Karte zum Fabrikviertel. Industriegleise im Fabrikviertel Darmstadt.

Zur Aufklärung über den Streik in der Maschinenfabrik und Eisengießerei

Eine Annonce in den „Hessischen Volksblättern“

Dokumentation

1872 und 1893/94 wurden die beiden ersten Industriestammgleise zum Darmstädter Fabrikviertel eingerichtet. Dieses Fabrikviertel bildete sich mit der Westexpansion der Stadt Darmstadt Ende des 19. Jahrhunderts und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts heraus. Von den Mitte der 50er Jahre rund dreißig vorhandenen Anschlußgleisen sind auf dem gesamten Darmstädter Gebiet nur noch fünf übriggeblieben.

Das Jahr 1869 brachte Darmstadt neben der Riedbahn eine Streikbewegung, die das gewachsene Selbstbewußtsein der Darmstädter Arbeiter zeigte. Parallel verlief ein Prozeß der Selbstorganisation und Emanzipation von bürgerlicher Bevormundung. Die 1869 begonnenen Streiks um höhere Löhne, geringere Arbeitszeiten und bessere Arbeitsbedingungen flammten im Mai 1870 wieder auf. Mit Beginn des deutsch-französischen Krieges im Juli 1870 stockte die Wirtschaft. Entlassungen waren die Folge. Die beiden Direktoren der Darmstädter Maschinenfabrik und Eisengießerei nutzten die günstige Gelegenheit, von den Arbeitern die im Vorjahr erstrittene Lohnerhöhung zu kassieren und den Lohn auf den niedrigsten Stand seit 1863 zu drücken. Daran entflammte ein Streik, der sich nicht um den zeitgenössisch allgegenwärtigen Vaterlandstaumel scherte. Ihr Anliegen versuchten die Arbeiter der Fabrik in einer ausführlich argumentierenden Zeitungsannonce zu vermitteln.

Die Direktion konterte mit ihrer Sicht der Dinge. Genau betrachtet handelt es sich um typische Arbeitgeber­propaganda. Man wolle den Arbeitern nur eine „Wohlthat“ angedeihen lassen, indem man die eine Hälfte auf die Straße wirft und der anderen Hälfte Arbeitszeit und Löhne kürzt. Die konzertierte Aktion aller Fabrikanten zeigt, daß sie alle die Gunst der Stunde nutzen und den Arbeitern auch keine Gelegenheit bieten wollten, zu besseren Konditionen anderswo anzuheuern. Weiterhin beschwert sich die Direktion des Unternehmens noch darüber, daß die streikenden Arbeiter nicht damit einverstanden sind, daß die Direktion sich ihre Verhandlungs­partner aus der betriebseigenen Krankenkasse aussucht, mit denen dann intransparent („mündlich“) hinter verschlossenen Türen verhandelt werden kann. Der Hinweis darauf, die Arbeiter hätten diese Verhandlungs­partner doch gewählt, geht fehl, denn sie wurden als Aufsicht über die Krankenkasse und nicht als Sprachrohr einer um ihren Lohn kämpfenden Arbeiterbewegung gewählt. Das Argument ist ähnlich sinnreich wie die Überlegung, man benötge im 21. Jahrhundert doch keinen Betriebsrat mehr, denn die über Gewerkschaftslisten in die Versammlung der Krankenkassen gewählten Vertreterinnen und Vertreter könnten genausogut über den betrieblichen Alltag mitreden. Schließlich der Vorhalt, die Sprecher der Arbeiter würden weitaus mehr verdienen als die „kleinen Arbeiter“, welche von der Firmenleitung bedauert werden. Das Bedauern scheint jedenfalls nicht materieller Natur zu sein, denn mit einem Hungerlohn von 50 Kreuzern kam man (und frau) damals nicht weit. Das Anstacheln einer Neiddebatte unter den Arbeitern ist deutlich erkennbar. Dabei ist es doch so: die vergleichsweise wohlsituierten Arbeiter bleiben nicht auf ihren Privilegien sitzen, sondern streiken für alle; und das nennt sich Solidarität. Diese Solidarität ist es, welche Kapitaleigner, die von der Arbeit Anderer leben, so fürchten.

Die Wiedergabe der Annoncen in den „Hessischen Volksblättern“ vom 14. und vom 17. September 1870 erfolgt auf Grundlage eines Scans der mikroverfilmten Zeitungsausgabe und ist dementsprechend von bescheidener Qualität.


Erklärung der Arbeiter  

Zur Aufklärung.

Erklärung der beiden Direktoren  

Zur Aufklärung.

»»  Rücksprung zur Lektüre der Streiks 1869/70.


Literatur

Hinsichtlich der Quellen- und Literaturangaben wird auf die übergeordnete Seite zu den Streiks in Darmstadt 1869/70 verwiesen.


 
 
 
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