Bahnhofsbild.
Der Bahnhof in Seitschen
Walter Kuhl
Der Bahnhof von Seitschen.
Der Bahnhof.
Ein Schuppen am Bahnhof von Seitschen.
Ein Schuppen.
Die Bahnhofsrestauration.
Die Bahnhofsrestauration.
Bewegung im Bahnhof.
Auf der Durchreise.
Alte Ansicht.
Wie es einmal war.

Der Bahnhof in Seitschen.

1846 eröff­nete die Säch­sisch-Schlesi­sche Eisen­bahn­gesell­schaft die Station Seitschen (sorbisch: Žičeń) an der Strecke von Dresden nach Gör­litz. 160 Jahre später ver­ließ der letzte Fahr­dienst­leiter das Stations­ge­bäude, einige Jahre später wurde es auf einer Auktion in Dresden ver­steigert.

Was 2024 so alles geschieht

Eine subjektive Bestands­aufnahme

Das von den Verkehrs­verbünden VVO und ZVON betriebene Ostsachsen­netz II war auch 2023 in ständiger Bewegung. Davon handelt diese Seite. Und sonst: es fahren natürlich auch Züge, die ab und an auf meiner Sichtungsseite verewigt werden.

Diese Seite wird nach und nach ergänzt werden.

»»  Fortsetzung von: Was 2023 so alles geschah.

»»  Der aktuelle Regel­fahrplan als PDF auf bahnhof.de.

»»  Ein eventuell wegen Baustellen oder aus anderen Gründen geänderter Fahrplan als PDF auf bahnhof.de. Diese Änderungs­fahrpläne können erfahrungs­gemäß Fehler enthalten.

Eine Taufe

Im Januar bestreikte die Gewerkschaft der Lokführer GDL zweimal die Deutsche Bahn. Während selbige bei den wenigen ver­bliebenen Zugver­bindungen einen neuen positiven Pünktlich­keitsrekord einfahren konnte, rollte der Verkehr auf dem von der Länderbahn betriebenen Ost­sachsennetz relativ reibungs­los. Die Netinera als Dach­konzern u.a. des Trilex hatte schon im Dezember einen Tarif­vertrag mit der GDL ausgehandelt.

Am 22. Januar blieb ein LKW, nachdem er einen Bahn­übergang bei Löbau passiert hatte, in einer Schneewehe stecken. Dann ging das Blinklicht an und die Schranken senkten sich. Zwar befand sich das Fahrzeug nicht mehr im Lichtraum­profil der Eisenbahn, aber noch im Senk­bereich der Schranken. Diese blieb am LKW hängen und schloß nicht voll­ständig. Ein solcher Vorfall ist im Betriebs­dienst der Eisenbahn wohl nicht vor­gesehen. Die Triebwagen hatten aufgrund des ausge­lösten roten Warn­blinklichts wohl freie Fahrt signalisiert erhalten und fuhren wohl zunächst auch an der Unfallstelle vorbei. Das hätte auch schief­gehen können. Einzelne Triebwagen aus Görlitz wurden anschließend mit einer Ver­spätung von bis zu vierzig Minuten angezeigt. Die Infor­mationen auf der Trilex-Webseite paßten zu diesem kuriosen Unfall. Zunächst hieß es dort „Reparatur an einem Zug“ dann wurde richtig ein „Unfall an einem Bahn­übergang“ kommuniziert, schließlich aber einigte man sich auf den Sprach­gebrauch „Beeinträch­tigung durch Vandalismus“. So etwas gibt es nur in der Ober­lausitz. Weiß­gezuckerte Vandalen. 

Am 29. Januar gab es in Sohland ein Bürger- und Bahnhofs­fest. Anlaß war der Mitte Dezember eingeführte (Bedarfs-) Halt eines jeden Regional­expresses im Dorf an der Spree. Der Fahrplan hatte genügend Luft erhalten, um einen Zusatzhalt unter­zubringen. Ein durch­kommender Trilex-Triebwagen wurde angehalten und mit Sekt besprüht. Das Logo von „Sohland a. d. Spree„ hatte Trilex 642 307 schon mitgebracht. Da es sich um einen regulären Zug handelte, fuhr er bald schon wieder weiter, um den Fahrplan nicht allzusehr durcheinander­zubringen. Natürlich feierten sich die Vertreter des ZVON, der Länderbahn und der Gemeinde Sohland ein bißchen für das Zustande­kommen des neuen Bedarfs­haltes.

Desiro.

Ich war nicht nach Sohland gefahren, um in der Menge ein halbwegs vernünftiges Begrüßungs­bild zu chippen. Daher paßte ich den Triebwagen mit dem Sohlander Wappen am 31. Januar in Seitschen ab.

Auf der Trilex-Webseite wurde vorab für das Bahnhofs­fest geworben. Da der zu taufende Triebwagen wohl noch nicht beklebt worden war, wurde eine Aufnahme mit 642 313 vom Juni 2022 raus­gekramt und per Bild­manipulations­programm mit dem Sohlander Wappen verziert.

Nach dem Streik ist vor dem Streik. Erst streikten die Lokführer, dann wollten die in ver.di organisierten Bus­fahrer und Straßenbahn­fahrerinnen mit einem Warnstreik ihre inflations­geschädigten Löhne und Gehälter aufbessern. Die „Sächsische Zeitung“ fiel hierbei durch besonders gewieften Qualitäts­journalismus auf. Zunächst behauptete sie, die Ober­lausitz werde nicht bestreikt, um dann zurück­rudern zu müssen. Weshalb die Zeitung nicht in der Lage war, die Sachlage vorab zu recher­chieren, ohne Unfug zu verbreiten, verriet sie uns nicht. Vielleicht hatte als Sparmaßnahme am seriösen Journalis­mus eine künst­liche Intelligenz die Redaktion über­nommen. Am 2. Februar fielen jedenfalls jede Menge Busse aus, auch im o­stlichsten Sachsen. Dem Ganzen setzte der Kommen­tator dieses Blattes die Krone auf, als er nicht etwa die hals­starrige Deutsche Bahn dazu aufrief, dem Beispiel der Netinera und anderen privaten Unter­nehmern zu folgen. Statt­dessen forderte er von den Kolleginnen und Kollegen der GDL Vernunft, Verzicht aufs Streiken und kuschel­weiche Schlichtungs­bereit­schaft. So ist das eben, wenn ein ausge­rechnet zu Bertels­mann gehörendes Kapitalisten­blatt ins Geschehen eingreift. Besser hätten dies Porsche­fahrer Christian Lindner, sein Partei­freund und zuständiger Verkehrs­minister Volker Wissing sowie der ein­schlägig vorbe­lastete Heu­schrecken­freund Friedrich Merz auch nicht aus­drücken können. 

Am späten Nach­mittag des 16. Februar ver­anstaltete die Dresdner Polizei eine Übung und sperrte den Bahnhof Neustadt ab. In der Folge hatten viele Züge zum Teil heftige Ver­spätungen oder fielen gleich aus. Anlaß dieser Panik­attacke war ein nicht zuzu­ordnendes Gepäck­stück. Wenn nicht „der Russe“ vor der Haustür steht und unsere Sicher­heit bedroht, dann ist es seit dem 11. Sep­tember 2001 der gesichts­lose Muslim. Nur einmal kurz nach­gefragt: in wievielen der seither aber­hundert geöffneten, gesprengten oder auch nur ver­dächtigten Koffer fand sich Spreng­stoff oder gar eine Bombe? In bislang keinem? Na sowas. 

Am 17. Februar schlug die Künstliche Nicht-Intelligenz der „Sächsischen“ zu und hallu­zinierte:

„An diesen beiden Tagen [geneint waren der 21. und der 22. Februar WK] fährt auch zwischen Bischofs­werda und Bautzen Schienen­ersatz­verkehr, weil die Strecke zwischen Arnsdorf und Bautzen zwischen 10 und 16 Uhr ebenfalls wegen Baum­arbeiten gesperrt ist.“

Während der erste Teil des Satzes noch stimmt, ist der zweite einfach Quark. Tatsäch­lich wurde nur ein Gleis gesperrt, denn laut dem auf der Webseite des Trilex publizierten geänderten Fahrplan fuhren tagsüber durchaus Züge zwischen Bautzen und Schiebock, wenn auch mitunter zu leicht versetzten Zeiten. Drei Regional­expreßzüge von Dresden nach Görlitz erhielten sogar Zusatz­halte in Demitz-Thumitz und Seitschen spendiert, weil die sonst vorher fahrenden Regional­bahnen ausfallen sollten. Die KI war offen­sichtlich damit voll­kommen über­fordert, Presse­mitteilungen und zugehörige Fahrpläne lesen und auch verstehen zu können. Woher soll sie auch wissen, daß, wenn das eine Gleis zwischen Schiebock und Neukirch gesperrt ist, auch die Strecke gesperrt ist, aber zwischen Schiebock und Bautzen zwei Gleise liegen und deshalb die Strecke nicht gesperrt ist? Qualitäts­journalismus halt. 

Fahrplanauszug.

Auszug aus dem Fahrplan für den 21. und 22. Februar. Nicht gut lesbar, aber auch das Original-PDF bedurfte einer Lupe. Wir sehen gelb die SEV-Kurse und blau die leicht ver­änderten Fahr­zeiten der Regional­expresse mit Zusatz­halten in Demitz und Seitschen.

Am 19. Februar legte die „Sächsische“ nach. Die Informa­tionen zur Sperrung oder Nicht-Sperrung wurden nicht besser. Aber wir erhielten eine genüß­liche Auf­listung der Unfälle oder Beinahe-Unfälle aufgrund von Bäumen im Gleis. Die Zeitung schwadro­nierte etwas von Klima­wandel, Regen und Trocken­heit, und dann zierte den Artikel ein Bild eines Trilex-Trieb­wagens, der in das Geäst eines Bonsais gefahren war. Damit kommen wir der Sache näher, aber der kluge Redakteur hatte sein Gehirn nicht aus­reichend einge­schaltet und mitge­dacht. Denn dieses kleine Bäumchen im Bild wäre noch vor zehn, zwanzig Jahren von den auf hiesiger Strecke eingesetzten Diesel­lokomotiven einfach weg­gefegt oder zer­trümmert worden. Trieb­wagen hingegen sind anders beschaffen. Ich nenne sie ja despek­tierlich „Plastik­schachteln“; und selbige Schachteln verfransen sich leichter im Geäst eines Bonsais als beispiels­weise eine Ludmilla. Zudem hätte der Redakteur durchaus darauf hinweisen können, daß einstens Dampf­lokomotiven zum Einsatz kamen, die wesentlich breitere Brand­schutz­streifen benötigt haben. Da wuchs eben kein Baum, der heute eine Schachtel belästigt. Trieb­wagen sind politisch gewollt. Verant­wortlich für die damit eingehende höhere Unfall­gefahr ist somit der Besteller und nicht etwa die Deutsche Bahn. Zugegeben, sie hat aus Gründen eines anvisierten Börsen­gangs die Pflege der nicht mehr benötigten Brand­schutz­streifen schleifen lassen. Aber ein Trieb­wagen ist ein Leicht­fahrzeug und kein Brummi. Da passiert sowas eben. Anderer­seits: die Bahn kassiert Trassen­gebühren, weiß daß da Schachteln fahren, und hat somit Vor­kehrungen zu treffen. Vor­kehrungen, nicht Nach­arbeiten.

Der Artikel ist auch sonst eine Perle. Allen Ernstes wiederkäut der Redakteur die Aus­führungen der Deutschen Bahn. Sie über­wache mit ihren Drohnen aus dem Weltraum den Pflege­zustand der entwurzelten Bonsais. Man nutze künstliche Intelligenz. Das muß heute sein. Ohne künstliche Intelligenz darf nichts mehr stattfinden. Ein buzzword. So wie noch kürzlich Blockchain und die Cloud, doch die sind schon wieder out. Dabei wäre es doch ein interes­santes Experiment, die leicht umfallenden Holz­stämmchen mit der Blockchain zu digitali­sieren und sie danach in die Cloud hoch­zuladen. „Um die Qualität der Satelliten­daten zu sichern, finden vor Ort zusätz­liche Feld­begehungen mit den DB-Forst­experten statt“, so das Bahnsprech. Echt jetzt? Echte Experten ohne künstliche Intelligenz? Das kann ja heiter werden. 

Vollpfosten

Ich gebe es unumwunden zu. Ich habe einen Hang zu Ironie und Sarkasmus. Leider hilft mir die Realität nicht, von diesem Laster zu lassen. Im Gegenteil – du denkst, das werden die diesmal doch wohl hinbe­kommen, und dann kommt es schlimmer als gedacht.

Kurz vor Beginn der Baumarbeiten, und nicht etwa der Bauarbeiten, kamen die Beauftragten der Deutschen Bahn in Seitschen vorbei und hängten den passenden Bonsai­fahrplan auf. Ich weiß ja nicht, wer diesen Aushang­fahrplan entworfen hat. Ein Mensch kann das nicht gewesen sein. So bescheuert kann keine und niemand in diesem politisch gewollt herunter­gewirtschafteten Laden sein. Folglich muß es die allseits beliebte künstliche Intelligenz gewesen sein. Schauen wir uns das Wunderwerk doch etwas genauer an.

Fahrplanaushang.

Oberer Teil des Fahrplan­aushangs im Bahnsteig­schau­kasten.

Zunächst einmal wird uns mitgeteilt, dieser Fahrplan gelte vom 13. Februar bis zum 13. März 2024. Der Sinn dieser Angabe kann nur sein, die Reisenden gezielt zu verwirren, denn tatsäch­lich gelten die Angaben nur an vier Tagen, und zwar am 21., am 22., am 24. und am 28. Februar . Dies muß der Pendler oder die Fahrgästin dann im Klein­gedruckten selbst heraus­finden. Sodann werden Fahrplan­änderungen, „geänderte Fahr­tage“ und „neue Züge“ kommuniziert. Nun ändern sich nicht die Tage, sondern es gibt Tage, da fallen einzelne Züge schlicht aus! Wie nicht anders zu erwarten, hat diesen verquasten Quatsch keine und niemand ver­standen, so daß ich am 21. Februar um 12:49 Uhr (hier nicht abgebildet, aber anlog zu 14:49 Uhr) dem erstaunten Reisenden mitteilen mußte, daß a) sein Zug erst in rund zwanzig Minuten und b) auf dem anderen Bahnsteig erscheinen werde. Denn es ist ja so: ein Gleis war wegen Baum­arbeiten gesperrt, und welches das sein solle, hat die Deutsche Bahn vor­sorglich keiner und niemandem verraten. Deshalb werden im Aushang auch beide Gleise aufgeführt. Vermutlich haben wieder einmal zwei Abtei­lungen des Konzerns nicht mit­einander geredet, so daß die Fahrplan-KI dachte, nach Bautzen gehe es wie immer auf Gleis 2. Dabei fuhren am 21. Februar zwischen 10 und 16 Uhr alle haltenden und durch­fahrenden Bummel- und Expreßzüge auf Gleis 1!

Zwei Desiros.

Der Regional­expreß nach Görlitz, hält als „neuer Zug“ um 15:09 Uhr, und zwar auf Gleis 1.

Hier kommen die „neuen Züge“ ins Spiel, die zwar auch sonst fahren, aber aus gegebenem Anlaß bei Bedarf um 11:09 Uhr, 13:09 Uhr und 15:09 Uhr anhalten sollten, um die schon seit zwanzig Minuten wartenden Reisenden mitzunehmen. Am 21. Februar scheint der Fahrer (oder die Fahrerin) des erst­genannten Expresses nicht richtig gebrieft worden zu sein, denn er (oder sie) rauschte wie gewohnt full speed durch Seitschen.

Selbstverständlich wurden unsere Fahrgäst­innen und Fahr­gäste, die an Gleis 2 auf ihren Zug warteten, vor Ort weder durch Laut­sprecher­durchsagen noch durch das Informations­display auf das geänderte Gleis hinge­wiesen. Wozu auch? Wenn das Gleis ohnehin gesperrt ist. warten da ja per definitionem keine Menschen, die zu informieren wären. Woher soll die Info­abteilung Quäke und Display auch wissen, was die Info­abteilung Aushang verzapft hat?

Und wer sagt dann den Wartenden, wohin sie sich zu begeben haben und wann ihr Zug denn zu erscheinen gedenkt – wenn es nicht der Schienen­ersatzbus ist? Die unbezahlte Hilfs­kraft der Vollpfosten­bahn am heimischen Bahnsteig. Ich sollte meinen Service der neuen InfraGo der Deutschen Bahn in Rechnung stellen. Diese neue Tochter­gesellschaft der Deutschen Bahn vereinigt seit dem 1. Januar die bisher getrennten Sparten Netz und Station und Service. Auf der Webseite dieses neu aufge­stellten Unter­nehmens heißt es (im Klein­gedruckten der Webseite): „Die DB InfraGO AG, das Tochter­unter­nehmen der Deutschen Bahn ab 2024, setzt neue Standards in der effizienten und klima­freundlichen Gestaltung der Eisenbahn­infrastruktur.“ So kann man (und frau) das auch sehen. Neue Standards – etwa diese?:

Dann schauen wir uns den Aushang noch einmal an. Da gibt es nämlich noch weitere „neue Züge“, hier zum Beispiel um 14:34 und um 15:17 Uhr. Dies sind die Busse des Schienen­ersatz­verkehrs. Die natür­lich nicht an Gleis 2 oder an Gleis 1 gehalten haben, wie es die künst­liche Intelligenz hallu­zinierte, sondern rund zwei­hundert Meter weiter an der Haupt­straße. Folge­richtig wartete eine Pendlerin, die am 21. Februar nach Bautzen wollte, am Bahnsteig auf ihren Bus. Auch ihr konnte geholfen werden.

Ersatzbus.

Neu ist auch dieser Zug, der um 15:17 Uhr auf Gleis 1 vor­fahren sollte. Zum Glück war der Busfahrer klüger als die künst­liche Intelligenz und blieb auf der Straße. Hier kommt er von Bautzen über Brösang und biegt gleich nach Seitschen ab. Der Bus war am 21. Februar gut besetzt.

Ganz am Ende des Fahrplan­aushangs (und deshalb in Bild 4 nicht sichtbar) findet siich der Satz: „Bitte beachten Sie, dass die Halte­stellen des Ersatz­verkehrs nicht immer direkt an den jeweiligen Bahn­höfen liegen.“ Wie wahr! Wenn dann vermerkt worden wäre, welche „Züge“ zum Ersatz­verkehr gehören, würde dieser Satz sogar einen Sinn ergeben. So hingegen … 

Fassen wir zusammen

Der Aushangfahrplan enthielt sechs grobe Fehler.

  • Der Geltungs­zeitraum war falsch angegeben.
  • Der Schalttag am 29. Februar wurde vergessen.
  • Die Gleisangaben waren zu einem Großteil unzutreffend.
  • Die „verlegten Fahrtage“ waren Zugausfälle.
  • Die Zusazuhalte vorhandener Expreßzüge wurden als neue Züge bezeichnet.
  • Die SEV-Busse wurden als Züge ausgegeben, die am Bahnsteig halten sollten.
Expertentip

Wie solch ein Aushang aussehen könnte, um verständ­lich und inhaltlich richtig zu sein:

Alle Informationen werden in gut lesbarer Schrift­größe serviert.

„Am Mittoch, 21. Februar, Donners­tag, 22. Februar, Mittwoch, 28. Februar, und Donnerstag, 29. Februar, fallen die Züge um [Uhrzeiten] in Richtung Bautzen / Görlitz und um [Uhrzeiten] in Richtung Bischofs­werda / Dresden aus. Sie werden entweder durch Busse des Schienen­ersatz­verkehrs oder durch nach­folgende Halte eines Regional­express-Zuges ersetzt. Und zwar [dann folgt die nicht allzu lange Liste mit den Ersatz­leistungen; Busse farblich hervor­heben].

An diesen vier Tagen verkehren zwischen 10 und 16 Uhr alle Züge auf Gleis 1.

Die Busse des Schienen­ersatz­verkehrs halten an der Schulbus­halte­stelle auf der Haupt­straße.

Am Samstag, 24. Februar, wird der Dresdener Haupt­bahnhof voll gesperrt. Daher enden an diesem Tag alle nach Dresden ver­kehrenden Züge in Dresden-Neustadt. Dies gilt auch für den Nachtzug vom 24. auf den 25. Februar um 0:01 Uhr. Zur Weiter­fahrt zum Dresdener Haupt­bahnhof gibt es dort die eigens einge­richteten Straßen­bahn­linien 25 und 26.

Bitte planen Sie für das Umsteigen in Dresden vorsorg­lich einige Minuten Ver­spätung für Ihre Weiterreise ein.“

Ist doch eigentlich einfach, oder? Viel zu einfach. Das kriegen die nie hin.

Es ging in diesem Stil weiter. Am 28. Februar warteten drei junge Mädchen und ein älterer Herr mit Schwer­behinderten­ausweis auf den zum Halt ver­pflichteten Regional­expreß um 15:09 Uhr. Dieser hatte einige Minuten Verspätung und dessen Fahrer oder Fahrerin dachte sich wohl, die Ver­spätung unbedingt aufholen zu müssen. Der Zug bretterte einfach durch und erschreckte zusätzlich die korrekt an der Bahnsteig­kante Wartenden durch einen energischen Achtungs­pfiff. Der ältere Herr war auf dem Weg nach Görlitz, besaß ein gültiges Sachsen­ticket und war nach eigener Angabe aus dem vorherigen Zug aus mir unbe­kanntem Grund heraus­geworfen worden. Aufgrund von mehreren unliebsamen Vorkomm­nissen mit derart in die Pampa Expedierten habe ich im Juli 2017 die Zusage eines Länderbahn-Verant­wortlichen erhalten, daß an den kleinen Stationen wie Seitschen keine und niemand mehr heraus­geworfen wird. Dem Personal scheint dies nicht bekannt, bekannt gemacht oder egal zu sein. Jedenfalls: die drei Kinder durften mit ihm weitere vierzig Minuten bei 4 Grad Kälte ausharren.

Direkt nach den Arbeiten am 21./22. Februar stellte die Länderbahn einen weiteren Bonsai­fahrplan auf ihre Webseite. Dieser sollte für den 28. und den 29. Februar gelten, also Mittwoch und Donners­tag. Davon wußten die Künstliche Intelligenz und der von ihr verzapfte Aushang jedoch nichts. Vielleicht war der Schalttag in der verwendeten Fahrplan-Erstellungs-Software nicht vorgesehen . Auch die Sächsische Zeitung hatte nichts recherchiert. Die Folge:

Um 13:48 Uhr wollten am 29. Februar zwei junge Schulkinder mit dem Zug nach Bautzen fahren. Sie warteten an Gleis 2. Da, wie ich schon ausge­führt habe, dort per definitionem wegen Gleis­sperrung kein Zug halten würde, wurde auf den Hinweis mit Laufschrift und Ansage, sich nach Gleis 1 zu begeben, bequemer­weise verzichtet. Erstaunt sahen die beiden Kinder ihren Zug an Gleis 1 an sich vorbei­fahren. Sie durften in der windigen Kälte auf den nächsten Zug warten. Woher sollten die beiden Kinder auch wissen, wo ihr Zug fährt? Der offiziell aus­hängende Ersatz­fahrplan galt an diesem Tag nicht und weitere Informationen wurden ihnen gezielt vorent­halten. Ja, ihre Eltern hätten auf der Trilex-Webseite vorab nach­schauen können. Da waren Fahrzeiten, Halte und Gleise richtig angegeben. Aber das ist nicht der Job der Eltern, sondern der Job der Deutschen Voll­pfostenbahn. Bringschuld, nicht Holschuld.

Und überhaupt. Was nutzt es, alle paar Minuten auf die Aktual­isierung der Live­fahrpläne zu klicken (als hätten wir nichts Sinn­volleres zu tun), wenn sie dann, wenn frau oder man sie wirklich braucht, nicht aktualisiert werden. Ich habe zu den Gescheh­nissen der vergangenen Jahre immer wieder auf den Murks hinge­wiesen, der bisweilen online verkündet wird .

Zum Beispiel

In der Nacht vom 5. zum 6. März begannen die angekündigten Brücken­arbeiten zwischen Bautzen und Bischofs­werda. Wie bei allen vorherigen eingleisigen Sperrungen fuhren auch diesmal am ersten Tag dieser Maßnahme Züge mit erheblicher Verspätung. Darauf kann frau und man sich geradezu einstellen, das passiert jedes Mal. Fahrpläne sind halt auch nur unverbind­liche Handlungs­anweisungen.

Um 10:50 Uhr durcheilte auf Gleis 2 ein um 20 Minuten verspäteter Regional­expreß nach Dresden Seitschen. Zum selben Zeitpunkt hätte eigentlich die Regional­bahn nach Görlitz durch­kommen sollen. Diese wurde auf der Trilex-Webseite für Seitschen schon gar nicht mehr aufgeführt und in Bautzen als „pünktlich“ vermeldet. Dabei hatte sie Bischofs­werda noch gar nicht verlassen können, weil sie ja auf der eingleisig gemachten Strecke auf den Gegenzug warten mußte. Sie kam dann auch mit 18 Minuten Verspätung an. Pünktlich.

So sieht die bittere Realität aus, wenn wir aufgefordert werden, die heile digitale Welt der Online-Information aufzusuchen.

Erfahrungs­berichte aus anderen Regionen dieses mit Boni und Dividenden herunter­gewirtschafteten Landes zeigen, wie krass es wirklich ausschaut. Ein hübsches zeitnahes Beispiel war der Schienen­ersatz­verkehr der Deutschen Bahn während der ersten Etappe ihrer Riedbahn-Sperrung zwischen Frankfurt und Mannheim im Januar. Hierzu schrieb die Frankfurter Rundschau: „Bein Ersatz­verkehr zur Riedbahn­sperrung waren Infos für die Fahr­gäste schwer zu bekommen.“ Nun war dies auch eine gewaltige Aufgabe. Mehr als dreihundert Zugfahrten waren täglich durch mehr als eintausend Bus­fahrten zu ersetzen. Das Ersatzbus­linien­konzept mag zwar ausgefeilt gewesen sein, aber zu verwirrend für die Fahrgäst­innen und auch für die kaum bis gar nicht Deutsch sprechenden Busfahrer. Expreßbusse fuhren statt auf der Autobahn über die Dörfer auf Straßen, die viel zu eng waren und aus denen sie von Fahrgästen wieder heraus­gelotst werden mußten. Einer schaffte es, als Falsch­fahrer auf der Autobahn zu landen. Nichts gegen die Kollegen, die hier heran­gekarrt wurden. Sie waren Opfer einer unter­irdischen Logistik mit beschränkter Einweisung und Betreuung. 

Insofern können wir in der Oberlausitz noch auf hohem Niveau jammern. Aber es ist ein hohes Niveau, welches der Mindest­standard sein sollte. Überall. Ihn gilt es zu ver­teidigen, denn sonst glauben die Damen und Herren in ihren warmen Büros, sich alles erlauben zu können.

Der Regional­expreß, der am 29. Februar um 15:09 Uhr hätte halten sollen, hatte wie am Vortag fünf Minuten Verspätung. Hätte er angehalten, hätte sich die Familie mit ihren zwei kleinen Kindern nicht beschwert. Statt dessen bretterte er (wie am Vortag) durch und ließ verärgert seine Hupe gegenüber den anmaßend unter der Bahnsteig­überdachung Wartenden ertönen. Die Einweisung durch die Länderbahn scheint auch nichts getaugt zu haben. Denn eigentlich sollten die Fahrerinnen und Fahrer doch ihre eigenen Fahrpläne verstehen können, oder?

Immerhin können wir festhalten: es wurden Bäume gefällt. Dies war wohl das einzige, was funktioniert hat.

Dumpfe Gewalt

Kaum war am 29. Februar um 16 Uhr wieder der Regel­fahrplan in Kraft, waren am Bahnhofs­gebäude zwei schwere dumpfe Schläge zu hören. Als ich nach­schaute, war eine Fenster­scheibe zer­trümmert und das Fenster ausgehebelt. Dies ist nun das vierte Mal in sieben­einhalb Jahren, daß beim Versuch, in das Gebäude einzubrechen, ein Fenster einge­schlagen wurde. Jedes Mal war zuvor jemand aus einem Trilex-Zug heraus­gesetzt worden.

Zertrümmertes Fenster.

Das zertrümmerte Fenster am Tag danach, inseitig erst einmal mit einer Holzplatte abgesichert. Davor das corpus delicti.

Die Zusage, Menschen ohne gültigen Fahr­ausweis oder ohne Fahrgeld nur noch in Bischofs­werda oder Bautzen an die zuständige Bundes­polizei übergeben zu wollen, stand sogar in der Sächsischen Zeitung. Im Bild sehen wir das Resultat einer solchen Zusage. Da suchte jemand Wärme, wohl auch Trinkstoff und womöglich auch mehr.

Es war noch hell. Die herbei gerufene Bundes­polizei traf im Warte­häuschen einen Mann an. Die beiden Beamten und die Beamtin verhielten sich vorbildlich. Sie sprachen den Mann ruhig an und stellten fest, daß er unterkühlt, eingenässt und wohl auch alkoholisiert war. Sie riefen sofort einen Sanitäts­wagen herbei. Dabei blieben sie immer freundlich. Natürlich wollten sie von ihm wissen, was er gesehen hat, und er erzählte eine nicht wirklich glaub­würdige Geschichte. Er sagte zudem aus, er sei aus einem Trilex ausge­wiesen worden. Vielleicht mangels Kleingelds, vielleicht auch wegen seines Alkohol­pegels. Jedenfalls hat sich das Personal hier einer Person auf Kosten der damit konfrontierten Umgebung entledigt.

Das kennen wir in Seitschen zur genüge. Und es ist nicht einmal so, daß man oder frau „schwarz“ fahren muß, um gezielt in der hiesigen „Pampa“ ausgesetzt zu werden. Manchmal reicht auch ein Mißver­ständnis.

Da war eine junge Frau von knapp über 20, die mit ihrer Mutter und ihrem vier­jährigen Sohn in Bischofs­werda einen Arzt aufgesucht hatte. Ihr Ehemann war im Bürger­krieg in Afghanistan umgebracht worden und sie aus gutem Grund vor den Taliban geflohen. Es war Winter und bitter kalt. Sie war für die Rückfahrt zu ihrer Unterkunft in Sohland in den falschen Zug eingestiegen. Bei der Kontrolle hinter Demitz fiel das auf. Nun hätte das Personal sehen können, gültige Fahrkarte, falscher Zug, das regeln wir. Das Personal hätte die drei nach Bautzen mitnehmen können, wo es gewärmte Räume gibt, und dem Gegenzug sagen können, nehmt sie mit und setzt sie in den richtigen Zug. Das wäre vorbildich gewesen. Statt dessen wurden die drei bar jeglicher Deutsch­kenntnisse in der Pampa von Seitschen ausgesetzt, wo sie dann anderthalb Stunden frieren durften, bis ein Zug zurück nach Bischofs­werda kam. Zum Glück hatten sie ein Handy dabei. So konnte ich mit der Betreuerin in der Sohlander Unterkunft abklären, daß ich die drei nach Bischofs­werda auf den richtigen Zug bringen werde. Die unbezahlte Hilfskraft mal wieder.

Da war der junge Afghane, der mit einer gültigen Fahrkarte (ich habe sie mir genau angeschaut) von Löbau unterwegs nach Dresden war. Keiner hatte ihm gesagt, daß und wie er in Bischofs­werda umsteigen muß. So blieb er im Zug sitzen und wartete die Weiterfahrt ab. Dummerweise fuhr dieser Triebwagen der ODEG bald darauf wieder zurück nach Görlitz. Bei der Kontrolle fiel er auf und wurde in Seitschen des Zuges verwiesen. Da stand er nun. Ich versuchte, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Er sprach weder Deutsch noch Englisch. Die Länderbahn hatte damals ein Faltblatt im Zug ausgelegt, mit dem man auf einzelne Sätze und die jeweiliege Übersetzung in mehreren Sprachen zeigen konnte. Das hätte vielleicht geholfen. Doch er konnte auch in seiner eigenen Sprache weder lesen noch schreiben. Irgendwie habe ich versucht ihm klarzu­machen, daß er in den nächsten Zug einsteigen soll, der nach Dresden durchfährt. Ich würde das mit der Zugbegleiterin bzw. dem Zugbegleiter regeln. Er wollte nicht. Er hatte richtig Angst vor diesem Personal. Da ging er lieber zu Fuß zur vier Kilometer entfenten Haupt­straße, um von dort irgendwie weiter­zukommen.

Da war ein Libanese, der nach Berlin wollte, aber irgendwie im Zug nach Görlitz saß. Endstation Seitschen, wo auch sonst? In einer Art von Überlebens­ökonomie fand er einen leeren offenen Stall, aber immerhin mit Dach über dem Kopf. Er suchte sich nasses Holz zusammen und machte sich in diesem Stall ein wärmendes Feuer. Er fand in einem Neben­gebäude eine Regentonne und einen Plastikeimer und nahm sie mit, um sich aus der abgerissenen Regenrinne des ehemaligen Restaurations­gebäudes Wasch- und Trinkwasser zu sammeln. Hier war es jemand aus der Seitschener Bahnhofs­siedlung mit ihren rund zwanzig Häusern, der ihm einen Zwanziger in die Hand drückte, damit er wenigstens zurück nach Dresden oder weiter nach Görlitz fahren konnte.

Da war der junge Mann, der in der nächtlichen Winterkälte raus­geworfen wurde und sich in der Bahnhofs­unterführung ein Feuerchen machte. Der Fahrer (oder die Fahrerin) des Frühzuges nach Dresden bemerkte den Rauch und rief die Polizei. Das hätte frau oder man auch einfacher haben können.

Da war ein deutscher Treber, der mit seinem Fahrrad und seinem Hausrat in Seitschen gestrandet wurde. In seiner Not versuchte er, mir Teile seines Hausrats gegen Bares aufzuschwatzen. Da war ein anderer Treber, der in der Nacht angekommen wurde; und ich mußte dann aufgrund seiner Bitte die Sanis rufen, die nicht wirklich begeistert waren, daß sie nun das Problem der Länderbahn lösen durften.

Da war ein Pole, der mit seinem Gepäck in der Siedlung ziemlich planlos herumirrte und auch nicht weiter wußte. Irgendwer hat ihm dann Geld zugesteckt, damit er nach Hause gelangen konnte. Da war ein anderer Pole, der ebenfalls in einer kalten Winternacht rausgeworfen wurde. Um Mitternacht ist es hier außerhalb der Bahn­anlagen stockdunkel. Du siehst wirklich nichts. Und dann stolperte er auf der Suche nach einem trockenen und warmen Über­nachtungs­platz durch das Gelände und fiel in einen zugefrorenen Pool. Wer durfte sich dann um ihn kümmern? Gewiß nicht das Personal, das ihn losgeworden war.

Undsoweiter. Die Seitschenerinnen und Seitschener können noch ganz andere Geschichten erzählen. Es geschieht einfach zu oft. Zum Glück handelt es sich bei den aller­meisten hier Gestandeten um freundliche und friedliche Zeit­genossen, egal ob sie aus Afghanistan, Polen oder Deutsch­land stammen. Alle paar Monate ist dann aber einer dabei, der uns Probleme bereitet. Ohnehin ist es immer wieder so gewesen, daß die Bewohner­innen und Bewohner der kleinen Bahnhofs­siedlung die Weiterfahrt organisieren und finanzieren. Das Personal der Länder­bahn sagt sich, nur raus mit den Leuten, und was danach geschieht, ist nicht unser Problem. Nein, es wird zu unserem Problem gemacht. Vier kaputte Scheiben kosten auch Geld, das von denen, die sie eingeworfen haben, ohnehin nicht einzutreiben ist.

Kaum habe ich das geschrieben, stehen die nächsten Raus­geworfenen am Bahnsteig. Diesmal sind es zwei freundliche Flüchtlings­kinder aus der arabischen Welt, 16 und 17 Jahre alt. So, wie die beiden aussahen, waren das etwas zu groß geratene Kinder. Sie waren auf dem Weg zu ihrer Unterkunft in der Nähe von Leipzig und hatten, nun ja, Kinder halt, kein Geld. Warum zum Teufel werden sie am Sonntag­abend in der Dunkelheit ausge­rechnet in Seitschen rausge­schmissen? Unsäglich. Zumal –

„Bei der Entscheidung, wer den Zug verlassen muss, reagieren die Zug­begleiter sensibel, versichert Jörg Puch­müller [von der Länderbahn]. Ältere und gebrechliche Menschen, aber auch Kinder werde keiner vor die Zugtür setzen.“

Quod erat demonstrandum. – Halte­punkte weitab jeglicher Zivilisation (Einkaufen, Pension, Gaststätte etc.) gibt es noch mehr. Weickers­dorf zum Beispiel. Dort wurde ein Mann aus Köln mitsamt Koffern und Reise­tasche im Juni 2017 ausgesetzt. Die Personale verständigten sich unter­einander, ihn nicht wieder einsteigen zu lassen. Fast einen Tag lang mußte er dort ausharren und nächtigen, bis die örtliche Bevölke­rung die Polizei um Hilfe bat. Dieser Kölner war einer der fried­lichen Sorte. Aber auch in Weickers­dorf schauen die Bewohner­innen und Bewohner fast schon resigniert zu, wie ihnen die Menschen aus dem Zug zugekullert werden. 

Ich lese immer wieder stories über zunehmende Gewalt gegenüber dem Zug­personal. Das mag so sein. Aber es ist nicht die Regel. Und es sollte nicht zu der Regel führen, Leute einfach zu Lasten Dritter zu entsorgen, anstatt sie, wenn es denn überhaupt sein muß, der zuständigen Bundes­polizei zu übergeben. Ja, aber die Schwarz­fahrer! Die betrügen die ehrlichen Zahlenden. Really? Welcher Schaden wird exakt in Euro und Cent angerichtet, wenn eine oder jemand zusätzlich in einem ohnehin fahrenden Zug oder Bus für lau mitfährt? Das hätte ich ja doch gerne einmal ausge­rechnet bekommen.

Die Bahnstrecke von Dresden nach Görlitz ist ein wichtiger Korridor für Menschen aus Osteuropa. Wenn sie versuchen, sich ohne Geld durch­zuschlagen, dann hat dies auch etwas mit den materiellen Bedingungen in ihrer Heimat und hierzulande zu tun. In Deutsch­land werden osteuropäische Bauarbeiter und Lohn­kutscher systematisch um ihren verdienten Lohn geprellt. Man kann sich nicht einfach der Erkenntnis verschließen, daß ein europäischer Binnenmarkt seine asozialen Schatten­seiten mit sich bringt. Zur Klar­stellung: asozial sind nicht die Betroffenen, sondern die Zustände, denen sie unterworfen sind.

Wenn also jemand aus Osteuropa in Seitschen aus dem Zug fliegt, was denkt ihr, was dann geschieht? Also abseits eingeworfener Scheiben. Wenn in Dresden bei einer Kontrolle in der Straßen­bahn jemand ohne Fahrschein angetroffen wird, ist die Fahrt zu Ende und er verliert sich anschließend im Grund­rauschen der Großstadt. In Seitschen ist diese Person konkret. Sie löst sich nicht einfach in Luft auf. Keiner wird die fünfzig Kilometer nach Dresden oder an die polnische Grenze zu Fuß tippeln. Obwohl, solche Spezialisten hatte ich hier auch schon gesehen. Die haben den kürzesten Weg genommen und sind auf den Schienen nach Bautzen gewandert. Nein, diese (meist) Männer steigen einfach in den nächsten Zug wieder ein. Was sollen sie auch sonst tun? Das bedeutet aber, daß ein mehr oder weniger deutliches Hinaus­komplimen­tieren das Problem nur verlagert und nicht löst. Ein therapeutischer oder pädagogischer Nutzen ist hiermit nicht verbunden.

Dieser grobe, für die Anlieger uner­freuliche und vermeidbare Unfug muß ein Ende haben!

Vielleicht wäre es endlich einmal an der Zeit, daß entlang der Strecke von Dresden und Görlitz zwischen den anliegenden Kommunen, Landräten, Verkehrs­unternehmen und Verkehrs­verbünden eine kooperative Lösung gefunden wird. Eine Lösung, die an den Menschen, die hier durchreisen, und an denen, die hier wohnen, orientiert ist und dadurch destruktives Folge­handeln wirkungs­voll verhindert. Das ist wohl auch zu einfach. Das schaffen die nie. Der Bürger­meister von Göda (und damit auch Seitschen) würde einen solchen Vorschlag sicher sofort unter­stützen. Nicht nur aus Eigen­interesse, sondern weil es sinnvoll ist.

Kein Streik bei der Länderbahn, doch sonst …

Die Länderbahn war Ende des Vorjahres die erste private Bahn­gesellschaft, die bereit war, gesell­schaftliche Realitäten als positive Heraus­forderung zu nehmen. Relativ geräuschlos verhandelte sie mit der GDL einen Tarifvertrag aus, der den Einstieg in die 45-Stunden-Woche beinhaltete. Dieser Vertrag wurde in ähnlicher Form sukzessive von mehr als zwei Dutzend privaten Betreibern über­nommen. Nur der Vorstand der Deutschen Bahn weigerte sich. Da dieser Betrieb noch im Eigentum der Bundes­repubik Deutsch­land ist, wäre es ein leichtes für den Bundes­verkehrsminister, hier einzugreifen. Da dies nicht geschieht, müssen wir davon ausgehen, daß eine treibende Kraft hinter der Blockade­haltung de Bahn­konzerns die derzeitige Bundes­regierung ist. Über die Gründe können wir nur spekulieren. Nach außen hin gibt sich Volker Wissing neutral, betont jedoch die Erwartung, daß verhandelt wird. Manchmal muß man (und Frau Lokführerin) einen ernsthaften Verhandlungs­willen jedoch erst erstreiken.

»»  Arno Luik als profunder Kenner der Deutschen Bahn hat zum Zustand dieser Gesellschaft und ihrer Verhandlungs­bereitschaft mit der Frankfurter Rundschau ein Interview geführt: „Wer die Bahn so ruiniert, kann sie nicht retten“

»»  Über die beiden Eisenbahn­gewerkschaften EVG und GDL hat Simon Zamora Martin mit zwei Gewerkschaftern aus beiden Organisationen gesprochen, die nicht gegen­einander, sondern zusammen­arbeiten: „Die Basis darf nur das Ergebnis abnicken“ 

Der Bahnverkehr auf den Trilex-Strecken sollte vom Streik am 7./8. März unberührt bleiben.

Am Mittag des 6. März hieß es jedoch:

„Dresden Hbf –> Zgorzelec: Großstörung. Fehlendes Stellwerks­personal: Aufgrund eines nicht besetzten Stellwerks wird es vom 06. März ab ca. 18:00 Uhr bis zum 07. März ca. 06:30 Uhr zwischen Bischofs­werda und Görlitz zum Ausfall aller Züge kommen. Nicht betroffen sind die Züge zwischen Dresden Hbf und Bischofs­werda bzw. Zittau.“

Die Länderbahn wurde durch den Ausfall des Stellwerks in Görlitz kalt erwischt. Bei den bisherigen GDL-(Warn-)Streiks lief der Verkehr fast reibungs­los. Nunmehr waren Busse für einen rudimentären Schienen­ersatzverkehr zu organi­sieren. Die Trilex-Webseite bot hin­reichende und sinnvolle Informationen, etwa die, welche regionalen Buslinien (mit Abfahr­zeiten) stattdessen genutzt werden konnten. Der letzte Zug des frühen Abends kam am 6. März leicht verspätet kurz nach halb sieben durch. Züge der ODEG waren ebenfalls betroffen. Die Triebwagen aus Cottbus endeten in Horka, die aus Hoyers­werda in Niesky. Auch am Folgetag war das Stellwerk in Görlitz am Abend und in der Nacht nicht ausreichend besetzt. 

Da abzusehen war, daß die Nachtschicht dieses Stellwerks auch am 7./8. März ausfallen würde, konnte der Schienen­ersatz­verkehr besser geplant werden. Am Abend des 7. März kam der letzte Zug kurz nach 20 Uhr durch Seitschen. Danach herrschte gespenstige Ruhe. Laut Fahrplan­daten auf der Trilex-Webseite muß der nach­folgende Regional­expreß noch Görlitz verlassen haben; wenn dem so ist, scheint er in Bautzen gestrandet zu sein.

Brückenarbeiten

Für die meiste Zeit im März waren Arbeiten an zwei Brücken in Bischofs­werda angesetzt worden. Ein Gleis wurde vollständig gesperrt.

An der Brücke am Amselweg im Wald Richtung Demitz wurden neue Schienen verlegt. Als gravierender erwies sich der Brückenbau über die Wesenitz. Diese stammt noch aus den Anfängen der sächsischen Eisenbahn von Mitte der 1840er Jahre und scheint drigend erneuerungs­bedürftig gewesen zu sein. Um den Betrieb nicht ganz einstellen zu müssen, wurde zunächst eine Hilfsbrücke errichtet. Die Arbeiten sollten sich noch längere Zeit hinziehen.

Dement­sprechend fielen einige Züge aus, andere wurden zeitlich verlegt  . Theoretisch wäre es zwar möglich, auf dem Abschnitt zwischen Bautzen und Bischofs­werda ohne Schienen­ersatzverkehr auszu­kommen. Dies würde jedoch eine Pünkt­lichkeit erfordern, die im Schweizer oder japanischen Bahnverkehr selbst­verständlich ist, nicht jedoch im Dritt­weltland Deutsch­land. Der Bahnreform sei Dank.

Vielmehr sind hier Schlendrian, Inkompetenz und Verantwortungs­losigkeit endemisch geworden. Kommunikation zwischen ver­schiedenen Abteilungen desselben Unter­nehmens findet nicht statt. Es wird aneinander vorbei gewurschtelt. Die als verschnarcht verschriene Bundes­bahn der 1970er Jahre und auch die der sozialistischen Mißwirt­schaft anheim­gefallene DDR-Reichsbahn hätten das problemlos geschafft: die Reisenden rechtzeitig und richtig zu informieren. Dreißig Jahre Bahnreform unter der Ägide der Automobil- und Luftfahrt­industrie (Mehdorn, Grube) und mit dem Ziel eines Börsen­gangs haben das „Unternehmen Zukunft“ zum Gespött verkommen lassen. Besserung ist nicht in Sicht. Viele Bahnerinnen und Bahner sind verzweifelt, einige wenige versuchen sich dem Nieder­gang entgegen­zustellen, die meisten haben längst resigniert. Sie machen einfach nur noch ihren Job und überlassen den Rest einer künstlichen Intelligenz. Während die Chefetage ihre Boni genau dafür kassiert hat und kassiert: das Unternehmen Zukunft börsen­fähig zu zerlegen. So betrachtet ergibt alles einen Sinn.

This being said, wenden wir uns nun dem neuen Aushang der Deutschen Voll­pfostenbahn zu. Dieser wurde am 5. März ausgehängt und somit von den Pendlerinnen und Pendlern des Folgetages nicht zur Kenntnis genommen.

Aushangfahrplan.

Oberer Teil des Fahrplan­aushangs im Bahnsteig­schau­kasten.

Positiv fällt auf, daß eine oder jemand für 6:25 Uhr den eklatanten Fehler bemerkt hat, daß Busse keine Bahnen sind, die am Bahnsteig halten. Die geänderten Fahrtage, an denen kein Zug fährt, wurden hingegen beibehalten. Was vielleicht erst beim zweiten Drauf­schauen auffällt, ist, daß keine Gleis­angaben zu erkennen sind. Das schuf neue Verwirrung. Denn alle Züge hielten in der ersten Brückenwoche an Gleis 2, dem Bahnsteig für die Züge nach Bautzen. Ich durfte wiederum die am Gleis 1 Wartenden zum rechten Gleis navigieren. Eine Gruppe von etwa 30 Kita-Kindern aus Demitz, welche am 7. März die Landhaus­keramik besucht hatte, sah den Zug auf dem anderen Gleis kommen und hechtete eilends unter die Unter­führung zum anderen Bahnsteig.

Weshalb die Ersteller dieses Aushangs keine Gleise angegeben haben, ist nicht nach­vollziehbar. In der Betra war ganz gewiß angegeben, an welchen Tagen zu welchen Zeiten welches Gleis gesperrt ist. Zumindest war das früher so, als verschnarchte Beamte und ideologisch verwirrte Reichs­bahner Bau­arbeiten durch­geplant hatten.

Der ausgehängte Plan sollte vom 5. bis zum 30. März gelten. Tatsächlich wurden nur Ver­änderungen bis zum 19. März angegeben; der hier zusätzlich aufgeführte 29. März war der Karfreitag, an dem ohnehin der Sonntags­fahrplan gilt. Die Länderbahn wußte vorab, daß für die Bauar­beiten noch eine Woche mehr veranschlagt war; weshalb dann nicht die mit sinnlosen Daten gefütterte künstliche Intelligenz der Deutschen Bahn? Folglich hatten wir ab dem 20. März zumindest laut Aushang so etwas wie eine irreguläre Fahrplan­leere.

Diesbezügliche Ansagen oder Display-Anzeigen auf dem nicht angefahrenen Bahnsteig gab es keine. Dies hat seine eigene – um nicht zu sagen: durch­geknallte – Vollpfosten­logik. Und die geht so. Es gibt einen Jahres­fahrplan von Dezember 2023 bis Dezember 2024. Verspätete oder ausfallende Züge werden, wenn auch nicht immer rechtzeitig, angezeigt. Ansagen gab es am Gleis 1 schon seit Monaten keine, weil der Laut­sprecher defekt ist, die Signal­leitung unter­brochen oder der ent­sprechende Schalter in der Betriebs­zentrale nicht umgelegt ist. Ich weiß es nicht, aber das Ergebnis ist Stille.

Die Brückenarbeiten erforderten einen eigenen angepaßten Fahrplan. Dieser ist nun der Regel­fahrplan. Es werden weiterhin nur Abweichungen von diesem oder hierauf bezogene Ausfälle verkündet. An Gleis 2, nicht an Gleis 1, denn hier ist laut neuem Regel­fahrplan ja auch kein Betrieb. Daher wird die Abweichung des Brücken­fahrplans vom Regel­fahrplan auch nicht angezeigt oder durchgesagt. Das ist zwar voll­kommener Unsinn, jedoch betrieblich bedingter Unsinn. Die künstliche Intelligenz ist nicht auf Denken programmiert, sondern exekutiert eine Logik, die sich nur, nun ja, Vollpfosten ausge­dacht haben können. Und den Quatsch soll eine Fahrgästin verstehen? Nein, tut sie nicht; die wartet am falschen Gleis, weil sie vollkommen zurecht erwartet, daß eine betriebliche Abweichung auch angesagt wird.

Vom eigenen Quark überrollt

Am 20. März tickte das Ansage­management der Deutschen Bahn aus. Wenn kein gültiger Fahrplan aushängt und keine Gleise bekannt sine, zeigt sich, daß auch das eigene Personal keine Ahnung vom eigenen Betriebs­ablauf besitzt. Es dreht frei. Gegen 11:40 Uhr traute ich meinen Ohren nicht. Da wurde der um 11:48 Uhr fällige Zug nach Görlitz auf dem Bahnsteig des gesperrten Gleises 2 – das mit dem funktioniernden Laut­sprecher – angesagt, und zwar „heute auf Gleis 2“. Kurz darauf kam dann die Kehrtwende: „heute auf Gleis 1“.

Der Triebwagen aus Bischofswerda nach Görlitz, der vom 6. bis zum 19. März statt um 14:49 Uhr schon sechs Minuten früher verkehrte, fehlt auf dem Aushang. Da hat die Intelligenz wohl geträumt.

Auch der Betriebsablauf selbst ließ zu wünschen übrig. Gut, wir wissen, daß die Deutsche Bahn als Netz­betreiber den Betrieb organisiert. Nach dem Bonmot eines Kabarettisten besteht das Kern­geschäft dieser Bahn aus Ver­spätungen. Der Witz ist zwar schal, aber leider zutreffend. Jedenfalls häuften sich zu gewissen Zeiten die Ver­spätungen, die bis zu 30 Minuten betrugen. Da fragt sich der Beobachter doch, ob Fahrpläne irgendeine betriebliche Relevanz besitzen. Wenn man zuvor bei der Bauplanung weiß, welche Züge verkehren, man vorsichts­halber die Zwischen­takter-REs durch Busse ersetzt, wieso bekommt dieser Laden eine simple Aufgabe wie die, Züge nach Plan verkehren zu lassen, nicht in den Griff?

Nun ja, man hilft nach. Wenn am 11. März um 14:06 Uhr die Regionalbahn nach Dresden abfahren soll, läßt man sie einfach in Bautzen schnarchen und schiebt schnell noch die Über­führung einer IC2-Doppelstock­einheit zu Alstom nach Bautzen ein, die zu besagter Uhrzeit durch Seitschen rollte. Kapital­interessen sind halt wichtiger als wartende Menschen. Folgerichtig hatte die Regionalbahn elf Minuten Ver­spätung, die mit „Bauarbeiten“ begründet wurden. Was zwar plausibel klingt, aber hier nicht stimmt; denn die Verspätung wurde aus betrieblicher Disposition heraus mutwillig herbei­geführt. Man lügt uns einfach schamlos ins Gesicht. Das müssen wir so hinnehmen. Die als Text­baustein vor­liegenden Begründungen werden quasi in einer Art Losverfahren bei passender und unpassender Gelegen­heit gegeben.

Am 18. März wurde in Bautzen abends gegen halb zehn eine Über­führung eines 12-teiligen ICE-Zuges nach Dresden eingeschoben. Die direkte Folge waren drei jeweils eine Viertel­stunde verspätete Trilex-Züge, weil sie in der Folge in Bautzen und Bischofs­werda aufeinander warten mußten.

Auch die Länderbahn tat etwas für ihre Reisenden. In ihrem wie immer nur mit Bildschirm­lupe zu lesenden Fahrplan-PDF heißt es auf der haus­eigenen Webseite: „Nicht genannte Züge fahren nach dem Regel­fahrplan.“ Wie stelle ich mir das nun vor? Sitzen die Reisenden mit dem normalen und dem geänderten Fahrplan am heimischen Küchen­tisch und versuchen herauszu­klamüsern, welcher Zug hier nicht aufgeführt ist? Dies mögen Angaben sein, die für Disponen­tinnen und Triebwagen­fahrer gedacht sind. Aber für das gemeine Publikum reicht es nicht, einfach eine Excel-Tabelle ungefiltert und nicht aufbereitet in ein PDF zu klatschen. Und – warum wird beim 26904, regulär Görlitz ab 6:54 Uhr, nicht explizit darauf hinge­wiesen, daß er von Görlitz bis Bischofs­werda ausfällt, anstatt einfach nur kommentar­los leeren Platz anzubieten?

Vor vielen Jahren habe ich mir mein erstes Kursbuch zugelegt. Ich kann das lesen und verstehen. Ich kann Buchfahr­pläne nach­vollziehen und damit betriebliche Eigenheiten aufspüren. Aber diese Aushänge nötigen auch mir eine mehrfache Durchsicht ab, um zu begreifen, was die künstliche Intelligenz sich so zusammen­gereimt hat. Und ganz ehrlich, wie sollen das Menschen verstehen, die nicht mit Kursbüchern und Bahnlogik aufgewachsen sind? Nein, sie sollen das auch nicht verstehen. Diese Aushänge sind nur Teil einer Checkliste. Sie müssen nichts bedeuten, aber aufgehängt werden; es geht um Compliance, nicht um Sinn. 

Zweiwegebagger.

Am Nachmittag des 13. März kehrte dieser Zweiwege­bagger von einem Arbeits­einsatz zwischen Seitschen und Bischofs­werda zurück.

Am Vormittag des 8. März geriet der Brücken­fahrplan wieder einmal aus den Fugen und die Informationen auf der Trilex-Webseite (und wohl auch im DB-Navigator) sprudelten nur noch Unsinn heraus. Da gab es den Zug nach Görlitz, der um 8:49 Uhr in Seitschen halten sollte. Als er eine Viertel­stunde später immer noch nicht eingetrudelt war, schaute ich auf der Webseite mal nach, wo er denn verblieben sein soll. Die Angaben zur Station Seitschen behaupteten, er sei schon durch, ebenso der Gegenzug nach Bischofs­werda um 9:02 Uhr. Der stand aber noch in Bautzen. Auf der Anzeige für Bautzen war der Seitschener 8:49 Uhr auch schon verschwunden, während als nächste Station Kubschütz dann 18 Minuten Verspätung anzeigte. Und jetzt kommt der Clou: sogar in Demitz-Thumitz wurde er noch mit 17 Minuten Verspätung angezeigt, obwohl er da schon abgefahren war. Nach Seitschen kam er um 9:06 Uhr. Könnte vielleicht mal eine oder jemand mit IT-Kompetenz diese Schnittstelle zwischen sinnlosen DB-Angaben und sinnlosen Trilex-Anzeigen so zusammen­führen, daß hier konsistente, richtige und voll­ständige Angaben erscheinen? Das Ganze ist doch einfach nur zusammen­gestümpert. Wie so viele digitale Angebote in diesem bestenfalls mittelmäßigen High-Tech-Land. 

Beispiele gefällig?

Fall 1: Am 12. März 2024 druckte die Sächsische Zeitung eine dpa-Jubel­meldung über das zu Jahres­beginn einge­führte E-Rezept ab: „E-Rezept funk­tioniert“. Parallel dazu war der gleiche dpa-Artikel auf der Webseite von n-tv etwas vor­sichtiger über­titelt: „Trotz Problemen: Erfolg­reicher Start des E-Rezeptes“. Während die Leserinnen und Leser des hiesigen regionalen Blattes mit public relations eingeseift wurden, war am selben Tag auf der Webseite eines ein­schlägigen IT-Fach­verlages zu lesen: „E-Rezept: Regel­mäßige TI-Störungen, Betroffene genervt von Informations­politik“.

„Ein typischer Morgen in der Telematik­infrastruktur: Zwischen 8 und 12 kommt es zu Störungen, ein Teil der Ärzte kann keine E-Rezepte ausstellen, auch ein Abruf der E-Rezepte bei einigen Versicherten in den Apotheken ist nicht möglich. […] Laut Gematik passiert das nur in den Morgen­stunden, Informationen zufolge, die heise online vorliegen, jedoch auch zur vollen Stunde, was auf Last­probleme hin­deuten könnte. Mittler­weile hätten sich die Anwender jedoch an die regelmäßigen Ausfälle der TI gewöhnt, sodass sie in der Support-Hotline sogar lachen könnten, wohl aus Verzweiflung –, wie ein Software-Hersteller heise online mitteilte.“

Und weshalb? Schlecht implementiert, ungenügend getestet, aus politischen Gründen verfrüht zum Einsatz freige­geben. Bananen­software, reift beim Kunden. Die Probleme waren schon Monate zuvor abzusehen. Wer die einschlägige Fachpresse verfolgt hat, muß sich eher wundern, daß die technische Infra­struktur des E-Rezeptes über­haupt irgendwie funk­tioniert. Bis vor kurzem gingen wir mit dem Rezept einer Ärztin oder eines Arztes in die Apotheke, und wurden allenfalls wieder weggeschickt, weil das Medikament erst noch besorgt werden mußte. Heute gehen wir in die Apotheke, und werden womöglich wegge­schickt, weil das Rezept nicht eingelesen oder digital abgeholt werden konnte. Das ist der technische Fortschritt. Digitali­sierung made in Germany.

Das schreibt nicht nur die Presse. Beim Besuch meines Hausarztes erfuhr ich Mitte März, daß an Vortag das System mal wieder eine Stunde ausgefallen war und „heute nur ganz kurz“. Verbunden mit der Hoffnung, daß man es jetzt in den Griff bekommen habe. Nach zweieinhalb Monaten!

Oder, um die Überschrift der sächsischen Qualitäts­zeitung realistischer abzuwandeln: „E-Rezept funk­tioniert. Wenn es funk­tioniert.“

Fall 2: Im Dezember 2020 richtete Sachsen für das Home­schooling mit LernSax eine neue Plattform ein. Sie wurde sofort das Opfer eines sogenannten DDoS-Angriffs. Die Hacker: Eltern, Lehrerinnen und Schüler, die in der Coronazeit massen­haft auf den Server zuge­geriffen haben. Gleichzeitig. Damit konnte wohl keine und niemand rechnen.

Fall 3: Im März 2023 wurde ein Portal freige­schaltet, über das Studierende eine einmalige Energiepreis­pauschale von 200 Euro beantragen konnten. Das Portal ging sofort in die Knie. Virtuelle Wartesäle mit stunden­langen Warte­schleifen verärgerten die Anstrag­stellerinnen und Antrag­stragsteller. Zudem wurden sie geknebelt, ein Konto für die BundID anzulegen, was weitere Warte­schleifen und technische Insuffizienz nach sich zog. Da sich bislang nur wenige Menschen dazu durch­gerungen hatten, die elektro­nische Frei­schaltung des Personal­ausweises zu nutzen, haben die staat­llichen Behörden hier zu einer Maßnahme gegriffen, die geradezu putinesk anmutet. Man zwingt die Bürgerinnen und Bürger zu ihrem digitalen Glück. 

Fall 4: Im Oktober 2023 übernahmen Hacker die Kontrolle über die Server eines west­fälichen IT-Dienst­leisters. Dessen Dienste hatten rund 70 Städte und Gemeinden in Anspruch genommen. Die Probleme dieses Dienst­leisters waren auch Monate später noch nicht voll­ständig behoben. Nach diesem für die kommunale Infra­struktur verheerenden Angriff wollten nun mehr als 200 Kommunen ihre IT überprüfen lassen. Das Land NRW soll das bezahlen. Dies animierte den IT-Blogger Felix von Leitner alias Fefe zu folgendem bissigen Kommentar:

„Liebe Leser, heute ist es an der Zeit, meinen Teil als guter Staats­bürger zu tun. Der Staat hat ein Problem und ich kann helfen, also sollte ich es tun. Welches Problem? […] ‚Hunderte Kommunen in NRW lassen ihre IT-Sicherheit überprüfen, die Landes­regierung bezahlt das. Sie will das Land künftig besser vorbereitet wissen.‘ Hier also meine Hilfe. Kostenlos sogar. Erstens: Spart euch das. Die Prüfung ist bereits abge­schlossen. Die Ransom­warer haben euch geprüft und ihr seid durch­gefallen. Das Geld gibt man am besten VOR dem erfolg­reichen Angriff aus.“

Solange man und frau auf Windows und bestimmte damit verbundene Anwendungen setzt und das Ganze mit viel Schlangenöl (Antiviren-Software etc.) „absichert“, werden Hacker, Malware und Datenklau dort ein und aus gehen. Die genannten Anwendungen sind deutscher IT-Standard. Abschließend noch einmal Fefe: „Oder … gut, ich meine, ihr könnt natürlich einfach weiter­pfuschen. Wir sehen uns dann beim nächsten Ransomware­vorfall.“

Dies ist nur eine rein zufällig zusammengestellte Auswahl. Die Spitze eines alltäglichen Eisbergs. Wie die Software, die keine Schalttage kann.

Am 15. März war der Nachmittags-Bummler von Dresden nach Görlitz hoffnungs­los überfüllt. Ein Mädchen, das in Seitschen noch zusteigen wollte, hatte keine Chance mehr, sich reinzu­quetschen. Tröstende Worte fand die Länderbahn auf ihrer Webseite:

„Bedauerlicher­weise werden aufgrund dieser Baumaß­nahme einige Züge um einen Triebwagen verkürzt. Insbesondere sind die Züge im Pendler­verkehr während der morgendlichen und nach­mittäglichen Stoßzeiten davon vorrangig nicht betroffen.“

Der nachfolgende Zug hätte der auf Bus umgestellte Regionalexpreß sein sollen. Eine halbe Stunde auf der Landstraße herum­zugondeln tut sich aber keine und niemand an, weshalb sie den durch­gehenden Zug davor und danach nutzten. Darauf kann ja auch keine und niemand kommen!

Zu Ostern und danach

Ostermontag wurde der Strecken­abschnitt zwischen Bischofs­werda und Bautzen und auch der zwischen Bischofs­werda und Neukirch-Ost für sechs Tage komplett gesperrt. Die in die Jahre gekommene steinerne Wesenitz­brücke in Bischofs­werda erhielt einen Betondeckel, um auch zukünftig die Belastung schnell fahrender Trieb­wagen und schwerer Getreide­züge zu ertragen.

Von Montagmorgen neun Uhr bis zum Betriebs­schluß in der Nacht von Samstag auf Sonntag (6./7. April) fuhren Busse des Schienen­ersatz­verkehrs. Zeischen Bischofs­werda und Bautzen gab es eine Schnellinie über die ehemalige Bundes­straße 6 und eine Bummellinie über Demitz-Thumitz und Seitschen. Die Busse waren zum Teil ziemlich gut abgefüllt. Ab Samstag­abend kamen zusätzliche Stellwerks­arbeiten hinzu, weshalb der Ersatz­verkehr bis Dresden ausgedehnt wurde.

Wir konnten wohl zurecht erwarten, daß die Deutsche Bahn als Netzbetreiber ihre Fahrplan­aushänge diesmal auf die Reihe bekommt. Nicht ist einfacher als zu sagen: Zug fällt aus, es fahren stattdessen Busse. Wer dies glaubt, kennt unsere künstlich generierten Fahrplan­spezialisten schlecht. Denn der Aushang in Seitschen (und wohl auch an den anderen betroffenen Stationen) suggerierte, daß am Dienstag­morgen ausnahms­weise die Pendleri­nnen- und Penderzüge verkehren würden. Dem war aber nicht so. Zudem wurde den Reisenden vor Ort nicht verraten, daß und wann die Busse verkehren. Immerhin informierte die Laufschrift am Stations­display korrekt an beiden Bahnsteigen über die Einstellung des Zugverkehrs.

Die neue Aushangs­politik der Deutschen Bahn bescherte uns zudem ein A4-Blatt mit einem QR-Code. Damit können per Smartphone die aktuellen Fahrpläne herunter­geladen werden. Eine im Grunde nützliche Sache, wenn sich nicht auch dort dieselben Fehler einschleichen würden; was ja logisch ist: Aushang und PDF entstammen derselben Quelle. Die erste herunter­ladbare Fassung sah nämlich so aus:

Fahrplan.

Wir erkennen beim genauen Hinschauen, daß kein Schienen­ersatz­verkehr angezeigt wird. Zudem sollen die hier gezeigten vier Züge am 2. April fahren, bei zweien wird dies sogar ausdrück­lich vermerkt. Quelle: Auszug aus der soge­nannten Änderungs­tafel auf bahnhof.de.

Baustelle.

Am letzten Tag der Strecken­sperrung war auf der Wesenitz­brücke noch viel los. Zudem wurden die Rangier­gleise in Bischofs­werda umgebaut.

Während das online verfügbare PDF alsbald korrigiert wurde, blieben die Aushänge an den betroffenen Stationen auf dem veralteten und irre­führenden Stand. Inzwischen hatte die Deutsche Bahn die Daten für die von der Länderbahn organisierten Ersatzbusse erhalten und eingepflegt. Außerdem scheint es aufgefallen zu sein, daß die Angabe zum 2. April wohl doch nicht stimmt.

Wenn jetzt auch noch alle Busfahrer ihre Fahrtroute kennen würden. Mindestens zwei verirrten sich nämlich bis zum Bahnhofs­vorplatz in Seitschen anstatt die Bushalte­stelle auf der Haupt­straße anzufahren. Einer fuhr von Demitz eine alternative Route nach Seitschen und kam daher an der falschen Straßen­seite an. Die hiervon über­rumpelte wartende Reisende blieb erstaunt am Wegesrand stehen. Am ersten Busfahrtag scheint es zu erheblichen Verspätungen im Betriebs­ablauf gekommen zu sein, denn sonst ist es schwer­lich erklär­lich, daß ein gut besetzter Bus in Bischofs­werda just in dem Moment ankam, als der Triebwagen nach Dresden losfuhr.

Die darauf angesprochene Länderbahn entzog sich ihrer Verant­wortung und delegierte das Problem an das reisende Publikum. „Fahrgästen, die einen Anschluss­zug in Dresden erreichen wollen, empfiehlt er, zur Sicherheit eine frühere Verbindung zu wählen,“ so der Presse­sprecher des Unter­nehmens. Heißt also: an einem Oster­montag in Seitschen, Putzkau oder Demitz zwei Stunden früher auf den Bus warten, der dann hoffent­lich auch seinen Fahrtweg kennt. 

Bus, Zug, Bahn … oder egal?

Ende März war offenbar die künstliche Intelligenz mal wieder bei der Sächsischen zu Gast. Harmlos zwar, aber bezeich­nend. Am 26. März hatte der Verkehrs­verbund ZVON seine Press­mitteilung zu den ab 1. August geplanten Fahrpreis­erhöhungen raus­geschickt. Kurz vor Ostern war wohl keine echte Redak­teurin zur Hand. so daß man auf die bewährte virtuelle Fach­kraft zurück­griff. Tags darauf hieß es in der Online­ausgabe und am 28, März auch in der gedruckten Zeitung: „Zug- und Bahn­tickets kosten ab August mehr“. Das ist sicher­lich zutreffend, doch gemeint waren „Bus- und Bahntickets“.

Da wohl auch im Qualitäts­journalismus keine rechte redaktionelle Kontrolle mehr statt­findet, hat David Berndt, das ist der Name dieser künstlichen Intelligenz, den Doppel­moppel nicht bemerkt. Meinet­wegen können sich alle Zeitungen gerne in den Qualitäts­standards unterbieten, bis sie das Blöd­zeitungs­niveau erreicht haben. Aber dann sollen sie nicht dauernd tröten, daß es bei ihnen so etwas wie Qualität gibt. Weshalb die kosten­los zur Ver­fügung gestellte und, nun ja, irgendwie aufbe­reitete Presse­meldung des ZVON dann auch noch als Plus-Artikel hinter einer Bezahl­schranke sein kärgliches Dasein fristet, erschließt sich mir ohnehin nicht. Dann informiere ich mich doch lieber beim Original

Die sechs Tage Stillstand auf dem Strecken­abschnitt zwischen Bautzen und Bischofs­werda nutzte InfraGo dazu, den Oberbau der Seitschener Bahnhofs­brücke zu erneuern. Die Brücke selbst ist einhundert­zehn Jahre alt.

Bauarbeiten.

Die Brücke am 2. April.

Stopfzug.

Zwei Tage später wurde der aufgewühlte Schotter wieder in sein Bett gepreßt.

Vegetationspflege.

Die Strecken­sperrung wurde am 5. April zudem zur Vegetations­pfelege genutzt.

Am 7. April hatte Dynamo Dresden ein Heimspiel. Der Triebwagen, der die Fans an den kleineren Stationen einsammen sollte, war schon in Seitschen hoffnungs­los überfüllt. Er blieb hier mehrere Minuten stehen, bis auch der letzte Fans sich irgendwie noch in das viel zu klein dimensio­nierte Fahrzeug hinein­gequetscht hatte. Zwar schreibt die Länderbahn auf ihrer Webseite, daß sie bei den Heimspielen des Drittliga­vereins ihre Züge verstärken würde. Aber leider, leider sei dies an diesem Tag aufgrund der vorherigen Baustelle ausge­rechnet bei dem Vormit­tagszug aus Görlitz nicht möglich gewesen. Das ist nicht so recht nachvoll­ziehbar. Mag ja sein, daß in der Woche zuvor nur einzelne Triebwagen im Inselbetrieb zwischen Görlitz und Bautzen pendelten. Aber wer (oder was: die Betriebs­wirtschaft) hätte die Länder­bahn daran gehindert, mit dem Frühzug aus Dresden zwei dort ver­fügbare Triebwagen mitzu­nehmen? Abgesehen davon: der Fanzug aus Zittau wurde mit drei Triebwagen angekündigt. Vielleicht wurden sie im tschechischen Netz nicht benötigt und konnten daher zum Einsatz kommen.

„Um Unannehmlich­keiten zu vermeiden, empfehlen wir Ihnen dringend, sich auf die verfüg­baren Triebwagen aufzu­teilen und beispiels­weise eher als gewöhn­lich anzureisen.“

Really? Die verfüg­baren Triebwagen waren nur einer und zwei Stunden vorher loszu­marschieren ist auch nicht wirklich eine tolle Option. Ich frage nich da ja schon, wie viele dieser Fans in Demitz, Groß­harthau oder Arnsdorf stehen gelaassen wurden.

Ansonsten war es ein wenig ereignis­reiches Frühjahr.

Am 3. Juli sollte um 16:49 der Trieb­wagen nach Görlitz abfahren. Er kam nicht. Wird ansonsten bei jeder Mini­verzögerung von fünf Minuten der Laut­sprecher ange­worfen, herrschte nun Stille. Auf der Trilex-Webseite fuhren alle Züge pünkt­lich. Das wußte besagter Triebwagen jedoch nicht. Nach geschla­genen fünfund­zwanzig Minuten knarzte dann die elektroni­sche Blech­stimme, der Zug habe vierzig Minuten Ver­spätung. „Grund dafür ist eine techni­sche Störung am Zug.“ Können wir glauben oder auch sein lassen. Dieser Trieb­wagen kam aus Dresden und wurde in Bischofs­werda geflügelt. Wenn wir einmal annehmen, daß der Motor ansprang und die Elektronik funktio­niertte – das taten sie ja wohl schon ab Dresden –, dann bleibt nur übrig, daß erst noch eine Fahrerin oder ein Fahrer gesucht werden mußte.

Seit einigen Wochen ist das nette, wenn auch nicht immer zuver­lässige Feature auf der Trilex-Webseite ver­schwunden, das den Fahrt­verlauf eines Zuges anzeigt. Das hätte in der Zeit der Stille viel­leicht geholfen, einschätzen zu können, wann der Trieb­wagen zu kommen gedenkt. Wir werden jedoch beim Antippen oder Anklicken des Zuges mit dieser Anzeige beglückt.

Sprechblase.

Angabe zu einem beliebigen Beispiel­zug: „Leider ist ein Fehler aufge­treten, bitte versuchen Sie es später erneut.“

Wenn ich auf meinen Zug warte, der Laut­sprecher stumm ist, die Webseite über­pünktlich und ehrliche Orien­tierung vonnöten, dann ist es wenig hilfreich, darauf zu hoffen, daß die IT-Abteilung „den Fehler“ irgendwann in den nächsten drei Jahr­hunderten in den Griff bekommt. Digital­sierung in Deutsch­land, bei der Umsetzung ein einziges Trauer­spiel. Das muß diese hoch­gehypte „agile“ Software sein. Agil heißt übrigens: wir hauen ein Produkt raus, das noch nicht richtig durchdacht und schon gar nicht fertig ist und schauen mal, welche Fehler und Probleme beim Kunden auftauchen.

Am 6. Juli zog am frühen Abend eine Gewitter­front über Ost­sachsen. Bei bestimmten Wetter­lagen ist es jedoch so, daß einige Gebiete alles abbe­kommen und in Seitschen allenfalls ein bißchen Regen fällt. So auch diesmal. Aber bei Bischofs­werda scheint es anders gewesen zu sein. Zwei Bäumchen fielen aufs Gleis und ein Trieb­wagen konnte in einer Kurve nicht mehr recht­zeitig bremsen und ver­hedderte sich darin. Zum Glück ist nicht viel passiert. Zum Teil massive Ver­spätungen waren die Folge. 

Anfang Juli trafen sich fünf Herren in Berlin, um den Autobahn­ausbau voranzu­treiben. Pflicht­schuldig und ideenlos wurde auch noch die Elektrifi­zierung der Strecke von Dresden nach Görlitz abge­handelt. Die Autobahn ist bei weitem das wichtigere Thema im Autofahrer­jecken­land. Es fehlt an Geld. Daher liegt es nahe, andere Töpfe anzuzapfen, hier die Kohle­gelder zum Struktur­wandel in den Braun­kohle­regionen. Diese sollten jedoch den finanziell knapp gehaltenen Kommunen zustehen, die dadurch Projekte finanzieren können, die not­wendig sind, mit Struktur­wandel nichts oder wenig zu tun haben, die sich jedoch fü den Staats­haushalt nicht rechnen. Die Bür­germeister der Region sind nun aufge­fordert, den eher mini­malistisch gedachten Ausbau dadurch zu fördern, indem sie die Interessen ihrer Kommunen zurück­stellen. 

Ich würde den Ministerium in Berlin ja eine Abfuhr erteilen. Dann gibt es eben keine Autobahn und die Transport­logistik erleidet den voll­ständigen Kollaps. Geld wäre ja durchaus da. Man könnte die Wirtschafts­kriminellen aus dem Cum-Ex-Bereich einmal ernsthaft verfolgen; das würde sicher ein drei­stelligen Milliarden­betrag einbringen. Man könnte auch auf kriegs­lüsterne Aktivitäten verzichten, denn „der Russe“ kam 2022 ja schon nicht bis Kiew, wie dann nach Warschau oder gar Berlin? Das würde ebenfalls einen drei­stelligen Milliarden­betrag einbringen. Man könnte auch aufhören, Milliarden in den Hintern der Chip­industrie zu blasen, die ihre Investitionen ohnehin aus der Portokasse tätigen könnte. Nur mal so drei Beispiele.

Anmerkungen

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  1. Lkw blockiert Schranke – Bahnstrecke dicht, in: Sächsische Zeitung vom 23. Januar 2024.   
  2. Ostsachsen nicht vom Streik im ÖPNV betroffen, in: Sächsische Zeitung vom 29. Januar 2024. ÖPNV-Streik: In der Ober­lausitz fallen viele Busse aus, in: Sächsische Zeitung vom 1. Februar 2024. Dietrich Nixdorf : Streiken wir uns kaputt? in: Sächsische Zeitung vom 3. Februar 2024.   
  3. Entwarnung nach Sperrung am Bahnhof Dresden-Neustadt, mdr.de am 16. Februar 2024. „Der Russe“ war in der anti­kommunis­tischen Bundes­republik Deutsch­land jahrzehnte­lang der Kinder­schreck schlechthin. Und dann kam der blöde Russe einfach nicht zum Kinder­geburtstag. Am 17. Februar veranstaltete die Polizei in Wuppertal eine ähnliche martialische Bahnhofs­übung. Diesmal will ein Reisender ein ergrautes Mitglied der Roten Armee Fraktion erkannt haben. Die Hysterie wurde hier wenige Tage zuvor durch die beliebte Fahndungs­serie „Aktenzeichen XY ungelöst“ entfacht. Hier wurde nicht nur ein voll­kommen unbeteiligter Reisender von schwer bewaffneten Spezial­kräften aus dem Zug geholt, sondern der Bahnverkehr für Stunden unter­brochen. Und dann beschweren sich die unseriösen Leitmedien allent­halben über Streiks und die armen betroffenen Reisenden, und jammern damit das Lied des Kapitals. Siehe: Festge­nommener am Wuppertaler Haupt­bahnhof doch kein RAF-Terrorist, auf wdr.de am 17. Februar 2024. Groß­einsatz am Bahnhof in Wuppertal: Festge­nommener nach RAF-Terroristen-Verdacht wieder auf freiem Fuß, aktualisiert auf merkur.de am 18. Februar 2024.   
  4. Bus statt Zug auf Trilex-Strecken in der Ober­lausitz, in: Sächsische Zeitung vom 17. Februar 2024.   
  5. Markus van Appeldorn : Vier mal in zwei Wochen stoppen Bäume den Trilex – jetzt reagiert die Bahn, in: Sächsische Zeitung vom 19. Februar 2024.   
  6. Der letzte Zug, der Görlitz am 24. Februar verlassen hat, erreichte Seitschen am kalenda­rischen Folgetag um 0:01 Uhr und endete ebenfalls in Dresden-Neustadt.   
  7. Die Methode, Busse als Züge auszu­geben, ist nicht neu. Schon im April 2018 schrieb ich zu einem aufgrund eines Stellwerk­ausfalls einge­richteten Schienen­ersatz­verkehr: „Drollige Dinge verkündete das Infotain­ment am Bahnsteig in Seitschen. Es gebe einen ‚Sonderzug Bus‘ – zur allge­meinen Verwirrung bei­tragend gesprochen BE-UH-ESS – mit einer fünf­stelligen Nummer, die keine und niemanden weiter­brachte, ‚auf Gleis‘. Nun ja, welches Gleis wurde nicht verraten, denn der Schienen­ersatzverkehr hält bekannt­lich an keinem Gleis.“   
  8. Felix von Leitner schrieb hierzu in seinem IT-Blog: „Ah, der 29. Februar. Schaltjahr! Hey, da kommt doch bestimmt die eine oder andere Schrott-Software nicht mit klar, oder?“ Und zählt dann genüßlich die Unternehmen und Behörden auf, die sich am 29. Februar von der Welt verab­schiedet haben.   
  9. Beispielsweise und mit Anschauungs­material im Bericht zum Vorjahr. Besonders lustig wird es, wenn geflügelte Triebwagen verkehren. Da kann es schon einmal vorkommen, daß der eine Teil an einem anderen Gleis halten soll als der andere. Oder der eine anders verspätet eintrudelt als der andere. Oder – daß Züge nach Görlitz in Bautzen als durch­gefahren gelten, obwohl sie Seitschen noch gar nicht erreicht haben.   
  10. Riedbahn­sperrung: Schlechte Kommunikation im Betriebs­ablauf, in: Frankfurter Rundschau (online) vom 5. Februar 2024. Zum Über-die-Dörfer-Gondeln im Zusammen­hang mit der Riedbahn-Sanierung ein Forums­beitrag im Frankfurter Nahverkehrs­forum am 19. Februar 2024. Dessen Autor ist mir bekannt und erzählt keine Märchen. Zur Falsch­fahrt siehe: Unfallopfer in Lebens­gefahr – Polizei irritiert über Bahn, in: Rhein-Neckar-Zeitung (online) vom 16. Februar 2024 mit Update vom 21. Februar 2024.   
  11. Ingolf Reinsch : Gestrandet in Weickers­dorf, in: Sächsische Zeitung (online) am 23. Juni 2017.   
  12. Das Interview in der Online­ausgabe der Frankfurter Zeitung am 5. März 2024. Siehe auch Arno Luiks Buch „Schaden in der Ober­leitung“ [2019].   
  13. Das Interview in der Online­ausgabe des Neuen Deutschland am 28. Januar 2024.   
  14. Laut der Webseite stellwerke.info handelt es sich beim Fahrdienst­leiter-Stellwerk in Görlitz um ein elektro­nisches Stellwerk (EStW), das als Unter­zentrale (EStW-UZ) seit Juni 2000 von Leipzig aus fern­gesteuert wird. Fehlte der Kollege oder die Kollegin dann in Görlitz oder in Leipzig?   
  15. Wegen Brückenbau fallen Züge zwischen Bautzen und Bischofs­werda aus, in: Sächsische Zeitung vom 14. März 2024. Die Blitzmerker der Redaktion sind immerhin schon eine Woche nach Beginn des Brückenbaus auf das zu berichtende Phänomen gestoßen.   
  16. Felix von Leitner alias Fefe hat auf seinem IT-Blog alles gesagt, was frau oder man zu Compliance-Theater und Check­listen wissen muß.   
  17. Ich habe Screenshots von diesem übrigens häufiger anzu­treffenden Quatsch angefertigt; das glaubt eine sonst ja nicht.   
  18. Energiepreis­pauschale: Holpriger Start der Einmal­zahlung für Studenten, heise online am 17. März 2023 [online].   
  19. Maren Kaster : Schienen­ersatz­verkehr: Eine Stunde Warten auf den nächsten Zug, in: Sächsische Zeitung vom 6. April 2024.   
  20. David Berndt ; Zug- und Bahntickets kosten ab August mehr, in: Sächsische Zeitung vom 28. März 2024. Wie lange das Original noch auf der ZVON-Webseite zu lesen sein wird, werden wir sehen.   
  21. Umgestürzte Bäume und über­spülte Straßen durch Unwetter, in: Sächsische Zeitung vom 8. Juli 2024.   
  22. David Berndt : A-4-Ausbau: Bürger­meister sollen über Varianten abstimmen, in: Sächsische Zeitung vom 8. Juli 2024.