Rangierfahrt im Fabrikviertel. Rangierfahrt im Fabrikviertel 2010.

Industriegleise im Fabrikviertel Darmstadt

Bahnbetrieb im Fabrikviertel

Bilder aus sechzig Jahren

1872 und 1893/94 wurden die beiden ersten Industriestammgleise zum Darmstädter Fabrikviertel eingerichtet. Dieses Fabrikviertel bildete sich mit der Westexpansion der Stadt Darmstadt Ende des 19. Jahrhunderts und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts heraus. Von den Mitte der 50er Jahre rund dreißig, Anschlußgleisen sind nur noch wenige übriggeblieben.

1894 dampften die ersten Güterzug­lokomotiven über die Landwehrstraße. Das Netz der Industrie­stammgleise vergrößerte und wandelte sich im Verlauf der folgenden Jahrzehnte. Seit den 1960er Jahren sprangen immer mehr Firmen von der Belieferung per Bahntransport ab. Übrig bleiben, beliefert über die Gleise auf der Mainzer Straße, 2013 nur noch drei: Röhm/Evonik, Hofmann-Rieg und (ganz, ganz selten) Donges Steeltec. Diese Seite zeigt einzelne Übergaben, so wie sie seit den 1980er Jahren abgelichtet worden sind. Den Anfang macht jedoch ein s/w-Bild aus der Zeit des sogenannten Wirtschaftswunders.

Dem Evonik Firmenarchiv sowie den Fotografen Benedikt Groh, Andreas Kohlbauer, Harald Schönfeld, Jörn Schramm, Ralph Völger und Peter Wöllert sei für die Überlassung ihrer Aufnahmen an dieser Stelle gedankt.

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Anlieferung 1954.

Bild 1: Im Dezember 1954 drückt eine unbekannte Lokomotive mehrere Wagen eines Güterzuges durch das damalige Haupttor der Firma Röhm & Haas. Der Lastkraftwagen der benachbarten Firma Eisen-Rieg muß auf der Kirschenallee warten. Im Vordergrund liegt ein weiteres Firmengleis, das noch mit dem nördlichen Industrie­stammgleis verbunden war. Heute wird das Gleis nur noch zum Abstellen einzelner Kesselwagen verwendet und ist an das südliche Industrie­stammgleis entlang der Mainzer Straße angebunden. Der Übergang über die damals noch durchgehend befahrbare Straße ist längst einem Plexiglassteg gewichen. Quelle: Evonik Industries AG, Konzernarchiv.


Analoges aus dem späten 20. Jahrhundert, und ein Nachzügler

Anlieferung 1982.

Bild 2: In der Morgensonne des 26. März 1982 schiebt 260 535-0 in Höhe der Firma Stöckel einen Flach- und zwei gedeckte Wagen die Mainzer Straße hoch zur „Spinne“. Der Flachwagen war gewiß für Eisen-Rieg bestimmt, während die beiden gedeckten Wagen entweder Güter zu Röhm oder zu Goebel bringen sollten. Aufnahme: Jörn Schramm.

Auf dem Gleis in der Kirschenallee.

Bild 3: Sechs Jahre später und diesmal am späteren Nachmittag steht dieselbe Lok, aber mit anderer Numerierung, auf dem Gleis entlang der Kirschenallee. Die Lok heißt nun 360 535-9 und wird gleich einige Container von Goebel anholen. Am rechten Straßenrand parkt ein Privatbus neben der an den Zaun geklatschten Bushaltestelle. Aufnahme: Jörn Schramm.

Bei Goebel an der Bismarckstraße.

Bild 4: Wenig später steht am selben November­nachmittag 1988 die Lok auf dem Goebel-Gelände und wartet auf die Freischaltung der Kreuzung. Zuvor wird aber Straßenbahn­wagen 33 auf einem Kurs der Linie 3 durchgelassen. Aufnahme: Jörn Schramm.

Bei Rhenus in der Landwehrstraße.

Bild 5: Von Anfang der 1970er Jahre bis ??? betrieb der Logistik-Konzern Rhenus sein Darmstädter Lager in der ehemaligen Rodberg'schen Zeppelinhalle in der Landwehr­straße 50. Das Büro des Unternehmens befand sich rund zwei Kilometer entfernt in der Alsfelder Straße 9. An einem früh­morgendlichen Sommertag des Jahres 1990 lichtete Peter Wöllert die blau-beige lackierte 360 896-5 mit ihrem/n Güterwagen beim Überqueren der Landwehr­straße ab.

Bei Rhenus in der Landwehrstraße.

Bild 6: Am frühen Nachmittag vermutlich desselben Tages rangiert hier dieselbe Lokomotive auf das Gelände des Rhenus-Lagers. Interessant ist das Aussehen der Fassade im Vergleich zum heutigen Zustand. Wurden die Fenster mit Sperrholz­platten zugenagelt? Auf der gegenüber­liegenden Straßenseite wird, im Gegensatz zu heute, auf dem damals schon stillgelegten Gleis der Deutschlandkurve geparkt. Aufnahme: Peter Wöllert.

Auf dem nördlichen Gleis der Mainzer Straße.

Bild 7: Obwohl Railion Ende 2006 einen Vertrag mit Donges abgeschlossen hatte, zukünftig benötigten Stahl just-in-time per LKW anzufahren, scheint es zuweilen betriebsbedingt notwendig zu sein, einzelne Lieferungen doch per Bahn abzuwickeln. Am 29. August 2007 konnte im morgendlichen Wolkenschleier 294 608-5 auf dem Weg zu Donges abgepaßt werden. Aufnahme: Harald Schönfeld.

Digitales aus dem 21. Jahrhundert

Digitale Fotografie macht es möglich. Wo immer man oder frau sich befindet, wer immer des Weges kommt, ein Schnappschuß kostet kein wertvolles Filmmaterial, sondern nur ein wenig Platz auf einer Speicherkarte. Deshalb wird heute mehr und ausgiebiger fotografiert. Die in aller Öffentlich­keit arbeitenden Rangierer, die zuweilen gleichzeitig Lokführer sind, geraten häufiger aufs Bild, als ihnen lieb sein kann. Deshalb sei hier eines gesagt: fast jede der hier im Bild festgehaltenen Übergaben wurde eher zufällig erwischt, und es gibt noch viele mehr, die gar nicht erst wahrgenommen wurden.

Bei Hofmann-Rieg.

Bild 8: Am 15. August 2010 schaut der Rangierer von 294 872-7 etwas indigniert auf den Schlaumeier, der sein Kleinfahr­zeug ausgerechnet auf der gerade genutzten Schiene abstellen will, vermutlich, um sich am nahe gelegegen Kiosk sein Frühstück zu organisieren. Die Lok hat soeben einen mit Stahlträgern gefüllten Flachwagen bei Hofmann-Rieg abgeliefert. Aufnahme: Ralph Völger.

Bei Hofmann-Rieg.

Bild 9: Am Morgen des 20. Januar 2011 macht sich 294 724-0 bereit, den unter der Röhm-Plexiglas­brücke bereit­gestellten Kesselwagen abzuholen. Aufnahme: Ralph Völger.

Abholung Kesselwagen.

Bild 10: Am 15. April 2013 holt 294 859-4 einen entleerten Kesselwagen bei der Evonik-Tochter Röhm ab. Das Bild entstand nahe der „Spinne“ in der Mainzer Straße.

Umsetzen Kesselwagen.

Bild 11: Eine Stunde später setzt der firmeneigene Zweiwege­unimog einen Kesselwagen vom einen auf das andere Firmengleis um. Hierzu muß die Kirschenallee zweimal überquert werden. Der Güterwagen stand zuvor unter der Plexiglas­brücke und war am vergangenen Freitag bereit­gestellt worden. Nachdem der Kesselwagen auf dem Produktions­gelände abgeholt worden war, ist nun der Platz frei für eine erneute Ladung Plexiglasgrundstoff.

Abholung Kesselwagen.

Bild 12: Am 3. Juli 2013 führt die Rangierabteilung ihre Neuerwerbung, eine Gravita mit der Nummer 261 058-2, auch einmal auf die Mainzer Straße aus. Nachdem sie einen Kesselwagen bei Röhm zugestellt hat, geleitet sie nun gemächlichen Schrittes einen entleerten Kesselwagen durch den pladdernden Regen und die zahlreichen Baustellen.

Abholung Rungenwagen.

Bild 13: Nachdem tags zuvor drei Rungenwagen bei Donges Steeltec abgeholt worden waren, wurde der am Freitag zuvor mit Stahlträgern bei Hofmann-Rieg zugestellte Rungenwagen am 17. September 2013 von 294 644-0 wieder zum Güterbahnhof zurückgebracht.

Anlieferung Rungenwagen.

Bild 14: Mit einer Belichtungszeit von einer zwanzigstel Sekunde bei morgendlicher Dämmerung erwischte ich 294 862-8 mit angeliefertem und dahinter stehendem Rungenwagen am 16. Oktober 2013.

Abholung Kesselwagen.

Bild 15: In der spärlich hervorlugenden Mittagssonne des 30. Oktober 2013 wartet ein soeben vom Evonikgelände gezogener Kesselwagen auf seine Weiterbeförderung. Doch zunächst muß die Zuglok 294 739-8 den mitgebrachten Rungenwagen mit neuen Stahlträgern ins Anschlußgleis von Hofmann-Rieg schieben.

Chemische Keule.

Bild 16: Beinahe wäre ein Bild mit Seltenheitswert entstanden. Dieses Zweiwege­fahrzeug der Firma Lauff kam am 3. Juli 2014 auf Schienen aus dem hinteren Zuliefergleis der Firma Donges gefahren, überquerte die Mainzer Straße, bevor es auf den Straßenmodus umschaltete. Entweder handelt es sich hierbei um die jährliche Unkraut­vernichtungsaktion oder Donges will das Gleis demnächst einmal wieder benutzen. Aufnahme: Benedikt Groh.

Anlieferung Rungenwagen.

Bild 17: Nachdem am früheren Morgen des 14. Juli 2014 der vor vier Wochen zugestellte Rungenwagen bei Hofmann-Rieg abgeholt worden war, erschien 294 819-8 am späten Vormittag, um eine Stahlladung aus Luxemburg abzuliefern.

An der Spinne.

Bild 18: Zwar konnte ich von der Rößlerstraße aus noch durch die Plexiglasbrücke die Übergabe eines Kesselwagens zur Evonik erhaschen, aber der (leere ?) Kesselwagen, der noch unter selbiger Brücke steht, wurde von 294 577-2 am 1. August 2014 auf der Rückfahrt kurz vor Mittag dann doch nicht mitgenommen.

Abholung Rungenwagen.

Bild 19: Am Vormittag des 16. September 2014 holt 294 901-4 den am Freitag zuvor angelieferten Rungenwagen vom Stahlhändler Hofmann-Rieg ab; hier vor der Werkshalle der Gebrüder Stöckel kurz vor der Einmündung des Neuwiesenweges. Stöckel bedaß bis etwa zur Jahrtausendwende selbst noch einen eigenen Gleisanschluß, dessen Weiche ausgebaut, das Gleis jedoch noch vorhanden ist. Weitere Bilder dieser Übergabe gibt es im Sichtungsforum von Drehscheibe Online. Aufnahme: Benedikt Groh.

Schwerlasttransport.

Bild 20: Die Firma Donges Steeltec verfügt zwar über zwei Anschlußgleise, eines an der Mainzer Straße und eines, das sich quer durchs Gelände bis fast an die Kirschenallee zieht, bevorzugt jedoch LKWs für Anlieferung und Abtransport. Am späten Abend des 18. September 2014 setzte sich ein aus zwei LKWs bestehender Schwertransport vom Donges-Werkegelände in Richtung Autobahn in Bewegung; beladen vermutlich mit Brückenträgern. Da die Kreuzung von Kirschenallee und Bismarckstraße derzeit aufgrund quälend langsam vorangetriebener Bauarbeiten noch eine Weile gesperrt sein wird, bewegen sich die beiden Schwertransporter ein kurzes Stück durch das Evonik-Werkegelände und unterqueren dabei die Plexiglasbrücke und ein Bürogebäude.

Kesselwagentransport.

Bild 21: Ein lautes Hupen kündigte am späten Vormittag des 7. Oktober 2014 eine Übergabe an. Also kurz nachgeschaut, ob bei Hofmann-Rieg oder der lokalen Evonik-Filiale ein Rungen- oder Kesselwagen gebracht oder abgeholt wird. Diesmal ist es Gravita 260 510-3, die im leichten Regen einen Kesselwagen zum Güterbahnhof bugsiert.

Leerwagentransport.

Bild 22: Ungewöhnlicherweise erst am frühen Nachmittag kam am 19. Februar 2015 das Rangiererduo auf Gravita 261 059-0 vorbei, um einen stahlbefüllten Rungenwagen mit einem tags zuvor bei Hofmann-Rieg abgelieferten leeren zu tauschen. Nichtsahnend kam ich des Weges und konnte nur noch den Vollzug einfangen.

Kesselwagentransport.

Bild 23: Am 29. April 2015 verläßt 294 859-4 mit einem soeben bei Evonik/Röhm abgeholten Kesselwagen die Mainzer Straße und macht sich über die Rampe zum nördlichen Gleisvorfeld des Darmstädter Hauptbahnhofs auf den Weg zum Güterbahnhof. Das Gebäude in der Bildmitte beherbergte nach dem Zweiten Weltkrieg das Werkzeug­hauptlager, während das Wohngebäude rechts (oder sein Vorgängerbau) in den 1920er Jahren als Büro der Holzfirma Jonas Meyer diente.

Müllsammeln.

Bild 24: Irgendwann zwischen den Sommern 2015 und 2016 wurden die Schienen an der Kreuzung der Mainzer Straße mit den beiden Zufahrtsgleisen zu Donges mit einer Art Inneneinlage versehen. Dadurch können insbesondere Radfahrerinnen und Motorradfahrer gefahrloser über die arg schräg in den Straßenraum führenden Hindernisse gelangen. Dies darf als Zugeständnis der Stadt gewertet werden. daß sie davon ausgeht, daß beide Gleise wohl kaum noch jemals wieder befahren werden. Nichts­destotrotz steht sie in der Pflicht, ihre Anlagen, und um eine städtische handelt es sich bei diesen Industrie­stammgleisen, in Ordnung zu halten. So wird ab und an das Gras gemäht und das Gebüsch auf der Gleistrasse gestutzt, oder eben auch der Müll eingesammelt, der sich wunderlicher­weise dort sammelt, wie hier auf dem hinteren Anschlußgleis von Donges Steeltec in Höhe des lokalen Schrotthändlers. Am Morgen des 8. Juni 2016 ließen zwei städtische Bedienstete ihr kleines Müllfahrzeug die Schwellen entlanghoppeln. Aufnahme: Andreas Kohlbauer.

Kesselwagentransport.

Bild 25: Am Donnerstagvormittag des 8. September 2016 brachte 261 039-2 zunächst einen mit Stahl bepackten Rungenwagen zu Hofmann-Rieg und holte anschließend diesen Kesselwagen bei Röhm/Evonik ab, der nach Mannheim gebracht werden soll. Das freundliche Personal ging kurz einen Schritt zur Seite, damit Lok und Wagen im rechten Licht erscheinen konnten. Diese eher unscheinbare Public Relations-Maßnahme trägt mehr zur Imagepflege der Bahn bei als so manche in Berlin ausgeheckte und mit Buzzwörtern zugetextete Hochglanzbroschüre.


 
 
 
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