Der Bahnhof von Seitschen.
Der Bahnhof.
Ein Schuppen am Bahnhof von Seitschen.
Ein Schuppen.
Die Bahnhofsrestauration.
Die Bahnhofsrestauration.
Bewegung im Bahnhof.
Auf der Durchreise.
Alte Ansicht.
Wie es einmal war.

Der Bahnhof in Seitschen.

1846 eröff­nete die Säch­sisch-Schlesi­sche Eisen­bahn­gesell­schaft die Station Seitschen (sorbisch: Žičeń) an der Strecke von Dresden nach Gör­litz. 160 Jahre später ver­ließ der letzte Fahr­dienst­leiter das Stations­ge­bäude, einige Jahre später wurde es auf einer Auktion in Dresden ver­steigert.

Was 2022 so alles geschieht

Eine subjektive Bestandsaufnahme

Das von den Verkehrsverbünden VVO und ZVON betriebene Ostsachsen­netz II war auch 2022 in ständiger Bewegung. Davon handelt diese Seite. Und sonst: es fahren natürlich auch Züge, die ab und an auf meiner Sichtungsseite verewigt werden.

Diese Seite wird nach und nach ergänzt werden.

»»  Fortsetzung von: Was 2021 so alles geschah.

Vorbemerkung: Ich betreibe hier kein Bahn-Bashing. Ich betrachte auch nicht die Deutsche Bahn als meinen Feind. Im Gegenteil. Ich bin ein Befürworter einer integrierten Verkehrs­unternehmung in öffentlicher Hand, bei dem alle Eisenbahn­leistungen zusammen­geführt sind. Allerdings in der Hand ausge­wiesener Expertinnen und, so es sie gibt, Experten. Und nicht in der Hand von Parteien und Verkehrs­ministern, die von der Automobil­industrie und deren Derivaten (auch in der Luft) ausgehalten werden, mit dem Auftrag, die Bahn a) an die Börse zu bringen und b) in die Bedeutungs­losigkeit zu führen.

Es ist klar, daß auch ein fähiges, den Reisenden und einem sinnvollen Güter­transport verpflichtetes Management Jahrzehnte benötigen würde, um die Schäden, die mit der Bahnreform angerichtet wurden, zu beseitigen. Arno Luik hat in seinem Buch „Schaden in der Oberleitung“ optimistisch drei Jahrzehnte hierfür veranschlagt. Um einem weit verbreiteten Mißver­ständnis zu begegnen: das Top­management der Deutschen Bahn verdient seine Boni. Es erbringt die erwünschte Leistung. Es ist sozusagen Schmerzens­geld, gezahlt für die Schmerzen, die es uns zufügt. Und es geht so weiter. Nach Stuttgart 21 werden München und Frankfurt untertunnelt. Weitere Hoch­geschwindig­keits­strecken werden aus einem absurden Deutschland-Takt-Entwurf hergeleitet. Anstatt in Zukunft entspannt reisen zu können, wird weiter auf Kante genäht. Jeder Tunnel, jedes über­dimsionierte Über­werfungs­bauwerk ist gut fürs Geschäft. Die Betonmafia braucht weitere Aufträge. Und Beton, das wissen wir alle, ist ökologisch betrachtet ein Klimakiller der Extraklasse, etwa zu vergleichen mit der kriegs­tauglich aufzu­rüstenden Bundeswehr.

Das erste Quartal

Abgesehen von einzelnen Zugausfällen verkehrten die Desiros und Regioshuttles der Länderbahn im ersten Monat nach dem Fahrplan­wechsel am 12. Dezember 2021 weitgehend nach den vorgegebenen Fahrplänen. Es stehen genügend Triebwagen zur Verfügung, was die bisherige Enge in einzelnen Schülerinnen- und Pendlerzügen relativiert. Ich weiß allerdings nicht, wie voll die Züge zwischen Radeberg und Dresden sind; vor Corona herrschte dort zu bestimmten Tageszeiten ein erhebliches Gedränge. Nunmehr besteht die Trilex-Fahrzeug­flotte aus 28 Desiros und noch einigen Regio­shuttles. Letztere verkehren nur selten und, falls Fotografen nach ihnen Ausschau halten wollen, nach keinem festen Laufplan. Nach dem 4. April kamen sie ohnehin nur noch sporadisch vorbei, am 31. August und 2. September etwa. Äußerlich passen die beiden neu hinzu­gekommenen Desiros noch nicht zum Trilex-Farbkonzept, doch wurden ihnen die Aufkleber der Mittel­deutschen Regiobahn, woher sie gekommen waren, unverzüglich abgenommen. Triebwagen 642 346 darf nicht mehr die „Rose von Sebnitz“ an der Außenhaut mit sich herumtragen, während der Schriftzug „Bierstadt Radeberg“ weiterhin an 642 343 prangt. Das liegt gewiß nicht an einer besonderen sächsischen Affinität zum Alkohol­konsum, sondern daran, daß Sebnitz nicht auf der Route der Trilex-Züge liegt. Ganz bestimmt. [1]

Desiro.

Bild 1: 642 343 am 21. Januar auf dem Weg zur Bierstadt Radeberg.

Die Länderbahn hat aus dem Fahrzeug­pool der ehemaligen Städtebahn weitere Desiros entnommen, die sie nunmehr auf ihrer neuen Linie in Tschechien einsetzt. Das hat gewisse Synergie­effekte, denn nun können Fahrzeuge zwischen den verschiedenen Linien nach Belieben ausgetauscht werden. So verwundert es nicht, wenn in Tschechien auch einmal ein für die Ober­lausitz modernisierter Desiro nach Mladá Boleslav unterwegs ist. [2]

Mitte Februar schauten vom Atlantik aus mehrere Sturmtiefs namens Xandra, Ylenia und Zeynep auch in der Oberlausitz vorbei. Wie jedes Jahr gab es diesmal Mitte Februar an mehreren Tagen Fahrten mit verminderter Geschwindig­keit und längere Betriebs­pausen. Da sich gerne einmal kleinere Äste oder größere Bäumchen auf die Schienen verirren, muß die Deutsche Bahn die Strecken abfahren, bevor der reguläre Zugverkehr wieder aufgenommen werden kann. Ludmillas mit den bis zu Beginn dieses Jahr­tausends üblichen Reisezug­wagen hätten damit weniger ein Problem, aber die heute allgegen­wärtigen Plastik­schachteln reagieren bei kleineren Hindernissen auf den Gleisen empfindlich. Auch die Fahrgästinnen­information zeigte sich überfordert und behauptete, es kämen Züge, die überhaupt nicht unterwegs waren. Gerade in Ausnahme­situationen endet der gute Rat, sich tages­aktuell im Internet zu informieren, in noch mehr Konfusion. Den Informations­fluß scheint die Länder­bahn dann nicht mehr auf die Reihe zu bekommen. Die eingesetzte künstliche Intelligenz ist über­fordert und Menschen, die per Hand und Zuruf das Informations­system hätten pflegen können, wurden, da zu teuer, weggespart. Eine Schön­wetterbahn also. Anfang März scheint das Informations­tool des Trilex optisch und inhaltlich überarbeitet worden zu sein; so daß wir mal hoffen wollen, daß beim nächsten Sturm die angezeigten Informationen auch stimmen mögen. Ich glaube jedoch nicht daran.

Aus Gründen, die ich nicht beurteilen kann, war dies jedenfalls in der Nacht vom 29. auf den 30. März nicht der Fall. Nachdem ich von der letzten Regionalbahn, die Seitschen um 0:23 Uhr zu durchqueren hat, nichts gehört hatte, schaute ich in der Trilex-Auskunft nach. Demnach war der Zug ganz zuverlässig und pünktlich an mir vorbei­gefahren und schon in Bautzen angekommen. Erst später fiel dem Tool auf, daß da etwas nicht stimmen kann. Ab Demitz-Thumitz wurden auf einmal satte 49 Minuten Verspätung angezeigt. Und siehe da, um 1:11 Uhr rauschte die Regionalbahn heran. Drei Minuten später erschien auf dem „falschen Gleis“ quasi parallel ein gelbes Baufahrzeug, das für die anstehenden Weichen­auswechslungen in Bautzen benötigt wurde.

Ein Sturm ganz anderer Art zerlegte am Samstag­abend des 19. März den Fahrrad­unterstand neben dem Bahnsteig nach Bautzen. Ein ponischer Lastwagen­fahrer, der mit seinem Gefährt tagsüber an der Rampe zu den Bahnsteigen geparkt hatte, kroch mit seinem Fahrzeug den Abhang hinab und wollte offen­sichtlich dort, wo tagsüber die Pendlerinnen und Pendler ihre Autos abstellen, wenden. Beim Rückwärts­fahren krachte sein Laster an den Unterstand, der laut scheppernd in sich zusammen­fiel. Dies schien den Fahrer nicht zu irritieren, denn er fuhr langsam wieder den Berg hinauf, um alsbald in Richtung Gaußig zu verschwinden. Die Bundespolizei erschien alsbald und schaute sich das Malheur an. Der polnische Lastwagen­fahrer gelangte noch bis zum knapp zwei Kilometer entfernten Ortseingang von Gaußig. Dort stellte er den Motor ab und schlief am Lenkrad ein, wo ihn eine Polizei­streife antraf. Laut Meldung der Bundespolizei hatte er einen nicht unerheblichen Alkoholpegel vorzuweisen.

Fahrrad Unterstand.

Bild 2: Der Fahrrad­unterstand am Tag darauf.

Am Dienstag wurde die Unfallstelle mit Flatterband abgesichert. Ob und wann der Unterstand wiederher­gerichtet wird, steht in den Sternen. Nur optimistische Prognosen gehen davon aus, daß dies noch in diesem Jahr geschieht. Die Versicherung des Unfall­fahrers wird hier auch noch ein Wörtchen mitzu­sprechen haben.

Am 24. Februar marschierten russische Truppen an der nordöstlichen und östlichen Grenze der Ukraine in das Nachbar­land ein. Im Laufe der folgenden Wochen versuchten Hundert­tausende, vor allem Frauen und Kinder, das Land zu verlassen. Als der Flüchtlings­strom durch Polen die deutsche Grenze erreichte, wurden an mehreren Stellen Sonderzüge organisiert, so auch ab Görlitz. Die Flüchtlinge sollten in eine schnell hochgezogene Sammel­unterkunft auf dem Leipziger Messe­gelände gefahren werden. Vom 14. bis zum 26. März managte die Länderbahn die Weiterreise von Görlitz nach Leipzig, teilweise mit zwei Zügen täglich. Zunächst kamen drei Desiro-Triebwagen des Trilex zum Einsatz, ab dem 18. März zwei gelbe Talent-Triebwagen (Baureihe 643) der ebenfalls zum Netinera-Konzern gehörenden Priegnitzer Eisenbahn. Pro Zug konnten etwa 600 Menschen mitfahren, aber in der Nacht vom 22. auf den 23, März kam mir der eine hell erleuchtete Talent nach Leipzig ziemlich leer vor. Die Nachtfahrten wurden als erste eingestellt.

Drei Desiros.

Bild 3: Die drei Desiros 642 318, 642 343 und 642 301 am Nachmittag des 17. März auf der Rückfahrt von Leipzig nach Görlitz.

Zwei Talente.

Bild 4: Am Vormittag des 20. März waren zwei Talente auf dem Weg nach Leipzig.

Das zweite Quartal

Wie in so ziemlich jedem Jahr schaffte es die Deutsche Bahn auch dieses Jahr wieder, den Schienen­verkehr einzustellen. Irgendwelche notwendigen Bauarbeiten lassen sich immer finden; und ja, vermutlich sind sie auch notwendig. Was früher einmal unter dem rollenden Rad möglich war, geht heute nur noch über Strecken­sperrungen und Schienen­ersatzverkehr. Das erste Mal, das dies im Großeinsatz umgesetzt wurde, war bei der Ertüchtigung der Strecke von Hamm nach Kassel. Damit auch schnellere Intercitys dort entlang­brausen konnten, wurde der Abschnitt zwischen Soest und Paderborn zwischen Mai 1993 und Mai 1994 ein Jahr lang komplett gesperrt. Intercitys fuhren anschließend lange Zeit keine auf dieser Strecke. Im Sommer 2022 sind es immerhin schon vier unregelmäßig über den Tag verteilte Schnellzüge. Sie fahren von Köln über Kassel nach München (ICE, zurück nach Solingen), von Köln nach Gera (zurück nach Düsseldorf), von Hamm nach Leipzig und von Köln nach Erfurt. Auf den 132 Kilometern von Hamm nach Warburg fährt der ICE dann auch dreizehn Minuten schneller als die voraus­eilende Bummelbahn. Wahrlich ein Fortschritt!

Und nun die Vorwarnung: ab etwa 2028 (gut, das ist noch lange bis dahin) ist angedacht, den Strecken­abschnitt zwischen Dresden-Klotzsche und Bischofs­werda zu elektrifizieren. Und ratet mal, was dann passieren wird …

Ende März begann die Deutsche Bahn damit, in Bautzen Weichen auszutauschen. Das verlängerte Wochenende von Donnerstag­abend, 31. März, bis Montagfrüh, 4. April, wurde an der westlichen Ausfahrt gewerkelt, weshalb der Strecken­abschnitt zwischen Löbau und Bautzen gesperrt war. Fahr­gästinnen und Fahrgäste wurden auf den ungeliebten rumpelnden Schienen­ersatz­verkehr verwiesen. Dasselbe Schicksal ereilte diejenigen, die vom 21. April spätabends bis zum 25. April früh­morgens zwischen Bautzen und Bischofs­werda unterwegs sein mußten, da auch an der östlichen Ausfahrt gebaut wurde. Damit es den Reisenden nicht langweilig wurde, war an einigen Tagen im April auch zwischen Zittau und Ebersbach und zwischen Wilthen und Bischofswerda eine längere Wegezeit einzuplanen.

Die Erfahrung lehrt, daß in solchen Zeiträumen auch die Schienen­fahrpläme nur theoretischer Natur sind; so etwas wie unverbindliche Richtwerte.

Ausfälle

Wir alle kennen das. Es knackst im Lautsprecher und eine freundliche Blechstimme hebt an mit den Worten: „Information zu …“, gefolgt von einer Zugnummer oder Linien­bezeichnung. Wir ahnen schon, daß unser Tagesablauf auf die Probe gestellt wird. Wenn wir Glück haben, dann hat die Bahn nur fünf Minuten Verspätung. Mit etwas weniger Glück erwischt uns das Personal­management des jeweiligen Verkehrs­unternehmens. Das Problem ist hausgemacht. Lange Zeit wurde die Ausbildung neuer Fach­kräfte verweigert, denn man hoffte, die Deutsche Bahn übernehme den Job. Das tat sie aber auch nicht mehr, ganz im Gegenteil, mit der Bahnreform wurden viele heute benötigte Fachkräfte nach Hause geschickt. Seit mehreren Jahren stehen die Verkehrs­unternehmen vor dem Problem, kurzfristig Personal zu rekrutieren. Da dies alle machen, haben die Fahrerinnen und Zugbegleiter die Auswahl. Wer nicht so viel bietet, wie die Dresdener Verkehrs­betriebe, dem läuft das Personal davon. Wer auf Kante genäht kalkuliert, den wirft ein einziger Personal­ausfall wegen Krankheit sprich­wörtlich aus der Bahn. Den Betreibern ist das einerlei. Denn Vorrats­haltung von Personal kostet mehr, als die Organisation von Schienen­ersatzverkehr oder, falls überhaupt vereinbart, eine Pönale des jeweiligen Verkehrs­verbundes. Also wird am Personal gespart, wo es geht. Vor einigen Jahren tönte die Länder­bahn laut von einer Kooperation mit Serbien, um zehn Lokführer auszubilden. Das scheint eine Luftblase geworden zu sein, denn angekommen sind sie hier nicht. Ich nenne dies die systematische Verarschung des reisenden Publikums; und nicht ganz abwegig lauten demnach die fünf Todfeinde der Deutschen Bahn – Frühling, Sommer, Herbst und Winter, sowie die Fahrgästinnen und Fahrgäste. Lästig, daß die auch noch Ansprüche stellen. Denn ein Verkehrs­betrieb ist nicht dem Publikum verpflichtet, sondern den Aktionären und anderen Gesellschaftern.

Wenn es dann mal wieder nicht klappt, nehmen die Ausreden überhand. Die Lautsprecher­durchsagen, die einen Ausfall oder, milder, eine Verspätung begründen sollen, werden immer kreativer. Manchmal wird auch die banale Wahrheit verkündet: kurzfristige Erkrankung von Personal. Was ja nur die Kehrseite davon ist, erst gar keines eingestellt zu haben. Manchmal ist es eine Reparatur am Zug. War eine Schraube locker? Manchmal ist es die witterungs­bedingte Verminderung der Geschwindig­keit; was sogar sinnvoll ist, denn so eine Plastik­schachtel mag keine Bäumchen auf der Strecke. Manchmal ist es die verspätete Bereit­stellung eines Zuges. Hatte der Disponent ein Mittagsschläfchen gehalten? Im März wurden Grenzkontrollen als Grund genannt, weil sich unter die Ukrainerinnen ja auch russische Geheim­agenten gemischt haben könnten. Auch hübsch ist der technische Defekt an einem anderen Zug. Personen im Gleis, Gegen­stände auf der Strecke, ein Polizei- oder Feuerwehr­einsatz gehören ebenso zum Repertoire. Das Warten auf einen entgegen­kommenden Zug auf einer zwei­gleisigen Strecke erheitert mich immer wieder. Wenn der Zug aus Görlitz zu spät kommt, weil er auf Anschluß­reisende gewartet hat, dann kam dort entweder der Triebwagen aus Breslau oder Cottbus zu spät an. Verzögerungen im Betriebs­ablauf sind allgegen­wärtig, denn das Kern­geschäft der Bahn ist ja die Verspätung. Wenn hingegen an einem Freitag­abend der vorletzte Zug von Bischofs­werda nach Görlitz eine halbe Stunde Verspätung hat, weil mal wieder auf Anschluß­reisende gewartet werden mußte, dann könnte das auch daran gelegen haben, daß der Anschluß­reisende der Triebfahrzeug­führer des (verspäteten) Zuges aus Zittau gewesen ist. Die Reparatur an einer Weiche weist auf empfindliche Elektronik hin. Am 21. Oktober wurde die Bereit­stellung weiterer Wagen genannt, die Verspätung trat aber laut Online­auskunft erst in Wilthen auf. In Wilthen wurden jedoch gewiß keine Wagen angehängt.

Wie die Begründung hingegen für den zusätzlichen Aufenthalt in Seitschen lautet, wenn kurz vor einem Regional­expreß oder ener Regionalbahn ein schwerer Getreide- oder Holzzug eingeschoben wird, habe ich noch nicht herausfinden können. Jedenfalls gelingt das den Disponentinnen und Fahrplan­gestaltern mit unschöner Regel­mäßigkeit, so gesehen am 11. April und am 8. Juni.

Manchmal passieren auch Wunder. Wenn mal wieder die Regionalbahn zwischen Bischofswerda und Görlitz ausfällt, kommt es gelegent­lich vor, daß der nach­folgende Regional­expreß in Seitschen (und anderen kleinen Stationen) Halt macht. Zugausfälle bei der Länderbahn sind ja ein leidiges und wieder­kehrendes Thema. Dieses Jahr erreichte es die „Sächsische Zeitung“ Anfang August. Es waren Schulferien und das Neuneuro­ticket sorgte für gut ausgelastete Züge. Angesichts eines vollständigen Ausfalls der Züge zwischen Zittau und Wilthen an einem Wochenende im Juli fragte das Blatt: „Hat Trilex zu wenig Personal?“ Die Antwort ist einfach und lautet: ja. Aber …

Tatsächlich war für einen Teil der Ausfälle das Strecken­management der Deutschen Bahn verantwortlich mit Bauarbeiten und Vollsperrung zwischen Ebersbach und Wilthen. Der Rest war Mehraufwand für die Länderbahn, die Umlauf- und Dienstpläne anpassen mußte und das dann nicht gebacken bekam. Der Sprecher der Länderbahn, Robert Aschenbrenner, wird mit den Worten zitiert:

„Vorweg möchten wir uns klar positionieren, dass wir derzeit nicht von einem strukturellen Personalmangel beim Trilex im Verkehrsvertrag Ostsachsennetz ausgehen.“

Ich weiß ja nicht, wie er das sieht, aber wenn immer wieder ein kompletter Umlauf ausfällt, dann fehlt mindestens ein Triebwagen­führer. Und zwar strukturell. Da muß nur ein weiterer Kollege ausfallen, und schon bricht das Kartenhaus zusammen. Zumal ich davon ausgehe, daß die Kolleginnen ohnehin angespannt die Lücken füllen, die durch fehlendes Personal immer wieder aufreißen. Wir sehen nur die Spitze des Eisberges, nicht aber den Druck auf das Personal, doch bitte dieses eine Mal kurzfristig einzuspringen. Und da dies seit Jahren ein Problem darstellt, ist dies strukturell.

Sein Verweis darauf, daß beim Trilex nur 0,38 Prozent aller Leistungen wegen Mangels an Personal ausfallen, Bauarbeiten oder Stürme aber für 2,5 % verant­wortlich seien, hilft der Fahrgästin keine Station weiter. Zumal damit belegt ist, daß im Durchschnitt an jedem zweiten Tag ein Zug ausfällt. Das klingt wenig. Aber der Sinn eines Verkehrs­vetrages liegt ja nicht darin, nach dem Zufalls­prinzip ab und an einen Zug stehen zu lassen. Wer sich an einer Ausschreibung beteiligt, muß nachher auch für sein mangelhaftes Angebot gerade­stehen und darf nicht nach Ausflüchten suchen. Ich weiß, das ist dieses ekelhafte Anspruchs­denken, daß die deutsche Wirtschaft und ihre Lobhudeler so hassen. Und ja, anderswo ist es noch viel viel schlimmer. Bei der S-Bahn in Dresden ist der Ausfall geradezu vorprogrammiert, weil die Deutsche Bahn ihre ganz eigenen Personal­probleme hat. In Wiesbaden fehlen für den Stadtverkehr Dutzende Busfahrer­innen und Busfahrer, sodaß der Betreiber den Samstags­fahrplan auch für die normalen Werktage ausgerufen hat. Im Ruhrgebiet fallen auch mal gerne ganze S-Bahnlinien aus. Das tolle private Eisenbahn­unternehmen Abellio war am fehlenden Personal geradezu chronisch erkrankt. Und so weiter. Aber nur weil es andernorts noch schlimmer ist, heißt das doch nicht, damit durchzukommen, nur ganz ganz wenig zu loosen. Und dann auch noch mit dieser Begründung:

„Fünf Triebfahrzeug­führer mehr das ganze Jahr zu beschäftigen, um die Risiken in den sechs­wöchigen Sommerferien abzudecken, ist wirt­schaftlich nicht darstellbar.“

Wie wäre es denn mit einer oder einem mehr, die oder der das ganze Jahr über zur Verfügung steht? Dann würde der eine Ausfall alle zwei Tage das ganze Jahr über aufzufangen sein. Zum Beispiel bei Krankheiten, Quarantänen oder sonstig unvorhergesehenen Engpässen. Die weitere Aussage, daß man nur mit dem Einsatz von Leih-Triebwagen­führern die Spitzen abdecken könne, läßt eher tief blicken. Also doch zu wenig eigenes Personal. Bei neu einzu­stellendem Personal, so führte Robert Aschenbrenner ferner aus, gebe es eine Vorlaufzeit von einem bis anderthalb Jahren. Daher plane Trilex den Personal­bedarf langfristig. Wie lange seid ihr jetzt dabei? Der erste Trilex fuhr wann? 2013? Das ist viel Vorlauf …

Als ein Argument für die vielen Ausfälle im Sommer mußten Krankheiten, insbesondere Corona, herhalten. Gegen diese Zuschreibung meldete sich angesichts der Ausfälle in Dresden die GdL zu Wort. Der aktuelle Krakenstand betrage nur acht Prozent, sonst seien es in dieser Jahreszeit sechs, der Unterschied ist also vernach­lässigbar. Das Personal und seine Krankheiten seien nur vorgeschoben, um von den tatsächlichen Problemen abzulenken. Hausgemachte. Strukturelle. [3]

Socializing

Die beiden Wartehäuschen auf den Bahnsteigen nach Görlitz und Dresden dienen nicht nur den auf ihren Zug wartenden Fahrgästinnen und Fahrgästen als Unterstand bei Regen, Wind, Sonne oder Lange­weile. Sie sind für die örtliche Dorfjugend auch ein sozialer Treff­punkt. Mangels sinnvoller Alternativen zum Rumhängen, Quatschen, Knutschen oder Biertrinken kommen die Kiddies aus Gaußig, Brösang, Seitschen und anderen Orten der Umgebung nach der Schule, vor der Disko, vor dem Fußballspiel oder in den drögen Ferien gerne einmal vorbei, um hier die Zeit mehr oder weniger sinnvoll zu verbringen. Manchmal geschieht das sogar tief in der Nacht; und es ist schon vorgekommen, daß einer dieser Jungs ein Licht in einem Haus gesehen und dort brav geklingelt hat, um zu versichern, sie seien friedlich und man möge doch nicht die Polizei rufen. Offen­sichtlich war den Kiddies auf dem Bahnsteig bewußt. daß es auch Rabauken gibt, die am Tage oder in der Nacht ihre sozialen Treffpunkte auch gerne einmal zerlegen, entglasen oder sonstwie demolieren, wie etwa die Bushalte­stelle in der Nähe des Bahnhofs. Was in einer Region mit extrem hohem CDU- und AfD-Wahlanteil auch nicht verwundern muß.

Bushaltestelle Gewerbepark Seitschen.

Bild 5: Die teilweise entglaste Bushalte­stelle auf dem freien Feld in der Nähe des Gewerbe­parks Seitschen. Aufnahme von Silvester 2021.

Natürlich wird bei diesem Socialising auch Unfug angestellt, aber meistens wird einfach nur der eigene Müll hinter­lassen. Warum auch nicht? Die Erwachsenen machen es einer oder einem alltäglich vor. Sie verklappen Öl und Plastik in allen Welt­meeren, verseuchen aus reiner Profitgier Trinkwasser mit ihrem Fracking, werfen ihre Kippen achtlos weg oder erzeugen bei jedem Volksfest, bei jeder Fußball-Welt­meister­schaft oder einfach nur so ihre Müllberge, die dann auf Kosten der Allgemein­heit zusammen­gekehrt werden. Die Kiddies haben einfach nur gut aufgepaßt und wissen nun, was sozial­adäquates Verhalten bedeutet.

Wartehäuschen.

Bild 6: Das Ergebnis einer Runde Socialising in den Sommerferien im August 2022.

Ich weiß … das ist kein Seitschener Allein­stellungs­merkmal. Das ist überall so, wo Menschen zusammen­kommen und wieder auseinander­gehen. Obwohl direkt neben dem Warte­häuschen ein regelmäßig geleerter Mülleimer steht, scheint es viel zu viel Aufwand, viel zu viel Streß zu machen, den eigenen Müll auch noch fach­gerecht zu entsorgen. Das wird wohl als uncool angesehen.

Die öffentliche Bedürfnis­anstalt

Schon zu den Anfängen der Eisenbahn wurde darauf Wert gelegt, daß die Reisenden auch in den kleinsten Stationen einen Abort vorfinden. Auch die Züge wurden mit eigenen Toiletten versehen. Dies gehörte zu einem stilvollen Reisen einfach dazu. Die betriebs­wirtschaftliche Logik der an die Börse zu bringenden Deutschen Bahn konnte darin keinen Nutzen, sprich: Gewinn, erkennen. Bahnhofs­gebäude an kleineren Stationen und die sich darin befindenden Toiletten wurden dem Publikums­verkehr entzogen. In einzelnen Regionen verkehren S-Bahnen gleich ganz ohne stilles Örtchen, und es ist allgemein bekannt, daß in vielen Regionalzügen die Toiletten nicht mehr zugänglich sind, weil der Aufwand, sie in Schuß zu halten, gescheut wird. Wenig hilfreich ist es dann, wenn Ende Juli in der abendlichen Haupt­verkehrs­zeit der Zug­begleiter der beiden Trilex-Triebwagen 325 und 346 durchsagt, daß es nichts bringe, an der nächsten Station in den anderen Triebwagen zu wechseln, weil in beiden Triebwagen die Toiletten defekt seien. Wenn dann auch noch die Personal­situation dazu führt, daß das Intervall zwischen zwei haltenden Zügen auf zwei oder gar vier Stunden verlängert wird, dann ist es geradezu folgerichtig, wenn die Bahnsteige mit Hinter­lassen­schaften der besonderen Art versehen werden.

Häufchen.

Bild 7: Ein dringendes Bedürfnis. Aufnahme vom Juli 2022.

Die entsprechenden Häufchen sind keinen Hunden anzulasten, denn selbige pflegen sich nicht den Hintern mit Papier­taschentüchern abzuwischen. Manche Reisenden sind sogar so einfalls­reich, sich auf den Rand der Splitt­streukiste zu setzen und dort hinein­zukacken. Wer jetzt denkt, dies seien Durch­reisende aus fernen Landen, und unsereins würde so etwas nie niemals nicht machen, liegt vollkommen falsch. Manchmal sind es die Kiddies aus der Umgebung, die auf das ehemals zum Bahnhof gehörende und nunmehr privatisierte Gelände steigen, um mal eben schiffen zu gehen. Manchmal ist es Trupp älterer Herren auf ihrem Himmel­fahrts­kommando, die aus dem Zug steigen und schnur­stracks an den verdutzten Blicken der Einheimischen vorbei­gehend ihr angesammeltes Bier an der nächsten Mauer desselben privaten Geländes abschütten. Die Jungs wie die älteren Herrschaften finden das ganz normal. Das kenne ich nur zu gut. Als ich zu Vorwende­zeiten nach einem Fußball­spiel das Berliner Olympia­stadion verließ, standen rund um den das Stadion umgebenden Zaun Hunderte Männer jeglichen Alters und zeigten sich gegenseitig ihre Schniepel. Die Bewohnerinnen und Bewohner des Wohnviertels direkt neben dem Darmstädter Böllenfalltor­stadion dürfen sich an jedem Wochenende, wenn die dortigen „Lilien“ auf dem Fußball­platz herumgurken, darauf vorbereiten, daß ihre Vorgärten mit allerlei flüssigen Substanzen gedüngt werden. Ganz normal; so macht Mann das eben, völlig unabhängig von Alter, Hautfarbe, sexueller Orientierung, Herkunft, Lieblings­verein oder Bildung.

Der Waldapotheker kommt

Für den 23. Juli hatte der Waldapotheker – wie sich der Veranstalter selbst bezeichnet – einige DJs eingeladen, die auf dem Gelände eines IT-Unternehmens im Seitschener Gewerbepark ihre Bässe dröhnen lassen sollten. Auch wenn der Einlaß erst für 19 Uhr angesagt war, so hämmerten die Beats schon Stunden zuvor lautstark in die Prärie. Als DJs waren die Virtuosen ihres Fachs angesagt: TSBIN, DJ 9oh, P.ter, Bass vom Fass, der griechische Kriegsgott AR:ES und Anabolic Impact. Für das anreisende Publikum war ein angrenzendes Stoppelfeld zum Parkplatz umfunktioniert worden; und die anderen kamen zu Fuß aus der Umgebung oder mit dem Zug. Es gab natürlich Bier, und das nicht zu knapp. So eine Veranstaltung will ja über den Alkohol­konsum seiner Besucherinnen und Besucher finanziert sein. (Nebenbei: Wald­apotheker bedeutet im Jugendslang auch Drogendealer, also etwas Ähnliches wie candy man in den USA und in Brexitland.)

Die Location.

Bild 8: Der Einlaß am Tag darauf.

Und so trudelten die Fans dieser Veranstaltung nach und nach ein. Als es schon dunkel wurde, kamen mehrere Trilex-Züge aus Bautzen und Bischofs­werda und luden gestylte Mädchen und lässige Jungs aus. So ein Event ist natürlich auch mangels anderer passender ritualisierter Orte ein Ort der Fleischbeschau. Irgendwie müssen sich die Pärchen ja finden, die später auf den unbequemen Sitzen der Warte­häuschen herum­knutschen. Zu den Ritualen der Lässigkeit scheint es auch zu gehören, sich ein paar Schotter­steine zusammen­zusuchen und mit diesen das ehemalige Empfangs­gebäude zu bewerfen und nach Möglich­keit die Fenster­scheiben zu zertrümmern. (Das Autokenn­zeichen eines dieser lässigen Jungs ist notiert.) Alsdann verschwanden diese Kiddies im Schein ihrer Handyleuchten in die stockfinstere Nacht und oriemtierten sich auf der Suche nach der Location am Getöse ihrer Musik.

Die Steine.

Bild 9: Im Vollrausch demoliert.

Stunden später, die Party war bei Morgengrauen so langsam vorbei, warteten einige dieser nunmehr alkoholisiert benebelten jungen Menschen auf den Bahnsteigen auf den ersten Frühzug, der sie in ihre Betten bringen würde. Das Bier wollte aus dem Körper hinaus, und wahr­scheinlich war es einfach uncool, vor den Augen der Girlies, denen man doch imponieren wollte, so ein kleines Schniepelchen auszupacken und einfach ins Gleisbett zu pinkeln. Deshalb suchte sich einer dieser ziemlich benebelten Jungs den direkten Weg in besagtes Privat­grundstück. Blöder­weise war ihm ein kleines Mäuerchen im Weg, aufgeschichtet aus bis zu 30 Kilogramm schweren Granitsteinen. Aber was so ein richtiger Mann ist, der bulldozzt sich einfach hindurch. Leider ist ihm keiner dieser Steine auf die Zehen gefallen. Von dem Lärm der umfallenden Steine wurde die Bahnhofs­eignerin aufgeweckt, die dann aus dem Fenster schaute und etwas entgeistert einem jungen Mann bei der Verrichtung seines Bedürfnisses zuschauen konnte.

Die Pfosten.

Bild 10: Pfosten pflastern ihren Weg. Es waren Dutzende, die daran glauben mußten, auch wenn hier nur vier davon zu sehen sind. Im Hintergrund die Dorfkirche von Göda.

Während die einen auf den Bahnsteigen den Frühzug erwarteten, zogen andere mit einem zünftigen „Zicke zacke …“ mit nachfolgenden „Sieg Heil!“-Rufen auf der Hauptstraße nach Göda. Lausitzer Folklore halt. Wo besoffene Jungs im Rudel unterwegs sind, werden gerne auch einmal die Leitpfosten entlang der Straße abgerissen und ins benachbarte Feld geworfen. Die Straßen­verwaltung scheint darauf eingestellt zu sein, denn die Pfosten lassen sich nicht nur einfach von der Grundplatte abreißen, sondern auch wieder aufstecken. So hält sich der Schaden in Grenzen. Einige dieser Pfosten wurden von dem Völkchen aber auch gleich mit zum Zug gebracht; wo es sich dann als unpraktisch herausstellte, die Trophäen auch noch mit nach Hause zu nehmen. Die Pfosten standen oder lagen dann einige Tage ziemlich nutzlos auf den Bahnsteigen. Angesichts dessen können wir ja froh sein, daß die Bushalte­stelle diesmal in Ruhe gelassen wurde.

Der Waldapotheker rief, und etwa 300 junge Leute kamen. Die meisten hatten einfach nur ihren Spaß und keinen Unfug angestellt. Unterstützt wurde diese Veranstaltung, auf der es neben Bier auch Flügel zu verleihen gab, laut Webseite des Veranstalters von BM Technik in Seitschen, Sämann Baumschulen in Bautzen, Baumanschinen Hinz in Demitz-Thumitz, der Fleischerei Heinze in Bautzen mit Filiale in Demitz-Thumitz, vom AKF Shop und von der Physio­therapie mobilitas, beide in Bautzen.

Das geniale Ticket

Ende März dachte sich die Ampel­koalition in einer schier endlosen Nacht­sitzung den bislang genialsten Vorschlag aus, die Verkehrs­wende herbeizu­führen. Obwohl, nein, das war nicht die Absicht. Da hätten die von den Automobil­konzernen gesponserten Politikerinnen, Politiker und deren Parteien sofort scharf gebremst. Das Ticket sollte Teil eines sogenannten Entlastungs­paketes sein, nachdem die Erdöl­konzerne die Gelegen­heit des russischen Einmarsches in die Ukraine genutzt hatten, die Automobi­listinnen und Automobilisten ein weiteres Mal so richtig abzuzocken. Nach einigem Hin und Her schälte sich heraus, daß es drei Monate lang ein deutschland­weit gültiges Ticket für jeweils neun Euro geben sollte. Am 19. und 20. Mai stimmten Bundestag und Bundesrat zu. Der Tarif galt für die Monate Juni, Juli und August. Hierdurch erhielten auch Millionen Menschen an der Armuts­grenze (und darunter) die Möglich­keit, Freundinnen und Verwandte zu besuchen, sich andere Städte und Regionen anzuschauen oder einfach einmal zu relaxen. Ohne damit, wie die Spaß­porsche­fahrer wie Christian Lindner und die Spaß­flieger wie Friedrich Merz, ihre Umwelt mit Abgasen, Lärm und Reifen­abrieb zu behelligen. Die einschlägige kapital­freundliche Presse schoß sich recht bald auf die Armuts­bevölkerung ein. Es wurde gegen Spaß­fahrer gehetzt, der Umwelt­schutz entdeckt (wenn mehr Menschen Bus und vor allem Zug fahren, wird natürlich auch mehr Energie frei­gesetzt, was hingegen bei der E-Auto-Produktion von Tesla erwünscht ist) und gegen Punks gepöbelt, welche die Reichen­idylle in Westerland auf Sylt durch ihre pure Anwesen­heit stören könnten. Jene Idylle, die im Juli mit Steuer­geldern und Kirchen­klimbim und vielen vielen wohl­habenden Gästen bei der Hochzeit eines Posche­busen­freundes medial durchgestylt wurde.

Auf den mit dem Ticket verbundenen Ansturm mußten sich auch die beiden Verkehrs­verbünde ZVON und VVO, sowie die Länder­bahn einstellen. Tariffragen bei Monatskarten für Pendlerinnen und Pendler waren zu klären. Es war zudem abzusehen, daß die Zahl der üblicher­weise eingesetzten Triebwagen nicht ausreichen würde. Zwar enthielt das Entlastungs­paket auch finanzielle Ausgleiche für geringere Tarif­einnahmen, aber es war unklar, ob das reichen würde. Jedenfalls waren volle Züge abzusehen – als ob es die im regulären Verkehr nicht schon längst geben würde. Daß die Deutsche Bahn hierbei nicht vollends kollabierte, ist geradezu ein Wunder. Verspätungen, Ausfälle und Chaos pur gab es natürlich auch, aber das sind wir ja von diesem von der Lobby der Automobil­branche und ihrer Verbündeten zugrunde gerichteten Unternehmen gewohnt. Praktisch war es jedenfalls, daß in den Trilex-Triebwagen das Ticket ganz unproble­matisch gelöst werden konnte.

Bei der Eisenbahn kamen Infrastruktur und Personal an ihre Grenzen. In voll­besetzten Zügen mußten sich die Zugbe­gleiterinnen durchkämpfen oder gaben den Kampf gleich auf. Manche Züge waren so überfüllt, daß sich Abfahrten wesentlich verzögerten, reguläre Halte durchfahren wurden oder der Rausschmiß angedroht und sogar exekutiert wurde. Ende Juni erwischte es die Fahrgästinnen und Fahrgäste des Eilzuges von Dresden nach Leipzig in Riesa. Die Menschen standen in den Gängen und im Türbereich. Das kann man und frau als Sicherheits­risiko ansehen oder es auch lassen. Das Problem waren und sind aber nicht die zahlreichen Fahrgästinnen und das Neuneuro­ticket, sondern Deutsche Bahn und VVO. Vermutlich war mal wieder nur eine kurze Garnitur unterwegs, obwohl erfahrungs­gemäß die morgend­lichen Regionalzüge nach Leipzig rappelvoll sind. Und zwar nicht erst im Juni, sondern schon seit Jahren. Das habe ich schon früher selbst erlebt. Die Fahrgästinnen und Fahrgäste des Zuges bedrängten die arme Zugbegleiterin, damit sie „denen da oben“ doch mal sage, daß das so nicht geht. Weil es immer wieder vorkommt und der VVO Augen und Ohren verschließt. Die arme Frau, vom Vorstand in der Berliner Plüschetage schmählich im Stich gelassen, ertrug den auf sie ausgeübten Druck nicht und schrie irgendwann die aufgebrachten (aber sich gesittet verhaltenden) Fahrgäste an. – Einige Tage nach dem Riesa-Debakel fuhr ich mal wieder mit genau diesem Regional­expreß. Knallvoll. Man konnte im Stehen schlafen; umfallen war nicht möglich. In Oschatz und Wurzen wurden die Wartenden einfach stehen­gelassen; wer sogar mit Kinderwagen unterwegs war, konnte nur hoffen, daß einige Stunden später irgendwann einmal ein Zug noch Platz bot. Deutsche Bahn at its best.

Angesichts dessen fragten sich einzelne besorgte Bürger, ob sich nicht Schwarzfahrer das Chaos zunutze machen würden. Das sind die Probleme des Deutschen. Schwarzfahrer. Parken auf Bürger­steigen und Radwegen, kein Problem. Kippen achtlos wegwerfen, kein Problem. Laut grölend Fußball gucken, kein Problem. Aber Schwarzfahren, ein Staats­verbrechen. Da zahlt der brave Bürger brav seine neun Euro, um einen ganzen Monat lang umher­fahren zu dürfen, und da kommen so Schnorrer an und sparen sich sogar dieses Ticket. Unerhört. Etwas, um das sich die Sächsische Zeitrung dringend kümmern mußte.

Tatsächlich hatte ich am Anfang des Monats Juli ein Problem, ein Ticket zu ergattern. Ich fuhr ein bißchen im Trilex-Netz spazieren, ohne daß ich abkassiert wurde. Irgendwann kam dann doch eine Zugbe­gleiterin und verkaufte mir den begehrten Fahrschein. Tatsächlich hatte die Länderbahn hier ein Personal­problem. Urlaubszeit und Delta­variante des Cornoavirus gingen nicht spurlos am Unternehmen vorbei. Länderbahn-Sprecher Robert Aschenbrenner gab dann auch nonchalant zu, daß der Ticketverkauf in den drei Monaten keine Priorität besitze. Das Personal, so vorhanden, habe ohnehin die Hände voll zu tun, den Ansturm der Reisenden in geordneten Bahnen zu halten. Anstatt sich teuer anderweitig mit knappem Personal einzudecken, wurde einfach entschieden, daß sich dies angesichts dessen, daß weit über 90% der Reisenden ohnehin mit ihrem Monatsticket eingedeckt waren, einfach nicht lohnt. Meine Erfahrung zeigt mir, daß fehlende Kontrollen weit verbreitet waren. Als ich Ende August mit vielfachem Umsteigen aus dem Rhein-Main-Gebiet nach Seitschen zurück­kehrte, war es ausgerechnet ein Trilex-Schaffner, der von mir nach zwölf Stunden Fahrt erstmals einen Fahrschein sehen wollte.

Und welchen Verlust hatte der brave Deutsche an all dem? Keinen. [4]

Das Neuneuro­ticket war zu erfolgreich. Die Spar­brötchen in den Ministerien mußten schauen, daß zukünftig das Geld zweck­dienlich angelegt wird. Zweck­dienlich heißt: was nutzt unserer Klientel, die gleichzeitig unsere Auftrag­geber sind? Nein, nicht die Wähler­innen und Wähler. Die Industrie. Handel und Gewerbe. Der Finanzsektor. Die Heuschrecken. Die Automobil­loby. Der Waffenhandel. Damit war klar, daß das Ticket nicht für die Ärmsten gelten darf, denn die wählen aus gutem Grund oftmals sowieso nicht mehr. Deshalb wurde ein 49-€-Ticket beschlossen. Günstig genug zur Entlastung vieler Pendlerinnen und Pendler und zu teuer für diejenigen, denen der Hartz IV-Regelsatz das nicht zugesteht. Eine Art break even point-Berechnung also. Doch Hans-Jürgen Pfeiffer, der Geschäfts­führer des ZVON, stöhnte auf. Er befürchtete Einnahme­ausfälle, die nicht durch den Bund aufgefangen werden, was wiederum den Verkehr der Zukunft gefährde. Kein Geld, kein Zug. Zumal die Kosten für Energie, das Personal und Materialien weiter inflationär steigen werden. Damit seien Preis­erhöhungen und die Reduzierung von Verkehrs­leistungen unumgänglich. Und der ZVON ging mit gutem Beispiel voran. Die Tickets im Tarifgebiet wurden zum 1. August wieder einmal teurer. So geht Verkehrs­wende praktisch und pragmatisch. [5]

Das dritte Quartal

Am 3. Juli gab es die erste Runde der Landrats­wahl im Landkreis Bautzen, die dem CDU-Kandidaten nicht die absolute Mehrheit brachte. Der gemeinsame Kandidat von Linke, SPD und Grünen Alex Theile konnte fast ein Viertel aller Stimmen ergattern. Das führte prompt dazu, daß sein Wahlplakat am Seitschener Bahnhof mit beherztem Messe­rschnitt vom Lampenmast entwendet wurde. Ob das jetzt die gewiß männlichen Fans der CDU oder der AfD waren, werden wir wohl nie erfahren.

Hatten wir hier in Seitschen im März noch geunkt, wie lange die Deutsche Bahn benötigen würde, den demolierten Fahrrad­unterstand wiederher­zurichten, wurden wir im Juli positiv überrascht. Die Bahn hatte sich wohl recht schnell mit dem Versicherer des polnischen Lkw-Fahrers geeinigt und jemanden gefunden, der den Ständer in alter Form, aber mit neuen Materialien bauen konnte. Am 7. Juli wurde der alte Unterstand demontiert und am 10. Juli mit der Montage eines neuen begonnen. Da dürfen wir doch gerne einmal lobende Worte für die Bau­abteilung der Deutschen Bahn finden. Leider zeigt es sich, daß die Konstruktion nicht vor Diebstahl schützt; perspektivisch wären hier abschließ­bare Kabinen angesagt. Vielleicht kommen diese, falls die Strecke gegen 2050 elektrifiziert wird.

Bei der Montage.

Bild 11: Bei der Arbeit; am Nachmittag waren der Fahrrad­unterstand fertig­gestellt.

Ebenfalls im Juli wurde mit der Reparatur der Reisenden­information begonnen. Das Display der Zuganzeige von Gleis 1 war im Juni ausgefallen, zum Ausgleich war die Lautsprecher­ansage am Bahnsteig 2 nicht mehr zu hören. Beides wurde im Juli repariert. Zwischen­durch zeigte das Display auch eine Status­information an, woraus zu schließen ist, daß das Gerät am Mobilfunk­netz der Deutschen Telekom hängt. Hingegen bereitet die Bahnsteig­beleuchtung besondere und vor allem schwer reproduzierbare Probleme; irgendetwas scheint mit der Feinjustage nicht zu stimmen. Denn mal fällt eine bestimmte Leuchte aus, mal die benachbarte, aber beide gehen auch wieder an. Unpraktisch wird dies, wenn beide gleichzeitig ausfallen, denn dann ist es in der Nacht auf dem Bahnhofs­vorplatz stockdunkel, zumal die Gemeinde nachts auch noch die Straßen­beleuchtung ausschaltet.

[Derartige Luxus­probleme möchten die Milliarden Menschen einmal haben, denen der Zugang zu sauberem Trinkwasser verwehrt wird (sogar bzw. gerade im Fracking­land USA), die mit Kriegen überzogen werden (mit deutschen Waffen wie in Nordsyrien und im Jemen), deren Grauer Star nicht behandelt wird, weshalb sie blind herumtappen müssen (leicht und kostengünstig heilbar, aber nicht mit einer Impfkampagne von Bill Gates), oder die nicht wissen, wovon sie am Tag darauf leben sollen. Solcherlei Luxus­probleme wie defekte Anzeigen sollte eine reiche westliche Gesellschaft im Griff haben. Jedoch sehen wir Mitte 2022, wie eine Lieferkette nach der anderen des auf Kante genähten Wirtschafts­liberalismus zusammen­bricht und selbst banale Alltags­gegen­stände aus den Regalen verschwinden und Heiz­materialien unerschwing­lich werden. Das ist eben der Vorteil und der insgeheime Witz der Markt­wirtschaft, von der einige Wenige enorm profitieren und auch profitieren sollen. [6]

Am 2. September kam Bundes­kanzler Olaf Scholz in den Industrie­park Schwarze Pumpe und traf dort rein zufällig die Minister­präsidenten von Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt zum Plausch. Das hätte man auch online erledigen können, hätte aber nicht so viel Sprit verbraten. Es ging um die Lausitz, und dabei auch um den Verkehr der Zukunft. Bislang gab es noch keine Finanzierungs­vereinbarung für den Ausbau und die Elektrifi­zierung der Strecke von Berlin über Cottbus nach Görlitz. Den zehn­prozentigen Eigenanteil der Deutschen Bahn wolle der Bund übernehmen; aber noch offen ist, welches Ministerium zahlt, welcher Kostenstelle wird das angerechnet? Olaf Scholz jedenfalls versprach, das Ding kommt. Na, hoffentlich hat er das auf seinem Rückweg nach Berlin nicht wieder vergessen wie bei anderen dubiosen Projekten auch … [7]

Der Tunnel

Nein, gemeint ist nicht der Tunnel in Seitschen, der die beiden Gleise verbindet. Der kam dieses Jahr nur einmal kurz ins Gerede, als am 9. September ein Starkregen mit kräftigem Hagelschlag den Tunnel in einen swimming pool mit rund 30 Zentimeter Füllhöhe verwandelt hatte. Gemeint ist ein Tunnel bei Dresden-Klotzsche.

DB Reiseauskunft Screenshot.
Abbildung 12: Screenshot der Reise­auskunft der Deutschen Bahn für einen Zug mit SEV zwischen Seitschen und Dresden.

Zum Ende der Neuneuro­ticketzeit, also dann, wenn besonders viel Verkehr zu erwarten war, hatte die Deutsche Bahn voraus­schauend eine Baustelle zwischen Klotzsche und Radeberg eingeplant. Eine ganz besonders wichtige Baustelle. Ein Tunnel mußte verfüllt werden. Ein nützlicher Tunnel für die Bewohnerinnen und Bewohner von Klotzsche, die damit relativ umwegfrei in die Dresdener Heide gelangen konnten. Das Problem: Die Stadt Dresden erkannte, daß der Weg durch den Heidetunnel nicht öffentlich gewidmet war. Er war zwar seit ewigen Zeiten öffentlich genutzt, aber das war wohl eine Zweck­entfremdung öffentlichen Eigentums. Nur der Staatsbetrieb Sachsenforst als Eigentümer oder die Deutsche Bahn als Nutzerin könnten eine solche Widmung veranlassen. Beide lehnten das aus Kosten­gründen ab. Also rückte ein Bautrupp an, beharkte Tunnel und Oberbau und sorgte für vollendete Tatsachen. Was das gekostet hat, wollen wir lieber nicht wissen, aber gewiß das Mehrfach einer nach­geholten Widmung. So ist das, wenn die eine Kostenstelle den Peter einer anderen Kostenstelle zuschiebt, welche die Kosten auch nicht tragen will, und somit die Allge­meinheit dafür blechen darf, damit ein barrierefreier Fuß- und Radweg nicht mehr allgemein verfügbar ist. Das muß diese Markt­wirtschaft sein, von der alle so schwärmen.

Als Bauzeit war der Zeitraum von Samstag, dem 13. August, bis Mittwoch, dem 24. August, vorgesehen. Das schrie geradezu nach einer Gelegen­heit, die reisende Kundschaft mit einem ausgeklügelten Schienen­ersatzverkehr zu traktieren. Ich übertreibe nicht; dies hier ist kein Clickbaiting. Robert Aschen­brenner, ein auf dem Zeitungs­foto sympathisch aussehender Mann jüngeren Alters mußte einräumen, daß (nicht nur) seine Länderbahn Mist gebaut hatte. Denn es mußten drei verschiene Buskurse koordiniert werden. Die Deutsche Bahn stellte Busse für den Ersatz­verkehr nach Kamenz bereit, die Länderbahn für den nach Görlitz und Zittau. Natürlich ohne sich abzusprechen, das verbieten ja Markt und Wettbewerb. Welcher Wettbewerb eigentlich? Wer den SEV am besten vergeigt? Jedenfalls, manche dieser Busse sollten in Langebrück zwischen­halten, manche aber nicht, um die in Radeberg wartenden Regional­expreß­züge direkt anzusteuern. Konfusion war vorpro­grammiert und das Ergebnis für die auf den Bus wartenden Reisenden undurch­schaubar. Es fehlte nur noch, daß eine Bahn­mitarbeiterin den Reisenden sagte, sie dürften mit dem Ersatzbus der Deutschen Bahn nur dann mitfahren, wenn sie nach Kamenz wollten, nicht aber nach Bautzen oder Ebersbach. Das klingt wie Satire, aber es würde mich nicht erstaunen, wenn es so vorgekommen wäre.

Wie chaotisch das Ganze organisiert war, konnte ich an einem lauen Dienstag­abend erleben. Der Trilex um 20:05 Uhr ab Dresden-Neustadt war gut gefüllt. Als wir in Klotzsche ankamen, war der Bussteig für den SEV schnell voller Menschen. Kurz darauf kam noch ein weiterer Triebwagen und spuckte noch mehr Reisende aus. Weit mehr als zweihundert Menschen standen herum und erwarteten, was immer auch kommen sollte. Dann fuhren zwei Busse ums Eck. Zunächst ein Gelenkbus als Ersatz für den Trilex, dann ein Standardbus für die S-Bahn nach Kamenz. Irgendeine Form von Information oder Reisenden­lenkung gab es nicht. Alles stürzte in die Busse, egal in welchen, Hauptsache drin und es geht weiter. Sardinen­feeling. Ein paar Reisende mit Fahrrad und Kinderwagen blieben zurück. Als die beiden Busse losgefahren waren, trudelte ein dritter Bus ein, ein Gelenkbus. Die hinter­bliebenen etwa fünf Reisenden stiegen ein und wurden mit Holterdi­polter über die Straßen geschüttelt. Kein Schlagloch wurde ausgelassen, und der Bus hüpfte wie verrückt. Langebrück wurde natürlich angefahren, was keine und niemanden interessierte. In Radeberg trafen sich alle wieder, um auf ihre nächste Reise­gelegenheit zu warten. Eine Gruppe, die nach Zittau wollte, hatte besonderes Pech. Ihr drohte ein zweiter Schienen­ersatzverkehr zwischen Bischofswerda und Wilthen. In einem absolut undurch­schaubaren Gewirr von Ersatz­fahrplänen in einem Schaukasten am Bahnsteig war dies nur mit absoltem Kennerblick zu erspähen. Entsprechende Ansagen: Fehlanzeige. Das Informations­niveau war einfach erbärmlich.

Daß man den Quatsch noch quätscher gestalten kann, bewies einmal mehr die Deutsche Bahn. Sie stellte auf mein Befragen eine Reise­auskunft für einen morgendlichen Trilex von Seitschen nach Dresden zusammen. Demnach hätte ich sage und schreibe 37 Minuten Wartezeit in Radeberg und sogar 38 Minuten Wartezeit in Klotzsche einzuplanen gehabt. Das erschien mir reichlich unsinnig zu sein und so erweiterte ich die Anfrage unter Beibe­haltung aller anderen Parameter für eine Verbindung von Seitschen nach Chemnitz über Dresden. Und siehe da! Auf einmal waren es nur noch fünf bzw. vier Minuten Zeit zum Umsteigen. Den Quatsch kann mir die Informatik­abteilung der Deutschen Bahn sicher plausibel erklären. Doch es kam noch besser. Der Trilex hatte zehn Minuten Verspätung, weil irgendein Knilch den Zug in Görlitz nicht rechtzeitig bereit­gestellt hatte. Als der Trilex in Radeberg einfuhr, wurde per Laut­sprecher im Zug auf den Ersatzbus hingewiesen, der, wie von der DB vorausgesagt, nach nunmehr nicht 37, sondern schon 27 Minuten erscheinen sollte. Die Fahrgäst­innen und Fahrgäste stiegen irritiert aus und wurden von einer Trilex-Mitarbeiterin am Bahnhof zum Bussteig gewiesen. Kaum waren sie dort angekommen, tauchten wie aus dem Nichts zwei Busse mit den Reisenden aus Klotzsche auf, entließen diese, drehten eine Ehrenrunde und sammelten die Wartenden am Bussteig ein. Das muß frau und man nicht verstehen, vor allem dann nicht, wenn Deutsch­land einmal als das Land gegolten hat, in dem perfekte Organisation geraderzu sprich­wörtlich war.

Schotterwaggons.

Bild 13: Abgestellte Schotter­waggons für die Tunnel­verfüllung.

Die Länderbahn versprach Besserung. Ich glaube nicht daran. Die Deutsche Bahn versprach im Gegenzug eine weitere Baustelle zwischen Radeberg und Arnsdorf an einer Rödertal­brücke für 2024. Die beiden Baustellen hätte man zeitlich zusammen­legen können. Aber das wäre zu einfach, markt­wirtschaft­lich nicht darzustellen und vor allem den Fahr­gästinnen nicht zuzumuten. Denn die lieben ihren Schienen­ersatzverkehr, wie eine geheim gehaltene Umfrage der niemals mit dieser Eisenbahn fahrenden Plüschetage heraus­gefunden hat. [8].

Mit dem Neuneuro­ticket ins Elektroland nach Zgorzelec

Haltestellenschild.
Abbildung 14: Reiseauskunft der Deutschen Bahn.

Zum Ausklang des Neuneuro­tickets wollte ich mir Zgorzelec und den Stand der dortigen Elektri­fizierung anschauen. Die digitale Reise­auskunft der Deutschen Bahn war mit der entsprechenden Anfrage leicht überfordert. Zwar gelang es ihr, den richtigen Zug heraus­zusuchen, aber der angezeigte Fahrpreis von zwanzig Euro zehn ist einfach Quatsch. Erstens kam ich mit dem Ticket für maximal neun Euro nach Görlitz und zweitens ist der Abschnitt zwischen Görlitz und Zgorzelec eine tarifliche Nullzone und kostet daher auch nichts. Stattdessen wurde mir hier der Verbund-übergreifende DB-Hauspreis genannt. Nun gut, wenigstens der Zug fuhr und er war sogar pünktlich. Das kann ich von dem Zug auf der Rückreise nicht behaupten. Bei all meinen Fahrten in den vergangenen drei Monaten quer durch die Republik war kein einziger Zug ausgefallen. Vermutlich hatte ich hier Glück. Berichte über Stellwerks­ausfälle, fehlendes Personal oder nicht betriebsfähige Züge waren in den drei Monaten fast tägliches Gesprächs­thema. Doch ausgerechnet auf meiner aller­letzten Fahrt mit dem Ticket, zurück nach Seitschen, hieß es mal wieder: „… fällt leider aus. Wir bitten um Entschuldigung.“ Lauwarmes Geseiere.

Bahnhof Zgorzelec.

Bild 15: Das restaurierte Bahnhofsgebäude von Zgorzelec träumt von besseren Zeiten. In den kommenden Jahren ist dies der Umsteige­bahnhof für Reisende von und nach Dresden und Wrocław. Zum Umsteigen gibt es eine nützliche Vorab­information der Koleje Dolnośląskie als Video.

Bahnhof Zgorzelec.

Bild 16: Der Elektrotrieb­wagenzug wartet kurz vor der Neißebrücke auf den nächsten Einatz. Die Weiterfahrt nach Deutsch­land verzögert sich jedoch. Immerhin ist eine Elektrf­izierung mit polnischem Gleichstrom bis Görlitz noch für dieses Jahrzehnt angedacht. Solange heißt es: „Grund dafür ist die verspätete Bereitstellung einer elektrischen Leitung.“

Der Trilex-Triebwagen aus Bischofswerda leerte sich bei meiner Hinfahrt in Görlitz; nur eine Handvoll Reisende wollte auf die polnische Seite. Das spricht nicht gerade für das dringende Bedürfnis einer Magistrale von Dresden nach Polen oder, wie ein beliebtes rhetorisches Hirngespinst einiger Politiker oder Bahn­manager lautet, gar nach Kiew. Am Morgen, wenn die Pendlerinnen und Pendler in beiden Richtungen unterwegs sind, soll aber weitaus mehr los sein. Ganz früh am Morgen fährt sogar ein PKP Intercity von Zgorzelec nach Warschau; vielleicht sollte ich eher sagen: er bummelt. Und weil die Verbindung von Dresden nach Polen ja so ungemein wichtig ist, um geschätzt eine Milliarde Euro in deren Elektrifizierung zu verbunkern, gibt es auch keinen Anschluß von deutscher Seite aus, um wenigstens am Mittag in der Hauptstadt des Nachbar­landes anzukommen. So unterstützt die Bahn zur Förderung der Verkehrswende wirkungs­voll das umwelt­schädliche und steuer­subventionierte Fliegen.

Seitschen im Herbst

Anfang Oktober wurde die Glasabdeckung für die Fahrplan­auskunft in einem der beiden Warte­häuschen zertrümmert. Am 10. Oktober rückte im Auftrag der Deutschen Bahn eine deutsche Firma mit vielen polnischen Hilfskräften an, um die beiden Bahnsteige aufzumöbeln. Anstelle der Pilze, die aus dem Boden ragten, um die Reisenden zum Abstand von der Bahnsteig­kante zu mahnen, wurden längliche Betonsteine im Boden versenkt. Zudem erhielten die Bahnsteige eine grobkörnige betonartige Zement-Steinchen-Mischung. Dies muß jetzt für die kommenden zwanzig Jahre als Verbesserung reichen. Am Mittag des folgenden Tages war das Werk vollendet.

Baustelle.

Bild 17: Die neuen Betonsteine werden zu ihrem Bestimmungs­ort gefahren. Die fehlende Scheibe dieses Warte­häuschens war das Opfer einer früheren Attacke und wurde vorsorglich nicht wieder ersetzt. Seitdem pfeift dort der Wind durch.

Bäume fällen die Reisekette

In der dritten Oktoberwoche wurde die Vegetation entlang der Strecke zwischen Bautzen und Löbau gestutzt. Genauer: es wurden im Vorgriff auf anstehende Herbst- und Winterstürme Bäume gefällt. Es stand daher für den regulären Verkehr nur ein Gleis zur Verfügung; folglich wurden einzelne Züge durch Busse ersetzt. Um die Hirnmuskulatur zu trainieren, mußten sich die Reisenden nur noch merken, ob tagsüber die REs oder die RBs in ihrer Richtung ausfielen. Nach Löbau waren es nämlich die schnellen und nach Bautzen die langsam Züge, die entfielen [9]. Da kommt bei einer Fahrt von Görlitz nach Dresden (oder umgekehrt) richtig Freude auf. Die Alternative wäre die Fahrt mit dem Auto. Wenn ich in der Zeitung lese, wie oft die Autobahn aufgrund von Baumaßnahmen oder Unfällen dicht ist, dann sind selbst solche Erschwernisse wie der rumpelnde Schienen­ersatz­verkehr geradezu erträglich. Aber „der Deutsche“ (Volker Pispers) ist ohne seinen täglichen Stau kein richtiger Mensch.

Am 18. Oktober stand ich am Mittag am Bahnsteig in Bischofswerda und erspähte zwei sich lang­weilende Desiros auf den Abstell­gleisen. Durchgesagt wurde ein sich verspätender Regional­expreß aus Görlitz, der umgehend, aber verspätet, wieder nach Bautzen zurückfahren würde. Die reguläre Ankunft wäre um 11:50 Uhr gewesen, aber er kam erst zwanzig Minuten später; was auch immer der Grund hierfür gewesen sein mag. Der von Zittau kommende Anschluß­zug nach Dresden war da natürlich schon längst weg.

Desiro in Bischofswerda.

Bild 18: Desiro 642 311 erhält Einfahrt in Bischofswerda.

Etwa 60 Reisende entstiegen dem Triebwagen, gingen durch die Unterführung und warteten auf den nächsten Zug. Anstelle eines Regional­expresses kam nun die Bummelbahn, und zwar ein einzelner, schon ansehlich gefüllter Triebwagen, ebenfalls aus Bautzen. Das heißt, man versprach den Reisenden eine schnelle Fahrt nach Dresden, aber erstens kam der Zug zu spät und zweitens wurden sie im Anschluß auf den Bummler verwiesen. Fazit: eine Verzögerung um eine halbe Stunde. Anschlüsse in Dresden war da natürlich auch weg.

Das geht aber noch besser. Am 19. Oktober fiel die Regionalbahn Bautzen ab 11:00 Uhr ersatzlos aus. Die hatte aber, dies sei fairerweise zugestanden, erst gar keinen Anschluß aus Görlitz. Fuhr der Bummler noch um 10:23 Uhr in Görlitz ab, so durften die Reisenden von Löbau nach Bautzen den Rumpelbus benutzen. Statt um 10:59 Uhr kamen sie dann in Bautzen um 11:31 Uhr an. Immerhin fuhr an diesem Tag der Regionalexpreß nach Bischofswerda pünktlich, so daß sie nur eine halbe Stunde später als gewohnt in der Landes­hauptstadt eintrudelten. Vermutlich können die Reisenden jener Woche noch ganz andere Anektoren beitragen.

Informations­technisch besteht jedenfalls noch viel Nachhol­bedarf; und das ist keine Frage der allenthalben als Allheil­mittel angepriesenen Digitalisierung. Ist es eigentlich zu viel verlangt, als Zugziel Görlitz (und nicht Bautzen) anzuzeigen und anzusagen, auch wenn es zwischen Bautzen und Löbau einen Schienen­ersatz­verkehr gibt? (Auch die Länderbahn paßt sich hier nahtlos an und verrät in ihrer Echtzeit­äauskunft dieses Geheimnis nicht.) Gelegenheits­reisende werden dann überrascht und fragen sich, ob sie im richtigen Zug nach Görlitz sitzen. Und so kommt es vor, daß nun ich anstelle der für dieses Chaos Verantwort­lichen den Reisenden beruhigend weiterhelfen darf.

Ob nun Deutsche Bahn oder Länderbahn diesen Murks zu verantworten haben, ist den davon geplagten Reisenden einerlei. Beim nächsten Mal stehen sie lieber im Stau und kommen nie wieder. So vergrault man das Zielpublikum … nachhaltig!

Das Display

Anfang November war es vollbracht. Alle sechsund­zwanzig Trilex-Triebwagen der Länder­bahn haben ihre Auffrischungs­kur hinter sich. Ursprünglich war angedacht, daß der innere Umbau und die äußere Aufhübschung bis Ende 2019 zu erledigen sei. Doch dann verzögerte zunächst das Hickhack um die Ausschrei­bung der Fahr­leistungen bis 2031 den Umbau um mehr als ein Jahr. Danach kam Corona und brachte alles durch­einander. Das Werkstatt­personal war von Erkrankungen und Quarantänen genauso wenig verschont geblieben wie die Triebwagen­füher und das Zug­personal. Neben einem neuen Farbkleid an der Außenhülle sind die inneren Werte im wahrsten Sinne aufgemöbelt worden. Kleine Tischchen ermög­lichen das Abstellen digitaler Daddel­kisten, wobei auch an den Stromhunger der kleinen Spielzeuge gedacht worden ist. Die Stoff­bezüge wurden erneuert und müssen jetzt bis 2031 durchhalten. Damit sollten fehlende Triebwagen der Vergangen­heit angehören, weil jetzt alle wieder im Dienst sind. Doch sei vorsorg­lich darauf hingewiesen, daß neben kleineren laufenden Unter­suchungen und Reparaturen ab 2023 nach und nach die spätestens alle acht Jahren fälligen Haupt­untersuchungen anstehen. [10]

Desiro.

Bild 19: Desiro 642 325 trudelt als letztes Umbau­fahrzeug am 12. November in Seitschen ein.

Nach dem Redesign der sechsund­zwanzig originalen Trilex-Desiros kommen die zehn Desiros dran, welche die Länderbahn aus den Beständen der ehemaligen Städtebahn Sachsen erworben hat. Zunächst waren die Triebwagen 642 343 und 642 346 öfter in der Ober­lausitz unterwegs, während die anderen acht Triebwagen auf den Strecken der Länderbahn in Tschechien verkehrten. Nur selten verirrte sich einer dieser Desiros nach Seitschen und fiel durch seine leicht zerzauste Außenhülle auf. Am 24. November erschien mit 642 332 einer dieser zehn Desiros in den neuen Trilex-Farben und einem recht eigenwillig drauf­geklatschten Werbebanner für das Crystal Valley in Böhmen. Es gibt Farb­designs, die sind einfach nur dumm. Grauweiß auf weiß gehört gewiß dazu. Zunächst erinnert diese Farb­tupferei eher an ein Graffito. Daß die Fahrten ab Seitschen um 13:06 und um 14:49 Uhr mit zwei Desiros durch­geführt werden, ist nicht normal. Der ZVON hat nur einen bestellt. Wenn hier zwei fahren, dann sieht das nach einer Werbefahrt aus.

Desiro.

Bild 20: Desiro 642 332 auf dem Weg nach Görlitz.

Eine Anmerkung möchte ich mir dennoch erlauben. Das Info­tainment innerhalb der Triebwagen läßt beiweilen sehr zu wünschen übrig. Da hängen mehrere Flach­bildschirme von der Decke oder zieren den Eingangs­bereich der Trieb­wagen. Sie alle sollten mehr oder weniger dasselbe anzeigen: die Fahrt­richtung, das Fahrziel, die Verspätungs­minuten, die nächste Halte­stelle, und auch, an welcher Position sich der jeweilige Triebwagen im Zug­verband befindet. Gut, Letzteres ist natürlich ein wenig albern, wenn ohnehin nur ein Triebwagen fährt; aber es scheint schon nicht richtig zu funktionieren, wenn in Bischofs­werda ein zweiter Triebwagen angehängt wird. Die Kommunikations­schnittstelle zwischen beiden Einheiten hat da mitunter Verständigungs­probleme. Da werden in dem einen Triebwagen korrekt zwei und in dem anderen nur einer angezeigt. Das ist zwar harmlos und irgendwie verschmerzbar; verweist jedoch auf die Tücken der Software. Problema­tischer wird es, wenn die Halte­wunschtaste gedrückt wird. Da möchte die Fahr­gästin doch sicher gehen, daß der elektrische Kontakt den Wunsch auch der Fahrerin mitgeteilt hat. Seitdem ein Freund von mir schon einmal durch Seitschen durch­gefahren ist, weil der Kontakt zwischen Taste und Fahrer nicht funktioniert hat, werfe ich einen vorsichtigen Blick auf die vielen Displays. Doch, oh je! Manche Displays zeigen einen roten Balken an, den wir als Stopp­signal inter­pretieren sollen, ohne daß dies uns auch gesagt wird; manche aber zeigen diesen Balken nicht. Das ist nicht hilfreich, vor allem dann nicht, weil wir nie wissen können, welches Display in welchem Triebwagen richtig funktioniert. Das ist nicht einheitlich geregelt. Einmal hatte ich einen Total­ausfall aller Infor­mationen am Türdisplay, aber es leuchtete wie von Geister­hand der rote Balken und nur dieser auf. Ein anderes Mal werde ich von einem am selben Standort befindlichen Display mit allen notwendigen Informa­tionen versorgt, aber nicht mit dem Hinweis, ob der Zug jetzt auch wirklich hält. Dafür muß ich dann alle anderen Displays abklappern. Mit den Matrixanzeigen in den aufgepeppten Desiros verhält es sich übrigens ähnlich. In welcher Bastel­bude wurde diese quatschige Software entwickelt und implemen­tiert?

Dann noch ein Wort an die Web­abteilung der Länder­bahn. Die sicher mit viel Liebe erstellte Webseite des Verkehrs­unternehmens hält ab und an seltsame Über­raschungen bereit. Da werden Züge, die ziemlich verspätet sind und erst noch ankommen müssen, als schon längst durch­gefahren angezeigt. Da gibt es mitunter heftige zeitliche Diskrepanzen zwischen der allgemeinen Ober­fläche der Züge, die demnächst an einer Station halten sollen, und dem tatsächlichen Fahrt­verlauf eines ausge­wählten Zuges. Die eine Angabe sagt pünktlich, die andere, kommt mit plus 20. Greifen die Angaben etwa nicht auf dieselbe Datenbank zu?

Screenshot der Länderbahn-Webseite.

Abbildung 21: Screenshot der Länderbahn-Webseite vom 8. September 2022. In Bautzen fährt demnach die Regional­bahn fast pünktlich ab.

Screenshot der Länderbahn-Webseite.

Abbildung 22: Screenshot der Länderbahn-Webseite zur selben Zeit. Klicke ich auf die Zugnummer, hat der Zug wundersamer­weise nunmehr zwölf Minuten Verspätung.

Das ist kein Einzelfall, sondern ein Feature dieser Webseite.

Am Nachmittag des 19. Juli brannte die Böschung in der Dresdener Heide bei Klotzsche. Die Bremsen eines Güterzuges waren festgebacken und sprühten Funken ins knack­trockene Gebüsch. Der Zugverkehr wurde eingestellt und anschließend vorsichtig am Brand entlang geführt. Die Verspätungen summierten sich. Auch hier war fehlendes Personal mitbeteiligt. In früheren Zeiten, als die Dienststellen auch kleiner Stationen noch besetzt waren, gehörte es zu den Aufgaben der Fahr­dienstleiter, bei durchfahrenden Güterzügen nach Heißläufern Ausschau zu halten, um den Zug baldmöglichst stoppen zu lassen. Das Personal wurde weggespart. Das ist das eine. Das andere war das vollkommene Versagen der Informations­politik. Wieder einmal. Eine Nici  K. machte auf der Facebook-Seite des Trilex ihrem Unmut Luft:

„Also aktuell warten hier noch Fahrgäste auf einen Zug, der vor 20min von Löbau nach Bischofswerda fahren sollte …
Wie sie sehen, sehen sie nix!
Wird nicht abgesagt, steht in der App als pünktlich drin und der nächste hat dann nochmal 35min Verspätung.
Ich habe ja viel Verständnis, aber wenn ein Zug scheinbar nichtmal losgefahren ist, sollte man das wenigstens mal erfahren. Bei Temperaturen über 30°C unverantwortlich.“

Darauf meldete sich Trilex selbst zu Wort.

„Hallo Nici, aufgrund eines Feuerwehr­einsatzes und Strecken­sperrung ist der Bahn­verkehr massiv gestört und Prognosen schwer möglich. Die Hitze macht leider allen zu schaffen.“

Nici befand vollkommen zurecht, daß diese Blubberei keine angemessene Reaktion des Verkehrs­unternehmens sei.

„Super. Wenn ihr das wisst – dann sagt das doch einfach mal durch! dann hat man auch Verständnis. Aber die Leute hier sind jetzt alle aufgeschmissen, warten seit über 1,5 Stunden, denn Busse fahren um diese Zeit auch nicht mehr.
Man möchte wenigstens die Chance haben, sich anderweitig zu kümmern. Stattdessen wird man hier stehen gelassen und immer wieder heißt es ‚Verspätung‘. Jetzt wird gar nichts mehr angesagt und es kommt auch nix mehr.“

Zur selben Zeit sitze ich in Seitschen am Bahnsteig und schaue mir an, was hier los ist. Ich verglich die Anwesen­heit von Zügen mit den Angaben in der Fahrplan­desinformation des Trilex. So wurde der Regional­expreß, der um 19:11 Uhr nach Görliz durchrauscht, als ausfallend zwischen Dresden und Radeberg gemeldet, sollte aber ab Radeberg verkehren. Das hat dem Zug allerdings niemand gesagt und deshalb kam er auch nicht. Um 20:08 sollte die Regional­bahn nach Dresden losfahren. Sie wurde online mit plus 37 angekündigt; es gab sogar mehrere Verspätungs­durchsagen am Bahnsteig. Das muß einer dieser Löbauer Nicht-Züge gewesen sein, denn er kam weder nach 37 Minuten noch sonstwann. Auch eine Stunde später war von ihm nichts zu vernehmen, aber online fuhr er jetzt mit plus 36 ab Weickersdorf Richtung Dresden.

Verspätete Desiros.

Bild 23: An diesem warmen Sommerabend las ich eine Zeitschrift und beobachtete die beiden Desiros 642 306 und 642 308, die mit etwa 25 Minuten Verspätung nach Görlitz entfleuchten. Derweil in der Gegen­richtung das Blocksignal in tiefstem Rot verharrte.

Wir entnehmen dem: die Anzeigen auf der Webseite (oder App) und die Durchsagen am Bahnsteig sind in der Regel zuverlässig, wenn kleinere Verspätungen drohen. Wenn die Auskunft aber mal wirklich gebraucht wird, ist sie oft fehlerhaft, unbrauchbar oder gar nicht erst vorhanden. So macht Bahnfahren Spaß!

Im November beginnt ein neues Feature zu nerven. Da werde ich doch tatsäch­lich beim Aufruf einer anderen Webseite außerhalb des Länderbahn-Universums gefragt, ob ich die tolle Länder­bahn-Webseite wirklich verlassen will. Ja, glaubt ihr allen Ernstes, daß ich einen Tab nur euch zuliebe den ganzen lieben langen Tag geöffnet halten will? Drollig wird es allerdings, wenn ich diese Anfrage auch dann erhalte, wenn ich innerhalb der Länder­bahn-Webseite einen Unter­menü­punkt aufrufe. Ist das euer wirklicher Ernst? Ist das Kunden­bindung auf die elektronische Art? Ihr seid doch nicht die Datenkrake Facebook, oder?

Screenshot der Länderbahn-Webseite.

Abbildung 24: Screenshot der Länderbahn-Webseite vom November 2022, nachdem ich den Menü­punkt „Ein Zug für die Sorben“ auf derselben Webseite aufgerufen habe.

Ausblick

Ende November hängt in den Warte­häuschen der neue Fahrplan ab Mitte Dezember aus. Wesentliche Veränderungen scheint es nicht zu geben. Allerdings darf frau und man sich auf einen neuen Hüpftakt einstellen. Mal fahren die Triebwagen nach Bischofswerda und Dresden zur Minute 05, mal zur Minute 06 und mal zur Minute 09 ab. Personal­wechsel und Flügelung in Bischofswerda führen zu mal kürzeren und mal längeren Aufenthalten in der Kleinstadt. Während also DB Station und Service die analogen Papier­fahrpläne schon bereitstellen konnte, ist der neue Fahrplan auf der Kursbuch­seite der Deutschen Bahn nicht zu finden. Das ist der unbestreitbare Vorteil der Digitalisierung: Man oder frau findet einfach nichts. Am 30. November ebenfalls noch nicht auf der Webseite des Trilex. Immerhin stellt der ZVON ein eigenes Fahrplan­paket mit Stand vom September 2022 bereit.

Die Verkehrswende nähert sich mit Trippel­schritten. Im April soll das 49-Euro-Ticket nun endlich kommen. Doch die Finanzierung durch Bund und Länder könnte nicht ausreichen, vor allem dann nicht, wenn das Geld nicht bei den Verkehrs­verbünden ankommt. Denn obwohl der ZVON schon einmal vorsorglich eine weitere Tariferhöhung um durch­schnittlich rund 8 Prozent für August 2023 angekündigt hat, drohe 2023 ein Defizit in Höhe von 41 Millionen Euro. Daher ist der ZVON in Kontakt mit ODEG und Länderbahn, um die Verkehrs­leistungen in Höhe von 200.000 bis 300.000 Kilometern zu reduzieren. Betroffen wären die Zwischentakter zwischen Görlitz und Bischofswerda. Ob dann die Expreßzüge ausgedünnt werden oder ob die Regionalbahnen in Seitschen dann nur noch alle zwei Stunden wie jetzt schon am Wochenende halten werden, muß wohl noch ausbaldowert werden. [12]

Das wird die Pendlerinnen und Pendler gewiß erfreuen, mal positiv, mal ironisch. Einserseits sind 49 Euro für einen Monat Dresden sicher besser als der vierfache Betrag. Andererseits wäre die Aussicht auf noch mehr Taktlücken ein Grund, dann doch eher das Automobil in den Stau zu führen. Dabei stabilisiert sich die Lage am Seitschener Bahnhof derzeit gerade wieder auf das Niveau wie vor der Pandemie, wo damals und jetzt wieder zehn bis zwölf tagsüber parkende Fahrzeuge gezählt wurden und werden. Eine Taktlücke wäre auch nicht gut für das Bestreben der Gemeinde Göda, im Vorgriff auf eine wann auch immer erfolgende Elektrifi­zierung einen eigenen Pendlerinnen- und Pendler­parkplatz anzubieten, gar mit Auflade­möglich­keit für Teslas Boliden. Aber die eine wie die andere Verstromung ist im Moment Zukunftsmusik.