Ausschnitt einer zeitgenössischen Ansichtskarte. Verkehrsknoten Ernst-Ludwigs-Platz, zwischen 1903 und 1912.

Die Straßenbahn in Darmstadt

Die Eröffnung der Dampfstraßenbahn 1886

Dokumentation

Nach der verkehrsmäßigen Erschließung des Darmstädter Raums durch die Main-Neckar-Bahn und die Hessische Ludwigsbahn wurde eine Reihe von Nebenprojekten diskutiert, von denen jedoch nur wenige verwirklicht wurden. Hierzu gehörte die Anbindung der Vororte Arheilgen, Eberstadt und Griesheim durch ein privates Konsortium mittels einer Dampfstraßenbahn.

1886 wurde die Dampfstraßen­bahn von Darmstadt nach Eberstadt und von Darmstadt nach Griesheim eröffnet [Karte]. Vier Jahre später folgte die Strecke nach Arheilgen. Auf dem Weg nach Griesheim gab es einen Abzweig zum Truppenübungs­platz auf dem Griesheimer Sand.

Die Anfänge der Darmstädter Dampfstraßenbahn werden in den einschlägigen Publikationen [1] ausführlich behandelt, weshalb ich mich darauf beschränke, mit einigen zeitgenössischen Auszügen aus der „Darmstädter Zeitung“ zu sekundieren.


Wie üblich an einem Donnerstag trat die Stadtverordnetenversammlung am 5. August 1886 zusammen. Es waren noch einige Dinge zu klären, bevor die Dampfstraßenbahn am Ende selbigen Monats ihren Betrieb aufnehmen konnte. Die Zeitung berichtete hierüber zwei Tage später:

„Anläßlich der bevorstehenden Errichtung einer Wartehalle für die Dampf­straßenbahn auf dem Ernst-Ludwigsplatz ist die Entfernung des dortigen Wasser­verkaufstempels erforderlich. Die übrigen noch vorhandenen Schwierigkeiten gehen ihrer Lösung entgegen.“

Das „Darmstädter Tagblatt“ informiert seine Leser (und vielleicht auch Leserinnen) etwas genauer. Zunächst einmal erwähnt es ein Gesuch, die Dampfstraßenbahn vom Residenzschloß aus durch die Alexanderstraße und die Dieburger Straße fortzuführen:

„In Bezug auf die Dampfstraßenbahn berichtete der Vorsitzende, daß die Unterhandlungen über die Führung derselben über den Louisenplatz, der dem Fiskus gehört, wohl in Kürze zu befriedigendem Abschluß kommen werden. Speziell über die von dem Finanz-Ministerium aufgrund eines früheren Vertrags beanstandete Errichtung einer Wartehalle auf dem Ernst-Ludwigsplatz berichtete der Herr Oberbürgermeister weiter, daß es sich dabei, ebensowenig wie bei dem Wasserhäuschen, um eine Verbauung des Platzes , sondern eigentlich nur um ein widerrufliches Provisorium handle. Das Ministerium steht nicht auf diesem Standpunkte und verlangt in dieser Beziehung Stellungnahme zur Ansicht und zum Beschlusse der Bürgermeisterei, bezw. der Baukommission. Herr Stadtverordneter Bergsträßer beantragt, die Fortsetzung der Bahn zu betreiben und die schwebenden Differenzen einstweilen auf sich beruhen, bezw. zum Austrag kommen zu lassen. Herr Stadtverordneter Hauser, ebenso Herr Dr. Osann betonten, daß das Ministerium die Erklärung der Versammlung verlange. An der weiteren Diskussion beteiligten sich die Herren Stadtverordneten Wolfskehl, Wittich, Mahr und Rickert, worauf einstimmig beschlossen wurde, dahin zu antworten, daß die Stadt die Bewilligung nur unter der Bedingung der Einwilligung des Ministeriums erteilt habe, ohne daß durch die Errichtung der dem öffentlichen Interesse dienenden Wartehalle in keiner Hinsicht ein Präjudiz für die Auslegung des Vertrags v. J. 1851 abgegeben werden solle. Ebenso einstimmig wurde die Beseitigung des Wasserhäuschens beschlossen […].“ [2]

Am 24. August, einem Dienstag, kann die Zeitung die frohe Kunde verbreiten: „Heute findet die polizeiliche Abnahme der Dampfstraßen­bahn statt. Am Samstag fanden auf Teilstrecken Probefahrten statt, die aufs beste verliefen.“ Tags darauf legt sie im ihrem ersten Blatt ausführlichst dar, was es mit dieser Straßenbahn auf sich und wie man und frau sich zu verhalten habe.

Zeitungsmeldung.Zeitungsmeldung.
Zeitungsmeldung.

Doch am 26. August 1886 muß die Zeitung lakonisch vermelden: „Die Eröffnung des Betriebes ist behufs Abstellung einiger äußerer Mißstände auf kurze Zeit verschoben worden.“ Eine nähere Erklärung erfolgt in der zweiten Ausgabe desselben Tages: „Die Eröffnung der Trambahn ist, wie wir vernehmen, mit Rücksicht darauf, daß das Material noch nicht hinreichend vorbereitet ist, auf den 30. verschoben worden.“

Bekanntmachung.
Bekanntmachung zur Eröffnung der beiden Dampfstraßen­bahnlinien am 30. August 1886; Quelle: Darmstädter Zeitung am 27. August 1886.

Am 27. August konnte dann die Eröffnung verkündet werden, allerdings nicht diejenige in Darmstadt, sondern eine ebensolche im zum Großherzogtum Hessen gehörenden Mainz: „Heute [am 25. August, WK] wurde die Straßenbahnlinie Mainz – (Centralbahnhof –) Castel für den Verkehr eröffnet.“ Im Anzeigenteil findet sich dann die nebenstehende Bekannt­machung über die Aufnahme des Betriebs am 30. August. Da ein solches Ereignis nicht ohne die gesittete Einnahme alkoholischer Getränke vonstatten gehen darf, werden wir am Sonntag, den 29. August, zu einer feucht­fröhlichen Tour eingeladen: „Zur Eröffnung der Dampfstraßenbahn veranstaltet der Darmstädter Carneval-Zug-Verein am Montag, den 30. d. M., abends 6 Uhr, eine Vergnügungsfahrt von der Wartehalle am Ernst-Ludwig-Platz nach der Brauerei Jacob in Eberstadt.“ Irgendwie müssen die karnevalistischen Honoratioren die salbardernden Predigten vom Tag zuvor ja auch wieder wegspülen. Die in der Meldung angesprochene Wartehalle stand, um ein modernes Äquivalent zu finden, vor dem Haupteingang des Kaufhof.

Am 31. August meldete das Blatt dann einen erfolgversprechenden Beginn des Straßenbahn­zeitalters in der Residenzstadt: „Am gestrigen Eröffnungstag der Trambahn, die von hier in den zwei Richtungen nach Griesheim und Eberstadt geht, machten bereits zahlreiche Passagiere von dem Beförderungs­mittel Gebrauch, namentlich waren von den späten Nachmittags­stunden an bis in die Nacht hinein die Züge sehr gut besetzt. Auch auf den hiesigen Straßen, namentlich an dem Ausgangs- und Endpunkt am Großh[erzoglichen] Schlosse, hatte das neue Schauspiel vieles Publikum angezogen.“ Zwar dampfte es schon seit vier Jahrzehnten rund um die Darmstädter Bahnhöfe, aber eine Dampflok mitten in der Stadt ist sicherlich ein erst gewöhnungs­bedürftiges Ereignis. Ein Ereignis, daß auch im 21. Jahrhundert in den Sommermonaten in Darmstadt regelmäßig zu bestaunen ist. Am 1. September werden die Details der Eröffnungsfahrten veröffentlicht:

„Da es sich seit den bisherigen Probefahrten der Bahn ergeben hat, daß die Schuljugend geneigt ist, den Betrieb durch Herandrängen an die Züge, Springen auf die Trittbretter u.s.w. zu belästigen, so ist in den Schulen die nötige Verwarnung erlassen worden. – Das Fahrmaterial besteht zunächst aus 5 Lokomotiven (je 2 für die zu befahrenden Strecken und 1 zur Reserve) sowie 16 Personenwagen. – In Eberstadt fand aus Anlaß der Vollendung der Bahn am 25. August eine Festlichkeit statt. An die Behörden und Korporationen, welche bei dem Zustandekommen der neuen Verkehrseinrichtung mitgewirkt hatten, waren, wie daß [sic!] ‚D[armstädter] T[agblatt]‘ mitteilt, Einladungen ergangen. Nachdem eine größere Anzahl Herren aus Darmstadt per Dampfstraßenbahn in Eberstadt eingetroffen waren, wurden sie von dem Komité, welchem sich noch viele Bürger angeschlossen hatten, begrüßt und unter den Klängen der Musik in die freundliche Gastwirtschaft des Herrn Jacob geleitet. In der nun folgenden Vereinigung der zahlreichen Festteilnehmer entwickelte sich bald eine gemütliche Stimmung. Die Reihe der hierbei ausgebrachten Toaste begann mit einem solchen auf S[ein]e Königl[iche] Hoheit den Großherzog und den Fürsten Alexander von Bulgarien, welche Trinksprüche in den Herzen der Festteilnehmer den lebhaftesten Wiederhall fanden. Hohem Ministerium, der Bank für Handel und Industrie und allen übrigen Faktoren, welche dem zeitgemäßen Bahnunternehmen ihre Unterstützung zuteil werden ließen, wurden in beredten Worten Dank ausgesprochen. Die prächtige Illumination des Gartens und das Abbrennen von Feuerwerken nach eingetretener Dunkelheit bildeten den Glanzpunkt des schönen Festes. Die Rückkehr nach Darmstadt erfolgte per Extrazug. – Gestern abend nach 6 Uhr machte bei sehr zahlreicher Beteiligung der ‚Darmstädter Karnevalszug-Verein‘ eine Fahrt nach Eberstadt, wo sich bald in der Wirtschaft des Herrn Jacob ein recht gemütliches Leben entwickelte.“

Mit anderen Worten: die Honoratioren feierten sich selbst; ganz so, wie dies auch heute auf den abgehoben exklusiven Events der Bourgeoisie der Fall ist. Die Geburtstagsfeier des Herrn Ackermann im Palast der Frau Merkel am 22. April 2008 ist hierbei nur die Spitze eines Eisberges.

Während dessen können wir in den „kleinen Nachrichten“ zwei Absätze weiter den standesgemäßen Umgang mit den exklusiv Ausgeschlossenen derselben feinen, um nicht zu sagen: „gemütlichen“, Gesellschaft nachlesen:

„Ein Trupp von nicht weniger als 120 Zigeunern mit 7 Wagen passierte gestern unsere Stadt. Nachdem mit den 6 Häuptern der Gesellschaft eine intensive Reinigungskur vorgenommen und ihnen das Haar ziemlich kurz geschnitten und der Bart gründlich gestutzt – was namentlich auch bei dem weiblichen Teile der Gesellschaft viel Klagen und Jammern hervorrief –, wurde der ganze Trupp weiter transportiert.“

Die dazu gehörige Methode wird der werten Leserschaft am 7. August 1886 zur gefälligen Kenntnisnahme gebracht:

„(Maßregeln gegen das Zigeunerunwesen.)  Das Großherzogliche Kreisamt Darmstadt erläßt folgendes Ausschreiben an die Bürgermeistereien des Kreises mit Ausnahme von Darmstadt und Bessungen: Um dem Unwesen der im Reichsgebiete umherziehenden Zigeuner-Banden ein Ende zu machen, sind auf Veranlassung des Reichskanzlers eine Reihe von Bestimmungen vereinbart worden, welche wir Ihnen, soweit dieselben für Sie von Interesse sind, im nachstehenden mitteilen: I. Was die ausländischen Zigeuner anbelangt, so ist: 1) angeordnet worden, daß dieselben fernerhin weder bandenweise, noch in kleineren Trupps, noch einzeln die Reichsgrenze überschreiten können. 2) Dem Weiterzug derjenigen ausländischen Zigeuner, welchen der Eingang in das Reichsgebiet gelungen ist, soll energisch entgegengetreten werden. Wir machen es Ihnen daher zur Pflicht, beim Eintritt von Zigeunern in Ihre Ortschaften dieselben entweder uns alsbald zuzuführen, oder uns von ihrem Eintreffen unverzüglich, eventuell telegraphisch, Mitteilung zu machen. 3) Diejenigen Mitglieder von Zigeunerbanden, welche sich einer Uebertretung der Strafgesetze (z. B. durch Betteln, Landstreicherei, Feldfrevel, Diebstahl, Drohung etc.) schuldig machen, sind unnachsichtlich festzunehmen und es ist uns hierüber sofort Anzeige zu erstatten.

II. Was sodann die sogenannten inländischen, d. h. diejenigen Zigeuner betrifft, welche im Reichsgebiete ihren dauernden Aufenthalt genommen haben und unter zeitweisem Verlassen ihres regelmäßigen Wohnsitzes gemeinschaftlich in größerer Zahl in Deutschland umherzustreifen pflegen, so wird es auch gegen diese eines verschärften Vorgehens bedürfen. 1) Die Frage, ob solche Personen die Eigenschaften eines Inländers besitzen, ist in jedem Falle uns zur Entscheidung vorzulegen. 2) Die des Landstreichens, Bettelns, Nichtbeschaffen eines Unterkommens oder sonstiger strafbarer Handlungen schuldigen Personen dieser Art sind ebenso zu behandeln wie die Angehörigen ausländischer Zigeunerbanden.“ [3]

Das spießige Bürgertum bedarf eben der verlogenen Moral von Sauberkeit und Ordnung, um sich wohl zu fühlen; doch auch gesäubert ist für derlei „Trupp“ kein Platz im vom Dampflokqualm verrußten Darmstadt. Daß es sich bei der gründlichen „Säuberung“ um eine Strafmaßnahme gehandelt haben muß, wird anhand der willkürlichen Behandlung der sechs „Häupter“ dieser Sintezze und Sinti deutlich. Offenkundig fehlte dieser polizeilichen Maßnahme noch die duschende deutsche Gründ­lichkeit, wie sie die Nachfahren dieser Bürger im National­sozialismus wohl allen 120 Betroffenen hätten angedeihen lassen. Die Anlage hierzu war jedoch schon ein halbes Jahrhundert zuvor deutlich zu erkennen.

Nicht alle waren glücklich über die Dampfstraßenbahn

„Eingesandt.  Die Darmstädter Dampfstraßenbahn.

Wenn dem Schreiber dieser Zeilen auch wohl bewußt ist, daß der geehrte Leser dieser Blätter lieber die Berichte über die Kaisermanöver und das Ergehen unseres allverehrten Kaisers liest oder lieber hört von den uns Darmstädtern besonders nahe gegangenen Erlebnissen unseres heimgekehrten Landsmanns, des Fürsten Alexander, so können wir ihm doch nicht einen kleinen Erguß über die Dampfstraßenbahn vorenthalten. Werden doch durch sie Interessen berührt und gefördert, die für uns Darmstädter von großem Werte sind.

Wir erkühnen uns nicht im Namen aller Rheinsträßer zu schreiben, auch liegt uns der Rangierbahnhof nicht im Magen wie jenem Einsender, der diese Bezeichnung entrüstet zurückweist und ihn für ein ganz unschuldiges Rangierbahnhöfchen hält, ‚wo ja nur die Maschine sich wieder an die Spitze setzt‘, und dem ein Jeder, der nur irgend einen Einwand gegen die Dampfstraßenbahn hat, ‚als Rückschrittler erscheint, der Darmstadt öde und leer lassen will und kein Verständnis hat für vermehrten Verkehr und nicht weiß, was in anderen Städten vorgeht.‘

Nach alter Erfahrung wirken Uebertreibungen nie, und da doch anzunehmen ist, daß heutzutage in einer Stadt von 51.000 Einwohnern (Bessungen eingerechnet) eine nicht unbedeutende Anzahl von Menschen existiert, die nicht in blinder Leidenschaft urteilen, sondern durch selbstthätiges Denken an der Hand gemachter Erfahrungen zu einem Schlusse kommen, so ist weder anzunehmen, daß die Dampfstraßenbahn innerhalb der Stadt sofort wieder abgeschafft, noch daß jeder Einwand gegen die vorhandenen Mißstände todtgeschlagen wird.

Die Dampfstraßenbahn, wie sie sich uns Darmstädtern nun in mehrwöchentlichem Betriebe vorstellt, ist etwas anderes, als erwartet wurde, sie ist aber auch etwas völlig Neues. Sie ist in erster Linie eine Vorstadtbahn, die den Verkehr aus den Vorstädten mitten in das Herz der Stadt hineinbringt und nebenbei auch noch den sich alle Stunde bietenden Lokalverkehr befriedigt. Neu daran ist, daß diese Vorortbahn mit 3, 4 und mehr großen Wagen, bespannt mit einer schweren Locomotive, bis an das Ende einer verkehrsreichen Straße fahren kann, und da dieses Ende die Kopfstation bildet, dieses Straßenende auch zum Rangierbahnhof macht. Die Züge halten nämlich nicht am Ernst-Ludwigsplatz, wie ursprünglich von Jedermann angenommen, sondern in der oberen Rheinstraße. Auch besteht das Rangieren nicht nur im Versetzen der Locomotive, sondern diese nimmt Wasser ein, wird nachgesehen, geölt etc.

In Kassel ist die Dampfstraßenbahn mehr eine dem Lokalverkehr und dem Verkehr mit der Wilhelmshöhe dienende Bahn, kein Zug fährt mehr als zwei Wagen, die Locomotive arbeitet fast geräuschlos und die Bahn mündet auf einen großen weiten Platz, den Königsplatz, der auch als Marktplatz dient. In München geht die Dampfstraßenbahn bis zu dem an der Peripherie liegenden Stiglmeierplatz und wird von da aus Pferdebahn, in Hamburg ist die Wagenzahl eine ebenfalls auf 2 beschränkte und die Bahn mündet desgleichen auf einem großen Platz, in Karlsruhe geht die Dampfstraßenbahn nur bis an die Thore und wird dann Pferdebahn, selbst in Mühlhausen, eine Fabrikstadt ersten Ranges, wo man an Rauch gewöhnt ist, sind einschränkende Bestimmungen, die wir noch mitteilen werden, erlassen worden. In Straßburg, wo wir früher auch im Innern der Stadt Dampfwagen gesehen haben, ist der Dampfbetrieb durch Pferdebetrieb ersetzt. Es ist also gar keine Frage, wir haben es hier mit einer Vorstadtbahn zu thun, die den vollen Sekundärbahn­betrieb auf den ihn von Stadt und Land unentgeltlich zur Verfügung gestellten Straßen und Plätzen ausübt.

Es ist städtischerseits dieser Entwicklung kein Hindernis in den Weg gelegt worden; es wurden zwar, wie man uns versichert, in der städtischen Baukommission Bedenken laut gegen die Größe der Wagen und Locomotiven, man stellte aber keine Bedingungen, um die Schwierigkeiten nicht zu vermehren, welche der Unternehmung ohnehin erwachsen waren, man dachte wohl auch an die schon mehrfach wieder verronnenen Aussichten auf eine Trambahn und genehmigte die Vorlagen.

Wir machen hieraus der städtischen Verwaltung keinen Vorwurf, da wir in der Ueberzeugung leben, daß sie auch die Energie haben wird, wirklichen Mißständen abzuhelfen.

Wie auch in einem Eingesandt der ‚Neuen Hessischen Volksblätter‘ anerkannt wurde, ist ein hervorragender Mißstand, daß das Straßenende der oberen Rheinstraße Rangierbahnhof geworden ist. Zehnmal des Tages halten die beiden Züge nebeneinander in der oberen Rheinstraße. Während dieser Zeit von 12–20 Minuten ist:

  1. der Wagenverkehr in der oberen Rheinstraße nahezu unmöglich, ein Ausweichen zweier Wagen völlig ausgeschlossen;
  2. sind die Häuser der Herren Faix und Voßler, namentlich an den drei Markttagen, derart von Wartenden belästigt, wie es auf die Dauer den Hausbesitzern und Geschäftsinhabern nicht zugemutet werden kann.

Manche glauben, daß der Mißstand sub 2) sich ändern dürfte, wenn die projectierte Wartehalle fertig sei. Wir bezweifeln dies solange nicht die Bahn thatsächlich auch an dem Ernst-Ludwigsplatz hält, statt wie seither in der oberen Rheinstraße.

Wir sind gleichfalls der Ansicht, daß dieser große Mißstand, durch welchen ein Teil einer der schönsten und belebtesten Straßen zehn- bis elfmal am Tage 12–20 Minuten lang dem Rangieren der Züge ausgesetzt ist, erst dann ganz beseitigt sein dürfte, wenn die Bahn weiter geführt wird und die obere Rheinstraße nicht mehr die Kopfstation ist. Aber bis dahin ist es noch lange hin und es dürfte also notwendig werden, jetzt wenigstens die Abhilfe zu schaffen, welche möglich ist, ohne die Bahn in ihrem Betriebe einzuschränken oder zu schädigen. Das könnte einmal geschehen durch eine Aenderung des Fahrplans. Wenn wir auch zugeben, daß gewisse Züge, wie diejenigen, die Arbeiter und Schüler befördern, zu derselben Zeit des Morgens einlaufen und des Abends abgehen müssen, so können doch alle dazwischen liegenden Züge zu verschiedener Zeit ankommen und abgehen. Wir haben es dann an den Haupttageszeiten nur mit je einem Zug zu thun und das ist schon eine wesentliche Erleichterung. Größer würde diese Erleichterung noch sein, wenn eine Bahnlinie, beispielsweise die Griesheimer, von dem äußersten Curvenpunkte auf dem Louisenplatz abzweigen, in die Louisenstraße einlaufen und am Mathildenplatz enden würde. Wir schlagen diese Linie vor, da die Straße am Schloßgraben sich nicht eignen dürfte.

Der Mathildenplatz aber wäre um so passender, als die Dampfstraßenbahn doch wohl nach Arheilgen fortgesetzt werden wird, und auch vom Mathildenplatz weit leichter die Alexanderstraße zu gewinnen ist als von der oberen Rheinstraße aus. – Wie dringend notwendig es ist, die Beratung dieser Angelegenheit nicht zu verschieben, geht schon daraus hervor, daß die Bahnverwaltung im Begriffe steht eine größere Wartehalle auf dem Ernst-Ludwigsplatz zu bauen, die auch noch den weiteren Zweck haben soll, dem Güterverkehr zu dienen. Ist diese Wartehalle einmal gebaut, so steht zu befürchten, daß eine Decentralisation des Verkehrs wie oben vorgeschlagen, immer schwieriger wird.

Mit der vorgeschlagenen Veränderung des Fahrplans und der Verlegung des Endpunktes einer der beiden Linien, wäre wohl den gerechten Beschwerden der Bewohner der plötzlich zum Rangier-Bahnhof gewordenen oberen Rheinstraße bis zur Weiterführung der Bahn abgeholfen. Aber neben diesen mitgeteilten Beschwerden laufen noch eine ganze Menge gerechtfertigter und ungerechtfertigter, die sich gegen das schwere Material der Wagen und Lokomotiven richten, gegen die Anzahl der Wagen, gegen das häufige Läuten und gegen den Rauch der Lokomotiven.

Die Dampfstraßenbahn hat heftige Gegner unter Reitern und Fahrern und unter allen denen, die seither Neckar- und Rheinstraße als ruhige Straßen ansahen, in denen auch ein dem geschäftlichen Treiben fernstehender und der behaglichen Ruhe Lebender sich wohl fühlen konnte. Darauf aber wird die Bahnverwaltung nicht eingehen können. Der lokale Verkehr ist zu klein, um neben dem jetzigen Fahrmaterial auch noch Pferdekräfte halten zu können, der Betrieb würde zu theuer, das ganze Unternehmen unrentabel. Auch ist anzunehmen, daß Reiter und Fahrer, wie auch ruhig leben wollende Rentner sich gewöhnen, sobald das jugendlich geräuschvoll und ungestüme Wesen der Dampfstraßenbahn in ruhigere Bahnen einlenkt. Die Rheinstraße ist auch ohne Dampfstraßenbahn keine ruhige Straße, es ist den Tag über ein stetes Kommen und Gehen von Fuhrwerk aller Art, nur sind wir daran gewöhnt, und ebenso wird es mit der Dampfstraßenbahn gehen. Allerdings werden die Väter der Stadt zu überlegen haben, ob es bei dem dermaligen Fahrmaterial, wie es wohl für die Bahnlinie Reinheim – Reichelsheim ganz geeignet sein mag, sein Bewenden haben soll, ob die Wagenzahl nicht wie anderwärts eine Beschränkung erfahren muß und ob die Lokomotiven in ihren Lebensäußerungen so fortfahren dürfen wie seither. Aber trotz alledem wollen wir nicht verkennen, welche große Vorteile die Dampfstraßenbahn jetzt schon bietet und immer mehr bieten wird, je weiter das Netz sich ausdehnt. Andererseits aber dürfen auch die Einwohner Darmstadts erwarten, daß seitens der Bahnverwaltung, die trotz des Sekundärbahnbetriebs keinerlei Gelände zu erwerben hatte, sondern Straßen und Plätze von Staat und Stadt frei zur Verfügung erhielt, billigen Wünschen entgegenkommen wird.

Wir sind überzeugt, daß aus diesem Streit der Meinungen, den wir für ein Zeichen gesunden Lebens halten, das Gute und Zutreffende hervorgehen wird.“

Darmstädter Tagblatt. 21. September 1886.

Am 24. August erläßt das Großherzogliche Ministerium der Finanzen ein Betriebs­reglement für die beiden Straßenbahnlinien, welches am 2. September in der „Darmstädter Zeitung“ in aller Ausführlichkeit veröffentlicht wird. Wer ein Fenster dieser Neuerwerbung für das hiesige Straßenbild zertrümmert, wird gleich an Ort und Stelle zur Kasse gebeten.

Fahrplan und Tarif wurden in einer Anzeige in der „Darmstädter Zeitung“ am 22. August 1886 veröffentlicht.

Fahrplan von 1886.

Klaus Honold hat am 3. August 2011 im „Darmstädter Echo“ den Weg zur Eröffnung der Dampfstraßen­bahn beschrieben: Prinz Carneval verschmäht die Tram.


Karte zur Dampfstraßenbahn.

Literatur

 

ANMERKUNGEN

 

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»» [1]   Insbesondere ist hier die in vier Auflagen erschienene Geschichte der Darmstädter Straßenbahn von Bürnheim und Burmeister zu nennen.

»» [2]   Aus der im Stadtarchiv Darmstadt vorliegenden Kopie im Bestand ST 13 geht nicht hevor, ob es sich um die Ausgabe vom 6. oder vom 7. August 1886 handelt.

»» [3]   Die kursive Hervorhebung ist im Original gesperrt gedruckt. Diese Argumentations- und Verfolgungsmuster sind keine Eigentümlichkeit des 19. Jahrhunderts. Noch im Januar 1985 bemühlte die Stadt Darmstadt ähnliche Bilder, um ihr Vorgehen gegen Roma aus Jugoslawien, die sich in Darmstadt niedergelassen hatten oder niederlassen wollten, zu legitimieren. Dreißig Jahre später sind rassistisch konnotierte Stereotypen gegen Roma nicht nur in Deutschland politik- und mehrheitsfähig, und handlungsleitend. Vergleiche auch die Dokumentation „Roma in Darmstadt. Integration auf Widerruf. Oktober 1979 bis Mai 1984“.


 
 
 
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