Tafel zu Posten 85. Verrostete Tafel zur Anzeige des Postens 85 an der Bergschneise.

Die Riedbahn von Darmstadt nach Goddelau

Posten 70 an der Wolfskehler Chaussee

Dokumentation

1869 wurde die Riedbahn zwischen Darmstadt und Worms eröffnet. Die heutige Riedbahn mit ihrem Hauptverlauf von Mannheim nach Frankfurt wurde erst zehn Jahre später errichtet. Dokumentiert wird auf meinen Riedbahn-Seiten der Streckenabschnitt zwischen Darmstadt und Goddelau.

Zwischen Wolfskehlen und Grieheim kreuzte die Riedbahn die sogenannte Wolfskehler Chausse, die heute zur Bundesstraße 26 ausgebaut ist. Bewacht wurde dieser Bahnübergang durch ein Bahnwärterhaus und später durch eine Schrankenwärterbude, eben den Posten mit der Nummer 70.


Topografische Karte von 1886.

Abbildung 1: Werfen wir zunächst einen Blick auf eine Topografische Karte von 1886. Zwischen den Strecken­kilometern 49 und 50 kreuzt die Bahnlinie die Straße, auch das Bahnwärter­haus ist eingezeichnet. Die Wolfskehler Chausse verlief ursprünglich geradeaus und wird wohl 1868/69 beim Bau der Eisenbahn­strecke am Kreuzungspunkt verschwenkt worden sein, um den spitzen Winkel zu vermeiden. Daraus werden vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg ganz neue gefährliche Verkehrs­situationen geschaffen, welche die Urheber dieser Verschwenkung noch nicht einmal hatten erahnen können.

Bildquelle: SLUB / Deutsche Fotothek [online].

Posten 70.

Bild 2: Blick auf die Nordseite des Bahnübergangs an der Wolfskehler Chaussee in Richtung Griesheim, so Griesheims wandelndes Stadtgedächtnis namens Karl Knapp [1].

Aufnahme: Gerhard Schreiner.

Posten 70.

Bild 3: Blick auf die Nordseite des Bahnübergangs an der Wolfskehler Chaussee in Richtung Wolfskehlen.

Aufnahme: Gerhard Schreiner.

Posten 70.

Bild 4: Der Posten 70 bestand aus einem Straßenposten an der Wolfskehler Chaussee und einem Bahnhaus im Zwickel zwischen Riedbahn und Straße. Die ursprünglich (und seit Mitte der 1970er Jahre auch wieder) schnurgerade von Wolfskehlen nach Griesheim verlaufende Straße wurde zur Querung der Bahnstrecke mit einer Art umgedrehter S-Kurve versehen, um eine fast rechtwinklige Kreuzung zu erhalten.

Aufnahme: Stadtarchiv Griesheim, em2008.0023.

Posten 70.

Bild 5: Aufnahme: Gerhard Schreiner.

Mit der automobilen Kriegsbewältigungs­therapie nach dem Zweiten Weltkrieg wurden ganze Horden ihre Geschwindigkeit überschätzender Männer (und wohl weniger Frauen) auf eine Welt losgelassen, deren Landstraßen schmal und deren Bahnüber­gänge niveaugleich verliefen. Folgerichtig krachte es des häufigeren.

Bahnübergang.
Abbildung 6: HALT – bei rotem Blinklicht! Anzeige der Deutschen Bundesbahn im „Griesheimer Anzeiger“ am 8. Juli 1961.

Auch die Deutsche Bundesbahn nahm die rasante Zunahme des Auto­verkehrs wahr und warb in groß­formatigen Anzeigen um mehr Aufmerk­samkeit im Straßen­verkehr. Das Problem­bewußt­sein mag durchaus bei den Lenkerinnen und Lenkern am Steuer vorhanden gewesen sein, aber wenn der eine oder andere Tropfen die dürstende Kehle befeuchtet hatte, kannte (und kennt bis heute) die Unvernunft kaum Grenzen. Und dann macht es eben … bumm! Einige Beispiele aus dem „Gries­heimer Anzeiger“ mögen dies illustrieren.

Am 1. Oktober 1961 wurde in der Nähe des Posten 70 nachts um halb vier „ein Motorrad­fahrer in betrunkenem Zustand, auf der Fahrbahn liegend, aufgefunden. Der Fahrer war verletzt, er wurde ins Kranken­haus gebracht, wo eine Blutprobe von ihm entnommen und der Führer­schein entzogen wurde.“ Am 10. März 1967 „kam es auf der Wolfskehler Chaussee, am Bahnposten 70, zu einem Verkehrs­unfall. Ein Lastzug fuhr in Richtung Wolfskehlen. Der Fahrer dieses Lastzuges, von der Sonne geblendet, übersah die geschlossene Schranke und fuhr dagegen. Es gab 600 DM Sachschaden.“

Am Spätabend des 1. April 1967 fand sich ein Nachahmungs­täter. „Ein Personen­wagen aus Groß-Gerau, der in Richtung Griesheim fuhr, kam infolge Trunken­heit des Fahrers ins Schleudern, rannte gegen die beiden Schranken­böcke und blieb mit Total­schaden auf den Schienen liegen. Für die Bundesbahn entstand ein Schaden von 800 DM. Der Fahrer wurde verletzt und mußte einen Arzt aufsuchen. Von dem Fahrer wurde eine Blutprobe genommen und der Führer­schein einbehalten.“

Am 24. Mai 1965 landete ein VW Bus recht unsanft am Straßen­rand. An diesem Montag­morgen gegen 8.40 Uhr kam der von Wolfskehlen herkommende Transporter „auf den Gleis­anlagen des Bahnüber­gangs zu weit nach links, streifte dabei einen aus Griesheim kommenden Lastwagen und wurde gegen den einen Schranken­pfeiler geschleudert. Dort prallte der VW-Bus ab und kam vor einen hinter dem Lastwagen fahrenden Personen­wagen aus Karlsruhe, der dem Bus in die rechte Seite stieß. Hierbei wurden zwei Personen schwer verletzt, die ins Kranken­haus nach Darmstadt gebracht werden mußten. Der eine Verletzte konnte nach ambulanter Behandlung bereits wieder entlassen werden. Es gab 12.000 DM Sachschaden. Der Fahrer des VW-Busses war ein gewisser Herr M*****, der in Leeheim einen Klein­handel betreibt.“

Ein halbes Jahrhundert später erlaube ich mir dann doch die Bemerkung, daß ein Schwer­verletzter in der Regel wohl kaum nach ambulanter Behandlung wieder entlassen wird. Eine gewisse Dramatisierung des Sachverhalts war dem Bericht­erstatter wohl nicht fremd. Oder hat er bloß den Polizeibericht abgeschrieben? Die Unfallberichte finden sich in der nach­folgenden Ausgabe der Zeitung, die in der Regel mittwochs und samstags erschien.

Verkehrsunfall.

Bild 7, aus dem Griesheimer Anzeiger vom 26. Mai 1965: „Unser Bild zeigt den schwerbeschädigten VW-Bus am Wolfskehler Bahnübergang.“

Streckenbegradigung.

Bild 8, aus dem Griesheimer Anzeiger vom 20. März 1974.

Nach der Stillegung des Strecken­abschnitts zwischen Goddelau-Erfelden und Griesheim Ende September 1970 war der Weg frei, freien Bürgern freie Fahrt zu gewähren. Dennoch brauchte es noch weitere dreieinhalb Jahre und weitere (vermeidbare) Unfälle, ehe im Frühjahr 1974 der Bahnüber­gang beseitigt und die Straßen­führung begradigt wurde: „Im Zuge des Neubaues der Bundesstraße 26 zwischen Wolfskehlen und Griesheim wird auch die Schleife an dem früheren Bahnüber­gang begradigt. Außerdem wird vor dem Ortseingang nach Griesheim die Einmündung einer Verbindungs­straße nach Büttelborn vorgesehen.“ [2] Diese Verbindung brachte den westlichen Riedgemeinden eine bequeme Abkürzung auf die Autobahn und Griesheim eine kleine Entlastung vom Durchgangsverkehr.

Vorangegangen waren – beispielsweise – im Winter 1971/72 mehrere Crashs. Am 13. Dezember 1971 krachte es hier gleich zweimal: „Um 14.30 Uhr fuhr ein Personenwagen Richtung Griesheim, geriet auf die linke Fahrbahn­seite und stieß mit einem entgegen­kommenden Lastwagen zusammen. Dabei erlitt der Personenwagen­fahrer schwere Verletzungen, während der Lkw-Fahrer mit leichten Verletzungen davonkam.“ Der Schaden wird auf 3.000 DM veranschlagt. An der gleichen Stelle, um 22.15 Uhr, befuhr ein amerikanischer Personenwagen die Wolfskehler Chaussee, ebenfalls Richtung Griesheim. Er kam nach links von der Fahrbahn ab, streifte einen Leitpfosten, knallte dann gegen zwei Eisenpfähle und blieb an den Leitplanken hängen. An dem Wagen entstand Totalschaden, der Fahrer kam mit dem Schrecken davon.“

Nur drei Tage später „ereignete sich erneut am Bahnüber­gang an der Wolfskehler Chaussee ein Unfall, bei dem drei Personen leicht verletzt wurden. Ein Pkw-Fahrer aus Traisa befuhr die Wolfskehler Chaussee in Richtung Wolfskehlen. In der Kurve vor dem ehemaligen Bahnübergang geriet das Fahrzeug ins Schleudern und prallte mit einem entgegen­kommenden Wagen aus Goddelau zusammen. Der Schaden wird auf etwa 8.000 DM geschätzt.“

Am 29. Januar 1972, gegen Mitternacht, „befuhr ein Personenwagen die Wolfskehler Chaussee in westlicher Richtung. In Höhe des Bahnüber­ganges wurde er mit seinem Fahrzeug, vermutlich infolge zu hoher Geschwindigkeit, von der Fahrbahn getragen, überschlug sich mehrmals und blieb im Feld auf dem Dach liegen. An dem Wagen entstand Totalschaden. Der Fahrer entfernte sich von der Unfallstelle und meldete sich erst am nächsten Tag bei der Griesheimer Polizeistation.“ Er wird schon seinen Grund gehabt haben, erst im Verlauf des Sonntags wieder aufzutauchen.

Am 10. September 1973, kurz vor Beginn des autogerechten Ausbaus der Wolfskehler Chaussee, kam es am Abend zu einem Unfall, „bei dem eine Frau leicht verletzt wurde und ein Sachschaden von 3.000 DM entstand. Ein Pkw-Fahrer steuerte seinen Wagen in westlicher Richtung, kam in Höhe des Bahnüber­gangs zu weit nach links und stieß mit einem entgegen­kommenden Pkw zusammen, der von einer Frau gesteuert wurde. Die Fahrerin wurde leicht verletzt.“

Derlei sollte bald ein Ende haben. Auf einer Magistratssitzung Ende September verkündete Bürgermeister Hans Karl den Ausbau der Straße: „Die Fahrbahn wird verbreitert und völlig neu hergestellt. Die nahe am Straßenrand stehenden Bäume mußten bereits weichen – für den Umweltfreund eine bedauerliche Tatsache, für den auf Verkehrs­sicherheit bedachten Straßenbauer eine unumgängliche Notwendig­keit. Im Zuge dieser Arbeiten wird auch die Kurve am Bahnüber­gang beseitigt, so daß die vor dem Bau der Riedbahn 1869 vorhandene schnurgerade Strecke zwischen Griesheim und Wolfskehlen wiederher­gestellt wird.“

Streckenbegradigung.

Bild 9, Bildquelle: Griesheimer Anzeiger, 31. Mai 1974.

Der „Griesheimer Anzeiger“ kommentiert das Bild zwei Monate später mit eindeutigen Worten: „Mit dem Ausbau der Bundesstraße 26 zwischen Griesheim und Wolfskehlen verschwand auch die gefährliche S-Kurve in Höhe des früheren Bahnübergangs. Für die Autofahrer heißt es jetzt ‚schnurstracks‘ ins Ried.“

Die Autoeuphorie wird zwischen­zeitlich durch die Hiobs­botschaft getrübt, daß der Gemeinde Griesheim lautstarkes Ungemach droht. Im Februar 1974 teilte Griesheims Bürger­meister seinem Magistrat mit, bei der Bundesbahn laufe die Vorplanung für den Bau einer neuen Bahnstrecke von Köln über Groß-Gerau nach Mannheim. „Sie soll die vorhandenen Strecken entlasten und Fahr­geschwindig­keiten bis zu 200 km/h ermöglichen. Nach den vorläufigen Plänen verläuft die Trasse etwa längs der Gemarkungs­grenze zu Wolfskehlen in Nord-Süd-Richtung.“ Während die Schnellfahr­strecke von Köln ins Rhein-Main-Gebiet durch Westerwald und Hunsrück zwei Jahrzehnte später noch durchgezogen werden konnte, scheiden sich weitere anderthalb Jahrzehnte später an der Fortsetzung nach Mannheim verschiedene Geister. Und während das nur in den Hirnen neoliberaler Autisten sinnvolle Projekt „Stuttgart 21“ Milliarden Euro verschlingen soll, fehlt es dann andernorts an der für kleinere Vorhaben notwendigen Finanzierung. Mit Stand vom Sommer 2015 ist trotz heldenhafter Beteuerungen der südhesischen Kommunen [siehe Artikel] zu konstatieren, daß die Neubau­strecke durchs Ried noch längere Zeit ein Hochgeschwindig­keitstraum bleiben wird. [3]

Ehemaliger Bahnübergang.

Bild 10: Dieses Bild ist ein typisches Beispiel dafür, daß wir nichts erkennen, wenn wir nicht wissen, daß es da ist. Die gut ausgebaute und von Schlaglöchern verschonte Rennnstrecke von Griesheim nach Wolfskehlen kreuzt hier (virtuell) die alte Bahntrasse. Der Parkplatz in der Bildmitte war Teil der S-Kurve. Hinter dem parkenden Auto verlief, inzwischen durch eine Baumreihe markiert, die Bahnstrecke nach Worms. Die kleineren Bäume zwischen dem parkenden Fahrzeug und der Straße verdecken das ehemalige Bahnwärter­haus. Der Fotograf stand an der ehemaligen Südseite der Bahnlinie, die hier in spitzem Winkel die ehemalige Chaussee gekreuzt hat.


Literatur

 

ANMERKUNGEN

 

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»» [1]   Karl Knapp : Ein Husarenritt durch die Stadtgeschichte, in: Griesheimer Anzeiger, Jubiläumsausgabe 125 Jahre Griesheimer Anzeiger am 23. März 2012, Seite 30–35, hier Seite 33.

»» [2]   Griesheimer Anzeiger am 20. März 1974.

»» [3]   Zur Neubaustrecke siehe Griesheimer Anzeiger am 23. Februar 1974.


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