Rangierfahrt auf der Riedbahn.
Die Riedbahn von Darmstadt nach Goddelau
Walter Kuhl
Rangierfahrt auf der alten Riedbahn.
Rangierfahrt auf der Riedbahn.
Bahnwärterhaus an der Hammelstrift.
Bahnwärterhaus.
Zwei Gleise am Posten 82.
Riedbahngleise Posten 82.
Hessische Ludwigsbahn.
Hessische Ludwigsbahn.
Bergschneise.
Bergschneise Posten 85.

Die Riedbahn von Darmstadt nach Goddelau

Das Bahnhaus 84 zwischen Darmstadt und Weiter­stadt

Bilder und Erinnerungen aus mehreren Jahr­zehnten

1869 wurde die Riedbahn zwischen Darm­stadt und Worms eröffnet. Die heutige Riedbahn mit ihrem Haupt­verlauf von Mannheim nach Frankfurt wurde erst zehn Jahre später errichtet. Doku­mentiert wird auf meinen Riedbahn-Seiten der Strecken­abschnitt zwischen Darm­stadt und Goddelau. Die Geschichte der Riedbahn wird an anderer Stelle meiner Webseite ausführ­lich abgehandelt.

Nachdem die Riedbahn eine lang­geschwungene Kurve in Darmstadts Norden hinter sich gebracht hatte, kreuzte sie die Verbindungs­straße zwischen Darmstadt und Weiter­stadt am Posten 84. Das zugehörige Bahnwärter­haus wurde 1872/73 erbaut und rund ein­hundert Jahre später irgend­wann in den 1970er oder 1980er Jahren abgerissen.

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Landwirt­schaft und ein Moped

Topografische Karte von 1886.

Abbidlung 1: Werfen wir zunächst einen Blick auf eine Topografische Karte von 1886. Recht unberührt stellt dieser Lageplan die Gegend nördlich der Pallas­wiese dar. An Strecken­kilometer 57 befandsich das Bahnwärter­haus, welches die Nummer 84 trägt. Weiter südwestlich, noch vor der Pallaswiesen­schneise, stand das typengleiche Bahnhaus 83, in entgegen­gesetzter Richtung das Bahnwärter­haus an der Gräfen­häuser Straße, die im 19. Jahr­hundert noch nicht als Hauptverkehrs­straße Richtung Groß-Gerau ausgebaut war. Es trug die Nummer 85. Der Kavallerie-Exerzierplatz wurde von den Dragonern der preußischen und hessischen Heere genutzt. Zuweilen gab es dort auch eine Volks­belustigung, zu der die Hessische Ludwigsbahn beispiels­weise am 20. Juni 1875 Sonderzüge bereit stellte. Nach dem 1. Weltkrieg gehörte das Gelände zum Rouvenhof. 

Landwirtschaft nahe Posten 84.

Bild 2: Zu den fast schon unwahrschein­lichen Glücksfällen gehört dieses Bild aus einem privaten Fotoalbum. Es zeigt den landwirtschaft­lichen Betrieb der Gärtnerei) Vetter und entstand möglicher­weise Ende der 1920er Jahre. Die Telegrafen­drähte entlang der Riedbahn sind im Bildhinter­grund zu erahnen. Aufnahme aus dem Familien­album Laumann.

Detailansicht des Bahnhauses 84.

Bild 3: Der Bildaus­schnitt zeigt das Bahnhaus von Süden aus betrachtet. Die Bahngleise befinden sich zwischen dem Zaun und dem Bahnhaus, sind jedoch aufgrund des Bewuchses nicht zu erkennen.

Posten 84.

Bild 4: Aus den frühen 1950er Jahren dürfte diese Ansicht stammen, die eine noch weitgehend gebäude­freie Landschaft zeigt. Bei dem Gebäude im Bildhinter­grund könnte es sich um den Rouvenhof handeln. Aufnahme aus dem Familien­album Laumann.

Einweihung 1954.

Bild 5: Mit dem Bahnüber­gang an der Mainzer Straße (Darmstadt) bzw. Riedbahn­straße (Weiterstadt) erreichte die Riedbahn den heutigen Weiterstädter Stadtteil, der ihren Namen trägt. Dieser Bahn­über­gang ist bahn­technisch von besonderer Bedeutung. Im Frühjahr 1954 richtete die damalige Deutsche Bundesbahn hier versuchs­weise den ersten mit Halb­schranken versehenen Bahn­über­gang im Bundes­gebiet ein.

Damals nutzten täglich rund 2.500 Kraft­fahr­zeuge, 50 Fuhrwerke, 1.000 Radfahrerinnen und Radfahrer sowie 150 Menschen zu Fuß die damalige Landstraße und querten hierbei den zweigleisigen Bahnkörper. Zwischen Griesheim und Darmstadt verkehrten Mitte der 1950er Jahre noch täglich 55 Personen­züge und noch einige (auch über­regionale) Güterzüge mit einer Höchst­geschwindigkeit von 90 Stunden­kilometern. Die Straße wurde vor dem Übergang in der Mitte mit einer durchge­zogenen Linie versehen, doch es scheint so, als hätten die damaligen Autofahrer (wohl weniger Auto­fahrerinnen) diese Linie groß­zügig ignoriert. 

Lageplan Doppelblinklichtanlage.

Abbildung 6: Dieser Lageplan zeigt die technische Einrichtung der damals modernen Doppelblinklicht­anlage aus dem Jahr 1957. Die hier eingezeichnete Blockstelle Pallaswiese ermöglichte zwischen dem Abzweig an der Berg­schneise (Posten 85 ab 1912) und dem Bahnhof in Griesheim einen dichteren Zug­abstand. Sie wurde, als diese Strecke ab den 1960er Jahren nach und nach rück­gebaut wurde, obsolet und wird wohl in den 1970er Jahren abgetragen worden sein. Die Anweisung, wie diese „Doppelblinklicht­anlage mit zugbedienter Halb­schranke und Fernüber­wachung“ betrieben wurde, ist als PDF verfügbar.

Mopedinspektion.

Bild 7: Bei den Anwohnerinnen und Anwohnern der Siedlung beidseits der Riedbahn war diese nicht unbedingt beliebt. Ruß und Lärm der in den 1950er Jahren noch häufig verkehrenden Personen- und Güterzüge hinter­ließen ihre Spuren, nicht nur an der zum Trocknen aufge­hängten Wäsche. Hätte sich die Bundesbahn aufraffen können, der langsam wachsenden Gemeinde einen Halte­punkt zu spendieren, wäre das Ver­hältnis vielleicht entspannter gewesen. So jedoch zerschnitten die Gleise die Siedlung beidseits der Strecke. Daher ist es auch nicht verwun­derlich, wenn es nur wenige (erhaltene) Aufnahmen vom Leben neben den Schienen gibt. Eine dieser Szenen spielte sich 1957 am Bahnhaus 84 ab. Die Reparatur oder Wartung eines Mopeds wird von Jung und Alt kritisch begutachtet. Die „84“ ist noch genauso­gut zu erkennen wie die beiden Gleise, die soeben die Hauptverkehrs­straße gekreuzt haben. Aufnahme zur Verfügung gestellt von Herrn N. aus Weiter­stadt.

Posten 84.

Bild 8: 1962 oder 1963 entstand dieses Bild des Bahnüber­gangs mit einem charakteris­tischen Kraftfahr­zeug dieser Zeit. Aufnahme zur Verfügung gestellt von Dieter H. aus Riedstadt.

Auto nahe Posten 84.

Bild 9: In den 1960er Jahren fanden auf einem südlich der Bahn gelegenen Gestüt (ist das der ehemalige groß­herzogliche Besitz?) häufiger Pferde­auktionen statt. Die zum Teil von weither Angereisten stellten ihre Fahrzeuge zuweilen am Straßen­rand in der Nähe des Bahnüber­gangs ab. Aufnahme zur Verfügung gestellt von Dieter H. aus Riedstadt.

Posten 84.

Bild 10: Dieses wohl ebenfalls in den 1960er Jahren aufge­nommene Bild zeigt uns die noch zwei­gleisige Strecke. Zu diesem Zeitpunkt war das Bahnwärter­haus nicht länger von einem Bahn­bediensteten bewohnt. Aufnahme zur Verfgung gestellt von Gerhard Schreiner aus Griesheim.

Bahnhaus 84.

Bild 11: Die Farbgebung des Andreas­kreuzes weist auf einen zwei­gleisigen Bahn­übergang hin. Der dem Bahnwärter­haus zugehörige Schranken­posten wurde auch nach Installation der automatisch gesteuerten Halb­schranken als Notfall­sicherung weiterhin besetzt. Am 26. Mai 1955 schilderte der „Griesheimer Anzeiger“ einen kuriosen Zwischen­fall: „Weil der Strecken­wärter des Bahn­postens 84 bei Weiter­stadt (Landkreis Darmstadt) während seines Dienstes einge­schlafen war, wurden in der Nacht vor dem Bahnüber­gang bei Weiter­stadt zwei plan­mäßige Züge angehalten. Der Strecken­wärter hatte sich auf einen Telefon­anruf nicht gemeldet. Als die Bahn­polizei am Bahnposten eintraf, lag der Strecken­wärter noch im tiefen Schlaf. Die am Bahnüber­gang ‚auf Probe‘ befindliche neuartige automatische Halb­schranke hatte sich jedoch auch ohne die Hilfe des Beamten geschlossen. Wie der Leiter des zuständigen Bahnbetriebs­amtes 2 in Darmstadt, Oberrat Dr. Lutz, mitteilte, wird der Strecken­wärter wegen seines Dienstver­gehens ‚eine gehörige Strafe‘ zu erwarten haben.“ Das genaue Datum der Nacht, in der der Vorfall stattfand, vermerkt das zweimal pro Woche ausge­lieferte Blatt leider nicht. Aufnahme zur Verfgung gestellt von Gerhard Schreiner aus Griesheim.

Ehemaliger Bahnübergang.

Bild 12: Der 16. Februar 1966 scheint ein nebligtrüber Tag gewesen zu sein. Im Gegensatz zu den vorherigen Ansichten von der Darm­städter Seite auf das Bahnhaus blicken wir hier nach Südosten auf die sich hinter der Bahnlinie erstreckende Darm­städter Gemarkung. Auffallend ist das dortige Fehlen der heute vorhandenen Bäume. Der amtliche Darm­städter Stadtplan von 1966 hat hier folgerichtig Wiesen eingetragen, während in der 1971er Ausgabe schon Wald einge­zeichnet ist. Quelle: Evonik Industries AG, Konzernarchiv.

Ehemaliger Bahnübergang.

Bild 13: Der 2009 verstorbene Weiter­städter Archivar Frieder Boss doku­mentierte den Bahnüber­gang im Sommer 1988 und zu Beginn des Jahres 1989. Die vier erhaltenen Bilder zeigen Tristesse. Das funktions­los gewordene Bahnwärter­haus ist längst ver­schwunden; die Fläche diente mit ihren Schlamm­pfützen als Parkplatz. Allein das betonierte Standard­häuschen für die Elektrik der Signalisierung und Schranken belegt, daß ab und an noch ein Güterzug vorbei­geschaut hat. Zwei weitere Bilder zeigen den Bahn­übergang aus leicht anderer Perspektive. Quelle: Stadtarchiv Weiterstadt.

Ehemaliger Bahnübergang.

Bild 14: Am 8. März 1996 dokumentierte Jörn Schramm ein Kuriosum der besonderen Art. Er fand den ehemaligen Bahnüber­gang noch mit Schranke und Blinklicht­anlage vor, obwohl das zugehörige Gleis schon Jahre zuvor abgebaut worden war.

Ehemalige Bahntrasse.

Bild 15: Er warf anschließend noch einen Blick auf die alte Bahntrasse, über die nach etwa einhundert Metern gerade ein Weg gepflastert wurde. Ein wenig weiter suggeriert eine optische Täuschung ein absolutes Halteverbot auf den Schotter­resten.

Ehemaliger Bahnübergang.

Bild 16: 2009 muß man oder frau schon genauer hinschauen, denn nicht alle Spuren wurden beeitigt. So steht der Kilometer­stein mit der Aufschrift 57 noch etwa an der Stelle, wo er auch hingehört, und selbst einen kleinen Gleisrest haben die Abbruch­arbeiten übrig gelassen.

Reste.

Bild 17: Im Frühjahr, bevor allerlei Pflanzen wild herum­wuchern, finden sich leicht noch die einen oder anderen Pfostenlöcher, Absperrgitter, Schienen­stücke oder Grenzsteine. Wobei: die rostenden Geländer als Zeugnis einer einstmals die Moderne ins Ried bringenden Vergangen­heit wurden im Januar 2012 entsorgt. Zuvor hatten die Freien Wähler kräftig über ihren Schand­fleck gemosert; und da 2013 die Neuwahl des Bürger­meisters anstand, mußte dem herbei­suggerierten mit ein wenig Taten­drang begegnet werden. Ob sich Freie Wähler (und Wählerinnen) auch über langsam, aber wirkungsvoll rostende Schand­flecke aufregen, die sich zu Millionen auf häßlichen schwarz geteerten Wegen und Straßen aufhalten? Kann ich mir nicht vorstellen. Aber so ein Geländer, das niemandem und keiner wirklich weh tut, nur weil es einfach da steht, das ist natürlich ein Schmutz­fleck, dem sofort mit gründlicher deutscher Scheuer­bürste begegnet werden muß.

Anmerkungen

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  1. Siehe hierzu auch die Unterseite Vom Exerzierplatz zum Werkegelände.   
  2. Aufnahme aus der Sammlung Klaus Wedde. Zur Blinklicht­anlage siehe Heinz Delvendahl : Die Blinklicht­anlage mit Halb­schranken an höhen­gleichen Bahnüber­gängen, in: Eisenbahn­Technische Rundschau, Heft 11, November 1955, Seite 516–525, hier Seite 523.