Ausschnitt einer zeitgenössischen Ansichtskarte. Verkehrsknoten Ernst-Ludwigs-Platz, zwischen 1903 und 1912.

Die Straßenbahn in Darmstadt

Vorleistung für eine nie gebaute Straßenbahn nach Pfungstadt

Dokumentation

1886 verkehrte erstmals eine Dampfstraßenbahn von Darmstadt nach Eberstadt und Griesheim. 1926 war die Umstellung auf elektrischen Betrieb abgeschlossen.

Schon bevor die Dampfstraßenbahn der Süddeutschen Eisenbahn Gesellschaft und die elektrische Straßenbahn der Stadt Darmstadt 1912 zur Hessischen Eisenbahn A.-G. zusammengelegt wurden, gab es Überlegungen, Darmstadt und Pfungstadt mit einer Straßenbahn zu verbinden. Wie auch bei den Strecken nach Arheilgen, Griesheim und Eberstadt wäre hier ein lokaler Parallelverkehr zur staatlichen Eisenbahn entstanden.

Zwischen den beiden Weltkriegen wurden die Überlegungen konkreter. Zu einem unbekannten Zeitpunkt wurden in Eberstadt zwei nach Pfungstadt abzweigende Weichen an der Straßenbahn­strecke nach Seeheim und Jugenheim eingebaut. Davon gibt es eine Ansicht auf einer wohl zwischen 1937 und 1939 gedruckten Ansichtskarte. Diese ist hier zu sehen.


Ansichtskarte.

Bild 1: Ansichtskarte mit den Straßenbahngleisen am Hilse-Eck. Zu erkennen sind beide nach links in Richtung Pfungstadt abzweigende Weichen. Die Aufnahme entstand vermutlich zwischen 1937 und 1939. Im April 1937 wurde Eberstadt nach Darmstadt eingemeindet, worauf die Bezeichnung Darmstadt-Eberstadt Bezug zu nehmen scheint. Ab September 1939 ist es eher unwahrscheinlich, daß noch idyllisierende Dorfansichten fotografiert und gedruckt worden sind. Fotograf: Wilhelm Gerling.

Während des Ersten Weltkrieges war an eine Ausdehnung des Darmstädter Straßenbahnnetzes nicht zu denken. Erst ab 1919 konnte zaghaft daran gegangen werden, das Überlandnetz weiter auszubauen. Im Gespräch waren neue Strecken im Südosten vom Böllenfalltor nach Nieder- und Ober-Ramstadt, ja sogar durch das Modautal bis Lindenfels, im Süden von Eberstadt nach Seerheim, Jugenheim, Bickenbach und Alsbach, und eben auch nach Pfungstadt. Die HEAG war jedoch nur unter Gewährung von Zuschüssen oder einer Zinsgarantie bereit, entsprechende Straßenbahn­gleise zu legen. Die meisten Gemeinden, die in der Inflationszeit finanziell bittere Not litten, waren hierzu nicht bereit. Das war auch einer der Gründe, weshalb die Elektrifizierung der Vorortstrecke nach Griesheim bis 1926 hinausgezögert wurde.

Ab und an blitzten Pläne für eine Pfungstädter Bahn in der örtlichen Presse durch. So schrieb am 19. März 1924 der Neue Griesheimer Anzeiger:

„Die ‚Heag‘ hat bei der Gemeinde Pfungstadt die Wiederaufnahme der Verhandlungen über den Bau der Straßen­bahnlinie Eberstadt – Pfungstadt angeregt, mit der Begründung, daß die wirtschaftliche Lage sich gebessert habe und der gegenwärtige Moment günstig für den Ankauf von Materialien etc. erscheine.“

Im Dezember 1935 begann der Ausbau von Eberstadt nach Süden und erreichte in zwei Etappen Jugenheim im Mai 1936. Dies weckte nochmals Begehrlichkeiten.

Pfungstadt will Straßenbahn­verbindung mit Darmstadt. Unsere Gemeinde, die mit einer Nebenbahn mit dem Bahnhof Eberstadt und einer Autobuslinie mit Darmstadt verbunden ist, wünscht seit längerem eine regelmäßigere Verbindung mit der Bergstraße sowie mit Darmstadt und den umliegenden Ortschaften. Die Pfungstädter Stadtverwaltung hat dieser Tage den Ausbau der elektrischen Straßenbahn Darmstadt – Eberstadt bis Pfungstadt bei der zuständigen Stelle beantragt. Wie Beigeordneter Steinmetz dazu mitteilt, kommt es vor allen Dingen darauf an, eine bessere Verkehrs­verbindung nach und über Darmstadt zu schaffen, besonders nachdem Pfungstadt zum unmittelbaren Vorort von Darmstadt wurde und durch seine Lage und seine Verhältnisse immer mehr auf die Großstadt Darmstadt angewiesen sein wird. Zudem sind die Verkehrs­möglichkeiten von außer­ordentlicher Bedeutung für die Industrie­werbung, denn neue Betriebe werden bevorzugt dort errichtet, wo gute Verbindungen bestehen. Weitere Maßnahmen, um Pfungstadt näher an den Verkehr heranzubringen, sind in Vorbereitung.“ [1]

Möglicher­weise wurden zeitgleich mit dem Bau der Jugenheimer Strecke auch die Weichen nach Pfungstadt gelegt; ob und wie weit von dort aus Gleise im Straßenpflaster lagen, ist wohl nicht mehr zu klären. Die beiden Weichen wurden vermutlich 1949 wieder ausgebaut [2]. Anstelle einer Straßenbahn fuhr dann für einige Jahre ein Oberleitungsbus nach Pfungstadt.

Alte Post Eberstadt.

Bild 2: Am Gebäude der alten Post in Eberstadt hängt rechts oben eine Rosette zum Aufspannen des Fahrdrahts. Ob dies schon eine Vorleistung für den geplanten Straßenbahnbau gewesen ist oder ob sie erst angebracht wurde, als der Fahrdraht für den Obus aufgehängt wurde, läßt sich mit einem Abstand von einem Dreiviertel­jahrhundert nicht mehr sagen. Heute wird das Gebäude genutzt, um den Menschen das Gehirn mit frohen Botschaften einer vor zweitausend Jahren erfundenen und wundersam ausgeschmückten Persönlichkeit zu verkleistern. Aufnahme vom März 2012.

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges nahm die HEAG aufgrund der Schwierigkeiten, Treibstoffe für ihre Busse zu erhalten, am 1. März 1944 eine Obuslinie vom Böllenfalltor nach Ober-Ramstadt in Betrieb. Man behalf sich zunächst mit aus Paris entführten Bussen. Nachdem 1947 und 1948 weitere Fahrzeuge aus deutscher Produktion beschafft werden konnten, nahm man – netzmäßig getrennt von der anderen Linie – am 3. Oktober 1948 eine zweite Obuslinie von der Eberstädter Wartehalle nach Pfungstadt in Betrieb. Neben der Wagenhalle der Straßenbahn in Eberstadt wurde ein eigener Betriebshof eingerichtet. Der Obusbetrieb wurde auf beiden Strecken 1963 aufgegeben und durch Dieselstinker ersetzt.

Ortsansicht Eberstadt.

Bild 3: Diese wohl bald nach Inbetriebnahme des Obusverkehrs aufgenommene Ortsansicht von Eberstadt zeigt oberhalb der Gleise nicht nur den Fahrdraht der Straßenbahn, sondern auch die Strom­zuführung des elektrischen Autobusses. Damals gab es schon funktionale Elektro­mobilität, bevor die Werbefritzen der Automobil­industrie sich dieses Etikett unter den Nagel gerissen hatten. Korr's Großverlag, ohne Jahr, für die Buchhandlung Gretel Hahn in Eberstadt.

Der Gedanke an eine Verlängerung des Überland­straßenbahn­netzes war ohnehin längst aufgegeben worden. In den 1950er und 1960er Jahren wurde – wie in vielen anderen Städten – von interessierten Kreisen darüber debattiert, die angeblich unmoderne und unflexible Straßenbahn komplett aufzugeben. Doch in Darmstadt setzten sich die Lobbyisten der Automobil­industrie zum Glück nicht flächendeckend durch, auch wenn einzelne Strecken der freien Fahrt für freie Bürger in ihren wundersamen Blechkisten geopfert wurden.

»»  Lufger Kenning zeigt in einem Forumsbeitrag auf Drehscheibe Online mehrere Aufnahmen des Obusbetriebes in Darmstadt zwischen 1944 und 1963.

Anmerkungen

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