Kursbuch 1946. Reichsbahn-Kursbuch, US-Zone, August 1946.

Ganz woanders als die Riedbahn von Darmstadt nach Goddelau

Dienstplan für Münchener E 18, 1946

Dokumentation

1869 wurde die Riedbahn zwischen Darmstadt und Worms eröffnet. Die heutige Riedbahn mit ihrem Hauptverlauf von Mannheim nach Frankfurt wurde erst zehn Jahre später errichtet. Dokumentiert wird auf meinen Riedbahn-Seiten der Streckenab­schnitt zwischen Darmstadt und Goddelau.

1946 war eine ganz andere Zeit. Das von den Nazis und ihren begeisterten deutschen Anhängerinnen und Anhängern verwüstet hinterlassene Land stand unter alliierter Besatzung. Die Entnazifizierung begann recht bald zu stocken, denn insbesondere die US-Alliierten – aber auch beispielsweise der erste Darmstädter Nachkriegs­oberbürger­meister Ludwig Metzger – glaubten, Nazikader zum Aufbau einer neuen demokratischeren Ordnung zu benötigen. Daß eine Mehrheit unter den Deutschen ihnen hierbei nicht widersprach, darf nicht verwundern. Der Aufbau der neuen politischen Ordnung war begleitet vom Wiederaufbau einer zerstörten Infrastruktur. Nur langsam, und damit sind wir beim Thema, konnten Gleise und Bahnhöfe, Lokomotiven und Wagen wieder instandgesetzt werden, um zumindest einen rudimentären Betriebsablauf zu gewährleisten. Die damaligen Bahnbediensteten haben durch unermüdlichen Einsatz nicht wenig dazu beigetragen, daß auf ihren Schultern und Vorleistungen Jahre später ein sogenanntes Wirtschaftswunder in Gang gesetzt werden konnte.

Grundlage dieser Darstellung ist ein Dienstplan des Bw München Hbf, den mir dankenswerter Weise Klaus Hopf zur Verfügung gestellt hat. Die zugehörigen Kursbuchseiten entstammen dem Reichsbahn-Kursbuch für die Amerikanische Zone, gültig vom 15. August 1946 an. Neben dem hier wiedergegebenen Dienstplan für die E 18 enthält dasselbe Blatt auch den Dienstplan Nr. 10 für fünf Lokomotiven der Baureihe E 44 und eine der Baureihe E 52.

»»  Zur Baureihe E 18 vergleiche die Darstellung der Wikipedia oder die Darstellung zur Baureihe 118 auf elektrolok.de.


Dienstplan.

Abbildung 1: Der E 18-Dienstplan des Bw München Hbf. von 1946, gültig ab 11. August 1946.

Der Dienstplan Nummer 9 wurde vier Tage vor Fahrplanbeginn eingeführt und mit zehn Maschinen gefahren, von denen abwechselnd eine in die „Revision“ kam. Abgesehen von notwendigen Fristarbeiten wird zu bedenken sein, daß der hiermit verbundene Umlaufplan aufgrund vorherigen extremen Fahrens auf Verschleiß und aufgrund allgemeiner betrieblicher Schwierigkeiten, inklusive der Material­beschaffung, wohl recht ambitioniert war.

Kartenausschnitt Württemberg und Baden.

Abbildung 2: Ausschnitt aus der Übersichtskarte zu Württemberg und Baden.

Tag 1 des Dienstplans Nr. 9 beginnt mit der nächtlichen Fahrt des Zuges DBA 636 nach Stuttgart. Diese Fahrt wirft gleich mehrere Fragen auf. Wenn DUS einen Schnellzug für die US-Truppen bedeutet, bei dem gelegentlich auch Deutsche mitbefördert wurden, dann ist DBA der analoge Zug für die Britische Armee. Woher kommt er und weshalb verkehrt ein Zug für die britische Armee inmitten der US-amerikanischen Besatzungszone? Wenn wir dann noch den Dienstplan genauer betrachten, so finden wir auch keinen Einstigespunkt für diesen Zug; anders gesagt: theoretisch sollte Tag 10 mit der Fahrt des DBA 636 enden. Wird hier aus einem weiteren E 18-Dienstplan übergeleitet oder handelt es sich bloß um Vorspann? Wie dem auch sei, dieser Zug ist im Kursbuch der US-Besatzungszone nicht aufgeführt, so daß auch keine näheren Angaben über den Laufweg gemacht werden können. Anders verhält es sich mit dem alsdann von derselben E 18 zu bespannenden Zug, nämlich dem D 370 von Frankfurt am Main nach München.

Fernverkehrsstrecke 11.

Abbildung 3: Fernverkehrsstrecken 11 und 11a.

D 370 verläßt Frankfurt am Main um 7.18 Uhr und erreicht Stuttgart um 12.36 Uhr. Hier übernimmt eine E 18 die Traktion auf der elektrifizierten Strecke nach München, dort Ankunft um 17.22 Uhr. In München wird sie dem DUS 619 zugewiesen, der um 21.55 Uhr die Isarmetropole verläßt und nachts um 1.11 Uhr Nürnberg erreicht. Dieser US-Zug ist im Kursbuch nicht verzeichnet; es ist allerdings kaum anzunehmen, daß dieser Zug derart lokalen Charakter besessen hat. Wohin die Reise weiterging, muß somit offen bleiben.

Kartenausschnitt Bayern.

Abbildung 4: Ausschnitt aus der Übersichtskarte zu Bayern.

Fernverbindungen auf elektrifizierten Strecken führten von München nach Stuttgart, Nürnberg, Regensburg und Salzburg. Folgerichtig werden wir die E 18 dort häufiger antreffen.

KBS 413.

Abbildung 5: Kursbuchstrecke 413 Nürnberg – Ingolstadt – München.

Um 4.04 Uhr verläßt Schnellzug 48 Nürnberg. Dieser hatte in Osnabrück am Vormittag um 8.35 Uhr begonnen und wurde über Köln und Frankfurt am Main geführt; auf diesem Streckenabschnitt verkehrte der Zug nur auf besondere Anordnung. Während das Kursbuch die Abfahrt in Frankfurt noch auf 21.15 Uhr legt und die Ankunft in Nürnberg auf 3.42 Uhr, war bis Beginn des Fahrplans am 15. August eine Beschleunigung eingetreten. Laut im Original gelblichem Einlegeblatt begann der Zuglauf in Frankfurt nun um 21.52 Uhr und Nürnberg wurde nach Zwischenhalten in Hanau (22.33/36 Uhr), Aschaffenburg (23.01/05 Uhr), Gemünden (0.17/20 Uhr), Würzburg (1.02/20 Uhr) und Fürth (3.30/32 Uhr) um 3.44 Uhr erreicht. In Nürnberg wurde dann von Dampfkraft auf Elektrotraktion umgespannt. Die hier vorliegende Kursbuch­tabelle führt über Ingolstadt, weshalb der zusätzliche Zwischenhalt in Augsburg, dort an 7.01, ab 7.11 Uhr, noch nachzutragen ist.

KBS 402.

Abbildung 6: Kursbuchstrecke 402 München – Garmisch-Partenkirchen – Mittenwald.

Im Umlaufplan folgen nun binnen 48 Stunden einige kürzere Leistungen nach Mittenwald, Treuchtlingen, Regensburg und Garmisch-Partenkirchen. Um 14.05 Uhr verläßt D 164 München und erreicht Mittenwald um 16.32 Uhr. Als D 167 kehrt er um 18.20 Uhr zurück und kommt in München um 20.46 Uhr an. Auch das andere hier verzeichnete Schnellzugpaar wird von einer E 18 befördert. Man und frau kann sich natürlich fragen, ob die beiden Schnellzugpaare in die Alpen nicht schierer Luxus angesichts zerstörter Städte und maroder Einrichtungen gewesen sind.

KBS 410.

Abbildung 7: Kursbuchstrecke 410 München – Augsburg – Ulm.

Um 23.30 Uhr geht Schnellzug 87 von München aus auf die Reise und gelangt um 19.42 Uhr des Folgetages nach Hamburg-Altona. In Treuchtlingen ist eine Viertelstunde Aufenthalt einkalkuliert, um von Elektro- auf Dampftraktion umzuspannen.

KBS 411.

Abbildung 8: Kursbuchstrecke 411 Treuchtlingen – Augsburg – Buchloe.

Der Gegenzug aus Hamburg-Altona, dort Abfahrt um 9.59 Uhr, ist der Schnellzug 88, der in Treuchtlingen ebenso eine Viertelstunde verweilt, um die schon wartende E 18 anstelle (vermutlich) einer 01 oder 03 vor den Zug zu setzen.

KBS 424.

Abbildung 9: Kursbuchstrecke 424 München – Regensburg.

Zweimal bringt eine E 18 nun Züge nach Regensburg und anschließend wieder nach München zurück. Zunächst den E 583 hin und nach einer Verweildauer von über fünf Stunden wohl dieselbe Zuggarnitur als E 584 wieder her. Alsdann zu nächtlicher Stunde den D 25, der in Regensburg weiter nach Hof fortgeführt wird, und nach einem weiteren vierstündigen Aufenthalt den von Hof herkommenden Gegenzug D 26 nach München.

Kartenausschnitt Oberbayern.

Abbildung 10: Ausschnitt aus der Übersichtskarte zu Bayern.

Am Vormittag und Mittag des vierten Diensttages geht es nach Garmisch-Partenkirchen (vgl. Abbildung 6). Abfahrt in München als D 162 um 8.20 Uhr. Ankunft in Garmisch um 10.10 Uhr. Vermutlich wird die Zuglok kurz umgesetzt haben, um um 10.50 Uhr als D 163 die Heimreise nach München anzutreten, Ankunft um 12.35 Uhr.

Fernverkehrsstrecke 11.

Abbildung 11: Fernverkehrsstrecken 11 und 11a.

Um 20.05 Uhr verläßt D 107 München und erreicht Stuttgart um 0.40 Uhr. Dort wird auf eine Dampflokomotive umgespannt, die den Zug über Mannheim und die Riedbahn mit einem Zwischenhalt in Mainz-Bischofsheim nach Köln und von dort weiter nach Dortmund befördert, das um 15.11 Uhr erreicht wird. War die Hohenzollernbrücke im August 1946 wieder notdürftig passierbar? (Hinweis eines Lesers: nein, erst 1948. Der Verkrhr lief über die Südbrücke oder über Neuß.)

KBS 326c.

Abbildung 12: Kursbuchstrecke 326c von Kornwestheim nach Eßlingen.

Laut Dienstplan wird die E 18 nun vor den Orient-Express mit der Zugnummer L 5 gespannt und soll in Stuttgart um 10.00 Uhr losfahren und in München um 14.05 Uhr eintreffen. Das Kursbuch hingegen sieht einen geradezu abgepfiffenen Laufweg vor. Der aus Paris kommende Luxuszug wird in Kornwestheim auf die Güterumgehungsbahn geleitet und in Stuttgart-Untertürkheim auf dem Güterbahnhof geflügelt. Der eine Teil wird auf die Reise nach München (mit Ankunft um 16.55 Uhr) und Linz in Österreich geschickt – und auf besondere Anordnung vielleicht auch nach Wien –, der andere als L 105 nach Prag. Im Untertürkheimer Güterbahnhof wird er gegen 12.30 Uhr angekommen sein. Der Münchener Teil verließ den wohl eher ungastlichen Ort um 12.45 Uhr, der Prager Teil um 12.55 Uhr. War diese Rangiererei im Stuttgarter Hauptbahnhof noch nicht möglich? Vergleiche hierzu auch die Darstellung bei Drehscheibe Online. Es wäre interessant zu erfahren, ob die Angaben des Dienstplans oder des Kursbuchs zugetroffen haben. „Luft“ zwischen vorheriger und nachfolgender Leistung war jedenfalls zur Genüge eingeplant.

Fernverkehrsstrecke 17.

Abbildung 13: Fernverkehrsstrecken 13 und 17.

Das Schnellzugpaar 93/94 von Saarbrücken nach München und zurück wurde zwischen München und Stuttgart (beim D 94) und zwischen Stuttgart und München (beim D 93) von einer Münchener E 18 gezogen. Der Fahrplan war so gestrickt, daß nach nur knapp anderthalb Stunden Aufenthalt in Stuttgart die Rückreise angetreten werden konnte. [1]

Anschließend ging es nach Regensburg. Nach all den Schnellzugleistungen war nunmehr Bummelei angesagt. Personenzug 1007 verläßt München um 11.10 Uhr und erreicht Regensburg laut Kursbuch (Abbildung 9) um 15.06 Uhr. Der Dienstplan hingegen läßt den Zug erst dreizehn Minuten später eintreffen. Ähnlich verhält es sich zur korrespondierenden Rückleistung. Laut Dienstplan um 18.07 Uhr, laut Kursbuch jedoch erst vierzehn Minuten darauf fährt Personenzug 1012 in Regensburg ab und erreicht München um 22.09 Uhr.

Der siebte Tag des Dienstplans ist dem Dienst-D-Zugpaar DD 22/23 vorbehalten. Frühmorgens verließ DD 22 München und sammelt in Pasing noch einige Reisende ein, um sodann über Augsburg und Ulm nach Stuttgart zu gelangen. Abends kehrt er als DD 23 auf dieselbe Weise zurück. Die Kursbuchtabelle 410 (Abbildung 7) verrät uns hier mehr als die Fernverkehrstabelle 11 oder gar die Kursbuchtabelle 320 (Mannheim –Stuttgart  – Ulm). Während in den beiden letzteren das Schnellzugpaar unter einem lapidaren „D“ firmiert, nennt erstere den Zug als „DD“. Bei diesen Dienst-D-Zügen handelte es sich um eine besondere Form privilegierten Reiseverkehrs für die Deutschen, denen eine tragende Rolle in Politik, Wirtschaft und Verwaltung zugeschrieben wurden. Das DD-Paar 22/23 war allerdings auch für den öffentlichen Verkehr freigegeben [2]. Da die beiden Züge nur an Werktagen verkehrten, konnte hier, vorausgesetzt an Sonntagen wurde in den Bahnbetriebswerken gearbeitet, ein weiterer Arbeitstag für Wartungs- und Fristarbeiten gewonnen werden. Der achte Tag des Dienstplans war ohnehin für „Revisions“arbeiten vorgesehen.

KBS 413.

Abbildung 14: Kursbuchstrecke 413 München – Ingolstadt – Nürnberg.

Der neunte Tag des Dienstplans war dem Eilzugpaar 551/552 vorbehalten, das München mit Lichtenfels verband. Für die Fahrt des morgendlichen E 551 von München über Augsburg nach Treuchtlingen vergleiche die Abbildungen 7 und 8. Die Reststrecke von Nürnberg nach Lichtenfels (an 13.00 Uhr) und retour (ab 14.52 Uhr) besorgten vielleicht Dampflokomotiven, obwohl die Strecke schon vor dem Zweiten Weltkrieg elektrifiziert war, oder Elektroloks nach einem Nürnberger Umlaufplan. Für die Rückleistung nach München vergleiche die Kursbuchtabellen in den Abbildungen 5, 8 und 7.

KBS 428.

Abbildung 15: Kursbuchstrecke 428 München – Rosenheim – Kufstein und Salzburg.

Zum Schluß wurde die E 18 an die österreichische Grenze bei Salzburg geschickt. E 531 verließ München um 7.40 Uhr und fuhr um 10.22 Uhr in Freilassing ein. Schon acht Minuten später ging die Fahrt weiter nach Berchtesgaden mit Ankunft um 11.36 Uhr. Es werden wohl Maschinen der Baureihe E 44.5 gewesen sein, die hier zum Einsatz kamen.

KBS 428b.

Abbildung 16: Kursbuchstrecke 428b Salzburg  Freilassing – Bad Reichenhall – Berchtesgaden.

E 532 brach um 17.24 Uhr in Berchtesgaden auf und erreichte Freilassing um 18.31 Uhr. Sieben Minuten später ging es mit der E 18 weiter nach München, wo unsere zehntägige Tour um 21.15 Uhr endet.


Literatur

 

ANMERKUNGEN

 

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»» [1]   Die Angaben des Kursbuchs zu den Ankunfts- und Abfahrzeiten dieses Schnellzugpaares sind uneinheitlich. D 93 verläßt Stuttgart um 3.25 Uhr (KBS 410) oder um 3.26 Uhr (FV 11, FV 17, KBS 410). D 94 fährt in München um 22.00 Uhr (FV 11, FV 17 und KBS 410) oder um 22.09 ab (KBS 320) und­ erreicht Stuttgart um 2.06 Uhr (FV 11 und KBS 410) oder um 2.08 Uhr (FV 17 und KBS 320).

»» [2]   Vergleiche die Darstellung bei Scharf/Ernst, Seite 156–160.


Diese Seite wurde zuletzt am 28. Juni 2015 aktualisiert. Links auf andere Webseiten bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2008, 2013, 2015. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist – mit Ausnahme der Fahrplanscans – nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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