Signal in Griesheim. Formsignal in Griesheim.

Die Riedbahn von Darmstadt nach Goddelau

Krieg und Spiele

Dokumentation

1869 wurde die Riedbahn zwischen Darmstadt und Worms eröffnet. Die heutige Riedbahn mit ihrem Hauptverlauf von Mannheim nach Frankfurt wurde erst zehn Jahre später errichtet. Dokumentiert wird auf meinen Riedbahn-Seiten der Streckenabschnitt zwischen Darmstadt und Goddelau.

Während auf den Schlachtfeldern der Krieg tobt, vergnügt sich das Hinterland im Theater. Die gute Laune darf nicht getrübt werden, und so wird darum gebeten, das lustige Publikum auch wieder nach Hause zu befördern.


Mit Kriegsbeginn im August 1914 wird die Eisenbahn den militärischen Bedürfnissen untergeordnet. Die staatlichen und privaten Bahnen müssen große Teile ihres Fuhrparks zur Verfügung stellen. Der kurz zuvor noch mannigfaltig mit Personen­zügen, Triebwagen, Eil- und Schnellzügen, ja ausgesprochenen Luxuszügen betriebene Eisenbahn­verkehr wird drastisch eingeschrumpft. Die Eisenbahn­direktion Mainz macht aus der Not eine Tugend und stellt einen Takt­fahrplan auf, wobei es die Militärs sind, die den Rahmen abstecken. So fahren die Züge auf der Riedbahn zwischen Frankfurt und Mannheim und zwischen Darmstadt und Worms zunächst in einem Dreistunden­takt rund um die Uhr, kleine Abweichungen und Ergänzungen inbegriffen, bis wieder genügend Lokomotiven und Waggons bereit stehen, um den Betrieb wenigstens ansatzweise wieder auf Vorkriegs­niveau durchführen zu können. Der Takt des Todes spiegelt sich im Takt der Maschinen wider.

Doch der Blitzkrieg im Westen scheitert und wandelt sich zum massen­mörderischen Stellungs­krieg. Der deutsche General­stab transformiert den Stellungs­krieg zur Vernichtungs­schlacht, in der Erwartung, Frankreich ausbluten zu können. Zynisch geht man von einer Verlust­rate von zwei deutschen Soldaten auf fünf französische aus. Der Ort der Handlung: Verdun. [1]

Verdun ist weit entfernt. Darmstadt gibt sich den Anschein der Normalität. Zwar sind Versorgungs­probleme nicht ungewöhnlich, aber irgendwie aufgrund patriotischer Pflicht noch erträglich. Darmstadts Oberbürger­meister Wilhelm Glässing beschwert sich im Frühjahr 1915 über die Fahrplan­gestaltung der Eisenbahn­direktion Mainz auf der Odenwald­bahn, als ein abendlicher Personen­zug in einen Eilzug umgewandelt und hierdurch die Milch­versorgung Darmstadts gefährdet wird.

Landestheater Darmstadt.
Bild 1: Das Landestheater in Darmstadt mit Straßen­bahn­anschluß. Ansichtskarte aus den 1920er Jahren.

Mit Eilzügen ist eine Beförderung der pasteurisierten Milch nicht möglich, weshalb diese in ungeschützten Waggons stundenlang herumsteht, bevor sie von einem Spätzug nach Darmstadt gebracht wird, wo sie wiederum erst am folgenden Morgen verteilt werden kann. So geschieht es, daß die warm gewordene Milch sauer wird, bevor sie Darmstadts Kinder erreicht. Man einigt sich. Der Eilzug bleibt ein Eilzug, aber der Transport nach Darmstadt wird besser organisiert.

Das Leben geht weiter. Jede halbwegs durch­dachte Kriegs­führung weiß, daß die Heimat­front bei Laune gehalten werden muß. Tatsäch­lich häufen sich mit Verlauf des Krieges Unruhen und Streiks. In Darmstadt geht es hingegen gesitteter zu. Man und frau geht ins Theater, genauer: in das Großherzog­liche Hessische Hoftheater am heutigen Karolinenplatz. Das Publikum kommt zu Fuß, mit der Kutsche oder mit der Straßenbahn, für die noch im Spätherbst 1914 ein eigenes Stichgleis gelegt wird, das nördlich des Schlosses von der Straßen­bahn­strecke zur Fasanerie etwa im 45°-Winkel abzweigt und kurz vor dem Theaterbau endet. [2]

Nach Ende der Aufführung wird das geneigte Publikum mit selbiger nach Hause oder zum Haupt­bahnhof gefahren, wo noch einige Züge in die benachbarten Dörfer bereit stehen. Für den Winter­fahrplan 1915/16 hatte sich die Eisenbahn­direktion jedoch eine Veränderung ausgedacht, die so gar nicht mit den belustigenden Bedürfnissen der vom Krieg weitgehend verschonten Spaß­bevölkerung in Einklang zu bringen war. Der Triebwagen 2856, der laut Sommer­fahrplan noch um 23.30 Uhr die Residenz­stadt verließ und um 0.41 Uhr in Worms eintraf, wurde rücksichts­los gestrichen. Statt dessen sollte eine neue Abend­verbindung um 22.10 Uhr Darmstadt in Richtung Ried verlassen, um in Goddelau-Erfelden Anschluß an einen Personen­zug nach Worms zu finden.

Die General­direktion des Groß­herzoglich Hessischen Hof­theaters und der Hofmusik wurde daher am 29. Oktober 1915 beim hessischen Finanz­minister Ernst Braun vorstellig. Dem Finanz­ministerium war das Eisenbahn­wesen unterstellt.

„Ein Zug, der abends 1010 Uhr von hier nach Goddelau-Erfelden zum Weiter­anschluß abgehen würde, hätte für die betreffenden Theater­besucher aus dem Ried wenig Wert, da die meisten größeren Vorstellungen, bei welchen man auf auswärtigen Besuch rechnen kann, erst um oder nach 10 Uhr endigen. Dies trifft namentlich bei den großen Opern und den Sonntags­vorstellungen zu, die den stärksten auswärtigen Besuch aufweisen.

Ein Anschlußzug, der von hier um oder nach 1030 Uhr abends abgehen würde, hätte Wert und könnte bei Fest­setzung der Anfangs­stunde der Vorstellung in Rücksicht gezogen werden.“

Vorangegangen war eine Aktennotiz des Finanz­ministeriums am 22. Oktober:

„Die Eisenbahn­direktion Mainz teilte durch Fern­sprecher mit, daß die Triebwagenfahrt 2856 Darmstadt –Goddelau-Erfelden, ab Darmstadt 1130 an Goddelau-Erfelden 1155 abends, im Winter­fahrplan 1915/16 aus wirtschaftlichen Gründen in Wegfall gekommen sei, weil zu wenig benutzt.

Es sei in Aussicht genommen, ab 15. November d.J. einen Anschlußzug an den Zug 2706 Goddelau-Erfelden – Worms, ab Goddelau-Erfelden 1039 an Worms 1132 abends, von Darmstadt nach Goddelau-Erfelden zu fahren. Ab Darmstadt 1010 an Goddelau-Erfelden 1036 abends.

Ob der Zug eingelegt werde, stehe noch nicht fest.“

Dementsprechend erfolgte ein Mitteilung an die General­direktion des Hoftheaters, daß ein solcher Spätzug nur dann gewährt werden könne, wenn er ständig genutzt werde. Und das sei hier nicht der Fall. Auf das Schreiben vom 29. Oktober hin wurde diese Position nachdrücklich bekräftigt: „Dies kann jedoch in Anbetracht der geringen Benutzung mindestens in der jetzigen Zeit nicht gerechtfertigt werden.“

Da hat der Spaß eben doch ein Ende. Krieg geht vor.

Patriotische Erbauung im Theater

Am 15. August 1914 verkündet die „Darmstädter Zeitung“:

“Auf Befehl seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs wird der Beginn der Spielzeit vorläufig verschoben. Alle weiteren Maßnahmen (Regelung des Abonnements usw.) werden dem Publikum baldmöglichst mitgeteilt.“

Am 5. September 1914 wird im nämlichen Blatte nachfolgender Aufruf, unterzeichnet von 41 Honoratioren bzw. deren Ehefrauen, veröffentlicht. Darunter sind mit den Herren Goebel, Merck, Roeder und Trier auch vier namhafte Darmstädter Industrielle vertreten, die sicherlich ein Interesse daran gehabt haben, daß ihre Angestellten frohgemut ans Werk gehen. Daß der Krieg auch das Geschäft ihrer Firmen fördert, ist in ihren Augen gewiß kein Schaden. Das die Kriegsgewinne erahnende Gemüt mag frohgemut der nächsten Aufführung entgegensehen.

„Unter dem überwältigendem Eindruck der deutschen und österreichischen Siege im Osten und Westen werden überall die Theater wieder eröffnet. Voran gehen die preußischen Hoftheater, die auf ausdrücklichen Wunsch des Kaisers ihren vollen Betrieb wieder aufnehmen werden. Alle anderen Hoftheater, die meisten großen Stadttheater folgen diesem Beispiel.

Auch die Darmstädter Hofbühne darf nicht zurückbleiben. Unser Kunstinstitut wird gerade jetzt mehr denn je seinen edelsten Beruf erfüllen können. Patriotische Werke, die Klassiker, Wagners, Mozarts und Webers Opern werden den Grundstock des Spielplans bilden, und in diesen schweren Zeiten Erhebung und Begeisterung spenden.

So löst unser Hoftheater mit der Wiederaufnahme der Vorstellungen eine hohe künstlerische Augabe. Es erfüllt aber zugleich auch eine im höchsten Maße verantwortungsvolle soziale Pflicht gegenüber der Existenz seiner Mitglieder. Zwar sorgt seine Königliche Hoheit bis zu einem gewissen Grade für die dreihundert Angestellten des Hoftheaters und deren Familien. Aber darüber hinaus ist eine weitgehende Unterstützung durch unser Publikum, starkes Abbonement und lebhafter Theaterbesuch notwendig, um den Mitgliedern einen finanziellen Rückhalt zu geben und die Stetigkeit des Betriebes zu sichern. Gerade wir Darmstädter, die Grund haben, auf unser Hoftheater stolz zu sein, müssen in diesen ernsten Tagen dazu beitragen, unserer Stadt die Segnungen echter deutscher Kunst zu erhalten und gleichzeitig einer hohen sozialen Pflicht zu genügen.

Wir wenden uns an alle unsere Mitbürger im festen Vertrauen auf ihre Kunstbegeisterung und ihr patriotisches Gefühl, und wir hoffen, daß jeder wie bisher das seine zu dem edlen Zweck beiträgt. Vor allem halte, wer sich als Abonnent angemeldet hat, diese Anmeldung aufrecht; wer bisher noch beiseite stand, leiste jetzt dem Aufruf der Generaldirektion Folge.

Das Hoftheater muß nicht nur bedeutende künstlerische Werte, sondern auch große wirtschaftliche Verpflichtungen gegenüber den hunderten von Angestellten wahren. Nur wenn alle unsere Mitbürger unser Kunstinstitut nach Kräften unterstützen, wird das Hoftheater instand gesetzt werden, seine jetzt doppelt wichtige und bedeutungsvolle Aufgabe nach der kulturellen wie nach der sozialen Seite vollauf zu erfüllen.“

Deutsche Truppen standen zwar vor Paris, wie die Zeitung noch am 5. September begeistert schrieb, doch schon tags darauf sahen sie sich einer französischen Gegenoffensive ausgesetzt, die zum hektischen Rückzug zwang. Die achtzehnte Verlustliste, die am 5. September publiziert wurde, war nur eine halbe Spalte lang, aber das sollte sich schon bald ändern. Seitenweise war von Toten und Verwundeten die Rede. Kein Wunder, daß nun eine als Kunstbegeisterung verklärte Ablenkung angesagt war. Am 14. September stellt das Hoftheater seinen neuen Arbeitsplan vor [Digitalisat: cc-BY-NC-SA].

Mitteilung der Darmstädter Zeitung.

Am 10. September 1914 begannen die Lustbarkeiten, wie tags darauf in der „Darmstädter Zeitung“ zu lesen war.

„Nachdem gestern das Hoftheater seine Pforten mit einem Wohltätigkeits-Konzert wieder eröffnet hat, wird es die regelmäßigen Abonnements-Vorstellungen am Geburtstag Ihrer Königlichen Hoheit der Großherzogin, Donnerstag, den 17. September, wieder aufnehmen. Die Festvorstellung bringt auf Allerhöchsten Befehl Kleists vaterländisches Schauspiel ‚Prinz Friedrich von Homburg‘ und fällt dem Donnerstags-Abonnement C zu. Für Freitag, den 18. September, ist als Vorstellung D 1 Beethovens ‚Fidelio‘ angesetzt. Die erste Sonntags-Vorstellung dieser Spielzeit, am 20. September, gehört diesmal ebenfalls der Serie D und bringt Richard Wagners ‚Lohengrin‘ in teilweise neuer Besetzung der Hauptpartien. […]

Die außergewöhnlich starke Nachfrage nach Eintrittskarten zum Patriotischen Konzert im Hoftheater hat die Generaldirektion veranlaßt, eine Wiederholung des Abends für übermorgen Sonntag, halb 8 Uhr, anzusetzen. Es gelten diesmal die Volks­vorstellungs­preise, bei denen bekanntlich der zweite Sperrsitz (13.–19. Reihe), das Parterre und der zweite Rang 1,15 Mark kosten, so daß dem Bedürfnis nach Plätzen in mittlerer Preislage in ausgiebigster Weise Rechnung getragen ist. Nach dem großen Erfolg der [sic!] an erhebenden Eindrücken so reichen gestrigen Abends dürfte es auch diesmal ratsam sein, sich frühzeitig mit Eintrittskarten zu versehen, die schon von heute ab ohne Erhebung einer Vorverkaufs­gebühr an der Tageskasse abgegeben werden; dort sind auch die Texte der zum Vortrag kommenden Gesänge erhältlich.“

Von dem Volk, das für patriotische Gesänge 1,15 Mark hinlegen konnte, dürfte die Arbeiterklasse ausgeschlossen gewesen sein. Zu teuer. Außerdem wußte schon damals jeder klassenbewußte Arbeiter, sofern er nicht an der Marne oder vor Verdun verlutete, daß es ratsam ist, im Krieg auf unnütze Ausgaben zu verzichten. Damit soll hier nicht gesagt werden, daß derlei Kunst unnütz ist. Im Gegenteil – die ideologische Bildung und Verfestigung des Glaubens an die Sinnhaftigkeit der vorherrschenden Zustände ist nicht nur Teil des künstlerischen, hier: patriotischen Programms, sondern sichert zudem die präventive Befriedung künftig murrender Zeitgenossen, wenn die Versorgung mit Lebensmitteln, Brennstoffen und Kleidungsstücken im Krieg nicht mehr so recht funktioniert. Die Frivolität des Vergnügens, während Hunderte von Kilometern entfernt das Grauen den Schützengraben beherrscht, thematisierte Carl Hessemer am 11. September; seine Besprechung erschien tags darauf. Das Kunstverständnis des Redakteurs der „Darmstädter Zeitung“, das sich hier offenbart, bringt die bürgerliche Moral auf ihren abstrakten, um nicht zu sagen: pflichtbewußt bigotten Punkt [Digitalisat: cc-BY-NC-SA].

Besprechung in der Darmstädter Zeitung.

Eine Woche später mahnte selbiger Redakteur die Direktion.

„An der heutigen ersten Opernvorstellung dieser Spielzeit war zuvörderst auffallend der außerordentlich geringe Besuch. Wir wollen darob nicht schelten, noch Klagelieder anstimmen. Es ist eben doch wohl ein Symptom und liegt in der bekannten ‚Natur der Sache‘ begründet – eine Tatsache, der sich die Direktion im Besonderen annehmen sollte. Gegenüber dem erheblich besseren Besuch der ersten Schauspiel-Vorstellung erscheint es mir ein Gradmesser für die Sympathien des Publikums, dem die Unvermittelbarkeit des pathetisch geobenen Wortes doch noch näher liegt und mehr geben mag, als Gesang und Musik – sei es auch die des einzigen Beethoven und seines einzigartigen Liedes auf die alles überwindende Herzenskraft und den unvergleichlich großen Sieg der Gattenliebe. Man muß sich bekanntlich die ganze primitive Unwahrschein­lichkeit des Sujets und die nicht zu verhüllende Unbeholfenheit des Textbuches recht lebhaft vergegen­wärtigen, um tief und dauernd zu erfahren, wie das Genie daraus dennoch die Schicksals­gewalten und Ewigkeitsblicke so ungeheuer eindringlich herauszumeißeln vermochte. […]“

Sprich: der Beethoven war zu feinsinnig für den Zeitgeist. Und ihr als Direktion habt den Ton der vorherrschenden Stimmung nicht getroffen. Doch auch am 26. September muß der Redakteur den weiterhin schlechten Besuch beklagen. Seinen Ausführungen zufolge scheint dieses Problem nicht hausgemacht zu sein, denn im ganzen Reich bleiben die Zuschauerzahlen hinter den Erwartungen zurück. In einer geheimen Sitzung sieht sich daher die Darmstädter Stadtverordneten­versammlung veranlaßt, dem Hoftheater mit einem Darlehen in Höhe von 50.000 Mark beizuspringen. Wenn schon das Publikum sich abwartend verhalte, so dürfe die Stadt derlei im Hinblick auf die Arbeitsplätze nicht tun. Natürlich geht es dem wohlhabenden Bürger nicht um Arbeitsplätze, die zu retten sind, sondern um Arbeitsplätze, die ihm nützlich sind. Hier besteht die Gefahr, daß mangels Besuchfrequenz das Hoftheater seine Tore schließen muß, und das kann der Bürger schon allein aus ideologischen wie auch aus egoistischen Gründen nicht wollen. Das bürgerliche Theater dient der Sinnstiftung, fehlt diese, fehlt auch der Kleister einer morschen bürgerlichen Gesellschaft, wie sie dann auch 1918 und 1933 in zwei Akten in sich zusammenfällt. Wenn schon das Publikum nicht dafür zahlen will, so muß mit Steuergeldern und profitablen Anleihen nachgeholfen werden.

Dabei hat das Ringen um eine gute Nacht­verbindung durchaus eine Vor­geschichte. Schon zwei Jahre zuvor, bei Einführung des Sommer­fahrplans 1913, wurde seitens der Hof­theaters darauf gedrungen, daß das Theater­publikum auch am selben Abend wieder nach Hause gelangen könne. Der Zug 2856 verließ Darmstadt um 22.57 Uhr, und selbst dies gab Anlaß zur Klage. Deshalb war vorgesehen, diesen letzten Zug im Winter­fahrplan 1913/14 zwei Minuten später verkehren zu lassen, mehr sei aufgrund der Verhältnisse auf der über Goddelau verkehrenden Riedbahn-Stamm­strecke von Frankfurt nach Mannheim nicht drin. Der Entwurf für den Sommer­fahrplan 1914 kam dem Theater­wunsch dann entgegen. Vorsichts­halber wurde noch eine ganz wichtige Verbindung aus dem Odenwald [3] hervorgehoben:

„Zur Aufnahme des Anschlusses von dem P[ersonen]­z[ug] 736 von Wiebels­bach und im Interesse der Besucher des Darmstädter Hof­theaters soll der Zug, wie angegeben, später verkehren. Die Zulage entspricht auch den Wünschen der Groß­herzoglich Hessischen Regierung. Der Anschluß an den E[il]z[ug] 194 in Goddelau kann ohne Bedenken aufgegeben werden, weil die Verbindung nach Mannheim von Darmstadt mit dem D Zuge 22 auf der Main-Neckar-Bahn vorhanden ist.“

Leider liegt mir der verabschiedete Sommer­fahrplan für 1914 nicht vor. So muß zunächst offen bleiben, ob die Lobbyarbeit Erfolg gehabt hat. Doch im August 1914 waren derartige Überlegungen ohnehin Makulatur. Da fuhren aus Darmstadt zwischen 20.50 und 2.50 Uhr gar keine Züge ab.

Haus der Geschichte.
Bild 2: Heute wird das ehemalige Theatergebäude als Archiv und für Vorträge genutzt.

Die HEAG hingegen beeilte sich, den Wünschen Ihrer majestätischen Schauspielerei nachzukommen. Sie teilte am 19. Mai 1913 mit: „Wir beziehen uns auf die kürzliche Anfrage wegen Einstellung von Theaterwagen und teilen ergebenst mit, dass wir für den Winterfahrplan 1913/14 einen Wagen bezw. Zug vorgesehen haben, der vom Grossherzoglichen Hoftheater die Strecke direkt nach dem Hauptbahnhof befahren wird.“


Das von Georg Moller konzipierte Hoftheater wurde 1819 eröffnet und sollte mit seinen fast 2.000 Plätzen ein breiteres Publikum ansprechen. Das Interesse des damaligen Groß­herzogs Ludwig I. galt der Oper. Sein Nachfolger Ludwig II. vernachlässigte das Theater, doch mit Ludwig III. zog das Ballett ins Haus ein. Das Darmstädter Hoftheater besaß einen überregional guten Ruf. 1871 brannte das Gebäude bis auf die Außen­mauern ab. Der Wieder­aufbau orientierte sich an den Plänen Mollers, dennoch wurde der Innenraum umgestaltet und bot nun 1.200 Personen Platz. Acht Jahre nach dem Brand neu eröffnet, zog unvermeidlich der Zeitgeist in personam Richard Wagner ein. Die ihm verbundenen „Frühlings­festspiele“ in den Jahren 1913 und 1914 wurden auch über­regional wahrgenommen. Mit der erzwungenen Abdankung des letzten Großherzogs Ernst Ludwig zog nicht nur die Demokratie in Hessen ein, auch das Hoftheater wandelte sich zum Landestheater. Bei einem verheerenden alliierten Bomben­angriff im September 1944 wurde auch das Theater zerstört. Nachdem in den 1970er Jahren der Abriß schon bevorstand, wurde es zwischen 1986 und 1993 mit Ausnahme des Zuschauer­raumes restauriert. Heute dient das Gebäude als Haus der Geschichte dem Hessischen Staatsarchiv, dem Darmstädter Stadtarchiv und anderen Institutionen als Arbeitsraum, Magazin und Vortragssaal.

»»  Schon kurz nach Eröffnung der Riedbahn im April bzw. Juni 1869 waren aus dem Ried Stimmen laut geworden, die einen Spätzug für die Besucherinnen und Besucher des Hoftheaters forderten. Selbiger wurde im Oktober 1869 eingerichtet, mit Beginn des Deutsch-Französischen Krieges im Juli 1870 wieder zurückgenommen und nach Ende des Krieges nicht wieder eingelegt. Siehe hierzu den entsprechenden Abschnitt in der Darstellung zu den Anfängen der Riedbahn.


Literatur

 

ANMERKUNGEN

 

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»» [1]   Jan Philipp Reemtsma : Die Idee des Vernichtungskrieges, in: ders. : Mord am Strand, Seite 285–315 [1998].

»» [2]   Darmstadts Stadtarchivar Peter Engels hingegen schreibt, dieses Gleis sei erst in den 20er Jahren angelegt worden [HEAG-Chronik, Seite 36].

»» [3]   Wie so oft im Leben wird argumentiert, wie man es eben gerade benötigt. Noch am 7. April 1911 hatte der Großherzogliche Regierungsrat Dr. Schneider in einem Bericht zu den Fahrplanwünschen der Einwohnerschaft von Stockstadt am Rhein (im Betreff steht hier falsch: „Stockstadt a/Main“) erklärt: „Der Anschluß von dem Zuge 736 von Wiebelsbach in Darmstadt nach Stockstadt ließe sich nur durch Einlegung eines neuen Zuges schaffen, wozu bei der späteren Lage des Zuges ein Bedürfnis nicht anerkannt werden kann.“


Diese Seite wurde zuletzt am 30. Mai 2015 aktualisiert. Links auf andere Websites bedeuten keine Zustimmung zu den jeweiligen Inhalten, sondern sind rein informativer Natur. ©  Walter Kuhl 2008, 2009, 2015. Die Wiedergabe, auch auszugsweise, ist nur mit dem Einverständnis des Verfassers gestattet.

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