Karte zur Riedbahn. Riedbahn Darmstadt–Goddelau.

Die Riedbahn von Darmstadt nach Goddelau

Das heutige Gleisende bei Weiterstadt

Erkundungen auf der alten Riedbahntrasse, Teil 3

1869 wurde die Riedbahn zwischen Darmstadt und Worms eröffnet. Die heutige Riedbahn mit ihrem Hauptverlauf von Mannheim nach Frankfurt wurde erst zehn Jahre später errichtet. Dokumentiert wird auf meinen Riedbahn-Seiten der Streckenabschnitt zwischen Darmstadt und Goddelau.

Heute endet das von Darmstadt augehende Gleis der Riedbahn auf einem Industriegelände in Weiterstadt-Riedbahn.

»»  Das hier beschriebene Gleisende ist auf dem Lageplan von 1906 mit der Sigle [⇒ D4] eingezeichnet.


Dieses Kapitel ist die Fortsetzung des zweiten Teils der Dokumentation der Riedbahn vom Hauptbahnhof mit neuer Schleife.

Gleiskurve in Weiterstadt-Riedbahn.
Bild 1: Gleiskurve auf der neuen Trasse.

Nachdem die Riedbahn die Gräfen­häuser Straße zum zweiten Mal gequert hat, verläuft sie in einer Rechts­kurve zum heutigen Gleisende auf dem Gelände der Evonik, ehemals Röhm.

Blick Richtung Darmstadt.
Bild 2: Blick nach Norden in Fahrtichtung Darmstadt.

Während auf der Trasse zwischen Griesheim und dem Beginn der Gleiskurve östlich des Geländes der Firma Röhm deutlich zu sehen ist, daß der Verkehr bis 1991 auf dem nördlichen Gleis abgewickelt und das südliche Gleis in den 1970er Jahren abgebaut wurde, ist auf diesem Bild zu erkennen, daß das Schotterbett des abgebauten Gleises links zu suchen ist. Vermutlich wurde beim Bau der Brücke über die Gräfenhäuser Straße auf das südliche Gleis verschwenkt. Das nördliche Gleis wurde in Fahrtrichtung Griesheim, das südliche in Fahrtrichtung Darmstadt genutzt.

Blick Richtung Darmstadt.
Bild 3: Am Kilometerstein 57,6.

In den Wintermonaten läßt sich an einzelnen Stellen mehr erkennen als im Sommer, wenn Brombeer­ranken und Laub­gewächse Kilometer­steine (hier: Kilometer 57,6) und stehen gebliebenes Bahninventar verdecken. Vermutlich stand hier ein Signal „Bü 1“. Am rechten Bildrand sind die Gleise der Riedbahn zu denken.

Unterholz auf der alten Trasse.
Bild 4: Ordentlich in Reih und Glied: Bäumchen auf der alten Trasse.

Die alte Riedbahn­trasse verlief bis 1912 parallel zu dem am rechten Bildrand sichtbaren Feld-/Waldweg. Mit viel Glück läßt sich im Unterholz der eine oder andere Schotter­stein finden. Hierbei ist es jedoch möglich, daß so ein Steinchen im Verlauf von einhundert Jahren auch einfach dorthin getragen worden ist.

Gleisplan.
Bild 5: Gleisplan am Ende der Darmstädter Riedbahnwelt.

Nun, ganz so stimmt es nicht. Erstens laufen auf dem Gelände der Firma Röhm an einzelnen Stellen zwei Gleise parallel, wie Google Earth trotz nicht überall ganz perfekter Auflösung vermittelt. Zweitens verläßt das Industrie­gleis die Riedbahn und durchfährt das Tor, bevor die alte und die neue Riedbahntrasse zusammentreffen.

Am Seitenweg.
Bild 6: Am Seitenweg parallel zur Trasse.

Im April 2010 wurde der verbreiterte Seitenweg der alten Riedbahn­trasse mit einer feinen Schotter­schicht überdeckt. Mit Blick nach Nordosten erahnen wir ganz links das Einfahrtstor für die Kesselwagen­anlieferung. Entlang des gekrümmten Zauns entschwindet die seit 1912 genutzte Strecke, während am linken Wegrand entlang in Höhe der Sträucher die ursprüngliche eingleisige, später zweigleisige Strecke verlief.

Räder.
Bild 7: Seilzugrolle zur Weichenstellung?

Bis in die frühen 1980er Jahre stand in de Nähe des Tores ein Flachbau für das Stellen der Weiche. Diese Weiche wurde beim Abbau des Gütergleises nach Griesheim 1991 entfernt. Der hier gezeigte Mechanismus war mit Plexiglas abgedeckt und könnte mit ehemals vorhandenen Seilzügen verbunden gewesen sein, um die Weiche umzustellen.

Einfahrt zum Firmengelände.
Bild 8: Einfahrt in das Firmengelände.

Links von den Büschen in der Mitte verliefen ursprünglich die beiden Gleise Richtung Goddelau-Erfelden.

Containerblockade.
Bild 9: Container auf dem Gleis.

Das parallel zur Riedbahn­straße verlaufende und nicht mehr genutzte Industrie­gleis am Haupt­eingang wird in der 90°-Kurve durch einen Container und andere sperrige Gegenstände blockiert.

Kesselwagen.
Bild 10: Kesselwagen am Firmentor.

Zuweilen standen bis Frühjahr 2020 einzelne Waggons am Firmentor. Dieser hier wartet auf seinen Abtransport. Sehr hübsch sind die Ölpfützen, die sich auf den Schwellen des frei zugänglichen Riedbahn­gleises finden. Offensichtlich tropft die anliefernde Lokomotive ein wenig vor sich hin.

Anlieferung von Güterwagen.
Bild 11: Anlieferung von Güterwagen.

Ab und an brachte eine Rangierlok der Baureihe 294 einen oder mehrere Kesselwagen im Austausch zu auf dem Werksgelände bereit stehenden Wagen. Schon von ferne hört man oder frau sie laut pfeifen, so als wolle sie das nahe gelegene Weiterstadt erschrecken. Manchmal ist bei Ankunft der Lok das Tor noch nicht geöffnet, dann läßt der Lokrangier­führer die Pfeife ungeduldig schrill ertönen. Nun fährt die Lok mit ihren Wagen vorsichtig hinein, koppelt den oder die schon bereit stehenden Wagen an und schiebt sie bis zum Gleisende am Container zurück, um dann den oder die mitgebrachten Wagen auf einem zweiten Gleis innerhalb des Werksgeländes abzustellen.

Der Gleisanschluß der Evonik in Weiterstadt wurde bis April 2020 mehr oder weniger regelmäßig bedient. Vorzugsweise an Dienstagen und Donnerstagen schaut eine V 90 oder eine Gravita mit einem oder mehreren Kesselwagen vorbei und/oder holt selbige ab. In der Fahrplantheorie geschieht dies um halb zwölf Uhr am späten Vormittag. In der Praxis kann die Übergabe auch schon einmal um eine Stunde vorverlegt werden. Die Kesselwagen werden innerhalb des Werksgeländes mit einem Unimog bewegt, der je nach Bedarf im Werksteil in Darmstadt oder im Werksteil in Weiterstadt zugange ist. Zwar ist es möglich, Aufnahmen direkt am Werkstor zu erhalten, doch ein anderes interessantes Motiv ergibt sich bei der Überqerung der Bundesstraße, wenn die Lok alleine oder mit Kesselwagen über die Brücke schleicht.

Buchfahrpläne der 1990er Jahre vermitteln einige Fahrzeiten für damalige Anlieferungen und Abholungen; ab dem Abzweig Bergschneise handelt es sich formal um einen Güteranschluß, der im jeweiligen Buchfahrplan nicht eigens aufgeführt ist.

gültig ab15.08.199329.09.199612.01.1998
ZugnummerÜg 67724Üg 6772467724
Triebfahrzeug212360212
Darmstadt Hbf.8.42 9.30
Darmstadt- Kranichstein 8.32 
Abzw. Bergschneise8.478.409.36
ZugnummerÜg 67727Üg 6772767725
Triebfahrzeug212365365
Abzw. Bergschneise15.2515.0510.10
Darmstadt Hbf.15.3115.1110.16
Gleisbau.
Bild 12: Bau des Werksgleises 1969, Quelle: Evonik Industries AG, Konzernarchiv.

Bonusbild: Ende der 1960er Jahre errichte die Firma Röhm & Haas aus Darmstadt auf der grünen Wiese rund um den Rouvenhof ein Zweitwerk. Auf diesem Gelände befand sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Kavallerie-Übungsplatz. Ein wenig weiter, südlich der Riedbahn an der alten Abdeckerei, entstand 1914 eine 184 Meter lange, 35 Meter breite und 28 Meter hohe Luftschiffhalle für die Zeppelinflotte des Heeres.

Bei dieser Gleiskurve handelt es sich um den Vorläufer des Gleises, das mittels des auf Bild 9 sichtbaren Containers stillgelegte wurde. Die Bake am rechten Bildrand gehört zur Riedbahn­straße, kurz vor dem Bahnüber­gang am Posten 84 [⇒ D5]. Zwischen den beiden linken Bauarbeitern ist (zumindest auf dem Originalfoto) das Vorsignal zum Blocksignal an der Bergschneise zu erkennen. Aufnahme vom 27. Juni 1969.

Die Erkundung der ehemaligen Riedbahn­trasse wird mit dem vierten Teil in Weiterstadts Stadtteil Riedbahn fortgesetzt.

Übergaben im Sommer 2009 und im Frühjahr 2010 sind auf eigenen Seiten dokumentiert.

Die Geschichte des Geländes vom Exerzierplatz zum Werksgelände wird auf einer eigenen Seite erzählt; auf einer weiteren die Entstehung und der Abbau der Luftschiffhalle in Text und Bild.

Schienenzug.

Bild 13: Nachdem sich anderthalb Jahre nichts mehr auf diesem Gleis getan hatte, kam die Deutsche Bahn AG Ende 2021 auf die Idee, kurz vor Jahresende schnell noch Geld auszugeben; es könnte ja sonst verschimmeln. Max Maulwurf kündigte vorsorglich in einem Rundschreiben Belästigungen durch Lärm und Staub für den Zeitraum vom 29. November bis zum 3. Dezember 2021 an, und zwar in einer Gegend, in der Verkehrs­lärm und Feinstaub ohnehin allgegen­wärtig sind. Im Gleisstück von der Bergschneise bis zum Werkstor der Evonik in Weiterstadt sollten die Schienen erneuert werden. Nun sind die hier verbauten Exemplare tatsächlich ziemlich alt, aber auch in erneuertem Zustand wird sich hier wohl kaum eine Verkehrswende einfinden. Jedenfalls waren Langschienen­transporte, eine Stopfmaschine, ein Schotterpflug, Zweiwege­bagger und Arbeitszüge angekündigt. Schade, daß ich nicht mehr in Darmstadt lebe, denn das hätte ich mir gerne genauer angesehen. Statt dessen schaute Andreas Kohlbauer am frühen Morgen des ersten Arbeitstages vorbei und bannte den ersten Schienenzug mit 363 124 auf seinen Chip, dem ich diese Aufnahme verdanke.


Literatur


 
 
 
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