Rangierfahrt auf der Riedbahn.
Die Riedbahn von Darmstadt nach Goddelau
Walter Kuhl
Rangierfahrt auf der Riedbahn.
Auf der Riedbahn.
Hauptbahnhof.
Darmstadt Hauptbahnhof.
Wasserturm am Hauptbahnhof.
Wasserturm.
Uniformen.
Eisenbahnmuseum
Kranichstein.
Bahnwärterhaus.
An der Hammelstrift.

Die Riedbahn von Darmstadt nach Goddelau

Die Blockstellen Birnbaum, Sensfelder Weg und Löcherwiese

Eine Annäherung

1869 wurde die Riedbahn zwischen Darmstadt und Worms eröffnet. Die heutige Riedbahn mit ihrem Haupt­verlauf von Mannheim nach Frankfurt wurde erst zehn Jahre später errichtet. Dokumentiert wird auf meinen Riedbahn-Seiten vor allem der Strecken­abschnitt zwischen Darmstadt und Goddelau.

Der Ende des ersten Jahrzehnts des 20. Jahr­hunderts begonnene Neubau des Darm­städter Haupt­bahnhofs erforderte eine voll­ständige Neuaus­richtung der Gleis­anlagen auf seinem Nordkopf. Diese Gleis­anlagen wurden bewußt so gestaltet, daß sich die kreuzenden Zug­trassen möglichst nicht ins Gehege kamen. Gleich­zeitig wurde am nordöst­lichen Rand des neuen Bahnhofs ein Güter­bahnhof angelegt. Dessen Zuführung wiederum mußte mit der Logik einer möglichst kreuzungs­freien Gleis­trassierung verknüpft werden.

Den Standort der ehemaligen Blockstelle Birnbaum verdanke ich einem Hinweis von Sebastian W. Die hier ausschnitts­weise wieder­gegebenen Pläne sind Teil mehrerer Gleispläne zur Umgestaltung der Bahnhofs­anlagen zu Darm­stadt, datiert auf März 1910, hier Blatt 1. Alle Plan­ausschnitte sind, wie im Original, geostet. Quelle: Archiv des Eisenbahn­museums Darmstadt-Kranich­stein.


Einführung

Beim Umbau der Gleis­anlagen im Zusammen­hang mit dem Neubau des Darm­städter Haupt­bahnhofs zwischen 1907 und 1912 wurden die alten Gleistrassen entweder über­flüssig oder in die neu hergerichtete Struktur integriert. So entstand eine neue Gleis­verbindung zwischen der Main-Neckar-Bahn und der Verbindungs­bahn der vormaligen Hessischen Ludwigs­bahn. Diese Gleis­verbindung wurde an beiden Enden mit Stell­werken versehen, die Blockstellen genannt wurden: Birnbaum im Norden und Sensfelder Weg im Süden. Weiterhin wurde die alte Einfahrt in den Ludwigs­bahnhof umfunk­tioniert zum Anschluß­gleis für das Aus­besserungs­werk auf der Knell und die Gleis­anschlüsse entlang der Blumenthal­straße, der heutigen Kasinostraße, bzw. zur Landwehr­straße. Abgesichert wurde dieses Anschluß­gleis durch das neu errichtete Stellwerk an der Löcherwiese.

Werfen wir zunächst einen ersten Blick auf den Plan­ausschnitt mit den drei neu errichteten Blockstellen Birnbaum, Sensfelder Weg und Löcherwiese.

Blockstelle Birnbaum.

Abbildung 1: Von der von Frankfurt her­kommenden Main-Neckar-Bahn zweigt nach Osten hin die Verbindungs­kurve in Richtung des ebenfalls neu errichteten Nord­bahnhofs ab. Dieser Abzweig ist bis heute vorhanden, jedoch gleisseitig umgestaltet. Damals wurde zur Absicherung ein neues Stellwerk eingeplant, die Blockstelle Birnbaum (links oben im Plan).

Blockstelle Sensfelder Weg.

Abbildung 2: Das südliche Ende der Verbindungs­kurve mündet an der Blockstelle Sensfelder Weg (rechts oben) in die sogenannte Verbindungs­bahn ein. Ursprüng­lich war die Verbindungs­bahn im Westen an der Blockstelle Hammelstrift ausgefädelt und im Nordosten am Bahnhof Kranich­stein mit der nach Aschaffen­burg führenden Personenzug­strecke wieder vereinigt worden. Auch hier liegen heute Gleise und Weichen anders. Am oberen Bildrand biegt ein weiteres Gleis nach Osten hin ab. Es führte in den um die Jahrhundert­wende in den Darmstädter Norden umge­siedelten Merck'schen Fabrik­komplex. Dieses Anschluß­gleis wurde ab dem Bahnhof Arheilgen parallel zur Main-Neckar-Bahn geführt und unterlag daher auch nicht der Kontrolle des Stellwerks Birnbaum.

Blockstelle Löcherwiese.

Abbildung 3: In Höhe der Blockstelle Sensfelder Weg bogen die beiden Personenzug­gleise aus Richtung Mainz und Worms zum Ludwigs­bahnhof ab. Diese Gleise wurden ab 1912 nicht mehr benötigt. Statt dessen schüttete man einen neuen Damm auf und ließ vom Güter­bahnhof aus ein neues Verbindungs­gleis zu den alten Gleis­anlagen des Ausbesserungs­werks und der Gleis­anschlüsse an der Blumenthal- und Landwehr­straße entstehen. Dieses zweigte an den ebenfalls neuen Güterzug­gleisen vom Haupt- bzw. Güter­bahnhof nach Kranich­stein an der Blockstelle Löcherwiese ab.

Die Blockstelle Birnbaum

Der Gebäude­sockel der ehemaligen Blockstelle ist noch vorhanden. Er befindet sich in einem Zwickel, der zwischen der Main-Neckar-Bahn, der B3-Umgehung Arheilgen und der von dort abzweigenden Virchow­straße, der Zufahrts­straße zum Firmen­parkplatz von Merck, liegt. Ob das Oberteil des Stellwerks aus Fachwerk oder Stein bestanden hat, läßt sich nicht genau fest­stellen. Wie nicht anders zu erwarten, ist der Stein- bzw. Betonklotz während der sommer­lichen Vegetations­periode gut zugewachsen. Der Zugang erfolgt durch eine beherzte Über­querung der Umgehungs­straße und einem kurzen Fuß­marsch durch Gräser und Dornen. Von der Besteigung des Sockels rate ich ab. Erstens ist das Gemäuer bröckelig und zweitens porös, was durch den Pflanzen­bewuchs verdeckt wird. Die beiden Aufnahmen stammen vom September 2016.

Blockstelle Birnbaum.

Abbildung 4: Detailansicht des Umgestaltungs­plans. Der Abzweig erfolgte ohne Schutz­weiche; Signale sind leider keine eingetragen.

Steinsockel der Blockstelle Birnbaum.

Bild 5: Der Betonsockel von der Umgehungs­straße aus gesehen.

Steinsockel der Blockstelle Birnbaum.

Bild 6: Der Steinsockel von oben, der Zufahrt zu Merck, aus gesehen.

Auf einem ähnlichen Umbauplan von 1906 ist die Blockstelle Birnbaum mit [⇒ C1] markiert.

Die Blockstelle Sensfelder Weg

Fotografisch gibt die ehemalige Blockstelle Sensfelder Weg rein gar nichts her, Über­reste habe ich keine gesehen, bin aber auch nicht intensiv durchs Gebüsch gekrabbelt. Ich vermute, daß es sich hierbei eher um eine provisorische Holzhütte gehandelt hat, die bald bach 1912 wieder abgebaut worden ist.

Blockstelle Sensfelder Weg.

Abbildung 7: Detailansicht des Umgestaltungs­plans. Die Verbindugs­kurve stößt beim Stellwerk Sensfelder Weg auf die Verbindungs­bahn. An der Stelle der darüber führenden Brücke der Main-Neckar-Bahn steht heute eine Neubau­brücke, über welche der Werks­verkehr von Merck abgewickelt wird. Auf dem Plan ist die alte Trasse der Main-Neckar-Bahn schon als aufgegeben gekenn­zeichnet, obwohl bis April 1912 hier noch die Personen­züge zum alten Main-Neckar-Bahnhof verkehrten.

Gebüsch bei Merck.

Bild 8: Etwa hier, im Gebüsch zwischen Gleisen und Weg, muß das Stellwerk der Blockstelle Sensfelder Weg gestanden haben. Blick von Osten auf die Brücke, Oktober 2016.

Auf einem ähnlichen Umbauplan von 1906 ist die Blockstelle Sensfelder Weg mit [⇒ F2] markiert.

Die Blockstelle Löcherwiese

Blockstelle Löcherwiese.

Abbildung 9: Zwischen den beiden Weltkriegen war die Güterzug­strecke zwischen Darmstadt Haupt- bzw. Güter­bahnhof und der Ein­mündung in die Verbindungs­bahn am Nord­bahnhof noch zweigleisig. Nach Bomben­treffern in den letzten Kriegs­monaten des Zweiten Weltkrieges wurde das zweite Gleis nicht wieder durch­gehend aufgebaut. Anders, als es dieser Gleisplan hier zeigt, wurde seither das zweite (südlichere, auf dem Plan rechte) Gleis direkt als Zufahrts­gleis zum Ausbesserungs­werk und den damals noch zahlreichen Gleis­anschlüssen im Fabrik­viertel verwendet, ohne Weiche und damit auch ohne Stellwerk. Selbiges wurde folgerichtig entsorgt. Auch dieser Gleis­anschluß ist nunmehr Geschichte, nachdem das Aus­besserungs­werk dicht gemacht wurde.

Streckenplan Blockstelle Löcherwiese.

Abbildung 10: Die damals schon ehemalige Blockstelle Löcher­wiese auf einem Strecken­plan der Deitschen Bundesbahn vom 19. Februar 1955. Zur Orientierung ist der Mittelpunkt des Plan­ausschnitts ungefähr verknüpft mit der Positions­angabe auf OpenStreetMap.

1955 befinden sich in der Bildmitte nur noch drei der vier ursprüng­lichen Personenzug­gleise von Darmstadt Haupt­bahnhof zum Nord­bahnhof. Das vierte (südlichste) Gleis wurde nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wieder aufgebaut. Die beiden nördlichen Gleise führen weiter nach Aschaffen­burg, die beiden südlichen waren für die Verbindung in den Odenwald vorgesehen. Auch das dritte Gleis wurde weg­rationalisiert, so daß hier heute nur noch zwei genutzt werden. Die schon angedeutete leichte Ver­schwenkung des Güterzug­gleises ist ebenso zu erkennen wie die Brücke, von der am Ende des Zweiten Weltkrieges nur der südliche Teil erhalten blieb. Das nördliche Brücken­gleis wurde nicht wieder hergerichtet. Anzumerken ist die originale Kilo­metrierung des Gleises zum Aus­besserungs­werk. In späteren Plänen wird die Kilo­metrierung des Güter­gleises übernommen und eigen­ständig fortgesetzt. Fast rechtwinklig verlief hierzu die ursprüng­liche Gleistrasse der Main-Neckar-Bahn, die am Parzellen­zuschnitt immer noch deutlich nachzu­vollziehen ist.

Sockelrest der Blockstelle.

Bild 11: Das Gleis zum Aus­besserungs­werk wird nunmehr als Abstellgleis für die Autotrans­portwagen genutzt, die einem lokalen Auto­logistiker zugestellt werden. Daneben liegen die Sockel­steine des Stellwerks, verborgen unter dichter Bepflanzung. Aufnahme vom November 2012.

Stein-Bruch.

Bild 12: Reste des demolierten Stellwerks waren noch im Februar 2012 zu finden.

Auf einem ähnlichen Umbauplan von 1906 ist die Blockstelle Löcherwiese mit [⇒ E10] markiert.

Daten zu den drei Blockstellen

Schriftliche Unterlagen zu den drei Blockstellen sind so gut wie nicht vorhanden. Bei allen dreien ist weder das Datum der Inbetrieb­nahme noch das der Außer­dienst­stellung zu ermitteln. Auch das Jahr des jeweiligen Abrisses ist unbekannt.

Telegraphiekürzel.

Abbildung 13: Festsetzung der tele­graphischen Anrufe für Block­stationen. Quelle: Amtsblatt der Königlich Preußischen und Groß­herzoglich Hessischen Eisenbahn­direktion in Mainz, Nº. 50 vom 8. August 1908 [online ulb darmstadt].

Ob aus der Festsetzung der Morsecodes für die hier genannten Blockstellen auch schon eine betriebliche Nutzung einher­gegangen ist, ist nicht sicher auszumachen. Denn erst 1910 werden die Blockstellen Bergschneise und Sensfelder Weg „mittelst Morse­apparat in die Bezirks­leitungen 39 und 57 eingeschaltet“ [1]. Schon im Jahr zuvor war die hier ebenfalls genannte Blockstelle Darmstadt-Nord provisorisch in Betrieb genommen worden; hierbei wurde die Station Sensfelder Weg ausdrücklich erwähnt.

Provirorische Inbetriebnahme.

Abbildung 14: Inbetrieb­nahme der neuen provisorischen Blockstelle Darmstadt-Nord. Quelle: Amtsblatt der Königlich Preußischen und Groß­herzoglich Hessischen Eisenbahn­direktion in Mainz, Nº. 21 vom 24. April 1909 [online ulb darmstadt].

1909 waren die Umbau­arbeiten noch nicht so weit fortge­schritten, daß am neu zu errichtenden Bahnhof Darmstadt-Nord die Frankfurter Straße unterquert werden konnte. Deshalb war der höhen­gleichen Kreuzung mit der Dampf­straßen­bahn von Darmstadt nach Arheilgen besondere Aufmerk­samkeit zu schenken.

Möglicherweise wurden die Blockstellen Birnbaum und Sensfelder Weg im Zuge eines Umbaus von Gleisanlagen und Zuordnungen anfangs der 1930er Jahre stillgelegt. Die nördliche Einfahrt wurde dann über das 1930 errichtete Fahr­dienstleiter­stellwerk „Af“ in Arheilgen und die südliche Ausfahrt vom Stellwerk Darmstadt-Nord kontrolliert [2]. Damit hängt dann wohl auch die Veränderung der Zufahrt zum Fabrik­gelände von Merck zusammen. Während der französischen Besatzung war Merck, das von Arheilgen aus angedient wurde, 1923 von der Außenwelt abgeschnitten [3]. Deshalb wurde der noch heute bestehende Gleis­anschluß an der Verbindungs­bahn eingerichtet. Die Blockstelle Löcher­wiese verlor ihre Funktion, als die Güterzug­strecke auf ein Gleis reduziert und das andere Güterzug­gleis als Zufahrts­gleis zum Aus­besserungs­werk umgewidmet wurde. Das muß zwischen 1945 und 1955 geschehen sein.

Aufnahmen der drei Stellwerke dürften als Baudoku­mentation bestimmt vorhanden gewesen sein. Sollten sie die Jahr­zehnte überdauert haben, wird die Deutsche Bahn AG im Zuge der Entsorgung ihrer Vorge­schichte auch derartige foto­grafische Dokumente vernichtet haben. Auf einem mit 1927 datierten Luftbild des Merck'schen Fabrik­geländes ist am Rande die Blockstelle Löcher­wiese mehr zu erahnen als zu erkennen. Demnach wird sie so ausgesehen haben wie die zur gleichen Zeit eingerichtete Blockstelle Pallaswiese zwischen Darmstadt und Griesheim. [4]