Piktogramm. Straßenbahn Piktogramm.

Die Straßenbahn in Darmstadt

Die Jahre 1945 bis 1948

im Spiegel der HEAG-Geschäftsberichte

1886 verkehrte erstmals eine Dampfstraßenbahn von Darmstadt nach Griesheim. 1926 war die Umstellung auf elektrischen Betrieb abgeschlossen. 1933 erteilte exakt die Hälfte der Darmstädterinnen und Darmstädter den National­sozialisten das Mandat, unliebsame jüdische Nachbarinnen und Nachbarn zu entfernen und zum Wohle des Volkskörpers einen totalen Krieg zu führen. Dumm nur, daß der totale Krieg ins heimelige Reich zurückfand und in der sogenannten Brandnacht am 11. September 1944 die Darmstädter Innenstadt in Schutt und Asche legte. Hierzu habe ich mich an anderer Stelle ausführlich eingelassen.

Bei der Zerstörung der Darmstädter Innenstadt wurde auch der Straßenbahn­betrieb getroffen. Nur allmählich lief der Verkehr wieder an. Als dann die US Army im März 1945 einmarschierte und dem Nazispuk in Hessens zerstörter Hauptstadt ein Ende bereitete, konnte ohne Furcht vor weiteren Bombardements daran gegangen werden, Schienen neu zu verlegen, Fahrdrähte aufzuspannen und Wagen herzurichten. Über die nun folgenden drei Jahre bis zur Währungsreform geben die Geschäftsberichte der Hessischen Elektrizitäts-Aktiengesellschaft Auskunft.

Die Angaben zur Wiedereröffnung einzelner Strecken oder Teilstrecken, der Umwidmung einzelner Linien oder anderen Geschehnissen wären noch mit dem Standardwerk „Bahnen und Busse rund um den Langen Ludwig“ von Hermann Bürnheim und Jürgen Burmeister abzugleichen.


Die Vorgeschichte: Der 11. September und die Folgen

Zu den Auswirkungen des Flächen­bombardements auf Darmstadt auf die Elektrizitäts­versorgung und den Straßenbahn­betrieb liegt ein „Bericht über die Wieder­inbetriebsetzung der Stromversorgungs- und Verkehrs­einrichtungen nach dem Terrorangriff am 11./12.9., 13. und 19.9.1944“ vom 5. Dezember 1944 vor. Autor und Adressat sind nicht ersichtlich. [1]

„II. Verkehrsbetrieb.

Unsere Verkehrseinrichtungen, besonders die Straßenbahn in der Stadt selbet, hat durch den Terrorangriff vom 11./12.9.1944 sehr stark gelitten, indem fast die gesamte Oberleitung beschädigt wurde. Auch Gleisanlagen wurden durch Bombenabwürfe, wenn auch in geringerem Umfange, an verschiedenen Stellen beschädigt. Der Hauptschaden aber liegt in der Zerstörung der Strom­erzeugungsstelle in der Luisenstraße Werk I und in der Stromzuführung.

Die Außenlinien, wie Linie 8 nach Jugenheim, Linie 9 nach Griesheim und die Obuslinie nach Ober-Ramstadt waren unbeschädigt geblieben. Der Betrieb dieser Verkehrs­einrichtungen konnte am 12.9.1944 wieder aufgenommen werden. Die Obuslinie sogar planmäßig, während die Linie 8 erst des abends nach Beseitigung kleinerer Oberleitungs­schäden an der Landskron­straße bis zu dieser wieder in Betrieb kam.

Die Griesheimer Linie wurde durch den Angriff am 13.9.1944 durch Bombenabwürfe erheblich gestört am Richthofen­turm [2] und mußte eingestellt werden. Die Stromversorgung der Linie 8 erfolgte von der Umformerstation Eberstadt und die Sromversorgung der Obuslinie Böllenfalltor – Ober-Ramstadt von der Umformerstation Nieder-Ramstadt.

Es war unsere Aufgabe, zunächst die Linie 8 wieder zur Stadt vorzustrecken und konnten wir am 16.9.1944 dieselbe bis zur Moosbergstraße und am 9.10.1944 bis zur Neckarstraße durchführen, unter Stromzuführung von Eberstadt her.

Am 29.9.1944 wurde die Linie 9 bis zum Richthofen­turm wieder in Betrieb genommen (der Verkehr wurde inzwischen durch Autobusse aufrecht erhalten,) nachdem die erheblichen Oberleitungs­schaden beseitigt waren. Am 10.10.1944 wurde diese Linie bis zur Festhalle verlängert [3]. Die Strom­versorgung erfolgte hier von der Umformerstation Griesheim.

Die Linie 2 wurde von Böllenfalltor bis Herdweg wieder eröffnet. Die Strom­versorgung dieser Strecke erfolgte von der Umformerstation der Obuslinie Böllenfalltor – Ober-Ramstadt.

Die weitere Inbetriebsetzung dieser Linie durch die Nieder-Ramstädter-Straße war zunächst nicht möglich, da ein Freilegen der Gleise von Schutt nicht durchgeführt werden konnte. Außerdem war auch eine Stromzuführung für diese Strecke nicht möglich.

Die Versorgung von der Umformer­station Nieder-Ramstadt war wegen der großen Entfernung nicht möglich.

Am 6.11.1944 wurde die Fahrleitung Hauptbahnhof bis Adolf-Hitler-Platz [4] bezw. Mathildenplatz fertiggestellt und die Linie 2 vom Hauptbahnhof bis Adolf-Hitler-Platz in Betrieb genommen. Die Verbindung zwischen Adolf-Hitler-Platz und Herdweg erfolgte durch Autobusse. Die Strom­versorgung der Strecke Hauptbahnhof bis Mathildenplatz erfolgte von der Umformer­station Griesheim; da diese Station jedoch keine höhere Belastung vertrug, konnte man nur einen 20-Minuten­verkehr mit einem Wagen zur Durchführung bringen. [5]

Im Werk I Luisenstraße (Umformer­station) waren die Umformer als solche erhalten geblieben, jedoch die Schaltanlagen und die Apparaturen sowie die Kabel­zuführungen vollständig zerstört. Die Speisekabel wurden entsprechend ergänzt und eine provisorische Schalttafel errichtet, sodaß wir in der Lage waren, mit einem Gleichrichter die Strom­versorgung für den Bahnbetrieb am 16.11.1944 wieder aufnehmen zu können. Hiermit war erreicht, daß nunmehr die Straßenbahn­anlagen mit Strom wieder voll versorgt werden konnten. Es wird weiterhin daran gearbeitet, die übrigen Umformer wieder betriebsfähig zu gestalten, sodaß auch für die Strom­versorgung demnächst wieder eine entsprechende Reserve besteht.

Durch die Inbetriebnahme eines Gleichrichters für die Bahnstrom­versorgung und nachdem inzwischen die Oberleitung der Linie 8 nach Arheilgen fertiggestellt war, konnten wir die Linie 8 am 16.11.1944 wieder bis Arheilgen voll in Betrieb nehmen und planmäßig betreiben. Hierdurch war uns auch die Möglichkeit gegeben, die Linie 6 nach Landskronstraße bis Adolf-Hitler-Platz und statt weiter nach der Dieburger Straße durch die Frankfurter Straße bis zum Gaswerk zu führen, um dem Stadtverkehr genügen zu könne.

Während des Stillstandes der Straßenbahn waren wir bemht, den Verkehr mit Autobussen auf den wichtigsten Linien aufrechtzu­erhalten, jedoch fehlte es uns an Fahrzeugen, um den Betrieb regelrecht durchführen zu können. Unsere eigenen Fahrzeuge reichten nicht aus und von auswärts wurden uns wohl Fahrzeuge zur Verfügung gestellt, aber wegen Mangel an Treibstoff (Benzin) konnten diese nicht hinreichend eingesetzt werden. Es haben sich in dieser Beziehung außerordentlich große Schwierigkeiten ergeben und dadurch war bedingt, daß der Verkehr nur mangelhaft durch Autobusse aufrecht erhalten werden konnte.

Wir haben uns bemüht, unsere Stadtgas-Omnibusse einzusetzen, jedoch mußten hierfür erst Tankstellen errichtet werden, da die Tankstelle hinterm Schloß vollständig vernichtet war. Es wurden Tankstellen am Gaswerk und am Donnersberg­ring errichtet. Das Einsetzen der Gasomnibusse hatte jedoch auch Schwierigkeiten, da das Gas nicht in dem Umfang zur Verfügung stand und außerdem am Anfang außerordentlich viel Wasser enthielt.

Wir hoffen, daß wir die Linie 2 im Laufe der nächsten Woche durchführen können, anschließend daran wird die Linie 5 nach Ostbahnhof und dann die Linie 6 nach Dieburger Straße – Ausweiche [6] nach Erstellung der Oberleitung und Gleisanlagen wieder in Betrieb genommen.

Die Linien 3 und 5 bleiben zunächst außer Betrieb, dafür wird aber die Linie 5 vom Ostbahnhof die Frankfurter Straße bis zum Gaswerk durchfahren.“

Die Jahre 1945 bis 1948

Geschäftsbericht 1945. Geschäftsbericht 1945. Geschäftsbericht 1946. Geschäftsbericht 1946. Geschäftsbericht 1946. Geschäftsbericht 1947. Geschäftsbericht 1947. Geschäftsbericht 1947. Geschäftsbericht 1948. Geschäftsbericht 1948. Geschäftsbericht 1948.

 

ANMERKUNGEN
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»» [1]   Eine Kopie befindet sich im Stadtarchiv Darmstadt, Bestand ST 13 f/3. Der erste Teil zur Elektrizitäts­versorgung wird hier nicht wiedergegeben.

»» [2]   Heute Mozartturm.

»» [3]   Etwa an der heutigen Haltestelle Berliner Allee.

»» [4]   Vorher und nachher der Luisenplatz.

»» [5]   Die Linie 2 befuhr die Rheinstraße.

»» [6]   Die Ausweiche befand sich am Regerweg. Die Linie 6 wurde zwischen der Brücke über die Odenwaldbahn und der Endhaltestelle am Oberwaldhaus eingleisg gefahren. Vergleiche die Darstellung Ein Ausflug in die Fasanerie.


 
 
 
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