Tafel zu Posten 85. Verrostete Tafel zur Anzeige des Postens 85 an der Bergschneise.

Die Riedbahn von Darmstadt nach Goddelau

Der Posten 76 an der Pfützenstraße in Griesheim

Dokumentation

1869 wurde die Riedbahn zwischen Darmstadt und Worms eröffnet. Die heutige Riedbahn mit ihrem Hauptverlauf von Mannheim nach Frankfurt wurde erst zehn Jahre später errichtet. Dokumentiert wird auf meinen Riedbahn-Seiten der Streckenabschnitt zwischen Darmstadt und Goddelau.

Westlich des Griesheimer Bahnhofs kreuzte die Riedbahn eine in Richtung Büttelborn verlaufende Seitenstraße, die Pfützenstraße. Der hier errichtete Posten mit der Nummer 76 veränderte im Verlauf der Jahre sein Aussehen. Auf dieser Seite werden verschiedene Ansichten des 20. Jahrhunderts zusammenge­tragen. Ansichten aus dem 19. Jahrhundert sind vermutlich aufgrund der Banalität des Motivs nicht gefertigt worden.

1977, sieben Jahre nach Auflassung diese Bahnüber­gangs mangels vorhandenen Gleises, rumpelte es an dieser Stelle noch einmal. Mehrere Güterwagen hatten sich bei Messel „selbstädig gemacht“ und wurden vom Darmstädter Fahrdienst­leiter auf das nachts nicht befahrene Gleis von Darmstadt nach Griesheim umgeleitet. Der Prellbock am Gleisende wurde weggerissen und die Schotterwagen demolierten ein Wohnhaus. Diese Geschichte wird an anderer Stelle nacherzählt.

»»  Link zur zugehörigen Dokumentationsseite zur Riedbahn in Griesheim.


Stadtplan Griesheim.

Abbildung 1: Stadtplan Griesheim, Onlineversion, ca. 2010.

Selbst auf einem neueren Stadtplan ist die alte Riedbahn­trasse noch auszumachen. Zwar wurde das Schotterbett in Richtung Wolfskehlen durch einen „Promenadenweg“ überlagert bzw. ersetzt, und an der Schöneweiber­gasse wurde die aufgelassene Flucht durch Wohnhäuser überbaut, doch schon ab der Georgstraße zieht sich ein Richtung Ostnordost verlaufender Grünstreifen zwischen Gewerbe- und Neubaugebiet hin zum Wald Richtung Darmstadt. Markiert sind auf dem Plan die Posten 74 (heute noch anhand eines umgebauten Bahnwärterhauses aufzufinden) bis 78.

Bahnhofsansicht. Quelle: Stadtarchiv Griesheim.

Bild 2: Bahnhof Griesheim, von der Pfützenstraße aus gesehen, wohl zwischen 1902 und 1911 aufgenommen. Das (zumindest mir bekannte) früheste bildliche Zeugnis des Postens 76. Quelle: Stadtarchiv Griesheim, em2005.0002.


Stellwerk Pfützenstraße.
Bild 3: Stellwerk II an der Pfützenstraße, 1920 oder 1921. Quelle: Stadtarchiv Griesheim, em 2008.0046.

1900/01 war die Strecke um ein zweites Gleis erweitert worden. Ein Plan aus dem Jahr 1903 zeigt zwei durchgehende Bahnsteiggleise und ein am nördlichen Rand befindliches Ausweichgleis. Diese Anordnung änderte sich mit Herannahen des Ersten Weltkrieges, als nördlich des Ausweichgleises eine Militärrampe aufgeschüttet wurde, um Material und Mannschaften vom und zum Lager am Griesheimer Sand zu befördern.

Bereits auf dem Plan von 1903 wird die Bude am Bahnübergang als „Stellwerk II“ bezeichnet; welche Weichen und Signale von hier aus gesteuert wurden, ist unbekannt. Fast zwei Jahrzehnte später, also während der französischen Besatzung Griesheims, stehen und sitzen Gleisarbeiter in Positur am nun deutlich ausgebauten und an der Südseite befindlichen Stellwerk an der Pfützenstraße. Vom Lichteinfall her wird die Aufnahme am späten Nachmittag, eventuell auch frühen Abend entstanden sein.

Firmengelände Nothnagel.
Bild 4: Blick über die Pfützenstraße auf das Gelände der Fa. Nothnagel, 1966 oder später. Quelle: Stadtarchiv Griesheim, em 2008.0051.

Weitere Aufnahmen dieses Bahnübergangs zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg sind mir (derzeit) nicht bekannt. Aus der zweiten Hälfte der 1960er Jahre stammt eine von der Fa. Nothnagel in Auftrag gegebene Luftbildauf­nahme des Firmengeländes. Die drei unterhalb des Bahnübergangs befindlichen Gleise werden in Richtung Wolfskehlen zu einem vereinigt, was für einen Aufnahmezeit­punkt zwischen 1966 und 1971 spricht. 1965 oder 1966 wurde das zweite Streckengleis wieder entfernt, kurz nach Einstellung des Personenverkehrs im September 1970 wurde die Trasse westlich der Pfützenstraße komplett aufgegeben. Das Stellwerk befindet sich am unteren Bildrand links der Gleise. Das markante Gebäude in der Bildmitte wurde beim Aufprall mehrerer Schotterwagen 1977 derart beschädigt (siehe weiter unten), daß es abgerissen werden mußte.

Motiv 1955.
Bild 5: Bahnübergang und Stellwerk, 1955. Quelle: Ria Herz.

Ein Jahrzehnt früher, 1955, läßt sich vor dem Nothnagel­schen Gelände Ria Herz mit ihren Kindern fotografieren. Obwohl keinesfalls daran gedacht war, den Bahnüber­gang mitsamt seines Stellwerks als Motiv mit abzulichten, liegt hiermit eines der wenigen Bilddoku­mente aus den Griesheimer Eisenbahn­tagen vor. Im Hintergrund (Bildmitte, halblinks) ist der noch vollständige Schornstein der Bonbonfabrik Pasquay zu erkennen.

Motiv 1965.
Bild 6: Bahnübergang und Stellwerk, 1965, also zehn Jahre später. Quelle: Ria Herz.

1965 wurden Griesheim aus Anlaß seiner 800-Jahr-Feier die Stadtrechte verliehen. Entsprechend herausgeputzt fuhr eine Kutsche vom Nothnagel­schen Anwesen in die Stadt. Leider ist auf dem Bild nicht auszumachen, ob das zweite Streckengleis noch liegt.

Schotterwagen.
Bild 7: Schotterwagen im Garten, 1977. Quelle: Ria Herz.

Abschließend sei ein weiteres Bild als Folge des Schotterwagenunfalls 1977 gezeigt. Wenn wir uns das rechte Gleis (unterhalb des Bahnüber­gangs) auf Bild 3 verlängert vorstellen, dann ist verständlich, weshalb die aus Messel mit einer Endgeschwindig­keit von vielleicht fünfzig, vielleicht auch siebzig Stundenkilo­metern herangerollten schwerbe­ladenen Schotterwagen den Prellbock einfach beiseite schoben und schnurgerade weiter driftend die Grundstücksmauer zerfetzten und das Wohnhaus trafen. Die beiden Bewohnerinnen blieben glücklicher­weise unverletzt.


Diese Seite wurde zuletzt am 11. Juli 2015 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2008, 2010, 2015. Die Wieder­gabe, auch auszugs­weise, ist nur mit dem Einver­ständnis des Verfassers gestattet.

Die Fotos aus dem Stadtarchiv Griesheim sind mit Quellenangabe (also Stadtarchiv Griesheim) zu benutzen.
Ria Herz hat freundlicher­weise mehrere Bilder aus ihrem Fotoalbum für dieses Webseite zur Verfügung gestellt, von denen hier drei gezeigt werden. Ihr sei hierfür genauso gedankt wie dem unermüdlichen Nachforscher, der aus privaten Fotoalben so manches sonst unwiderbring­liche Bild hervorbringt. Diese Bilder unterliegen dem Urheberrecht und sind nicht frei verwendbar.
Der Ausschnitt aus dem Stadtplan entstammt dem Internetauftritt der Stadt Griesheim. Es gelten die dort vermerkten Nutzungsbedingungen. Für die großzügige Nutzungsmöglichkeit des dort vorzufindenden Stadtplans bedanke ich mich.

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