrie uns zur Verfügung gestellten Pauschale ist nunmehr, nach vollständiger Durchführung der Liquidation, ein kleiner Restbetrag uns verblieben, der uns zuzüglich des Erlöses aus einer in der alten Fabrik befindlich gewesenen Dampfmaschine und inclusive aufgelaufener Zinsen auf M. 2.951,74 beläuft.

Dieser Restbetrag ist abzüglich der Kosten für noch erforderliche Publicationen und für Löschung der Gesellschaft im Firmenregister an die Inhaber der 600 Prioritäts-Actien zur Ausschüttung zu bringen und gestatten wir uns demgemäß den Antrag:

Die Generalversammlung wolle beschließen:

‚Die nach Durchführung der Liquidation zur Verfügung der Gesellschaft verbliebenen M. 2.951,74 werden zur Zahlung von je M. 4,75 (vier Mark 75 Pfennige) auf die 600 Stück Prioritäts-Actien der Gesellschaft verwendet, während der alsdann noch erübrigende Saldo zur Deckung der Kosten für noch erforderliche Publicationen und für Löschung der Firma der Gesellschaft im Handelsregister zu dienen hat.‘

Nachdem hiermit die Liquidation unserer Gesellschaft durchgeführt ist, die uns von Ihnen übertragen gewesenen Functionen sonach beendigt sind, bitten wir Sie, folgenden abschließenden Antrag zum Beschlusse erheben zu wollen:

‚Die Generalversammlung ertheilt dem Liquidationsausschusse und den Liquidatoren Entlastung für die in Durchführung der Liquidation der Gesellschaft vollzogenen Handlungen, genehmigt die Art der Abwickelung der Gesellschaft in allen Beziehungen und erklärt die Liquidation für beendigt.‘“

Quelle: Stadtarchiv Darmstadt, Bestand ST 63/15. [27]

Annonce.
Abbildung 17.10: Annonce der KPuGH [online ulb darmstadt].

Der kaufmännische Leiter des Unternehmens, Ludwig Weber, scheint Darmstadt schon bald verlassen zu haben. Der technische Direktor Franz Horstmann lebt noch einige Jahre als Zivilingenieur im Blumenthal­viertel und stirbt 72jährig am 18. Dezember 1887. 1889 wird das Gelände der „neuen Fabrik“ verlauft. [28]

„Gebrüder Seck, die Käufer der vor etwa 10 Jahren in unseren Besitz überge­gangenen Maschinen­fabrik und Eisen­gießerei Darmstadt haben anläßlich der Umwandlung ihres Geschäfts in eine Actien­gesell­schaft von dem ihnen zustehenden Vorkaufs­recht Gebrauch gemacht und die Fabrik mit Einrichtungen etc. zum Preis von ℳ 460.000,– erworben. Hierdurch wird die gegen unsere Conto­corrent­forderung an die Maschinen­fabrik und Eisen­gießerei s[einer] Z[eit] gelegte Reserve von rund ℳ 220.000,– wieder frei.“ [29]

Am 15. Oktober 1902 annoncierte die Königlich Preußische und Großherzoglich Hessische Eisenbahn­direktion in Mainz den beabsichtigten Verkauf von zehn ausgemusterten Lokomotiven. Wenige Tage zuvor, am 1. Oktober 1902, war die Main-Neckar-Eisenbahn in der Gemein­schafts­verwaltung aufgegangen. Wer weiß, ob sich vielleicht die beiden 1873/74 an die Main-Neckar-Bahn ausge­lieferten und kurz vor der Ausschreibung ausge­musterten Tender­lokomo­tiven der Maschinenfabrik und Eisengießerei unter den hier angegebenen Maschinen befunden haben mögen. Wenn ja, wurden sie anschließend von einem privaten Interessenten weiter genutzt, und wo? Oder landeten sie schlicht beim Schrotthändler?

Neue Unternehmen machten sich in Darmstadt breit und auch außerhalb Hessens einen Namen, wie etwa die Dampfkessel­fabrik von Theodor und Arthur Rodberg oder die Eisenschmiede von Carl Schenck. Als Mitte der 1920er Jahre der Student Arthur Uecker daran ging, seine Dissertation über die Industriali­sierung Darmstadts zu schreiben [30], vermochte er nur noch auf die kargen Aussagen der Berichte der Groß­herzoglichen Handels­kammer zurückzu­greifen. Mehr als diese Erinnerung an die einstmals blühende Maschinenfabrik war nicht mehr aufzufinden. Fast ein Jahrhundert später versucht meine Darstellung der Geschichte dieses Unternehmens, das verschüttete Wissen wieder aufzuschürfen.

Damit ist die Geschichte der Maschinenfabrik und Eisengießerei im Grunde abgeschlossen. Doch was wurde aus den beiden Betriebsgeländen? Kapitel 18 unternimmt eine Abschweifung zur Darmstädter Stadtgeschichte und erzählt die Geschichte des Neuen Chausseehauses des Jakob Alleborn, das zum Hauptgebäude der Maschinenfabrik mutieren sollte. In Kapitel 19 werden wir diejenigen Unternehmen kennenlernen, die sich auf dem Gelände der „neuen Fabrik‘ an der Blumenthal­straße niedergelassen hatten. Diesbezüglich haben sich Darmstädter Historiker so manche Geschichte ausgedacht.

Quellen- und Literaturverzeichnis.


Anmerkungen

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Siebzehntes Kapitel zur Geschichte der Maschinenfabrik und Eisengießerei Darmstadt.

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Bearbeitungsstand: 8. Februar 2021.
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