Bahnhof Griesheim. Französische Wache auf dem Griesheimer Bahnhof. Quelle.

Die Riedbahn von Darmstadt nach Goddelau

Die Luftschiffhalle in Weiterstadt

Dokumentation

1869 wurde die Riedbahn zwischen Darmstadt und Worms eröffnet. Die heutige Riedbahn mit ihrem Hauptverlauf von Mannheim nach Frankfurt wurde erst zehn Jahre später errichtet. Dokumentiert wird auf meinen Riedbahn-Seiten der Strecken­abschnitt zwischen Darmstadt und Goddelau.

Zur Vorbereitung des geplanten Angriffskrieges 1914 oder spätestens zu Beginn desselben wurde auf bzw. direkt neben dem Weiterstädter Kavallerie-Exerzierplatz eine riesige Luftschiffhalle errichtet. Diese mußte nach den Bedingungen des Versailler Friedensvertrages 1920 wieder abgerissen werden. Sie war möglicher­weise über einen eigenen Gleisanschluß mit der Riedbahn verbunden.


Dieses Kapitel über die Luftschiffhalle in Weiterstadt ist die Fortsetzung des Kapitels über die Riedbahn im Ersten Weltkrieg: Krieg und Spiele.

Der Aufbau

Über den Anlaß, neben dem Weiterstädter Kavallerie-Exerzierplatz eine Luftschiffhalle errichten zu wollen, läßt sich nur spekulieren. Zum einen wird es sicher so gewesen sein, daß das Militär auf einen Zweifrontenkrieg mit Frankreich und Rußland vorbereitet sein wollte, und Luftschiffe als eine mögliche Kriegswaffe angesehen wurden. Zum anderen ist es bemerkenswert, daß die neu zu errichtende Halle nicht beim Truppen­übungsplatz auf dem Griesheimer Sand geplant wurde, obwohl dort reger Flugverkehr mit den noch recht neuen und noch nicht allzu zuverlässigen Motorflug­zeugen herrschte.

Kartenausschnitt.

Abbildung 1: Ausschnitt einer topografischen Karte von Darmstadt und Umgebung aus den 1920er Jahren, gedruckt in der Lithographisch-geographischen Anstalt von C. Welzbacher in Darmstadt. Die Luftschiffhalle soll, einer Zeichnung im Heft von Postina/Heiss gemäß rechts neben dem von mir eingetragenen roten "x" gestanden haben. Das in südlicher Richtung abzweigende Gleis ist das Werkstättengleis zur Lokomotiv­werkstätte am Dornheimer Weg. Von diesem Gleis zweigte möglicher­weise ein Anschlußgleis zur Lu­ftschiffhalle ab. [1]

Als Standort wurde ein Dreieck ausersehen, das erst mit der Verlegung der Riedbahn im Zuge des Neubaus des Darmstädter Hauptbahnhofes um 1910 herum freigemacht werden konnte. Selbige zweigte in Höhe des Exerzierplatzes zwischen der südlicheren Straße nach Weiterstadt und der nördlicheren nach Gräfenhausen infolge der Neuanlage nach links von der alten Trasse ab und führte in einer langgezogenen Schleife bis zur Blockstelle Bergschneise, wo sie sich mit der Eisenbahnstrecke von Mainz nach Darmstadt vereinigte. An der Bergschneise zweigte wiederum eine zweigleisige Verbindungsstrecke zum Güterbahnhof in Kranichstein ab. Das Gelände der alten Trasse konnte somit neu bebaut werden, was nunmehr auch geschah. Auf einer modernen Karte würde die Luftschiffhalle genau auf der in den 1970er Jahren gebauten vierspurigen Bundesstraße von Darmstadt zur Autobahn etwa zwischen der Einmündung der Arheilger Umgehungsstraße und der Eisenbahnbrücke in Höhe des Fernsehturms zu verorten sein.

Dem Bau des Luftschiffhafens ging der Geländeerwerb voran. Die Verhandlungen zum Erwerb des Waldgeländes mit der Stadt Weiterstadt scheinen nicht zur Zufriedenheit der Beteiligten verlaufen zu sein, so daß das Großherzogliche Kreisamt in Darmstadt im September 1913 der Intendantur des 18. Armeekorps empfohlen hat, einen Antrag auf Enteignung des Geländes zu stellen. Am 13. Februar 1914 empfiehlt das Kreisamt der Gemeinde Weiterstadt, einen Vergleich mit dem Militärfiskus anzustreben, der einen Quadrat­meterpreis zwischen 10 und 50 Pfennigen vorsieht. Wie die Angelegenheit ausgegangen ist, ist der Akte nicht zu entnehmen; es wird wohl zur Enteignung zu einem niedrigeren Preis gekommen sein. Der im Regierungsblatt abgedruckten Verordnung zur Einleitung der Enteignung vom März 1914 sind keine Details zu entnehmen.

Wann genau mit dem Bau der Luftschiffhalle begonnen worden ist, läßt sich nicht mehr feststellen. Der Bau soll fünfzehn Wochen gedauert und eine halbe Million Reichsmark gekostet haben. Einen Hinweis auf den Fortschritt der Arbeiten gibt eine Notiz in der Griesheimer Lokalzeitung vom 17. Oktober 1914:

„Von der Luftschiffhalle auf dem Weiterstädter Exerzierplatz ist am Dienstag [am 13. Oktober, WK] früh ein Schlosser abgestürzt und ist beim Transport nach dem städtischen Hospital gestorben.“ [2]

An anderer Stelle heißt es:

„Ein Teil der Luftschiffe, die am ersten Luftangriff auf Paris beteiligt sind, ist auf dem Truppen­übungsplatz bei Weiterstadt stationiert. Im Herbst 1914 hatte man hier zur Vorbereitung des Kriegseinsatzes der Luftschiffe ‚binnen weniger Wochen‘ eine provisorische Zeppelinhalle errichtet.“ [3]

Eine Bekanntmachung vom Dezember 1914 weist auf einen von der Garnisonsverwaltung geplanten Gleisanschluß hin. Aus dem im Regierungsblatt veröffentlichten Wortlaut geht nicht zwingend die Anbindung des Luftschiffhafens hervor; es ist auch eine Rampe für die Kavallerie des Exerzierplatzes denkbar. Weitere Unterlagen sind mir hierzu nicht bekannt.

Historisches Foto.

Bild 2: Aufnahme vom Bau der Luftschiffhalle auf dem Weiterstädter Exerzierplatz, entnommen dem Denkmal­schutzheft von Eva Reinhold-Postina und Nikolaus Heiss.

Der Einsatz

In den vier Kriegsjahren waren in Weiterstadt nur drei Luftschiffe stationiert. Von Juli bis Oktober 1915 war es die 163,5 m lange LZ 44, von Dezember 1915 bis Mai 1916 die 178,5 m lange LZ 57. Im September und Oktober 1916 war kurzzeitig die ähnlich dimensionierte LZ 67 in Weiterstadt untergebracht. Abgerüstet wurde in Darmstadt im Juli 1917 die LZ 77, als sich das Heer aus der Kriegsführung mit Luftschiffen zurückgezogen hat. Bis zum Kriegsende waren keine weiteren Luftschiffe in Darmstadt/Weiterstadt stationiert. [4]

Einige der Luftschiffe, die am 21. März 1915 Paris bombardierten, sollen in Weiterstadt stationiert gewesen sein. [5]

Ingenieurbauten 1923.

Bild 3: „Luftschiffhalle in Darmstadt, Seibert, Saarbrücken“. Entnommen dem vom Deutschen Bund Heimatschutz 1923 herausgegeben Band „Die Ingenieurbauten in ihrer guten Gesaltung“. Im Begleittext heißt es hierzu auf Seite 25–26: „Zwei derartige ortsfeste Hallen nach eigenen Entwürfen der Firma erbaut 1914/15 für die Luftschiffhäfen Darmstadt und Lahr. Lichte Länge 184 m, l[ichte] Breite 35 m, l[ichte] Höhe 28 m. Die Hallen enthalten alle Einrichtungen für Unterbringen, Füllen und Ausbessern von Luftschiffen. An den Längsseiten feste Anbauten für Mannschaften, Werkzeuge usw. Die Wände aus ½ Stein starkem Mauerwerk in Eisenfachwerk. Das Dach mit 6–7 cm starkem [sic!] Bimsbetonplatten und aufgeklebter doppelter Papplage eingedeckt. Tore an beiden Enden, sowohl elektrisch als auch von Hand bewegbar; mit 6 mm dickem Kunstschiefer (Eternit) verkleidet (12 kg/qm Eigengewicht). Für ausreichende Belichtung und Entlüftung ist gesorgt. Die Laufstege im Hallenfirst und das Dach sind durch besondere Treppen- und Leiteranlagen leicht zugänglich gemacht.“ [6]

Der Abbau

Die französische Besatzungsmacht wird sich 1919 daran gemacht haben, das in der Luftschiffhalle vorhandene Material zu sichten. Zu begehrlich waren die Blicke derer, die keine Gelegenheit ausgelassen haben, herrenlos erscheinendes Gut abzugreifen und zu Geld zu machen. Die wirtschaftliche Not tat ein übriges. Tatsächlich findet sich in den Beständen des Stadtarchivs Weiterstadt eine „Ausrüstungs-Nachweisung des Luftschiffhafens der Stadt Darmstadt“, versehen mit einer französischen Übersetzung auf dem Deckblatt. [7]

Auf der einen Seite erscheint es banal, wenn die genaue Anzahl der vorhandenen Leitern nachgewiesen wird. Daß eine Flagge und eine Signalglocke vorhanden waren, war zu erwarten. Aufgeführt werden aber auch sechs Laufkatzen für die Ausfahrbahn der Halle oder ein Transportdreirad mit Kasten und Gallerie. Sogar eine Bedienungsvorschrift fand sich; angegeben wird aber nicht, wozu sie gehört, möglicherweise zu dem auf der Position zuvor aufgeführten Manometer. Achtzehn Flaschenzüge mit fünfzehn Meter Hub verweisen auf die Dimensionen, die zu bewältigen waren. Und daß sechs Verbandskästen vorhanden waren, war gewiß kein Luxus, sondern notwendig. Allerdings wird nicht erwähnt, inwieweit der Inhalt noch vollständig war. Vermutlich kam es auf den Gebrauchswert nicht an, denn hier liegt eine rein mengenmäßige, geradezu bürokratische Zusammenstellung vor.

Bestand Stadtarchiv Griesheim.

Bild 4: Aufnahme unbekannter Herkunft aus den Beständen des Stadtarchivs Griesheim, em.2007.0773.1.

Unterteilt ist das Ausrüstugsverzeichnis in die Ausrüstung der Halle, die Zimmer-Ausrüstung, Handwerkszeuge und Geräte, Geräte für Windmessungen, Wetterdienst und Astronomie, Handwerkszeuge und Maschinen, Werkzeuge für diverse Gewerke, Geräte für Fotografen, Schreibstuben­utensilien, und zuletzt Maschinen, welche dem Luftschiffhafen leihweise überlassen waren. Auf fünfzehn Seiten sind etwa 450 Positionen notiert. Die Schreibstuben­utensilien bestanden nur noch aus einem Gummistempel und einem Schapirographen (einem Vervielfältigungs­automaten für Spezialpapier und -tinte), während eine Dampflokomobile als im Eigentum der Firma Gebrüder Lutz A.-G. aus Darmstadt aufgeführt wird und eine Straßenwalze für Pferdebetrieb als Eigentum des Pflästermeisters Kaspar Darmstädter aus Darmstadt angegeben ist.

Die Geräte für Windmessungen etc. bestanden aus tausend Meter Telefonkabel mit Trommel und Kurbel, einem einfachen Messer (nicht das Schneidewerkzeug, sondern ein Meßgerät, das nicht näher bezeichnet wird), einer Gleitrolle für Telefonkabel, einer weiteren für Signalballons und sechs anderen. Wesentlich umfangreicher ist das Ausrüstungsverzeichnis für die Fotografen. So gibt es einen Vergrößerungsapparat 12x12 und 16x16 mit einfachen Kassetten. Zudem jede Menge Flaschen, Schalen, Gestelle, Scheiben, Gummifinger und drei Wässerungskästen. Für die Richtigkeit zeichnet der Direktor des Luftschiffhafens Darmstadt Holbein. Die wirklich wertvollen und auch transportablen Gegenstände scheinen schon zuvor entnommen worden zu sein.

Im Herbst 1920 wird damit begonnen, die Luftschiffhalle abzutragen. Deutschlands Fähigkeit, einen Luftkrieg zu führen, soll mit derartigen demilitarisierenden Maßnahmen verunmöglicht werden. Es half nichts. Keine zwanzig Jahre später werden deutsche Bomber halb Europa terrorisieren.

„Die mit einem Kostenaufwand von nahezu zwei Millionen Mark erbaute Luftschiffhalle auf dem Weiterstädter Exerzierplatz wird gegenwärtig abgebrochen. Auch eine Folge des Versailler Friedensvertrages.“ [8]

Wie auch an anderen Orten, wird der Abbruch versteigert. Anschließend scheint das Material gewinnbringend veräußert worden zu sein.

„Die Zeppelinhalle wurde an die Firma Sternfelder in Aschaffenburg verkauft. Die Käuferin hat den Plattenbelag der Halle für 300.000 Mark und das Walzeisen für 30.000 Mark an die Stadt Aschaffenburg weiterverkauft.“ [9]

Luftschiffhalle 1919.

Bild 5: Die Luftschiffhalle, wie sie 1919 ausgesehen haben dürfte. Auf der Rückseite der Fotopostkarte eines unbekannten, wohl professionellen Fotografen ist vermerkt: „Hangar de Zeppelins à 2 Kil de Darmstadt habilement camoufflé, visité le 22 mai 19. Long. 210 m. Larg. 120 haut 43.“ – Eventuell ist es die Gleiskurve der Riedbahn, die im Bildhinter­grund erhöht verläuft. Dann würden wir auf das Südtor schauen. Der Gleisanschluß, wenn es wirklich einen gegeben haben sollte, müßte sich dann am linken Bildrand – abzweigend vom Werkstättengleis – befunden haben. [10]

»»  Eine weitere Aufnahme unbekannter Herkunft ist hier zu finden.

Die Geschichte der Riedbahn wird fortgesetzt mit dem Kapitel zur französischen Besatzungszeit zwischen Ende 1918 und Ende 1922.


Literatur

Anmerkungen

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