Nordbahnhof. Der Nordbahnhof im Winter, Januar 2013.

Nahe der Riedbahn von Darmstadt nach Goddelau

Darmstadt Nordbahnhof

Eine kleine Bilderreise

1869 wurde die Riedbahn zwischen Darmstadt und Worms eröffnet. Die heutige Riedbahn mit ihrem Hauptverlauf von Mannheim nach Frankfurt wurde erst zehn Jahre später errichtet. Dokumentiert wird auf meinen Riedbahn-Seiten der Streckenabschnitt zwischen Darmstadt und Goddelau.

1912 wurden die beiden alten Bahnhöfe am Steubenplatz durch den neu errichteten Hauptbahnhof ersetzt. Gleichzeitig wurde die Odenwaldbahn weiter nördlich verlegt. Am Berührungspunkt von Verbindungsbahn und der neu geführten Strecke nach Aschaffenburg und in den Odenwald wurde der Nordbahnhof errichtet.

Die eigenen der nachfolgenden Aufnahmen entstanden 2008.


Stationsgebäude.
Bild 1: Nordbahnhof – Stationsgebäude.

Der Darmstädter Nordbahnhof bindet den Personenverkehr aus Richtung Aschaffenburg und aus dem Odenwald an die Straßenbahn­verbindung von Arheilgen in die Innenstadt an. Er liegt im Süden des Werksgeländes des Darmstädter Chemie- und Pharmakonzerns Merck.

Entworfen wurde der Nordbahnhof von der Eisenbahndirektion Mainz, unter deren Federführung zwischen 1908 und 1912 auch der Neubau des Hauptbahnhofs mitsamt der kompletten Umgestaltung der Bahnanlagen stand. Auch wenn der Mitarbeiter des Mainzer Baurats Friedrich Mettegang, Müller, seinen Namen unter die Planungen für den Nordbahnhof setzte, so gleicht der Bau stilistisch dem von Friedrich Pützer entworfenen Hauptbahnhof sowie dem Südbahnhof.

Stationsgebäude.
Bild 2: Nordbahnhof – Stationsgebäude von Norden.

Der Bahnhof besteht aus einem zweigeschossigen Gebäude, von dem ein Gleissteg zu den beiden Bahnsteigen führt. Der bauliche Zustand des Gebäudes ist nicht unbedingt als einladend zu bezeichnen. Kosten­intensive Renovierungen und stylische Glas­fassaden werden seitens der Deutschen Bahn AG andernorts errichtet. Gewöhnliche Pendlerinnen und Pendler waren nicht wirklich die Wunsch­klientel des Bahn­managements um Hartmut Mehdorn und Rüdiger Grube.

Stationsgebäude Innenansicht.
Bild 3: Innenansicht auf die Gleisbrücke.

Der Eindruck wird verstärkt, wenn wir die Innen­einrichtung betrachten. Dem Wandspruch, die Atommafia zu stoppen, kann ich mich nur anschließen. In den vergangenen fünfzehn Jahren wurden mehrfach Atommüll­transporte über den Darmstädter Nordbahnhof geleitet.

Bahnsteig.
Bild 4: Bahnsteig der Aschaffen­burger Strecke.

Geradzu nüchtern und abweisend zeigt sich die Dach­konstruktion des Bahnsteigs für die Main-Rhein-Bahn von Mainz über Darmstadt nach Aschaffen­burg. Dieser Bahnsteig wird seit 2005 auch für die aus dem Odenwald unter Umgehung des Darmstädter Haupt­bahnhofs direkt nach Frankfurt geleiteten Züge der Odenwaldbahn genutzt.

Bahnsteig.
Bild 5: Bahnsteig der Odenwaldbahn.

Ganz anders der Bahnsteig für die Odenwaldbahn. Dem bei der Strecken­führung mitbedachten Ausflugs­verkehr wirde ein ganz eigenes Ambiente geboten. Das 1988 stillgelegte südliche Bahnsteig­gleis (im Bild rechts) wurde im Zuge der Modernisierung der Odenwaldbahn zu Beginn des 21. Jahrhunderts reaktiviert.

Dachkonstruktion.
Bild 6: Detail der Dachkonstruktion.

Die Herkunft der Dachkonstruktion für diesen Bahnsteig ist unbekannt. Sie entstammt nicht den 1912 stillgelegten alten Bahnhöfen am heutigen Steubenplatz:

„Ein Kuriosum ist die südliche der beiden Bahnsteighallen. Sie stammt aus den frühen Jahren der Eisenbahn und wurde von einem alten (nicht überlieferten) Bahnhof abgebaut und am Nordbahnhof neu installiert – eine klassizistische Stahlkonstruktion am traditionalistischen Nordbahnhof.“ [1]

Detail.
Bild 7: Detail.

Gerade im Detail zeigt sich der Unterschied zum angrenzenden Bahnsteig der Main-Rhein-Bahn.

2011 geriet der Bahnhof in die Schlagzeilen, als an einem Bahnsteig ein Teil der Bahnsteigkante abbrach und einen Pendler dabei mitriß. Für die Instandhaltung der Bahnsteige und deren Zugäge scheint das ehemalige Unternehmen Zukunft nur gerade so viel zu tun, daß sich die Schäden in Grenzen halten und die Kosten bei Unfällen eine mögliche General­renovierung unterschreiten. Anderthalb Jahre später bestritt das Unternehmen den Unfall vor Gericht. Nach dem Motto, „kann nicht sein“, wird allenfalls so viel zugestanden, wie nachweisbar ist.

Bahnhofsansicht.
Bild 8: Ansicht von Nordosten. Aufnahme: S. Kasten, 2009, [CC BY-SA 3.0], aus Wikimedia Commons [original].

Als bemerkenswert erwies sich hierbei die Hilfestellung der Darmstädter Staats­anwaltschaft. Sie stellte ein Ermittlungs­verfahren wegen fahrlässiger Körper­verletzung ein, weil die Bahn eine Verletzung der Aufsichtspflicht verneint habe. Auf die Idee, selbst einmal zu ermitteln, ob an der abwiegelnden Aussage der Bahn etwas dran ist und wie der Bröselzustand denn nun tatsächlich gewesen sei, scheinen die Damen und Herren der Ermittlungs­behörde wohl nicht gekommen zu sein. Immerhin hatte Darmstadts Lokalzeitung kurz nach dem Unfall den Selbstversuch unternommen und mit der Hand an der Bahnsteigkante erfolgreich herum­gebröselt. Wenn es aber um absurdes Theater geht, dann kennt dieselbe Behörde einen Eifer, der schier unbeschreiblich ist. So hatte ein Darmstädter Antiatomaktivist noch vor dem 11. September 2001 medienwirksam angekündigt, das Zufahrtsgleis zum AKW Biblis sprengen zu wollen. Die Presse erschien und traf einen lachenden Aktivisten mit seiner wassergefüllten Gießkanne an. Das Lachen verging ihm, als sich die politische Staats­anwaltschaft der Sache annahm und sie tatsächlich vor Gericht brachte. Und wie das in politischen Verfahren so ist, es findet sich dann auch jemand, der nach Wunsch aburteilt.

Immerhin wurde nachträglich an den Bahnsteigkanten herumgespachtelt.

Stellwerk.
Bild 9: Stellwerk am Nordbahnhof. Aufnahme: Hans-Jörg Krispin.

Das Stellwerk außerhalb des Bahnsteiges für die Main-Rhein-Bahn steuerte und verteilte den Verkehr nach Darmstadt, Mainz und (über eine eigene Verbindungs­kurve) nach Frankfurt. Es wurde im Dezember 1987 außer Betrieb genommen [2]. Das Foto wurde 1986 oder kurz zuvor aufgenommen. Auf der Brücke fährt auf der Frankfurter Straße eine Straßenbahn vom Typ ST7 oder ST8 mit Beiwagen SB7 oder SB8 Richtung Luisenplatz. Das Stellwerk ist heute nicht mehr vorhanden.


Literatur

Zeitungsartikel

 

ANMERKUNGEN

 

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»» [1]   An dieser Stelle differieren die Angaben in der vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen herausgegebenen Buchreihe Kulturdenkmäler in Hessen. Während Volker Rödel und Heinz Schomann in Band 2.1 von „Eisenbahn in Hessen“ schreiben, die gusseisernen Säulchen und Kapitelle entstammen dem Ludwigsbahnhof (Seite 244), lassen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Denkmalschutzbehörde Darmstadt in ihrem Band „Stadt Darmstadt“ die Herkunft offen (Seite 156–157, Zitat auf Seite 157). Möglich ist beides.

»» [2]   Siehe hierzu die Daten auf der Liste Deutscher Stellwerke.


 
 
 
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