Karte zur Riedbahn. Fundstelle Schotterwagen.

Die Riedbahn von Darmstadt nach Goddelau

1977: Schotterwagen donnern nach Griesheim

Dokumentation

1869 wurde die Riedbahn zwischen Darmstadt und Worms eröffnet. Die heutige Riedbahn mit ihrem Hauptverlauf von Mannheim nach Frankfurt wurde erst zehn Jahre später errichtet. Dokumentiert wird auf meinen Riedbahn-Seiten der Streckenabschnitt zwischen Darmstadt und Goddelau.

1977, kurz vor dem Showdown im sogenannten „Deutschen Herbst“, geriet die der Vergessen­heit anheim gegebene Bahnstrecke von Darmstadt nach Griesheim ein vorletztes Mal in die Schlagzeilen. Am Abend des 7. August lösten sich in Messel 21 Schotter­wagen aus einem Zugverband und wurden zur Vermeidung eines Zugunglücks auf das Gütergleis nach Griesheim umgeleitet. Dann gab es einen großen Knall und anschließend viel Presse.

Die Karten geben Bebauung und Straßenführungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts an. Die heutige Trostlosigkeit mancher Bahnhöfe und Gleisanlagen findet sich hingegen nicht hierin wieder.

»»  Ich danke Karl Aßmann, Wilhelm Köhler und Ria Herz dafür, Aufnahmen zu diesem Schotterwagen­unfall für diese Darstellung verwenden zu dürfen. Es sind weitere Bilder der Bergungs­arbeiten vorhanden, die ich hoffentlich eines Tages ergänzen werde.


Karte zu den Schotterwagen.

Abbildung 1: Weg der Schotterwagen von Messel nach Griesheim. Die Straßenübergänge sind mit roten Kreuzen markiert; daneben gab und gibt es noch mehrere Fußgängern und Radfahrerinnen vorbehaltene Überwege.

An einer Gleisbaustelle östlich des Bahnhofs Messel auf der Main-Rhein-Bahn zwischen Darmstadt-Kranichstein und Dieburg lösten sich bei Rangierarbeiten einundzwanzig Güterwagen aus einem rund fünfzig Waggons umfassenden Zugverband. Der „Griesheimer Anzeiger“ schrieb drei Tage [1] nach dem Ereignis:

Ausschnitt aus dem Buchfahrplan.
Abbildung 2: Vorsicht beim Rangieren in Messel!

„Hinter dem Bahnhof Messel waren bei Einbruch der Dunkelheit Gleisarbeiten am Bahnkörper der Strecke Darmstadt – Dieburg aufgenommen worden. Güterwaggons wurden mit Altschotter des Gleisunterbaus beladen. Dabei stand der Lokführer mit dem Rangier­meister am Ende des langen Zuges über Funk in Verbindung. Am vorgesehenen Haltesignal stoppte der Lokführer die Maschine ab; dabei lösten sich 21 Waggons, die versehentlich nicht an die übrigen Wagen angekoppelt waren und rollten zunächst in langsamem Schrittempo davon. Der Rangiermeister sprang ab.“

Ein Blick in den Buchfahrplan vom Sommer 1965 (und an den Gegeben­heiten hatte sich zwölf Jahre später nichts geändert) zeigt, daß auf diesem Strecken­abschnitt besondere Vorsicht beim Rangieren angezeigt war. [2]

Die rund zwölf Meter langen befüllten Güterwagen [3] tuckelten zunächst langsam von dannen, durch das Gefälle in Richtung Kranichstein nahmen sie langsam Fahrt auf. Zunächst wurden die Messeler Bahnhofs­anlagen durchfahren, die damals noch nicht derart trostlos aussahen wie heute, sodann die beiden Straßen von Messel zur damals noch als Mülldeponie gehandelten Grube Messel und von Kranichstein nach Urberach ungesichert überquert, dann noch ein Fußweg über die Bahnstrecke an der Blockstelle Wildpark, bevor die Güterwagen den Rangier­bahnhof Kranichstein erreichten. Dort wäre es vielleicht möglich gewesen, ein Gleis zu finden, auf dem man die Wagen hätte ausrollen oder anstoßen lassen können. Die Wagen rollten jedoch weiter über die Güterbahn nördlich an Darmstadt vorbei und kreuzten drei weitere ungesicherte Bahnüber­gänge, bevor sie den Darmstädter Nord­bahnhof erreichten.

Abzweig Bergschneise.
Bild 3: Das Gleis nach Griesheim am Abzweig Bergschneise.

Inzwischen hatte der umgehend alarmierte Fahrdienst­leiter des Stellwerks am Darmstädter Haupt­bahnhof entschieden, die Güterwagen über die Verbindungsbahn auf das sonntags und nachts nicht befahrene Gleis nach Griesheim umzuleiten, in der Erwartung, die Wagen würden in der ansteigenden Gleiskurve hinter dem Abzweig Bergschneise abgebremst werden und langsam ausrollen. Doch der aus Messel mitgebrachte Schwung reichte aus, den kurzen Anstieg zu überwinden.

Möglicherweise sah der Fahrdienst­leiter auch die Gefahr einer Kollision mit dem Nahverkehrs­zug 5258 nach Wiesbaden, der in Darmstadt um 21.50 Uhr losfahren sollte, so zumindest steht es im „Griesheimer Anzeiger“. Es hätte sicherlich auch andere Möglich­keiten gegeben, die Schotterwagen ausrollen zu lassen, aber jedes Mal wäre der reguläre Bahnbetrieb betroffen gewesen. So über die Verbindungs­kurve vom Nordbahn­hof an der Süd- und West­seite des Chemie- und Pharmakonzerns Merck vorbei nach Arheilgen und weiter in Richtung Frankfurt. Oder über den Darmstädter Hauptbahnhof auf die Main-Neckar-Bahn, um die ansteigende Bergstraße zu nutzen. Bei Groß-Gerau hätte sich vielleicht auch der Abzweig Eichmühle auf die Riedbahn Richtung Mannheim oder Worms angeboten oder die Weiterleitung auf die Güteranlagen bei Mainz-Bischofsheim.

Das Bild zeigt den leichten Anstieg des an der Blockstelle Bergschneise von der Hauptstrecke, der schon erwähnten Verbindungs­bahn, nach links wegführenden Gleises. Dieses dient heute nur noch zur Anlieferung einzelner Kesselwagen in die Dependance eines in Weiterstadt ansässigen Chemiekonzerns. Topografisch weist der anschließende Strecken­abschnitt nach der Querung der Gräfenhäuser Straße ein ausreichendes Gefälle auf, um den Waggons Schwung mit auf den weiteren Weg zu geben. Kein Wunder – die Rheinebene senkt sich zwischen Darmstadt und Grieheim um gut dreißig Meter zum namens­gebenden Fluß ab.

Gerammtes Haus. Schotterwagen.

Bilder 4 und 5 zeigen die Unfallstelle.

Der durch die leichte Steigung nicht wesentlich abgebremste loklose Zug donnerte weiter durch die Nacht, querte die Straße von Darmstadt nach Weiterstadt am ehemaligen Posten 84 und jagte am neuen Bahnüber­gang in Riedbahn einer Autofahrerin einen Riesenschreck ein, als er direkt hinter ihr aus der Dunkelheit hervorbrach. Weiter ging's vorbei an der ehemaligen Blockstelle Pallaswiese zum ebenfalls ungesicherten Bahnüber­gang am Dornheimer Weg, und dann durch den Wald nach Griesheim.

Skurriler Turm.
Bild 6: Ein Turm aus Schotter und Waggons.

Der Prellbock am Ende der Strecke kurz vor der Griesheimer Pfützenstraße erwies sich als kein ausreichendes Hindernis; er wurde glatt zur Seite gefegt. Führungs­los riß der Konvoi eine rund fünfzig bis achtzig Zentimeter tiefe Furche in den Asphalt und rammte nach fünfzig Metern das Wohnhaus des ehemaligen Gaswerks. Der erste Wagen brach teilweise durch die Mauer und steckte im Wohnzimmer fest. Die beiden Bewohnerinnen des Hauses befanden sich glücklicher­weise auf der anderen Seite des Hauses an der Pfützenstraße und konnten sich in Sicherheit bringen. Das Haus selbst war anschließend abbruchreif. Der Sachschaden wurde mit 600.000 DM angegeben, doch der Journalist des „Griesheimer Anzeiger“ schätzte, daß es auch mehr als eine Million DM werden könne:

„Allein 17 Waggons, die ineinander­geschoben und aufgetürmt zu einem Knäuel aus Stahl und Holz verkeilt wurden, werden nicht mehr zu reparieren sein. Ein Haus wurde praktisch zerstört, die Einfriedigungs­mauer [sic!] des Herzschen Anwesens umgelegt, die Straßendecke der Pfützenstraße in voller Breite aufgerissen, die Kanal­entsorgung stark beschädigt und Stromkabel in Mitleiden­schaft gezogen.“

Durch die Wucht des Aufpralls an dem bewohnten Haus türmten sich die 30 bis 40 Tonnen schweren Waggons zum Teil übereinander und verstreuten den Schotter über Straße und Grundstücke. Beteiligt waren Güterwagen der Baureihen Klm 506 und die etwas längeren Klm(r)s 440. [4]

Ineinander verkeilt.
Bild 7: Ineinander verkeilte Güterwagen.

Der Geisterzug war unbeleuchtet über sieben Bahnüber­gänge gefahren, die auf der Übersichts­karte rot markiert sind. Erst in Griesheim konnte die Polizei die Bahnüber­gänge absichern. Erste Schätzungen ergaben, daß der Zug unterwegs mit einer Geschwindig­keit von einhundert Stunden­kilometern unterwegs gewesen sein soll, was jedoch angesichts der angegebenen Fahrzeit von rund 35 Minuten für eine Strecke von rund achtzehn Kilometern eher unwahrschein­lich zu sein scheint. Als Maximal­geschwindig­keit dürfte wohl eher die Hälfte anzunehmen sein. Die zurück gelegte Strecke wird unterschied­lich zwischen 18 und 21 Kilometern angegeben. Die Entfernung vom Bahnhof Messel bis zum Bahnhof Griesheim beträgt 16,4 Kilometer; hinzuzu­rechnen ist die Entfernung zum westlichen Prellbock in Griesheim und zur Baustelle zwischen Messel und Dieburg.

Skurriler Turm.
Bild 8: Angehobener Güterwagen.

Nachdem zunächst die Bundeswehr im benachbarten Darmstadt angefragt worden war, die sich jedoch zur Bergung außer stande sah, halfen Pioniere des US Army am folgenden Tag dabei, mit Kran und Seilwinde das Chaos der ineinander­geschobenen Schotterwagen zu entflechten. Die zertrümmerten Wagen wurden mit dem Schneidbrenner so zugeschnitten, daß sie später mit Güterwaggons vom Ort des Geschehens abtransportiert werden konnten.

Aufräumen.
Bild 9: Aufräumarbeiten.

An der Klärung von Detailfragen zum Unfallgeschehen hat sich das Historische Forum von Drehscheibe Online in einem eigenen Diskussionsfaden beteiligt. Den Mitwirkenden sei an dieser Stelle nochmals gedankt.

Blick Richtung Bahnhof.
Bild 10: Blick von der Unfallstelle Richtung Bahnhof.

Hier sehen wir den Weg, den die Güterwagen nach überfahren des Prellbocks genommen haben. Im Hintergrund oben am rechten Bildrand ist das inzwischen zum Griesheimer Bauhof umfunktionierte ehemalige Bahnhofsgebäude zu erkennen.

65 Jahre zuvor, am 21. April 1912, kam es zu einem ähnlichen Vorfall, als sich einige Güterwagen im Bahnhof Kranichstein selbständig machten. Die „Darmstädter Zeitung“ schrieb tags darauf:

„Bei der Station Kranichstein kamen einige ohne Lokomotive in dem Gleise stehende Wagen ins Rollen und fuhren in den von Kranichstein nach Hammelstrift fahrenden Güterzug. Durch den Zusammenstoß stürzten 7 Wagen um und wurden zum Teil zertrümmert, sodaß der Material­schaden nicht unbeträchtlich ist. Menschen wurden nicht verletzt. Auch eine in einem Viehwagen befindliche Kuh blieb unverletzt. Stark beschädigt wurde ein Wagen mit Maschinenteilen und ein solcher mit Möbeln der Firma Alter, Darmstadt.“

Gleisanlagen Griesheim.

Bild 11: Die Aufräumarbeiten sind im Gange; einzelne Schotterwagen sind zum Abtransport bereitgestellt. Aufnahme: Karl Aßmann.

»»  Super 8-Film von Klaus Massing, unterlegt mit der Mundharmonika­melodie von Ennio Morricone aus „Spiel mir das Lied vom Tod“.

»»  Link zu den Resten der Riedbahn in Griesheim heute.


Zeitungsartikel

Anmerkungen

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