Signal in Griesheim. Formsignal in Griesheim.

Die Riedbahn von Darmstadt nach Goddelau

Ein Auffahrunfall in Gernsheim

Dokumentation

1869 wurde die Riedbahn zwischen Darmstadt und Worms eröffnet. Die heutige Riedbahn mit ihrem Hauptverlauf von Mannheim nach Frankfurt wurde erst zehn Jahre später errichtet. Dokumentiert wird auf meinen Riedbahn-Seiten der Streckenabschnitt zwischen Darmstadt und Goddelau.

Am 1. Dezember 1893 fuhr ein aus Mannheim kommender Schnellzug auf einen in Gernsheim wartenden Güterzug auf. Neben organisatorischen Mängeln wird hier eine Überforderung der Bahnbediensteten deutlich. Menschen kamen an diesem nebligen Morgen nicht zu Schaden.


Die Specialdirection der Hessische Ludwigsbahn hatte dem Großherzoglichen Regierungs-Commissär monatlich einen Bericht mitsamt Statistik über die Unfälle auf den Gleisen und Bahnhöfen abzuliefern. Neben Arbeitsunfällen werden hier betriebsbedingte Vorkommnisse, Unfälle an Bahnübergängen, aber auch Zugunglücke aufgeführt. In den Jahren 1893 bis 1896 gab es auf der Riedbahn zwei größere Vorkommnisse. Während am 1. Dezember 1893 vor der Station Gernsheim ein von Süden kommender Schnellzug auf einen im Bahnhof stehenden Güterzug auffuhr, bei der ein Zugführer leicht verletzt wurde, fuhr am 9. März 1895 in Biblis ein Personenzug seitlich in einen wartenden Güterzug. Es entstand hierbei einiger Sachschaden, jedoch ernsthaft verletzt wurde keine und niemand.

Wie bei dem anderthalb Jahre später in Biblis zu vermeldenden Unfall war auch an diesem nebligen Morgen der Güterzug No. 571 beteiligt. Den Hergang können wir einem Bericht der Specialdirection der Hessischen Ludwigsbahn an den Regierungs-Commissär entnehmen:

Stationsgebäude Gernsheim.
Das Stationsgebäude des Bahnhofs Gernsheim heute.

„Am 1. Dezember v[ergangenen] J[ahre]s Vormittags 810 Uhr ist der Schnellzug No. 155 vor der Station Gernsheim auf den am Fahrgleise dieses Zuges stehenden Güterzug No. 571 aufgefahren.

Es wurde keine Person getötet. Auch ist außer einer ganz unbedeutenden Verletzung des Zugführers E. von einer Beschädigung von Reisenden oder Bediensteten nichts bekannt geworden. Der g[enannte] E. hat den Dienst nicht verlassen.

Die Wagen des Zuges No. 155 wurden nicht beschädigt. Dagegen erlitt die Maschine dieses Zuges sowie eine größere Anzahl Güterwagen des Zuges No. 571 Beschädigungen. Sechs Wagen wurden erheblich und neun Wagen unerheblich beschädigt.

Die Beschädigungen der Gleise waren ganz unbedeutend.

In Folge des Zusammenstoßes waren beide Fahrgleise gesperrt. Gegen 2 Uhr Nachmittags waren indessen beide Hauptgleise wieder fahrbar.

Bei den Zügen No. 158, 155, 157, 161 und 160 mußte umgestiegen werden.

Ausgefallen sind die Züge No. 202 von Gernsheim bis Biblis, No. 205 von Biblis bis Goddelau-Erfelden, No. 206 von Goddelau-Erfelden bis Worms Hafen, 592, 582/583 zwischen Waldhof und Lampertheim, 594 und 593.

Die Züge 157 und 161 wurden ab Gernsheim vereinigt gefahren.

Bis zur Endstation entstand eine Verspätung von 79 Minuten bei Zug No. 158, 57 Minuten bei Zug No. 160, 13 Minuten bei Zug No. 164, 13 Minuten bei Zug No. 166, 75 Minuten bei Zug No. 208, 262 Minuten bei Zug No. 562, 150 Minuten bei Zug No. 570, 72 Minuten bei Zug No. 578, 100 Minuten bei Zug No. 586, 75 Minuten bei Zug No. 586a, 293 Minuten bei Zug No. 590, 154 Minuten bei Zug No. 596, 55 Minuten bei Zug No. 598, 97 Minuten bei Zug No. 155 Frankfurt, 118 Minuten bei Zug No. 155 Mainz, 49 Minuten bei Zug No. 157 Frankfurt, 27 Minuten bei Zug No. 163, 60 Minuten bei Zug No. 191a, 58 Minuten bei Zug No. 205, 30 Minuten bei Zug No. 207, 82 Minuten bei Zug No. 209, 32 Minuten bei Zug No. 227, 153 Minuten bei Zug No. 561, 52 Minuten bei Zug No. 571, 47 Minuten bei Zug No. 863, 46 Minuten bei Zug No. 157 Mainz, sowie 64 Minuten bei Zug No. 595.

Zur Zeit des Unfalls war leichter Nebel. Von Groß-Rohrheim hatte Zug No. 155 eine Kurve zu passiren, von deren Ende 855 m entfernt der Schluß des Zuges No. 571 sich befand. Dieser Schluß stand zwischen Vorsignal und Einfahrtsignal, 105 m vom Vorsignal, 295 m vom Einfahrtsignal entfernt. 260 m vor dem Vorsignal gegen Groß-Rohrheim zu stand Hülfswärter B. am Uebergang No. 44. Der g[enannte] B. erklärte, dem Zuge No. 155 Signal mit der Flagge gegeben zu haben.

Am Uebergang No. 45 am Südende der Station Gernsheim stand Hülfswärter G., welcher auch das Einfahrtsignal zu bedienen hatte. Befragt, warum er entgegen § 71 Absatz 3 der Fahrdienstvorschriften das Einfahrtsignal auf Halt gestellt habe, ehe der Zug das Einfahrtsignal vollständig passiert hatte, beruft such der g[enannte] G. auf die Bestimmungen der alten Signalordnung, wonach die Wärter der Abschlußtelegraphen sich stets nach der Stellung der Perrontelegraphen zu richten hatten. Letzterer sei auf Halt gestellt worden, als Zug No. 571 zum Stehen gekommen sei. [1]

An fraglichem Tag hatte Stationsdiener Sch. Frühdienst. Ab 735 Uhr hatte Stationsverwalter M. und [schwer lesbare Berufsbezeichung] I. gleichfalls in Dienst zu gehen. Der g[enannte] M. will bereits kurz nach 7 Uhr zum Dienst gekommen sein und den g[enannten] Sch. beauftragt haben, die Züge abzufertigen, da er selbst sich zum Rangiren begebe. Der g[enannte] Sch. gesteht auch zu, den nach 735 Uhr zunächst fälligen Zug No. 864 abgefertigt zu haben, bestreitet jedoch, von dem g[enannten] M. beauftragt worden zu sein, die Züge abzufertigen. Der g[enannte] Sch. will sich ebenso wie der g[enannte] M. am Rangiren betheiligt haben. Der g[enannte] I. nahm Zug No. 155 von Groß-Rohrheim an, ohne ausdrücklichen Auftrag hierzu zu haben. Nach § 65 der Fahrdienstvorschriften war I. hierzu nicht berechtigt. Es kann ihn nicht entlasten, wenn er behauptet, der g[enannte] M. habe ihn schon vor längerer Zeit allgemein ermächtigt, Züge anzunehmen. Der g[enannte] M. will diese Ermächtigung nur im einzelnen Fall gegeben haben.

Der g[enannte] M. hat es jedenfalls insofern an der erforderlichen Umsicht fehlen lassen, als derselbe die frühere Räumung des Fahrgleises für den fälligen Zug No. 155 veranlassen mußte.

Dem Locomotivpersonal des Zuges No. 155 kann ein Verschulden nicht nachgewiesen werden.

Gerichtliche Untersuchung ist im Gange.“

Aus dieser Mitteilung läßt sich die Wahrheit nur erahnen. Zum einen werden hier Kommunikations­mängel deutlich, zum anderen versuchten die Bediensteten, die Verantwortung für diesen Auffahrunfall weiterzugeben. Der eine war beim Rangieren, der andere hatte schon immer so gehandelt. Einmal abgesehen von der persönlichen Mitverantwortung wäre eher danach zu fragen, wie sich der normale Arbeitsablauf sowohl im Hinblick auf die Fahrdienst­ordnung als auch zur Vereinfachung des Betriebsablaufs diese unterlaufend gestaltet haben mag.

Die aufgelisteten Verspätungen betreffen Schnellzüge, Personenzüge und Güterzüge. Bei den 150er und 160er Zugnummern handelt es sich um Züge auf der Riedbahn zwischen Frankfurt bzw. Mainz und Mannheim. Bei den 200er Zugnummern handelt es sich um Züge auf der Riedbahn zwischen Darmstadt und Worms. Bei den 500er und 800er Zugnummern handelt es sich um Güterzüge. Zug No. 227 verkehrte am späten Nachmittag von Worms nach Bensheim. Die Auswirkungen dieses Unfalls waren demnach den ganzen Tag über zu spüren.


Literatur

Anmerkungen

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