Karte zur Riedbahn. Riedbahn Darmstadt–Goddelau.

Die Riedbahn von Darmstadt nach Goddelau

Von Griesheim nach Wolfskehlen

Erkundungen auf der alten Riedbahntrasse, Teil 8

1869 wurde die Riedbahn zwischen Darmstadt und Worms eröffnet. Die heutige Riedbahn mit ihrem Hauptverlauf von Mannheim nach Frankfurt wurde erst zehn Jahre später errichtet. Dokumentiert wird auf meinen Riedbahn-Seiten der Streckenabschnitt zwischen Darmstadt und Goddelau.

Zwischen Griesheim und Goddelau wurde die Riedbahn ab dem 1. Dezember 1965 nur noch eingleisig betrieben. Zu Beginn der 1970er Jahre wurde das Teilstück von Griesheim über Wolfskehlen zum Bahnhof Goddelau-Erfelden komplett abgebaut. Nur noch wenige Bauten haben ihre Spuren auf dem Riedboden hinterlassen.


Dieses Kapitel ist die Fortsetzung des siebten Teils der Dokumentation der Riedbahn in bzw. durch Griesheim.

Lageplan der hier besprochenen Orte.
Abbildung 1: Lageplan der auf dieser Seite besprochenen Orte und Bilder.



Die Posten 62 … 78 sind rot bzw. blau bezeichnet.

Die Standorte der nachfolgenden Aufnahmen:


Auf dem Promenadenweg zur Wolfskehler Chaussee

Vom Bahnhof Griesheim führte die 1868 konzipierte und im April 1869 eröffnete Riedbahn zunächst eingleisig, ab 1901 zweigleisig ins Ried. Sie verfolgte hierbei eine schnur­gerade Linie, deren Beginn ursprüng­lich durch den (spätestens) 1912 aufgegebenen Abzweig von der Main-Rhein-Bahn (Mainz – Aschaffen­burg) gegeben war. Erst am Bahnhof Wolfs­kehlen bog die Strecke in einer Links­kurve zu ihrem Verlauf entlang des Rheins ab.

Streckenwärterhaus.
Bild 2: Streckenwärterhaus am Ortsausgang von Griesheim.

Die Bahn­über­gänge waren schon aus Kosten­gründen nicht kreuzungs­frei errichtet worden, zumal der Verkehr in der 2. Hälfte des 19. Jahr­hunderts längst nicht die Dimension heutiger Auto­kolonnen aufwies. Die nebenstehende Aufnahme zeigt das in seinem Ursprungs­zustand kaum noch wiederzu­erkennende Bahnhaus 74 an der Straße nach Büttelborn am westlichen Stadt­rand von Griesheim. Heinz Schomann beschreibt ein „[d]oppel­geschossiges giebel­ständiges Gebäude von 1869 aus graugelbem Sandstein (entstellend vergrößert).“ [1]

Der beschrankte Bahn­über­gang wurde bald nach Auflassen des Strecken­abschnitts von Griesheim nach Goddelau-Erfelden beseitigt. 1976/77 wurde die westliche Umgehungs­straße Griesheims in Richtung Büttelborn und A67 ausgebaut. Zur selben Zeit beschloß der Magistrat der Kleinstadt, zwischen dem damaligen Gleisende an der Pfützen­straße und der Grillhütte in der Nähe der Kläranlage einen Promenaden­weg zu errichten. Zu diesem Zweck wurde die vorhandene Schotter­trasse vollkommen ausgehoben und durch Mutterboden ersetzt. Bei der Anlage der Böschungen für die Unter­führung unter die Umgehungs­straße fanden Rasensoden aus der nach einem langen Sommer stark beanspruchten Liegewiese des Griesheimer Freibads Verwendung. Das geplante Idyll am Stadtrand in den Worten des „Griesheimer Anzeiger“:

„Danach sollen längs des Fuß- und Radweges Bäume verschiedener Art angepflanzt werden. Um die längs des Weges aufzustellenden Bänke werden blühende Sträucher gruppiert. Die Arbeiten erfordern einen Kosten­aufwand von 69.000 DM.“

Aus diesem Grund erinnert auf diesem ehemaligen Teilstück der Riedbahn absolut nichts mehr an vergangene Eisenbahn­zeiten.

Radweg von Griesheim nach Wolfskehlen.
Bild 3: Promenadenweg auf der alten Bahntrasse zwischen Griesheim und Wolfskehlen.

Der Radweg Richtung Wolfs­kehlen (hier: Blick­richtung Griesheim) liegt auf der inzwischen bewachsenen Trasse der Riedbahn und bietet somit ein in den Sommer­monaten schattiges Fahr­gefühl. Er führt vorbei an Griesheims im Mai 1974 eingeweihter neuer Klär­anlage und vermeidet die Wasser­fontänen der land­wirt­schaft­lichen Bewässerung, welcher die Rad­fahrerinnen und Fuß­gänger auf dem direkt an der Bundes­straße angelegten Weg ausgesetzt werden; was im Hochsommer durchaus erfrischend wirken kann. Er endet auf der Höhe des alten Bahn­über­gangs über die Wolfs­kehler Chaussee. Aufgestuft zur Bundesstraße 26 wurde die Chaussee erst zu Beginn der 1970er Jahre.

Die Stadt Griesheim erwarb das etwa 27.000 Quadrat­meter umfassende Bahn­gelände zwischen der Pfützen­straße am nord­westlichen Griesheimer Siedlungs­rand und der Gemarkungs­grenze zu Wolfskehlen 1972 von der Bundesbahn zum Preis von 2 DM pro Quadrat­meter. Hierdurch konnten die Bahntrasse renaturiert und die Wolfskehler Chaussee begradigt werden.

Durchlaß.
Bild 4: Durchlaß eines Entwässerungs­grabens (Nordseite).

Während in den Sommer­monaten das Gestrüpp schier undurch­dringlich scheint und auch die Brennesseln durchaus hinderlich sprießen, bietet die Vegetation zu Ende der Winterzeit einige interessante Ansichten dar. Zum Beispiel zeigt sich ein im drei­bändigen Werk über die „Eisenbahn in Hessen“ nicht vermerkter Durchlaß, der vermutlich zur Ent­wässerung der nördlich der Bahntrasse gelegenen Äcker und Wiesen gedacht war. Er ist auf der Nordseite noch relativ gut erhalten, auf der Südseite hingegen wurde er beim Rückbau der Strecke arg in Mit­leiden­schaft gezogen.

Durchlaß.
Bild 5: Derselbe Durchlaß auf der Südseite.

Weiter in Richtung Wolfs­kehlen (aus der Perspek­tive des Bildes nach links) liegen vor der Querung der Bundes­straße zwei aus ihrer Verankerung gerissene Kilo­meter­steine am Boden. Von „achtlos weggeworfen“ zu reden, wäre angesichts des enormen Gewichts dieser Beton­brocken doch etwas über­trieben. Bei einer späteren Begehung habe ich beide nicht wiederfinden können, so daß sie wohl einen neuen Funktionsort gefunden haben werden. Sofern die in den 1970er Jahren vorgestellten Pläne umgesetzt worden sind, wurde das alte Schotter­bett nicht abgetragen, sondern einfach mit Erde überzogen und bepflanzt.

Kilometerstein.
Bild 6: Ein alter Hektometerstein (Südseite).

Eher versteckt steht dieser Hektometer­stein am Wegesrand; die Kilometrierung ergibt an diesem Standort jedoch keinen rechten Sinn.

Kilometersteine als Auflager.
Bild 7: Hektometersteine als Basis für eine Betonplatte (Südseite).

Was zunächst Rätsel aufzugeben scheint, löst sich bei näherer Betrachtung auf. Der am Wegrand sichtbare Kilometer­stein gehört zu einer Gruppe von insgesamt fünf Vertretern seiner Art, die als Stützpfeiler für eine Betonplatte gedient haben. Von links nach rechts tragen sie die Angaben 57,6 – 55,2 – 55,3 – 57,9 – 55. Soweit sich das erkennen läßt, wurden ursprünglich nur zwei aneinander liegende Seiten beschriftet; nur auf dem Stein mit der Kilometer­angabe „55“ wurden die beiden restlichen Seiten zusätzlich bemalt. Es wird sich um den Standort des Vorsignals zum Einfahrts­signal in den Griesheimer Bahnhof gehandelt haben.

Streckenwärterhaus.
Bild 8: Streckenwärterhaus an der Bundes­straße 26.

Heute läßt sich der Strecken­verlauf der Riedbahn über die B26 nur noch erahnen. Der Bahn­über­gang an der Wolfskehler Chaussee wurde 1974 in seinen Ursprungs­zustand vor den Riedbahn­zeiten zurück­versetzt, also begradigt. Die Riedbahn kreuzte die Straße nämlich nicht im spitzen Winkel, wie nach Verlauf der Trasse zu erwarten wäre [2]. Über­legungen zu Ende der 1950er Jahre, den Bahn­über­gang kreuzungs­frei umzubauen, wurden vermut­lich aus Kosten­gründen verworfen. Womög­lich war schon damals abzusehen, daß die Bahnstrecke demontiert werden würde. Die geschwungene Kurvenführung auf der Griesheimer Seite wurde zu einem Parkraum für Erholungssuchende umgewidmet. Weshalb dennoch einzelne Personen ihre Gefährte auf der anderen Straßenseite, direkt am Ende des Promenadenweges, so hinstellen müssen, daß kein ungehinderter Durchgang bzw. eine ebensolche Durchfahrt bleibt, ist wohl nur innerhalb einer ganz speziellen eindimensionalen automoibilen Denke verständlich.

Das neben­stehend abgebildete Strecken­wärter­haus (am Posten 70) ist ebenfalls nicht mehr im Original­zustand erhalten. Heinz Schomann schreibt hierzu: „Doppel­geschossiges giebel­ständiges Gebäude von 1869 nördlich der Strecke (unter modernem Putz vermutlich aus graugelbem Sandstein wie …)“ das Strecken­wärter­haus an der Straße nach Büttelborn am westlichen Stadtrand von Griesheim. Aufnahmen vom Rückbau des Bahn­über­gangs von Anfang der 1970er Jahre lassen den Schluß zu, daß das Gebäude zu diesem Zeitpunkt noch im ursprüng­lichen Zustand erhalten gewesen sein muß.

Durch Äcker und Felder in Wolfskehlen

Weiter in Richtung Wolfskehlen finden sich ein erstaun­licher­weise noch stehender Hektometerstein sowie ein Sperr­geländer eines (ehemaligen) Bahn­über­gangs. Ab der Wolfskehler Chaussee bis zum südlichen Ortsrand von Wolfs­kehlen ist die alte Bahn­trasse mit dem Fahrrad nicht mehr abzufahren.

Bachbrücke.
Bild 9: Bachbrücke bei Wolfskehlen.

Etwa auf halbem Weg zwischen Griesheim und Wolfs­kehlen wurde eine kleine Brücke über ein im Sommer aus­trocknendes Bachbett stehen gelassen. Heute führt hierüber ein Feldweg. Die Brücke selbst zerfällt langsam, aber sicher vor allem an ihren Rand­bau­steinen an den jeweiligen Bachufern. Der Bach ist Teil eines nach­eis­zeit­lichen Gewässer­systems, dessen Spuren vor allem in den noch sichtbaren ehemaligen Neckar­mäandern parallel zum Rhein erkennbar sind. Unmittelbar nord­westlich angrenzend liegt das Gelände des Motor­sport­clubs Wolfskehlen, dessen röhrende Maschinen nicht zu überhören sind. Hier wird wohl nach dem Motto gehandelt: je mehr Lärm, desto mehr Mann.

Bahnwärterhaus.
Bild 10: Trasse nach Wolfskehlen, rechts das Bahnhaus 68.

Das Bahnhaus 68 steht auf freiem Feld. Derartige Gebäude ließ die kostenbewußte Hessische Ludwigsbahn nur dort errichten, wo es unumgänglich war. Hier war es nicht die überregionale Bedeutung des Überwegs, sondern die zu große Entfernung des Postens zu den beiden anliegenden Dörfern Wolfskehlen und Griesheim. Da die dauernde Präsenz eines Bahnwärters zu Tages- und Nachtzeiten im Sommer wie Winter erforderlich war, konnte und wollte man sich nicht darauf verlassen, daß er rechtzeitig seinen Dienst zu Fuß antrat. Zu diesem Posten 68 gibt es einige Familienbilder aus den 1950er Jahren.

Derartige Gebäude befanden sich an der alten Gleiskurve am Sendsfelder Weg bzw. an der neuen Gleiskurve am (heutigen) Wöhlerweg in Darmstadt. Weitere Bahnhäuser standen an der alten Verbindungs­straße von Darmstadt nach Weiterstadt (Posten 84), etwa am Kilometer 56,2 in Weiterstadt-Riedbahn (Posten 83), am Bahnüber­gang Dornheimer Weg (Posten 81), an der alten Reichs- bzw. Bundesstraße 26 in Richtung Mainz (Posten 79), am Waldrand bei Griesheim (Posten 78), am Westrand von Griesheim (Posten 74, heute Umgehungs­straße Richtung Büttelborn, siehe Bild 1), am Bahnüber­gang Wolfskehler Chaussee (Posten 70), bei Strecken­kilometer 48 kurz vor dem Wolfskehler Bahnhof (etwa an der heutigen Südumgehung) sowie an der Sträße von Wolfskehlen nach Goddelau. Vorhanden, wenn auch zum Teil erheblich um- und ausgebaut, sind hiervon noch drei, das vierte wurde 2012 entsorgt.

Buschwerk.
Bild 11: Zugewucherte Riedbahntrasse bei Wolfskehlen.

Im weiteren Verlauf ist auf der abgetragenen Riedbahn­trasse ein schier undurch­dringliches Gestrüpp aus kleinen Bäumen, Sträuchern und anderen Pflanzen entstanden. Nur vereinzelt finden sich noch liegen­gelassene Schotter­reste und einzelne Kilometer­steine, zumindest solange, bis auch diese ausgebuddelt und verschleppt worden sind. Beidseits dieses Grün­streifens wächst Getreide. Der Verlauf dieser Trasse läßt sich anhand seines charakte­ristischen Grüns auch sehr gut über Luftaufnahmen verfolgen. Es lohnt nicht wirklich, hier auf Spuren­suche zu gehen. Nur am Ende dieses Grün­streifens nahe der neuge­bauten Süd­umgehung Wolf­kehlens bedeuten einige aufrecht stehende Bahn­schwellen an einer Grund­stücks­begren­zung der oder dem Sach­kundigen, daß hier einmal ein Zug vorbei­gefahren sein könnte. Das zugehörige Bahnhaus hingegen ist schon lange Geschichte.

Neubaugebiet Wolfskehlen.
Bild 12: Neubaugebiet im Süden von Wolfskehlen.

Der alte Bahnhof an der südlichen Peripherie des Dorfes Wolfskehlen ist einem Neu­bau­gebiet gewichen. Mit Ausnahme zweier Straßen­schilder, die auf eine „Bahnhofsweg“ und einen „alten Bahnhof“ hinweisen, findet sich hier nichts mehr, was auf eine hier ehemals vorhandene kleine Station schließen läßt. Wolfskehlen war seit 1879 ohnehin über seine zweite Station an der Riedbahn­strecke von Frankfurt nach Mannheim mit der großen weiten Schienenwelt verbunden, auch wenn seit einigen Jahren hier S-Bahnen anstelle von Nahverkehrs­zügen anhalten.

Die Erkundung der ehemaligen Riedbahn­trasse wird mit dem neunten Teil zwischen Wolfskehlen und Goddelau fortgesetzt.

Zu Wolfskehlen gibt es eine eigene Übersicht zu Bahnanlagen und Geschichte, darunter eine geradezu einmalige Fotografie des 1944 zerbombten Bahnhofs­gebäudes.


Literatur und Zeitungsartikel

Anmerkungen

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