Wasserturm. Wasserturm des ehemaligen Ausbesserungs­werks auf der Knell.

Die Riedbahn von Darmstadt nach Goddelau

Die Blockstellen Birnbaum, Sensfelder Weg und Löcherwiese

Eine Annäherung

Der Ende des ersten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts begonnene Neubau des Darmstädter Hauptbahnhofs erforderte eine vollständige Neuausrichtung der Gleisanlagen auf seinem Nordkopf. Diese Gleisanlagen wurden bewußt so gestaltet, daß sich die kreuzenden Zugtrassen möglichst nicht ins Gehege kamen. Gleichzeitig wurde am nordöstlichen Rand des neuen Bahnhofs ein Güterbahnhof angelegt. Dessen Zuführung wiederum mußte mit der Logik einer möglichst kreuzungsfreien Gleistrassierung verknüpft werden.

Den Standort der ehemaligen Blockstelle Birnbaum verdanke ich einem Hinweis von Sebastian W. Die hier ausschnittsweise wiedergegebenen Pläne sind Teil mehrerer Gleispläne zur Umgestaltung der Bahnhofsanlagen zu Darmstadt, datiert auf März 1910, hier Blatt 1. Alle Planausschnitte sind, wie im Original, geostet. Quelle: Archiv des Eisenbahn­museums Darmstadt-Kranichstein.


Mit dem Umbau der Gleisanlagen im Zusammenhang mit dem Neubau des Darmstädter Hauptbahnhofs zwischen 1907 und 1912 wurden die alten Gleistrassen entweder überflüssig oder in die neu hergerichtete Struktur integriert. So entstand eine neue Gleisverbindung zwischen der Main-Neckar-Bahn und der Verbindungsbahn der vormaligen Hessischen Ludwigsbahn. Diese Gleisverbindung wurde an beiden Enden mit Stellwerken versehen, die Blockstellen genannt wurden: Birnbaum im Norden und Sensfelder Weg im Süden. Weiterhin wurde die alte Einfahrt in den Ludwigs­bahnhof umfunktioniert zum Anschlußgleis für das Ausbesserungs­werk auf der Knell und die Gleisanschlüsse entlang der Blumenthal­straße, der heutigen Kasinostraße, bzw. zur Landwehrstraße. Abgesichert wurde dieses Anschlußgleis durch das neu errichtete Stellwerk an der Löcherwiese.

Werfen wir zunächst einen ersten Blick auf den Planausschnitt mit den drei neu errichteten Blockstellen Birnbaum, Sensfelder Weg und Löcherwiese.

Blockstelle Birnbaum.

Abbildung 1: Von der von Frankfurt herkommenden Main-Neckar-Bahn zweigt nach Osten hin die Verbindungskurve in Richtung des ebenfalls neu errichteten Nordbahnhofs ab. Dieser Abzweig ist bis heute vorhanden, jedoch gleisseitig umgestaltet. Damals wurde zur Absicherung ein neues Stellwerk eingeplant, die Blockstelle Birnbaum (links oben im Plan).

Blockstelle Sensfelder Weg.

Abbildung 2: Das südliche Ende der Verbindungskurve mündet an der Blockstelle Sensfelder Weg (rechts oben) in die sogenannte Verbindungsbahn ein. Ursprünglich war die Verbindungsbahn im Westen an der Blockstelle Hammelstrift ausgefädelt und im Nordosten am Bahnhof Kranichstein mit der nach Aschaffenburg führenden Personenzug­strecke wieder vereinigt worden. Auch hier liegen heute Gleise und Weichen anders. Am oberen Bildrand biegt ein weiteres Gleis nach Osten hin ab. Es führte in den um die Jahrhundert­wende in den Darmstädter Norden umgesiedelten Merck'schen Fabrikkomplex. Dieses Anschlußgleis wurde ab dem Bahnhof Arheilgen parallel zur Main-Neckar-Bahn geführt und unterlag daher auch nicht der Kontrolle des Stellwerks Birnbaum.

Blockstelle Löcherwiese.

Abbildung 3: In Höhe der Blockstelle Sensfelder Weg bogen die beiden Personenzug­gleise aus Richtung Mainz und Worms zum Ludwigsbahnhof ab. Diese Gleise wurden ab 1912 nicht mehr benötigt. Statt dessen schüttete man einen neuen Damm auf und ließ vom Güterbahnhof aus ein neues Verbindungsgleis zu den alten Gleisanlagen des Ausbesserungs­werks und der Gleisanschlüsse an der Blumenthal- und Landwehrstraße entstehen. Dieses zweigte an den ebenfalls neuen Güterzug­gleisen vom Haupt- bzw. Güter­bahnhof nach Kranichstein an der Blockstelle Löcherwiese ab.

Die Blockstelle Birnbaum

Der Gebäudesockel der ehemaligen Blockstelle ist noch vorhanden. Er befindet sich in einem Zwickel, der zwischen der Main-Neckar-Bahn, der B3-Umgehung Arheilgen und der von dort abzweigenden Virchowstraße, der Zufahrtsstraße zum Firmen­parkplatz von Merck, liegt. Ob das Oberteil des Stellwerks aus Fachwerk oder Stein bestanden hat, läßt sich nicht genau feststellen. Wie nicht anders zu erwarten, ist der Stein- bzw. Betonklotz während der sommerlichen Vegetations­periode gut zugewachsen. Der Zugang erfolgt durch eine beherzte Überquerung der Umgehungs­straße und einem kurzen Fußmarsch durch Gräser und Dornen. Die beiden Aufnahmen stammen vom September 2016. [1]

Blockstelle Birnbaum.

Abbildung 4: Detailansicht des Umgestaltungs­plans. Der Abzweig erfolgte ohne Schutzweiche; Signale sind leider keine eingetragen.

Steinsockel der Blockstelle Birnbaum.

Bild 5: Der Betonsockel von der Umgehungsstraße aus gesehen.

Steinsockel der Blockstelle Birnbaum.

Bild 6: Der Steinsockel von oben, der Zufahrt zu Merck, aus gesehen.

Auf einem ähnlichen Umbauplan von 1906 ist die Blockstelle Birnbaum mit [⇒ C1] markiert.

Die Blockstelle Sensfelder Weg

Fotografisch gibt die ehemalige Blockstelle Sensfelder Weg rein gar nichts her, Überreste habe ich keine gesehen, bin aber auch nicht intensiv durchs Gebüsch gekrabbelt.

Blockstelle Sensfelder Weg.

Abbildung 7: Detailansicht des Umgestaltungs­plans. Die Verbindugskurve stößt beim Stellwerk Sensfelder Weg auf die Verbindungsbahn. An der Stelle der darüber führenden Brücke der Main-Neckar-Bahn steht heute eine Neubaubrücke, über welche der Werksverkehr von Merck abgewickelt wird. Auf dem Plan ist die alte Trasse der Main-Neckar-Bahn schon als aufgegeben gekennzeichnet, obwohl bis April 1912 hier noch die Personenzüge zum alten Main-Neckar-Bahnhof verkehrten.

Gebüsch bei Merck.

Bild 8: Etwa hier, im Gebüsch zwischen Gleisen und Weg, muß das Stellwerk der Blockstelle Sensfelder Weg gestanden haben. Blick von Osten auf die Brücke, Oktober 2016.

Auf einem ähnlichen Umbauplan von 1906 ist die Blockstelle Sensfelder Weg mit [⇒ F2] markiert.

Die Blockstelle Löcherwiese

Blockstelle Löcherwiese.

Abbildung 9: Zwischen den beiden Weltkriegen war die Güterzug­strecke zwischen Darmstadt Haupt- bzw. Güterbahnhof und der Einmündung in die Verbindungsbahn am Nordbahnhof noch zweigleisig. Nach Bombentreffern in den letzten Kriegsmonaten wurde das zweite Gleis nicht wieder durchgehend aufgebaut. Anders, als es dieser Gleisplan hier zeigt, wurde seither das zweite (südlichere, auf dem Plan rechte) Gleis direkt als Zufahrtsgleis zum Ausbesserungs­werk und den damals noch zahlreichen Gleisanschlüssen verwendet, ohne Weiche und damit auch ohne Stellwerk. Selbiges wurde folgerichtig entsorgt. Auch auch dieser Gleisanschluß ist nunmehr Geschichte, nachdem das Ausbesserungs­werk dicht gemacht wurde.

Streckenplan Blockstelle Löcherwiese.

Abbildung 10: Die damals schon ehemalige Blockstelle Löcherwiese auf einem Streckenplan der Deitschen Bundesbahn vom 19. Februar 1955. Zur Orientierung ist der Mittelpunkt des Plan­ausschnitts ungefähr verknüpft mit der Positionsangabe auf OpenStreetMap.

1955 befinden sich in der Bildmitte nur noch drei der vier ursprünglichen Personenzug­gleise von Darmstadt Haupt­bahnhof zum Nordbahnhof. Das vierte (südlichste) Gleis wurde nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wieder aufgebaut. Die beiden nördlichen Gleise führen weiter nach Aschaffenburg, die beiden südlichen waren für die Verbindung in den Odenwald vorgesehen. Auch das dritte Gleis wurde wegrationalisiert, so daß hier heute nur noch zwei genutzt werden. Die schon angedeutete leichte Verschwenkung des Güterzug­gleises ist ebenso zu erkennen wie die Brücke, von der am Ende des Zweiten Weltkrieges nur der südliche Teil erhalten blieb. Das nördliche Brückengleis wurde nicht wieder hergerichtet. Anzumerken ist die originale Kilometrierung des Gleises zum Ausbesserungs­werk. In späteren Plänen wird die Kilometrierung des Gütergleises übernommen und eigenständig fortgesetzt. Fast rechtwinklig verlief hierzu die ursprüngliche Gleistrasse der Main-Neckar-Bahn, die am Parzellen­zuschnitt immer noch deutlich nachzu­vollziehen ist.

Sockelrest der Blockstelle.

Bild 11: Das Gleis zum Ausbesserungswerk wird nunmehr als Abstellgleis für die Autotrans­portwagen genutzt, die einem lokalen Autologistiker zugestellt werden. Daneben liegen die Sockelsteine des Stellwerks, verborgen unter dichter Bepflanzung. Aufnahme vom November 2012.

Stein-Bruch.

Bild 12: Reste des demolierten Stellwerks waren noch im Februar 2012 zu finden.

Auf einem ähnlichen Umbauplan von 1906 ist die Blockstelle Löcherwiese mit [⇒ E10] markiert.

Daten zu den drei Blockstellen

Schriftliche Unterlagen zu den drei Blockstellen sind so gut wie nicht vorhanden. Bei allen dreien ist weder das Datum der Inbetriebnahme noch das der Außer­dienststellung zu ermitteln. Auch das Jahr des jeweiligen Abrisses ist unbekannt.

Telegraphiekürzel.

Abbildung 13: Festsetzung der telegraphischen Anrufe für Blockstationen. Quelle: Amtsblatt der Königlich Preußischen und Groß­herzoglich Hessischen Eisenbahn­direktion in Mainz, Nº. 50 vom 8. August 1908 [online ulb darmstadt].

Ob aus der Festsetzung der Morsecodes für die hier genannten Blockstellen auch schon eine betriebliche Nutzung einhergegangen ist, ist nicht sicher auszumachen. Denn erst 1910 werden die Blockstellen Bergschneise und Sensfelder Weg „mittelst Morseapparat in die Bezirksleitungen 39 und 57 eingeschaltet“ [2]. Schon im Jahr zuvor war die hier ebenfalls genannte Blockstelle Darmstadt-Nord provisorisch in Betrieb genommen worden; hierbei wurde die Station Sensfelder Weg ausdrücklich erwähnt.

Provirorische Inbetriebnahme.

Abbildung 14: Inbetriebnahme der neuen provisorischen Blockstelle Darmstadt-Nord. Quelle: Amtsblatt der Königlich Preußischen und Groß­herzoglich Hessischen Eisenbahn­direktion in Mainz, Nº. 21 vom 24. April 1909 [online ulb darmstadt].

1909 waren die Umbauarbeiten noch nicht so weit fortgeschritten, daß am neu zu errichtenden Bahnhof Darmstadt-Nord die Frankfurter Straße unterquert werden konnte. Deshalb war der höhengleichen Kreuzung mit der Dampf­straßenbahn von Darmstadt nach Arheilgen besondere Aufmerk­samkeit zu schenken.

Möglicherweise wurden die Blockstellen Birnbaum und Sensfelder Weg im Zuge eines Umbaus von Gleisanlagen und Zuordnungen anfangs der 1930er Jahre stillgelegt. Die nördliche Einfahrt wurde dann über das 1930 errichtete Fahrdienstleiter­stellwerk „Af“ in Arheilgen und die südliche Ausfahrt vom Stellwerk Darmstadt-Nord kontrolliert [3]. Damit hängt dann wohl auch die Veränderung der Zufahrt zum Fabrikgelände von Merck zusammen. Während der französischen Besatzung war Merck, das von Arheilgen aus angedient wurde, 1923 von der Außenwelt abgeschnitten [4]. Deshalb wurde der noch heute bestehende Gleisanschluß an der Verbindungsbahn eingerichtet. Die Blockstelle Löcherwiese verlor ihre Funktion, als die Güterzug­strecke auf ein Gleis reduziert und das andere Güterzuggleis als Zufahrtsgleis zum Ausbesserungswerk umgewidmet wurde. Das muß zwischen 1945 und 1955 geschehen sein.

Aufnahmen der drei Stellwerke dürften als Baudokumentation bestimmt vorhanden gewesen sein. Sollten sie die Jahrzehnte überdauert haben, wird die Deutsche Bahn AG im Zuge der Entsorgung ihrer Vorgeschichte auch derartige fotografische Dokumente vernichtet haben. Auf einem mit 1927 datierten Luftbild des Merck'schen Fabrikgeländes ist am Rande die Blockstelle Löcherwiese mehr zu erahnen als zu erkennen. Demnach wird sie so ausgesehen haben wie die zur gleichen Zeit eingerichtete Blockstelle Pallaswiese zwischen Darmstadt und Griesheim. [5]

 

ANMERKUNGEN

 

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»» [1]   Hinaufklettern sollte man (und frau) nur mit entsprechender Vorsicht, weil der Absturz ins Innere droht.

»» [2]   Amtsblatt der Königlich Preußischen und Groß­herzoglich Hessischen Eisenbahn­direktion in Mainz, Nº. 51 vom 12. November 1910 [online ulb darmstadt].

»» [3]   Information zu den Stellwerken in Arheilgen von Steffen Egner in einem Diskussions­faden zum abgerissenen Bahnhofs­gebäude in Arheilgen vom 22. März 2019 [online dso]. Siehe auch den Rekonstriktions­versuch zum Bahnhof und seinen Stellwerken durch Volker Blees im selben Faden.

»» [4]   Schon einmal, mit der französischen Besetzung Arheilgens im Dezember 1918, war der Gütergleis­anschluß von Merck, der direkt an die Demarkations­linie grenzte, gesperrt. Die Güter mußten über Kranichstein versandt werden. Siehe Amtsblatt der Preußischen und Hessischen Eisenbahn­direktion in Mainz, Nº. 13 vom 5. März 1919 [online ulb darmstadt].

»» [5]   Luftbild Nr. 1624 der Südwestdeutschen Luftverkehrs A.-G. vom 5. Mai 1927, zu finden in: Berthold Matthäus : Die Merck'sche „Kleinbahn“. Auf schmaler Spur in der chemischen Fabrik 1901–1960 [2002], Seite 51.


 
 
 
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