Drei Bücher. „Eisenbahn in Hessen“ in drei Teilbänden.

Nahe der Riedbahn von Darmstadt nach Goddelau

Ein Durchlaß für den Darmbach

Dokumentation einer Verwechslung

1869 wurde die Riedbahn zwischen Darmstadt und Worms eröffnet. Die heutige Riedbahn mit ihrem Hauptverlauf von Mannheim nach Frankfurt wurde erst zehn Jahre später errichtet. Dokumentiert wird auf meinen Riedbahn-Seiten der Streckenabschnitt zwischen Darmstadt und Goddelau.

Auf dieser Seite wird ein denkmalge­schütztes Bauwerk in Darmstadt vorgestellt, das nicht zur Riedbahn gehört hat. Es liegt nicht einmal einen Kilometer vom Verlauf der alten Gleiskurve entfernt und stellt ein Kleinod der frühen Darmstädter Eisenbahnge­schichte dar. In der einschlägigen Literatur hingegen wird es fehlerhaft zugeordnet, weshalb es hier näher vorgestellt werden soll.

Auf andere Weise ist der hier vorgestellte Durchlaß ebenfalls historisch. Innerhalb des nunmehr weit über dreihundert Webseiten umfassenden Projektes zur Riedbahn, zum Fabrikviertel und zur Straßenbahn in Darmstadt war dies die allererste Seite. Die Aufnahmen entstanden 2008.

»»  Der Ort dieses Darmbach-Durchlasses ist auf dem Lageplan von 1906 mit der Sigle [⇒ H1] eingezeichnet.


Die systematische Darstellung der Eisenbahn­bauten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ist ein gewaltiges Unterfangen. In ihrem dreibändigen denkmal­topographischen Monumentalwerk „Eisenbahn in Hessen“ haben Volker Rödel und Heinz Schomann den Versuch gewagt und erfolgreich bestanden [1]. Bei der Darstellung der Eisenbahnge­schichte und der Dokumentation von 115 hessischen Eisenbahn­strecken sind Fehler trotz sorgfältigster Vorgehensweise geradezu unvermeidlich.

Im zweiten Band behandelt Heinz Schomann die zwischen 1839 und 1878 neu angelegten Eisenbahn­strecken. Für den hier erörterten Zusammenhang von Interesse ist die 1846 zwischen Frankfurt-Louisa und Heidelberg eröffnete Main-Neckar-Bahn [im Buch die laufende Nummer: 002] sowie die 1858 zwischen Mainz und Darmstadt gebaute und noch im selben Jahr bis Aschaffenburg verlängerte Main-Rhein-Bahn [im Buch die laufende Nummer: 014]. In Darmstadt machte die Bahn am von der Hessischen Ludwigs Eisenbahn-Gesellschaft errichteten Ludwigs­bahnhof [⇒ L1] Kopf. Dieser stand bis zur Inbetrieb­nahme des heutigen Darmstädter Hauptbahnhofs im Jahre 1912 rechtwinklig zum 1846 erbauten Bahnhof der Main-Neckar-Bahn [⇒ L2] am heutigen Steubenplatz. Der Ludwigs­bahnhof wurde in den Jahren 1873 bis 1875 erbaut, zuvor hatte die Gesellschaft Teile des Main-Neckar-Bahnhofs gepachtet und dort einen kleinen Anbau errichtet. [2].

Darmbach-Durchlaß.
Bild 1: Der Darmbach-Durchlaß in der Gesamtansicht.

Auf Seite 243 wird mit Bild 27 eine Eisenbahn­brücke in der Nähe der Straße Im Tiefen See abgebildet. Dieses am Rande eines Firmenpark­platzes gelegene eher unscheinbare denkmalge­schützte Bauwerk wird in der Legende so charakterisiert:

»In einer Grünanlage westlich der Straße Rest der ursprünglichen, weiter südlich errichteten "Rhein-Main-Bahn" – Trasse: Beidseitig mit Bundsandstein abgemauerter Bahndamm von 1857, dessen Mitte eine Bogenbrücke für einen Wegdurchlass öffnete (nachträglich vermauert).«

Ich halte dies für eine Fehlinter­pretation. Keine der von mir durchge­sehenen Stadtpläne des 19. Jahrhunderts weist diese Brücke als Teil der Main-Rhein-Bahn aus. Vielmehr liegt die Brücke genau auf der Fluchtlinie zwischen der Ausfahrt aus dem Bahnhof der Main-Neckar-Bahn und dem auch heute noch genutzten Streckengleis neben Merck. Dieses Brückchen hier wurde von der Main-Neckar-Bahn genutzt. Die Hessische Ludwigsbahn hingegen führte ihre von Mainz kommenden Gleise in einer langge­streckten Kurve an die Ostseite der Main-Neckar-Bahn, wovon heute nur noch spärliche Reste zeugen.

Karte von Darmstadt.
Bild 2: Die roten Punkte markieren die alten Bahnhöfe, den hier besprochenen Durchlaß sowie die beiden Bahnlinien.

Die Stadtpläne des 19. Jahrhunderts lassen zudem einen anderen Zweck für diesen Durchlaß vermuten. Genau an der Stelle der Brücke floß Mitte des 19. Jahrhunderts der Darmbach noch unkanalisiert gen Nordwesten. Die alten Karten zeigen an dieser Stelle keinen Weg, der von der Bahnbrücke hätte überquert werden müssen. Etwas weiter nördlich hingegen kreuzte der Pfarrwiesen­weg (damals mit anderem Verlauf als heute) die Eisenbahnlinie nach Frankfurt. Der Abstand zwischen dem Verlauf des Pfarrwiesen­wegs, der die Bahnlinie am heutigen Knick der Straße "Im Tiefen See" gekreuzt hat, und dem Verlauf des Darmbachs ist auf den Karten sehr gut zu erkennen. Daher kann dieser Durchlaß keineswegs auf den Pfarrwiesen­weg zurückgeführt werden.

Bebauungslücke.
Bild 3: Ungefährer Verlauf der Bahntrasse nördlich des Durchlasses.

Spuren der ehemaligen Trassenführung der Main-Neckar-Bahn finden sich nicht mehr. Zwar fand die im Zuge des Neubaus des Hauptbahnhofs [⇒ L3] geplante Stadterweiterung nach Westen aufgrund des 1. Weltkriegs und der nachfolgenden wirtschaftlichen Krisenphänomene nur in Ansätzen statt, doch spätestens nach dem 2. Weltkrieg wurden auch hier Wohn- und Gewerbebauten auf der alten Bahnfläche errichtet. Nur im Gewerbegebiet südlich der Otto-Röhm-Straße wird eine Lücke in der Bebauung deutlich. Es ist wahrscheinlich eher Zufall, daß sie sich mit der alten Trassenführung der Main-Neckar-Bahn deckt und wahrscheinlich einem später nicht realisierten Straßenbauvorhaben geschuldet ist. Ungefähr an der Stelle des nebenstehend abgebildeten Weges verlief die alte Bahnstrecke Richtung Frankfurt.

Durchlaß Westseite.
Bild 4: Der zugemauerte Durchlaß auf der Westseite.

Auch von der Höhenlage des Bahndamms ergibt die Interpretation des Durchlasses als Darmbach-Durchlaß Sinn. Sofern das derzeitige Planum die ursprüngliche Bodenhöhe der landwirtschaft­lichen Flächen im frühen 19. Jahrhundert widerspiegelt, ist es naheliegend, daß das schmale fließende Gewässer etwas niedriger gelegen war. Es paßt somit höhenmäßig sehr gut mit dem Durchlaß zusammen. Es ist seitens der Stadt Darmstadt geplant, den Darmbach wieder offenzulegen und hierbei auch diesen Teil des in Kanalrohren zur städtischen Kläranlage geführten Gewässers wieder oberirdisch zu führen. Somit erhielte das Denkmal am Tiefen See sein ursprüngliches Aussehen und die damit verbundene Nutzung zurück.

Auf der Webseite der Stadt Darmstadt zu ihrem Offenlegungs-Projekt heißt es zur Offenlegung im Bereich des hier besprochenen Durchlasses:

»Nach einem Schwenk erreicht der Darmbach in seinem nun historischen Verlauf die ehemalige Eisenbahnbrücke, unter der der Darmbach früher floss und die unter Denkmalschutz steht. Das alte Tonnengewölbe wird geöffnet. Die Überdeckung soll in diesem Zusammenhang neu profiliert und mit Eisenbahnschienen versehen werden. Hierdurch wird die ursprüngliche Funktion der Brücke wieder erlebbar.«

Schauen wir mal, ob der Stadt nicht vorher das Geld für ihr Wellness-Projekt ausgeht. Bis 2020 jedenfalls war hier keinerlei Wasseraktivität erkennbar.

Durchlaß Ostseite.
Bild 5: Der zugemauerte Durchlaß auf der Ostseite.

Bleibt jetzt eigentlich nur noch zu klären, wie die irrtümliche Zuordnung dieses Durchlasses zustande gekommen ist [3]. Ich habe da so eine Ahnung. Der Band Kulturdenkmäler in Hessen. Stadt Darmstadt gibt ganz nüchtern folgende Beschreibung des Durchlasses:

»Die einjochige, inzwischen zugemauerte Sandsteinbrücke stammt noch aus der Bauzeit der Main-Rhein-Bahn 1857 und ist die älteste noch vorhandene Bahnbrücke in Darmstadt. Sie überquert den Darmbach. Als technisches Bauwerk erinnert sie an die verkehrs­technische Erschließung Darmstadts im 19. Jahrhundert und an die wirtschaftlich wichtige Anbindung der Stadt ans internationale Schienennetz.« [4]

Dieser Text läßt zwei Interpretationen zu. Entweder wird hier die Main-Neckar-Bahn mit der Main-Rhein-Bahn verwechselt. Keine mir bekannte Karte Darmstadts aus der Mitte des 19. Jahrhunderts zeigt eine Kurve der aus Mainz herführenden Bahn auf die Trasse der 1846 eröffneten Main-Neckar-Bahn. Oder aber die Brücke wurde zu einer Zeit errichtet, als einige hundert Meter weiter östlich die Gleise der 1858 eröffneten Main-Rhein-Bahn verlegt wurden. Ist jedoch eine falsche oder falsch verstandene Zuordnung einmal in die Welt gesetzt, wird sie unbesehen weiter verbreitet, auch dann, wenn sie bei näherer Betrachtung einfach nicht stimmen kann. Ich hoffe, mit dieser Seite einen Beitrag dazu geleistet zu haben, diesen Irrtum aus der Welt zu schaffen.


Literatur

Anmerkungen

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