Signal in Griesheim. Formsignal in Griesheim.

Die Riedbahn von Darmstadt nach Goddelau

Abschied vom Personenverkehr

Letzte Bilder vom Planbetrieb

1869 wurde die Riedbahn zwischen Darmstadt und Worms eröffnet. Die heutige Riedbahn mit ihrem Hauptverlauf von Mannheim nach Frankfurt wurde erst zehn Jahre später errichtet. Dokumentiert wird auf meinen Riedbahn-Seiten der Streckenabschnitt zwischen Darmstadt und Goddelau.

Mitte der 1960er Jahre fiel bei der Bundesbahn die Entscheidung, den Personenverkehr zwischen Goddelau-Erfelden und Darmstadt einzustellen. Glücklicher­weise hat der eine oder andere Fotograf noch die Gelegenheit genutzt, Streckenfotos des Planbetriebs anzufertigen.

Den Fotografen Dieter Dalicho, Justus, Claus Kosanke (†) und Harald Schönfeld sowie der Eisenbahnstiftung (Wolfgang Lökel) sei für die Überlassung ihrer Aufnahmen an dieser Stelle gedankt.


Zugbegegnung an der Bergschneise.

Bild 1: Die langgezogene Bergschneisenkurve bot bei passendem Sonnenstand eine attraktive Möglichkeit, Reisezüge zwischen Darmstadt und Goddelau abzulichten. Am 24. Februar 1970, sieben Monate vor dem von der Bundesbahn beabsichtigten Ende des Personenverkehrs, stand Dieter Dalicho an der Strecke, um die 65 008 einzufangen. Da zwischen der Bergschneise und dem Darmstädter Hauptbahnhof das zweite Streckengleis schon längere Zeit entfernt worden war, planten die Fahrplan­gestalter eine Zugbegegnung zwischen den Blockstellen Pallaswiese und Bergschneise ein. Deshalb treffen hier ein Personenzug auf dem Weg nach Worms und ein Schienenbus­pärchen 795/995 nach Darmstadt oberhalb des Gleises von der Stockschneise zum Hauptbahnhof aufeinander. Das Glück war mit dem Fotografen, denn der Schienenbus hatte das Signal zur Erlaubnis zur Einfahrt in die Bergschneise abzuwarten.

Der Buchfahrplan für das Winterhalbjahr 1969/70 kennt auf dem Streckenabschnitt zwischen Goddelau-Erfelden und Darmstadt nur drei Traktionsarten: das Schienenbus­pärchen 795/995, auch als Doppeleinheit, den Schienenbus­drilling 798/998/998 und die mit einer Diesellokomotive der Baureihe 211 bespannten Umbauwagen (mit Packwagen). Das Heft „Dampfgeführte Reisezüge der DB“ nennt abweichend für die Personenzüge 3601 und 3632 eine Bespannung mittels einer 50er und für die Personenzüge 3614 und 3623 eine solche mit einer 65er. Personenzug 3614 verläßt laut Fahrplan Darmstadt Hauptbahnhof um 13.57 Uhr und erreicht wenige Minuten später die Bergschneise. Das Kursbuch weist als Zugbegegnung auf freier Strecke den Schienenbus 3619 aus Goddelau-Erfelden aus, der Darmstadt um 14.12 Uhr erreicht – aber nur an Samstagen! Der 24. Februar 1970 war jedoch ein Dienstag. Zudem hätte der 3619 aus einem Schienenbus­drilling bestehen müssen. Des Rätsels Lösung besteht aus einer Leerfahrt, die an diesem Tag abweichend vom Buchfahrplan wohl in der Planlage des 3619 durchgeführt wurde. Der zweiteilige Lto 52968 von Worms nach Darmstadt hätte nämlich schon um 13.36 Uhr an der Bergschneise ankommen müssen.

Diese verspätete Leerfahrt gibt diesem Bild seinen ganz besonderen Reiz. Aufnahme: Dieter Dalicho.

Bleibt noch festzuhalten, daß der Fotograf auf dem Bahndamm des ursprünglichen dritten Gleises gestanden hat. Dieses sogenannte Werkstättengleis verband die Bergschneise mit dem Lokomotiv­ausbesserungswerk am Dornheimer Weg und wurde vermutlich spätestens in den 1950er Jahren abgerissen.


Ausfahrt Hauptbahnhof.

Bild 2: Ausfahrt eines Personenzuges aus dem Darmstädter Hauptbahnhof am 8. März 1968. Unter der Annahme, daß 1968 die Züge der Odenwaldbahn noch auf den Gleisen 3 und 4 abgefertigt wurden, kann es sich bei diesem mit der Dampflok 50 1867 bespannten Zug nur um eine Fahrt nach Goddelau-Erfelden und vermutlich darüber hinaus nach Worms gehandelt haben. Der Poststeg überspannt noch die Bahnhofsgleise der nördlichen Ausfahrt, und im Hintergrund stehen am Postamt (mindestens) zwei Postwagen auf dem zugehörigen Bahnhofsgleis. Am linken Bildrand gerade noch zu erahnen ist das Fahrdienstleiter­stellwerk „Df“. Aufnahme: Harald Schönfeld.


Ausfahrt Hauptbahnhof mit Stellwerk.

Bild 3: Apropos Fahrdienstleiterstellwerk. Am 13. Mai 1970 war Justus im Bahn­betriebswerk Darmstadt, um sich der auslaufenden Dampftraktion zu widmen. Dabei verschmähte er auch die 051 875 des Bw Kaiserslautern nicht, die hier – ähnlich der vorherigen Aufnahme – auf dem Weg nach Worms war. Das Stellwerk wurde abgerissen, nachdem das Spurplan­stellwerk im Oktober 1972 in Betrieb gegangen war, und der Poststeg wurde 1994 entfernt, weil er der Bahn bei der besseren Linienführung für den IC/ICE-Verkehr im Weg war. Aufnahme: Justus. Leider ist sein zugehöriger Forenbeitrag bei Drehscheibe Online zur Zeit bilderlos.


Schienenbus in Griesheim.

Bild 4: Dieter Junker war im Sommer 1969 eigens nach Griesheim gekommen, um den Pendelverkehr der Straßenbahnlinie 9A von der Wagenhalle zur Schule in Griesheim abzulichten. Seinem Abstecher zur Riedbahn verdanken wir dieses Schienenbusporträt der Ausfahrt des Personenzugs 3640 von Darmstadt nach Goddelau-Erfelden kurz vor halb sechs Uhr abends. Die doppelt zusammengestellte Garnitur VT 95 / VB 142 ist typisch für den Schienenbusbetrieb in den 60er Jahren. Die Bahnhofsuhr im Bildhintergrund verrät uns, daß der Zug mit etwa einer Viertelstunde Verspätung unterwegs war, als er das Stellwerk „Gw“ am Bahnübergang 76 erreicht hat. Die beiden abgerundeten Stirnfenster sind leider überstrichen worden; sie verliehen den ersten Schienenbussen ein besonders gefälliges Aussehen. Nur funktional scheinen sie nicht gewesen zu sein, denn sie sollen die Fahrer während der Fahrt geblendet haben. Leider sind die Fahrzeugnummern auf dem Bild nicht erkennbar, bei dem vorderen Wagen könnte es sich um 795 116, 117, 130 oder (vermutlich) 227 handeln. Noch im Jahr zuvor war wohl dieselbe Schienenbus­garnitur als Personalzug 2895 von Darmstadt-Kranichstein aus eingesetzt, um die Beschäftigten des dortigen Ablegers des Bahnbetriebswerks Darmstadt nach ihrem Feierabend zum Hauptbahnhof mitzunehmen; anschließend fuhr sie weiter ins Ried. Aufnahme: Nachlaß Dieter Junker, Eisenbahnstiftung (Wolfgang Löckel).


Schienenbus an der Blockstelle Pallaswiese.

Bild 5: Claus Kosanke besuchte im April 1970 die Blockstelle Pallaswiese, um dort den von Dieter Dalicho an der Bergschneise abgelichteten Zug zu erwischen. Offenbar ging ihm hierbei „nur eine 50er“ ins fotografische Netz. Dafür verdanken wir ihm drei Aufnahmen dieser ansonsten nicht im Bild festgehaltenen Blockstelle, unter anderem die Leerfahrt Lto 52968 von Worms nach Darmstadt mit einem 795/995er Pärchen. Die beiden anderen Aufnahmen gibt es auf der Erkundungs­seite zur Blockstelle Pallaswiese.

Kleinlok bei Wolfskehlen.

Bild 6: Kurz vor Einstellung des Zugverkehrs zwischen Goddelau und Griesheim kam Claus Kosanke nach Wolfskehlen und lichte im September 1970 eine unbekannte 323er Köf ab.


Weitere Bilder aus dem Riedbahnabschnitt zwischen Darmstadt und Goddelau-Erfelden sind im Historischen Forum von Drehscheibe Online zu finden.

Uwe Breitmeier fotografierte denselben Zug wie Dieter Dalicho am 19. September 1969 kurz vor der Blockstelle Pallaswiese, abweichend bespannt mit einer 50er. [Zum Forumsbeitrag mit Bild].

Michael Fischbach präsentierte innerhalb eines Bilderbogens von Dillenburg nach Darmstadt in Bild 17 vermutlich mit dem Personenzug 3611 (im Winter: 3623) die Rückleistung aus Worms, aufgenommen am 3. September 1969; derzeit sind die Aufnahmen leider nicht sichtbar.

KPM zeigt vier Aufnahmen von Claus Kosanke, die er 1970 am Bahnsteig von Wolfskehlen angefertigt hatte. [Zum Forumsbeitrag mit Bildern].

Das Darmstadt-Buch von Wolfgang Löckel enthält gleich mehrere Bilder: von der Bergschneise (1970), aus Griesheim (etwa 1958) und Wolfskehlen (1968).


Literatur


 
 
 
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