Luftbild auf das Fabrikviertel 1966.
Industriegleise im Fabrikviertel Darmstadt
Walter Kuhl
Luftbild auf das Fabrikviertel 1966.
Das Fabrikviertel 1966.
Baujahr.
Baujahr 1877.
Fabrikgebäude in der Pallaswiesenstraße.
Zweitverwertete Fabrik.
Roeder-Brunnen an der Rheinstraße.
Maloche bei Roeder.
Fabrikgebäude in der Kirschenallee (abgerissen).
Verlassene Fabrik.

Industriegleise im Fabrikviertel Darmstadt

Zur Aufklärung über den Streik in der Maschinenfabrik und Eisengießerei

Dokumentation zweier Annoncen in den „Hessischen Volksblättern“

1872 und 1893/94 wurde das Fabrikviertel mit zwei Industrie­stamm­gleisen an die Eisenbahn angebunden. Von den Mitte der 1950er Jahre noch rund dreißig Anschluß­gleisen sind (Stand 2020) nur vier oder fünf übrig geblieben.

Das Jahr 1869 brachte Darmstadt neben der Riedbahn eine Streik­bewegung, die das gewachsene Selbst­bewußtsein der Darmstädter Arbeiter zeigte. Parallel verlief ein Prozeß der Selbstorganisation und Emanzipation von bürgerlicher Bevormundung. Die 1869 begonnenen Streiks um höhere Löhne, geringere Arbeitszeiten und bessere Arbeits­bedingungen flammten im Mai 1870 wieder auf. Mit Beginn des deutsch-französischen Krieges im Juli 1870 stockte die Wirtschaft. Entlassungen waren die Folge. Die beiden Direktoren der Darmstädter Maschinenfabrik und Eisengießerei nutzten die günstige Gelegenheit, von den Arbeitern die im Vorjahr erstrittene Lohn­erhöhung zu kassieren und den Lohn auf den niedrigsten Stand seit 1863 zu drücken. Daran entflammte ein Streik, der sich nicht um den zeitgenössisch allgegen­wärtigen Vaterlands­taumel scherte. Ihr Anliegen versuchten die Arbeiter der Fabrik in einer ausführlich argumentierenden Zeitungs­annonce zu vermitteln.

Die Direktion konterte mit ihrer Sicht der Dinge. Genau betrachtet handelt es sich um typische Arbeitgeber­propaganda. Man wolle den Arbeitern nur eine „Wohlthat“ angedeihen lassen, indem man die eine Hälfte auf die Straße wirft und der anderen Hälfte Arbeitszeit und Löhne kürzt. Die konzertierte Aktion aller Fabrikanten zeigt, daß sie alle die Gunst der Stunde nutzen und den Arbeitern auch keine Gelegen­heit bieten wollten, zu besseren Konditionen anderswo anzuheuern. Weiterhin beschwert sich die Direktion des Unternehmens noch darüber, daß die streikenden Arbeiter nicht damit einverstanden sind, daß die Direktion sich ihre Verhandlungs­partner aus der betriebseigenen Krankenkasse aussucht, mit denen dann intransparent („mündlich“) hinter verschlossenen Türen verhandelt werden kann. Der Hinweis darauf, die Arbeiter hätten diese Verhandlungs­partner doch gewählt, geht fehl, denn sie wurden als Aufsicht über die Krankenkasse und nicht als Sprachrohr einer um ihren Lohn kämpfenden Arbeiter­bewegung gewählt. Das Argument ist ähnlich sinnreich wie die Überlegung, man benötge im 21. Jahrhundert doch keinen Betriebsrat mehr, denn die über Gewerkschafts­listen in die Versammlung der Krankenkassen gewählten Vertreterinnen und Vertreter könnten genausogut über den betrieblichen Alltag mitreden. Schließlich der Vorhalt, die Sprecher der Arbeiter würden weitaus mehr verdienen als die „kleinen Arbeiter“, welche von der Firmen­leitung bedauert werden. Das Bedauern scheint jedenfalls nicht materieller Natur zu sein, denn mit einem Hungerlohn von 50 Kreuzern kam man (und frau) damals nicht weit. Das Anstacheln einer Neiddebatte unter den Arbeitern ist deutlich erkennbar. Dabei ist es doch so: die vergleichs­weise wohlsituierten Arbeiter bleiben nicht auf ihren Privilegien sitzen, sondern streiken für alle; und das nennt sich Solidarität. Diese Solidarität ist es, welche Kapitaleigner, die von der Arbeit Anderer leben, so fürchten.

Die Wiedergabe der Annoncen in den „Hessischen Volksblättern“ vom 14. und vom 17. September 1870 erfolgt auf Grundlage eines Scans der mikro­verfilmten Zeitungsausgabe und ist dementsprechend von bescheidener Qualität.


Erklärung der Arbeiter

Zur Aufklärung.

Erklärung der beiden Direktoren

Zur Aufklärung.