Karte zur Riedbahn. Riedbahn Darmstadt–Goddelau.

Die Riedbahn von Darmstadt nach Goddelau

In Weiterstadts Stadtteil Riedbahn

Erkundungen auf der alten Riedbahntrasse, Teil 4

1869 wurde die Riedbahn zwischen Darmstadt und Worms eröffnet. Die heutige Riedbahn mit ihrem Hauptverlauf von Mannheim nach Frankfurt wurde erst zehn Jahre später errichtet. Dokumentiert wird auf meinen Riedbahn-Seiten der Streckenabschnitt zwischen Darmstadt und Goddelau.

Diese Seite behandelt den Abschnitt zwischen dem heutigen Gleisende beim Industrie­anschluß der Firma Evonik, ehemals Röhm, bei Kilometer 57,4 und dem Bahnwärter­haus kurz vor der Autobahn A5, etwa bei Kilometer 56. Ein etwa zehn bis fünfzehn Meter breiter, aus Schotter, Gras und Gestrüpp bestehender Streifen durchzieht den noch jungen Stadtteil Weiterstadts.

»»  Der Ort dieses Bahnübergangs ist auf dem Lageplan von 1906 mit der Sigle [⇒ D5] eingezeichnet.


Dieses Kapitel ist die Fortsetzung des dritten Teils der Dokumentation der Riedbahn mit dem heutigen Gleisende.

»»  Diese Unterseite wurde 2010 aufgrund angewachsenen Materials auf drei Seiten verteilt, nämlich diese hier, sowie eine zur Umgebung der Blockstelle Pallaswiese und eine weitere zum weiteren Strecken­verlauf im Weigandsbusch. Historische Bilder rund um den Posten 84 wurden auf einer eigenen Postenseite untergebracht.

Markierungsstein der Hessischen Ludwigsbahn.
Bild 1: Markierungsstein der Hessischen Ludwigsbahn.

Etwa dort, wo die alte und die neue Riedbahn­trasse zusammen­liefen, befindet sich ein alter Markierungs­stein der Hessischen Ludwigsbahn. Ein weiterer derartiger Markierungs­stein steht am ehemaligen Bahnüber­gang 82 (Blockstelle Pallaswiese)

Im Gegensatz zu dem Markierungs­stein an der Blockstelle Pallaswiese (und eine genauere Suche würde vermutlich weitere Exemplare zutage fördern) scheint der Steinmetz – oder sein Lehrling? – bei dem hier zu sehenden Stein nicht genau hingehört zu haben. Denn so, wie er aussieht, wurden zunächst anstelle der Buchstaben „HLB“ die Buchstaben „HLP“ eingemeißelt, bevor aus dem „P“ mit einem nicht ganz gelungenen Zusatz­bogen ein „B“ entstand.

Schotterbett bei Weiterstadt-Riedbahn.
Bild 2: Schotterbett neben dem Firmengelände.

Neben dem Firmen­gelände der Evonik verlief die Riedbahn­trasse Richtung Goddelau-Erfelden. Hier war offensichtlich schon einmal ein Bagger zugange, um die Reste auf einen Haufen zu werfen. Der schmale Streifen zwischen dem Firmen­gelände auf Weiterstädter Gemarkung und dem sich südlich daran anschließenden Waldstück auf Darmstädter Grund läßt nur schwer erkennen, daß an dieser Stelle mehr als einhundert Jahre lang Züge verkehrten.

Lageplan Posten 84 1957.

Abbildung 3: Lageplan der Doppelblinklicht­anlage mit Halbschranke am Posten 84 als Teil einer Vorläufigen Anweisung zum Betrieb von 1957.

Bahnübergang an der Mainzer Straße 1954.
Bild 4: Bahnübergang an der Mainzer Straße bzw. Riedbahnstraße 1954. Sammlung Klaus Wedde.

Mit dem Bahnüber­gang an der Mainzer Straße (Darmstadt) bzw. Riedbahn­straße (Weiterstadt) erreichte die Riedbahn den Weiterstädter Stadtteil, der ihren Namen trägt. Dieser Bahn­über­gang ist bahn­technisch von besonderer Bedeutung. Im Frühjahr 1954 richtete die damalige Deutsche Bundesbahn hier versuchs­weise den ersten mit Halb­schranken versehenen Bahn­über­gang im Bundes­gebiet ein.

Damals nutzten täglich rund 2.500 Kraft­fahr­zeuge, 50 Fuhr­werke, 1.000 Rad­fahrerinnen und Rad­fahrer sowie 150 Menschen zu Fuß die damalige Land­straße und querten hierbei den zwei­gleisigen Bahn­körper. Zwischen Griesheim und Darmstadt verkehrten täglich 55 Züge (gemeint sind Personenzüge, Güterzüge wurden nicht einberechnet) mit einer Höchst­geschwindig­keit von 90 Stunden­kilometern. Die Straße wurde vor dem Übergang in der Mitte mit einer durchge­zogenen Linie versehen, doch es scheint so, als hätten die damaligen Auto­fahrer (wohl weniger Auto­fahrerinnen) diese Linie groß­zügig ignoriert. [1]

Bahnhaus 84.
Bild 5: Bahnhaus 84, vermutlich in den 1960er Jahren aufgenommen. Aufnahme: Gerhard Schreiner.

Die Farbgebung des Andreas­kreuzes weist auf einen zwei­gleisigen Bahn­übergang hin. Das Bahnwärter­haus wurde auch nach Installation der automatisch gesteuerten Halbschranken als Notfall­sicherung weiterhin besetzt. Am 26. Mai 1955 schilderte der Griesheimer Anzeiger einen kuriosen Zwischenfall:

„Weil der Streckenwärter des Bahnpostens 84 bei Weiterstadt (Landkreis Darmstadt) während seines Dienstes eingeschlafen war, wurden in der Nacht vor dem Bahnüber­gang bei Weiterstadt zwei planmäßige Züge angehalten. Der Strecken­wärter hatte sich auf einen Telefon­anruf nicht gemeldet. Als die Bahnpolizei am Bahnposten eintraf, lag der Streckenwärter noch im tiefen Schlaf. Die am Bahnüber­gang ‚auf Probe‘ befindliche neuartige automatische Halbschranke hatte sich jedoch auch ohne die Hilfe des Beamten geschlossen. Wie der Leiter des zuständigen Bahnbetriebs­amtes 2 in Darmstadt, Oberrat Dr. Lutz, mitteilte, wird der Strecken­wärter wegen seines Dienstver­gehens ‚eine gehörige Strafe‘ zu erwarten haben.“

Das genaue Datum der Nacht, in der der Vorfall stattfand, vermerkt das zweimal pro Woche ausgelieferte Blatt leider nicht.

Bahnübergang 1988.
Bild 6: Derselbe Bahnübergang 1988. Aufnahme: Frieder Boss.

Der 2009 verstorbene Weiterstädter Archivar Frieder Boss dokumentierte den Bahnüber­gang im Sommer 1988 und zu Beginn des Jahres 1989. Seine vier erhaltenen Bilder zeigen Tristesse. Das funktionslos gewordene Bahnwärter­haus ist längst verschwunden; die Fläche diente mit ihren Schlammpfützen als Parkplatz. Allein das betonierte Standard­häuschen für die Elektrik der Signalisierung und Schranken belegt, daß ab und an noch ein Güterzug vorbeischaut. Zwei weitere Bilder zeigen den Bahnübergang aus leicht anderer Perspektive; und zwar hier.

Bahnübergang an der Mainzer Straße heute.
Bild 7: Derselbe Bahnübergang heute.

Heute können an einzelnen Stellen noch sehr deutlich die Spuren der einstmals zweigleisigen Trasse entdeckt werden. Schon die Asphalt­decke des ehemaligen Bahn­übergangs verdeckt die Gleise nicht ganz; die Risse im Asphalt folgen genau den Schienen. Pfosten­löcher verraten, wo ein Andreas­kreuz gestanden und die roten Lichter gewarnt haben. Der im Sommer nur mit geübtem Auge zu erblickende Kilometer­stein „57“ ragt trotzig aus dem Erdboden hervor. Anstelle des ehemaligen Bahn­wärter­hauses erhebt sich nun ein Mehrfamilienhaus.

Reparatur eines Mopeds.
Bild 8: Am Bahnhaus 84. Aufnahme: Herr X.

Bei den Bewohnerinnen und Bewohnern war die Riedbahn nicht unbedingt beliebt. Ruß und Lärm der in den 1950er Jahren noch häufig verkehrenden Personen- und Güterzüge hinerließen ihre Spuren. Hätte sich die Bundesbahn aufraffen können, der langsam wachsenden Gemeinde einen Haltepunkt zu spendieren, wäre das Verhältnis vielleicht entspannter gewesen. So jedoch zerschnitten die Gleise die Siedlung beidseits der Strecke. So ist es auch kein Wunder, daß es nur wenige (erhaltene) Aufnahmen vom Leben neben den Schienen gibt.

Eine dieser Szenen spielte sich 1957 am Bahnhaus 84 ab. Die Reparatur oder Wartung eines Mopeds wird von Jung und Alt kritisch begutachtet. Die „84“ ist noch genausogut zu erkennen wie die beiden Gleise, die soeben die Hauptverkehrs­straße gekreuzt haben.

Westlich der Straße.
Bild 9: Ein vorletzter Blick auf das zurückgebaute Gütergleis. Aufnahme: Frieder Boss.

Bald nach Einstellung des Personen­verkehrs zwischen Darmstadt und Goddelau-Erfelden wurde das südliche Gleis der ehemals zweigleisigen Strecke entfernt. Die Bundesbahn deklarierte die rund zehn Kilometer lange Verbindung nach Griesheim als Güteranschluß­gleis um, welches deshalb 1991/92 planungs­rechtlich ohne größeren Aufwand entfernt werden konnte. Kurz vor Ende des Güterbetriebs entstand, wiederum durch Frieder Boss, im Februar 1989 ein vorletzter und nicht nur angesichts der Witterung recht trostloser Blick auf das an der Siedlung entlang führende Gleis. Weit im Hintergrund ist die Autobahn zu erahnen.

Im Sommer 2010 wurde auf der Trasse an der Stelle des abgebauten zweiten Gleises zwischen Sandstraße und Wiesenstraße ein Weg aus vermahlenem Schottersand angelegt. Vermutlicher Zweck ist es, Radfahrerinnen und Radfahrer von der asphaltierten, parallel verlaufenden Riedstraße auf den Weg umzulenken, damit die Omnibusse aus Richtung Darmstadt ungestört von einzelnen langsam derherradelnden Individuen zum Einkaufszentrum Loop 5 gelangen können. Die früher die enge Wiesenstraße in beide Fahrtrichtungen nutzende Buslinien 5506, 5513 und 5515 wurden richtungsge­trennt gesplittet. Diese Investition in die Infrastruktur dient dem Einkaufen auf der grünen Wiese und ist somit ökonomisch bedingt.

Gärtnerei Vetter.
Bild 10: Westlich der Halbschranken – die Gärtnerei Vetter 1952. Aufnahme zur Verfügung gestellt von Holger Metzner.

Der heute durch ausufernde Gewerbegebiete und Verkaufs­flächen geprägte jüngste Stadtteil Weiterstadts besaß einmal ein sehr ländliches Ambiente. Hierzu gehörte auch das heute nicht mehr existente Gelände der Gärtnerei Vetter südlich der Bahngleise, von der das neben­stehende Bild erhalten ist. Die Dampflok­spezialisten können mir gewiß nicht nur die Baureihe (50), sondern auch die Loknummer nennen; leider ist selbige auf dem Bild nicht zu erkennen [2]. Es ist zudem nicht auszumachen, ob es sich um einen Personen­zug oder um einen Güter­zug handelt, denn die verwendete Lok war eigentlich für den Güter­verkehr vorgesehen, zog jedoch auf Neben­bahnen auch Personen­züge. Vermutlich zog sie einen Zug von Darmstadt nach Worms, auch wenn die Fahrt­richtung nur anhand eines Indizes zu erahnen ist. Die Lokomotiven dieser Baureihe konnten nämlich mit einer Höchst­geschwindig­keit von 80 Stunden­kilometern vorwärts wie rückwärts fahren. Das Indiz ist ein kleines Rauch­wölkchen.

Wilder Übergang.
Bild 11: Wilder Übergang.

Als Riedbahn noch kein eigener Stadtteil Weiterstadts war und sich erst langsam neue Häuser zu den bestehenden dazu gesellten, gab es zwischen der Mainzer Straße und der Wiesen­straße keinen geregelten Übergang. Um nicht einen Umweg von einigen hundert Metern nehmen zu müssen, bildete sich ein sogenannter „wilder Übergang“ heraus. Diesen versuchte die Bundesbahn mit einem Geländer und einem Warnschild (das Viereck an der Garage) zu verbieten, doch vergebens. Die Garage wurde erst wesentlich später errichtet, als ohnehin kaum noch Züge fuhren. Ein Augenzeuge berichtet, etwa an dieser Stelle habe sich zudem ein Lichtsignal (vermutlich ein Signal „Bü 1“) befunden; auf Bild 9 ist es tatsächlich links des Gleises zu erahnen. (Inzwischen habe ich sogar eine Aufnahme des Signals, wirdnachgereicht.)

Alter Bahnübergang.
Bild 12: Alter Bahnübergang.

Bei Strecken­kilometer 56,4 überquert eine Stichstraße zwischen der Wiesen­straße und der Riedstraße den Bahnkörper. Hier ist im Asphalt das alte Gleis noch zu erkennen. Dies ist eine nachträglich angelegte Straßen­verbindung zwischen den Häusern beidseits der Bahngleise. Der reguläre Bahnüber­gang („Posten 83“) befand sich rund 50 bis 100 Meter weiter westlich und ist nebenstehend zu sehen. Die Schranke dieses Bahn­übergangs wurde (vermutlich) über die Blockstelle „Pallaswiese“ bedient; hierzu mußte von einer Rufsäule aus die Blockstelle angerufen werden. Das auf älteren Plänen eingezeichnete Bahnwärter­haus in der Nähe dieses Übergangs ist vollkommen verschwunden.

Derselbe Bahnübergang 1959.
Bild 13: Bahnübergang 83. Aufnahme zur Verfügung gestellt von Walter Brunner.

Das Foto der beiden Mädchen soll 1959 an demselben Bahnüber­gang entstanden sein. Links vor den Mädchen ist möglicher­weise der Schatten des ehemaligen Bahnwärter­hauses (Bild 15) zu erkennen, das sich halblinks hinter dem Fotografen befand. Natürlich waren nicht die geschlossenen Bahnschranken für das Motiv von Interesse, denn sonst hätte der Fotograf ja auch auf die Durchfahrt eines Zuges warten können. Es handelt sich einfach um eine der seltenen Aufnahmen, die mehr zufällig den Eisenbahn­betrieb an dieser Stelle – und sei es nur ansatzweise – zeigen. Interessant ist an diesem Bild zudem, daß die heutige Bebauung südlich der Bahntrasse noch nicht zu erahnen ist. Betrachtet man oder frau ältere Karten, dann dehnte sich die Pallaswiese einstmals bis hierhin aus.

Derselbe Bahnübergang 1957.
Bild 14: Bahnübergang 83. Aufnahme zur Verfügung gestellt von Frau E.

Hier sind zwei Geschwister auf einer Vespa in den 1960er Jahren zu sehen. Auf der südöstlichen Seite des Bahnüber­gangs hat inzwischen der Haus- und Wohnungsbau eingesetzt. Die Schranke ist wie beim vorherigen Bild geschlossen; unklar ist mir, ob es sich hierbei um eine fernbediente oder um eine Anrufschranke gehandelt hat. Der Unterschied liegt darin, ob sie in der Regel geöffnet oder geschlossen war. In beiden Fällen wäre sie von der Blockstelle Pallaswiese aus bedient worden. Auf der rechten Bildseite sind hinter dem Postenschild die Gewächshäuser der Gärtnerei Brunner auszumachen.

Posten 83.
Bild 15: Posten 83. Aufnahme zur Verfügung gestellt von Frau E.

Vermutlich diente schon 1951, als dieses Bild entstand, das Bahnwärterhaus nicht mehr dem Bahnbetrieb, sondern wurde als Wohnraum vermietet. Am Anbau ist die Nummer des Postens zu erkennen. Der Grünstreifen neben den Gleisen wurde von der Bundesbahn verpachtet und zum Anbau von Blumen und Gemüse genutzt. Das solide errichtete Bahnhaus wurde vermutlich beim Rückbau der Gleisanlagen nach Einstellung des Personen­verkehrs so gründlich abgerissen, daß heute nichts mehr hieran erinnert.

Lok 56761.
Bild 16: Zeit für ein Bild bei laufendem Rangierbetrieb. Aufnahme zur Verfügung gestellt von Frau G.

1957 wurden, so die Information eines der beiden hier abgebildeten Mädchen, neue Betonschwellen in Höhe des Bahnhauses 83 verlegt. Damals war es offenbar üblich, daß im Rangierdienst Züge aus dem weitläufigen Rangier­bahnhof Darmstadt-Kranichstein hier gehalten haben. Dies ist insofern erstaunlich, weil zu dieser Zeit ein noch recht reger Personen- und Güterverkehr herrschte. Dem Schattenwurf nach dürfte das Bild an einem frühen Sommernach­mittag am südlichen Streckenrand an der Wiesenstraße entstanden sein. (Das Bahnhaus stand an der Nordseite.) Die Lokomotive 56 761, gebaut 1919, umgebaut 1939, wurde 1964 außer Dienst gestellt (oder verschrottet?).

Lok 56761.
Bild 17: Damals eine Seltenheit: eine Frau auf dem Führerstand. Aufnahme zur Verfügung gestellt von Frau E.

Möglicherweise entstammt dieses Bild demselben Fotoshooting, wie das heutzutage auf Neudeutsch heißt. Es fand sich im Fotoalbum des anderen in Bild 16 zu sehenden Mädchens.

Die Erkundung der ehemaligen Riedbahn­trasse wird mit dem vierten Teil rund um die Blockstelle Pallaswiese fortgesetzt.


Literatur

Anmerkungen

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