Rangierfahrt auf der Riedbahn.
Die Riedbahn von Darmstadt nach Goddelau
Walter Kuhl
Rangierfahrt auf der Riedbahn.
Rangierfahrt
auf der Riedbahn.
Bahnwärterhaus.
Bahnhaus 78.
Parkanlage.
Grün auf der Trasse.
Dampfstrassenbahn.
Dampfstraßenbahn.
Griesheim Wagenhalle.
Wagenhalle in Griesheim.

Die Riedbahn von Darmstadt nach Goddelau

Schotterwagen donnern nach Griesheim

1977 gab es ein kurioses Unfall­geschehen mit viel Sachschaden

1869 wurde die Riedbahn zwischen Darmstadt und Worms eröffnet. Die heutige Riedbahn mit ihrem Haupt­verlauf von Mannheim nach Frankfurt wurde erst zehn Jahre später errichtet. Dokumentiert wird auf meinen Riedbahn-Seiten vor allem der Strecken­abschnitt zwischen Darmstadt und Goddelau.

1977, kurz vor dem Showdown im sogenannten „Deutschen Herbst“, geriet die der Vergessen­heit anheim gegebene Bahnstrecke von Darmstadt nach Griesheim ein vorletztes Mal in die Schlag­zeilen. Am Abend des 7. August lösten sich in Messel einund­zwanzig Schotter­waggons aus einem Zug­verband, rollten gemütlich gen Darmstadt und wurden zur Ver­meidung eines Zugun­glücks auf das Güter­gleis nach Griesheim umge­leitet. Dann gab es einen großen Knall und anschließend viel Presse.

»»  Die Unfallstelle in Griesheim auf OpenStreetMap.

Ich danke Karl Aßmann, Ria Herz († 2015), Herrn K., Eva Lorenz, Frau M. und dem Stadtarchiv Griesheim dafür, Aufnahmen zu diesem Schotter­wagen­unfall für diese Unterseite meines Riedbahn-Projekts verwenden zu dürfen.


Ein sommerlicher Abend im August

Zur Einstimmung, April 1912

„Bei der Station Kranichstein kamen einige ohne Lokomotive in dem Gleise stehende Wagen ins Rollen und fuhren in den von Kranich­stein nach Hammels­trift fahrenden Güterzug. Durch den Zusammen­stoß stürzten 7 Wagen um und wurden zum Teil zertrümmert, sodaß der Material­schaden nicht unbeträcht­lich ist. Menschen wurden nicht verletzt. Auch eine in einem Viehwagen befindliche Kuh blieb unverletzt. Stark beschädigt wurde ein Wagen mit Maschinen­teilen und ein solcher mit Möbeln von der Firma Alter Darmstadt.“ 

Fünfundsechzig Jahre später lösten sich bei Rangier­arbeiten auf einer Gleis­baustelle östlich des Bahnhofs Messel auf der Main-Rhein-Bahn zwischen Darmstadt-Kranich­stein und Dieburg einund­zwanzig mit Schotter befüllte Güter­waggons aus einem rund fünfzig Waggons umfassenden Zugverband.

Karte zu den Schotterwagen.

Abbildung 1: Der Weg der Schotter­waggons von Messel nach Griesheim. Die Straßen­über­gänge sind mit roten Kreuzen markiert; daneben gab und gibt es noch mehrere Fußgängern und Rad­fahrerinnen vorbe­haltene Überwege.

Der „Griesheimer Anzeiger“ schrieb drei Tage nach dem Ereignis:

„Hinter dem Bahnhof Messel waren bei Einbruch der Dunkelheit Gleis­arbeiten am Bahn­körper der Strecke Darmstadt – Dieburg aufge­nommen worden. Güter­waggons wurden mit Altschotter des Gleis­unterbaus beladen. Dabei stand der Lokführer mit dem Rangier­meister am Ende des langen Zuges über Funk in Verbindung. Am vorge­sehenen Halte­signal stoppte der Lokführer die Maschine ab; dabei lösten sich 21 Waggons, die versehent­lich nicht an die übrigen Wagen ange­koppelt waren und rollten zunächst in langsamem Schrittempo davon. Der Rangier­meister sprang ab.“ 

Ausschnitt aus dem Buchfahrplan.
Abbildung 2: Vorsicht beim Rangieren in Messel!

Ein Blick in den Buchfahr­plan vom Sommer 1965 (und an den Gegeben­heiten hatte sich zwölf Jahre später nichts geändert) zeigt, daß auf diesem Strecken­abschnitt besondere Vorsicht beim Rangieren angezeigt war. 

Die rund zwölf Meter langen befüllten Güterwagen  tuckelten zunächst langsam von dannen, durch das Gefälle in Richtung Kranich­stein nahmen sie langsam Fahrt auf. Zunächst wurden die Messeler Bahnhofs­anlagen durch­fahren, sodann die beiden Straßen von Messel zur damals noch als Müll­deponie gehandelten Grube Messel und von Kranich­stein nach Urberach ungesichert überquert, bevor die Güterwagen den Rangier­bahnhof Kranich­stein erreichten. Dort wäre es vielleicht möglich gewesen, ein Gleis zu finden, auf dem man die Wagen hätte ausrollen oder anstoßen lassen können. Die Wagen rollten jedoch weiter über die Güterbahn nördlich an Darmstadt vorbei und kreuzten drei weitere ungesicherte Bahnüber­gänge, bevor sie den Darmstädter Nord­bahnhof erreichten.

Inzwischen hatte der umgehend alarmierte Fahrdienst­leiter des Stellwerks am Darm­städter Haupt­bahnhof ent­schieden, die Güterwagen über die Verbindungs­bahn auf das sonntags und nachts nicht befahrene Gleis nach Griesheim umzu­leiten, in der Erwartung, die Wagen würden in der ansteigenden Gleiskurve hinter dem Abzweig Berg­schneise aus­reichend abge­bremst werden und langsam ausrollen. Doch der aus Messel mitge­brachte Schwung reichte aus, den kurzen Anstieg zu überwinden.

Abzweig Bergschneise.

Bild 3: Das nach Griesheim ansteigende Gleis am Abzweig Bergschneise. Aufnahme vom Mai 2008.

Möglicher­weise sah der Fahrdienst­leiter auch die Gefahr einer Kollision mit dem Nahverkehrs­zug 5258 nach Wiesbaden, der in Darmstadt um 21.50 Uhr losfahren sollte, so zumindest steht es im Griesheimer Anzeiger. Es hätte sicherlich auch andere Möglich­keiten gegeben, die Schotter­wagen ausrollen zu lassen, aber jedes Mal wäre der reguläre Bahn­betrieb betroffen gewesen. So etwa über die Verbindungs­kurve vom Nordbahn­hof an der Süd- und West­seite des Chemie- und Pharma­konzerns Merck vorbei nach Arheilgen und weiter in Richtung Frankfurt. Oder über den Darm­städter Haupt­bahnhof auf die Main-Neckar-Bahn, um die ansteigende Berg­straße zu nutzen. Bei Groß-Gerau hätte sich vielleicht auch der Abzweig Eichmühle auf die Riedbahn Richtung Mannheim oder Worms angeboten oder die Weiter­leitung auf die Güter­anlagen bei Mainz-Bischofs­heim. Da schien der Weg nach Griesheim eleganter zu sein..

Tatsächlich steigt das Gleis nach der Bergschneise zunächst recht deutlich an. Doch dann weist der anschließende Strecken­abschnitt nach der Querung der Gräfen­häuser Straße ein ziemliches Gefälle auf, welches den Waggons gehörigen Schwung mit auf den weiteren Weg gab. Die Bergschneise liegt etwa dreißig Meter höher als Griesheim.

Schotterwaggons am Haus.
Verkeilte Schotterwaggons.

Bilder 4 und 5: Endstation Wohnhaus und ineinander verkeilt. Aufnahmen von Herrn K.

Schotterwaggons im eigenen Garten.

Bild 6: Altmetall und Steine frei Haus geliefert. Aufnahme: Ria Herz.

Aufräumen.
Bergung mit Kran.

Bilder 7 und 8: Beim Aufräumen. Aufnahmen von Herrn K.

Der durch die leichte Steigung nicht wesentlich abgebremste loklose Zug donnerte weiter durch die Nacht, querte die Straße von Darmstadt nach Weiter­stadt am ehemaligen Posten 84 und jagte an einem weiteren Bahn­übergang im Ortsteil Riedbahn einer Auto­fahrerin einen Riesen­schrecken ein, als er direkt hinter ihr aus der Dunkel­heit hervor­brach. Weiter ging's vorbei an der ehemaligen Blockstelle Pallaswiese zum ebenfalls ungesicherten Bahn­über­gang am Dornheimer Weg, und dann durch den Wald nach Griesheim.

Verkeilte Schotterwaggons.

Bild 9: Großes Durch­einander. Aufnahme von Frau M., Sammlung Eva Lorenz.

Verkeilte Schotterwaggons.

Bild 10: Manche dieser ineinander verkeilten Waggons erhoben sich zu einer skurrilen Skulptur. Aufnahme von Herrn K.

Aufgebäumter Schotterwaggon.
Die Furche im Asphalt.

Bilder 11 und 12: Die „Skulptur“ (ĺinks). Schau­lustige betrachten die von den Schotter­waggons durch den Asphalt gezogene Furche (rechts). Aufnahmen eines (mir) unbe­kannten Fotografen aus dem Stadt­archiv Griesheim und von Frau M., Sammlung Eva Lorenz.

Der Prellbock am Streckenende kurz vor der Griesheimer Pfützen­straße erwies sich als kein aus­reichendes Hindernis; er wurde glatt zur Seite gefegt. Ohne Führung durch die Schienen riß der Konvoi eine rund fünfzig bis achtzig Zentimeter tiefe Furche in den Asphalt und rammte nach fünfzig Metern das Wohnhaus des ehemaligen Gaswerks. Der erste Wagen brach teilweise durch die Mauer und steckte im Wohnzimmer fest. Die beiden Bewohne­rinnen des Hauses befanden sich glücklicher­weise auf der Rückseite und konnten sich in Sicherheit bringen. Das Haus selbst war anschlie­ßend abbruch­reif. Der Sach­schaden wurde mit 600.000 DM angegeben, doch der Journalist des „Griesheimer Anzeiger“ schätzte, daß es auch mehr als eine Million DM werden könne:

„Allein 17 Waggons, die ineinander­geschoben und auf­getürmt zu einem Knäuel aus Stahl und Holz verkeilt wurden, werden nicht mehr zu reparieren sein. Ein Haus wurde praktisch zerstört, die Einfriedigungs­mauer des Herzschen Anwesens umgelegt, die Straßen­decke der Pfützen­straße in voller Breite aufgerissen, die Kanal­entsorgung stark beschädigt und Stromkabel in Mitleiden­schaft gezogen.“

Durch die Wucht des Aufpralls an dem bewohnten Haus türmten sich die 30 bis 40 Tonnen schweren Waggons zum Teil über­einander und verstreuten den Schotter über Straße und Grundstücke. 

Pfützenstraße.

Bild 13: Schadens­besichtigung auf der Pfützen­straße. Aufnahme von Herrn K.

Auf dem Bahnhofsgelände.

Bild 14: Die drei letzten Waggons blieben in der Spur und werden von einem Ordnungs­hüter bewacht. Aufnahme von Frau M., Sammlung Eva Lorenz.

Der Geisterzug war unbeleuchtet über sieben Bahnüber­gänge gefahren, die auf der Über­sichts­karte rot markiert sind. Erst in Griesheim konnte die Polizei die Bahnüber­gänge absichern. Erste Schät­zungen ergaben, daß der Zug mit einer Geschwindig­keit von ein­hundert Stunden­kilometern unterwegs gewesen sein soll, was jedoch angesichts der ange­gebenen Fahrzeit von rund 35 Minuten für eine Strecke von rund achtzehn Kilometern eher unwahr­schein­lich zu sein scheint. Als Maximal­geschwindig­keit dürfte wohl eher die Hälfte anzu­nehmen sein. Die zurück gelegte Strecke wird unter­schied­lich mit 18 und 21 Kilo­metern ange­geben. Die Entfernung vom Bahnhof Messel bis zum Bahnhof Griesheim beträgt 16,4 Kilometer; hinzuzu­rechnen ist die Entfernung zum westlichen Prellbock in Griesheim und zur Baustelle zwischen Messel und Dieburg.

Bergungsarbeiten.

Bild 15: Der verstreute Schotter wird eingesammelt. Aufnahme von Herrn K.

Nachdem zunächst die Bundeswehr im benachbarten Darmstadt angefragt worden war, die sich jedoch zur Bergung außer stande sah, halfen Pioniere des US Army am folgenden Tag dabei, mit Kran und Seilwinde das Chaos der ineinander­geschobenen Schotter­waggons zu entflechten. Die zer­trümmerten Wagen wurden mit dem Schneid­brenner so zuge­schnitten, daß sie später mit Güter­waggons vom Ort des Geschehens abtrans­portiert werden konnten. 

Gleisanlagen Griesheim.

Bild 16: Die Aufräum­arbeiten sind im Gange; mehrere Waggons stehen zum Abtrans­port bereit. Aufnahme: Karl Aßmann.

Anmerkungen

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  1. Vom Tage, in: Darmstädter Zeitung, 22. April 1912 [online ulb darmstadt].   
  2. Der Griesheimer Anzeiger erschien nicht täglich, sondern in der Regel mittwochs und samstags. Daher erschien der Bericht erst drei Tage nach der Geisterfahrt.   
  3. Ein Scan der Buchfahrplan­seite sähe natürlich besser aus, aber hierfür hätte der Buchrücken extrem gedehnt werden müssen. Da erschien ein Foto einfacher, zumal es denselben Zweck erfüllt.   
  4. Die Wagen hatten eine Länge zwischen 12,0 und 12,8 Metern.   
  5. Beteiligt waren Güter­wagen der Baureihen Klm 506 und die etwas längeren Klm(r)s 440. Informationen zu den hier beteiligten Güter­wagen finden sich auf Step's Waggon Archiv, dort hier und hier.   
  6. An der Klärung von Detail­fragen zum Unfall­geschehen hat sich das Historische Forum von Drehscheibe Online in einem eigenen Diskussionsfaden beteiligt.