Der Bahnhof von Seitschen.
Der Bahnhof.
Ein Schuppen am Bahnhof von Seitschen.
Ein Schuppen.
Die Bahnhofsrestauration.
Die Bahnhofsrestauration.
Bewegung im Bahnhof.
Auf der Durchreise.
Alte Ansicht.
Wie es einmal war.

Der Bahnhof in Seitschen.

1846 eröff­nete die Säch­sisch-Schlesi­sche Eisen­bahn­gesell­schaft die Station Seitschen (sorbisch: Žičeń) an der Strecke von Dresden nach Gör­litz. 160 Jahre später ver­ließ der letzte Fahr­dienst­leiter das Stations­ge­bäude, einige Jahre später wurde es auf einer Auktion in Dresden ver­steigert.

Die Beeteinfassung der Bahnhofsrestauration

Marginalia zwischen Archäologie und Kunstgeschichte

Schon in den 1850er Jahren wurde auf einem Nachbar­grundstück des Bahnhofs ein großzügiges Restaurations­gebäude betrieben. Es beherbergte seit 1858 auch die Post und verfügte über eine Garten­wirtschaft. Neben einer der Granitmauern legte frau oder man ein Beet an, das mit einer speziell angefertigten Keramik abgegrenzt wurde. Beim Entwurzeln des jahrzehnte­lang verwilderten Grundstücks entdeckte ich diese Keramik wieder. Die meisten Exemplare waren zerbrochen, aber einige wenige waren noch relativ gut erhalten. Mit Erlaubnis der Grundstücks­eigentümerin habe ich sie ausgegraben und zeige sie hier.

»»  Siehe auch: Ansichtskartenmotive des Bahnhofs und seiner Umgebung.

Bahnhofsszene.

Abbildung 1: Bahnhofsszene in Seitschen auf einer Ende 1903 gelaufenen nachkolorierten Ansichtskarte, Verlag Deubner und Schulze, Bautzen.

1903 besaß Seitschen noch einen Bahnübergang über die zweigleisige Strecke, neben der ein Gütergleis verlief. Die Rangier­arbeiten müssen derart langwierig und störend gewesen sein, daß sich die Anlieger und Fuhr­unternehmer über die lange geschlossenen Schranken beschwerten. Deshalb wurde in den Folgejahren eine Umgehungs­straße gebaut, der Bahnübergang geschlossen und eine Fußgänger­unterführung eingerichtet. Die Arbeiten hieran wurden 1914 beendet.

Das Restaurations­gebäude selbst stammt wohl aus den 1850er Jahren. Zu diesem Zeitpunkt scheint es noch keine Wartehalle für die wenigen Reisenden gegeben zu haben. Daß Seitschen schon mit Eröffnung der Strecke eine eigene Station erhalten hat, dürfte eher mit dem Abtransport landwirt­schaftlicher Erzeugnisse zusammenhängen. Schon im September 1846 soll J. C. Wobst eine Kalk-Niederlage eingerichtet haben. Die wenig später gebaute Restauration dürfte das erste steinerne Gebäude auf dem Sandhügel oberhalb von Groß- und Klein­seitschen gewesen sein. Vielleicht wird es schon bald Ausflugs­verkehr aus Dresden, Bautzen und Görlitz gegeben haben. Neben der hierüber betriebenen Bahnexpedition wurde 1858 eine Poststelle eingerichtet.

Der damalige Postvorsteher Mietsch schrieb anlälich des 75-jährigen Bestehens der Postanstalt Seitschen 1933:

„Das Tax-Regulativ vom Jahre 1841 enthält noch folgende Bestimmungen über die Postversorgung des Landes: 1. Die Briefe werden von den Land­briefträgern den in die Stadt kommenden Landleuten zur Besorgung übergeben. 2. Die Briefe werden durch eigene Boten der Orts­bewohner von der Post zur Besorgung abgeholt. 3.  Die Briefe werden durch angestellte Landboten bestellt. 4. In allen anderen Fällen werden die Briefe von 8 zu 8 Tagen durch expresse Boten nach dem Lande befördert. Der Botenlohn wird auf die Sendungen verteilt.

Hier in Seitschen trat vor 75 Jahren, am 1. Februar 1858, eine bedeutende Besserung ein. An diesem Tage wurde an dem an der Sächs.-Schles. Staats­eisenbahn gelegenen Haltepunkt Seitschen bei Budissin eine Post­expedition eröffnet. Zum Vorstand ist der Besitzer der Eisenbahn­restauration, Johann Ernst Krahl, ernannt worden. Die Postexpedition hatte bei den Zügen 6 Uhr früh aus Dresden und 6 Uhr früh aus Görlitz Briefe und Fahrpost­gegenstände, bei den Zügen 11½ Uhr vormittags und 4½ Uhr nachmittags aus Dresden nur Briefe auf das fahrende Postamt Dresden–Görlitz abzusenden und von ihm zu empfangen. Den Landbestell­bezirk bildeten die Orte Birkau, Alt- und Neubloaschütz, Bolbritz, Brösang, Carlsdorf, Coblenz, Cossern, Dahren, Dobranitz, Döberkitz, Döbschke, Drauschkowitz, Klein- und Ober­förstchen, Gaußig mit Kleingaußig, Gnaschwitz, Göda, Golenz, Günthersdorf, Jannowitz, Katschwitz, Rothnaußlitz mit Vogelgesang, Weißnaußlitz, Medewitz, Nedaschütz, Pietschwitz, Kleinpraga, Preske, Buscheritz, Puschermühle, Groß- und Klein­seitschen, Semmichau, Siebitz, Spittwitz mit Scala, Schwarzwasser und Neuspittwitz, Techritz und Zockau.

(Im Orte Göda ist am 16. April 1883 eine Postagentur eingerichtet worden.)

Vorsteher der Postanstalt Seitschen waren: Krahl, Ruick, Dienal, Oeser, Kröner, Gattermann, Pohle, Thiele, Lange und seit 1. Oktober 1900 Mietsch.

Das Postlokal befand sich von 1858 bis 1866 in der Bahnhofs­restauration, 1866 bis 1883 im Rittergut Großseitschen, 1883 bis 31. März 1895 in der Bahnhofs­restauration und seit dem 1. April 1895 im jetzigen Postgebäude.“ [1]

Eine erste Wartehalle entstand 1872 als Vorläufer des bald darauf errichteten Empfangs­gebäudes; möglicher­weise handelt es sich hierbei um den noch erhaltenen, wenn auch umgebauten Schuppen einige Meter westlich des Bahnhofes.

Das Restaurations­gebäude konnte von der Straße her seitlich über eine Treppe erreicht werden oder vom Bahnhofs­vorplatz aus über eine von zwei Seiten begehbare Treppe. Diese muß noch vor dem Ersten Weltkrieg umgebaut worden sein. Überhaupt standen 1899/1900 einige größere Umbauten am Bahnhofs­gebäude an. [2]

Restaurationsgebäude.

Bild 2: Mehr als einhundert Jahre später verfällt das einst stattliche Gebäude vor sich hin. Oberhalb der Granitmauer befindet sich das Beet. Aufnahme vom Februar 2019.

Jahrzehntelang diente das Gebäude als Poststelle, Kneipe, Versammlungsort, Ausflugslokal und Herberge. Mitte der 1980er Jahre konnte der damalige schon recht betagte Wirt die Gaststätte nicht länger betreiben; und mit der Eingemeindung der DDR in das Hoheitsgebiet des ehemaligen Klassenfeindes wurden auch die Übernachtungs­plätze für das einstmals reichliche Reichsbahn­personal entbehrlich. Das Grundstück samt Gebäude verschwand mit der Bahnreform von 1994 im undurchdringlichen Dickicht des Aktien­gesellschafts-Konglomerats; welche Abteilung der Deutschen Bahn AG hierfür heute zuständig ist, dürfte nur Eingeweihten bekannt sein. Irgendwie gelang es der Deutschen Bahn, das Gebäude dem Denkmal­schutz zu entziehen. Anders als das liebevoll restaurierte Postgebäude der Jahrhundert­wende [3] und das mehrfach umgestaltete Bahnhofs­gebäude wird ausgerechnet das erste Haus am Ort mit weitreichender, auch kultur­geschichtlicher Bedeutung nicht auf der Liste der Kultur­denkmäler des Freistaates Sachsen geführt [4]. Folglich wacht kein Denkmalschutz darüber, daß die ehemalige Bahnhofs­restauration zumindest vor dem Verfall bewahrt wird.

Gerüchten zufolge sollte das Grunstück vorgehalten werden, um im Falle einer irgendwann einmal kommenden Elektrifizierung der Eisenbahn­strecke von Dresden nach Görlitz einem Umspannwerk Platz zu bieten. Ein internes Gutachten der Deutschen Bahn AG empfiehlt aufgrund der Schäden an Dach und Dachgeschoß einen Gebäude­rückbau. Daher stand im Spätsommer 2019 das Gebäude mitsamt Grundstück zum Verkauf. Die Gemeinde Göda bekundet Interesse an dem Grundstück; sie möchte dort einen Parkplatz für Pendlerinnen und Pendler errichten. Ob sie dafür auch das Gebäude abreißen lassen muß, ist angesichts des dokumentierten Verfalls nicht auszuschließen; auch wenn das Grundstücks­gelände daneben für den angedachten Zweck ausreichen sollte. Wundern sollten wir uns jedoch nicht, wenn ein architektonisches Denkmal aus der Zeit des Eisenbahnbaus irgendwann einmal der Spitzhacke zum Opfer fällt. Kulturbarbarei hautnah erlebt. [5]

Beeteinfassung.

Bild 3: Erstaunlich intakt präsentieren sich diese fünf Beeteinfassungs­keramiken bei der Freilegung des von Gestrüpp überwucherten ehemaligen dekorativen Beetes der Gartenwirtschaft. Die hier sichtbaren Scherben lagen schon etwa an dieser Stelle zerdeppert im Erdreich.

Seit Mitte der 1980er, spätestens Beginn der 1990er Jahre ist das Gelände sich selbst überlassen. Das allgegenwärtige Unkraut kleinerer Robinien­bäumchen hat sein Wurzelwerk unterirdisch angelegt. Im Juli 2014 mußte die Freiwillige Feuerwehr anrücken, um zwei kleine Linden zu zersägen, die auf den Bahnhofs­vorplatz gefallen waren bzw. zu fallen drohten [6]. An der Seitentreppe mußte schon vorher ein Baum gefällt werden, der die Granitmauer zu sprengen drohte; neben dem Baum wurde gleich auch das Mauerwerk an dieser Stelle entsorgt. Das wohl schon Ende des 19. Jahrhunderts angelegte Beet blieb erstaunlicher­weise erhalten, auch wenn sich dort Pflanzen niedergelassen hatten, die da nicht hingehörten. Es müssen einstmals rund fünfzig Beetbegrenzungen aus Keramik eingesetzt worden sein. Knapp ein Dutzend hiervon ließen sich mit minimalen Beschädigungen aus dem Erdreich holen, von weiteren Exemplaren sind nur noch mehr oder weniger große Scherben vorhanden.

Beeteinfassung.

Bild 4: Zwei dieser Keramiken in der Vorderansicht.

Beeteinfassung.

Bild 5: Dieselben beiden Keramiken in der Rückenansicht. Gut zu erkennen ist die leichte Krümmung.

Derartige Beeteinfassungs­keramiken scheinen von mehreren Ziegeleien gegen Ende des 19. Jahrhundert hergestellt worden zu sein. H. Liebelt schreibt hierzu in der Tonindustrie-Zeitung 1929:

„Die einfacheren Formen kann sich jeder einigermaßen geschickte Ziegler, der auf der Fachschule etwas modellieren und formen gelernt hat, selbst anfertigen. Das notwendige Handwerk­zeug zur Bearbeitung des bildsamen Tones besteht aus einer Anzahl Modellier­hölzern, einigen Pinseln und einem Schwamm. Das Modell wird in Ton geformt und dann in Gips abgegossen, damit erhält man das Negativ in Gips. Die Gipsform wird vorsichtig abgenommen, von anhängenden Tonrück­ständen gesäubert, und man ist in der Lage, mit ihr eine große Anzahl von Beeteinfassungs­steinen in Ton abformen zu können. Wenn es sich um schwierigere Modelle handelt, auch solche mit Unterschneidungen, tut man besser, die Hilfe eines Formgießers auf kurze Zeit in Anspruch zu nehmen. Anfänglich lassen die Formlinge mitunter schwer von der Gipsform los; man hilft sich dann dadurch, daß man die frisch­getrocknete Form mit weichem Tonschlicker bewirft und den Schlicker in der Form ansteifen läßt. Nachdem man den Schlicker entfernt hat, geht das Einformen ohne Schwierigkeiten vor sich. Die Einfassungsziegel werden gerade und gebogen hergestellt; die Durchbiegung wird so erreicht, daß der gerade geformte Einfassungs­stein auf gebogene Trocken­rähmchen gelegt wird. Er nimmt ohne weiteres die Form an, die ihm durch das gerundete Trocken­brettchen vorgeschrieben wird.“ [7]

Bodenfliese.

Bild 6: Inmitten des vom Gestrüpp durchsetzen Erdreichs fand sich diese Bodenfliese.

Die Scherben einer Bodenfliese lagen derart unmotiviert im Erdreich, daß ich annehme, sie entstammen dem Restaurations­gebäude. Da selbiges aus gutem Grund unzugänglich verbarrikadiert ist – das Dach ist undicht und damit sind Feuchteschäden aller Art zu gewärtigen –, kann ich hier nur eine Vermutung anstellen. Leider fehlt ein weiteres Stück dieser Fliese, die sich ansonsten wohl recht paßgenau wieder zusammen­flicken ließe. Ähnliche Exemplare habe ich in den Bahnhofs­unterführungen von Horka und Hoyerswerda entdeckt. Der Herstellungs­zeitraum muß erst einmal unbestimmt bleiben.

Bodenfliese.

Bild 7: Bahnhofsunterführung von Horka.