Tafel zu Posten 85. Verrostete Tafel zur Anzeige des Postens 85 an der Bergschneise.

Die Riedbahn von Darmstadt nach Goddelau

Der Posten 79 bei Griesheim

Teil 2: Das Bahnhaus am Posten 79

1869 wurde die Riedbahn zwischen Darmstadt und Worms eröffnet. Die heutige Riedbahn mit ihrem Hauptverlauf von Mannheim nach Frankfurt wurde erst zehn Jahre später errichtet. Dokumentiert wird auf meinen Riedbahn-Seiten der Strecken­abschnitt zwischen Darmstadt und Goddelau.

Gerhard Schreiner, ein Sohn des damaligen Schranken­wärters, hat mit rund einhundert eigenen Fotografien bzw. die seines Vaters die Veränderungen rund um den Posten 79 festgehalten. Die Aufnahmen entstammen einem Fotoalbum von Gerhard Schreiner und werden mit seiner freundlichen Genehmigung hier gezeigt.


Fortsetzung von: Posten 79, Teil 1: Übersicht.

Bahnhaus.

Bild 1: Das nach Angaben von Gerhard Schreiner 1882 errichtete Bahnhaus beherbergte die Familie des für den Posten 79 verantwortlichen Schrankenwärters. Das Entstehungs­datum dieser Fotografie hat sich bislang nicht klären lassen; möglicher­weise zeigt diese Aufnahme den Zustand dieses Typenbaus in der Nazizeit. Die damals zweigleisige Strecke ist ein Randphänomen, während das Brauerei­schild [1] einen Hinweis auf den möglichen Nebenver­dienst für durstige Durchreisende gibt. Ein neben dem Bahnhaus angebrachtes Schilde benennt ausdrücklich eine „Raststätte“. Bemerkens­wert ist das zugemauerte Fenster am Vorbau, denn eigentlich sollte der Schrankenwärter in beide Fahrt­richtungen freie Sicht haben. Da der Schrankenposten sich jedoch auf der anderen Straßenseite befand, bedurfte es dieses Fensters nicht (oder nicht mehr). Eher unverständ­lich scheint mir die in einer Forumsdiskussion geäußerte Vermutung, die Steine seien vom Fotografen hinein­retuschiert worden oder es handele sich gar nicht um Steine, sondern eher um das Muster eines Fliegengitters. Unbekannter Fotograf (oder Fotografin?), Quelle: Stadtarchiv Griesheim, em 2008.0065.

Bahnübergang mit Bahnhaus.

Bild 2: Anfang der 1950er Jahre wurde nicht nur ein kühles Blondes angeboten. Die beiden Platzhirsche unter den Herstellern schwarzge­färbter Brause bieten am Rande der damaligen Bundesstraße 26 ihre zuckerhaltigen Erfrischungen an. Auch wenn kein Biergarten erkennbar ist, so scheint der Durchgangs­verkehr mangels Autobahnen und ihren Raststätten das Angebot dankbar angenommen zu haben.

Blaue Linie.

Bild 3: In den 1950er Jahren verkehrten zwischen Darmstadt und Wiesbaden Bahnbusse und zwischen Darmstadt und Bad Kreuznach Busse der „Blaue Linie“ genannten Rhein-Nahe-Linie. Die dreimal täglich verkehrende „Blaue Linie“ machte von Darmstadt aus einen Abstecher nach Griesheim, bevor sie mit der Fähre bei Kornsand über den Rhein schipperte. Beide Linien hielten auf Zuruf am Bahnhaus mit seinem provisorischen Ausweich­platz. So stellte sich auch für diejenigen, die nicht per Rad oder zu Fuß zum Schreiner­schen Anwesen gelangen wollten oder konnten, der kommunikative Zusammen­halt her. Vermutlich handelt es sich bei diesem Bild um eine Sonntagsauf­nahme gegen viertel nach zwei am frühen Nachmittag. – Die Buslinie von Darmstadt über den Rhein bei Kornsand hatte einen Vorläufer in den 1920er und 1930er Jahren.

Bahnhaus.

Bild 4: Dieses Mitte der 1950er Jahre entstande Bild zeigt uns ein Bahnhaus, das noch unbeeindruckt von zukünftigen Baumaßnahmen und Straßenlärm vor sich hinträumt.

Bahnhaus.

Bild 5: Im Winter sieht sowieso alles ganz anders aus. Dieses im Winter 1957/58 von der im Bau befindlichen Straßenbrücke aus entstandene Bild zeigt uns die auf die Westseite der Bundesstraße verlegten Schrankenwinden für diesen Bahnüber­gang sowie den etwas entfernteren Übergang der Braunshardter Hausschneise.

Bahnhaus.

Bild 6: Zu Beginn der 1960er Jahre sind die Arbeiten an der vierstreifig ausgelegten Straßenbrücke abgeschlossen. An beiden Seiten der Bahnstrecke verläuft ein Wirtschaftsweg. Das Bahnhaus hat seine Funktion verloren und dient als reines Wohnhaus. Das Liegenschaftsbuch der Bundesbahn für Griesheim enthält für 1966 einen Eintrag, wonach rund eintausend Quadratmeter Grundstücks­fläche an die Eheleute Schreiner überschrieben worden sind. Weiterhin wird vermerkt, daß das dort geförderte Brunnenwasser nur abgekocht zu trinken sei, zudem werden Regelungen für eine eventuelle Elektrifizierung festgeschrieben. Diese Elektrifizierung kam nicht, statt dessen wurde der Personen­verkehr im September 1970 eingestellt und die Strecke auf ein Gütergleis zurückgebaut.

Umgebautes Bahnhaus.

Bild 7: In den Folgejahren wurde das ehemalige Bahnhaus mehrfach umgebaut und an die Bedürfnisse seiner Bewohnerinnen und Bewohner angepaßt. Das vermutlich aus den 1970er Jahren stammende Bild zeigt das Haus an einem trüben Tag direkt neben viel befahrener Autobahn und selten benutztem Gleis. Nach einem weiteren Umbau mußte der Fotograf das Haus räumen, da es genau auf der geplanten Trassierung des Nordrings, der Griesheimer Umgehungs­straße, stand. Deshalb sind heute keine Spuren dieses Bahnhauses mehr zu finden. Nur ein paar Schotterreste diesseits und jenseits der Autobahn verraten noch ein wenig vom einstmals umfangreichen Zugverkehr.

Fortsetzung mit Posten 79, Teil 3: Der Schrankenposten.

 

ANMERKUNGEN

 

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»» [1]   Die Union-Brauerei in Groß-Gerau wurde 1868 gegründet. Siehe hierzu auch die „Arisierungs“­geschichte auf der Webseite Juden in Gross-Gerau. Eine lokale Spurensuche mit einer Fortsetzung. Die Brauerei wurde 1966 (Peter Schneider bzw. Hans-Jörg Stork gibt wohl zutreffender 1967 an) von Henninger übernommen.


 
 
 
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