Südbahnhof. Der Südbahnhof im März 2013.

Nahe der Riedbahn von Darmstadt nach Goddelau

Darmstadt Südbahnhof

Eine kleine Bilderreise

1869 wurde die Riedbahn zwischen Darmstadt und Worms eröffnet. Die heutige Riedbahn mit ihrem Hauptverlauf von Mannheim nach Frankfurt wurde erst zehn Jahre später errichtet. Dokumentiert wird auf meinen Riedbahn-Seiten der Streckenabschnitt zwischen Darmstadt und Goddelau.

1912 wurden die beiden alten Bahnhöfe am Steubenplatz durch den neu errichteten Hauptbahnhof ersetzt. Neben einer neuen Einfädelung der Riedbahn mußte auch der Darmstädter Südbahnhof von seinem alten Standort am Ortsrand von Bessungen verlegt werden.

2020 wurde der Bahnhof umgebaut. Ein neuer Straßenzugang mit integriertem Fahrstuhl ersetzt den Durchgang durch das privatisierte Bahnhofs­gebäude.


Abzweig von der alten Bahntrasse.
Bild 1: Der Abzweig von der alten Bahntrasse.

In gerader Linie von Eberstadt kommend gelangte die Main-Neckar-Bahn bis anfangs des 20. Jahrhunderts in den damaligen südlichen Darmstädter Bahnhof. Dieser Bahnhof Bessungen war am 15. Oktober 1879 als Personen­haltestelle eröffnet und am 1. Mai 1895 zur Güterstation erhoben worden.

Zunächst erhielt nur die Güterstation den Namen Südbahnhof. Die amtliche Umbenennung der für den Personenverkehr eingerichteten Station in „Darmstadt Südbf. (Bessungen)“ erfolgte erst nach der Überführung der Main-Neckar-Bahn in die preußisch-hessische Eisenbahn­gemeinschaft am 27. November 1902. Dieser Bahnhof wurde 1912 infolge der Verlagerung der Strecke nach Westen geschlossen und bald danach abgerissen. Bessungen wurde 1888 nach Darmstadt eingemeindet. Der Bessunger Bahnhof stand an der heutigen Straßen­kreuzung Donnersberg­ring / Bessunger Straße, und zwar an der Südwestseite der Kreuzung längs des Donnersbergrings, wohl noch vor dem Standort des sich heute dort befindlichen Supermarkts (demnach etwa auf dem heutigen Bürgersteig).

Einige hundert Meter südlich dieses Bessunger Bahnhofs wurde der Abzweig von der ursprünglichen Bahntrasse angelegt. Wenn man oder frau auf der Brücke steht, welche die Lincoln-Siedlung über die Karlsruher Straße (Bundes­straße 3) und die Bahnlinie mit der Heimstättensiedlung verbindet, dann reicht ein Blick nach unten aus, um den Verlauf der alten Trassen­führung zu erkennen. Zawr wurden so ziemlich alle Spuren verwischt, aber es gibt eben doch charakteristische Freiflächen.

Das nebenstehende Foto zeigt eine interessante Konstellation: Die Dispolok ES 64 U2-023 (Baureihe 182, in Österreich als Taurus bezeichnet) befährt an diesem Nachmittag die Strecke von Darmstadt nach Eberstadt im Gleiswechsel­betrieb, also auf „falschem Gleis“, gen Süden. Das kommt dort zugunsten eines flüssigeren Verkehrs häufiger vor.

Bahnsteig Südbahnhof.
Bild 2: Der Bahnsteig des Südbahnhofs.

Die Anlage des Süd­bahnhofs, hier betrachtet von der Straßen­brücke des Heimstätten­wegs.

Stationsgebäude.
Bild 3: Das Stationsgebäude von der Straßenseite aus gesehen.

Eine Tafel am Gebäude weist auf den denkmal­schützerischen Wert hin:

„1909 bis 1913 gebaut. Mit Eröffnung des neuen Hauptbahn­hofes 1912 wurde die alte Strecken­führung der Bahn nach Westen verschoben. Auch der Süd­bahnhof, bis dahin an der Ecke Donnersberg­ring und Bessunger Straße, wurde verlegt.

Der Entwurf zum neuen Süd­bahnhof stammt wahrscheinlich von der Eisenbahn­direktion Mainz. Friedrich Pützer, Planer des Hauptbahnhofs­gebäudes, arbeitete möglicherweise an diesem Entwurf mit. Bau­künstlerische Details weisen auf ihn hin. Das gut erhaltene Bahnhofs­gebäude in traditionalis­tischer Bauweise zeigt deutliche Jugendstil­details, eine Bauform, die Pützer beherrschte.“

Vermutlich stammt der Entwurf jedoch nicht von Friedrich Pützer, sondern vom Baurat der Eisenbahn­direktion Mainz, Friedrich Mettegang.

Ovales Fenster.
Bild 4: Ovales Fenster im Eingangsbereich.

Ob die hier abgebildete künstlerische Aus­gestaltung des ovalen Fensters an der Außen­fassade zur Straße hin den Vorstellungen Pützers entspricht, darf bezweifelt werden. Was unter „gut erhalten“ zu verstehen ist, ist wohl eher eine Definitions­frage.

Eingangsbereich innen.
Bild 5: Der Eingangs- bzw. Ausgangsbereich, von innen betrachtet.

Zu den künstlerisch beabsichtigten Elementen gehören sicherlich die nicht nur an dieser Stelle vorzu­findenden Kacheln.

Vor dem für den Herbst 2008 geplanten und vorerst aufgeschobenen Börsengang war der Deutschen Bahn AG dieses Bahnhofs­gebäude offensichtlich zu teuer geworden. Deshalb wurde es – zusammen mit 489 weiteren Gebäuden – zum 1. Januar 2008 an den britischen Immobilieninvestor Patron Capital und den Hamburger Immobilien­entwickler Procom Invest zu einem durch­schnittlichen Schleuderpreis von wahrscheinlich weniger als 100.000 Euro pro Bahnhofs­gebäude verkauft. Die Deutsche Bahn AG spricht von einem Verkaufserlös in Höhe eines mittleren zweistelligen Millionenbetrags. Die Käufer sollen sich verpflichtet haben, in den kommenden fünf Jahren insgesamt 15 Millionen Euro in die gekauften Immobilien zu investieren. Da dürfen wir doch sehr gespannt sein, wie aus dem Südbahnhof mit einem Kapitaleinsatz von 30.000 Euro ein richtiges Schmuck­kästchen wird … [1]

Gang im Gebäudeinnern.
Bild 6: Gang über das Gleis im Gebäudeinnern.

Hier haben sich sicherlich einige Jugendliche ihre eigenen Gedanken über das künst­lerische Ambiente gemacht. Wo sich keine und niemand darum kümmert, so haben sie sich wohl gedacht, schreiten wir besser einmal zur Selbshilfe und verschönern die sich selbst überlassene kahle Häßlichkeit.

Stationsgebäude vom Bahnsteig aus gesehen.
Bild 7: Das Stationsgebäude mit Blick vom Bahnsteig.

Auf der Main-Neckar-Bahn herrscht auch heute noch reger Verkehr. Zwar rasen die meisten Personen- und Güterzüge unbeachtet an den beiden Bahnsteig­kanten vorbei, doch halten hier (Anfang 2010) werktags 44 Züge, allesamt Regional­bahnen von Frankfurt Richtung Berg­straße und zurück.

Im Februar 2010 scheint der Verfall des Bahnhofsgebäudes ein wenig gestoppt zu werden. Klaus Honold schreibt im „Darmstädter Echo“ über Schutz- und Sicherungs­maßnahmen, auch wenn von einer Sanierung durch den neuen Eigentümer, die Main Asset Management GmbH in Dreieich-Sprendlingen [2], eine 100%ige Tochter der Investment­gruppe Patron Capital Ltd., nicht geredet werden könne. Vermutlich handelt es sich hierbei um das Allernötigste, um das Gebäude durch Vermietung als Wohn- oder Geschäftsräume irgendwie verwerten zu können.

Jahre sind vergangen, seit ich dies geschrieben habe. 2020 wird weiter herumgewerkelt. Das Gebäude ist marode wie zuvor und die Deutsche Bahn sieht sich gezwungen, den Bahnsteig zu modernisieren und einen neuen Zugang zu schaffen, inklusive barrierefreiem Aufzug, wenn er dann auch funktioniert. So funktioniert Markt­wirtschaft. Was nicht funktioniert, ist, daß der neue Zugang komplett über die Gleise in die Heimstätten­siedlung verlängert wird. Das sind dann verschiedene Kostenstellen, obwohl sich beide irgendwie Staat nennen können.

„Nicht erfüllt hat sich offen­sichtlich die Hoffnung der Stadt, wonach der Besitzer des Bahnhofsgebäudes mit der Gebäude­sanierung noch 2019 beginnen würde. Am Freitag zeigte sich das Bahnhofsgebäude am Haardtring weiter so, wie seit Jahren schon: Verwahrlost, versifft und verkommen.“

Das ist sicherlich seitens des Käufers eine kluge Investition. So funktioniert eben der Markt, liebe Stadt; it's the economy, stupid. Genau das, was ihr mit eurer Schuldenbremse und der Liberalisierung des Marktes doch gewollt habt …

Im Oktober 2021 habe ich nachgeschaut, wie sich der neue Zugang zu den Bahnhofsanlagen gestaltet.

Ansicht des Bahnhofsgebäudes.

Bild 8: Da rottet er vor sich hin. Ein Ergebnis erfolgreicher Privatisierung. Herzlichen Dank, liebe CDUSPDFDPGrüne!

Neuer Zugang.

Bild 9: Der neue Zugang wurde mit einer wesentlich größeren Geldsumme errichtet, als der Verkauf an einen Immobilienhai eingebracht hat. So mästet man Investoren. Ein neuer Zugang als Ersatz für einen verrammelten Zugang, obwohl es der alte auch getan hätte, wenn man gewollt hätte. Denn:

Ansicht des Bahnhofsgebäudes.

Bild 10: Wie zu erwarten war: der Aufzug ist defekt. Großartig. So macht Privatisierung Spaß! Und wenn ihr jetzt meckert, daß ihr zu Fuß euer Fahrrad die Treppe hinauf­schleppen müßt, wie die junge Frau, die ich während meiner Fotosession dabei beobachten durfte, dann überlegt einmal ganz kurz, welcher Partei ihr eure Stimme gegeben habt. Ihr bekommt, was ihr wählt.


Literatur

Zeitungsartikel

 

ANMERKUNGEN

 

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»» [1]   Siehe hierzu die nicht mehr online verfügbare Presseinformation der Deutschen Bahn AG vom 4. Dezember 2007 vom 4. Dezember 2007. Die Liste der verkauften Immobilien ist inzwischen ebenso aus dem normalen Internet verschwunden und nur noch bei archive.org zu entdecken.

»» [2]   Namen dieser „Investoren“ kommen und gehen, aber die Gewinnerwartung bleibt.


 
 
 
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