S-Bahn Arheilgen. Fahrgastwechsel in Arheilgen.

Nahe der Riedbahn von Darmstadt nach Goddelau

Der Bahnhof Darmstadt-Arheilgen

Einige Bilder und Pläne

Zwei Jahrzehnte, bevor die Hessische Ludwigsbahn 1869 die Riedbahn zwischen Darmstadt und Worms in Betrieb nahm, baute der hessische Staat in einem Gemeinschafts­projekt mit Baden und Frankfurt die Main-Neckar-Bahn. Diese 1846 fertiggestellte Bahnlinie erwies sich schon bald als Goldgrube. Als wichtiges Verbindungsglied zwischen dem süddeutschen Raum und den weiten Ebenen des Nordens erfüllte sie schnell die Verkehrs­bedürfnisse der aufstrebenden Bourgeoisie. Zunächst säumten nur wenige Stationen den Schienentrang. Zwischen Darmstadt und Frankfurt wurde allenfalls in Langen angehalten. Erst 1848 entstand eine Bahnstation namens Arheilgen, die jedoch irgendwo im Niemandsland zwischen den Dörfern Arheilgen und Wixhausen errichtet wurde, nämlich hier. Fast ein halbes Jahrhundert später, am 1. Oktober 1894, wurde das ziemlich genau ein weiteres Jahrhundert später, nämlich am 10. März 1994, gesprengte neue Stationsgebäude etwa sechshundert Meter weiter südlich dem Verkehr übergeben.

Die hier gezeigten Pläne und Fotografien entstanden in der Spätphase des Bahnhofs­verkehrs in Arheilgen. Ursprünglich besaß das Chemie- und Pharma­unternehmen Merck ihren Gleisanschluß von Arheilgen her. Am Nordostrand des Bahnhofs stand ein Zweigwerk der Firma Schenck. Auch dieses wurde zu Beginn der 2000er Jahre aufgegeben, an seiner Stelle wurde die brach gelegte Fläche in ein neues Wohngebiet verwandelt, das des Lärmes wegen hinter einer Schall­schutzwand versteckt wurde. Intelligente Lösungen würden Flüstergleise und Maßnahmen zur Begrenzung der Rollgeräusche bevorzugen, aber die Deutsche Bahn setzt lieber auf flächendeckende Verschandelung durch vorgefertigte Plastik- oder Holzelemente.

Den Fotografen Harald Schönfeld, Jörn Schramm und Claus Völker sei für die Überlassung ihrer Aufnahmen an dieser Stelle gedankt. Meine eigenen Aufnahmen entstanden 2013.


Bf Arheilgen 1994.

Bild 1: Zwei Wochen vor dem Abriß schaute Jörn Schramm am 19. Februar 1994 noch einmal am Bahnhof Arheilgen vorbei. Er hinterließ uns eine typische Szene mit einem samstag­nachmittäglichen Vorortzug von Darmstadt nach Frankfurt. Es dürfte sich um den Zug 7536 (Darmstadt ab 15.05) oder 7540 (Darmstadt ab 15.57) handeln, dessen drei Silberlinge von der noch grünen 141 185-9 geschoben wurden. Im Vordergrund der Bahnüber­gang Richtung Weiterstadt, im Hintergrund die Werkhallen von Schenck. Die Gitter neben der Lok deuten auf den bevorstehenden Abriß hin.

Gleisanschlußplan Arheilgen 1973 nördlicher Teil. Gleisanschlußplan Arheilgen 1973 mittlerer Teil. Gleisanschlußplan Arheilgen 1973 südlicher Teil.

Abbildung 2: Gleisplan des Bahnhofs Arheilgen 1973, noch ohne die Auswirkungen des Ende 1972 in Betrieb genommenen Drucktastenstellwerks am Darmstädter Hauptbahnhof. Der Plan wurde um 90 Grad gedreht und liegt somit – wie die Main-Neckar-Bahn – in Nord-Süd-Ausrichtung.

Abriß Bf Arheilgen 1994.

Bild 3: Vier Tage vor der Demontage des hundertjährigen Gebäudes ist am 6. März 1994 der Bahnsteig durch eine Bretterwand vom wütenden Treiben der Bagger und Bauarbeiter abgetrennt. Die Fahrplan­aushänge versprechen Normalität. Drei Jahre später sollte hier die erste S-Bahn halten. Aufnahme: Jörn Schramm.

Nebengebäude Bf Arheilgen 1994.

Bild 4: Am 19. Februar 1994 hielt Jörn Schramm ein dem Verfall preisgegebenes Neben­gebäude südlich des Bahnüber­gangs im Bild fest.

Güterrampe Arheilgen 1994.

Bild 5: Am vorletzten Tag des Jahres 1992 erschien die ehemalige Güter­verladung nur noch trostlos. Gleis 6 bzw. 866 mit seinem Prellbock hatte trotz des morgendlichen Winterlichts schon bessere Tage gesehen. Aufnahme: Jörn Schramm.

S-Bahn-Bau 1994.

Bild 6: Sieben Monate nach der Niederlegung des Stationsgebäudes werden die Konturen des S-Bahn-Gleises vorbereitet. Wo am rechten Bildrand ein Bagger werkelt, wird später die lange Rampe für die Brücke über die Gleise entstehen, während der Bahnübergang im Vordergrund verschwindet. Rechts im Hintergrund die Werkshallen von Schenck. Aufnahme: Harald Schönfeld, 9. Oktober 1994.

Die Gleisanlagen des Arheilger Bahnhofs wurde von den beiden Stellwerken „An“ im Norden und „Af“, am Bahnübergang gelegen, überwacht. Das nördliche Stellwerk beaufsichtigte die Ein- und Ausfahrt Richtung Frankfurt, sowie die Gütergleise, während das Fahrdienstleiter­stellwerk den südlichen Abschnitt steuerte. Beide mechanische Stellwerke wurden zum 1. September 1976 außer Betrieb genommen und durch ein moderneres Drucktasten­stellwerk ersetzt. Die drei folgenden Aufnahmen des Stellwerks entstanden daher kurz nach der Außerbetriebnahme; das modernere Stellwerk „Af“ ist nicht im Bild zu sehen. Die beiden Wagenbilder aus demselben Jahr runden das Bahnhofsambiente ab.


Bf Arheilgen 1976.

Bild 7: Am 15. September 1976 suchte Jörn Schramm den Arheilger Bahnhof auf, um das funktionslos gewordene Stellwerk wenigstens virtuell der Nachwelt zu erhalten. Der Güllewagen präsentiert uns fast schon ein Idyll.

Bf Arheilgen 1976.

Bild 8: Den braunen Dienstwagen der Signalmeisterei Darmstadt am linken Rand des vorherigen Bildes fand auch er interessant genug, um ihm ein Dia zu widmen. Der Wagen gehört nicht einfach nur zum Inventar des Bahnhofs, sondern trägt zum charakteristischen Flair einer vergangenen Epoche bei. Dieser G10 trägt die Wagennummer 130061.

Bf Arheilgen 1976.

Bild 9: Dieser dreiachsige Werkstattwagen stand ebenfalls auf einem der Abstellgleise. Leider gibt es von den benachbarten beiden Wagen keine Aufnahme.

Stellwerk Arheilgen Af 1976.

Bild 10: Zurück zum Stellwerk. Die Bundestagswahl am 3. Oktober 1976 wirft hier plakative Schatten. Während Willy Brandt noch ein bißchen mehr Demokratie wagen wollte, war sein Nachfolger Helmut Schmidt hier weitaus pragmatischer. Ein Jahr später sollte er mit dafür sorgen, daß die gesamte bundesdeutsche Presse während des Deutschen Herbstes uniform berichtete. Die Unionsparteien unter der Führung eines gewissen noch grünschnäbeligen, aber wirtschaftlich gut eingebetteten Helmut Kohl [1] verfehlten 1976 die absolute Mehrheit knapp, so daß die sozialliberale Koalition noch einige Jahre weiter regieren konnte. Der FDP-Mann auf dem Plakat symbolisiert mit seinem Telefonhörer eine solide Leistung; wir wollen einmal nicht mutmaßen, daß die Aufnahme entstand, als der Abgeordnete mit einem Lobbyisten verhandelte. Die Smartphone-Generation von heute dürfte dieses antike Kommunikations­instrument allenfalls noch aus alten Fernsehserien kennen. Aufnahme: Jörn Schramm.

Bf Arheilgen 1976.

Bild 11: Das inzwischen verlassene Stellwerk an der Straße nach Weiterstadt aus der Nähe betrachtet. Aufnahme, wie auch die vorigen: Jörn Schramm.


Fast ein Jahrhundert lang, genauer: seit 1898, bestand in Arheilgen ebenfalls der Gleisanschluß der Firma Schenck für ihr Zweigwerk in Arheilgen. Hierzu ist eine 1961 erstellte Dienstanweisung erhalten geblieben.

Gleisanschluß Schenck.

Abbildung 12: Lageplan aus der Dienstanweisung für die Bedienung des Privatgleis­anschlusses der Firma Carl Schen[c]k, GmbH, Maschinen­fabrik Darmstadt – Werk Arheilgen –, gültig vom 1. Mai 1961.

Beschreibung des Gleisanschlusses laut Dienstanweisung:

„Von der fernbedienten Doppelweiche 6 verläuft das Anschlußgleis nach Südosten durch ein Werktor von 4,8 m lichte Weite in den Werkhof, der vollständig eingezäunt ist. An der Weiche A im Werkhof teilt sich das Anschlußgleis in zwei Stumpfgleise, die je eine nutzbare Länge von 40 m haben. Beide Stumpfgleise enden mit einem Gleisabschluß in der überdachten Kranbahn-Süd. Die gesamte Gleisanlage liegt horizontal (1 : ∞).

Gegen die Bahnhofsanlagen ist das Anschlußgleis durch die Gleissperre I, die mit der Weiche 6 a/b gekuppelt ist, abgeriegelt.

Die Weiche 6 ist an das Stellwerk „An“ des Bahnhofs Da-Arheilgen angeschlossen und wird von dort aus bedient. In der Grundstellung liegt die Weiche auf dem geraden Strang (Bahnhofsgleis 5). Die Gleissperre I ist mit der Weiche 6 a/b derart gekuppelt, daß sie bei Grundstellung der Weiche in Sperrstellung liegt und beim Umstellen entsperrt wird.

Die Weiche A im Werkshof ist eine Handweiche und frei bedienbar.

Der Anschluß dient zur Zustellung und Abholung der für die Firma Carl Schenk GmbH bestimmten Wagen.

Als Übergabestelle ist das nördliche Ladegleis als Zustellgleis und zur Abholung das Abstellgleis 5 hinter der Weiche 6 bestimmt. Die Zustellung und Abholung zur bezw von der Übergabestelle wird durch Rangierfahrten der Nahgüterzüge durchgeführt.

Die Weiterbeförderung und die Rückgabe der Ladungen und leeren Wagen von der Übergabestelle in und aus dem Werkhof erfolgt durch einen werkseigenen Gabelstapler und Personal des Anschließers.

Um die erforderlichen Rangierbewegungen mit dem Gabelstapler ausführen zu können, ist vom Werkhof aus entlang des Anschlußgleises ein 2 m breiter Plattenweg errichtet, der sich außerhalb des Werktores teilt und in nördlicher Richtung auf der Ostseite des Gleises bis zum Abstellgleis 5 führt, während er in südlicher Richtung das Zustellgleis 6 kreuzt und anschließend auf der Westseite des Gleises bis zur Gleiswaage des Bahnhofs verläuft.

Gleisanschluß Schenck.

Abbildung 13: Lageplan des Privatgleis­anschlusses der Firma Carl Schenck von 1977 mit einigen Änderungen im nördlichen Arheilger Gleisvorfeld.

ICE bei Schenck.

Bild 14: Die S-Bahn ist – hier verdeckt durch ein Schallabweis­element – in Betrieb, und ab und an schaut auch einmal ein Hochgeschwindig­keitszug in Arheilgen vorbei. Noch stehen die verwaisten Werkshallen von Schenck. Aufnahme: Harald Schönfeld, 3. November 2001.

Gleisreste.

Bild 15: Das nördliche Arheilger Gleisvorfeld heute; Weiche 812 mit Blick in Richtung Frankfurt.

Im Zuge des S-Bahnbaus Mitte der 90er Jahre wurde das Gleisbild Arheilgens drastisch geändert. Die beiden Personen­bahnsteige verschwanden, so daß die Güter- und Expreßzüge der Deutschen Bahn AG und ihrer Konkurrenz nun ungehindert durchrauschen können. In die Mittellage zwischen die beiden Streckengleise von Frankfurt nach Darmstadt wurde ein Überhol- und Abzweiggleis eingefügt. Über dieses Gleis gelangen nicht nur Güterzüge auf die Aschaffen­burger Bahnstrecke, sondern auch die VIAS-Triebwagen auf dem direkten Weg von Frankfurt in den Odenwald. Dieses südlich von Arheilgen gelegene Abzweiggleis wurde einst von der Blockstelle Birnbaum [2] gesichert.

Dieses mittlere Gleis ist hier (noch) nicht zu sehen, weil es erst außerhalb des linken Bildrandes ausgefädelt wird. Bei den beiden rechten Gleisen handelt es sich um das Streckengleis der S-Bahn nach Darmstadt und das ehemalige Gütergleis 862. Die Weiche 812 des Gleis­anschlusse Schenck ist, wenn auch ohne jede Funktion, nicht ausgebaut worden. Dasselbe gilt für die Weiche 813 nach Gleis 6 (bzw. 866). Selbiges ist noch weitgehend erhalten und ermöglicht sogar noch den Blick auf einen 1964 eingetriebenen Schwellennagel. Das Gütergleis endet noch vor der im Hintergrund zu erkennenden Straßenbrücke an einem Prellbock. Selbst der Plattenweg für den Gabelstapler ist noch vorhanden.

Teil der Schenck-Fabrikhallen.

Bild 16: Teil des Schenck-Werkgeländes. Aufnahme: Claus Völker (Scan aus dem „Darmstädter Echo“ vom 19. September 1997).

In den 1990er Jahren wurde die traditionsreiche Maschinenfabrik Schenck von Weltkonjunktur und Management­entscheidungen gebeutelt. Aktionäre hatten wieder einmal andere Vorstellungen von der Profitabilität als Betriebsräte. Hunderte von Männern und Frauen wurden in mehreren Schüben entlassen, das Arheilger Zweigwerk 1997/98 dichtgemacht.

86457 vor den Schenck-Fabrikhallen.

Bild 17: Die Hallen mit dem Schenck-Logo, davor die heute in Heilbronn untergestellte Dampf­lokomotive 86 457 während einer Sonderfahrt [3]. Aufnahme: Harald Schönfeld, 25. Mai 1989.

Station Arheilgen.

Bild 18: Die S-Bahnstation Arheilgen heute.

1997 begann in Arheilgen das S-Bahn-Zeitalter. Das Schenckgelände wurde in ein Wohngebiet umgewandelt. Zwei Buslinien erschließen die Arheilger Peripherien und binden sie direkt an den Bahnsteig der S-Bahn an. Hier trifft soeben eine S-Bahn aus Frankfurt ein. Der Übergang von Personen aus dem einen ins andere Gefährt hält sich in leicht zählbaren Grenzen. Vielleicht ist das während des Berufsverkehrs anders. Die Bogenbrücke ermöglicht Radfahrerinnen und Fußgängern den Übergang; der Autoverkehr muß sich zwei Brücken im Norden und Süden des Darmstädter Vorortes suchen. Unterhalb der Bogenbrücke wacht das Stellwerk weitgehend unbemerkt über einen störungsfreien Verkehr. Die Aufnahme entstand im Juni 2013.

Was fehlt?

Neben einer genaueren Beschreibung der Blockstelle Birnbaum, von einem Bild ganz zu schweigen, wäre noch genauer auf die beiden Stellwerke einzugehen, die vor Inbetrieb­nahme des 1976 für 4,5 Millionen Mark errichteten Drucktasten­stellwerks „Af“ nördlich und südlich des Arheilger Bahnhofs bestanden haben. Dann gab es noch den Gleisanschluß der Firma Merck von etwa 1900 bis 1923, dessen Gleise am Arheilger Bahnhof noch Jahrzehnte später zu sehen gewesen sein sollen.

Die Menschen, die in den Gleisplänen, Bahnhofs­beschreibungen, Dienst­anweisungen oder abfotografierten Steinen nur selten hervortreten, fehlen hier gänzlich. Ob es noch die eine oder andere Geschichte oder Anekdote aus der Arheilger Bahnhofszeit gibt? Ich würde sie, selbst wenn ich Schwierigkeiten mit dem Oarhelljer Dialekt habe, auch aufschreiben …


Literatur

 

ANMERKUNGEN

 

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»» [1]   Siehe hierzu als Klassiker der deutschen Politliteratur der 1970er Jahre das Buch „Großes Bundes­verdienstkreuz“ von Bernt Engelmann; mehr hierzu in der Wikipedia.

»» [2]   Zu dieser Blockstelle kann ich momentan nur zwei Weblinks anfügen. Volker Blees thematisierte die Blockstelle 2005 im Historischen Forum von Drehscheibe Online. Thomas Noßke führt die (Wieder?-) Eröffnung der Strecken­verbindung von Arheilgen zum Nordbahnhof in seiner Chronik für 1930 auf, was vermutlich auf das Ende der französischen Besatzung in Arheilgen zurückzuführen sein wird.

»» [3]   Siehe hierzu auch die wenige Tage später stattgefundene Sonderfahrt nach Griesheim.


 
 
 
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