Rangierfahrt auf der Riedbahn.
Die Riedbahn von Darmstadt nach Goddelau
Walter Kuhl
Rangierfahrt auf der Riedbahn.
Auf der Riedbahn.
Bahnhof Dieburg.
Bahnhof Dieburg.
Güterzug.
Übergabe OTLG Dieburg.
Bahnwärterhaus.
Bahnwärterhaus
bei Dieburg.
OTLG Dieburg.
Abholung OTLG Dieburg.

Die Riedbahn von Darmstadt nach Goddelau

Das Industriestammgleis in Dieburg

Ein halbes Jahr­hundert Güter­verkehr

1869 wurde die Riedbahn zwischen Darmstadt und Worms eröffnet. Die heutige Riedbahn mit ihrem Haupt­verlauf von Mannheim nach Frankfurt wurde erst zehn Jahre später errichtet. Dokumentiert wird auf meinen Riedbahn-Seiten vor allem der Strecken­abschnitt zwischen Darmstadt und Goddelau.

1858 eröffnete die Hessische Ludwigsbahn ihre zweite Stamm­strecke von Gustavs­burg gegenüber von Mainz über Darmstadt nach Aschaffen­burg. Die Strecke wurde in den folgenden Jahr­zehnten ausgebaut und durch allerlei Verbindungs- und Anschliß­gleise ergänzt. Strecken wurden zugeführt und auch wieder still­gelegt. 1896 wurde die Strecke von Offenbach über Ober-Roden und Dieburg nach Reinheim eröffnet. 1965 wurde der Personen­verkehr zwischen Dieburg und Reinheim still­gelegt, nachdem man erfolgreich einen Bus-Parallel­verkehr eingerichtet hatte, der zum Stillegungs­programm der Bundes­bahn gehörte. Zwei Jahre später wurden die Glesie bis Groß-Zimmern heraus­gerupft. 2020 ließen der RMV und interessierte Kommunen eine Über­legung prüfen, die S-Bahn von Dietzen­bach mit einer Neubau­strecke nach Ober-Roden zu verlängern und von dort weiter nach Dieburg, eventuell sogar bis Darmstadt zu führen. Ein solches Vorhaben würde wohl erst frühestens Mitte der 2030er Jahre realisierbar sein.

1972 legte die Stadt Dieburg ein Industrie­stammgleis zur Ansiedlung von Gewerbe an. Von mehreren Anschließern blieb ein halbes Jahr­hundert später nur noch die Volkswagen OTLG (Original Teile Logistik) übrig.

Ich danke Andreas Kohlbauer, dem Stadtarchiv Dieburg und dem Eisenbahn­museum Darmstadt-Kranich­stein für ihre Unter­stützung zu dieser Unterseite.

Auftakt

Am 22. Oktober 1972 stand eine kleine Diesel­lokomotive (212 057) am späten Vormittag mit vier Wagen am Bahn­steig 4/5 des Dieburger Bahnhofs. Lokale und nicht ganz so lokale Honoratioren hatten sich getroffen, um das neue Industrie­stamm­gleis einzuweihen. Man erhoffte sich eine bessere verkehrliche Anbindung und Neuan­siedlung von Gewerbe. Doch die nahe Bundes­straße 45 und die autobahn­mäßig ausgebaute Schnell­straße von Darmstadt über Dieburg nach Hanau erwies sich als zu stark. Im ersten Betriebs­jahr vom 1. November 1972 bis zum 31. Oktober 1973 wurden 333 Waggons auf dem Gleis verschoben. Den größten Anteil hatte die Audi NSU Auto Union A.G. mit 284 Waggons, gefolgt von der Firma Holz-Hof mit 42 Waggons und den Firmen Senge mit 6 und Hydotherm mit nur einem einzigen Waggon . Ein halbes Jahr­hundert und die eine oder andere Umstruktu­rierung später benutzt die VW-Tochter OTLG das Stammgleis ganz alleine für sich für die Vertriebs­logistik des Konzerns. An Werktagen wird in der Regel einmal täglich ein Transport vom und zum Darm­städter Güter­bahnhof durch­geführt.

Eröffnungszug.

Bild 1: Der Eröffnungs­zug ist einge­troffen. Quelle: Stadt­archiv Dieburg.

Eröffnungsrede.

Bild 2: Honoratioren unter sich. Die obligatorische Rede. Wer hat die Frau in diese Männer­clique einge­schmuggelt? Quelle: Stadt­archiv Dieburg.

Abfahrt.

Bild 3: Abfahrt!

Gleisplan von 1978.

Abbildung 4: Das Industrie­stammgleis auf einem Lageplan von 1978. Auffällig ist der noch voll­kommen anders gestaltete Gleis­anschluß ins NSU/Audi-Werk. Quelle: Stadt­archiv Dieburg.

Der alte Anschluß.

Bild 5: Die Überreste dieses älteren Anschlusses waren im September 2013 noch zu sehen.

Die Ladestelle des Holzhofs befand sich links vor der Über­querung der Lager­straße. Die Ladestelle für Hydrotherm (und vielleicht auch Senge) befand sich an dem ersten halbwegs geraden Stück linksseitig der Lager­straße. Beide sind auf dem Plan von 1978 eingetragen.

1980 wurde das Audi NSU Vertriebs­zentrum Rhein/Main durch eine weitere Lagerhalle ergänzt. Zunächst wurde, wie der nach­folgende Plan nahelegt, der alte Anschluß beibehalten. Nach 1982 gab als weitere Anschließer die Firmen Holzhof (Nutzlänge 47 Meter), Reutlinger (Nutzlänge 14 Meter) sowie Engelbert Rüth (Textil). Wo sich letzterer Anschluß befunden hat, ist heute nicht einfach zu rekonstruieren.

„Der Anschluß Rüth zweigt in südlicher Richtung an der Weiche 6 (vor der Ladestelle Holzhof) in die Lagerhalle der Firma ab. Die Nutzlänge des Gleises (von der schlüssel­abhängigen Gleis­sperre VI ab gemessen) beträgt 55 m; hiervon entfallen auf den Bereich innerhalb der Halle 12 m.“ 

Dieser Anschluß muß sich am Anfang des Stamm­gleises im Bereich der Kreuzung Industrie­straße und Lager­straße befunden haben. 


Gleisplan von 1980.

Abbildung 6: Lageplan zur Anlage eines zweiten Anschluß­gleises für das Audi NSU Vertriebs­zentrum von 1980 mit Gleis­kreuzung für beide Anschlüsse. Quelle: Stadt­archiv Dieburg.

Begehung

Die folgenden Aufnahmen entstanden bei ver­schiedenen Gelegen­heiten zwischen 2013 und 2015. Mir ist es nur einmal gelungen, einen Güterzug auf dem Stamm­gleis abzulichten.

Einfahrt von der Hauptstrecke.

Bild 7: Einfahrt von der Haupt­strecke von Darm­stadt nach Aschaffen­burg. Die asphaltierte Fläche müßte die Lades­telle des Holzhofs gewesen sein.

Diesellokomotive.

Bild 8: Im Mai 2015 erschien aus Darmstadt 294 818, um bei der OTLG etwa zehn Güter­waggons abzuholen, die zurück zu VW nach Baunatal gehen sollten.

Lagerstraße.

Bild 9: Das Stammgleis kreuzt die Lagerstraße.

Stammgleis.

Bild 10: Dieselbe Situation aus der Gegen­richtung. Die asphaltierte Zufahrt nebst dem anlie­genden Rasen­stück müßte die andere Ladestelle gewesen sein. Aufnahme: Andreas Kohlbauer, November 2015.

Übergang.

Bild 11: Ein Weg kreuzt das Stammgleis. Hinter der kleinen Biegung …

Ausweiche.

Bild 12: … wurde eine etwa 300 Meter lange Ausweiche eingebaut. Da sich jedoch nie zwei Güterzüge begegnet sind, wird diese Ausweiche allenfalls zum Umsetzen der Lokomotive genutzt.

Ausweiche.

Bild 13: Die Ausweich­strecke endet kurz vor dem Anschluß der OTLG.

Rangieren auf dem Stammgleis.

Bild 14: Lok 294 818 hat einige Waggons aus der Halle geholt und rangiert sie nun rückwärts zu eingen schon außerhalb stehenden.

Lok in der Halle.

Bild 15: Zuvor stand die Lokomotive in der Halle, und zwar so, daß ihr Diesel­gestank nach außen entlüftet wurde.

Prellbock des Gleisanschlusses.

Bild 16: Das Gleis durchquert die Halle und endet rückseitig an einem Prellbock. Auch die Lkws werden hier be- oder entladen.

Ende des Stammgleises.

Bild 17: Auf etwa der gleichen Höhe endet heute auch das Industrie­stammgleis. Als es angelegt wurde, führte es noch unter der Schnell­straße hindurch in das dortige Gewerbe­gebiet. Als sich dort auch nach Jahr­zehnten kein Anschließer fand, wurde es um 2010 (?) zurückgebaut.

Erneuerung

2015/16 erweiterte die OTLG ihre Nieder­lassung um eine weitere große Halle. Etwa gleichzeitig wurden im Auftrag der Stadt Dieburg Teile des Stamm­gleises für etwa 600.000 Euro erneuert. Das Land Hessen steuerte aus einem Förder­programm für Industrie­gleis­anschlüsse 280.000 Euro bei. Wir können das auch so sehen: die hungernden Aktionäre des VW-Konzerns werden mit unseren Steuer­geldern gefüttert. Zahlen darüber, ob diese Kosten über Trassen- und ähnliche Gebühren zumindest lang­fristig wieder eingespielt werden, liegen mir nicht vor. Im Haushalts­plan 2022 wurden 62.000 Euro an Erträgen angesetzt, denen außer Abschreibungen auch jährliche laufende Personal- und Sach­kosten sowie interne Verrechnungs­kosten gegenüber­stehen. 

Bauarbeiten Stammgleis Dieburg.

Bild 18: An der Ausweiche werden die Holzschwellen gegen Beton­schwellen ausge­tauscht. Dahinter wird an der neuen Halle gearbeitet. Aufnahme: Andreas Kohlbauer, November 2015.

Bauarbeiten Stammgleis Dieburg.

Bild 19: An der Gleis­kurve zur Haupt­strecke waren diese fünf fleißigen Jungs beschäftigt. Aufnahme: Andreas Kohlbauer, November 2015.

Ein Vorläufer: Burger Eisenwerke

1937/38 errichtete die von den Burger Eisen­werken über­nommene Dieburger Tonwaren-Fabrik (DIETO) eine Produktions­stätte aus mehreren Hallen neben der Eisenbahn­strecke von Dieburg nach Offenbach. Vermutlich wurde sie zeit­gleich mit einem Anschluß­gleis versehen. Ende der 1950er Jahre gelangten die Burger Eisenwerke zum Flick-Konzern. Der Betrieb in Dieburg wurde 1987/88 dicht­gemacht. Während das Anschluß­gleis längst verschwunden ist, werden die denkmal­geschützten Hallen vom städtischen Bauhof genutzt. 

Das Anschluß­gleis hatte eine Länge von etwa 160 Metern. 1964 wurde der Anschluß vom Bahnhof Dieburg aus per Rangier­fahrt bedient. Das Rangier­personal und die Rangier­lokomotive kamen aus den Zügen Üb 15058 bzw. 15059 (Bahnhof Darm­stadt bzw. Betriebs­werk Kranich­stein) und Ng 8243 bzw. 8246 und 8247 (Bahnhof Offen­bach bzw. Betriebs­werk Hanau). 

Lageplan.

Abbildung 20: Plan des Anschluß­gleises der Burger Eisenwerke in Dieburg von 1964. Quelle: Archiv des Eisenbahn­museums Darmstadt-Kranichstein.

Am Kilometer 30,0.

Bild 21: Beim Kilometer 30,0 zweigte am rechten Bildrand das Anschluß­gleis ab. Aufnahme vom April 2015.

Bauhof Dieburg.

Bild 22: Der Bauhof in Dieburg im März 2023. Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: cc-by-sa 4.0-deed.

Anmerkungen

Am Ende der angeklickten und eingefärbten Anmerkung geht es mit dem Return ( ⏎ ) zum Text zurück.

  1. Magistrats­sitzung 38/1973 vom 19. November 1973.   
  2. Aus einer Bedienungs­anweisung unbekannten Datums, welche die vorherige von 1982 abgelöst hat.   
  3. Leider habe ich bei meinen mehrmaligen Besuchen keine Aufnahmen dieses Bereiches angefertigt. Damals wußte ich noch nicht von anderen Anschließern.   
  4. 280.000 Euro für kommunales Industrie­stammgleis Dieburg, Presse­mitteilung des Hessischen Wirtschafts­ministeriums vom 23. Oktober 2015. Wenn ich den Haushalts­plan 2022 richtig verstehe, ergab die Prüfung der Verwendung der Förder­mittel, daß Dieburg dem Land rund 70.000 Euro zurück­zahlen muß.   
  5. Siehe den Eintrag auf der Webseite Kulturdenk­mäler in Hessen. Zu den Burger Eisenwerken siehe den Artikel auf der Webseite Industrie­geschichte Mittel­hessen.   
  6. Bedienungs­anweisung vom 10. April 1964.