Tafel zu Posten 85. Verrostete Tafel zur Anzeige des Postens 85 an der Bergschneise.

Die Riedbahn von Darmstadt nach Goddelau

Posten 84 zwischen Darmstadt und Weiterstadt

Dokumentation

1869 wurde die Riedbahn zwischen Darmstadt und Worms eröffnet. Die heutige Riedbahn mit ihrem Hauptverlauf von Mannheim nach Frankfurt wurde erst zehn Jahre später errichtet. Dokumentiert wird auf meinen Riedbahn-Seiten der Streckenabschnitt zwischen Darmstadt und Goddelau.

Nachdem die Riedbahn eine lang­geschwungene Kurve in Darmstadts Norden hinter sich gebracht hatte, kreuzte sie die Verbindungs­straße zwischen Darmstadt und Weiterstadt am Posten 84. Das zugehörige Bahnwärter­haus wurde in den 1970er oder 1980er Jahren abgerissen.


Topografische Karte von 1886.

Abbidlung 1: Werfen wir zunächst einen Blick auf eine Topografische Karte von 1886. Recht unberührt stellt dieser Lageplan die Gegend nördlich der Pallaswiese dar. An Strecken­kilometer 57 befindet sich das Bahnwärter­haus, welches die Nummer 84 trägt. Weiter südwestlich, noch vor der Pallaswiesen­schneise, steht Bahnhaus 83. Ob das Bahnwärter­haus an der Gräfenhäuser Straße, die im 19. Jahrhundert noch nicht als Hauptverkehrs­straße Richtung Groß-Gerau ausgebaut war, die Nummer 85 getragen hat, gehört zu den vielen offenen Fragen, die vielleicht nie zu klären zu sein werden. Der Kavallerie-Exerzierplatz wurde von den Dragonern der preußischen und hessischen Heere genutzt. Zuweilen gab es dort auch eine Volksbelustigung, zu der die Hessische Ludwigsbahn beispielsweise am 20. Juni 1875 Sonderzüge bereit stellte. Nach dem 1. Weltkrieg gehörte das Gelände zum Rouvenhof. Siehe hierzu auch die Dokumentations­seite Vom Exerzierplatz zum Werkegelände.

Landwirtschaft nahe Posten 84.

Bild 2: Zu den fast schon unwahrscheinlichen Glücksfällen gehört dieses Bild aus einem privaten Fotoalbum, welches den landwirtschaft­lichen Betrieb (Gärtnerei) Vetter zeigt, möglicher­weise Ende der 1920er Jahre. Die Telegrafendrähte entlang der Riedbahn sind im Bildhinter­grund zu erahnen. Aufnahme aus dem Familienalbum Laumann.

Detailansicht des Bahnhauses 84.

Bild 3: Der Bildausschnitt zeigt das Bahnhaus von Süden aus betrachtet. Die Bahngleise befinden sich zwischen dem Zaun und dem Bahnhaus, sind jedoch aufgrund des Bewuchses nicht zu erkennen.

Posten 84.

Bild 4: Aus den frühen 1950er Jahren dürfte diese Ansicht stammen, die eine noch weitgehend gebäudefreie Landschaft zeigt. Bei dem Gebäude im Bildhinter­grund könnte es sich um den Rouvenhof handeln. Aufnahme aus dem Familienalbum Laumann.

Einweihung 1954.

Bild 5: Mit dem Bahnüber­gang an der Mainzer Straße (Darmstadt) bzw. Riedbahn­straße (Weiterstadt) erreichte die Riedbahn den heutigen Weiterstädter Stadtteil, der ihren Namen trägt. Dieser Bahn­über­gang ist bahn­technisch von besonderer Bedeutung. Im Frühjahr 1954 richtete die damalige Deutsche Bundesbahn hier versuchs­weise den ersten mit Halb­schranken versehenen Bahn­über­gang im Bundes­gebiet ein.

Damals nutzten täglich rund 2.500 Kraft­fahr­zeuge, 50 Fuhrwerke, 1.000 Radfahrerinnen und Radfahrer sowie 150 Menschen zu Fuß die damalige Landstraße und querten hierbei den zweigleisigen Bahnkörper. Zwischen Griesheim und Darmstadt verkehrten Mitte der 1950er Jahre noch täglich 55 Personen­züge und noch einige (auch über­regionale) Güterzüge mit einer Höchst­geschwindigkeit von 90 Stunden­kilometern. Die Straße wurde vor dem Übergang in der Mitte mit einer durchge­zogenen Linie versehen, doch es scheint so, als hätten die damaligen Autofahrer (wohl weniger Auto­fahrerinnen) diese Linie groß­zügig ignoriert. [1] Aufnahme aus der Sammlung Klaus Wedde.

Lageplan Doppelblinklichtanlage.

Abbildung 6: Dieser Lageplan zeigt die technische Einrichtung der damals modernen Doppelblinklicht­anlage aus dem Jahr 1957. Die hier eingezeichnete Blockstelle Pallaswiese ermöglichte zwischen dem Abzweig an der Bergschneise (Posten 85) und dem Bahnhof in Griesheim einen dichteren Zugabstand. Sie wurde, als diese Strecke ab den 1960er Jahren nach und nach rückgebaut wurde, obsolet und wird wohl in den 1970er Jahren abgetragen worden sein. Die Anweisung, wie diese „Doppelblinklicht­anlage mit zugbedienter Halbschranke und Fernüber­wachung“ betrieben wurde. ist als PDF verfügbar.

Mopedinspektion.

Bild 7: Bei den Anwohnerinnen und Anwohnern der Siedlung beidseits der Riedbahn war diese nicht unbedingt beliebt. Ruß und Lärm der in den 1950er Jahren noch häufig verkehrenden Personen- und Güterzüge hinerließen ihre Spuren. Hätte sich die Bundesbahn aufraffen können, der langsam wachsenden Gemeinde einen Haltepunkt zu spendieren, wäre das Verhältnis vielleicht entspannter gewesen. So jedoch zerschnitten die Gleise die Siedlung beidseits der Strecke. Daher ist es auch nicht verwunderlich, wenn es nur wenige (erhaltene) Aufnahmen vom Leben neben den Schienen gibt. Eine dieser Szenen spielte sich 1957 am Bahnhaus 84 ab. Die Reparatur oder Wartung eines Mopeds wird von Jung und Alt kritisch begutachtet. Die „84“ ist noch genausogut zu erkennen wie die beiden Gleise, die soeben die Hauptverkehrs­straße gekreuzt haben. Aufnahme zur Verfügung gestellt von Herrn N. aus Weiterstadt.

Posten 84.

Bild 8: 1962 oder 1963 entstand dieses Bild des Bahnüber­gangs mit einem charakteristischen Kraftfahr­zeug dieser Zeit. Aufnahme zur Verfügung gestellt von Dieter H. aus Riedstadt.

Auto nahe Posten 84.

Bild 9: In den 1960er Jahren fanden auf einem südlich der Bahn gelegenen Gestüt (ist das der ehemalige groß­herzogliche Besitz?) häufiger Pferde­auktionen statt. Die zum Teil von weither Angereisten stellten ihre Fahrzeuge zuweilen am Straßenrand in der Nähe des Bahnüber­gangs ab. Aufnahme zur Verfügung gestellt von Dieter H. aus Riedstadt.

Posten 84.

Bild 10: Dieses wohl ebenfalls in den 1960er Jahren aufgenommene Bild zeigt uns die noch zweigleisige Strecke. Zu diesem Zeitpunkt war das Bahnwärter­haus nicht länger von einem Bahn­bediensteten bewohnt. Aufnahme zur Verfgung gestellt von Gerhard Schreiner aus Griesheim.

Bahnhaus 84.

Bild 11: Die Farbgebung des Andreas­kreuzes weist auf einen zwei­gleisigen Bahn­übergang hin. Das Bahnwärter­haus wurde auch nach Installation der automatisch gesteuerten Halbschranken als Notfall­sicherung weiterhin besetzt. Am 26. Mai 1955 schilderte der „Griesheimer Anzeiger“ einen kuriosen Zwischenfall: „Weil der Streckenwärter des Bahnpostens 84 bei Weiterstadt (Landkreis Darmstadt) während seines Dienstes eingeschlafen war, wurden in der Nacht vor dem Bahnüber­gang bei Weiterstadt zwei planmäßige Züge angehalten. Der Strecken­wärter hatte sich auf einen Telefon­anruf nicht gemeldet. Als die Bahnpolizei am Bahnposten eintraf, lag der Streckenwärter noch im tiefen Schlaf. Die am Bahnüber­gang ‚auf Probe‘ befindliche neuartige automatische Halbschranke hatte sich jedoch auch ohne die Hilfe des Beamten geschlossen. Wie der Leiter des zuständigen Bahnbetriebs­amtes 2 in Darmstadt, Oberrat Dr. Lutz, mitteilte, wird der Strecken­wärter wegen seines Dienstver­gehens ‚eine gehörige Strafe‘ zu erwarten haben.“ Das genaue Datum der Nacht, in der der Vorfall stattfand, vermerkt das zweimal pro Woche ausgelieferte Blatt leider nicht. Aufnahme zur Verfgung gestellt von Gerhard Schreiner aus Griesheim.

Ehemaliger Bahnübergang.

Bild 12: Der 16. Februar 1966 scheint ein nebligtrüber Tag gewesen zu sein. Im Gegensatz zu den vorherigen Ansichten von der Darmstädter Seite auf das Bahnhaus blicken wir hier nach Südosten auf die sich hinter der Bahnlinie erstreckende Darmstädter Gemarkung. Auffallend ist das dortige Fehlen der heute vorhandenen Bäume. Der amtliche Darmstädter Stadtplan von 1966 hat hier folgerichtig Wiesen eingetragen, während in der 1971er Ausgabe schon Wald eingezeichnet ist. Aufnahme: Evonik Industries AG, Konzernarchiv.

Ehemaliger Bahnübergang.

Bild 13: Der 2009 verstorbene Weiterstädter Archivar Frieder Boss dokumentierte den Bahnüber­gang im Sommer 1988 und zu Beginn des Jahres 1989. Die vier erhaltenen Bilder zeigen Tristesse. Das funktionslos gewordene Bahnwärter­haus ist längst verschwunden; die Fläche diente mit ihren Schlammpfützen als Parkplatz. Allein das betonierte Standard­häuschen für die Elektrik der Signalisierung und Schranken belegt, daß ab und an noch ein Güterzug vorbeischaut. Zwei weitere Bilder zeigen den Bahnübergang aus leicht anderer Perspektive. Aufnahme: Stadtarchiv Weiterstadt.

Ehemaliger Bahnübergang.

Bild 14: Am 8. März 1996 dokumentierte Jörn Schramm ein Kuriosum der besonderen Art. Er fand den ehemaligen Bahnübergang noch mit Schranke und Blinklicht­anlage vor, obwohl das zugehörige Gleis schon Jahre zuvor abgebaut worden war.

Ehemalige Bahntrasse.

Bild 15: Er warf anschließend noch einen Blick auf die alte Bahntrasse, über die nach etwa einhundert Metern gerade ein Weg gepflastert wurde. Ein wenig weiter suggeriert eine optische Täuschung ein absolutes Halteverbot auf den Schotterresten.

Ehemaliger Bahnübergang.

Bild 16: 2009 muß man oder frau schon genauer hinschauen, denn nicht alle Spuren wurden beeitigt. So steht der Kilometerstein mit der Aufschrift 57 noch etwa an der Stelle, wo er auch hingehört, und selbst einen kleinen Gleisrest haben die Abbrucharbeiten übrig gelassen.

Reste.

Bild 17: Im Frühjahr, bevor allerlei Pflanzen wild herumwuchern, finden sich leicht noch die einen oder anderen Pfostenlöcher, Absperrgitter, Schienenstücke oder Grenzsteine. Wobei: die rostenden Geländer als Zeugnis einer einstmals die Moderne ins Ried bringenden Vergangen­heit wurden im Januar 2012 entsorgt. Zuvor hatten die Freien Wähler kräftig über ihren Schandfleck gemosert; und da 2013 die Neuwahl des Bürger­meisters ansteht, mußte dem mit ein wenig Tatendrang begegnet werden. Ob sich Freie Wähler (und Wählerinnen) auch über langsam, aber wirkungsvoll rostende Schandflecke aufregen, die sich zu Millionen auf häßlichen schwarz geteerten Wegen und Straßen aufhalten? Kann ich mir nicht vorstellen. Aber so ein Geländer, das niemandem und keiner wirklich weh tut, nur weil es einfach da steht, das ist natürlich ein Schmutzfleck, dem sofort mit gründlicher deutscher Scheuerbürste begegnet werden muß.


Literatur

 

ANMERKUNGEN

 

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»» [1]   Heinz Delvendahl : Die Blinklichtanlage mit Halbschranken an höhengleichen Bahnübergängen, in: EisenbahnTechnische Rundschau, Heft 11, November 1955, Seite 516–525, hier Seite 523.


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